Aus dem Leben unserer Vögel

Part 2

Chapter 23,828 wordsPublic domain

Meisennester findet man an allen möglichen sonderbaren Stellen, von einem Loch im Baume bis zu einem weggeworfenen Blumentopf. Man wird eine kleine Zahl weißer, rotgefleckter Eier darin finden. Das Weibchen wird zuerst mit dem Schnabel nach euch hacken, um euch zu verhindern, die Eier fortzunehmen. Aber in einigen Tagen wird es sich nicht mehr fürchten: die Meise ist ein mutiger kleiner Vogel.

Ihr müßt selbst lernen, nach anderen Eiern zu suchen. In Scheunen wird man zuweilen die großen weißen Eier der Eule antreffen und manchmal sogar junge Vögel und Eier zusammen. Am Flußufer oder in Mauerlöchern kann man das Nest der Bachstelze finden; ihre Eier sind gelblich-weiß mit braunen Flecken. Die bläulichen Eier der Krähe fallen manchmal aus den Nestern heraus, und die Dohlen pflegen im Gemäuer alter Burgen und Türme zu brüten.

Wenn man eine Zeitlang Nester und Eier gesucht hat, so wird man merken, wie schlau sie versteckt sind, sowohl was die Farbe als die Zeichnung anbetrifft.

Wo man auch immer weiße Eier findet, wie die der Hausschwalbe, des Spechtes, des Eisvogels und der Taube, sind sie entweder ganz versteckt in einem Baumstamm oder einem tiefen Nest, oder sie befinden sich so hoch oben, daß man sie nicht erreichen kann. Die meisten anderen Eier sind gefleckt und haben eine graue, grüne oder bräunliche Farbe wie das Moos, die Blätter und die kleinen Zweige, aus denen das Nest besteht.

Seht in jedem Nest, das ihr findet, nach, aus wie vielen Eiern Junge auskommen. Wählt euch jeder ein Nest zur Beobachtung aus und paßt auf, wer von euch die meisten jungen Vögel aufweisen kann.

Lektion 5.

Junge Vögel.

Das Weibchen sitzt auf dem Neste und hält während der ganzen Zeit, wo die Jungen im Innern der Eier heranwachsen, diese warm. Es verläßt sie niemals, ausgenommen um sich einmal zu recken und um Nahrung zu holen. Manchmal brütet das Männchen, solange das Weibchen fort ist, oder es bringt Nahrung für das Weibchen herbei. Oft singt es ihm auch nur etwas vor.

Das erste, was die kleinen Vögel für sich selbst tun, ist, daß sie aus dem Ei kriechen. Wenn sie soweit sind, kann man sie im Inneren „piep, piep“ rufen hören. Dann klopfen sie an das breite Ende des Eies mit einer kleinen hornigen Spitze, die vorn am Oberschnabel sitzt; die Schale platzt, und sie kriechen aus.

Wenn man ein Küchlein fangen kann, sobald es aus dem Ei heraus ist, sieht man diese hornige Spitze. Aber man muß dabei schnell sein, denn ein Kücken ist ein sehr behender kleiner Vogel. Es läuft sofort, nachdem es ausgekrochen ist, umher und die Hornspitze fällt bald ab.

Das nächste, was die Jungen tun, ist, daß sie den Schnabel öffnen und nach Futter schreien. Einige, wie die der Hühner, Enten und Rebhühner, sind schon beim Auskriechen ganz mit Flaumfedern bedeckt. Sie laufen umher und suchen sich allein Nahrung. Ihre Mutter sorgt für sie, und sie ducken sich unter ihre Flügel, wenn sie nach ihnen ruft. Andere, wie die der Tauben, der Sperlinge und der Drosseln sind nackt, blind und hilflos, wenn sie ausgebrütet sind. Sie können das Nest nicht verlassen, und die Alten müssen sie füttern.

Wenn man Tauben in einem Käfig hält, oder wenn man zu einem Taubenschlage emporklettern kann, wo Tauben ihre Nester haben, so kann man sehr viel bei der Beobachtung junger Tauben lernen.

