Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Part 8

Chapter 83,730 wordsPublic domain

»Betreffs der Kinder der freien Liebe könnte es ja ein Gesetz geben, welches dem Vater dieselben Verpflichtungen auferlegt, wie sie für außereheliche Kinder bestehen. Dann würde er sich schon einzurichten wissen, wenn er zu regelmäßigen, seinem Einkommen entsprechenden Geldopfern gezwungen wäre.«

»Und wenn der zweiten Frau nicht paßt, daß er das Kind des ersten Verhältnisses mitbringt?«

»Dann könnte man Erziehungshäuser in großem Styl errichten. Schon unter den jetzigen Verhältnissen wäre es oft gut, wenn ein Kind nicht bei den Eltern aufwüchse, die nicht harmonieren, und so dem jugendlichen Gemüt Eindrücke zu teil werden, die ihm nicht von Nutzen sind.

Indeß nennt man ja Kinder das Unterpfand der Liebe, sie würden das einmal eingegangene Verhältnis erhalten helfen.«

»Dann kämen wir also wieder auf die Ehe zurück!«

»Gewiß, aber auf eine Ehe, die wir jeden Tag selbständig lösen dürfen.

Wir Menschen tun gut, uns in allem an die Natur zu halten, an ihr künsteln und bessern zu wollen, hat meist den entgegengesetzten Erfolg. Ein Tier tritt auch nicht vor den Altar oder den Standesbeamten, wenn es sich mit einem anderen paaren will. Sind sie von einander gesättigt, läuft das eine wieder nach Süden, das andere nach Norden.«

»Wir sind aber doch mehr wie Tiere!« lachte Frau Leimann.

»Dafür haben wir auch die Liebe, ein Tier kennt nur Triebe!«

Frau Leimann schwieg. Ein so ernstes Gespräch hatte sie lange nicht geführt und es machte ihr fast Mühe, dem Gedankengang zu folgen. Schien ihr auch mancher Punkt noch anfechtbar, im Grunde war es doch richtig mit dieser freien Liebe, und sie bedauerte beinahe, daß man in der Kultur noch nicht so weit gekommen sei. Das wäre eher nach ihrem Geschmack gewesen, als die Ehe mit so einem langweiligen, häßlichen Mann, wie ihr Gatte war, mit so unendlich vielen schlechten Eigenschaften. Sie besaß auch genügend Feingefühl, um mit dem schlauen Verstand einer Frau zu empfinden, wo hinaus Borgert mit Entwickelung dieser seiner Ansichten wollte. Sie warf daher ihr erhitztes Köpfchen auf, blinzelte verschmitzt den Apostel der freien Liebe von der Seite an und fragte mit erheuchelter Unbefangenheit:

»Nun, sagen Sie, wenn eine Frau schon verheiratet ist, also bereits durch eine Gesetzesehe gebunden, und kommt nun nachträglich zur Einsicht, daß die freie Liebe besser ist? Was dann?«

»Dann mag sie ihrer Einsicht folgen, nur darf sie es nicht so offenkundig vor aller Augen tun, da sie es eben nach den vorläufig noch bestehenden Grundsätzen über eheliche Treue nicht darf. Sie muß es machen wie die Pariserin.«

»Dann wird es aber Zeit, daß ich mich nach einem solchen heimlichen Romeo umsehe, denn mein Gesetzlicher wird mir allmählich unheimlich!« rief Frau Leimann belustigt.

»Kann ich Ihnen dabei behilflich sein, Gnädigste?« entgegnete Borgert ebenfalls scherzend.

»Sie würden es sich damit wahrscheinlich wieder leicht machen, denn, wenn ich mich recht entsinne, stellten sie sich schon einmal freundlichst zur Verfügung!«

»Womit ich auch in diesem Falle meine Dienste beginnen würde!«

»Dann könnte ich ja mit Ihnen einmal die neue Theorie probieren, schade, daß kein heimlicher Standesbeamter da ist. Aber nein, den haben Sie ja als überflüssig verworfen.«

»Nein, den brauchen wir nicht, wir machen die Sache unter uns ab!« sagte Borgert scherzend.

