Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild
Part 7
Schmitz fühlte keine Spur von Kälte, denn bei jedem neuen Schlag der fernen Turmuhr trieb ihm das Blut schneller durch die Adern, immer näher rückte der Augenblick, auf den er sich schon so lange gefreut.
Endlich, es hatte eben zwei Uhr geschlagen, nahte eine dunkle Gestalt.
Der Wartende drückte sich an die Hecke und faßte den Stock fester, das Herz klopfte ihm zum Zerspringen.
Schon war Roth auf wenige Meter herangekommen, das Gesicht fast ganz in dem hochgeschlagenen Mantelkragen versteckt, aber Schmitz erkannte den Wachtmeister genau, wie er, einen Gassenhauer vor sich hinpfeifend, mit schleppendem Säbel schwankenden Ganges daher kam.
Als der Wachtmeister nur noch einige Schritte hatte, um neben Schmitz zu sein, trat dieser, den Stock auf der Schulter, breitbeinig vor seinen Gegner hin.
Roth stutzte einen Augenblick wie ein scheues Wild, dann sah er sein Gegenüber scharf an. Er erkannte ihn nicht.
»Was wollen Sie?« brachte er mit trockener Kehle hervor.
»Mit dir abrechnen will ich«, war die kurze Antwort, die dem Vizewachtmeister das Blut erstarren machte.
Einen Augenblick standen die beiden Männer einander gegenüber, da erkannte Roth seinen ehemaligen Freund.
»Ach, du bist es, alter Kerl, was willst du denn hier?« stieß er mit heiserer Stimme hervor.
»Das will ich!« schrie Schmitz und ließ seinen Stock sausend durch die Luft fahren. Der erste Schlag traf den Gegner mitten ins Gesicht.
Der zum Tod Erschrockene taumelte einen Augenblick, ehe er aber seinen Säbel ergreifen konnte, sauste ihm ein kräftiger Hieb nach dem anderen in's Gesicht, auf den Kopf, die Schultern und Hände.
Da stürzte er sich wie ein wildes Tier auf seinen Gegner. Schmitz aber holte aus und gab dem Wachtmeister eine schallende Ohrfeige, daß er rücklings zu Boden fiel.
»So, du ehrloser Hund, du feiges, dreckiges Aas, das war für deine gemeine Gesinnung und das ist für deine Lügerei!« Dabei gab er dem am Boden Liegenden einen derben Tritt und entfernte sich.
Im Gehen rief er noch spöttisch seinem Opfer zu:
»Jetzt darfst du mich wieder melden, du Schweinehund, aber dann habe ich so Verschiedenes zu erzählen!«
Nun war dem alten Futtermeister wieder wohl um's Herz, jetzt konnte er sein Schicksal ruhiger tragen, denn er wußte den Gegner gestraft. Die Rache ist doch süß!
Vizewachtmeister Roth mußte mehrere Wochen im Lazarett verbringen, bis seine Wunden im Gesicht und an den Händen geheilt waren. Er hatte angegeben, von einem betrunkenen Arbeiter überfallen worden zu sein und behauptete, ihn mit dem Säbel zu Boden gestreckt zu haben.
Daran wollte aber niemand recht glauben, denn es meldete sich weder ein verwundeter Arbeiter, noch war ein solcher durch Nachfragen bei den Ärzten der Umgegend festzustellen. Im Stillen wußte jeder, aus welchem Laden der verhaßte Wachtmeister seine Prügel bezogen hatte.
Schmitz aber feierte in der Silvesternacht seine Rachetat durch einige Glas Bier, die er sich lange nicht geleistet hatte. Als er beim Schein der Lampe Blut an seiner Hand entdeckte, wischte er es ab wie das eines räudigen Tieres und warf sein Taschentuch in's Feuer. Dann rief er lustig:
»Noch eins, Herr Wirt!«
Viertes Kapitel.
In den letzten Tagen des Januar herrschte in den Räumen des Offizierskasinos rege Tätigkeit.
