Aus der Jugendzeit; Historie von der schönen Lau

Part 2

Chapter 23,635 wordsPublic domain

Der Bursche träumt noch von den Küssen, die ihm das süße Kind getauscht, er steht, von Anmut hingerissen, derweil sie um die Ecke rauscht.

In der Frühe.

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir, dort gehet schon der Tag herfür an meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn noch zwischen Zweifeln her und hin und schaffet Nachtgespenster. -- Ängste, quäle dich nicht länger, meine Seele! Freu' dich! schon sind da und dorten Morgenglocken wach geworden.

Um Mitternacht.

Gelassen stieg die Nacht ans Land, lehnt träumend an der Berge Wand; ihr Auge sieht die goldne Wage nun der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn. Und kecker rauschen die Quellen hervor, sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr vom Tage, vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied, sie achtet's nicht, sie ist es müd'; ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, es singen die Wasser im Schlafe noch fort vom Tage, vom heute gewesenen Tage.

Gesang zu zweien in der Nacht.

_Sie._

Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft! Da noch der freche Tag verstummt, hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge, das aufwärts in die zärtlichen Gesänge der reingestimmten Lüfte summt.

_Er._

Vernehm' ich doch die wunderbarsten Stimmen, vom lauen Wind wollüstig hingeschleift, indes, mit ungewissem Licht gestreift, der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.

_Sie._

Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal, durchsichtiger und heller aufzuwehen; dazwischen hört man weiche Töne gehen von sel'gen Feen, die im blauen Saal zum Sphärenklang, und fleißig mit Gesang, silberne Spindeln hin und wieder drehen.

_Er._

O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet, und luftig schwirrender Musik bedienet sich nun dein Fuß zum leichten Schritt, womit du Stund' um Stunde missest, dich lieblich in dir selbst vergissest -- du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit!

Josephine.

Das Hochamt war. Der Morgensonne Blick glomm wunderbar im süßen Weihrauchscheine; der Priester schwieg; nun brauste die Musik vom Chor herab zur Tiefe der Gemeine. So stürzt ein sonnetrunkner Aar vom Himmel sich mit herrlichem Gefieder, so läßt Jehovens Mantel unsichtbar sich stürmend aus den Wolken nieder.

Dazwischen hört' ich eine Stimme wehen, die sanft den Sturm der Chöre unterbrach; sie schmiegte sich mit schwesterlichem Flehen dem süß verwandten Ton der Flöte nach.

Wer ist's, der diese Himmelsklänge schickt? Das Mädchen dort, das so bescheiden blickt. Ich eile sachte auf die Galerie; zwar klopft mein Herz, doch tret' ich hinter sie. Hier konnt' ich denn in unschuldsvoller Lust mit leiser Hand ihr festlich Kleid berühren, ich konnte still, ihr selber unbewußt, die nahe Regung ihres Wesens spüren.

Doch, welch ein Blick und welche Miene, als ich das Wort nun endlich nahm und nun der Name Josephine mir herzlich auf die Lippen kam! Welch zages Spiel die braunen Augen hatten! Wie barg sich unterm tiefgesenkten Schatten der Wimper gern die ros'ge Scham!

Und wie der Mund, der eben im Gesang die Gottheit noch auf seiner Schwelle hegte, sich von der Töne heil'gem Überschwang zu mir mit schlichter Rede herbewegte!

O dieser Ton -- ich fühlt' es nur zu bald, schlich sich ins Herz und macht' es tief erkranken; ich stehe wie ein Träumer in Gedanken, indes die Orgel nun verhallt, die Sängerin vorüberwallt, die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken.

Peregrina.

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten einer einst heiligen Liebe. Schaudernd entdeckt' ich verjährten Betrug. Und mit weinendem Blick, doch grausam, hieß ich das schlanke, zauberhafte Mädchen ferne gehen von mir. Ach, ihre hohe Stirn war gesenkt, denn sie liebte mich; aber sie zog mit Schweigen fort in die graue Welt hinaus.

Krank seitdem, wund ist und wehe mein Herz. Nimmer wird es genesen!

