Aus der Jugendzeit; Historie von der schönen Lau

Part 1

Chapter 13,577 wordsPublic domain

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_Meisterbücher für das deutsche Haus_

Was deutsch und echt wüßt' keiner mehr, lebt's nicht in deutscher Meister Ehr'.

Aus der Jugendzeit

Historie von der schönen Lau

_Dichtungen_ von Eduard Mörike

mit Federzeichnungen von Franz Stassen

Berlin Verlagsanstalt für Vaterländische Geschichte und Kunst G. m. b. H.

Alle Rechte vorbehalten Copyright 1920 by Verlagsanstalt für Vaterländische Geschichte und Kunst, G. m. b. H., in Berlin

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig

Inhalt.

Seite Aus der Jugendzeit 3 Selbstgeständnis 5 An einem Wintermorgen 6 Erinnerung 10 Lied vom Winde 14 Rat einer Alten 16 Der Knabe und das Immlein 18 Er ist's 20 Zu viel 22 Im Frühling 23 An die Geliebte 25 Der Gärtner 26 Die schöne Buche 28 Nächtliche Fahrt 31 Frage und Antwort 35 Schön-Rotraut 36 Nimmersatte Liebe 39 Der Jäger 41 Jägerlied 44 Scherz 45 Abreise 48 Storchenbotschaft 50 Begegnung 53 In der Frühe 55 Um Mitternacht 56 Gesang zu zweien in der Nacht 58 Josephine 60 Peregrina 64 Das verlassene Mägdlein 66 Agnes 68 An eine Äolsharfe 70 Gesang Weylas 72 Heimweh 74 Auf einer Wanderung 76 Auf eine Christblume 78 An meine Mutter 82

Historie von der schönen Lau 83

Aus der Jugendzeit

Selbstgeständnis.

Ich bin meiner Mutter einzig Kind, und weil die andern ausblieben sind, was weiß ich wie viel, die sechs oder sieben, ist eben alles an mir hängen blieben; ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte für ein ganz halb Dutzend allein aufessen, ich will's mein Lebtag nicht vergessen. Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen, hätt' ich nur auch Schläg' für sechse bekommen.

An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang.

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! Welch neue Welt bewegest du in mir? Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun, den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen; zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn, dem Eindruck naher Wunderkräfte offen, die aus dem klaren Gürtel blauer Luft zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub' ich doch zu schwanken; ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche. Seh' ich hinab in lichte Feenreiche? Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken zur Pforte meines Herzens hergeladen, die glänzend sich in diesem Busen baden, goldfarb'gen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge, wie um die Krippe jener Wundernacht, bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge; wer hat das friedenselige Gedränge in meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke, indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt! Vom ersten Mark des heut'gen Tags getränkt, fühl' ich mir Mut zu jedem frommen Werke. Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht, der Genius jauchzt in mir! Doch sage, warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht? Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht? Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage? -- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn: Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh! am Horizont lüpft sich der Vorhang schon! Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn; die Purpurlippe, die geschlossen lag, haucht, halb geöffnet, süße Atemzüge: Auf einmal blitzt das Aug', und, wie ein Gott, der Tag beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

Erinnerung.

Jenes war zum letzten Male, daß ich mit dir ging, o Klärchen! Ja, das war das letztemal, daß wir uns wie Kinder freuten.

Als wir eines Tages eilig durch die breiten, sonnenhellen, regnerischen Straßen, unter _einem_ Schirm geborgen, liefen; beide heimlich eingeschlossen wie in einem Feenstübchen, endlich einmal Arm in Arme!

Wenig wagten wir zu reden, denn das Herz schlug zu gewaltig; beide merkten wir es schweigend, und ein jedes schob im stillen des Gesichtes glüh'nde Röte auf den Widerschein des Schirmes.

Ach, ein Engel warst du da! Wie du auf den Boden immer blicktest und die blonden Locken um den hellen Nacken fielen!