»Bedarf es denn gar keiner Formalitäten?«

»Gewiß, sogar vieler, und zwar derselben wie beim Abschluß einer richtiggehenden Ehe!«

»Ach so, Sie meinen einen Händedruck und einen innigen, tränenfeuchten Blick?«

»Auch das gehört dazu.«

»Auch? Was denn noch? Ich habe so ein schlechtes Gedächtnis.«

»Ich will es Ihnen ins Ohr sagen, rücken Sie etwas näher!«

Frau Leimann rückte dicht neben Borgert und sagte, unbefangen scherzend:

»Das scheint ja eine große Heimlichkeit zu sein!« Sie beugte ihren Kopf zu Borgert hin, welcher in diesem Augenblick mit beiden Armen die schöne Frau umschlang, während seine Lippen die ihren suchten. Da schlang auch sie die Arme um den Mann, und lange hielten sie sich so umschlungen, während ein heißer, glühender Kuß all die verhaltenen Gefühle der Liebe auszuströmen schien, die lange beider Herzen erfüllt.

* * * * *

Die Lampe war schon im Erlöschen begriffen, als ein unsicherer, schwerer Schritt auf der Treppe vernehmbar ward.

»Er kommt!« stieß Frau Leimann erschrocken aus, »Du mußt dich eilen, daß er dich nicht hört!«

Eine letzte Umarmung, und Borgert huschte durch das Speisezimmer dem anderen Ende des Korridors zu, um über die Hintertreppe nach seiner im Erdgeschoß gelegenen Wohnung zu gelangen. An der Tür aber zog er behend die Schuhe aus und tappte leise die dunkle Treppe hinab.

Frau Leimann aber blies die Lampe aus, stellte Borgerts Kaffeetasse unter das Sopha und legte sich wie schlafend in die weichen Kissen zurück.

Inzwischen hatte Leimann geräuschvoll die Korridortür geöffnet und trat jetzt in das Zimmer, wo die Gattin seiner harrte.

Einen Augenblick blieb er am Eingang stehen. Roch es hier nicht nach Zigarettenrauch? Dann tastete er mit den Händen nach dem Tisch, ergriff die Streichholzschachtel und zündete eine Kerze an. Da erblickte er seine Gattin auf dem Sofa.

Der Anblick rührte ihn. Hatte die treue Seele auf ihn gewartet, um ihm noch eine Tasse Kaffee anzubieten? Gewiß war sie vor Müdigkeit entschlummert und hörte ihn nicht, als er nach Hause kam. So trat er denn behutsam an das Sofaende und küßte seine Frau auf die Stirn.

Mit einem leichten Schrei fuhr sie empor.

»Ach du bist es, Georg, wo bleibst du so lange?«

»Sei mir nicht böse, mein Engel, daß ich dich warten ließ, aber ich ahnte ja nicht, daß du meinetwegen aufbleiben würdest. Warum hast du dich nicht gelegt?«

Aus den Worten klang ein liebevoller Ton, sie schienen wie eine Entschuldigung, eine Bitte um Verzeihung; Frau Leimann aber wischte sich den Schlaf aus den Augen und erhob sich müde.

»Ich mußte doch auf dich warten, Georg, du warst wieder in einem schrecklichen Zustand. Als ich dich so sitzen sah, wurde mir so elend, daß ich es nicht mehr aushalten konnte, und ging nach Hause!«

»Allein, so spät, in der Nacht? Warum hast du dich nicht von einer Ordonnanz begleiten lassen?«

»Borgert hat mich bis an die Tür gebracht, er bot mir seine Begleitung an!«

»Dafür muß ich mich morgen bei ihm bedanken, er ist überhaupt immer sehr aufmerksam gegen dich! Wo ist er denn geblieben, ich habe ihn nicht mehr gesehen den ganzen Abend!«

»Er klagte über Kopfweh, hatte auch ziemlich genug, er wird wohl zu Bett gegangen sein.«