An dem Tage, wo das Junge aus dem Ei kriecht, sind seine Augenlider fest geschlossen. Es hat nur einige Federbüschel auf seinem nackten Körper, und man kann seine fleischigen Flügel sehen und die Knochen fühlen. Faß es vorsichtig an und achte darauf, daß der Flügel drei Gelenke hat gerade wie ein Arm, eins an der Schulter dicht am Körper (_s_), eins am Ellbogen (_e_) und eins am Handgelenk (_w_).

Liegt der junge Vogel im Neste, so zieht er den Ellbogen zurück und berührt die Schulter mit der Hand. Dann ist der Flügel geschlossen. Aber wenn man die Hand (_h_) sanft anfaßt und den Arm gerade zieht, dann ist der Flügel geöffnet. So macht es der Vogel auch, wenn er seine Flügel streckt, um zu fliegen.

Nun beobachte die Jungen Tag für Tag. Allmählich bedeckt sich der ganze Körper mit kleinen Höckern. Diese sinken dann in der Mitte ein und einige Federn kommen hervor. Die ersten Federn sind ganz schlaff. Die kleinen Federstrahlen wachsen um den Schaft herum wie Haare am Schwanze der Katze. Dies sind die Flaumfedern oder Daunen. Eine junge Taube hat nicht viel davon.

Die nächsten Federn sind ganz anders. Sie sind flach und viel steifer. Die Federstrahlen wachsen nur an zwei Seiten des Schaftes. Sie sind gefärbt, und man kann nun sehen, ob die Taube weiß oder farbig werden wird.

Es sind dies die Deckfedern, die bei den meisten Vögeln so schön sind. Sie wachsen nicht am ganzen Körper des Vogels. Wenn man die Federn eines toten Vogels zurückschiebt, so wird man sehen, daß sie nur an gewissen Stellen wachsen und den übrigen Körper mit bedecken.

Inzwischen sind auch die langen Flügel- und Schwanzfedern gewachsen. Die für die Spitze des Flügels bestimmten wachsen an der Hand, die für den Rand des Flügels auf dem Arm zwischen Handgelenk und Ellbogen und über diesen stehen die kleinen Federn wie Ziegeln auf dem Dache und wachsen bis dicht an die Schulter heran, um den Flügel rund und fest zu machen.

Befühle eine der langen Schwungfedern. Sie hat einen starken Kiel in der Mitte, der nach dem Ende hin spitz zuläuft, so daß die Feder sich biegen kann. Nun versuche, die Strahlen auseinander zu ziehen. Du wirst finden, daß sie zusammenkleben, als ob sie geleimt wären. Dies kommt daher, daß sie winzige Häkchen haben, durch die sie miteinander verbunden sind. Wenn nun die Flügel die Luft schlagen, so kann diese nicht durch die Federn hindurch, um so mehr als die schmale Seite einer jeden Feder über der breiten Seite der nächsten liegt.

Um diese Zeit werden die jungen Tauben die Augen geöffnet haben. Aber obgleich sie jetzt stehen können, sind sie noch sehr schwach und erhalten alle ihre Nahrung von der Mutter.

Sobald ungefähr ein Monat nach dem Auskriechen aus dem Ei verflossen ist, gehen sie an den Rand des Taubenhauses und beobachten die anderen Tauben. Von Zeit zu Zeit recken sie ihre Flügel und versuchen, sie zu gebrauchen. Wenn sie mit ihnen nach unten schlagen, so kann die Luft unter den Flügeln nicht entweichen und wird nach rückwärts getrieben, gerade wie das Wasser beim Rudern. Aber wenn die Flügel gehoben werden, stellen die Federn sich so, daß die Luft hindurch kann. Die Vögel erheben sich daher etwas, wenn sie mit den Flügeln schlagen und flattern zum nächsten Sims, und zuletzt fliegen sie auf den Erdboden und fangen an, Futter mit ihren Eltern aufzupicken.

Vergleiche eine junge Taube und ein Kücken. Untersuche die Flaumfedern, die Deckfedern und die langen Schwungfedern.

