Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild
Part 12
Denn je stärker der Egoismus im Menschen vorherrscht, umso leichter überwinden wir alle Regungen, alle sentimentalen Grübeleien, welche uns vor einer Sünde warnen, wenn wir aus ihr einen Vorteil zu gewinnen glauben, und nur dann weichen wir vom rechten Wege ab. Deshalb sind die größten Verbrecher auch die größten Egoisten.
So wanderte denn Borgert wohlgemut der Stadt zu und betrat die Post, wo er ein Telegramm an einen Althändler in der Nachbarstadt sandte und diesen um einen Besuch am nächsten Morgen bat.
Darauf begab er sich nach seinem Hause zurück und ging zu Leimann's hinauf.
Er fand den Freund beim Kofferpacken.
»Nun, morgen soll die Reise los gehen, wie ich höre, ich erfuhr es erst heute Mittag!« sagte Borgert, ihm die Hand reichend.
»Ja, sehr entzückt bin ich gerade nicht, denn man ist in keiner Weise für eine solche Reise vorbereitet. Aber das ist ja immer so, erst im letzten Augenblick bekommt man seine Befehle, sodaß man gerade noch den Zug erreicht.«
»Trotzdem beneide ich Sie um die schöne Reise! Mir steht eine weniger angenehme bevor.«
»Wie, Sie wollen auch fort?«
»Ich will eigentlich nicht, aber ich muß!«
»Und wohin?«
»Nach Hause, morgen Nachmittag fahre ich.«
»Ah, ich verstehe, viel Glück und gute Verrichtung!«
»Danke schön! A propos, können Sie mir einen Koffer borgen? Ich möchte gerne Verschiedenes mit nach Hause nehmen, und dazu ist der meinige zu klein.«
»Aber gewiß, mein Bursche kann Ihnen den großen Korb hinunterbringen, wird der genügen?«
»Natürlich, vollständig, besten Dank!«
Borgert merkte, daß sein Besuch nicht ganz gelegen kam. Leimann hatte schlechte Laune und ließ sich auch gar nicht in seiner Beschäftigung stören. Er war so mit seinen Gedanken dabei, daß er Borgert's Fragen kaum hörte, und so hielt es dieser für angebracht, sich zu empfehlen, mit dem Versprechen, zum Abendessen wieder heraufzukommen.
»Wann könnte ich wohl den Koffer haben?« fragte er im Weggehen.
»Sowie mein Bursche aus der Stadt zurück ist, besorgt er ihn hinunter. Also auf Wiedersehen!«
In seinem Zimmer ließ sich Borgert in einen Sessel nieder. Ihm war so wohl und frei, er hätte jauchzen mögen, denn einen Tag später war er den ganzen Krempel los und brauchte sich nicht mehr zu ärgern. Dabei diese nette Begleitung! Er wunderte sich, daß er auf diese Idee nicht früher gekommen war.
Da fiel ihm ein, daß er ja noch gar nicht an's Packen gedacht habe, er wollte wenigstens alles zurechtlegen, damit nichts vergessen würde.
Er ließ seinen Blick durch den eleganten Raum streifen und überlegte, was wohl des Mitnehmens wert sei. Dann nahm er von dem Sofapaneel einen silbernen Becher, das Abschiedsgeschenk seines früheren Regiments, und stellte ihn im Nebenzimmer auf einen Tisch.
Ein Album, einige Photographien, ein Packet Briefe, 2 Reitpeitschen und 2 kleine Ölgemälde -- Arbeiten seiner verstorbenen Schwester -- das war alles, was er mitzunehmen gedachte. Alles übrige konnte stehen bleiben als Trost für die Gläubiger.
Als er gegen sieben Uhr bei Leimann's eintrat, fand er sie bereits bei Tisch.
Leimann machte ein finsteres Gesicht und schaute kaum von seinem Teller auf, als Borgert eintrat.
Seine Gattin saß mit rotem Kopf ihm gegenüber, aber sie berührte die Speisen nicht, sondern schaute nur angstvoll mitunter nach ihrem Gatten hinüber.
Den ganzen Abend kam keine Stimmung in das Beisammensein, und nicht einmal eine Flasche Eckel vermochte die sonst gewohnte Heiterkeit wieder wach zu rufen. Leimann hatte eben schlechte Laune, und dann war nichts mit ihm anzufangen.
