Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild
Part 13
So überzeugend hatten seine Worte geklungen, daß mancher, der noch nicht fest entschlossen war, welcher Partei er seine Gesinnung zuwenden solle, bedingungslos sich dem Manne anschloß, in dessen Bann ihn der heutige Abend hineingezogen.
Und so galt Schmitz mit einem Schlage als einer der tüchtigsten Anhänger der roten Partei, deren Macht in der großen Fabrikstadt immer weitere Kreise zog.
Siebentes Kapitel.
Vor dem Stabsgebäude des Regiments lehnte am eisernen Gitter Wachtmeister Krohn, der Regimentsschreiber.
Behaglich rauchte er seine Morgenzigarre und las die »Deutsche Zeitung«, welche der Briefträger soeben für den Oberst abgegeben. Mit der Arbeit eilte es nicht sonderlich, denn der Oberst war zum Exerzieren hinausgeritten, und an solchen Tagen pflegte auch der Adjutant den versäumten Nachtschlaf etwas gründlicher nachzuholen.
Krohn hatte sich gerade in den Inseratenteil der Zeitung vertieft, als Wachtmeister Schönemann mit schleppendem Säbel, eine Zigarette zwischen den Lippen, zu ihm herantrat. --
»Morjen, Herr Kommandeur!« redete er Krohn scherzend an, »was gibt's Neues? Ist die Blechschmiede noch nicht im Gang?«
»Nee,« antwortete der Gefragte gleichfalls scherzend, »die Schmiede sind noch unterwegs, es ist auch noch kein Blech von der Post gekommen. Übrigens, weißt du das Neueste? Ich hätt's fast vergessen!«
»Nee. Hab ich einen Orden gekriegt?«
»Das gerade nicht, aber König sitzt in Untersuchungshaft.«
»Was? König? Potzdonnerwetter! Was hat denn der ausgefressen?«
»Er soll so'n bißchen in die Schwadronskasse gegriffen haben. Hätte der reiche Kerl auch nicht nötig gehabt!«
»Deuwel ja, das hätte ich auch nicht gedacht, gerade von dem nicht! Wie ist denn das rausgekommen?«
»Habe keine Ahnung! Der Oberst muß wohl etwas erfahren haben. Er hat ihn gestern Nachmittag oben in sein Zimmer gerufen und ihm die Geschichte auf den Kopf zugesagt. Ich guckte durchs Schlüsselloch und sah, wie der arme Kerl ganz blaß wurde und gleich die Bücher holen wollte. Der Oberst ließ sich aber auf nichts ein und ließ ihn festsetzen!«
»Aber die haben doch sonst so gut zusammen gestanden?«
»Natürlich! Es muß eben was dran sein an der Geschichte, sonst hätte der Oberst die Sache vielleicht anders angegriffen, besonders, da er ja selbst verflucht auf der Kippe steht. Diese neue Schweinerei bricht ihm's Genick.«
»Na, ich glaub noch nicht dran, bis ich's Schwarz auf Weiß habe. So was tut König nicht! Der Oberst ist ja immer gleich aus Rand und Band und freut sich förmlich, wenn er einem an den Kragen kann. Das soll »schneidig« aussehen!«
»Na, wir werden's ja sehen!«
* * * * *
Oberleutnant Borgert hatte es als seine letzte Aufgabe betrachtet, dem Rittmeister König für jenen Brief, mit welchem dieser sein Darlehnsgesuch abgewiesen hatte, ein Andenken zu versetzen.
Die ihm bekannte, vermeintliche Tatsache schien ihm ein geeignetes Werkzeug zur Rache, und so hatte er denn durch gelegentliche Bemerkungen im Kameradenkreise dafür gesorgt, daß das Gerücht immer mehr durchsickerte. Schließlich hatte die Rederei und der Klatsch solchen Umfang angenommen, daß nichts übrig blieb, als der Sache auf den Grund zu gehen.
