Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten, sowie fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Die Nummerierung der farbigen Tafeln wurden vom Bearbeiter hinzugefügt, da sich der Text auf diese Nummern bezieht. Anstatt ‚Lektion 6‘ muss die Kapitelüberschrift auf S. 48 vielmehr ‚Lektion 9‘ lauten, wie im Inhaltsverzeichnis angegeben. Die Buchwerbung wurde der Übersichtlichkeit halber an das Ende des Texts versetzt.
Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Kinderaugen in der Natur
Sechstes Buch
Aus dem Leben der Insekten
Von Arabella B. Buckley (Mrs. Fisher)
Einzige autorisierte Übertragung von Oberstudienrat ~Dr.~ Fritz Kriete in Halle und Studiendirektor ~Dr.~ Otto Rabes in Mülheim (Ruhr)
Mit 8 bunten Vollbildern und 24 Illustrationen im Texte
Zweite Auflage (7.-10. Tausend)
Halle a. S. Hermann Gesenius
Kinderaugen in der Natur
Erstes Buch Tiere und Pflanzen in Wald und Feld •••• Zweites Buch Am Teich- und Flußufer •••• Drittes Buch Pflanzenleben in Feld und Garten •••• Viertes Buch Aus dem Leben unserer Vögel •••• Fünftes Buch Bäume und Sträucher •••• Sechstes Buch Aus dem Leben der Insekten
Bisheriger Absatz ungefähr 50000 Stück
Vorwort.
Zur Einführung dieser Übersetzung sei hier kurz auf einige uns zusagende Eigentümlichkeiten dieser anspruchslosen Hefte hingewiesen, die uns veranlaßten, auf die Aufforderung der Verlagsbuchhandlung hin, sie ins Deutsche zu übertragen.
Überall ist versucht, Stil und Satzbau so klar und einfach zu gestalten, daß nach dieser Seite hin Kindern beim Lesen keine Schwierigkeiten erwachsen.
Die behandelten Stoffe aus dem Leben der Tiere und Pflanzen sind gut gewählt, dabei interessant -- nicht rein beschreibend -- gestaltet.
Vielmehr ist jeder einzelne Abschnitt, der stets ein in sich abgeschlossenes Ganzes bildet, so durchgeführt, daß er die kleinen Leser zu +eigenen+ Beobachtungen anregt.
Endlich sind die farbenschönen Abbildungen einheitlich und naturgetreu ausgeführt, so daß auch sie das Interesse der Kinder beleben helfen. Überhaupt stand für unsere Erwägungen der Gedanke im Vordergrunde, daß diese Bücher geeignet sein könnten, sich im Kampfe gegen die unsere Jugend verseuchende Schundliteratur als nützlich zu erweisen.
+Halle+, im Juli 1911.
=Kriete. Rabes.=
Inhalt.
Seite
Vorwort 3
Lektion 1. Was ist ein Insekt 7
„ 2. Teile einer Raupe 12
„ 3. Bekannte Dämmerungs- und Nachtfalter 17
„ 4. Bekannte Tagfalter 22
„ 5. Schädliche Käfer 27
„ 6. Nützliche Käfer 32
„ 7. Wespen und ihre Lebensweise 37
„ 8. Einzeln lebende Bienen 43
„ 9. Honigbienen 48
„ 10. Zweiflügler 54
„ 11. Heimchen und Heuschrecken 60
„ 12. Ameisen und ihre Honigkühe 66
Sechstes Buch.
Aus dem Leben der Insekten.
Lektion 1.
Was ist ein Insekt?
Es ist ein herrlicher Sommermorgen. Laßt uns die Bücher schließen und in Garten und Feld hinauswandern auf der Suche nach Insekten! Wir tun am besten, ein paar leere Streichholzschachteln mitzunehmen, um die Insekten, die wir finden, in sie hineinzustecken. Wenn wir dann zur Schule zurückkommen, können wir sie einzeln unter umgestülpte Gläser setzen.
Insekten sind oft so klein, daß wir an ihnen vorbeigehen. Aber sie machen den bei weitem größeren Teil des ganzen Tierreiches aus, und sie tun uns so viel Gutes und so viel Schaden, daß wir die wichtigsten kennen sollten.
Beim Fortgehen sehe ich einen Kohlweißling im Gemüsegarten und einen schönen roten Admiral, der unter den Blumen umherflattert. Wir wollen den Kohlweißling fangen, damit er seine Eier nicht an unsere Kohlköpfe legt.