Als ginge, luftgesponnen, ein Zauberfaden von ihr zu mir, ein ängstig Band, so zieht es, zieht mich schmachtend ihr nach! -- Wie? wenn ich eines Tags auf meiner Schwelle sie sitzen fände, wie einst, im Morgenzwielicht, das Wanderbündel neben ihr, und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend, sagte: Da bin ich wieder hergekommen aus weiter Welt!

Das verlassene Mägdlein.

Früh, wann die Hähne krähn, eh' die Sternlein verschwinden, muß ich am Herde stehn, muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein, es springen die Funken; ich schaue so drein, in Leid versunken.

Plötzlich, da kommt es mir, treuloser Knabe, daß ich die Nacht von dir geträumet habe.

Träne auf Träne dann stürzet hernieder; so kommt der Tag heran -- o ging' er wieder!

Agnes.

Rosenzeit! wie schnell vorbei, schnell vorbei bist du doch gegangen! Wär' mein Lieb nur blieben treu, blieben treu, sollte mir nicht bangen.

Um die Ernte wohlgemut, wohlgemut Schnitterinnen singen. Aber ach! mir kranken Blut, mir kranken Blut will nichts mehr gelingen.

Schleiche so durchs Wiesental, so durchs Tal als im Traum verloren, Nach dem Berg, da tausendmal, tausendmal, er mir Treu' geschworen.

Oben auf des Hügels Rand, abgewandt, wein' ich bei der Linde; an dem Hut mein Rosenband, von seiner Hand, spielet in dem Winde.

An eine Äolsharfe.

Angelehnt an die Efeuwand dieser alten Terrasse, du, einer lustgebornen Muse geheimnisvolles Saitenspiel, fang' an, fange wieder an deine melodische Klage!

Ihr kommet, Winde, fern herüber, ach! von des Knaben, der mir so lieb war, frisch grünendem Hügel. Und Frühlingsblüten unterweges streifend, übersättigt mit Wohlgerüchen, wie süß bedrängt ihr dies Herz! Und säuselt her in die Saiten, angezogen von wohllautender Wehmut, wachsend im Zug meiner Sehnsucht, und hinsterbend wieder.

Aber auf einmal, wie der Wind heftiger herstößt, ein holder Schrei der Harfe wiederholt, mir zu süßem Erschrecken, meiner Seele plötzliche Regung; und hier -- die volle Rose streut, geschüttelt, all' ihre Blätter vor meine Füße!

Gesang Weylas.

Du bist Orplid, mein Land! Das ferne leuchtet; vom Meere dampfet dein besonnter Strand den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen verjüngt um deine Hüften, Kind! vor deiner Gottheit beugen sich Könige, die deine Wärter sind.

Heimweh.

Anders wird die Welt mit jedem Schritt, den ich weiter von der Liebsten mache; mein Herz, das will nicht weiter mit. Hier scheint die Sonne kalt ins Land, hier deucht mir alles unbekannt, sogar die Blumen am Bache! Hat jede Sache so fremd eine Miene, so falsch ein Gesicht. Das Bächlein murmelt wohl und spricht: Armer Knabe, komm bei mir vorüber, siehst auch hier Vergißmeinnicht! -- Ja, die sind schön an jedem Ort, aber nicht wie dort! Fort, nur fort! Die Augen gehn mir über!

Auf einer Wanderung.

In ein freundliches Städtchen tret' ich ein, in den Straßen liegt roter Abendschein. Aus einem offnen Fenster eben, über den reichsten Blumenflor hinweg, hört man Goldglockentöne schweben, und eine Stimme scheint ein Nachtigallenchor, daß die Blüten beben, daß die Lüfte leben, daß in höherem Rot die Rosen leuchten vor.

Lang' hielt ich staunend, lustbeklommen. Wie ich hinaus vors Tor gekommen, ich weiß es wahrlich selber nicht. Ach hier, wie liegt die Welt so licht! Der Himmel wogt in purpurnem Gewühle, rückwärts die Stadt in goldnem Rauch; Wie rauscht der Erlenbach, wie rauscht im Grund die Mühle! Ich bin wie trunken, irregeführt, -- o Muse, du hast mein Herz berührt mit einem Liebeshauch!

Auf eine Christblume.