König aber hatte keine Gelegenheit gefunden, sich selbst von dem ungeheuerlichen Verdachte zu reinigen, denn ihm gegenüber ließ man nie ein Wörtchen darüber fallen. Borgert hatte es fertig gebracht, eine allgemeine Mißstimmung gegen den sonst so beliebten Herrn zu erregen, und da dieser darauf nur mit einer kühlen Zurückhaltung antwortete, waren die Sympathien für ihn keineswegs gewachsen, vielmehr freute sich ein jeder im Stillen, daß es nun einen Sündenbock mehr gab.
Leutnant Bleibtreu hätte vielleicht seinen Schwadronschef rechtzeitig von dem umlaufenden Gerüchte in Kenntnis setzen können, aber da er sich gerade auf Urlaub befand und mit den gleichalterigen Kameraden keinen Briefwechsel pflegte, erfuhr er erst durch König selbst von dem traurigen Ereignis.
Gegen Gestellung einer hohen Kaution hatte man König aus der Haft entlassen, und so konnte er denn, vom Dienste suspendiert, in seiner Wohnung den Ausgang der Sache abwarten.
Anfangs war er fassungslos. Nach fünfzehnjähriger, vorwurfsfreier Dienstzeit beschuldigte man ihn eines gewissenlosen, gemeinen Vergehens, auf die Rederei eines moralisch verkommenen und von jedermann belächelten Menschen hin, der ihm nur zu Dank verpflichtet war.
Wo blieb das Vertrauen, die gute Kameradschaft, die man ihm sonst entgegen gebracht? War es nicht Pflicht der Vorgesetzten, diese für seine Verhältnisse höchst unwahrscheinliche Tatsache erst eingehend zu prüfen, bevor man aus ihr eine Beschuldigung formulierte, die geeignet war, seinen Ruf im Regiment und der ganzen Stadt völlig zu untergraben?
Hatte schon seine Verhaftung die übertriebensten Gerüchte und Klatschereien in die Welt gesetzt, so mied man ihn jetzt förmlich als einen Verbrecher, einen Verfemten, und zeigte mit Fingern auf ihn und seine Familie.
Nur Bleibtreu war fest von der Unschuld seines Freundes überzeugt, er kannte den Mann zu genau, als daß er auch nur einen Augenblick an König's Schuld glauben konnte.
Er brachte dies zum Ausdruck, indem er täglich, offenkundig vor aller Welt, König's Wohnung aufsuchte und die Abende im Kreise seiner Familie verbrachte.
Er schloß sich ihm auf seinen einsamen Spaziergängen an und setzte diesen Umgang auch fort, als man ihn seitens des Regiments vor König warnte und ihm die Kameraden sein Verhalten dadurch lohnten, daß sie ihn ebenfalls mieden und eine feindselige Stellung gegen ihn einnahmen.
Alle Anfeindungen jedoch vermochten nicht, ihn in's Wanken zu bringen, er hätte es für feige und niedrig gehalten, einen Freund im Unglück zu verlassen, der ihn in guten Tagen zu Dank verpflichtet.
Auch das gesamte Unteroffizierkorps des Regiments war bis zum gemeinen Mann hinab empört über die Art und Weise, wie man einen beliebten Vorgesetzten ins Unglück stürzte, und dies kam zum Ausdruck durch häufige Besuche einzelner Untergebener bei dem Rittmeister.
Selbst das Zivil, welches sich vom Oberst und den Herren des Regiments fast ganz zurückgezogen hatte, war mit Ekel und Widerwillen erfüllt gegen diese unwürdigen Zustände, und bezeugte seine Sympathie für König in auffälliger Weise.
Durch alle diese Umstände lernte König allmählich etwas heller in die Zukunft blicken, er tröstete sich über seine Lage mit dem Gedanken, daß die Gerechtigkeit siegen und einst der Tag kommen müsse, da er mit jenen zu Gericht ging, die ihm und seiner Ehre nahezutreten sich unterfingen.
