Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1911 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Die Buchanzeigen wurden der Übersichtlichkeit halber am Ende des Texts gesammelt dargestellt.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Kinderaugen in der Natur
Viertes Buch
Aus dem Leben unserer Vögel
Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)
Einzige autorisierte Übertragung von Professor Dr. Fritz Kriete und Dr. Otto Rabes
Oberlehrern in Halle a. S.
Mit 8 bunten Vollbildern und 16 Illustrationen im Texte
Halle a. S. Hermann Gesenius
Vorwort.
Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.
Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.
Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant -- nicht rein beschreibend -- gestaltet.
Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganze bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu +eigenen+ Beobachtungen anregt.
Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundliteratur als nützlich zu erweisen.
+Halle+, im Mai 1911.
=Kriete. Rabes.=
Inhalt.
Seite
Vorwort 3
Lektion 1. Bekannte Vögel 7
„ 2. Der Gesang der Vögel 10
„ 3. Die Nester der Vögel 13
„ 4. Vogeleier 17
„ 5. Junge Vögel 21
„ 6. Wie die Vögel ihre Jungen füttern 26
„ 7. Wo schlafen die Vögel? 30
„ 8. Vogelnahrung im Sommer 34
„ 9. Herbstwanderungen 39
„ 10. Vogelfutter im Winter 43
„ 11. Andere kleine Vögel 48
„ 12. Raubvögel 51
„ 13. Saatkrähen und ihre Gefährten 55
„ 14. Vögel mit Schwimmfüßen 60
„ 15. Die Feinde der Vögel 65
Viertes Buch.
Aus dem Leben unserer Vögel.
Lektion 1.
Bekannte Vögel.
Ich möchte wissen, wie viele Vögel ihr dem Aussehen nach kennt, und was ihr über ihre Nester und ihre Lebensweise wißt.
Es gibt zwischen drei- bis vierhundert verschiedene deutsche Vögel, und sehr wenige Leute kennen sie alle. Aber die an irgend einem Orte gewöhnlich vorkommenden Vögel kann man in einem Jahre ohne große Mühe sämtlich kennen lernen. Später mag man sich dann nach denen umsehen, die seltener vorkommen.
Am besten wird so angefangen, daß man alle Vögel aufschreibt, die man sicher kennt, und angibt, woran man sie erkennt. Es ist wohl nicht möglich z. B. ein Rotkehlchen mit seiner roten Brust, seinem rundlichen kleinen Körper und seinen braunen Flügeln zu verkennen. Die Brust des Weibchens ist weniger rot und die der Jungen überhaupt nicht. Aber wenn man die letzteren mit den Alten zusammen gesehen hat, wird man sie bald an ihrer Gestalt erkennen.
Aber der Buchfink hat auch eine rote Brust. Wie kann man ihn nun von einem Rotkehlchen unterscheiden? Die Brust des Finken ist mehr braunrot als die des Rotkehlchens, und selbst in einiger Entfernung kann man ihn an den weißen Bändern auf seinen dunklen Flügeln und den gelben Spitzen, die einige Federn haben, erkennen. Dann ist sein Körper länger, und er bewegt sich anmutiger als das Rotkehlchen; auch das laute „rüip, pink, pink“, das er ausstößt, wenn man sich seinem Neste nähert, sagt uns sofort, wer er ist.
Die Lerche erkennt man an ihrem schlanken braunen Körper und der weißgefleckten Kehle sowie an der Art und Weise, wie sie aufsteigt, wenn sie ihr liebliches Lied ertönen läßt. Der gemeine Grünspecht ist leicht an seinen glänzenden Farben, seinen sonderbaren Füßen und dem steifen Schwanz zu erkennen, den er gebraucht, um an den Bäumen hinaufzuklettern. Und obgleich der Kleiber (auch „Spechtmeise“ genannt) auf ähnliche Weise klettert, würde man ihn doch niemals für einen Specht halten, denn er ist nicht größer als ein Sperling und hat einen kurzen Schwanz, blaugraue Flügel und eine rötlich-gelbe Brust.
Außerdem kennt ihr wohl die gurrende Holztaube, die schwatzende Elster, den hoch in die Luft steigenden Habicht mit dem gebogenen Schnabel und die mit flaumigem Gefieder bedeckte Eule. Und ihr würdet mir wahrscheinlich noch viele andere nennen können.
