Aus dem Morgenlande: Altes und Neues
Part 16
Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt war (~bi-ni-pe~), welches wörtlich so viel als „Wunderding“, „Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.
Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um daran den Nachweis zu führen, welche Bedeutung den Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf, daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird, bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten, das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die Pyramidentexte es nicht verschmäht hatten, mitten in das uralte Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.
Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte, sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.
Im Faijum.
Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500 v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal -- es ist derselbe, welcher heute den Namen des Josephskanals trägt -- in das Sandbecken der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten. Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an bis zum Plinius hin ist das klassische Altertum darüber einig, daß der +Mörissee+ (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte ~meri~ für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung ~jom~, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.
Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat, nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können. Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen, in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Deltagebiet stets ein erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.
Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.
Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und „der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt, man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen, wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed, wo fährst du hin? -- Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. -- So sei dir Heil auf der Reise beschieden! -- O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! -- Mein Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu haben. -- Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“ schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko, denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide, welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide, beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose, als habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König +Snofru+ nennen, den Vorgänger Königs +Chufu+-Cheops, den Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.
Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen. Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen Straßen der Städte noch auf offenen Feldwegen umzusehen, um einem vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart fesselt ihren geistigen Blick.
Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen, dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt, durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch, Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des „Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten Faijum bildet.
Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“ einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie, dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000 Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in Augenschein zu nehmen. Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, +Lahun+ weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung ~La-hunet~, d. i. „die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form in dem Namen des Labyrinths, d. i. ~Lapi-ro-hinet~, „der Tempel der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung, woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe, allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne betrachtet den Eindruck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.
Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem +Bahr-bela-ma+, welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte, welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag, allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen. Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt ägyptischen bemerkenswert absticht.
Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen. Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei Eseljungen sitzen wir endlich im Sattel und haben Gelegenheit, ein wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten. Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal, auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken -- ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale -- sind in kurzen Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus, neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.