Aber es war eine lange Geduldsprobe, die man ihm auferlegte.
Wäre der Fall ein solcher gewesen, daß er die öffentliche Meinung interessiert, dessen Ausgang in weitesten Kreisen Spannung und Neugierde erregt, vielleicht ein Totschlag, eine Mißhandlung oder ein ähnliches schwerwiegendes militärisches Vergehen, so würde man sich beeilt haben, durch schleunige Aburteilung die öffentliche Meinung zu beruhigen.
Hier aber schien es keine Eile zu haben; der Mann mußte eben ruhig warten, bis man Zeit für seine Sache fand! Was machte es denn, wenn er Monate lang in Ungewißheit schwebte und diese lange Zeit dem Gerede übelwollender Leute immer von Neuem reichlichen Stoff zuführte?
So fand erst nach sechs Wochen das erste Verhör statt, in welchem König Gelegenheit gegeben wurde, die ganze Angelegenheit aufzuklären und seine Unschuld nachzuweisen.
Er sollte sich aber getäuscht haben in der Hoffnung, damit das Ende des Prozesses nahe sehen zu dürfen, denn jetzt forderte man die Bücher der letzten drei Jahre ein, um sie einer Prüfung zu unterziehen. Dazu brauchte der Gerichtshof volle drei Monate.
Das Urteil in der Hauptverhandlung lautete auf Freisprechung.
Es war erwiesen, daß ein Eingriff in die Kasse der Schwadron nicht stattgefunden, sondern ein solcher nur vorgespiegelt war, um die Schwierigkeiten weiterer Geldbeschaffung darzulegen und so weitere Darlehnsgesuche abschneiden zu können.
König selbst hatte einen anderen Ausfall des Urteils für ausgeschlossen gehalten. Im Kameradenkreise rief dasselbe aber Ärger und Enttäuschung hervor, Genugtuung und Freude dagegen bei allen denen, welche dem Hause König wohlgesinnt waren und die Wahrheit der dem Rittmeister zur Last gelegten Tatsachen von Anfangs her bezweifelten.
Als vier Monate später die Urteilsbestätigung eintraf, begannen die Verhandlungen von Neuem, denn jetzt war es der Ehrenrat, welcher die ganze Angelegenheit einer nochmaligen Prüfung unterzog, ob König vielleicht in irgend einem Punkte die Standesehre des Offiziers verletzt habe und somit seitens des Ehrengerichts etwa noch eine besondere Bestrafung verdiene.
Daß nunmehr eine ungünstige Wendung der Dinge nicht mehr zu erwarten stehe, sagte König die ruhige Überlegung, denn selbst für den Fall einer Bestrafung konnte diese nur auf das Mindestmaß hinauslaufen und bedeutete somit keinen nachteiligen Schaden.
Deshalb empfand der Rittmeister diese Zeit nicht mehr als eine Prüfung des Schicksals, als eine Zeit der Ungewißheit, des Zweifels, sondern er fühlte sich ganz wohl in dieser Ruhe und Zurückgezogenheit, nachdem er sich einmal an sie gewöhnt.
Im Kreise seiner Familie kam er leicht über die Mißstimmung hinweg, welche sich manchmal noch bei ihm einschlich, und er verbrachte den Tag mit seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Klavierspiel, oder bei sonstiger Unterhaltung.
Frau Clara hatte die schwere Zeit mit bewundernswerter Energie überstanden.
Erst die beliebteste Dame des Regiments, verehrt und geschätzt von allen, dann die Gattin des Mannes, auf den man mit Fingern wies als einen Spitzbuben -- ein gewaltiger Schritt, wie er das stolze Gemüt einer Frau nur zu demütigen und zu verletzen vermag.
Und doch war sie es, die stets von Neuem Sonne in die bedrückten Gemüter scheinen ließ, die mit oft mühsam erkünstelter Fröhlichkeit die Wolken der Sorge und der Verstimmung vertrieb.