»Jetzt ist wohl ein Regenbogen hinter uns am Himmel,« sagt' ich, »und die Wachtel dort im Fenster, deucht mir, schlägt noch eins so froh!«

Und im Weitergehen dacht' ich unsrer ersten Jugendspiele, dachte an dein heimatliches Dorf und seine tausend Freuden. -- »Weißt du auch noch,« frug ich dich, »Nachbar Büttnermeisters Höfchen, wo die großen Kufen lagen, drin wir Sonntags nach Mittag uns immer häuslich niederließen, plauderten, Geschichten lasen, während drüben in der Kirche Kinderlehre war -- (ich höre heute noch den Ton der Orgel durch die Stille ringsumher): sage, lesen wir nicht einmal wieder wie zu jenen Zeiten -- just nicht in der Kufe, mein' ich -- den beliebten Robinson?«

Und du lächeltest und bogest mit mir um die letzte Ecke. Und ich bat dich um ein Röschen, das du an der Brust getragen, und mit scheuen Augen schnelle reichtest du mir's hin im Gehen: zitternd hob ich's an die Lippen, küßt' es brünstig zwei- und dreimal; niemand konnte dessen spotten, keine Seele hat's gesehen, und du selber sahst es nicht.

An dem fremden Haus, wohin ich dich zu begleiten hatte, standen wir nun, weißt, ich drückte dir die Hand und --

Dieses war zum letzten Male, daß ich mit dir ging, o Klärchen! Ja, das war das letztemal, daß wir uns wie Kinder freuten.

Lied vom Winde.

Sausewind, Brausewind, dort und hier! Deine Heimat sage mir!

»Kindlein, wir fahren seit viel vielen Jahren durch die weit weite Welt, und möchten's erfragen, die Antwort erjagen, bei den Bergen, den Meeren, bei des Himmels klingenden Heeren: die wissen es nie. Bist du klüger als sie, magst du es sagen. -- Fort, wohlauf! Halt' uns nicht auf! Kommen andre nach, unsre Brüder, da frag' wieder.«

Halt' an! Gemach, eine kleine Frist! Sagt, wo der Liebe Heimat ist, ihr Anfang, ihr Ende?

»Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind, rasch und lebendig, ruhet nie, ewig ist sie, aber nicht immer beständig. -- Fort! Wohlauf! auf! Halt' uns nicht auf! Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen! Wenn ich dein Schätzchen seh', will ich es grüßen. Kindlein, ade!«

Rat einer Alten.

Bin jung gewesen, kann auch mitreden, und alt geworden, drum gilt mein Wort.

Schön reife Beeren am Bäumchen hangen: Nachbar, da hilft kein Zaun um den Garten; lustige Vögel wissen den Weg.

Aber, mein Dirnchen, du laß dir raten: Halte dein Schätzchen wohl in der Liebe, wohl im Respekt! Mit den zwei Fädlein, in eins gedrehet, ziehst du am kleinen Finger ihn nach.

Aufrichtig Herze, doch schweigen können, früh mit der Sonne mutig zur Arbeit, gesunde Glieder, saubere Linnen, das machet Mädchen und Weibchen wert.

Bin jung gewesen, kann auch mitreden, und alt geworden, drum gilt mein Wort.

Der Knabe und das Immlein.

Im Weinberg auf der Höhe ein Häuslein steht so windebang; hat weder Tür noch Fenster, die Weile wird ihm lang.

Und ist der Tag so schwüle, sind all verstummt die Vögelein, summt an der Sonnenblume ein Immlein ganz allein.

Mein Lieb hat einen Garten, da steht ein hübsches Immenhaus: Kommst du daher geflogen? Schickt sie dich nach mir aus?

»O nein, du feiner Knabe, es hieß mich niemand Boten gehn; dies Kind weiß nichts von Lieben, hat dich noch kaum gesehn.

»Was wüßten auch die Mädchen, wenn sie kaum aus der Schule sind! Dein herzallerliebstes Schätzchen ist noch ein Mutterkind.