1.

Tochter des Walds, du Lilienverwandte, so lang' von mir gesuchte, unbekannte, im fremden Kirchhof, öd' und winterlich, zum erstenmal, o schöne, find' ich dich!

Von welcher Hand gepflegt du hier erblühtest, ich weiß es nicht, noch wessen Grab du hütest; ist es ein Jüngling, so geschah ihm Heil, ist's eine Jungfrau, lieblich fiel ihr Teil.

Im nächt'gen Hain, von Schneelicht überbreitet, wo fromm das Reh an dir vorüberweidet, bei der Kapelle, am kristallnen Teich, dort sucht' ich deiner Heimat Zauberreich.

Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne; dir wäre tödlich andrer Blumen Wonne, dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft, himmlischer Kälte balsamsüße Luft.

In deines Busens goldner Fülle gründet ein Wohlgeruch, der sich nur kaum verkündet; so duftete, berührt von Engelshand, der benedeiten Mutter Brautgewand.

Dich würden, mahnend an das heil'ge Leiden, fünf Purpurtropfen schön und einzig kleiden: Doch kindlich zierst du um die Weihnachtzeit lichtgrün mit einem Hauch dein weißes Kleid.

Der Elfe, der in mitternächt'ger Stunde zum Tanze geht im lichterhellen Grunde, vor deiner mystischen Glorie steht er scheu neugierig still von fern und huscht vorbei.

2.

Im Winterboden schläft, ein Blumenkeim, der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel in Frühlingsnächten wiegt' den samtnen Flügel; nie soll er kosten deinen Honigseim.

Wer aber weiß, ob nicht sein zarter Geist, wenn jede Zier des Sommers hingesunken, dereinst, von deinem leisen Dufte trunken, mir unsichtbar, dich blühende umkreist?

An meine Mutter.

Siehe, von allen den Liedern nicht eines gilt dir, o Mutter! Dich zu preisen, o glaub's, bin ich zu arm und zu reich. Ein noch ungesungenes Lied ruhst du mir im Busen, keinem vernehmbar sonst, mich nur zu trösten bestimmt, wenn sich das Herz unmutig der Welt abwendet und einsam seines himmlischen Teils bleibenden Frieden bedenkt.

Historie von der schönen Lau

Der Blautopf ist der große runde Kessel eines wundersamen Quells bei einer jähen Felsenwand gleich hinter dem Kloster. Gen Morgen sendet er ein Flüßchen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß.

Zu unterst auf dem Grund saß ehemals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet, und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen, als: Gold- und Silbergeschirr, Becher, Schalen, kleine Messer und andre Dinge, dawider zwar, als einen heidnischen Gebrauch und Götzendienst, die Mönche redlich eiferten, bis derselbe auch endlich ganz abgestellt worden. So feind darum die Wasserfrau dem Kloster war, geschah es doch nicht selten, wenn Pater Emeran die Orgel drüben schlug und kein Mensch in der Nähe war, daß sie am lichten Tag mit halbem Leib heraufkam und zuhorchte; dabei trug sie zuweilen einen Kranz von breiten Blättern auf dem Kopf und auch dergleichen um den Hals.