Lektion 6.

Wie die Vögel ihre Jungen füttern.

Es ist sehr interessant, in die Nester der Vögel zu sehen und zu beobachten, welche Vögel nackt und welche mit Flaumfedern bedeckt sind, welche sehen können, und welche blind sind.

Am Flußufer kommen die kleinen Wasserhühner aus dem Ei wie schwarze flaumige Bälle mit roten Köpfen und schwimmen sofort mit ihrer Mutter umher. Aber Eisvögel schlüpfen nackt und hilflos aus dem Ei. Sie müssen warten, bis ihnen Federn gewachsen sind, ehe sie ihr Nest verlassen können, und inzwischen füttert sie ihre Mutter mit Fischen.

Wenn ihr eine junge Eule in ihrem Neste in der Scheune betrachtet oder einen jungen Habicht, der aus dem Neste auf dem Baume gefallen ist, werdet ihr sehen, daß sie ganz blind und hilflos sind, obwohl sie schon Flaumfedern haben. Ihre Mütter müssen ihnen Insekten, Mäuse und junge Kaninchen bringen, bis sie erwachsen sind.

Diejenigen von euch, die an der Küste wohnen, kennen die Möwen, welche auf die See hinausfliegen und auf den Wellen schwimmen. Im Frühling und Anfang Sommer kann man junge Dreizehen-Möwen schreien hören; es klingt, als ob kleine Katzen auf den Klippen miauten. Sie rufen nach den Alten, die ihnen Nahrung bringen sollen (siehe bunte Tafel VIII).

Denn obwohl diese jungen Möwen sehen können und mit Flaumfedern bedeckt sind, müssen sie doch sitzen und warten, bis sie stark und kräftig genug sind, weil sie hoch oben auf den Klippen zur Welt gekommen sind. Selbst dann können diese nur an den vorspringenden Rändern entlang kriechen, bis ihre Flügel ganz ausgewachsen sind. Sie sitzen da mit offenen Schnäbeln und schreien nach Futter, und die alten Möwen bringen Fische für sie. Die Sturmmöwe und die Silbermöwe legen ihre Eier gewöhnlich auf Inseln, und die Kleinen schwimmen umher, wenn sie nur erst einige Tage alt sind.

Wohnt ihr aber weit weg von der See im Binnenlande, so werdet ihr euch damit vergnügen, die anderen Arten der Vögel zu betrachten, wie sie ihre Jungen in den Bäumen und Hecken füttern. Oft besorgt es das Weibchen allein, manchmal hilft das Männchen.

Ein Naturforscher, der das Leben und Treiben vieler Vögel genau kennt, erzählt, daß er einmal beim Füttern geholfen hat. Er beobachtete eines Tages einen weiblichen Weidenlaubvogel (Weidenzeisig), der Nahrung für seine fünf Jungen in einem Nest unter einem Dornbusch herbeibrachte. Weidenzeisige sind kleine, sehr anmutige Vögel. Ihr Rücken und ihre Flügel sind dunkelolivengrün und ihre Brust ist gelblich-weiß. Die Mutter trug Raupen und Insekten herbei, ungefähr vier oder fünf alle fünf Minuten, und stopfte sie in die kleinen Schnäbel, die ihr hingestreckt wurden. Während sie arbeitete, flog das Männchen bald auf einen Zweig, bald auf einen anderen und sang ihr sein kunstloses Lied vor.

Der Beobachter dachte, er könnte der kleinen Mutter helfen. Er sammelte einige grüne Raupen und legte sie auf den Rand des Nestes, während sie fort war. Dann kauerte er sich in einiger Entfernung nieder.

Die Mutter flog bei ihrer Arbeit hin und her und sah nach ihm hin, wenn sie vorbeiflog, ohne daß er sich rührte. Endlich pickte sie die Raupen auf, die er herbeigebracht hatte und verteilte sie unter die kleinen Mäuler. Dann flog sie wieder fort, um mehr zu holen.

