Aus dem Morgenlande: Altes und Neues

Part 13

Chapter 133,512 wordsPublic domain

Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf die berühmte Pyramide von +Meidum+, die in der That noch nicht geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur einigermaßen darin vorzudringen.

Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen -- und das ist doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!

Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten, daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen. Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. -- Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten wiederkehrt.

Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben -- die Wüste ist ja Felsboden -- dann unten in diesem sogenannten +Brunnen+, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war, wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie, hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die Totenopfer spenden konnten.

Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur Epoche der thebanischen Könige.

Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak -- er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden -- und daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese Königsgräber vorhanden).

Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden, um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges, welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein, anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens. Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist, welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten. Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt, folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste, welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des „goldenen Saals“.

Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“, befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen, seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.

Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten, welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten. Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert, nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint. Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen, welcher bestimmten Art sie waren.

Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte diese doch nicht verhindern -- kommt es ja doch auch in unseren aufgeklärten Zeiten vor -- daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen. Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah, ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX. einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden. Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt wurde.

Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller, Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.

Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen, daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten, ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.

Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.

Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen -- man konnte ja nicht anders -- daß der Inhalt jener Gräber, die heute offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger, waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?

Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich hier um Könige handle, die in den Gräbern von +Biban-el-moluk+ -- so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber -- beigesetzt worden waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. -- Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.

Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der kostbaren Fundgrube zu öffnen.

Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah, etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80 Meter Länge.

„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt. Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine Ecke geworfen hätte.

„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe: Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu, Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie. Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II. der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume, wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.

„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten, Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen, welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und der Julihitze bedeuten mußte.

„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils, folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf einige schöne Entdeckungen hoffen. -- Mit so thätigen und ergebenen Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet. Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der Wissenschaft erwiesen haben.“

Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume ausgebessert oder zerbrochen -- sie lassen den Stil der 18. und 19. Dynastie erkennen -- zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.

Särge der ersten Gruppe:

1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne eine sichtbare Aufschrift.

2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben 1,8 Meter.

3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).

4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68 Meter lang.

5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere 1,65 Meter lang.

6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.

7. Sarg der Prinzessin Sitamun.

8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin Miritamun bestimmt.

9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des Königs“ bezeichnet.

10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao Amenophis I.

11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter der Vorhergehenden.

12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.

13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.

14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.

15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der Königin Haitschepsu lautend.

16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers Thutmos III.

17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere noch nicht wiedererkannt.

18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen Sesostris.

19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. -- Sesostris der Griechen -- Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.

Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster Gegenstände, welche derselben Periode angehören.

Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20. Dynastie an (1100-1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des Amon“, der Lokalgottheit Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten. Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:

1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).

2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.

3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter lang.

4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).

5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter lang).

6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).

7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).

8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens Tanhirit.

9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.

10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).

11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des Prinzen Zotptahefanch.

Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen lassen.