Dann laßt uns bei diesem Rosenstrauche stillstehen, auf dessen Blütenstengeln eine Anzahl kleiner Insekten sitzen. Wenn ihr genau zuseht, so werdet ihr finden, daß jedes seinen Rüssel in einem jungen Triebe vergraben hat, um den Saft auszusaugen. Dies sind Blattläuse (siehe Abbildung Seite 68).
Wir müssen den Strauch mit Seifenwasser und Tabaklauge bespritzen, oder er wird bald mit diesen Insekten bedeckt sein, denn sie vermehren sich schon im Laufe eines Monats um viele Tausende und saugen allen Saft aus den Pflanzen, an denen sie sitzen. Auf demselben Strauch werdet ihr wahrscheinlich ein Marienkäferchen finden, denn dieses nährt sich von Blattläusen.
Nun seht in die Blüten dieser halbverblühten Zentifolie hinein, die in den meisten Gemüsegärten wächst. Man findet in ihnen nicht selten den prächtigen Gold- oder Rosenkäfer mit seinen goldig-grünen, glänzenden Flügeln. Nimm ihn auf und sieh dir die leuchtenden Flügeldecken an! Während du dies tust, öffnet er sie vielleicht und breitet die darunter liegenden durchsichtigen Flügel aus; aber wenn er fortfliegt, kannst du leicht einen anderen bekommen.
Aber sieh da! Zu deinen Füßen läuft ein Käfer, der nicht halb so hübsch ist. Es ist ein Raubkäfer oder Kurzflügler (siehe bunte Tafel IV. 2). Wenn du ihn aufnimmst, wird er den Hinterleib in die Höhe richten und eine sehr widerliche Flüssigkeit über deine Finger spritzen, während er den Kopf aufrichtet und mit den Kieferzangen schnappt. Laß ihn also schnell in die Schachtel fallen! In der Tat ist er fürchterlich erschrocken und hofft, dich durch sein Benehmen zu veranlassen, ihn freizulassen.
Auf dem frisch gemähten Felde, das wir nun betreten, sehen wir eine Anzahl kleiner grüner Grashüpfer (Heuschrecken oder -pferde) umherspringen. Sie sind unter Erdschollen ausgekrochen und fressen die Spitzen des jungen Grases. Einige werden Flügel haben, aber andere, die noch nicht völlig ausgewachsen sind, haben keine. Nimm einen auf und mache auch ihn zum Gefangenen!
Zunächst suche dann eine Wespe oder eine Biene zu finden! Du kannst sie im Taschentuche fangen und sie dann in die Schachtel fallen lassen. Unten am Flusse wirst du leicht noch eine Frühlingsfliege oder eine Libelle finden und in ihrer Nähe auch wohl eine Kohlschnake oder Bachmücke. Aber wenn keine solche zu erlangen ist, so genügt auch eine Schmeißfliege oder eine Stechmücke.
Ihr wundert euch vielleicht, daß ich noch keine Spinne verlangt habe. Ihr tätet besser, eine zu fangen, ebenso wie einen Tausendfuß, wenn ihr einen finden könnt.
Wenn ihr nun diese Arten unter Gläser gesetzt habt, so seht sie sorgfältig an. Ihr werdet sofort einen Unterschied zwischen der Spinne, dem Tausendfuß und allen anderen finden. Die Spinne hat acht Beine, der Tausendfuß sehr viele, während alle anderen nur sechs haben.
Seht dann den Grashüpfer, die Wespe und die Schnake an! Ihr könnt ganz deutlich sehen, daß ihr Körper in drei Teile gegliedert ist -- ~a~) der Kopf; ~b~) die Brust, an der die sechs Beine und die Flügel wachsen; ~c~) der Hinterleib, der keine Beine hat, selbst wenn er sehr lang ist wie bei der Schnake und der Frühlingsfliege. Beim Käfer kann man die Abteilungen nicht ganz so gut erkennen, weil seine Flügeldecken das Gelenk zwischen dem Vorder- und Hinterkörper bedecken.
Die Insekten haben ihren Namen von dieser Dreiteilung. Er kommt von dem lateinischen „~inseco~“, ich schneide ein. Der Kopf der Spinne ist nicht deutlich vom Körper getrennt, und ein Tausendfuß hat keine drei Abteilungen. Aus diesem Grunde, und weil sie nicht sechs Beine haben, trennen einige Naturforscher sie von den wahren Insekten. Deshalb habe ich sie auch nicht Insekten genannt.