»Ich bring' ihm Wachs und Honig; ade! -- ich hab' ein ganzes Pfund; wie wird das Schätzchen lachen, ihm wässert schon der Mund.«

Ach, wolltest du ihr sagen, ich wüßte, was viel süßer ist: Nichts Lieblichers auf Erden, als wenn man herzt und küßt!

Er ist's.

Frühling läßt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte; süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land. Veilchen träumen schon, wollen balde kommen. -- Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist's! Dich hab' ich vernommen!

Zu viel.

Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte, ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen, die starre Welt zerfließt in Liebessegen und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.

Am Dorfeshang, dort bei der luft'gen Fichte, ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen -- o Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen, daß all der Wonnestreit in dir sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den süßen Zauber lösen, womit Natur in meinem Innern wühlet! Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!

Lisch aus, o Tag! Laß mich in Nacht genesen! Indes ihr sanften Sterne göttlich kühlet, will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

Im Frühling.

Hier lieg' ich auf dem Frühlingshügel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus. ach, sag' mir, alleinzige Liebe, wo du bleibst, daß ich bei dir bliebe! Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus.

Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen, sehnend, sich dehnend in Lieben und Hoffen. Frühling, was bist du gewillt? Wann werd' ich gestillt?

Die Wolke seh' ich wandeln und den Fluß, es dringt der Sonne goldner Kuß mir tief bis ins Geblüt hinein; die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet. Ich denke dies und denke das, ich sehne mich, und weiß nicht recht nach was: Halb ist es Lust, halb ist es Klage; mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? -- Alte, unnennbare Tage!

An die Geliebte.

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge, dann hör' ich recht die leisen Atemzüge des Engels, welcher sich in dir verhüllt,

Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, daß nun in dir, zu ewiger Genüge, mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt?

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr' ich den Blick nach oben hin, zum Himmel auf, da lächeln alle Sterne; ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Der Gärtner.

Auf ihrem Leibrößlein, so weiß wie der Schnee, die schönste Prinzessin reit't durch die Allee.

Der Weg, den das Rößlein hintanzet so hold, der Sand, den ich streute, er blinket wie Gold.

Du rosenfarbs Hütlein, wohl auf und wohl ab, o wirf eine Feder verstohlen herab!

Und willst du dagegen eine Blüte von mir, nimm tausend für eine, nimm alle dafür!

Die schöne Buche.

Ganz verborgen im Wald kenn' ich ein Plätzchen, da stehet eine Buche, man sieht schöner im Bilde sie nicht. Rein und glatt, in gediegenem Wuchs erhebt sie sich einzeln, keiner der Nachbarn rührt ihr an den seidenen Schmuck. Rings, so weit sein Gezweig der stattliche Baum ausbreitet, grünet der Rasen, das Aug' still zu erquicken, umher; Gleich nach allen Seiten umzirkt er den Stamm in der Mitte; kunstlos schuf die Natur selber dies liebliche Rund. Zartes Gebüsch umkränzet es erst; hochstämmige Bäume, folgend in dichtem Gedräng', wehren dem himmlischen Blau. Neben der dunkleren Fülle des Eichbaums wieget die Birke ihr jungfräuliches Haupt schüchtern im goldenen Licht. Nur wo, verdeckt vom Felsen, der Fußsteig jäh sich hinabschlingt, lässet die Hellung mich ahnen das offene Feld. -- Als ich unlängst einsam, von neuen Gestalten des Sommers ab dem Pfade gelockt, dort im Gebüsch mich verlor, Führt' ein freundlicher Geist, des Hains auflauschende Gottheit, hier mich zum erstenmal, plötzlich, den Staunenden, ein. Welch Entzücken! Es war um die hohe Stunde des Mittags, lautlos alles, es schwieg selber der Vogel im Laub. Und ich zauderte noch, auf den zierlichen Teppich zu treten; festlich empfing er den Fuß, leise beschritt ich ihn nur. Jetzo, gelehnt an den Stamm (er trägt sein breites Gewölbe nicht zu hoch), ließ ich rundum die Augen ergehn, Wo den beschatteten Kreis die feurig strahlende Sonne, fast gleich messend umher, säumte mit blendendem Rand. Aber ich stand und rührte mich nicht; dämonischer Stille, unergründlicher Ruh' lauschte mein innerer Sinn. Eingeschlossen mit dir in diesem sonnigen Zauber- gürtel, o Einsamkeit, fühlt' ich und dachte nur dich!