Selbst Bleibtreu gewann in der Nähe dieser reizenden Frau stets seine gute Laune wieder, wenn er einmal den Lebensmut ob dieser Wirrnis von Gemeinheit und Widerwärtigkeit verlor.
Eines Tages trat er besonders niedergeschlagen bei Königs ein. Schweigsam nahm er Platz am Abendtische, und selbst Frau König's muntere Reden vermochten diesmal nicht, die Wolken von seiner Stirn zu scheuchen.
Erst als man den kleinen Sohn des Hauses zu Bett gebracht und um den runden Tisch in König's Arbeitszimmer saß, schlug der Rittmeister dem Freunde auf die Schulter und sagte scherzend:
»Was machen Sie denn heute für eine Leichenbittermiene? Ist zu Hause der Hafer schlecht geraten?«
Über Bleibtreu's Gesicht ging nur ein trauriges Lächeln, aber er entgegnete nichts.
»Nun sagen Sie doch, Mensch, was haben Sie denn?« begann der Rittmeister von Neuem.
»Mein Gesuch um Versetzung ist heute abschlägig beschieden worden,« entgegnete der junge Offizier mit bedrückter Stimme.
König entgegnete nichts, auch seine Gattin schwieg und schaute nur teilnahmsvoll auf ihren Freund.
»Und was gedenken Sie nun zu tun?« fragte der Rittmeister nach einer Weile.
»Ich habe heute meinen Abschied eingereicht.«
Einen Augenblick sah das Ehepaar betroffen den Sprecher an, dann aber streckte König seinem Freunde die Hand entgegen und sagte:
»Nun, daran haben Sie recht getan! Zwar bedaure ich Sie von Herzen, daß Sie sich jetzt in einem neuen Berufe einleben müssen, denn Sie sind noch jung, Ihr Leben ist noch lang. Aber ich verstehe die Beweggründe, welche Sie zu diesem Schritt veranlaßt haben. Sie haben als junger Offizier Dinge erlebt, die mich in meinen alten Tagen nicht weniger berühren, und ich kann es begreifen, wenn Sie die Achtung vor dem Berufe verloren haben, der Ihr bisheriges Leben ausgefüllt hat. Ich hätte Ihnen gewünscht, in einer anderen Garnison, unter anderen Verhältnissen und anderen Menschen erfahren zu können, daß es noch Offizierkorps gibt, in denen man leben und sich dieses Lebens freuen kann. Da Ihnen dies aber versagt ist, ist es das Beste, wenn Sie dem Soldatenstande den Rücken kehren. Ich selbst hätte Ihnen den Rat schon früher gegeben, hätte ich nicht Bedenken getragen, Sie zu einem Entschlusse zu drängen, den Sie später bereuen könnten. Um Ihnen zu zeigen, daß ich aus Überzeugung spreche, will ich Ihnen nur sagen, daß auch ich mich mit Abschiedsgedanken trage.«
Diesmal war es Bleibtreu, der mit weit aufgerissenen Augen auf den Rittmeister schaute.
»Aber warum denn?« brachte er erstaunt hervor, »Sie werden doch versetzt!«
»Gewiß, ich werde versetzt. Aber mir geht es wie Ihnen: meine Achtung vor dem Stande, dem ich fünfzehn Jahre in Ehren angehört habe, ist dahin. Zwar habe ich in früherer Zeit bessere Verhältnisse kennen gelernt, aber daß es in einem Offizierkorps Zustände geben kann, wie in dem unseren, das hat mir gezeigt, daß ich nicht hineinpasse. Wer verspricht mir, daß ich in einer anderen Garnison nicht Ähnliches erleben muß? Außerdem kann ich wohl mit Sicherheit voraussehen, daß man mich nicht in eine Residenzstadt stecken wird.«
»Und warum nicht?« fragte Bleibtreu.