Etwas anderes kann man sehr gut an der kleinen grünen Heuschrecke bemerken: ihr Körper ist vom Hinterleibe bis zum Kopfe in Ringe (~r~) geteilt; dasselbe kann man bei der Wespe und der Schnake, der Blattlaus und dem Raubkäfer bemerken. Alle Insekten haben einen aus Ringen zusammengesetzten Hinterleib.
Die Ringe befähigen die Wespe, ihren Hinterleib (~c~) zu biegen, wenn sie stechen oder atmen will. Wenn sie ruhig sitzt, kann man sehen, wie sich der Hinterleib fortwährend in Bewegung befindet. Dies kommt vom Atmen. Wie macht sie dies wohl nach deiner Ansicht? Sie atmet nicht durch den Mund wie wir, sondern durch Atemlöcher, die an beiden Seiten der Hinterleibsringe liegen.
Sieht man die Heuschrecke aufmerksam an, so wird man an beiden Seiten des Körpers einige kleine schwarze Punkte (~h~) sehen, und zwar jederseits einen in jedem Ring. Dies sind die Atemlöcher und durch sie geht die Luft ein und aus. Bei der Wespe sind sie kleiner, aber sie sind da, und das Insekt pumpt die Luft in sie hinein und hinaus.
Nachdem wir nun die Spinne und den Tausendfuß ausgeschieden haben, sind die, welche übrig bleiben, wahre Insekten. Aber es besteht noch ein Unterschied zwischen der Schnake und den übrigen, auf den wir achten müssen. Die Schnake hat nämlich nur zwei Flügel, alle anderen haben vier. Dies würde sonderbar sein, wenn wir nicht die Überbleibsel der fehlenden zwei finden könnten. Sie hat aber zwei kleine Schwingkölbchen (~k~) hinter den Vorderflügeln, mit denen sie sich im Gleichgewichte hält. So hat sie also zwei Flügel und die Stümpfe von zwei anderen.
Es gibt noch sehr viel über diese Insekten zu lernen. Aber ihr müßt euch einprägen, daß sie sechs Beine haben; daß ihr Körper in drei Teile geteilt ist; daß man die Ringe an ihrem Hinterleibe sehen kann; daß ihre Beine und Flügel am Vorderleib wachsen; daß sie niemals durch den Mund atmen, und endlich daß im Gegensatz zu Bienen, Schmetterlingen und Käfern, die vier Flügel haben, die Fliegen zwei Flügel und zwei Stümpfe besitzen.
Suche so viele Insekten, wie du kannst, und beobachte ihre verschiedenen Teile.
Lektion 2.
Teile einer Raupe.
In der letzten Lektion haben wir die erwachsenen oder voll entwickelten Insekten sehr leicht aufgefunden. Aber es ist viel schwieriger, einige von ihnen während ihres Entwicklungsganges zu erkennen. Heuschrecken, Heimchen und Blattläuse sehen beim Auskommen aus dem Ei fast ebenso aus, als wenn sie erwachsen sind, nur haben sie noch keine Flügel. Aber die Kohlschnake beginnt ihr Leben als eine Larve unter der Erde, und das Marienkäferchen ist anfangs eine Art Raupe, die über die Pflanzen läuft und sich von Blattläusen nährt. Alle Käfer sind Larven mit sechs kleinen Beinen, ehe sie vollständige geflügelte Käfer werden.
Die Raupen von Schmetterlingen sind leicht zu finden; wir wollen sie also in dieser Lektion betrachten. Es gibt kaum eine Zeit im Sommer, wo man nicht eine Raupe finden kann. Die des Zitronenfalters kommt zuerst im April heraus. Im Mai legt der Kohlweißling seine ersten Eier, und bald fressen die Raupen an den jungen Kohlblättern. Ein wenig später findet man in den Brennesseln die schwarzen Raupen mit weißen Flecken (siehe bunte Tafel I. 2), die sich im Juni in Pfauenaugen verwandeln, oder die dunkelgrünen Raupen des Admirals. Diese verbergen sich in einem Blätterbüschel, das gewöhnlich mit seidigen Fäden zusammengeknüpft ist.