Nächtliche Fahrt.

Jüngst im Traum ward ich getragen über fremdes Heideland; vor den halbverschloßnen Wagen schien ein Trauerzug gespannt.

Dann durch mondbeglänzte Wälder ging die sonderbare Fahrt, bis der Anblick offner Felder endlich mir bekannter ward.

Wie im lustigen Gewimmel tanzt nun Busch und Baum vorbei. Und ein Dorf nun -- guter Himmel! O mir ahnet, was es sei.

Sah ich doch vorzeiten gerne diese Häuser oft und viel, die am Wagen die Laterne streift im stummen Schattenspiel.

Ja, dort unterm Giebeldache schlummerst du, vergeßlich Herz! Und daß dein Getreuer wache, sagt dir kein geheimer Schmerz.

-- Ferne waren schon die Hütten; sieh, da flattert's durch den Wind! Eine Gabe zu erbitten schien ein armes, holdes Kind.

Wie vom bösen Geist getrieben, werf' ich rasch der Bettlerin ein Geschenk von meiner Lieben, jene goldne Kette, hin.

Plötzlich scheint ein Rad gebunden, und der Wagen steht gebannt, und das schöne Mädchen unten hält mich schelmisch bei der Hand.

»Denkt man so damit zu schalten? So entdeck' ich den Betrug? Doch den Wagen festzuhalten, war die Kette stark genug.

»Willst du, daß ich dir verzeihe, sei erst selber wieder gut! Oder wo ist deine Treue, böser Junge, falsches Blut?«

Und sie streichelt mir die Wange, küßt mir das erfrorne Kinn, steht und lächelt, weinet lange als die schönste Büßerin.

Doch mir bleibt der Mund verschlossen, und kaum weiß ich, was geschehn; ganz in ihren Arm gegossen, schien ich selig zu vergehn.

Und nun fliegt mit uns, ihr Pferde, in die graue Welt hinein! Unter uns vergeh' die Erde, und kein Morgen soll mehr sein!

Frage und Antwort.

Fragst du mich, woher die bange Liebe mir zum Herzen kam, und warum ich ihr nicht lange schon den bittern Stachel nahm?

Sprich, warum mit Geisterschnelle wohl der Wind die Flügel rührt, und woher die süße Quelle die verborgnen Wasser führt?

Banne du auf seiner Fährte mir den Wind in vollem Lauf! Halte mit der Zaubergerte du die süßen Quellen auf!

Schön-Rotraut.

Wie heißt König Ringangs Töchterlein? Rotraut, Schön-Rotraut. Was tut sie denn den ganzen Tag, da sie wohl nicht spinnen und nähen mag? Tut fischen und jagen. O daß ich doch ihr Jäger wär'! Fischen und jagen freute mich sehr. -- Schweig stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil', Rotraut, Schön-Rotraut, so dient der Knab' auf Ringangs Schloß in Jägertracht und hat ein Roß, mit Rotraut zu jagen. O daß ich doch ein Königssohn wär'! Rotraut, Schön-Rotraut lieb' ich so sehr. -- Schweig stille, mein Herze!

Einsmals sie ruhten am Eichenbaum, da lacht Schön-Rotraut: »Was siehst mich an so wunniglich? Wenn du das Herz hast, küsse mich!« Ach erschrak der Knabe! Doch denket er: 'mir ist's vergunnt', und küsset Schön-Rotraut auf den Mund. -- Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim, Rotraut, Schön-Rotraut; es jauchzt der Knab' in seinem Sinn: 'Und würd'st du heute Kaiserin, mich sollt's nicht kränken! Ihr tausend Blätter im Walde wißt, ich hab' Schön-Rotrauts Mund geküßt! -- Schweig stille, mein Herze!'