»__Semper aliquid haeret__, mein Lieber, zu Deutsch: >etwas bleibt immer daran hängen<, außerdem steht mir noch eine Bestrafung seitens des Ehrengerichts bevor, also auch eine minderwertige Garnison.«
»Dann allerdings!« stimmte Bleibtreu bei.
»Sehen Sie,« fuhr König fort, »seit neun Jahren lebe ich nun in diesem elenden Nest. Der reine Bauer bin ich geworden! Ja, es ist wirklich so, wenn Sie auch lachen. Wenn man niemals mehr unter andere Menschen kommt -- die paar Tage Urlaub spielen keine Rolle -- weiß man kaum noch, wie man sich zu benehmen hat, und man lebt sich in nachlässige Formen und Gewohnheiten ein, die der Kamerad aus Berlin oder Hannover abscheulich finden würde. Der Kasinoton, den wir allmählich hier ganz normal und selbstverständlich finden, würde in einer anderen Garnison unmöglich sein, weil dort die Menschen mehr mit anderen, täglich mit neuen, zusammen kommen, und so stets auf gute Sitten angewiesen sind. Stecken aber dieselben Menschen das ganze Jahr zusammen, allein, für sich abgeschlossen, dann lassen die Formen nach, und man wird schrittweise ein Salonflegel.«
»Das ist ja nur natürlich, Herr Rittmeister! Man lebt hier wie in einem Taubenschlag beisammen, und jeder hat natürlich nichts Besseres zu tun, als seinem Nachbar auf die Finger zu sehen und sich in alles zu mischen, was er tut und läßt, weil ihn andere Dinge nicht beschäftigen, einfach weil es die in einer so kleinen Garnison gar nicht gibt.
Daraus entstehen dann diese ewigen Stänkereien, und dazu kommt, daß man in diese weltvergessenen Nester oft Elemente setzt, die man in einer anständigen Garnison nicht brauchen kann, aber nicht ganz hinauswerfen möchte. Alle Augenblicke hört man: strafversetzt nach Mörchingen, Lyck oder wie die Nester alle heißen.«
»Sehr richtig!« gab König eifrig zur Antwort. »Wer wo anders etwas verbrochen hat, kommt meist in eine Grenzgarnison, um ihn unschädlich zu machen. Man bedenkt aber nicht, das diese oft nicht einwandfreien Elemente unter einander mehr Unheil anrichten, als wenn sie zwischen einer mindestens gleich großen Zahl anständiger, tadelloser Kameraden lebten.
Fast alle Skandalgeschichten in Offizierkorps passieren an der Grenze in solchen Nestern, die meist erst dadurch bekannt werden, weil sie nur auf großen Landkarten stehen.
Hätten nun wenigstens die Offiziere hier Gelegenheit, ihren eigenen Wegen nachzugehen. Aber nein, sie sind gezwungen, fast nur im Kasino zu verkehren. Anderweitige Abwechslung, wie sie größere Städte in Hülle und Fülle bieten, gibt es nicht, und wer Lust hat, jeden Abend in derselben Kneipe dasselbe Bier zu trinken und dabei stets das Gewäsch derselben Menschen anzuhören, welches sich selten um anderes, als um langweiligen Stadtklatsch dreht? Das kann einer auf die Dauer nicht aushalten, denn die übrigen Kneipen des Ortes sind ihm verboten, weil sich Kreti und Pleti darin herumtreibt. Man geht also in's Kasino und trinkt aus purer langer Weile so lange, bis man genug hat, und dann entstehen die berühmten Skandalgeschichten. Bei diesem ewigen Zusammenhocken muß es ja zu Reibereien kommen, es sind doch schließlich alle verschieden geartete Menschen mit verschiedener Auffassung und Erziehung. In einer großen Garnison geht man nur ins Kasino, wenn man einen bestimmten Zweck damit verbindet, denn die Langeweile kann man sich hier anders vertreiben, als mit sinnlosem Gesaufe.