Ein frecher Hirtenjung' belauschte sie einmal in dem Gebüsch und rief: »Hei, Laubfrosch! git's guat Wetter?« Geschwinder als ein Blitz und giftiger als eine Otter fuhr sie heraus, ergriff den Knaben beim Schopf und riß ihn mit hinunter in eine ihrer nassen Kammern, wo sie den ohnmächtig Gewordenen jämmerlich verschmachten und verfaulen lassen wollte. Bald aber kam er wieder zu sich, fand eine Tür und kam, über Stufen und Gänge, durch viele Gemächer in einen schönen Saal. Hier war es lieblich, glusam mitten im Winter. In einer Ecke brannte, indem die Lau und ihre Dienerschaft schon schlief, auf einem hohen Leuchter mit goldenen Vogelfüßen als Nachtlicht eine Ampel. Es stand viel köstlicher Hausrat herum an den Wänden, und diese waren samt dem Estrich ganz mit Teppichen staffiert, Bildweberei in allen Farben. Der Knabe hurtig nahm das Licht herunter von dem Stock, sah sich in Eile um, was er noch sonst erwischen möchte, und griff aus einem Schrank etwas heraus, das stak in einem Beutel und war mächtig schwer, deswegen er vermeinte, es sei Gold; lief dann und kam vor ein erzenes Pförtlein, das mochte in der Dicke gut zwo Fäuste sein, schob die Riegel zurück und stieg eine steinerne Treppe hinauf in unterschiedlichen Absätzen, bald links, bald wieder rechts, gewiß vierhundert Stufen, bis sie zuletzt ausgingen und er auf ungeräumte Klüfte stieß; da mußte er das Licht dahinten lassen und kletterte so mit Gefahr seines Lebens noch eine Stunde lang im Finstern hin und her, dann aber brachte er den Kopf auf einmal aus der Erde. Es war tief Nacht und dicker Wald um ihn. Als er nach vielem Irregehen endlich mit der ersten Morgenhelle auf gänge Pfade kam und von dem Felsen aus das Städtlein unten erblickte, verlangte ihn am Tag zu sehen, was in dem Beutel wäre; da war es weiter nichts als ein Stück Blei, ein schwerer Kegel, spannenlang, mit einem Öhr an seinem obern Ende, weiß vor Alter. Im Zorn warf er den Plunder weg, ins Tal hinab, und sagte nachher weiter niemand von dem Raub, weil er sich dessen schämte. Doch kam von ihm die erste Kunde von der Wohnung der Wasserfrau unter die Leute.

Nun ist zu wissen, daß die schöne Lau nicht hier am Ort zu Hause war; vielmehr war sie, als eine Fürstentochter, und zwar, von Mutterseiten her halbmenschlichen Geblüts, mit einem alten Donaunix am Schwarzen Meer vermählt. Ihr Mann verbannte sie, darum, daß sie nur tote Kinder hatte. Das aber kam, weil sie stets traurig war, ohn' einige besondere Ursach'. Die Schwiegermutter hatte ihr geweissagt, sie möge eher nicht eines lebenden Kindes genesen, als bis sie fünfmal von Herzen gelacht haben würde. Beim fünften Male müßte etwas sein, das dürfe sie nicht wissen, noch auch der alte Nix. Es wollte aber damit niemals glücken, soviel auch ihre Leute deshalb Fleiß anwendeten; endlich da mochte sie der alte König ferner nicht an seinem Hofe leiden und sandte sie an diesen Ort, unweit der obern Donau, wo seine Schwester wohnte. Die Schwiegermutter hatte ihr zum Dienst und Zeitvertreib etliche Kammerzofen und Mägde mitgegeben, so muntere und kluge Mädchen, als je auf Entenfüßen gingen (denn was von dem gemeinen Stamm der Wasserweiber ist, hat rechte Entenfüße); die zogen sie, pur für die Langeweile, sechsmal des Tages anders an -- denn außerhalb dem Wasser ging sie in köstlichen Gewändern, doch barfuß --, erzählten ihr alte Geschichten und Mären, machten Musik, tanzten und scherzten vor ihr. An jenem Saal, darin der Hirtenbub gewesen, war der Fürstin ihr Gaden oder Schlafgemach, von welchem eine Treppe in den Blautopf ging. Da lag sie manchen lieben Tag und manche Sommernacht, der Kühlung wegen. Auch hatte sie allerlei lustige Tiere, wie Vögel, Küllhasen und Affen, vornehmlich aber einen possigen Zwerg, durch welchen vormals einem Ohm der Fürstin war von ebensolcher Traurigkeit geholfen worden. Sie spielte alle Abend Damenziehen, Schachzagel oder Schaf und Wolf mit ihm; so oft er einen ungeschickten Zug getan, schnitt er die raresten Gesichter, keines dem andern gleich, nein, immer eines ärger als das andere, daß auch der weise Salomo das Lachen nicht gehalten hätte, geschweige denn die Kammerjungfern oder du selber, liebe Leserin, wärst du dabei gewesen; nur bei der schönen Lau schlug eben gar nichts an, kaum daß sie ein paarmal den Mund verzog.

