Part 5
Am Nebentisch aber entfaltet eine der bedeutendsten Persönlichkeiten beim Gastmahl seine Tätigkeit; dies ist der ~scissor~, der Vorschneider. Es wird uns einmal sehr schwungvoll geschildert, wie das Messer in seiner Rechten saust, er selbst aber die allergraziösesten Posen einzunehmen weiß und tänzelnd seine höchst verantwortliche Aufgabe löst: denn er muß jeden Knorpel vermeiden und ausschalten und darf dabei doch nur ganz winzige Stückchen schneiden, nur Häppchen, so groß wie ein Mund voll (~offa~). Daher hieß ein solcher Mann ~Carpus~, weil er das Fleisch „zerpflückt“. Der berühmteste Vorschneider Roms aber war Trypherus; er machte Schule, und man übte sich im Zerlegen an Holzmodellen. Warum aber, fragen wir befremdet und mit Recht, warum darf Trypherus vom Braten keine großen Scheiben schneiden, nach denen doch der Ehrgeiz jedes modernen Zerlegers steht? Warum diese das Auge enttäuschende Zerstückelung des kostbaren Materials in lauter kleine „Bissen“?
[Randnotiz: Essen mit den Fingern. Mundtücher.]
Auf diese Frage lautet die unerbittliche Antwort: weil man mit den Fingern ißt. Man hatte zum Essen weder Teller noch Gabel, noch Messer. Man hatte ja auch beim Liegen nur die +eine+ rechte Hand frei! Also an Zerschneiden des Fleisches war für den Speisenden selbst gar nicht zu denken. Einen Zahnstocher hatte man freilich; der aber wurde nur in den Pausen benutzt.
Irre ich nicht, so hat, wer dies liest, über unseren alten Tischgenossen sofort den Stab und vielleicht schon mehr als einen Stab gebrochen. Aber versuchen wir etwas gerecht zu sein, damit wir den Gegenstand unseres bisherigen Interesses nicht gar mit einem unbegründeten Unwillen und üblem Nachgeschmack verlassen.
Wir bedienen uns jetzt sogar für das Spargelessen eines Instrumentes; wir essen sogar den Fisch nicht mehr mit Hilfe des Brotes. Und ein so feiner Weltmann wie Kaiser Otho hätte wirklich mit der Hand ins Frikassee gelangt? Mit der Hand hätte ein Augustus die Rehkotelette aus der Schüssel geholt? eine Agrippina die Endivien mit den Fingern zum Munde geführt? Freilich, so ist es. An Kaiser Justinian, der immer nur wenig aß, fiel auf, daß er das Essen nur mit den äußersten Fingerspitzen faßte; das heißt eben, die anderen machten es anders. Und man mußte sich vorsehen; man durfte nicht zu gierig zugreifen, sonst verbrannte man sich[56]. Denn das Messer war freilich sehr bekannt, und wie schön der ~scissor~ seine Klinge zu führen verstand, sahen wir vorhin. Aber man scheint nur gelegentlich darauf verfallen zu sein, auch einmal jeden der Gäste damit zu bewaffnen; dies sollte eben späteren, erleuchteteren Zeiten vorbehalten bleiben. Die Eßgabel sodann war damals überhaupt noch nicht erfunden; es existiert auch gar kein lateinisches Wort dafür. Denn ~furca~ (Forke) ist die Mistgabel. Und endlich Löffel hatte man zwar; die üblichsten Löffel waren klein; sie hießen ~cochlearia~; allein sie dienten, wie schon ihr Name angibt, lediglich für Muscheltiere, daneben auch noch zum Eieressen. Größere Löffel, ~ligulae~, waren allerdings auch vorhanden; sie werden aber selten erwähnt und dienten wohl nur zu gewissen Mehlspeisen[57]. Vergessen wir nicht, daß das ganze Mittelalter, ja daß auch noch die so hochgebildete Renaissancezeit nicht viel besser daran war; auch beim Abendmahl Lionardos und sonstigen Darstellungen gedeckter Tafeln aus jener Zeit fehlen noch die Eßinstrumente ganz oder fast ganz, und nur das Salzfaß steht da, das auch auf keinem antiken Eßtisch fehlte.
Nun wohl, Fleisch und Gemüse ließen sich schließlich auch mit der Hand anfassen. Wie aber aß man die Speisen mit Aufguß, die köstlichen Fischtunken? Man tunkte eben direkt den Finger hinein, und zwar alle in dasselbe Gefäß; oder aber, wenn man umständlicher sein wollte, so tunkte man die Brühe mit +Brot+ auf. Die Folgen, die solcher Gebrauch der Hand nach sich ziehen mußte, habe ich wohl nicht nötig auszumalen. Bezeichnend genug, daß einmal +Ovid+ in seiner ~Ars amandi~ den Mädchen, welche gefallen wollen, unter anderem auch den Rat gibt, sie sollen sich bemühen, hübsch +sauber+ zu essen und sich vor allem nicht mit der fettigen Hand ihr liebliches Angesicht beschmieren.