Daher trennte man sich auch schon zu früher Stunde, und der Abschied der Freunde war kühler als sonst.
Frau Leimann aber hatte noch auf dem Korridor Gelegenheit, ihrem Geliebten einen flüchtigen Kuß auf die Wangen zu drücken, als ihr Gatte hineingegangen war, um ein Streichholz zu holen.
* * * * *
Am nächsten Morgen war Borgert gerade erst ausgestanden, als schon der Althändler ankam.
Der Oberleutnant begrüßte ihn freundlich und bat ihn, einzutreten, dann vollendete er seinen Anzug und begann mit dem Juden zu verhandeln.
»Bitte, wollen Sie sich einmal mein Mobiliar ansehen,« sagte er, »ich gedenke die ganze Einrichtung, wie sie da steht, zu verkaufen, da ich versetzt bin, doch wollen Sie diesen Umstand vorläufig noch diskret behandeln. Wie viel würden Sie mir eventuell zahlen?«
Der Jude sah sich nachdenklich in dem Zimmer um. Er befühlte und beklopfte die einzelnen Stücke, prüfte Decken und Teppiche und musterte eingehend das kostbare Schnitzwerk des Bücherschrankes. Dann zog er ein Notizbuch aus der Tasche, schielte nach den einzelnen Stücken hin und notierte sich den Preis. Schließlich wandte er sich Borgert zu und sagte mit fragender Miene:
»Fünfzehnhundert Mark, Herr Oberleutnant, sofort auf den Tisch!«
»Was, fünfzehnhundert Mark?«, stieß Borgert enttäuscht hervor, »aber ich bitte Sie, ich habe fast zehntausend Mark für die Einrichtung bezahlt.«
»Tut mer leid, Herr Oberleutnant«, gab der Jude achselzuckend zu Antwort, »alte Sachen sind keine neie Sachen, mehr zahlt kein Mensch.«
»Das ist zu wenig, das ist ja fast geschenkt.«
»Nun, ich will Ihnen geben zweitausend Mark, aber keinen Pfennig darüber.«
Borgert setzte sich in den Schreibstuhl. Er überlegte, und während dessen schaute der Jude erwartungsvoll auf sein Gesicht.
»Gut, her mit dem Gelde, Sie haben den Krempel!« sagte Borgert nach einigem Besinnen.
Denn schien ihm der Betrag von zweitausend Mark auch ein Lumpengeld für diese kostbaren Möbel, so war es doch besser, er entschloß sich schnell für einen geringeren Preis, ehe der ganze Fluchtplan infolge Mangels an Geld ins Wasser fiel.
Schmunzelnd zog der Jude ein Papier aus der Tasche, schritt zum Schreibtisch und schrieb einige Worte auf das Blatt, welches er Borgert nun zur Unterschrift vorlegte.
Als der Jude wieder hinaus war und Borgert die beiden Tausendmarkscheine in der Hand hielt, schien ihm nun das letzte Hindernis zur Flucht beseitigt, denn bares Geld war die Hauptsache. Er faltete die Scheine zusammen und steckte sie in seine Börse, trat dann in's Schlafzimmer an den Kleiderschrank und entnahm demselben den Reiseanzug. Das übrige Civil packte er zu Frau Leimann's Kleidern in den Koffer, darauf die paar Sachen, die er sonst noch mitnehmen wollte, und ließ den Koffer sogleich zur Bahn besorgen.
Der Oberst zeigte wenig Lust, den Oberleutnant zu beurlauben, und erst auf nochmalige Vorstellung über die Dringlichkeit der Reise ließ er sich erweichen, einen dreitägigen Urlaub zu bewilligen. Er hoffte schließlich, Borgert würde mit seinem Vater übereinkommen und diese leidigen Geldgeschichten aus der Welt schaffen. Das konnte ihm ja nur angenehm sein, und so ließ er ihn reisen.
Leimann war inzwischen schon über alle Berge. Die beiden Freunde hatten nicht einmal ein letztes Lebewohl einander zugerufen. Seine Gattin aber war noch sehr beschäftigt. Es gab so vielerlei zu tun, hier ein Packet Briefe zu verbrennen, die weder der Gatte noch Georg lesen durften, dort noch einige Kleinigkeiten einzupacken, meist wertlose, unscheinbare Sächelchen, deren Wert die Erinnerung bedeutete.