Die meisten Vögel, die ihr kennt, pflegen das ganze Jahr bei uns zu bleiben. Aber nicht alle tun dies. Der Segler (Turmschwalbe) beginnt schon Ende Juli nach dem Süden zu ziehen, und die Hausschwalbe und Mauerschwalbe folgen im Oktober. Wenn sie fort sind, kommen Schwärme von Krammetsvögeln aus dem Norden und fressen von den roten Beeren der Eberesche und von den schwarzen Holunderbeeren.
Die Rauchschwalbe und die Haus- oder Mehlschwalbe sind einander sehr ähnlich, und da sie zusammen kommen und gehen, so würde es schwer sein, sie auseinander zu halten, wenn man nicht daran denkt, daß die Rauchschwalbe eine braunrote Stirn und Kehle und unter dieser einen tiefdunkelblauen Streifen quer über die Brust hat, und daß die Gabel ihres Schwanzes länger ist als bei der Hausschwalbe. Man kann sich das ganze Jahr hindurch damit beschäftigen, die Vögel zu beobachten, darauf zu achten, wann sie kommen und gehen, was für Nahrung sie zu sich nehmen, wie sie fliegen, ob sie am Morgen oder am Abend singen, und wo sie ihre Nester bauen.
Viele Landleute und Gärtner schießen die kleinen Vögel, weil sie ihr Getreide und andere Sämereien fressen; leider aber auch sehr viele Vögel, die sich hauptsächlich von Insekten nähren. Man sollte die letzteren kennen, weil sie dadurch sehr nützlich sind, daß sie Ohrwürmer und Raupen, Larven und Schnecken vertilgen. Wenn man einmal in der Morgenfrühe beobachtet hat, wie eine Drossel ein Schneckenhaus gegen einen Stein schlägt, um die Schnecke herauszubekommen, so wird man sagen müssen, daß sie ein guter Gärtner ist, und ihr einige Früchte im Sommer nicht mißgönnen.
Auch die Nester und die jungen Vögel sind zu beobachten. Man braucht dabei die Nester nicht auszunehmen oder den Vögeln ihre Eier zu rauben. Viel mehr lernt man dadurch, daß man Blätter und Zweige vorsichtig zurückbiegt und in das Nest sieht. Denn so kann man oft wiederkommen und beobachten, wie die Jungen auskriechen, und wie sie wachsen. Wenn man vorsichtig ist, den Busch nicht heftig bewegt und die Eier nicht anfaßt, wird die Mutter sie nicht verlassen. Im letzten Jahre baute ein Drosselpärchen sein Nest in einer Hecke neben einem Fußwege, wo fortwährend Leute vorbeigingen. Aber obwohl ich oft hinging und es betrachtete, zog die Mutter ihre vier Kleinen alle auf. Sie pflegte ruhig auf dem Neste sitzen zu bleiben, wenn ich hineinsah, während das Männchen auf einem ganz in der Nähe stehenden Baume sang.
Mache sechs Vögel ausfindig, die sich in der Nachbarschaft befinden und beschreibe sie.
Lektion 2.
Der Gesang der Vögel.
Vögel singen, wenn sie sich wohl befinden, und kreischen, wenn sie erschreckt werden, gerade wie Kinder. Nur hat jeder von ihnen einen ihm eigentümlichen Gesang. Man kann es gleich merken, wenn die kleinen Singvögel sich wohl fühlen; denn jeder von ihnen trillert sein fröhliches Lied, während er auf einem Baumzweige oder auf einer Hecke sitzt.
An frühen Frühlingsmorgen kann man sie fast vor Tagesanbruch im Garten singen hören. Zuerst hört man ein leises Zirpen und Zwitschern, als ob die Vögel sich guten Morgen wünschten und ihre Kehlen erprobten. Wenn dann die Sonne aufgeht, so ertönt heller Gesang.
Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Finken und Zaunkönige singen lustig darauf los, und viele andere kleine Vögel stimmen ein. Wenn sie alle zusammen singen, kann man nicht leicht das Lied des einen von dem des anderen unterscheiden, selbst das der Drossel nicht, obwohl sie am lautesten und am hellsten von allen singt.
Dann fliegen sie fort, um sich ihr Frühstück zu suchen, und wenn nun der Tag weiter vorrückt, kann man sie einzeln hören, auf die Töne jedes Gesanges achten, und, wenn man leise heranschleicht, sehen, wie die Kehle des Vogels anschwillt und erzittert, wenn er die Töne in ihrem Innern bildet.
