Aus meinem Jugendland

Part 9

Chapter 93,579 wordsPublic domain

Wenn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken. Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden, die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare und Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts, alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen, die Blumen der Tapete, die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein, um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte. Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der Sonne aufs neue dem Giftgenuß.

In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang. Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem geheimnisvollen Abrakadabra herum, das wir auf großen Papierbogen kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt, was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und die Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an, aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk- und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie sich noch unter dem Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete, ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete. Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte.

Unterdessen hatte auch das Lesegift, womit ich mich durchtränkte, allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte. Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt, weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der ihm unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten, gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud, hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen. Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird.

Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog übernommen, ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte, den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles recht machen.

Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt, ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen, ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst, er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden; die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm.

Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus zuzuwenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“, die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war, gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden.

Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung. Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade, in die ich ihn hätte retten können, wie der glücklichere Edgar, an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben, und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach Jahresfrist -- man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will -- war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den eines Dichters und Freiheitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges. Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs -- an der Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein --, aber gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene, als er fragte:

Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der gemordete Backfisch.

Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“.

Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch.

Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte: der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile, worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns Kindern war im Gegenteil das Leben außerordentlich schwierig gemacht. Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten, sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen.

Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden, beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen, künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. _Eine_ Vorstellung wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend: Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes, körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der verfrühte Trieb, der noch gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte, legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln.

Vorfrühling.

Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche, sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich, nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst. Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis. Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften ein so großes Hindernis bilden.

Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht, daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.

Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern -- und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten, da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.

Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte, taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken. Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.