Wenn man keine von diesen findet, so kann man doch gewiß nicht die Haufen von kleinen schwarzen, gelbgestreiften Raupen verfehlen, die unter den Blättern der Brennesseln sitzen, und aus denen der kleine Fuchs sich entwickelt. Diese Raupen nützen dadurch sehr, daß sie die Brennesseln vernichten, und man sollte daher immer froh sein, wenn man diesen Schmetterling findet. Gegen Beginn des Herbstes trifft man dann die gefräßigen Raupen der großen Schwärmer an. Wenn man am Abend oder am frühen Morgen ausgeht, so kann man die Raupe des großen Wolfsmilchschwärmers finden, die von der grünen Wolfsmilch an den Wegrändern und auf sonnigen Tristen frißt. Es ist ein schönes Geschöpf, etwa 7 ~cm~ lang, auf schwarzgrünem Grunde gelb punktiert und mit roten Längsstreifen, gelben Flecken und einem roten Schwanzhorn geziert.
Sie ist bei uns viel leichter zu finden als die Raupe des Ligusterschwärmers (siehe bunte Tafel II. 1), die in den Ligusterhecken oder an den Fliederbüschen frißt. Sie ist 8-10 ~cm~ lang und hell apfelgrün gefärbt mit sieben schmaler werdenden violetten Streifen an der Seite und einem Horn am Ende des Körpers. Ihr Kopf ist grün, mit Schwarz eingefaßt, und die Atemlöcher an ihren Seiten sind mit orangefarbenen Ringen umsäumt.
Selten tritt sie bei uns so häufig auf, daß sie die Hecken in schrecklicher Weise zerstört. Sie ist sehr gefräßig und muß viel Nahrung zu sich nehmen, daß sie zu einem Schwärmer heranwachsen kann. Obgleich ihr Körper weich ist, ist ihr Kopf hart und hornig, und da der Mund nichts mit Atmen zu tun hat und keinen Laut von sich zu geben braucht, so kann er fortwährend zum Fressen benutzt werden. Er besteht aus sehr vielen Teilen, von denen man die folgenden sehr gut sehen kann: die große Oberlippe (~ul~) und die beiden starken Oberkiefer (~j~), die sich seitwärts hin- und herbewegen, wenn die Raupe das Blatt benagt. Sobald ein Stück abgeschnitten ist, schiebt die Raupe es zwischen die Unterkiefer (~ij~), wo es gekaut und verschluckt wird. Unter den Kiefern liegt die flache Unterlippe (~ll~), durch die eine kleine Röhre geht. Seht diese Röhre (~s~) gut an. Es ist die Stelle, von der die Seide kommt, die sie braucht, um ihren Kokon zu spinnen, in dem sie schläft, während der Schmetterling heranwächst.
Ihr erinnert euch, daß wir im Buch I gelesen haben, daß die Spinne ihr Gewebe aus seidigen Fäden spinnt, die aus sechs kleinen Warzen unter ihrem Körper kommen. Aber die Raupen der Schmetterlinge, und besonders die des Seidenspinners, nehmen die Seidenfäden aus Spinnwerkzeugen an der Unterlippe.
Nun seht die Beine an. Es sind drei Paare, eins an jedem Ringe der Brust. Sie haben Gelenke und am unteren Ende Klauen (2, S. 15). Es sind wirklich Beine, die hart und hornartig sind wie der Kopf. Wenn die Raupe sich in einen Schmetterling verwandelt, so werden diese Beine zu denen des Schmetterlings. Aber sie hat auch einige Bauchfüße, die sie benutzt, um sich an den Zweigen festzuhalten. Dies sind keine wirklichen Beine, sondern nur fleischige Wülste (1, S. 15), die mit dem Körper der Raupe bei der Verwandlung verschwinden. Es stehen gewöhnlich vier Paare von Bauchfüßen hinter den wirklichen Beinen und zwei am Ende des Körpers, aber einige Raupen haben nicht so viele. Kennt ihr wohl die Spannerraupen, die ihren Körper zu einem Bogen oder einer Schleife krümmen? Man findet eine Art derselben oft auf Stachelbeerbüschen, wo sie sehr viel Schaden anrichten. Sie haben nur sechs wirkliche Beine und vier Bauchfüße am Ende ihres Körpers und bewegen sich in sonderbarer Weise vorwärts. Sie halten sich mit ihren Vorderbeinen an dem Zweige fest und ziehen ihre Bauchfüße an sich heran, bis ihr Körper eine Schleife in der Luft bildet. Dann lassen die Vorderbeine los und ihr Kopfende erhebt sich in die Luft ähnlich, wie ein Elefant seinen Rüssel hebt, und dann streckt sich ihr Körper vorwärts am Zweige.