Nimmersatte Liebe.

So ist die Lieb'! So ist die Lieb'! Mit Küssen nicht zu stillen: Wer ist der Tor und will ein Sieb mit eitel Wasser füllen? Und schöpfst du an die tausend Jahr' und küssest ewig, ewig gar, du tust ihr nie zu Willen.

Die Lieb', die Lieb' hat alle Stund' neu wunderlich Gelüsten; wir bissen uns die Lippen wund, da wir uns heute küßten. Das Mädchen hielt in guter Ruh', wie's Lämmlein unterm Messer. Ihr Auge bat: 'Nur immer zu! Je weher, desto besser!'

So ist die Lieb', und war auch so, wie lang' es Liebe gibt, und anders war Herr Salomo, der Weise, nicht verliebt.

Der Jäger.

Drei Tage Regen fort und fort, kein Sonnenschein zur Stunde; drei Tage lang kein gutes Wort aus meiner Liebsten Munde!

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr, so hat sie's haben wollen; mir aber nagt's am Herzen hier, das Schmollen und das Grollen.

Willkommen denn, des Jägers Lust, Gewittersturm und Regen! Fest zugeknöpft die heiße Brust, und jauchzend euch entgegen!

Nun sitzt sie wohl daheim und lacht und scherzt mit den Geschwistern; ich höre in des Waldes Nacht die alten Blätter flüstern.

Nun sitzt sie wohl und weinet laut im Kämmerlein, in Sorgen; mir ist es wie dem Wilde traut, in Finsternis geborgen.

Kein Hirsch und Rehlein überall! Ein Schuß zum Zeitvertreibe! Gesunder Knall und Widerhall erfrischt das Mark im Leibe. --

Doch wie der Donner nun verhallt in Tälern, durch die Runde, ein plötzlich Weh mich überwallt, mir sinkt das Herz zu Grunde.

Sie trutzt mit mir und ich mit ihr, so hat sie's haben wollen, mir aber frißt's am Herzen hier, das Schmollen und das Grollen.

Und auf! und nach der Liebsten Haus! Und sie gefaßt ums Mieder! »Drück' mir die nassen Locken aus, und küss' und hab' mich wieder!«

Jägerlied.

Zierlich ist des Vogels Tritt im Schnee, wenn er wandelt auf des Berges Höh': Zierlicher schreibt Liebchens liebe Hand, schreibt ein Brieflein mir in ferne Land'.

In die Lüfte hoch ein Reiher steigt, dahin weder Pfeil noch Kugel fleugt: Tausendmal so hoch und so geschwind die Gedanken treuer Liebe sind.

Scherz.

Einen Morgengruß ihr früh zu bringen und mein Morgenbrot bei ihr zu holen, geh' ich sachte an des Mädchens Türe, öffne rasch, da steht mein schlankes Bäumchen vor dem Spiegel schon und wäscht sich emsig. O wie lieblich träuft die weiße Stirne, träuft die Rosenwange Silbernässe! Hangen aufgelöst die süßen Haare! Locker spielen Tücher und Gewänder. Aber wie sie zagt und scheucht und abwehrt! Gleich, sogleich soll ich den Rückzug nehmen! »Närrchen,« rief ich, »sei mir so kein Närrchen: Das ist Brautrecht, ist Verlobtensitte. Laß mich nur, ich will ja blind und lahm sein, will den Kopf und alle beide Augen in die Fülle deiner Locken stecken, will die Hände mit den Flechten binden --« »Nein, du gehst!« -- »Im Winkel laß mich stehen, dir bescheidentlich den Rücken kehren!« »Ei, so mag's, damit ich Ruhe habe!«

Und ich stand gehorsam in der Ecke, lächerlich, wie ein gestrafter Junge, der die Lektion nicht wohl bestanden, muckste nicht und kühlte mir die Lippen an der weißen Wand mit leisem Kusse, eine volle, eine lange Stunde; ja, so wahr ich lebe. Doch, wer etwa einen kleinen Zweifel möchte haben (was ich ihm just nicht verargen dürfte), nun, der frage nur das Mädchen selber: Die wird ihn -- noch zierlicher belügen.