Es ist nicht leicht, niederzuschreiben, was ein Vogel singt, denn es ist mehr ein Flöten und Pfeifen, es sind keine Worte darin. Aber man hat oft versucht ihr Lied in Worten auszudrücken. Horch auf den Gesang der Drossel! In ihrem melodienreichen Liede hörst du stets einige flötende Töne, die zwei- bis viermal wiederholt werden. Ihr Lockruf klingt wie ein heiser pfeifendes „zip, zip“, und ihr Angstruf ist ein gellendes „dack, dack“.
Der hübsche Goldammer mit seinem goldgelben Kopfe singt im zeitigen Frühjahr sein einfaches Liedchen und tut dies bis spät in den Herbst hinein. Der kleine Weidenzeisig ruft deutlich und klar sein „hüid, hüid“. Auch der Ruf des Kuckucks ist so bekannt, daß jedes Kind ihn nachahmen kann, ebenso wie den wie „huuh, huu, huh“ klingenden Ruf der Hohltaube.
Wenn die Tage heißer werden, singen die Vögel weniger. Sie sitzen in den Zweigen der Bäume oder in den Hecken im Schatten der Blätter oder hüpfen im Gehölz umher. Wenn dann der Abend kommt und lange Schatten über das Gras huschen, sieht sich jeder Vogel nach seinem Abendessen um. Ist er gesättigt, so singt er befriedigt sein Abendlied, ehe er schlafen geht.
Was ist das für ein Konzert! Finken, Meisen, Sperlinge, Zaunkönige, Rotkehlchen und Buchfinken, alle singen zugleich. Und über ihnen allen schwebt das Lied der Drosseln und Amseln, das Girren der wilden Tauben und das Krächzen der Krähen, wenn sie von den Feldern heimfliegen. Wie die Drosseln, außer den Lerchen, die ersten waren, die am Morgen anfingen, so sind sie die letzten, die am Abend aufhören, und oft singt eine Drossel noch weiter, wenn schon alle anderen Vögel lange still geworden sind.
Und endlich scheint alles zur Ruhe gekommen zu sein. Aber nein! Plötzlich hört man im Mai oder Juni einen süßen Ton, wie den einer Flöte, sanft aus verschiedenen Teilen der Gehölze erschallen. Es ist die Nachtigall, die im warmen Sommer fast die ganze Nacht hindurch singt.
Sie singt auch am Tage, aber ihre Stimme ist so weich, daß sie oft von dem lauteren Gesang der anderen Vögel übertönt wird. In der Stille der Nacht aber kann man ihr süßes Lied hören, das mit einer Reihe leise einsetzender Flötentöne beginnt, die allmählich stärker und lauter werden und mit höheren Trillerlauten enden. Wer einmal der Nachtigall Gesang gehört hat, vergißt ihn wohl niemals wieder.
Im Frühling singen die Vögel am meisten; denn dann bauen sie ihre Nester, und das Männchen singt dem Weibchen etwas vor, während dieses beim Bau beschäftigt ist oder auf den Eiern sitzt. Man kann ein Rotkehlchennest manchmal dadurch ausfindig machen, daß man das Männchen beobachtet, wie es singend auf einem Zweige in der Nähe sitzt. Die meisten haben wohl auch schon eine männliche wilde Taube gesehen, wie sie dasitzt, ihre Kehle aufbläst und girrend und sich verbeugend nach dem Weibchen auf dem Neste schaut; denn Tauben machen sich das ganze Jahr hindurch den Hof. --
Wenn der weibliche Vogel auf den Eiern sitzt, singt das Männchen aus Freude, und wenn die Jungen ausgebrütet sind, lehrt es sie sein Lied. Singvögel haben sehr zarte Kehlen. Sie haben Muskeln, die wie die Saiten einer Geige schwingen, und die jungen Vögel müssen lernen, diese Muskeln zu bewegen.
Es ist eigenartig anzuhören, wenn eine junge Amsel oder Drossel zu singen anfängt. Zuerst kommt eine Note, dann zwei oder drei. Die Töne sind nicht immer richtig, aber sie versucht es wieder und wieder und lernt so nach und nach das Lied des Vaters.
Höre auf das Lied der Rotkehlchen, Drosseln, Amseln, Lerchen, Nachtigallen, Buchfinken und anderer und versuche, es mit Pfeifen nachzuahmen.