Ein ganzes Aufgebot von Tischlern, Malern und Gärtnern war damit beschäftigt, die Zimmer und Korridore samt Veranda und Wintergarten in einen Festplatz mit zahlreichen Buden und Zelten umzuwandeln, damit Prinz Karneval in den ersten Tagen des Februar einen würdigen Einzug halten könne.
Unter dem Dach grünender Bäume waren buntbemalte, mit Plakaten aller Art bedeckte Schaubuden aufgeschlagen, in denen es köstliche Leckerbissen und allerlei Getränke, vom einfachsten Selterwasser bis zum echten Französischen, zu kaufen geben sollte, in einer anderen sollten einige als wilde Tiere frisierte Soldaten in Freiheit vorgeführt werden, ein drittes Zelt war als Bühne hergerichtet, auf welcher man durch Spezialitätenvorstellungen die Lachmuskeln der Festbesucher in Bewegung halten wollte. Zwei mit Bänken besetzte Rasenplätze luden zu den Genüssen einer Musikbande und echten Pilseners ein, während im Nebenzimmer ein Standesamt errichtet war, wo man sich unter Verabfolgung eines Glases Sekt für zehn Pfennig trauen und nach einer Stunde wieder scheiden lassen konnte.
Der große Speisesaal stellte den Hauptfestplatz dar. Auf einer mit Zweigen umkränzten Kanzel war Platz für ein Musikkorps, und die Trompeter des Regiments schweiften täglich in der ganzen Gegend umher, um irgendwo ein recht zerlumptes Musikantenkostüm aufzutreiben.
Sogar eine Photographierbude fehlte nicht, an deren Außenwand die verlockendsten Porträts und Gruppenbilder zu sehen waren.
Natürlich bildete die bevorstehende Festlichkeit den Hauptgesprächstoff während des Offiziersmittagstischs. Jeder wollte so originell als möglich angezogen erscheinen, und es war ein langes Hin- und Herberaten, bis man sich über das zu wählende Kostüm schlüssig wurde.
So kam der Tag des Festes allmählich heran. Am Nachmittag traf ein kleines Heer von Friseuren ein, und der Regimentsschneider zog mit seiner Nadelgarde von einem Herrn zum anderen, um noch Änderungen an den Kostümen vorzunehmen oder mit hülfreicher Hand einzugreifen, wo etwas nicht paßte.
Um sieben Uhr erwarteten die Ordonnanzen in schwarzen Kellnerfräcken die Festteilnehmer, und es währte keine halbe Stunde, bis die Herren und Familien des Offizierkorps mit ihren Gästen vollzählig erschienen waren.
Es bot ein buntes, farbenprächtiges Bild, wie sie alle in ihren mehr oder minder geschmackvollen originellen Verkleidungen durcheinanderwogten, während die Musik aus den verschiedenen Ecken des Festplatzes ihre Tanzweisen ertönen ließ. Dabei floß der Sekt in Strömen, und an einem Gartentische sah man sogar einen derben Bauern, den Knotenstock zwischen den Beinen, eine Portion Kaviar verzehren, während daneben ein Zirkusklown einen Hummer zerlegte.
Die drolligste Figur aber war der Kommandeur in seinem polnischen Bauernkostüm, mit der Pelzkappe auf dem Kopf. Wäre er in dieser Verkleidung auf dem Schweinemarkt in Pommern erschienen, hätte jeder Käufer einen bedeutenden Borstentier-Züchter in ihm vermutet, mit dem es sich lohnte, einen Handel anzufangen. Es machte ihm sichtlich auch keine Mühe, durch entsprechende Gebärden und Bewegungen die Treue seiner Rolle zu erhöhen.
Da der Sekt auf allgemeine Unkosten ging, war der Herr Oberst schon nach einer Stunde »veilchenblau«.
Sein hoher Adjutant hatte nicht gut daran getan, die Verkleidung eines polnischen Juden zu wählen, denn auf diese Weise ersetzte er geschickt, was seinem Äußeren am waschechten Mauschel noch fehlte.