Das Herz einer Frau hängt an solchen Dingen, die ihr schöne Augenblicke, liebe Bilder in der Erinnerung erwecken, und eher gibt sie dir den schönsten, im Laden gekauften Ring, als die trockene Blume oder das kleine Angebinde aus der Hand eines Mannes, welcher in ihrem Leben eine Rolle gespielt.
Den heimlichen Abschied von Bubi, dem kleinen zweijährigen Söhnchen, hatte sie sich tags zuvor schwerer vorgestellt, und sie empfand jetzt sogar eine Art Gewissensbisse, daß sie so leichten Herzens, ohne Träne, das einzige Kind im Stiche lassen konnte, das jetzt, mutterlos, einer ungewissen, vielleicht traurigen Zukunft entgegen ging.
Aber es war sonderbar! Vom ersten Augenblick an empfand sie eine gewisse Abscheu vor dem Kinde mit der breiten Nase, dem großen Mund und den winzigen, stechenden Augen. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich eine ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem Vater, und je mehr die Entfremdung der Gatten wuchs, umsomehr schwand der kleine Rest von Mutterliebe. Sie betrachtete das ewig schreiende, häßliche kleine Wesen lediglich als sein Kind, und sich selbst nur als das natürliche Mittel, um es zur Welt gebracht zu haben, und so war es gekommen, daß das arme Baby fast nur in der Küche oder der Mädchenstube sein Dasein fristete, gehütet und erzogen von den Dienstboten. Die Mutter bekam ihr Kind oft kaum eine Stunde am Tage zu sehen.
Es gibt ja Frauen, die, eitel und sich ihrer eigenen Schönheit wohl bewußt, es für eine Schmähung der Natur, für eine Strafe des Himmels halten, wenn sie häßliche Kinder zur Welt bringen, vor denen sie dann ihr ganzes Leben eine innere Abneigung empfinden und ihnen aus dem Wege gehen, wie dem Gedächtnis einer Kränkung, die ihrem Frauenstolze widerfuhr.
Ihr Gatte hatte es ja nicht anders um sie verdient, als daß sie ihn verließ, und deshalb empfand sie kaum das Bewußtsein einer Schuld, als sie um drei Uhr ein Abteil erster Klasse des Schnellzuges nach Frankfurt bestieg.
Denn welcher Mensch strebt nicht, seine Sünden und Vergehen vor sich selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen? Oberflächliche, selbstsüchtige Menschen bringen es in diesem Streben so weit, daß sie in dem größten Verbrechen häufig nur eine kleine Inkorrektheit erblicken, welche die Mitmenschen falsch, zu hart beurteilen, weil sie die Beweggründe nicht verstehen können. --
Zu diesen Menschen zählte auch Borgert. Dem Egoisten heiligt der Zweck die Mittel, und so schied er wohlgemut, voll innerer Genugtuung von der Garnison, den »Freunden« und seinen Pflichten, mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen über die, welche in der Beschränktheit ihres Geistes festhalten an Sitte und Hergebrachtem, und nicht den Mut haben, die Rücksicht auf andere über Bord zu werfen, wenn sie ihrem eigenen Vorteil auf der Spur sind.
Als die beiden am späten Abend in dem Speisesaal eines eleganten Hotels zusammen saßen, schien ihnen das Leben, die ganze Zukunft ein lichtes Bild mit wenig Schatten, und sie feierten bei einer Flasche französischen Sektes den ersten Tag ihrer jungen Ehe -- der _=freien=_ Liebe.
Sechstes Kapitel.
Die Flucht des Oberleutnants Borgert war nicht lange geheim geblieben.
Als er nach Ablauf des dreitägigen Urlaubs nicht zurückgekehrt war, und eine telegraphische Anfrage bei seinem Vater ergab, daß er das Elternhaus überhaupt nicht betreten habe, lag die Vermutung nahe, daß er sich durch Desertieren den Folgen seines bisherigen leichtsinnigen Lebens entzogen.
Freilich hatte außer Leimann niemand recht gewußt, wie schlecht es mit Borgert's Verhältnissen stand. Erst als der Jude die ihm verkauften Sachen abholen und der mit einer umfangreichen neuen Pfändung beauftragte Gerichtsvollzieher die bereits von ihm beschlagnahmten Gegenstände zurückhalten wollte, kam die Katastrophe und enthüllte mit einem Schlage das gesamte System, in welchem Borgert »gearbeitet« hatte.