Das kleine Vögelchen arbeitete den ganzen Tag lang und ruhte nur am Nachmittag eine halbe Stunde. Es brachte nicht nur Nahrung herbei, sondern reinigte auch das Nest nach jedem Fluge und machte alles rein und sauber. Ich denke, es wird sich sehr über den kleinen Haufen Insekten gefreut haben, den ihr Freund von Zeit zu Zeit in die Nähe des Nestes legte.

Meisen sind dreiste, kleine Vögel, die man oft sehen kann, wie sie mit einem Insekt im Schnabel in ein Loch in der Mauer oder in einem Baume hineinfliegen und leer wieder herauskommen. Männchen und Weibchen füttern die Jungen gemeinschaftlich (siehe bunte Tafel IV). Sie fliegen zusammen aus und kommen zusammen zurück mit Raupen beladen, und wenn sie diese den Jungen gegeben haben, fliegen sie wieder fort, indem sie einander fröhlich zuzwitschern.

Wir hatten einmal junge Rotkehlchen, die von drei Vögeln gefüttert wurden. Sie waren in der Hecke unseres Gartens geboren. Wir nannten den dritten Vogel den Onkel. Er arbeitete ebenso angestrengt wie die beiden anderen. Nach und nach flogen die alten Rotkehlchen fort. Aber die Jungen blieben den ganzen Sommer bei uns und pflegten um den Mittagstisch zu hüpfen und Krumen aufzulesen.

Amseln füttern ihre Jungen mit großen Würmern, die sie in Stücke reißen, um sie dann unter sie zu verteilen. Die Elster sieht aus, als ob sie nichts mitbrächte; aber sie läßt das Futter aus ihrem Kropfe in den Schnabel der Jungen gleiten. Die Taube holt die Nahrung aus ihrem Kropfe in den Schnabel herauf, und die Jungen stecken ihre Schnäbel von der Seite hinein und nehmen die Nahrung auf.

Die meisten alten Vögel füttern die Jungen noch einige Zeit lang, nachdem sie schon fliegen können. Man kann oft kleine Sperlinge oder Schwalben in einer Reihe auf einem Zweige sitzen sehen, während die Mutter das Futter in ihre Schnäbel stopft. Sie geht dabei ganz unparteiisch von einem zum andern, und jedes bekommt sein Teil der Reihe nach.

Achte auf die Vögel, die ihre Jungen im Frühling füttern: Drosseln, Sperlinge, Rotkehlchen, Meisen. 1. Im Neste. 2. Auf den Zweigen sitzend. 3. Kleine Vögel, die einen jungen Kuckuck füttern. 4. Junge Taube, die von der Mutter gefüttert wird.

Lektion 7.

Wo schlafen die Vögel?

Wo sind die Vögel in der Nacht? Am Tage sehen wir sie auf Feldern, auf Bäumen und in den Hecken. Sie suchen Nahrung in den Gärten, auf den Obstbäumen und im Walde. Aber am Abend, wenn die Sonne untergeht, hören wir sie singen, als ob sie „gute Nacht“ sagen wollten, und dann verschwinden sie. Nur die Nachtvögel sind nach Sonnenuntergang noch draußen. Eulen schreien und fliegen nach dem Dunkelwerden aus, Nachtigallen singen die ganze Nacht hindurch bei warmem Sommerwetter, und wenn Wiesenknarrer oder Wachtelkönige da sind, wird man ihren eintönigen Ruf „rerrp, rerrp“ noch lange hören, nachdem man sich zur Ruhe gelegt hat.

Aber die anderen Vögel sind nirgends zu sehen. Wo sind sie? Es ist nicht leicht, sie zu finden, denn sie verstecken sich aus Furcht vor den Eulen, den Wieseln und Mardern und fliegen fort, wenn man in ihre Nähe kommt.

Die kleinen Vögel schlafen hauptsächlich in den Hecken. Man wird überrascht sein, daß es so schwer ist, sie zu entdecken, selbst im Winter, wenn keine Blätter an den Bäumen sind; denn die sich kreuzenden Zweige und Äste verbergen sie gut. Keine Eule und kein Habicht würde imstande sein, einen Vogel in einer Weißdornhecke zu fassen.