Frau König sah als Kammerzofe reizend aus, und ihre blauen Augen strahlten vor Vergnügen. Wäre es im Ernst gewesen, so hätte die niedliche blonde Dirn mit dem lebensfrohen frischen Gesichtchen sofort eine Stellung mit hohem Lohn gefunden. Dies erkannte auch der Jägerbursch, dessen Züge denen Bleibtreu's auffallend ähnlich waren, und er beschloß, mit dem sauberen Mädel »zu gehen«, um sich dann mit ihm zum Standesamt zu begeben. Erst das Ende des Festes machte einen Strich durch die so schönen »Flitterstunden« des jungen Paares und führte ihm die rauhe Wirklichkeit in Gestalt des zum Aufbruch mahnenden Gatten vor Augen.
Auch Frau Leimann erschien als Vierländerin nicht minder begehrenswert. Das Kostüm stand ihr gut, und Borgert weidete sich mit sichtlichem Behagen an der schönen Figur und den kleinen Füßchen seiner Hausgenossin.
Frau Kahle kokettierte als Blumenmädchen mit den jüngeren Herren, indem sie aller Augen auf den Ausschnitt ihres Kleides zog, an welchem sie eine herrliche Rose befestigt hatte. Auch sie spielte ihre Rolle vortrefflich, denn der Sekt ließ bereits eine befriedigende Wirkung erkennen. Leutnant Kolberg als Modegigerl hatte ihr bereits alle Blumen abgekauft und sie dann als »Arbeitslose« gänzlich mit Beschlag belegt.
Frau Rittmeister Stark allein paßte gar nicht in das Milieu des Festplatzes hinein. Die Wahl ihrer Gewandung hatte ihr heftiges Kopfzerbrechen verursacht, denn als Blumenmädchen oder Balletteuse zu erscheinen, schien ihr zu gewagt. Die Rolle einer Äpfel- oder Butterfrau fürchtete sie als zu naturgetreu, und so schwebte sie denn in einem schillernden Phantasiekostüm durch die Menge, das sie auf Befragen neckisch für das einer »Nixe in mittleren Jahren« erklärte. So hatte sie sich in eine Wolke rosa und mattgrüner Spitzen gehüllt, und der gewaltige Busen schien die Meereswogen darzustellen, während die bloßen Arme eigentlich mehr den Eindruck machten, als seien sie das Handwerkszeug einer »Kraftmenschin« oder Riesendame.
Drei jüngere Herrn bildeten ein vortreffliches Vagabunden-Kleeblatt, und man konnte glauben, die zerlumpten Gesellen hätten sich meuchlings von der Landstraße eingeschlichen, um einmal ein Fest der »oberen Zehntausend« mitzumachen. Die zu ihrer Rolle passende Trunkenheit hatten sie sich in kürzester Zeit angeeignet.
Leutnant von Meckelburg stand als Leierkastenmann unbeweglich in einer Ecke und konnte sich nicht entschließen, an dem lustigen Treiben teilzunehmen, dabei machte er ein Gesicht, welches nicht unmittelbar auf die Anwesenheit von Geist schließen ließ. Erst als er in späterer Stunde seine musikalische Dekoration in einem Winkel des Festplatzes verborgen, stellte sich allmählich etwas Geist ein, der aber dem Grunde einer geleerten Sektflasche entstammte.
Die Musik spielte die schönsten Tanzweisen und benutzte die Pausen zu intensivem Studium des Bierfasses, dessen Hahn aus dem Tannengrün ihres Podiums herauslugte.
Um 11 Uhr begann die Festvorstellung auf der kleinen dazu errichteten Bühne.
Ein Leutnant trug als Einleitung zwei prinkelnde Kouplets vor, indem er als anmutige Chansonette in einem reichlich dekolletierten Babykleidchen auf der Bühne herumhüpfte. Daran schloß sich die Aufführung einer Parodie auf Shakespeares »Hamlet«, in deren Verlauf sämtliche Mitwirkende durch Mord, Gift, Blitz, Hunger und Durst elendiglich zu Grunde gehen. Zum Schluß trat sogar der Souffleur auf die Bretter und gab, erschüttert durch die vor seinen Augen sich abspielenden Greuel, seinem inhaltlosen Leben durch freiwilligen Sturz in die Versenkung einen würdigen Abschluß.