Und ist einer gar noch hinter den Weibern her, dann ist erst recht der Teufel los. Sie haben ja hier die schönsten Beispiele: In einer Großstadt bieten sich seinen Gelüsten genug von dieser Sorte an, hier aber fehlen solche Existenzen, man vergreift sich also an den Frauen der Kameraden.«
»Aber Offiziere müssen diese kleinen, meist sehr wichtigen Grenzgarnisonen doch auch haben!« warf Bleibtreu ein.
»Gewiß,« entgegnete König eifrig, »man soll nur nicht so viele Minderwertige dahin schicken, sondern in erster Linie einwandfreie Offiziere mit anständiger Gesinnung und tadellosem Vorleben.
Und das ganz besonders, wenn man diese Grenzgarnisonen als so wichtig bezeichnet, denn leichtsinnige Sumpfhühner werden in der Regel keine brauchbaren Offiziere sein, wenn man im Ernstfalle erhöhte Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit stellt.
Aber jeder hält es für eine ganz besondere Strafe oder wenigstens für ein gewaltiges Pech, an die Grenze zu kommen, und schon das verleidet ihm oft die ganze Lust am Soldatenspielen. Himmel und Hölle werden in Bewegung gesetzt, um ja in einer anständigen Garnison zu bleiben. Der Gardeoffizier oder der aus einem feudalen Regiment verlebt seine ganze Dienstzeit herrlich und in Freuden in einer Großstadt. Warum vertrauert unsereiner seine schönsten Jahre in so einem Drecknest?«
»Wahrscheinlich stößt man sich an den Kosten der Reisen durch viele Versetzungen, die dann doch eine bedeutende jährliche Mehrausgabe im Staatshaushalt bedeuten würden,« sagte Bleibtreu.
»Das ist kein Grund, wenn man ernstlich will, geht alles. Jährlich strömen hunderte von Offizieren zu allen möglichen Kommandos in Berlin zusammen. Wenn diese beendigt sind, kann man ja jeden in eine andere Garnison schicken, dadurch entstehen nicht mehr Kosten, als wenn er in sein Stammregiment zurückkehrt. Dafür kommen wieder andere Offiziere nach Berlin, und diese dann wieder in andere Garnisonen. So gleicht sich der Offizierersatz prächtig aus, für einen Offizier, den das X. Regiment zur Ausbildung nach Berlin schickt, bekommt es einen Ausgebildeten zurück, der früher in Y. gestanden hat. Außerdem könnte man alljährlich außer der Reihe noch eine Auswechslung vornehmen, und dafür an einer anderen Ecke etwas sparen.
Statt dessen aber besteht der Ersatz für Grenzgarnisonen, die außer vielleicht ein paar Kadetten keinen Nachwuchs an Fähnrichen haben, zum großen Teil aus Sündern und solchen, die sich in anderen Garnisonen unmöglich gemacht haben, abgesehen von höheren Offizieren, welche ein Grenzregiment für eine Auszeichnung halten, weil sie dann dem Feind am nächsten sind und zuerst draufhauen dürfen, wenn es losgeht.
Aber auch das ist nur noch eine Illusion. Heutzutage, wo die Aussichten auf einen Krieg immer geringer werden, steht der Vorzug, dem Feind am nächsten zu sein, nur noch auf dem Papier.
Bei dem jetzigen System müßte es Grundsatz sein, keinen Offizier länger als zwei, höchstens drei Jahre in einer Grenzgarnison zu belassen. Dann würde sich die Armee vor viel Schaden sichern, sowohl hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, als auch besonders ihres Rufes.