Lektion 3.
Die Nester der Vögel.
Wenn ihr wissen wollt, wie sinnreich die Vogelnester gebaut sind, so solltet ihr einige sammeln, die die Vögel verlassen haben, oder aus welchen die jungen Vögel fortgeflogen sind.
Das Nest einer Hecken-Braunelle wird man in manchem Weißdornbusch finden, und obwohl es ein einfaches Nest ist, so werdet ihr doch bald finden, wenn ihr es auseinanderreißt, daß ihr es nicht so gut wieder zusammensetzen könnt, wie es der Vogel gemacht hat.
Das Nest eines Buchfinken ist viel feiner geflochten. Ihr werdet sehr wahrscheinlich eins in den Apfelbäumen im Obstgarten finden. Es ist aus trocknem Gras und Moos gebaut, die mit Wolle zu einer Art Tasse verwoben sind, und ist mit Haaren und Federn ausgepolstert. An der Außenseite wird der Vogel wahrscheinlich Stücke von grauen oder weißen Flechten angebracht haben. Flechten sind papierartig aussehende Pflanzengebilde, die an Apfelbäumen wachsen und von Kindern graues Moos genannt werden. Die hineingewebten Stücke helfen dazu, das Nest im Apfelbaume zu verstecken. Wenn der Buchfink in einer grünen Hecke baut, nimmt er statt der Flechten oft grünes Moos.
Nun versuche, ein Drosselnest zu finden, vielleicht in einem Eichenbusche oder einer Tanne. Es ist groß und ganz fest, nicht weich wie das der Hecken-Braunelle. Denn die Drossel pflastert das Nest im Innern mit Erde oder Kuhdünger oder verfaultem Holze aus, bis es fast so hart ist wie die innere Seite einer Kokosnußschale.
Wenn ihr diese Nester angesehen habt, werdet ihr wünschen, im nächsten Frühlinge eins bauen zu sehen. Aber dies ist nicht so leicht. Denn die Vögel versuchen, die Wiegen ihrer Kleinen zu verstecken, und lieben es nicht, zu bauen, wenn irgend jemand in der Nähe ist.
Krähen sind am leichtesten zu beobachten, denn sie bauen in hohen Bäumen und sind daher nicht scheu. Man kann sehen, wie sie mit Reisern im Schnabel dahinfliegen und Erde und Lehm herbeitragen, um damit das Nest auszupolstern. Manchmal kann man beobachten, wie alte Krähen am Krähenhorst zurückbleiben, um Reiser aus den Nestern der jungen Krähen zu stehlen, während diese fort sind, anstatt solche für sich selbst zu suchen.
Die Vogelnester haben nicht alle die gleiche Form. Die Lerche baut ihr Nest hinter einen Grasbüschel oder in eine Furche auf dem Felde. Der Kiebitz, dessen Ruf ihr so gut kennt, legt einige Grashalme oder Binsen an einen geeigneten Platz der sumpfigen Wiese. Seine Jungen laufen umher, sobald sie aus dem Ei kriechen.
Die Rauchschwalben bauen ihre Nester aus Stroh und feuchter Erde an das Sparrenwerk der Scheunen und Ställe oder unter die Simse der Schornsteine in der Form eines flachen Beckens und kleiden sie mit Federn aus. Aber die Hausschwalben bauen unter Dachtraufen und stellen ihre Nester aus Lehm und feuchter Erde her, die sackförmig an die Wand geklebt werden, mit nur einem kleinen Loch am oberen Ende. Es ist spaßig zu sehen, wenn die Schwalbe ihren Kopf in das Nest steckt, um die Jungen zu füttern, und der Schwanz hinten heraussteht.
Der Specht hat als Nest ein Loch in einem Baume und legt es mit Holzspänen aus. Der Kleiber sucht sich gleichfalls ein Loch in einem Ast und belegt es mit Rindenstücken und trockenen Blättern. Wenn die Öffnung zu groß ist, mauert er sie mit Lehm zu und läßt nur ein kleines Loch frei; deshalb wird er „Kleiber“ genannt.
Krähen und Tauben bauen grobe Nester. Die Krähe baut das ihrige aus Reisern und Rasen und kleidet es mit Moos und Gras aus. Die Taube baut ihr Nest so locker, daß die Eier beinahe hindurchgleiten.