Aber wie halten sie sich auf den Zweigen, wenn sie schlafen? Würden wir versuchen, im Stehen zu schlafen, so würden wir umfallen. Denn unsere Muskeln würden schlaff werden, wir würden anfangen, mit dem Kopfe zu nicken, und die Knie würden unter uns nachgeben.

Bei einem Vogel ist es anders. Er sitzt auf einem Zweige, den er mit seinen Krallen umspannt. Dann kauert er nieder und beugt dabei die Beine. Dadurch aber zieht ein Muskel im Kniegelenke die Muskeln der Zehen ganz fest zusammen, so daß seine Krallen sich eng um den Zweig schließen. Er kann sich nicht bewegen, bis er sich aufgerichtet, die Beine gestreckt und so die Krallen frei gemacht hat. Je fester er also schläft, desto enger umfaßt er den Zweig, und desto weniger wahrscheinlich ist es, daß er herunterfällt.

Vögel schlafen draußen, sowohl im Sommer als auch im Winter, und sie haben eine sonderbare Decke, um sich warm zu halten. Sie besteht aus Luft. Wenn ein Vogel schlafen geht, steckt er den Kopf unter sein Gefieder und sträubt die Federn empor, so daß die Luft zwischen sie eindringt, besonders zwischen die weichen Daunen, die dicht am Körper wachsen. Diese Luft wird bald warm, und da sie nicht hinaus kann, verhütet sie, daß der warme Körper des Vogels von der Kälte durchdrungen wird.

Bei schlechtem Wetter jedoch suchen die Vögel gern einen warmen Winkel auf, in dem sie schlafen können. Sperlinge, Meisen, Zaunkönige und andere kleine Vögel machen sich Löcher in Heu- oder Strohdiemen, die sie als Bett benutzen. Die Eule sucht Scheunen, Kirchtürme und bisweilen Baumlöcher auf, um sich warm zu halten. Die Blaumeise schläft gern unter einem Strohdach, und der Zaunkönig spürt oft alte Nester auf, in denen er sich mit seinesgleichen zusammendrängt, um sich zu wärmen.

Schwalben und Segler brauchen sich nicht um die Kälte zu kümmern, denn sie fliegen bei Anbruch der kalten Jahreszeit nach dem Süden. Im Sommer sitzen sie auf den Scheunenbalken, und wenn man nach dem Dunkelwerden hineingeht, kann man sie infolge dieser Störung von einem Balken zum anderen flattern hören.

Wilde Tauben ruhen in der Nacht in Nadelgehölzen und Habichte auf den Zweigen der höheren Bäume. Auch Fasanen ruhen auf den Bäumen des Waldes. Es ist sonderbar, daß sie uns immer mitteilen, wo sie zu Bett gehen; denn sie lassen ihren weittönenden Ruf „Kockkockkock“ erschallen, wenn sie sich zum Schlafen niederlassen.

Die Rebhühner hingegen schlafen auf dem Erdboden in den Feldern. Sie liegen in einem Kreise mit den Köpfen nach außen und den Schwänzen nach innen. Der Vater schläft gewöhnlich in einiger Entfernung als Wache. Wenn nun ein Fuchs oder ein Wiesel versucht, sie im Schlafe zu fassen, so kann jedes, das wach ist und den Feind bemerkt, den übrigen das Alarmzeichen geben.