»Warum hast du ihm nicht noch eine Tasse Kaffee angeboten?«

»Aber Georg, was sollen denn die Dienstboten denken, wenn sie mich um diese Zeit noch mit einem Herrn kommen hören, das geht doch nicht! Diese Marie spitzt und horcht überhaupt immer herum, daß man sich zusammennehmen muß, daß sie nicht einmal ein Wort auffängt. Ich möchte nicht wissen, was die über uns schon alles geklatscht hat!«

»Dann schicke sie doch fort, wenn du ihr nicht traust!«

»Das hätte ich längst getan, aber ehe sie ihren rückständigen Lohn nicht hat, kann ich ihr nicht kündigen.«

»Dann bezahle sie morgen!«

»Wovon? Hast du das Geld dazu?«

»Ich? Du weißt, daß ich von meinen paar Mark Gehalt für den Haushalt nichts hergeben kann. Hat deine Mutter denn diesen Monat noch nichts geschickt?«

»Nein, sie hat diesmal selbst nichts übrig!«

»Natürlich, das alte Lied!«

»Soll das vielleicht wieder ein Vorwurf sein? Du hast es ja gewußt, daß ich nicht reich bin, also tue mir den Gefallen, mich endlich mit deinen Anspielungen und Klagen zu verschonen, ich finde das allmählich langweilig und geschmacklos!«

»Ja, das willst du nicht hören! Du hättest früher einsehen müssen, daß eine solche Wirtschaft ohne Geld ein Unding ist! Jetzt haben wir jeden Tag die Schweinerei, heute kommt der Metzger, morgen der Bäcker, übermorgen die Waschfrau, alle wollen sie Geld. Ich kann es mir nicht aus den Rippen schneiden.«

»Warst du es nicht selbst, der mich nicht los ließ? Hast du nicht alle diese Bedenken ausgeschlagen und immer wieder auf eine Heirat bestanden?«

»Gewiß, aber du und deine Mutter mußtet so vernünftig sein, den Unsinn einzusehen, wenn ich es nicht tat. Deine Mutter wußte, was ein Haushalt kostet, ich aber nicht. Jetzt ist es zu spät.«

»Das sehe ich selbst ein, das brauchst du mir nicht unter die Nase zu reiben. Aber meine Schuld ist es nicht, denn wäre alles so geworden, wie es meine Mutter wollte, brauchtest du dich heute nicht über eine arme Frau zu ärgern. Du warst nicht der einzige, den ich hätte heiraten können.«

»Das hättest du damals gleich sagen können,« entgegnete ihr Gatte höhnisch, »es tut mir aufrichtig leid, wenn ich störend in deine Zukunft eingegriffen habe.«

»Du bist gemeiner, Georg, als ich dachte.«

»Die Wahrheit wollt Ihr Weiber niemals hören, wenn man euch nicht ewig Schmeicheleien sagt und schöne Töne vorflötet, seid ihr gleich auf den Fuß getreten!«

»Nun, ich bin von dir nicht gerade verwöhnt mit derartigen Liebkosungen!«

»Weil ich nicht weiß, wofür ich sie dir schuldig bin. Vielleicht dafür, daß ich heute nicht weiß, wie ich meinen Schuster bezahlen soll, statt daß ich auf der Kriegsakademie bin und ein anständiges Leben vor mir habe?«

»Schweig, du gemeiner Mensch, du hast kein Recht, mich zu beleidigen! Verlaß mein Zimmer oder ich verlasse das Haus!«

»Zu Befehl, meine Gnädigste! Angenehme Ruhe!«

Dabei schlug Leimann hinter sich die Tür ins Schloß, daß die Fenster zitterten und begab sich in sein Schlafzimmer.

Seine Gattin aber vergrub schluchzend das Gesicht in den Sophakissen und machte in einem Tränenstrom den Gefühlen des Hasses und der Wut gegen den herzlosen Gatten Luft. Ihr ganzes Inneres empörte sich gegen die Gefühlsroheit dieses Menschen, dem sie gefolgt war, weil er ihr auf den Knien schwor, nicht ohne sie leben zu können, und nun trat er die dargebrachte Liebe mit Füßen, entweihte alle heiligen Erinnerungen eines Frauenherzens, welche sich an den ernstesten Schritt ihres Lebens knüpfen und ihm in schweren Stunden eine Stütze, ein Halt sein sollen, um Unglück und Ungemach leichter ertragen zu können.