Von Seiten des Gerichts ward das gesamte Eigentum des Oberleutnants mit Beschlag belegt, und ein Termin sollte entscheiden, in welcher Weise die einzelnen Gläubiger zu ihrem Rechte gelangen würden.
Stellte auch die wertvolle Einrichtung ein ziemliches Kapital dar, so war dieses doch nur der Tropfen auf einen heißen Stein, denn als von Gerichtswegen eine Aufforderung durch die Zeitung an alle diejenigen erging, welche noch Forderungen nachweisen konnten, gingen ganze Berge von Rechnungen ein, deren Gesamtbetrag sich über zwanzigtausend Mark belief.
Gleichzeitig verhängte der Gerichtsherr die Beschlagnahme des gesamten etwaigen Privatvermögens Borgert's, und die Staatsanwaltschaft folgte mit einem Steckbrief gegen den des Betrugs angeschuldigten Oberleutnant.
Die Wohnung hatte das Gericht versiegelt, selbst das arme Pferd im Stalle trug in der Mähne ein kleines Siegel, welches man mit einem Bindfaden kunstgerecht hineingeflochten hatte.
Wie ein Lauffeuer eilte die Kunde der neuesten Ereignisse durch die kleine Stadt und die Nachbarorte, auch in den Zeitungen las man kurze Notizen.
Der Oberst war ganz niedergeschlagen. Die schlauen Herren des Regiments wollten zwar diese Katastrophe schon lange haben kommen sehen -- wie es ja bei allen Ereignissen Leute gibt, die ahnungslos ein Unheil neben sich erstehen sehen und dann, wenn das Unvermeidliche eingetreten, mit überlegenem Lächeln behaupten, sie hätten seit Jahren nichts anderes erwartet.
Der Oberst aber äußerte tieftraurig zu Rittmeister König, diese neue Wendung der Dinge sei der »letzte Nagel zu seinem Zylinder,« und man sah ihn fortan nur noch mit bekümmerter Miene seinen Geschäften nachgehen. Denn allmählich sah er klar, daß die sachgemäße Leitung eines Offizierkorps etwas anders angefangen werden müsse, und daß die Art seiner Regierung wohl den falschen Weg gewandert sei.
Daß Frau Leimann dem Oberleutnant gefolgt war, wurde erst nach einigen Tagen bekannt, als der von Berlin zurückgekehrte Gatte einen Brief erhielt, in welchem die Frau ihn um Verzeihung bat und beteuerte, sie habe nicht anders gekonnt.
So war denn Leimann doppelt gestraft. Vor aller Welt blamiert und belächelt ob seiner durchgegangenen Ehehälfte, mußte er jetzt schleunigst den größten Teil seines Besitztums verkaufen, um den Forderungen derer gerecht zu werden, bei welchen er für Borgert Bürgschaft geleistet, und dabei blieb ihm nur das Nötigste übrig.
Glaubte man anfangs durch Frau Leimann's Brief den Entflohenen auf der Spur zu sein, so war doch später das zahlreiche Aufgebot von Detektivs und Kriminalbeamten nicht im Stande, die Ausreißer zu fassen. Waren sie noch in Deutschland, oder im Auslande? Kein Mensch ahnte es.
Etwa zwei Wochen nach der Flucht wurde auch Röse eingeliefert. Man hatte ihn auf den erlassenen Steckbrief hin an der belgischen Grenze ergriffen.
Die Verhandlungen mit ihm ergaben, daß häufige Mißhandlungen seitens seines Oberleutnants die Triebfeder zu jenem Schritte gewesen waren. Milderte dies sein Strafmaß auch nur wenig, so bedauerte man doch allgemein den armen Soldaten, den Unbilden und schlechte Behandlung seiner Vorgesetzten ins Unglück gestürzt hatten. --
* * * * *
In dem Ehescheidungsprozeß, welchen Leimann gegen seine Gattin angestrengt, kamen recht unliebsame Dinge zu Tage.
Die beiden Mädchen des Hauses, sowie der Bursche wußten Tatsachen zu berichten, bei denen sich Leimann's wenige Haare sträubten, die er noch auf dem Kopfe trug, und er begriff nicht, wie er so blind sein konnte, um den Verrat nicht zu sehen, mit dem man ihn im eigenen Hause betrog.