Es kamen alle Jahr um Winters Anfang Boten von daheim, die klopften an der Halle mit dem Hammer, da frugen dann die Jungfern:

Wer pochet, daß einem das Herz erschrickt?

Und jene sprachen:

Der König schickt! Gebt uns wahrhaftigen Bescheid, was Guts ihr habt geschafft die Zeit.

Und sie sagten:

Wir haben die ferndigen[1] Lieder gesungen und haben die ferndigen Tänze gesprungen, gewonnen war es um ein Haar! -- Kommt, liebe Herren, übers Jahr.

[1] vom vorigen.

So zogen sie wieder nach Haus. Die Frau war aber vor der Botschaft und darnach stets noch einmal so traurig.

Im Nonnenhof war eine dicke Wirtin, Frau Betha Seysolffin, ein frohes Biederweib, christlich, leutselig, gütig; zumal an armen reisenden Gesellen bewies sie sich als eine rechte Fremdenmutter. Die Wirtschaft führte zumeist ihr ältster Sohn, Stephan, welcher verehlicht war; ein anderer, Xaver, war Klosterkoch, zwo Töchter noch bei ihr. Sie hatte einen kleinen Küchengarten vor der Stadt, dem Topf zunächst. Als sie im Frühjahr einst am ersten warmen Tag dort war und ihre Beete richtete, den Kappis[2], den Salat zu säen, Bohnen und Zwiebel zu stecken, besah sie sich von ungefähr auch einmal recht mit Wohlgefallen wieder das schöne blaue Wasser überm Zaun und mit Verdruß daneben einen alten garstigen Schutthügel, der schändete den ganzen Platz; nahm also, wie sie fertig war mit ihrer Arbeit und das Gartentürlein hinter sich zugemacht hatte, die Hacke noch einmal, riß flink das gröbste Unkraut aus, erlas etliche Kürbiskern' aus ihrem Samenkorb und steckte hin und wieder einen in den Haufen. (Der Abt im Kloster, der die Wirtin, als eine saubere Frau, gern sah -- man hätte sie nicht über vierzig Jahr geschätzt, er selber aber war gleich ihr ein starkbeleibter Herr -- stand just am Fenster oben und grüßte herüber, indem er mit dem Finger drohte, als halte sie zu seiner Widersacherin.) Die Wüstung grünte nun den ganzen Sommer, daß es eine Freude war, und hingen dann im Herbst die großen gelben Kürbis an den Abhang nieder bis zu dem Teich.

[2] Kohl.

Jetzt ging einstmals der Wirtin Tochter, Jutta, in den Keller, woselbst sich noch von alten Zeiten her ein offener Brunnen mit einem steinernen Kasten befand. Beim Schein des Lichts erblickte sie darinne mit Entsetzen die schöne Lau, schwebend bis an die Brust im Wasser; sprang voller Angst davon und sagt's der Mutter an; die fürchtete sich nicht und stieg allein hinunter, litt auch nicht, daß ihr der Sohn zum Schutz nachfolgte, weil das Weib nackt war.

Der wunderliche Gast sprach diesen Gruß:

»Die Wasserfrau ist kommen gekrochen und geschwommen, durch Gänge steinig, wüst und kraus, zur Wirtin in das Nonnenhaus, sie hat sich meinethalb gebückt, mein' Topf geschmückt mit Früchten und mit Ranken, das muß ich billig danken.«

Sie hatte einen Kreisel aus wasserhellem Stein in ihrer Hand, den gab sie der Wirtin und sagte: »Nehmt dieses Spielzeug, liebe Frau, zu meinem Angedenken! Ihr werdet guten Nutzen davon haben. Denn jüngsthin habe ich gehört, wie Ihr in Eurem Garten der Nachbarin klagtet, Euch sei schon auf die Kirchweih angst, wo immer die Bürger und Bauern zu Unfrieden kämen und Mord und Totschlag zu befahren sei. Derhalben, liebe Frau, wenn wieder die trunkenen Gäste bei Tanz und Zeche Streit beginnen, nehmt den Topf zur Hand und dreht ihn vor der Tür des Saals im Öhrn[3], da wird man hören durch das ganze Haus ein mächtiges und herrliches Getöne, daß alle gleich die Fäuste werden sinken lassen und guter Dinge sein, denn jählings ist ein jeder nüchtern und gescheit geworden. Ist es an dem, so werfet Eure Schürze auf den Topf, da wickelt er sich alsbald ein und lieget stille.«

[3] Hausflur.