Die kleinen Singvögel, wie die Drossel, die Nachtigall und das Rotkehlchen bauen hübsche tassenförmige Nester. Die Rohrsänger bauen ein Nest um zwei oder drei Schilfstengel oder andere Pflanzen in der Nähe des Wassers. Es ist aus Grashalmen gemacht und mit Wasserpflanzen ausgepolstert. Der Zaunkönig, die langschwänzige Meise und der kleine Weidenlaubsänger bauen kugelförmige Nester mit einem Loch an einer Seite. Der letztere polstert das seinige mit einer schönen, weichen Federdecke aus.
Zaunkönige bauen an allen möglichen sonderbaren Plätzen, in Mauern und Bäumen, in Felsenspalten, in Hecken und an Flußufern. Wenn man sich in der Nähe eines Nestes, in das der Zaunkönig seine Eier gelegt hat, umsieht, so wird man oft einige ganz gleich gebaute Nester in der Nähe finden, die aber nicht mit Federn ausgepolstert sind. Sie werden meist nur von männlichen Vögeln bewohnt, denen sie als Schlafnester dienen. Genaueres aber, weshalb die Vögel sie bauen, wissen wir nicht. Vielleicht findet ihr es einmal heraus, wenn ihr aufpaßt. Der kleine Weidenlaubsänger (Weidenzeisig) versteckt sein Nest in Hecken oder an Ufern, und die weißköpfige Schwanzmeise baut gern in dichte Sträucher und Hecken. Man beobachtete einmal zwei Zaunkönige, die ihr Nest in einem Wacholderbusch bauten. Sie fingen um sieben Uhr morgens an. Das Weibchen brachte Blätter von einer Linde. Es legte ein Blatt in die Gabelung zweier Zweige und die anderen darum herum. Dann holte es mehr. So ging es den ganzen Tag; es holte Blätter und webte sie zusammen mit Moos, und inzwischen sang ihr das Männchen aus der Spitze des Busches sein Lied.
Gegen sieben Uhr abends hatte es die Außenseite des Nestes fertig in der Form eines Balles mit einem Loch in der einen Seite.
Am nächsten Tage fingen die beiden Vögel um halb vier Uhr morgens an, zusammen zu arbeiten.
Sie arbeiteten acht Tage lang und brachten Moos und Federn herbei. Als sie fertig waren, bildete das Nest eine feste kleine Kugel, im Innern mit einer dicken Schicht von Federn ausgepolstert, damit die winzigen Kleinen warm darin liegen könnten, wenn sie ausgebrütet wären.
Dann legte das Weibchen fünf kleine weiße Eier mit roten Punkten und brütete 14 Tage, während das Männchen ihm etwas vorsang und ihm Insekten zur Nahrung brachte.
Untersuche Nester. Von Lehm gebaute -- Rauchschwalbe, Hausschwalbe. Grob gewobene -- Haussperling. Tassenförmige -- Hecken-Braunelle, Fink. Gewobene und mit Lehm ausgelegte -- Drossel.
Lektion 4.
Vogeleier.
Wenn ihr die Nester verschiedener Vögel betrachtet habt, so werdet ihr wahrscheinlich den Wunsch haben, auch die Eier kennen zu lernen. Versucht zuerst, einige Nester zu finden, die in der Nähe eures Hauses sind. Einige sind so gut verborgen, daß ihr darauf achten müßt, wo die alten Vögel ein- und ausgehen, ehe ihr sie finden werdet. Andere, wie die Nester von Krähen, Elstern und Dohlen, sind leicht zu sehen, aber nicht leicht zu erreichen.
Nimm die Eier nicht aus! Aus jedem wird sich ein glücklicher kleiner Vogel entwickeln, und wenn du das Ei nach Hause tragen wolltest, würde es nur zerbrechen. Euer Lehrer wird wahrscheinlich in seiner Sammlung von jeder Art eins haben, das genügen wird, um es der Klasse manches Jahr lang zu zeigen.
Aber sieh dir die Eier im Neste aufmerksam an. Dann wirst du sie wiedererkennen, wenn du sie irgendwo wiederfindest. Zähle, wie viele es sind, und achte darauf, ob später noch mehr gelegt werden. Dann berechne, wie lange es dauert, bis die Eier ausgebrütet sind, nachdem das letzte gelegt worden ist. Ihr werdet finden, daß das Brüten bei kleinen Vögeln 14 Tage, bei Krähen und Tauben einige Tage länger dauert. Dann könnt ihr das Füttern der Jungen beobachten, über die wir in den beiden nächsten Lektionen sprechen wollen.