So war die Stimmung immer anregender geworden und allmählich unterschied sich die Fastnachtsfeier des Offizierkorps nur noch durch den immer noch strömenden Sekt von dem Treiben auf einem wirklichen Festplatz zur Zeit der Dorfkirmes.
Leutnant Kolberg hatte sich inzwischen mit Frau Rittmeister Kahle in einer Laube niedergelassen und eine Rollschutzwand davorgestellt, um ungestört und ungesehen ein trautes Stündchen zu verbringen.
Eine kleine »Flirtation« war ihm Lebensbedürfnis, und, da die Garnison mit ihren soliden Bürgerstöchtern und ehrbaren Frauen seinen diesbezüglichen Ansprüchen nicht gerecht wurde, wollte er einmal hier sein Heil versuchen. Er wußte ja von Pommer her, wes Geistes Kind Frau Grete war und wollte nun auf diplomatischem Wege das Feld sondieren.
Die dazu erforderliche Zeit aber hatte er zu lange bemessen, denn schon nach einer Viertelstunde lag die kleine Frau wonne- und liebestrunken in seinen Armen und wehrte sich nicht im Geringsten, als der feurige Galan die Rose am Busen seiner neuen Geliebten einer eingehenden Besichtigung unterzog.
Das war doch ein anderer Kerl wie sein unbeholfener Vorgänger, der hatte Mut und Feuer, und sie malte sich ein Liebesleben mit dem neu eroberten Romeo in den glänzendsten Farben.
In einer anderen Laube saß Oberleutnant Leimann ganz allein und vergoß Bäche von Tränen. Das heulende Elend hatte ihn wieder pünktlich nach dem sechsten Glase gepackt.
Jeden tröstlichen Zuspruch wies er schroff zurück, und die Ordonnanzen wollten sich tot lachen, wenn sie den heulenden ungarischen Magnaten wie ein Häuflein Unglück auf einem Weinfaß sitzen und herzbewegend schluchzen sahen.
Seine Gattin fand die Situation höchst langweilig und beschloß daher, einen Migräneanfall zu bekommen. Sie nahm also mit müden Zügen in einer anderen Ecke Platz und bat den sofort hinzukommenden Borgert, sie nach Hause zu bringen.
Durch diesen Auftrag nicht unangenehm berührt, bot er der schönen Vierländerin den Arm, geleitete sie zur Garderobe, warf ihr den Pelzmantel über die Schultern und geleitete sie nach Hause.
Als sie vor der Tür des gemeinsamen Hauses standen, tat sie einen tiefen Seufzer und sagte leise:
»Die Luft hat mir gut getan! Es ist mir wieder wohl!«
»Also darf ich Sie wieder zum Kasino zurückbegleiten?« war Borgert's Antwort, und der Ton seiner Stimme verriet sichtliche Enttäuschung.
»Ach nein, wir wollen bei mir noch eine Tasse Kaffee trinken, das wird uns gut tun, ich habe auch gar keine Lust, wieder unter diese betrunkenen Menschen zu gehen, es ist ein widerwärtiger Anblick!«
»Ganz wie Sie wünschen, meine Gnädigste!«
Dabei schob er den Schlüssel in das Schloß, öffnete die Tür, und beide stiegen schweigend die dunkle Treppe hinauf.
Als sie im Zimmer angelangt waren, holte Borgert die Lampe herbei und zündete sie an. Er kannte genau den Platz, wo sie zu finden war. Dann griff er nach einer Zeitung und setzte sich träge in die Sofaecke.
Frau Leimann aber war im Nebenzimmer verschwunden, um nach wenigen Augenblicken wieder mit der Kaffeemaschine zu erscheinen, auch hatte sie das Fastnachtskostüm mit dem Morgenrock vertauscht, dessen weicher Faltenwurf sich kosend an die schönen Glieder schmiegte.