Alle diese Vögel schlafen im Binnenlande in Wäldern und Feldern. Habt ihr aber Gelegenheit, einen Sommerabend an der Küste der See zuzubringen, und euch dort am Strande unter den hohen Klippen oder auf den Dünen niederlegt, so könnt ihr viele andere Vögel zur Nachtruhe nach Hause kommen sehen. Beim Sonnenuntergang kommen viele kleine Vögel von den umliegenden Feldern und lassen sich in den Büschen in den Klippen nieder. Zunächst kommen dann einige Dohlen, die zufällig in der Nähe der See wohnen, krächzend und einander über die Klippen jagend. Sie kriechen zur Nachtruhe in die darin befindlichen Höhlen und Löcher. Dann segeln einige große Kormorane oder Seeraben von der See aus heran mit einem Gefolge von Möwen und lassen sich auf den Vorsprüngen in halber Höhe der Klippen nieder. Einige krächzende Raben kommen vom Lande her und flattern hin und her, ehe auch sie ihr Ruheplätzchen aufsuchen. Die Uferschwalben verschwinden ebenfalls in den Löchern der Klippen und Dünen, und auch ein Raubvogel beschreibt vielleicht seine letzten Kreise in der Luft, um sich dann auf einen ruhigen Winkel herabzusenken.

Nach einiger Zeit hört dann das Schnattern und Krächzen auf, und beim Mondaufgange ist alles ruhig. Aber wenn man bei Mondschein auf die silberglänzende See hinaussieht, wird man bemerken, daß viele Möwen noch auf dem Wasser schwimmen, und vielleicht bleiben sie da die ganze Nacht hindurch.

Beobachte die Vögel, wenn sie abends schlafen gehen und achte auf ihren Lieblingsaufenthalt.

Lektion 8.

Vogelnahrung im Sommer.

Frühling und Sommer sind glückliche Zeiten für die Vögel. Da gibt es reichliche Nahrung für sie und ihre Kleinen. Laßt uns an einem schönen Sommermorgen ausgehen und die verschiedenen Vögel beim Fressen beobachten. Ihr werdet sie nicht alle an einem Tage sehen. Aber wenn ihr euch Mühe gebt, werdet ihr wohl imstande sein, die vorkommenden während des Sommers ausfindig zu machen.

Dicht beim Hause findet man sicher Sperlinge, die Abfälle im Hofe aufpicken und Raupen und Spinnen von den Stachelbeerbüschen im Gemüsegarten abfressen. Denn der Sperling ist kein Leckermaul und frißt fast alles: vom Getreidekorn bis zum Fleischstückchen.

Im Gemüsegarten kann man auch den Buchfinken sehen, wie er die Schalen von Samenkörnern mit seinem scharfen, kurzen Schnabel zerbricht. Es ist ihm einerlei, ob er sie sich von Unkräutern holt oder aus den Radieschen- und Kohlrübenbeeten, die wir gesäet haben. Trotzdem nützt er mehr, als er schadet, denn er vernichtet viel Kreuzkraut und Vogelmiere.

Draußen in den Feldern läßt sich die kleine braune Lerche nieder, die hoch oben in der Luft gesungen hat, um in den Furchen nach Samen zu suchen, die der Pflug aufgewühlt hat. In der Nähe der Scheunen sieht man Finken und Goldammern Körner aufpicken.

Alle diese Vögel leben hauptsächlich von Körnernahrung und haben kurze scharfe Schnäbel, mit denen sie die Samenschalen zerquetschen, obgleich sie oft auch Insekten fressen und ihre Jungen mit solchen füttern. Wenn sie uns auch zuweilen an einigen unserer Feldfrüchte Schaden zufügen, so sind sie der Hauptsache nach doch sehr nützlich, da sie das Unkraut nicht aufkommen lassen, denn sie fressen alle Samen, die sie finden.

Rauch-, Turm- und Hausschwalben haben ganz andere Schnäbel. Wenn ihr sie bei ihrem schnellen Fluge durch die Luft beobachtet, so werdet ihr sehen, daß sie die Schnäbel sehr weit öffnen können, um Fliegen und Mücken zu fangen. Sie haben schwache Beine und starke Flügel, denn sie fangen alle Nahrung im Fluge. Achtet darauf, wie nahe sie sich bei trübem Wetter am Boden halten. Dann fliegen die Insekten tief, und die Schwalben folgen ihnen. Aber an einem hellen sonnigen Tage fliegen die Insekten hoch in der Luft und infolgedessen die Schwalben auch.

