Aus meinem Jugendland

Part 8

Chapter 83,292 wordsPublic domain

Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des Morgens ein, um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste, zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden bei ihr Verständnis und Teilnahme -- unsere Josephine pflegte sie schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee in Fouqués Zauberring -- und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte, gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein; wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht; trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist; das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches, Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo -- ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen -- mit brennender Neugier verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte, spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen, mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines Lehrbuchs -- eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht --, sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vorliebe, er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren, ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen. Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“, seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden sind, nahm ihnen für sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur, auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen, die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las, bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief immer gleich wieder mit ihr davon.

Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren, mitzulachen.

Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten, wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der tollste Nachklang des Jahres 1848.

Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken, als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser, den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn, zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“, eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er sich auch literarisch bekannt gemacht.

In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand, in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren Jugendtagen schon verschollene Weise:

Wenn die Fürsten fragen: Lebt der Hecker noch? Sollt ihr ihnen sagen: Hecker, der lebt hoch! Aber nicht am Galgen, Nicht an einem Strick, Sondern an der Spitze Deutscher Republik.

Ein Proletarier schrieb:

Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben soll, so will ich es eben dun:

I ka’ keine Versle mache, I verstand et selle Sache, Drum ruf i mit wildem Blick: Hurra hoch die Rebolik.

Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte sich durch den kurzen Spruch:

Hecker, Struwe, Ziz und Blum, Kommt und bringt die Breißen um!

Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung: Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen? (Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!

Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson, und in der blutrünstigen Tragödie „Der Tyrann“ stirbt sie als freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten Handwerksburschen auf der Barrikade.

Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der Ausdruck einer Zeitstimmung war.

1866.

Wenn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch -- der Völkerfrühling! Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd sagte: Teile wellet se, teile! -- und ihrem ausziehenden Freischärler nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! -- Meine Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzigern. Doch ging mein gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die Stelle:

Dem Erwecker in dem Westen Bleibe hold, er will nicht mehr,

nachträglich verändert in das warnende:

Dem Erwecker in dem Westen Gib das Seine, gib nicht mehr.

Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits- und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben. Sie glaubte in ihrem Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber, bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht, daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bismarck geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter, englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren Tat zu reifen scheint.

Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht, wenigstens einen Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach: es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt.

Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen, und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten durchführen, denn es wohnte damals in dem kleinen Schwabenland die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller, Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken. Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte, aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not beizuspringen oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen.

Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch sein ganzes Wesen war norddeutsch ernsthaft und immerzu feierlich pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum „strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es doch zu ergründen. -- Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte durchgängig etwas prinzipienmäßig Gedankliches, denn seine Begabung war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen, fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er württembergischer Staatsbürger geworden war.

Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in Stuttgart besuchen. Einmal -- es war während des Siebziger Krieges -- wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz liturgischen Charakter hatte.

Die Geburt der Tragödie.