»So,« sagte sie, die Gardinen zuziehend, »jetzt sind wir endlich in unseren vier Pfählen, jetzt wollen wir noch ein Stündchen gemütlich plaudern!«
Dabei ließ sie sich ebenfalls auf das Sofa fallen, und Borgert's Augen hingen wie trunken an der jugendlich schönen Gestalt, die sich unter dem Stoff des Gewandes verriet.
»Endlich allein! könnte man eigentlich sagen,« scherzte Borgert, »hoffentlich kommt Ihr Gatte nicht zu bald nach, damit unser idyllisches Kaffeestündchen nicht gestört wird.«
»Mein Mann?« erwiderte Frau Leimann mit spöttisch emporgezogenen Lippen, »der kann bleiben wo er ist, wie ich ihn kenne, kommt er vor morgen früh auch nicht nach Hause. Ich habe den Menschen schrecklich satt! Ich kann ja zu Ihnen offen reden!«
»Ja, gnädige Frau, das sind eben die Freuden und Leiden des Ehestandes. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, sagt Schiller, denn sonst gibt es eben ein Unglück!«
»Sie haben gut reden! Man kann doch in den paar Wochen, die man verlobt ist, nicht seinen Zukünftigen so kennen lernen, wie man es in der Ehe tut. Hätte ich das gekonnt, dann hätten wir nicht diese Dummheit begangen, uns zu heiraten. Denn ich bin ihm jetzt zu arm und er wird mir allmählich unausstehlich!«
»Darum heirate ich nie, ich lasse die Finger von diesem Hazardspiel!«
»Aber man ist doch schließlich dazu da!« erwiderte Frau Leimann fast gereizt, »man will doch später nicht als alte Jungfer zum Gespött der Leute werden.«
»Nach unseren Gesetzen und gesellschaftlichen Regeln hilft es eben nichts, gnädige Frau, da heißt es entweder heiraten oder ledig bleiben. Aber das ist entschieden eine Lücke in unserer Weltordnung. Wie wenige sind es, die, nach langjähriger Ehe vor die Frage gestellt, ob sie sich noch einmal heiraten würden, mit einem aufrichtigen »Ja« antworten könnten! Meistens würde man doch die Gelegenheit benutzen, auseinander zu laufen. Ich setze dabei also voraus, daß es eine Bestimmung gäbe, die nach beispielsweiser zehnjähriger Ehe diese trennen und den Gatten eine nochmalige gegenseitige Heirat gestatten würde.«
»Sie haben Recht, manche möchten schon nach den ersten Wochen wieder auseinander, aber sie müssen weiter neben einander her vegetieren, weil sie durch die sogenannte Ehe zusammengebunden sind.«
»Das wäre etwas voreilig gehandelt, gnädige Frau, denn viele Ehegatten müssen sich erst an einander abschleifen und ganz genau kennen, um sich schätzen zu lernen, wozu oft lange Jahre gehören, und dann kommt es doch häufig vor, daß sie in späteren Jahren recht gut miteinander auskommen, während sie früher wie Hund und Katze standen.«
»Gewiß, aber wenn nach zehn Jahren keine Liebe da ist, dann kommt sie auch nicht mehr!«
»Das möchte ich beinahe auch glauben,« lachte Borgert, »man sieht eben, die Ehe ist keine zeitgemäße Einrichtung. Sie mag gut sein für zwei Menschenkinder, die äußerer Vorteile wegen, wie sie auch sein mögen, sich heiraten. Aber für Menschen, die nur zusammenkommen, weil sie glauben, sie lieben sich, ist es nichts, denn wenn die Liebe vorbei ist, ist die Ehe nur ein Martyrium. Und deswegen sollte es für solche, die sich näher treten wollen, eine andere Einrichtung geben, als sie dann gleich fürs ganze Leben aneinander zu fesseln!«
»Sie meinen also dann, an Stelle der Ehe sollte man die sogenannte »freie Liebe« einführen?«
»Gewiß, gnädige Frau, entweder das, oder, wenn dies aus irgend welchen Gründen nicht ratsam erscheinen sollte, eine Einrichtung schaffen, wie sie die Orientalen haben. Hat dort ein Mann sich an einer Frau gesättigt, wenn ich mich drastisch ausdrücken soll, so geht er einfach zur nächsten über, denn er darf sich ein ganzes Hans voll halten. Aber er wird einer einzelnen gar nicht so schnell überdrüssig, weil er eben Abwechslung in der Liebe haben kann. Und man kann doch keinen Menschen zwingen, sein ganzes Leben nur immer denselben oder dieselbe zu lieben!«
»Da schiene mir denn doch die freie Liebe noch ratsamer, wenn Sie einmal die Einzelehe verwerfen wollen, denn sie wäre noch weniger durch Grenzen und Gesetze beengt, wie es die orientalische Ehe trotzdem ist.«
»Selbstverständlich, welchen Unsinn und widernatürlichen Zwang unsere Ehe bedeutet, sehen Sie, wenn Sie ihr Wesen einmal genau definieren. Was heißt Ehe? Ein Bündnis zwischen Mann und Frau, die sich lieben oder deren äußere Verhältnisse eine Verbindung ratsam erscheinen lassen. Dabei machen Kirche und Gesetz, manchmal auch nur letzteres allein, dieses Bündnis, Ehe genannt, zu einem rechtmäßigen.