Und hatte sie noch vor wenigen Minuten, als Borgert sich aus ihren Armen befreite, etwas empfunden wie eine schwere Sünde, ein Verbrechen an der Heiligkeit der Ehe, eine Gewissenlosigkeit gegen den Ahnungslosen, so schien ihr jetzt ihre Handlungsweise eine gerechte Sühne und entschuldbare Folge für die brutale, herzlose Gefühlsroheit ihres Gatten.

Denn nie ist das Herz des Weibes mehr empfänglich für die verbotene Liebe eines fremden Mannes, als in dem Augenblick, da es in den letzten Zuckungen liegt von dem Todesstoß, den ihm der eigene Gatte gab.

* * * * *

Der Morgen des jungen Tages vertrieb die letzten Festgäste aus dem Kasino. Ausnahmslos hatte der Sekt seine Wirkung getan, und man verließ den Festplatz in einer Stimmung, die darnach angetan war, die Grenzen des guten Tones immer mehr zu überschreiten.

Die nahe Turmuhr schlug fünf, als die letzten, Rittmeister Stark nebst Gattin und der Oberst, den seit drei Stunden wartenden Krümperwagen bestiegen, dessen Pferde, durch den anhaltenden Regen ganz steif geworden, sich kaum entschließen konnten, ihre Last in den Morgennebel zu ziehen. Erst als der Kutscher einen Puff erhalten und mit der Peitsche diesen an die armen Tiere weitergegeben hatte, kam das Gefährt ins Rollen und brachte die übermütigen Nachtschwärmer ihrer Wohnung zu.

Leutnant von Meckelburg und Oberleutnant Specht konnten zwar kaum noch auf den Beinen stehen, aber sie gingen getrost in die Kaserne, um von 5-6 Uhr Instruktion abzuhalten, nachdem sie sich schnell umgezogen. Specht vergaß sogar, seinen künstlichen Schnurrbart zu entfernen und erschien mit dieser an ihm ungewohnten Zierde der Männlichkeit vor seinen lächelnden Rekruten.

Die meisten andern Herren zogen es vor, erst ihren Rausch ein wenig auszuschlafen und ließen Dienst Dienst sein, vor 11 Uhr kam heute doch kein Rittmeister in die Kaserne.

Sie sollten mit ihrer Vermutung auch Recht haben. Rittmeister König allerdings war pünktlich um 7 Uhr zur Stelle und wohnte Bleibtreus Reitunterricht bei, um dann eine Zählung der Kammerbestände vorzunehmen. Sein Grundsatz war und blieb: Vergnüge dich, so viel du willst, aber Dienst ist Dienst.

Hagemann erschien erst gegen elf Uhr auf der Bildfläche, um seinen Kater von seinem Leibroß ein wenig spazieren tragen zu lassen. Stark dagegen zog es vor, ganz zu Hause zu bleiben. Dafür kontrollierte seine wackere Gattin, mit dem Notizbuch in der Hand, ob alle Reitlehrer bei ihren Abteilungen seien und notierte Kolberg als den ersten, der den Dienst »schwänzte«.

Um 1/2-1 Uhr empfing sie den Besuch des Rittmeisters Hagemann, der sich entschuldigen wollte, weil er am gestrigen Abend infolge seiner sehr angeregten Stimmung der »Meernixe« einige unzarte Schmeicheleien gesagt hatte. Er hatte nämlich geäußert, sie müsse infolge ihres Fettgehaltes vorzüglich schwimmen können, wenn das Meer nicht vor der Fülle ihres Nixenleibes aus den Ufern träte.

Leimann ging ebenfalls eilig im Helm durch die Hauptstraße, um auch seinerseits für sein gestriges Benehmen um Entschuldigung zu bitten.

Erst der Abend fand die Mehrzahl der Herren bei einem solennen Dämmerschoppen im Kasino versammelt, wo man das Fest des vergangenen Tages besprach und in mehr oder minder würzigen Reden die einzelnen Teilnehmer einer Kritik unterzog.