Abreise.

Fertig schon zur Abfahrt steht der Wagen, und das Posthorn bläst zum letzten Male. Sagt, wo bleibt der vierte Mann so lange? Ruft ihn, soll er nicht dahinten bleiben! -- Indes fällt ein rascher Sommerregen; eh' man hundert zählt, ist er vorüber; fast zu kurz, den heißen Staub zu löschen; doch auch diese Letzung ist willkommen. Kühlung füllt und Wohlgeruch den weiten Platz, und an den Häusern ringsum öffnet sich ein Blumenfenster um das andre. Endlich kommt der junge Mann. Geschwinde! Eingestiegen! -- Und fort rollt der Wagen. Aber sehet, auf dem nassen Pflaster vor dem Posthaus, wo er stillgehalten, läßt er einen trocknen Fleck zurücke, lang und breit, sogar die Räder sieht man angezeigt, und wo die Pferde standen. Aber dort in jenem hübschen Hause, drin der Jüngling sich so lang' verweilte, steht ein Mädchen hinterm Fensterladen, blicket auf die weiß gelass'ne Stelle, hält ihr Tüchlein vors Gesicht und weinet. Mag es ihr so ernst sein? Ohne Zweifel; doch der Jammer wird nicht lange währen: Mädchenaugen, wißt ihr, trocknen hurtig, und eh' auf dem Markt die Steine wieder alle hell geworden von der Sonne, könnet ihr den Wildfang lachen hören.

Storchenbotschaft.

Des Schäfers sein Haus und das steht auf zwei Rad, steht hoch auf der Heiden, so frühe wie spat; und wenn nur ein mancher so'n Nachtquartier hätt'! Ein Schäfer tauscht nicht mit dem König sein Bett.

Und käm' ihm zur Nacht auch was Seltsames vor, er betet sein Sprüchel und legt sich aufs Ohr; ein Geistlein, ein Hexlein, so luftige Wicht', sie klopfen ihm wohl, doch er antwortet nicht.

Einmal doch, da ward es ihm wirklich zu bunt: Es knopert am Laden, es winselt der Hund; nun ziehet mein Schäfer den Riegel -- ei schau! Da stehen zwei Störche, der Mann und die Frau.

Das Pärchen, es machet ein schön Kompliment, es möchte gern reden, ach, wenn es nur könnt'! Was will mir das Ziefer? -- ist so was erhört? Doch ist mir wohl fröhliche Botschaft beschert.

Ihr seid wohl dahinten zu Hause am Rhein? Ihr habt wohl mein Mädel gebissen ins Bein? Nun weinet das Kind und die Mutter noch mehr, sie wünschet den Herzallerliebsten sich her?

Und wünschet daneben die Taufe bestellt: Ein Lämmlein, ein Würstlein, ein Beutelein Geld? So sagt nur, ich käm' in zwei Tag oder drei, und grüßt mir mein Bübel und rührt ihm den Brei!

Doch halt! warum stellt ihr zu zweien euch ein? Es werden doch, hoff' ich, nicht Zwillinge sein? -- Da klappern die Störche im lustigsten Ton, sie nicken und knicksen und fliegen davon.

Begegnung.

Was doch heut nacht ein Sturm gewesen, bis erst der Morgen sich geregt! Wie hat der ungebetne Besen Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen, das halb verschüchtert um sich sieht; wie Rosen, die der Wind zerblasen, so unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen, er will ihr voll Entzücken nahn: Wie sehn sich freudig und verlegen die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen die Zöpfe schon zurecht gemacht, die heute nacht im offnen Stübchen ein Sturm in Unordnung gebracht.