Aber erstens: die sich lieben. Tun sie das immer und dann durch das ganze Leben? Nein, nur in der Minderzahl der Fälle bleibt eine etwa zu Anfang vorhandene Liebe bestehen, aber die Ehe ist von Gott und Natur dazu bestimmt, Liebende zu verbinden. Tut sie das nicht, ist es Unsinn.
Zweitens: eine Ehe zwischen äußeren Umständen gibt es auch nicht, denn um aus gemeinsamen Vorteilen, oder wie Sie es nennen wollen, Gewinn zu haben, ist Handel und Geschäft der richtige Weg, aber nicht die heilige Ehe.
Drittens: eine Ehe, in welcher die Liebe schwinden kann, ist ebenfalls hinfällig, denn man muß bei der Trauung dem Pfarrer, gewissermaßen also dem Stellvertreter Gottes, das eidliche Versprechen geben: wir wollen uns das ganze Leben in Liebe angehören. Dieser Eid ist also sofort in einen Meineid verwandelt, wenn die Liebe schwindet. Und wie kann man mich denn zwingen, etwas zu schwören, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich es zu halten im stande bin? Wider die Natur kann doch kein Mensch!
Der Begriff Ehe ist also abgetan.
Was haben nun weiter Gesetz und Kirche mit der Verbindung zweier Menschen zu tun, die sich lieben? Die Kirche gibt ihren Segen dazu und soll den Bund heiligen. Das ist aber überflüssig und lediglich eine Formsache, denn das Gefühl der Weihe, wie es die Trauung einflößen soll, haben zwei Menschen von selbst, die sich wirklich gern haben und den Entschluß fassen, sich zu verbinden.
Ferner, ein Gesetz muß es ja geben, denn es bildet die Norm für auseinandergehende Ansichten, und ohne Gesetz ist kein Staat, kein gemeinschaftliches Wirken zweier oder mehrerer Menschen denkbar. Die Liebe als solche aber, wie sie allein zwei Gatten zusammenführen soll, braucht keine Gesetze, denn diese sind von der Natur aufgestellt. Ein Gesetz schreibt Handlungen oder Unterlassungen vor, gibt Anhaltspunkte für das menschliche Zusammenleben und Wirken, Gefühle aber kann es nicht vorschreiben, also auch nicht rechtskräftig machen.
Zwei Menschen also, die sich wirklich lieben und fühlen, daß sie zusammen gehören, verbinden sich am natürlichsten durch die freie Liebe!«
»Aber warum sollen sie sich denn nicht heiraten, wenn sie unbedingt glauben, zusammen zu gehören?« warf Frau Leimann ein.