Die gerichtliche Scheidung wurde ausgesprochen, und Leimann reichte sein Abschiedsgesuch ein, weil er einesteils gezwungen war, sich einem einträglicheren Berufe zuzuwenden, andererseits, weil durch die gesamten Vorfälle sein Ruf derartig geschädigt war, daß dem weiteren Verbleiben in einem Offizierkorps erhebliche Bedenken entgegenstanden.
So nahm er denn eine Stelle als Reisender einer Weinfirma an, welche ihm den nötigsten Lebensunterhalt verschaffte. Den ohne dies fast aufgelösten Haushalt hob er ganz auf und übergab sein Kind zur Erziehung einer befreundeten Familie, wofür diese als Entgelt den Anspruch auf die kleine Pension des Oberleutnants zugesichert erhielt.
Fast gleichzeitig mit der Genehmigung seines Abschiedsgesuches wurde auch das Urteil über Borgert verkündet. Es lautete auf eine Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis, zehn Jahren Ehrverlust und Ausstoßung aus dem Heere, bewirkt durch Betrug, Fahnenflucht und Mißhandlung Untergebener in zehn Fällen.
Die Zeitungen veröffentlichten das Urteil, und somit war denn die tatenreiche Laufbahn jenes Mannes in seinem Vaterlande beschlossen.
* * * * *
Indes saß im Bureau der großen Fabrik an einem der zahlreichen Schreibtische der ehemalige Sergeant Schmitz.
Die übrigen Angestellten hatten bereits ihre Plätze verlassen und waren gerade dabei, ihre Röcke von den Kleiderständern herabzunehmen, denn es hatte schon vor zehn Minuten Feierabend geläutet.
Schmitz aber ließ sich durch die laute Unterhaltung seiner Umgebung nicht stören, er schrieb emsig und war ganz vertieft in die langen Zahlenreihen, welche auf dem Bogen vor ihm geschrieben standen.
Der Raum hatte sich bereits geleert, und Schmitz wollte gerade einen neuen Bogen beginnen, als der Werkmeister Maurer eintrat.
Er war ein Mann von gedrungenem Körperbau, mit scharfen, stechenden Augen in dem blassen, ovalen Gesichte. Der Schnurrbart hing um die Mundwinkel, und der ganze Gesichtsausdruck hatte etwas Rohes, Grausames, und besonders jetzt, da der Mann aus dem Halbdunkel von der Tür herüberschaute, sah er wie ein Raubtier aus.
»Du kannst wohl wieder einmal nicht fertig werden? Kommst du bald?« redete er Schmitz an, welcher von seiner Arbeit nicht aufblickte, sondern nur kurz entgegnete:
»Im Augenblick, setz dich so lange!«
Die beiden Männer waren gute Freunde.
Noch vor wenigen Wochen stand Schmitz zwischen den Arbeitern vor der Drehbank und schob mechanisch ein Holzstück nach dem anderen zwischen die spitzigen Zähne des rotierenden Eisens. Und er hatte sich ganz gut eingelebt in diese geisttötende Beschäftigung, die ihm nicht viel Zeit zum Denken übrig ließ. Denn hier galt es mit allen fünf Sinnen bei der Sache zu sein, wenn man nicht den Verlust eines Fingers oder einer Hand beklagen wollte.
Man hatte aber bald in dem stillen, fleißigen Arbeiter den Mann entdeckt, dessen überlegene Ruhe und bestimmtes Auftreten ihn zu einem weiteren Wirkungskreise geeignet machten, und so ward denn Schmitz nach kurzer Zeit Aufseher der Maschinenhalle, in welcher er bis jetzt gearbeitet hatte.
Die übrigen Arbeiter freilich sahen mit neidischen Blicken auf den Emporkömmling, der erst eben auf der Bildfläche erschienen war und ihnen gegenüber nun schon als Befehlender sich aufspielte. Es fehlte daher nicht an spöttischen Bemerkungen, der alte Soldat aber wies jeden, der ihm zu nahe trat, mit kalter Ruhe in seine Schranken zurück.
Wenn er so des Morgens alle emsig bei der Arbeit sah, ging er manchmal zu Maurer hinüber, welcher im Maschinenhause beschäftigt war.