Da eine Raupe fortwährend frißt, so wird durch den wachsenden Körper die Haut so straff, daß eine Zeit kommt, wo sie keine Nahrung mehr aufnehmen kann. Dann hält sie sich einige Stunden ruhig und bläst ihre Ringe auf. Die Haut platzt, und die Raupe kriecht heraus, mit einer neuen, weichen Haut bekleidet, die sich unter der alten gebildet hat. Diese ist dehnbar, und bald frißt die Raupe ebenso lustig darauf los wie vorher.
Die Raupe wiederholt dies ungefähr fünfmal in ihrem Raupenleben; dann hört sie mit Fressen auf und bleibt einige Tage unbeweglich. Ihre Färbung verbleicht, und wenn nun ihre Haut platzt und abgestreift wird, so sind unter einer neuen weichen nun schon alle Teile des Schmetterlings zu sehen, obwohl noch weich und unvollkommen. Bald sickert eine Art von Gummi heraus. Dieser verhärtet in der Haut und schützt dadurch den Körper während der Entwicklung.
Jetzt heißt das Wesen Puppe. Diese sieht in der Tat wie eine zerknitterte Puppe aus mit ihren zusammengebogenen Beinen und dem über diesen niedergebogenen Kopfe unter der harten Haut. Die Puppe eines Tagfalters ist gewöhnlich oben breit und unten schmal und hat Erhöhungen und Stacheln (vergl. bunte Tafel I. 3). Aber die Puppen der Schwärmer sind mehr eiförmig und glatt (vergl. bunte Tafel II. 3). Spinner hüllen ihre Puppen gewöhnlich in einen seidigen Sack oder Kokon ein, aber die Tagfalter lassen die ihrigen nackt und befestigen sie an einem Zweige oder an einem Grashalm mit einem seidigen Faden (vergl. bunte Tafel I. 5).
Die Raupe der Schwärmer wühlt sich in den Erdboden ein und liegt als Puppe in einem Loche, das sie vorher mit Seidenfäden ausgepolstert hat. Nach ungefähr sieben Monaten, oder oft auch später, arbeitet sich die Puppe an die Oberfläche hinauf, der Schmetterling bricht durch die Hülle und kriecht heraus.
Sammle einige Raupen mit den Pflanzen, auf denen du sie findest. Füttere sie und beobachte ihre Verwandlungen.
Lektion 3.
Bekannte Dämmerungs- und Nachtfalter.
Schmetterlinge tun uns nach dem Auskriechen keinen Schaden mehr. Sie breiten ihre Flügel aus, fliegen umher und saugen den Honig aus den Blumen. Die starken Freßwerkzeuge der Raupe sind verschwunden und federartige Lippen nehmen deren Stelle ein. Ihre Unterkiefer sind sehr lang geworden und in eine lange Röhre zusammengerollt (S. 18), die einem zierlichen Elefantenrüssel ähnlich sieht. Wenn das Insekt den Rüssel nicht gebraucht, ist dieser unter seiner Lippe aufgerollt, aber wenn es den Honig in den Blüten erreichen will, rollt es den Rüssel auf und steckt ihn in die Blüten.
Am frühen Morgen oder am Abend im August kann man den Ligusterschwärmer (siehe bunte Tafel II. 1) mit seinen rötlichbraunen Vorderflügeln und den schönen rosigen, schwarz gestreiften Hinterflügeln sehen, wie er seinen Kopf in die Geißblattblüten in der Hecke steckt. Oder der große Taubenschwanz flattert im Sonnenschein über ein Blumenbeet im Garten oder saugt Honig aus den tiefen Blüten der Nelken und Natterzunge. Ihr könnt ihn teils an dem summenden Geräusch erkennen, das er mit seinen Flügeln verursacht, und teils daran, daß er sich nicht auf den Blumen niederläßt, sondern im Fliegen Honig saugt.
Dann ist da der Totenkopf, der größte deutsche Schwärmer, der seinen sonderbaren Namen von der gelben Zeichnung auf dem Rücken seiner Brust hat, die wie ein Totenschädel aussieht. Er hat braune Vorderflügel und gelbe Hinterflügel mit dunkeln Querbändern, die Fühler und der Rüssel sind sehr kurz. Man kann ihn finden, wenn man nach Sonnenuntergang im Herbste an den Hecken sucht; er schwärmt daran entlang und ist durchaus nicht so selten, wie man glaubt; aber er fliegt nur am Abend.