»Weil sie der Kirche keinen falschen Eid geschworen haben, wenn die Liebe einmal schwindet, auch können sie dann ruhig wieder auseinander gehen.«
»Aber dafür gibt es doch die Scheidung!«
»Gewiß, die gibt es. Eine Scheidung aber wirbelt meist so viel Staub auf und hat oft so nachteilige Folgen für die Beteiligten, daß sie lieber jahrelang in gegenseitigem Überdruß, oder gar in Haß und Verachtung neben einander leben, als sich zur Scheidung entschließen. Abgesehen von den großen gesetzlichen Schwierigkeiten einer solchen ist es aber auch meist schwer, die nun einmal verbundenen äußeren Umstände, Vermögen u. s. w. zu trennen.
Hört freie Liebe auf, so geht man stillschweigend wieder auseinander und führt nicht jahrelang ein widernatürliches Leben in einer sogenannten Ehe. Auch werden sich Mann und Frau, solange wahre Liebe zu einander vorhanden ist, nicht gegenseitig mit einem anderen betrügen, und damit wäre viel Unglück und Sünde aus der Welt geschafft.«
»Aber dann müßte ja jeder gesellschaftliche Familienverkehr aufhören, denn die Männer eines gemeinsamen Wirkungskreises, z. B. eines Offizierkorps oder die Beamten eines Gerichtes würden dann aus so verschiedenen Schichten der Gesellschaft oder des Volkes ihre Frauen wählen, daß diese gar nicht zusammen passen würden!«
»Das wäre kein Hinderungsgrund, gnädige Frau: die zu einander passen, könnten doch miteinander verkehren. Die übrigen bleiben sich eben gegenseitig fremd. Oder finden Sie es etwa schön, daß Frauen, die sich innerlich ganz fern stehen und bleiben, jeden Tag wie dicke Freundinnen zusammensetzen, weil es der gesellschaftliche Verkehr verlangt?«
»Das finde ich allerdings nicht schön, man braucht sich ja nur einmal unsere Damenkaffees zu betrachten.«
»Die Wahl der Frau in der freien Liebe ist an keine Gesellschaftsklasse gebunden, weil dann die Frau dem Manne eben nicht dazu dient, sich äußere Vorteile in Stellung oder pekuniärer Beziehung zu schaffen oder um mit ihr Staat zu machen, sondern nur für die Liebe, also für das engere Leben in Haus und Familie.«
»Aber die Ehe ist doch eigentlich nur die Form für ein Naturgesetz, daß nämlich das Menschengeschlecht erhalten wird.«
»Stimmt, aber dieses Naturgesetz wird weit besser durch die freie Liebe als durch die Ehe gefördert. Nehmen Sie eine Ehe, in welcher die wirkliche Liebe der Gatten zu einander geschwunden ist, oder sie sich vielleicht sogar überdrüssig sind. Scheiden lassen wollen sie sich nicht, aber Kinder werden doch in die Welt gesetzt, eins nach dem anderen. Diese aber sind keine Kinder der Liebe, und ihre Erziehung, Charakter- und Gemütsbildung muß doch darunter leiden, wenn sie keine inneren Beziehungen, keine Herzens- und Seelenverwandschaft der Eltern empfinden, denn dahinter kommt ein Kind sehr bald. Aber auch die Kinderzahl würde sich in der freien Liebe verringern, denn ein Mann, der seine Frau wirklich lieb hat, macht keine Maschine aus ihr, und glauben Sie nicht, daß zum Glück einer Ehe schon zwei Kinder genügen? Jedes weitere bringt nur Last und Sorge. Wenn aber, besonders in niederen Volksklassen, die Kinderzahl abnimmt, ist auch gleichzeitig eines jener Grundübel beseitigt, die den Sozialismus fördern.«
»Nun nehmen Sie aber eine Ehe, die fünf Kindern das Leben gibt und setzen Sie statt der Ehe die freie Liebe: Der Mann wählt jedes Jahr eine andere Frau, das lassen Sie zwanzig Jahre so fortgehen und es gibt unter normalen Umständen zwanzig Kinder statt fünf. Was soll aus ihnen werden? Der Mann kann doch nicht jedesmal in sein neues Liebesverhältnis die jährlich wachsende Kinderzahl mitbringen und sie alle großziehen!«