Und bei diesen allmorgendlichen Plaudereien entdeckte Maurer, ein gefürchteter Sozialdemokrat der Stadt, bald in Schmitz einen Mann, der leicht zu gewinnen war und der ein tatkräftiger Genosse zu werden versprach, wenn man ihn nur geschickt ins rechte Fahrwasser hineinlenkte.
Dieses Streben Maurer's ward umso mehr unterstützt, als Schmitz noch immer nicht den Groll gegen den Militarismus und die Staatsleitung, welche diesen groß gezogen, vergessen konnte. Ein tiefer innerer Grimm wühlte noch in ihm ob der Unbilden, die ihm die Früchte der besten Jahre seines Lebens zerstört.
So hatte er denn bald mit Leib und Seele zur roten Fahne geschworen, und aus dem königstreuen Soldaten war eine tatkräftige Stütze der sozialistischen Partei geworden.
Morgen sollte nun Schmitz eine Rede halten, vor einem großen Kreise seiner Gesinnungsgenossen, und deshalb wartete Maurer auf ihn, um noch einmal die wichtigsten Punkte mit seinem Freunde durchzusprechen.
Als Schmitz seine Arbeit fortgelegt und den Bogen im Schreibtisch verschlossen hatte, auf dem die Arbeitsliste der vergangenen Woche verzeichnet stand, schritt er mit Maurer hinab, und schweigsam wandelten die beiden durch die enge Gasse nach Maurer's Wohnung hin.
Aus einem Nachbarhause nahmen sie eine Kanne Bier mit, zündeten dann die Lampe an und begannen die Besprechung.
Es handelte sich um ein neues Steuergesetz, welches besonders den arbeitenden Klassen zur Last fiel, und daher galt es, möglichst viele Gegner zu gewinnen, damit im Reichstag bei der letzten Lesung der Angelegenheit eine ausschlaggebende Majorität die Durchführung der Vorlage zum Scheitern brachte.
Bis nach Mitternacht waren die beiden Freunde in eifriges Gespräch vertieft. Und als sie sich trennten, waren ihre gleichschlagenden Herzen um ein Band reicher.
Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen seit der kurzen Zeit, die er des Königs Rock nicht mehr trug. Vor einem Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das Vaterland zu schützen und es fördern zu helfen, und heute? Einer von denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebäudes zu rütteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu schaffen.
Doch als er am nämlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribüne betrat, und eine nach Hunderten zählende Menschenmenge dem neuen trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da stieg ein nie empfundenes Gefühl des Selbstbewußtseins, ein unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Großem in seiner Seele auf. Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den Bannkreis seiner Gedanken, daß alle ihm folgen mußten, willenlos, wie dem Hirten die Herde.
Mit fester Stimme begann er seine Rede. In großen Zügen schilderte er zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen desselben für die arbeitenden Klassen dar.
Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien überflüssig, wenn man es unterließe, eine beständige Vergrößerung und fortwährende Ausrüstungsänderung der Armee vorzunehmen.
»Unsummen verbraucht der Staat alljährlich für das Militär«, sagte er, »kaum hat man Millionen für die Einführung eines neuen Geschützes, die Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese Änderungen oft bald als nicht mehr zeitgemäß, und neue Summen von unglaublicher Höhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine Übereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarländer es beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militärischen Macht, müssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er schließlich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrückt?
Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljährlich verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so würde es nicht nötig sein, den Bürger so unverhältnismäßig an seinem Einkommen zu kürzen. Dann wären wir ein reiches Land, der Bürger könnte den Wohlstand erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Kräften einen gewaltigen Aufschwung nehmen.
Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,« fuhr Schmitz fort, »so soll man die dafür nötigen Summen denen abnehmen, die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stück des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu helfen, dessen Nutznießung ihm versagt bleibt.
Denn welchen Segen bringt dem Bürger, dem Volke die Armee? Sie zieht seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der Jüngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krüppel in's Leben zurückzuschicken. Und hat er auch die schönsten Jahre männlicher Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen muß.
Darum laßt uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit das Volk für seine Opfer auch einen Lohn genießt!«
Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht hatte, waren von häufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung begleitet, als Schmitz aber von der Tribüne herabstieg, jubelte die begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden, ihr den Lebensweg zu ebnen.