Borgert verstand es dabei, in ganz besonders scherzhafter Weise das Neuste über den nicht mit anwesenden Kolberg und Frau Kahle zu berichten. Seinem Späherauge war nichts entgangen, er vermochte sogar zu sehen, was hinter einer Rollschutzwand geschah.

Indessen saß der Geschmähte behaglich am warmen Ofen seines Zimmers, auf seinen Knieen aber Frau Kahle.

Sie hatte es vor Sehnsucht nicht aushalten können und war unter dem Vorwand, Besorgungen machen zu müssen, ihrem Gatten entwischt und im Schutze der Dunkelheit nach dem Ende der Stadt in den kleinen Garten geeilt, zwischen dessen hohen Kastanien das kleine von Kolberg bewohnte Häuschen stand.

Dieser Versuch, ein ungestörtes Schäferstündchen zu genießen, glückte so gut, daß es sich lohnte, ihn so oft wie nur möglich zu wiederholen. Es war auch besser so, als dieses langweilige Spazierengehen, denn in dem kleinen Nest paßte ein jeder auf und freute sich wie ein König, wenn er etwas zu erzählen hatte, was ein anderer noch nicht wußte. Selbst den Bäumen im Walde konnte man nicht trauen, war es doch schon vorgekommen, daß ein Unteroffizier aus der Krone einer Ulme herabstieg, an deren Fuß ein anderer sich mit seiner Braut vergnügte, und der Treulosen eine ausgibige Portion Prügel verabreichte.

Außerdem war die Witterung meist kalt und schlecht, und zur Liebe braucht man Wärme.

So aber merkte niemand etwas. Sie ging einfach aus, um Einkäufe zu machen, und dann waren nach Eintritt der Dunkelheit die Straßen meist so leer, daß sie kaum einem Menschen begegnete, wenn sie dem einsamen, abgelegenen Häuschen zuging.

Die Glücklichen rechneten nicht einmal damit, daß man vor dem Burschen auf der Hut sein müsse, er wurde eben jedesmal in die Stadt oder zur Kaserne geschickt. Er hatte aber bald heraus, daß diese regelmäßigen Sendungen am Montag und Donnerstag nur ein Vorwand seien, denn die Aufträge, die er dabei erhielt, waren oft recht sonderbarer und überflüssiger Art. So stellte er sich denn eines Tages hinter einem Baum und erblickte zu seinem nicht geringen Erstaunen die Gattin des Rittmeisters Kahle, die ungeniert zu seinem Leutnant hineinspazierte. Allmählich aber wuchs seine Neugierde, und er schlich sich dann regelmäßig unter das Fenster, um durch die dünnen Scheiben jedes Wort mitanzuhören, oder vom nächsten Baum aus einen Blick in das Innere des Zimmers zu werfen. Was er da sah, setzte ihn in Erstaunen, und er gab gelegentlich seinen Gedanken in der Kantine Ausdruck. Er fand dabei ein dankbares Publikum, denn alle lachten aus vollem Halse. Ihre Heiterkeit aber erreichte den Höhepunkt, als der getreue Bursche Kolberg's aus dem Portemonnaie eine in der Wohnung des Leutnants gefundene Haarnadel herauszog und dieselbe Kahles Burschen übergab mit der scherzenden Bitte, sie der Gnädigen zurückzuerstatten.

Kolbergs Bursche war dadurch ein interessanter Mann geworden, denn er erzählte weit fesselnder als der des Hauses Leimann. Letzterer wußte von seiner Gnädigen und Borgert ja auch so manches zu erzählen, doch seine Darstellungen waren lückenhaft, weil sich das Dienstmädchen weigerte, ihre weit interessanteren Beobachtungen zum Besten zu geben. Sie sparte sich dieselben auf als Trumpf für spätere Zeiten, wo man durch sie nicht nur den rückständigen Lohn, sondern vielleicht noch mehr herausschlagen konnte.

So vergingen mehrere Monate.