Jene große Drossel, die auf dem Rasen umherhüpft, ist ganz verschieden von den Schwalben. Sie hat starke Beine und Füße und einen langen, schmalen, rundlichen Schnabel. Sie nährt sich von Würmern und Schnecken im Sommer und von Beeren im Herbst. Sieh sie jetzt an! Sie hat die Füße fest auf den Rasen gestemmt und zieht mit aller Kraft an einem Wurme. Sie wird ihn bald aus der Erde heraus haben und ihn forttragen, um ihre Jungen damit zu füttern.

Viele der kleineren Singvögel nähren sich nur von Insekten. Ihr habt sie sicher gern, es sind so niedliche kleine Dinger. Da ist zuerst die Bachstelze mit ihren schwarz und weißen Flügeln und ihrem langen Schwanze, der auf- und niederwippt, wenn sie im Grase nach Insekten jagt. Nicht weit davon ist ein kleiner Zaunkönig, der auf einem Rosenstrauche umherhüpft und Blattläuse und Raupen abpickt, die so viel Schaden anrichten.

Auf einem Busch in der Nähe sitzt ein kleiner brauner Vogel mit graugesprenkelter Brust. Es ist der gemeine gefleckte oder graue Fliegenschnäpper. Sieh, wie still er sitzt! Dann schießt er plötzlich mit weit geöffnetem Schnabel in die Luft hinaus, schnappt zu und kehrt auf seinen Platz zurück. Er hat eine Fliege gefangen und wartet nun auf eine andere.

Dann möchte ich, daß ihr einen anderen kleinen Vogel betrachtet, den ich liebe, weil er so hübsch und bunt ist. Es ist eine Blaumeise (siehe bunte Tafel IV), ein kleiner Vogel mit hellblauem Kopfe und ebensolchen Flügeln und gelber Brust. Er hängt mit dem Kopfe nach unten an dem Zweige eines Baumes und lauert auf Spinnen. Wenn er eine gefangen hat, fliegt er nach einem anderen Baume, und so erhascht er in kurzer Zeit ein sehr gutes Frühstück. Er ist ein mutiger kleiner Vogel, und im Winter kann man ihn während des Fütterns gut kennen lernen.

Diese Vögel, wie die Drossel, die Bachstelze, der Fliegenschnäpper, der Zaunkönig und die Meise, sind uns sehr nützlich. Sie verzehren Schnecken und Larven, Raupen und Maden. Auch die Nachtigall und die Amsel nützen uns auf diese Weise und auch ein anderer Vogel, von dem ich möchte, daß ihr ihn kennen lernt. Es ist die Hecken-Braunelle, ein kleiner brauner Vogel mit bläulich-grauer Brust, der an den Hecken entlang flattert. Ihr habt ihn sicher schon gesehen. Er fängt ein kleines Insekt, fliegt ein Stückchen weiter und fängt ein zweites, um dann gerade vor euch aufzufliegen, wenn ihr auf dem Wege dahingeht. Ihr dürft ihn nicht mit dem Sperling verwechseln. Er ist ein ganz andersartiger Vogel; die Hecken-Braunelle ist ein Singvogel und singt sehr lieblich.

Wir haben keine Zeit mehr, andere Vögel zu beobachten; aber wir müssen noch die Krähen ansehen, die nach Würmern und Larven auf den gepflügten Feldern Jagd machen, und wenn wir in die Nähe des Waldes kommen, beobachten wir vielleicht eine Waldschnepfe, die unter den Bäumen nach Würmern sucht. Sie fliegt mit einem lauten Schwirren davon, lange ehe wir in ihre Nähe kommen, und da sie dabei ein ängstliches Dack, Dack ausstößt, nehme ich an, daß es das Weibchen ist. Ihr Nest ist sicher nicht weit entfernt.

Bei einem Spaziergange durch den Wald könnt ihr die kleinen Baumläufer sehen, wie sie an den Bäumen hinauf laufen und nach Insekten suchen, und der Specht läßt seine klebrige Zunge hervorschießen und klopft an die Bäume und Äste, während die Holztaube nach Hause fliegt, den Kropf voll von Hafer oder Erbsen zum Futter für ihre Jungen.