Wenn man einen dieser großen Schwärmer fängt, so wird man überrascht sein zu sehen, wie verschieden er von der Raupe ist, aus der er sich entwickelt hat. Die sechs Beine an den drei Ringen der Brust sind noch da, aber über ihnen stehen vier prächtige Flügel. Sie bestehen aus einer feinen durchscheinenden Haut und sind über und über mit Schuppen bedeckt, die wie Dachziegel geordnet sind. Wie sorgfältig man auch immer einen Schwärmer oder einen Tagschmetterling fängt, es wird immer ein feiner Staub an den Fingern zurückbleiben. Jedes Teilchen dieses Staubes ist eine fein gefärbte Schuppe, und diese geben dem Schwärmer seine schönen Farben. Die Schmetterlinge werden Lepidoptera genannt, und dieses Wort bedeutet „Schuppenflügler“. Die Raupe hat sechs kleine Augen, so winzig, daß wir sie nicht bemerken. Der Schwärmer hat diese auch noch, aber er hat nebenbei zwei prachtvolle, kugelartig hervorgewölbte Augen (~e~, siehe Abbildung) an beiden Seiten des Kopfes. Sie bestehen aus hunderten von kleinen Einzelaugen, so daß der Schwärmer nach allen Seiten hinsehen kann, obgleich er die Augen nicht bewegt. Die Augen des Totenkopfschwärmers glänzen selbst in der dunklen Nacht wie rote Lichterchen.
Der Körper des Falters besteht aus drei Teilen. Sein Hinterleib ist eiförmig zugespitzt, seine breite Brust trägt die Beine und die Flügel, und am Kopfe befinden sich die großen Augen (~e~), die Fühler und der Saugrüssel (s. Abb. S. 18). Die Fühler oder Antennen sind breit in der Mitte, spitz am Ende und meist fein gesägt oder gekämmt. Daran kann man Dämmerungs- und Nachtfalter von Tagfaltern unterscheiden. Denn die Fühler der Tagfalter sind fast immer rund, am Ende keulenartig verdickt und ganz glatt.
Ein anderer Unterschied zwischen ihnen ist der, daß bei den Tagfaltern die Flügel in der Ruhe aufrecht stehen, so daß ihre oberen Enden sich berühren, während sie bei den Schwärmern flach an dem Rücken liegen, wie das Dach eines Hauses auf den Mauern ruht.
Zu den häufig vorkommenden Schmetterlingen, die man finden kann, gehört der Weidenholzbohrer. Er hat einen kurzen Körper und graubraun, verschwommen weißgrau gezeichnete Flügel mit dunklen Wellenlinien. Man findet ihn auf Weiden und Pappeln. Er fliegt nicht viel umher, denn er hat keinen Rüssel und nimmt während seines kurzen Schmetterlingslebens keine Nahrung zu sich. Er sucht nur eine Stelle, wo er seine Eier ablegen kann, aus denen eine nackte rote Raupe auskriecht. Diese Raupe bohrt sich in einen Baumzweig und lebt dort Jahre lang, indem sie sich von seinem Holze nährt.
Viele Schwärmerraupen leben im Innern von Baumstämmen und Zweigen. Wenn man an einem heißen Sommertage die Johannisbeersträucher überblickt, wird man zuweilen einen hübschen kleinen Schwärmer finden mit schlankem, schwarzgelben Körper, dünnen Beinen, langen Fühlern und klaren, durchsichtigen Flügeln; er sieht ganz anders aus wie die meisten Schmetterlinge. Dies ist der Johannisbeer-Glasflügler (vergleiche bunte Tafel II. 5), der nur am Rande seiner Flügel Schuppen hat. Er sieht gewissen Wespen sehr ähnlich. Dieser Glasflügler legt seine Eier in die Zweige der Johannisbeerbüsche, und seine kleine gelbe Raupe, die eine dunkle Linie auf dem Rücken hat, frißt sich in das Mark der Zweige hinein. Man sollte immer die toten oder verdorrten Zweige von den Johannisbeerbüschen entfernen, aus Furcht, daß vielleicht diese Raupen darin sitzen könnten.