Das Geheimnis von dem Verhältnis Kolberg's zu Frau Rittmeister Kahle war allmählich in alle Kreise hindurchgesickert und der Gesprächsgegenstand in mancher Kneipe des kleinen Städtchens geworden. Selbst Kolberg's Kameraden wußten davon, aber keiner wollte es unternehmen, eine Sache, für welche man nicht greifbare Beweise in Händen hatte, aufzurühren, denn entweder stritten die beiden die ihnen zur Last gelegten Tatsachen ab, und dann war man der Blamierte, hatte die Ehre eines Kameraden und, was noch schlimmer war, die einer Dame des Regiments angegriffen, und das mußte böse Folgen haben, denn wer konnte wissen, ob der einzige Zeuge des Verhältnisses, Kolberg's Bursche, bei seinen Behauptungen bleiben würde, wenn man ihm auf's Leder kniete? Vielleicht -- und das schien wahrscheinlich -- würde er seine Erzählungen aus Furcht vor Strafe für sein heimliches Aufpassen widerrufen oder die Sache in einem anderen, unschuldigeren Lichte darstellen, vielleicht auch würde er aussagen, nichts gesehen zu haben.

Andererseits fürchtete man mit Recht, die Enthüllung der Sache könnte gewaltigen Staub aufwirbeln, die Verabschiedung eines Kameraden und das unvermeidliche Duell zur Folge haben. Dem Rittmeister Kahle aber wollte man wohl, weshalb ihm also solche unerquicklichen Weiterungen bereiten?

So blieb alles, wie es war, nur die Rederei nahm, besonders in der Stadt, einen derartigen Umfang an, daß Rittmeister König sich entschloß, dem Kommandeur privatim einen Wink zu geben.

Der Oberst aber fragte: »Melden Sie mir das dienstlich? Nein? Dann weiß ich nichts davon, ich werde mir die Finger an einer solch heikeln Geschichte nicht verbrennen.«

König verspürte auch wenig Lust, der Urheber einer großen Skandalgeschichte zu werden und nachher womöglich noch eine Forderung zu erhalten, er schwieg also ebenfalls.

So geschah denn von keiner Seite etwas, um dem Gerede ein Ende zu machen und etwas aus der Welt zu schaffen, was dem Regiment und dem gesamten Offizierkorps in hohem Grade schadete und geeignet war, sein Ansehen in schlimmster Weise zu schädigen. Wo man in anderen Kreisen der Bevölkerung bei gleichen Verhältnissen den Schuldigen zur Rechenschaft gezogen haben würde, duldete man einen jedem Anstands- und Ehrgefühl Hohn sprechenden Umstand, und das in einem Stande, der für sein Ansehen, die Unanfechtbarkeit seiner Sitten und seine bevorzugte Stellung im Vaterland die erste Stelle für sich beanspruchte.

Am schwersten traf dieser Vorwurf den Obersten von Kronau. Dieser Herr, der stets bereit war, mit aller Strenge rücksichtslos einzugreifen, wenn er etwas Ungehöriges oder Strafbares entdeckte und keine Milde kannte, wenn er dabei für seine Person nichts zu fürchten hatte, er duldete die Schande. Denn hier mußte er damit rechnen, daß ihm unter Umständen Unannehmlichkeiten entstanden. Entweder konnte man ihn einer falschen Anschuldigung zeihen, oder seine Stellung als Kommandeur erhielt einen Stoß, wenn die vorgesetzten Behörden Kenntnis von den Geschehnissen in seinem Regiment erhielten. Beides aber war durchaus nicht nach seinem Geschmack.

Es kam ihm daher als hochwillkommene Nachricht, als er ein Dienstschreiben erhielt, laut welchem der Rittmeister Kahle zum Major befördert und in eine Garnison Süddeutschlands versetzt wurde. Da war das ersehnte Ende dieser unseligen Geschichte, und er freute sich doppelt, nicht voreilig gehandelt zu haben, denn nun wurde die Sache durch eine günstige Wendung des Geschicks zum Abschluß gebracht.

Kahle war glücklich über die unerwartet schnelle Beförderung. Hatte er doch nun das schöne Ziel erreicht, dem er lange Jahre ernster Arbeit und redlichen Strebens gewidmet!