Es ist besser, die Eier gar nicht zu berühren; denn einige Vögel, wie die Holztaube, werden das Nest sofort verlassen, wenn die Eier angefaßt worden sind. Andere Vögel sind nicht so eigen. Ein Naturforscher erzählt, daß er als Knabe die Nester von Regenpfeifern aufsuchte und sich damit vergnügte, das breite Ende der Eier in die Mitte des Nestes zu drehen. Sobald die ordentliche Mutter zurückkam, drehte sie die Eier stets wieder mit der Spitze nach der Mitte hin. Der junge Vogel kriecht immer am breiten Ende aus, und so gibt ihnen die Lage nach außen mehr Platz, wenn sie auskommen.
Wenn ihr eine Taxushecke im Garten habt, so werdet ihr vielleicht ein Drosselnest in ihr finden mit 4 oder 6 schönen blauen Eiern darin, ungefähr einen Zoll lang und mit schwarzen Flecken am breiten Ende (siehe bunte Tafel I). Die Drossel-Mutter wird euch tüchtig auszanken und vielleicht das Nest nicht verlassen; so müßt ihr den Augenblick wahrnehmen, wenn sie fort ist. Ihr findet auch vielleicht ein Amselnest in der Nähe. Ihr könnt es leicht vom Drosselnest unterscheiden, da es mit feinem Gras ausgepolstert und nicht so hart im Innern ist. Die Eier sind grünlich mit rotbraunen Flecken. Die Misteldrossel baut ihr Nest gewöhnlich in einen Baum und legt lichtgraugrünliche Eier, die rötlichbraun und hellila gefleckt sind.
Der Buchfink nistet gern in der Nähe der Häuser oder in den Apfelbäumen des Obstgartens; und ein Dompfaffenpaar baut vielleicht sein Nest im Efeu der alten Gartenmauer, obwohl sie sehr scheue Vögel sind. Die Eier des Finken sind von einer grünlichen Farbe mit bräunlichen Flecken (siehe bunte Tafel II). Sie sind ungefähr ein Drittel so groß wie die Eier der Drossel. Die des Dompfaffen sind hellblau mit braunen Flecken.
Seid vorsichtig, wenn ihr in das Nest des Dompfaffen sehen wollt. Sollte auch das Weibchen still sitzen bleiben, so wird das Männchen doch zornig werden und es vielleicht veranlassen, vom Neste zu gehen, sobald es euch sieht.
Ihr müßt eine Leiter haben, wenn ihr in ein Nest der Hausschwalbe sehen wollt, denn sie bauen unter der Dachtraufe, und wenn ihr nun ein wenig von dem Neste abreißt und hineinblickt, so vergewissert euch, daß ihr die rechten Eier zu sehen bekommt; denn Sperlinge pflegen oft Schwalbennester einzunehmen und ihre Eier hineinzulegen. Man kann dies leicht herausfinden, wenn man aufpaßt, was für ein Vogel in das Nest hineinfliegt. Aber wenn dies nicht möglich ist, so muß man nach der Farbe der Eier urteilen. Das Ei der Hausschwalbe ist weiß und nicht gefleckt. Das Ei eines Sperlings ist grau mit braunen Punkten. Wenn der Sperling sein eigenes Nest baut, so macht er es aus Stroh oder Heu und polstert es mit Federn aus. Es enthält 5 oder 6 Eier.
Es ist leichter, in das Nest einer Rauchschwalbe hineinzusehen als in das einer Hausschwalbe, da das erstere oben offen und oft auf einem Balken im Stalle angebracht ist. Man wird ungefähr fünf weiße Eier mit dunkelroten Flecken darin finden. Beobachtet diese Nester sorgfältig! Wenn die Eier ausgebrütet sind, ist es hübsch zu sehen, wie die alten Schwalben ihre Jungen lehren, Fliegen zu fangen (siehe bunte Tafel V).
Wir dürfen die Rotkehlchen nicht vergessen, obgleich ich annehme, daß ihr die Eier derselben kennt. Sie sind weiß mit hellroten Flecken, und man kann sie leicht finden, weil im Frühling Rotkehlchennester im Gebüsch lebender Zäune nicht selten sind.