Außerdem wäre eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.«
Bleibtreu nickte beistimmend, als König seine Ausführungen beendet hatte und sagte:
»Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Rittmeister! Aber trotz alledem könnten Sie es doch noch einmal in einer anderen Garnison versuchen, denn nach einer so langjährigen Dienstzeit würde ich es an Ihrer Stelle doch wenigstens bis zum Rittmeister erster Klasse aushalten. Das ist noch eine Zeit von ein bis zwei Jahren, und dann haben Sie einen bedeutenden Pensionsvorteil. Ist die neue Garnison nicht nach Wunsch, so bleibt zum Abschiednehmen noch genügend Zeit!«
»Gewiß, Sie haben recht! Aber ich sagte Ihnen schon, daß ich jegliche Lust an meinem Berufe verloren habe.
Fünfzehn Jahre habe ich gearbeitet und gestrebt. Ich habe meine Pflicht stets zur Zufriedenheit der Vorgesetzten getan und manche Auszeichnung erfahren. Jetzt aber bin ich lahm gelegt und sofort tritt ein anderer an meine Stelle. Nach den Früchten meiner bisherigen Tätigkeit fragt kein Mensch, die Maschine bleibt im Gange, als hätte ich nie existiert. Und wenn man so gar keinen nachhaltigen Erfolg aus seiner Lebensarbeit sieht, das ist so niederdrückend, so beschämend! Der tüchtige Arzt, der Kaufmann, der Jurist wird vermißt, wenn er aus seinem Wirkungskreise scheidet, nach uns aber fragt niemand, wenn man nicht gerade ein großer Feldherr gewesen ist. Niemals könnte ich wieder mit innerer Lust und Aufopferung meinen Dienst versehen, und deshalb gehe ich lieber.«
* * * * *
Das Ehrengericht des Regiments hatte auf eine »Verwarnung« erkannt, »wegen Gefährdung der Standesehre«. Als Erklärung wurde hinzugefügt, daß der Offizier sich nicht in die Gefahr begeben dürfe, seitens der Welt falsch beurteilt zu werden. Da dies im vorliegenden Falle aber geschehen sei, müsse man dem Rittmeister König seine Handlungsweise als inkorrekt und nachteilig für seine Ehre als Offizier vor Augen führen.
König las das Dienstschreiben mit spöttischem Lächeln, und am selben Abend lag sein Abschiedsgesuch beim Regiment.
* * * * *
Wenige Wochen vorher hatte auch der Oberst ein Schreiben erhalten, aber von »oben«, und es steckte in einem blauen Umschlag.
Er war darin bedeutet worden, daß man zwar seine trefflichen Verdienste anerkenne und zu würdigen wisse, nun aber für dieselben keine Verwendung mehr habe.
»Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.« Man nahm daher keinen Anstand, dem Oberst seine Wünsche zu erfüllen, als er um seinen Abschied bat, da er die Beschwerden des Königlichen Dienstes nicht mehr auszuhalten vermöge.
So fuhr denn eines Tages ein gelbgestrichener Möbelwagen vor dem schönen Hause am Ende der Stadt vor, und man packte alles hinein, was des Mitgehens wert war.
Der Oberst aber zog mit Familie sang- und klanglos zum Bahnhof, nur der Bursche erschien, denn er war zum Koffertragen kommandiert. Im letzten Augenblicke kam auch noch atemlos die Kinderfrau an und forderte energisch den letzten Monatslohn.
Ein greller Pfiff, und der Schnellzug entführte einen Mann, der noch einmal mit traurigem Lächeln sein Auge über die Dächer der Stadt gleiten ließ, in welcher er fünf Jahre seine segensreiche Tätigkeit entfaltet.
In der nämlichen Woche reisten Bleibtreu und König ab, in welchen die Armee zwei tüchtige Soldaten und ergebene Anhänger verlor.
Achtes Kapitel.
Acht Uhr vorbei. An einem Dezemberabend. Die Läden der Geschäftshäuser wurden geräuschvoll geschlossen, aus allen Teilen der Straße tönte das Rasseln der Jalousieen, die man vor den blendend erleuchteten Auslagefenstern herunterließ.