Jetzt konnte er ruhiger der Zukunft entgegensehen, denn nun die gefährliche Majorsecke überwunden war, schien ihm eine weitere aussichtsvolle militärische Laufbahn mit Rücksicht auf seine Fähigkeiten außer Zweifel. Dazu die schöne neue Garnison, was wollte er mehr?

Schon am Tage nach der Beförderung versammelte ein Liebesmahl das gesamte Offizierkorps im Kasino. Um den Scheidenden besonders zu ehren, hatte der Oberst Epauletten befohlen, und der neugebackene Major nahm sich besonders fein aus im Schmuck seiner Orden und Kandillen.

Als der zweite Gang vorüber war, erhob sich der Oberst und hielt dem scheidenden Kameraden eine herzliche Abschiedsrede, in welcher er der allgemeinen Beliebtheit und den hohen militärischen Tugenden Kahles Ausdruck gab, dann überreichte er ihm den üblichen silbernen Becher mit dem Namenszug des Regiments.

Kahle dankte mit gerührten Worten. Aus seiner Abschiedsrede klang die Freude über die Beförderung heraus, aber auch ein Schmerz, nach so langer Zeit in der Garnison die Kameraden und den Ort seiner Wirksamkeit verlassen zu müssen. Oft hatte er sich sehnlich fortgewünscht aus diesem weltvergessenen Städtchen, in dem es so viel Ärger gab, aber jetzt, da es ans Scheiden ging, schnitt es ihm doch wie ein leichter Schmerz in die Seele, auf immer von dort zu scheiden, wo er lange Jahre dem Vaterlande in Ehren gedient.

Die Herren waren alle vollzählig am Bahnhof versammelt, als der Major am nächsten Tage mit dem Mittagszuge abreiste. Nachdem er noch einmal allen Lebewohl gesagt, und der Oberst ihn geküßt hatte, nahm er Abschied von seiner Frau und dem kleinen Sohne. Es war ihm schwer ums Herz und es kostete ihm Mühe, eine Träne zu verbergen, die sich in sein Auge stahl.

Auch seine Ehe wollte er nun zu einem trauten Zusammenleben gestalten, auf daß mit den Freuden seiner neuen Stellung auch die eines gemütlichen Heims erblühten, und dieser Vorsatz ließ ihn besonders herzlich von der Gattin Abschied nehmen. Auch sie würde ihre kleinen Fehler ablegen, wenn sie in anderer Umgebung die oft empfundene Langeweile und Bitterkeit vergaß, die schönsten Jahre ihres jungen Lebens in einer kleinen Stadt an den Grenzen des Reichs verbringen zu müssen. Konnte sie sich erst wieder in der neuen schönen Garnison das Leben angenehm gestalten und neue Eindrücke in sich aufnehmen, dann würden die kleinen Reibereien und Feindseligkeiten in ihrer Ehe ebenfalls ein Ende nehmen, sie waren blos die Ausgeburt der Abgeschlossenheit und Langeweile, in der eine so lebenslustige Frau mißmutig und launisch werden mußte.

Bis die Räumung der Wohnung und der Umzug besorgt war, sollte Frau Kahle in der alten Garnison verbleiben, und Oberleutnant Weil nebst Gattin hatte sie gebeten, während jener Zeit als Gast bei ihnen zu verbleiben.

Mit Freuden nahm Frau Kahle die freundliche Einladung an. Hatte sie doch so wenigstens Gelegenheit, diese paar Tage mit Kolberg ordentlich zu genießen, denn jetzt brauchte sie niemand mehr Rechenschaft über ihr Tun und Treiben zu geben, ja sie konnte sogar unter dem Vorwand einer kleinen notwendigen Reise einen ganzen Tag und eine Nacht bei ihm weilen, denn für eine Trennung auf lange Zeit, vielleicht für immer, hieß es gründlich Abschied nehmen und den Freudenbecher der Liebe noch einmal bis zur Hefe leeren!

Eines Tages saß Familie Weil mit ihrem Gast am Kaffeetisch, als der Bursche einen Brief für Frau Kahle hereinbrachte, den der Briefträger soeben abgegeben. Sie öffnete denselben, überflog die wenigen Zeilen und steckte ihn leicht errötend in die Rocktasche.