Aus dem Morgenlande: Altes und Neues
Part 14
Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine einbalsamierte Gazelle, das Lieblingstier einer der Prinzessinnen, fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.
Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte, welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt, daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen. Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der thebanischen Ebene zu überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum in Bulak anzutreten.
Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle. Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.
Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und an die Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte, ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren Gastgelagen.“
Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen. Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vornehmen, schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich betreten habe diese Grabeswelt.
„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand vermag sich seiner zu erwehren.“
Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.
Die großen Ramessiden.
Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr morgens.
Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst den übrigen Mumien königlicher Herkunft aufbewahrt werden, tragen die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233, setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte. Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte, deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.
„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare, spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig, schmal, die Augenbrauen treten im Bogen hervor, das Auge ist klein, die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt; er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken darauf.“
Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität, aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67 Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben mußte.
Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari) gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern. Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.
Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns, daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste, aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden: das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ der Chediw den Saal.
Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen. Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken, unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke des Todes fettleibig.
Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II. gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber: Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses II. gab.
Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.
Pyramiden mit Inschriften.
Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren. Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu öffnen.
Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch hoher Wert zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?
Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber beschäftigt.
Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden, welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.