So redete das Wasserweib. Frau Betha nahm vergnügt das Kleinod samt der goldenen Schnur und dem Halter von Ebenholz, rief ihrer Tochter Jutta her (sie stand nur hinter dem Krautfaß an der Staffel), wies ihr die Gabe, dankte und lud die Frau, so oft die Zeit ihr lang wär', freundlich ein zu fernerem Besuch, darauf das Weib hinabfuhr und verschwand.

Es dauerte nicht lang', so wurde offenbar, welch einen Schatz die Wirtschaft an dem Topf gewann. Denn nicht allein, daß er durch seine Kraft und hohe Tugend die übeln Händel allezeit in einer Kürze dämpfte, er brachte auch dem Gasthaus bald erstaunliche Einkehr zuwege. Wer in die Gegend kam, gemein oder vornehm, ging ihm zulieb'; insonderheit kam bald der Graf von Helfenstein, von Wirtemberg und etliche große Prälaten; ja ein berühmter Herzog aus Lombardenland, so bei dem Herzoge von Bayern gastweis war und dieses Wegs nach Frankreich reiste, bot vieles Geld für dieses Stück, wenn es die Wirtin lassen wollte. Gewiß auch war in keinem andern Land seinesgleichen zu sehn und zu hören. Erst, wenn er anhub, sich zu drehen, ging es doucement her, dann klang es stärker und stärker, so hoch wie tief, und immer herrlicher, als wie der Schall von vielen Pfeifen, der quoll und stieg durch alle Stockwerke bis unter das Dach und bis in den Keller, dergestalt, daß alle Wände, Dielen, Säulen und Geländer schienen davon erfüllt zu sein, zu tönen und zu schwellen. Wenn nun das Tuch auf ihn geworfen wurde und er ohnmächtig lag, so hörte gleichwohl die Musik so bald nicht auf, es zog vielmehr der ausgeladene Schwall mit starken Klingen, Dröhnen, Summen noch wohl bei einer Viertelstunde hin und her.

Bei uns im Schwabenland heißt so ein Topf aus Holz gemeinhin eine Habergeis; Frau Betha ihrer ward nach seinem vornehmsten Geschäft insgemein genannt der Bauren-Schwaiger. Er war gemacht aus einem großen Amethyst, des Name besagen will: wider den Trunk, weil er den schweren Dunst des Weins geschwinde aus dem Kopf vertreibt, ja schon von Anbeginn dawider tut, daß einen guten Zecher das Selige berühre; darum ihn auch weltlich und geistliche Herren sonst häufig pflegten am Finger zu tragen.

Die Wasserfrau kam jeden Mond einmal, auch je und je unverhofft zwischen der Zeit, weshalb die Wirtin eine Schelle richten ließ, oben im Haus, mit einem Draht, der lief herunter an der Wand beim Brunnen, damit sie sich gleichbald anzeigen konnte. Also ward sie je mehr und mehr zutunlich zu den wackeren Frauen, der Mutter samt den Töchtern und der Söhnerin.

Einstmals an einem Nachmittag im Sommer, da eben keine Gäste kamen, der Sohn mit den Knechten und Mägden hinaus in das Heu gefahren war, Frau Betha mit der Ältesten im Keller Wein abließ, die Lau im Brunnen aber Kurzweil halben dem Geschäft zusah und nun die Frauen noch ein wenig mit ihr plauderten, da fing die Wirtin an: »Mögt Ihr Euch denn einmal in meinem Haus und Hof umsehn? Die Jutta könnte Euch etwas von Kleidern geben; ihr seid von einer Größe.«

»Ja«, sagte sie, »ich wollte lange gern die Wohnungen der Menschen sehn, was alles sie darin gewerben, spinnen, weben, ingleichen auch wie Eure Töchter Hochzeit machen und ihre kleinen Kinder in der Wiege schwenken.«