Dies sind schlimme Tatsachen; allein es wäre, wie gesagt, ungerecht, wollten wir nicht zugleich auch zur Entschuldigung folgendes mit in Erwägung ziehen.
Der Reinlichkeitstrieb, durch den sich die klassischen Völker doch sonst so ganz besonders auszeichnen, hat das Altertum auch in diesem Falle nicht verlassen können. Man genügte diesem Triebe, so gut es eben anging, durch eine Reihe von Hilfsmitteln.
Hinter jedem Gericht wusch man sich allemal aufs neue mit Hilfe des Pagen die Hände. Was Mund und Angesicht betrifft, so hatte man zu ihrer Säuberung ganz so wie wir Mundtücher oder Tellertücher, ~mappae~; sie waren natürlich schon gleich nach +einer+ Mahlzeit durchfeuchtet und fettgetränkt und mußten in die Wäsche oder wurden weggeworfen. Auf dem Armpolster hatte der Schmausende diese Tücher neben sich liegen, nachdem er sie entweder selbst mitgebracht oder nachdem der Wirt sie an seine Gäste als Geschenk ausgeteilt hatte. Servietten waren eines der billigsten und häufigsten Festgeschenke in jener Zeit. Denn jeder brauchte sie eben täglich neu. Daher auch die Serviettendiebe, eine ganz besondere, elegante Abart von Gelegenheitsdieben im Altertum, die auch gerade in der besseren Gesellschaft sich vorfanden. Offenbar waren die Tücher noch nicht „gezeichnet“ wie bei uns und luden dazu ein, den Eigentümer zu wechseln. Eine Verhöhnung des Gastes aber war es, wie Horaz bemerkt, begreiflicherweise, wenn der Wirt ihm ein schon einmal gebrauchtes Mundtuch anbot. Dies also der Zweck der Reinlichkeit. Aber dieselben Tücher ließen sich auch sonst verwenden; man pflegte beim Nachtisch Näschereien und Konfekt darin einzuwickeln und für die Kinder mit nach Hause zu nehmen -- ganz so, wie es ja auch noch unsere sorglichen Hausmütter und Hausväter bisweilen tun. Denn sogar auch der Sklave zu Hause erwartete zum mindesten ein paar Äpfel; sonst empfing er seinen armen Herrn mit Brummen[58].
[Randnotiz: Brot. ~Analecta.~ Zwei Bibelstellen erläutert.]
Aber damit noch nicht genug; zur sofortigen Säuberung der doch stets benetzten Finger standen drittens noch große Massen weichen Brotes in silbernen Brotkörbchen jedem zur Hand. Oder die Pagen liefen mit solchen Körben herum und boten an. Unausgesetzt trocknete man sich die Finger im Brote. Dabei konnte freilich ein anderer Übelstand nicht wohl ausbleiben: daß die so benutzten Krumen vielfach nieder zur Erde und auf den Mosaikboden fielen. Aber auch für diesen Mißstand war bis zu einem gewissen Grade gesorgt. Denn waren nicht etwa Hunde im Saal, was häufig vorkam, die sich den Fraß nicht entgehen ließen[59], so fegte ein Sklave das Nebenhergefallene zwischen jedem Gang mit schönen Besen aus Myrten oder mit Palmblättern hinaus, oder es kam auch vor, daß dieser Sklave die ganze Tischzeit aufsammelnd unter dem Tische zu sitzen hatte! Man nannte das Aufgesammelte die ~analecta~. Aber vieles blieb auch ruhig liegen. Ein herrlicher mosaizierter Fußboden, der aus einem antiken Eßsaal in Rom selbst stammt, ist erhalten und in Rom im Lateran aufgestellt[60]; in diesem Mosaikwerk sind auf das naturgetreueste und ergötzlichste die ~analecta~ selbst dargestellt, wie sie bei einem antiken Gastgelage tatsächlich auf dem Boden herumlagen: Fischgräten, Krebsbeine, abgenagte Weintrauben, Muscheln und Nußschalen, Salatblätter, ein Hahnenfuß, sogar ein regelrechtes „Ziehbein“. Ein klassischer Realismus! Wir möchten uns bücken, um es aufzulesen, und haben den Eindruck, als hätte das Essen erst gestern stattgefunden.
Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß auch zwei allen sehr wohlbekannte Stellen unseres biblischen Textes durch das zum Schluß Vorgetragene erst ihre nähere Erläuterung erhalten. Die Brosamen, die von des Herrn Tische fallen, von denen das Gespräch mit dem kananäischen Weibe redet, sie sind eben jene Brosamen, welche wir soeben die Hunde oder den Sklaven unter dem Tisch auflesen sahen; es sind die Analekta der antiken Gastgelage. Und wenn Jesus beim Ostermahle eigentümlicherweise den Judas Ischarioth als seinen Verräter mit den Worten bezeichnet: „Der mit mir die Hand in die Schüssel taucht, der wird mich verraten,“ so wird dies gemeinsame In-die-Schüssel-tauchen der Hände eben nur durch das Fehlen des Löffels bei den Mahlzeiten der alten Völker verständlich, über das wir geredet haben.
[Randnotiz: Würdigung des Tafelluxus. Abendtrunk. Schluß.]
Wir haben nunmehr hinlänglich gesehen, sowohl was die Alten bei ihren Gastmählern aßen als auch wie sie es aßen. Was die ästhetische Beurteilung betrifft, so muß ich befürchten, daß alle sonstigen Vorzüge die zuletzt festgestellten Mängel in unserer Vorstellung nicht auszulöschen vermögen, weder Rosenflor noch Silbergeschirr, noch Tafelmusik, noch die geistreichste und gebildetste Tischunterhaltung. Fassen wir sodann aber den römischen Tafelluxus als solchen ins Auge, so hat er, so reich und so fein durchgebildet er auch war, doch den Tafelluxus unserer Neuzeit, wie er in den großen Hauptstädten und Kulturzentren Europas oder Amerikas im Schwange ist, gewiß in keiner Beziehung übertroffen, und wir werden anstehen, eine Meinung zu teilen, die aus ungenügender Kenntnisnahme der Tatsachen sich herleitet, als zählten für den Untergang der römischen Kultur die Schmausereien und Schlemmereien der Vornehmen mit zu den wesentlichen Ursachen. Daß der Koch in Rom sein Geschäft verstand oder daß durch den lebhaften Handel die schöneren auswärtigen Erzeugnisse auf die Tafel kamen, kann doch, wie sehr auch darüber die zeitgenössischen Stoiker, ein Plinius oder Seneca, sich ereifern, bei unbefangener Betrachtung nur als Vorteil gelten. Wer macht es einer Familie des deutschen Mittelstandes zum Vorwurf, daß sie zu einem gewöhnlichen Frühstück ostindischen Tee nimmt, westindischen Zucker und englischen Käse, vielleicht sogar ein Gläschen spanischen Wein und ein Brötchen mit russischem Kaviar? Nur wenn Deutschland wie eine Festung vom Feinde zerniert ist, müssen wir uns all dies grollend versagen. Roms Herrlichkeit ist an ganz anderen sittlichen und sozialen Schäden zugrunde gegangen. Wenn je die frugalen Ostasiaten es dahin bringen sollten, unsere moderne europäische Kultur zu überwinden, so wird man doch auch hoffentlich dafür nicht die gute Küche als wesentliche Ursache betrachten, durch die gerade das tüchtigste Bürgertum bei uns (man denke an Hamburg) sich hervortut.
Es ist inzwischen 8 Uhr geworden. Das Gastmahl, von dem ich geredet habe, ist zu Ende, und die Zecherei, die ~comissatio~, das Symposion, hat schon begonnen, das sich unmittelbar anschließt. Die Herren haben Kränze aufgesetzt, und es ist schon so lustig, so ausgelassen an der Tafel, daß die Frau des Hauses, die den Nachtisch noch mitgenoß, sich taktvoll entfernt hat. Es dürfte für uns geraten sein, es ihr nachzutun. Freilich werden wir dann in den so mannigfaltigen griechischen Trinkkomment mit all seinen lustigen Kniffen und Pflichtleistungen nicht eingeweiht -- denn ein Präside oder Thaliarch fehlt nicht --, und es entgeht uns die so wünschenswerte gründliche Kenntnisnahme der griechisch-römischen Weine und der Bowlen! Denn auch diese verstand man für die Symposien zu brauen: Bowlen von Pfirsich, Bowlen von Aloe, Ysop, Salbei, Bowlen von Narde, von ätherischen Ölen, unter denen aber wohl doch die Veilchenbowle die denkwürdigste sein dürfte. Ihr Rezept steht bei Apicius. Die Veilchen mußten sieben Tage im Wein ziehen; dann kam der Honig hinzu, und sie war trinkbar.
Die Mehrzahl unserer Trinklustigen wird übrigens gewiß schon vor Mitternacht sich im Bette befinden. Denn sie sollen ja schon vor 6 Uhr wieder aufstehen[61]. Auch die schlechten Leuchtkörper trugen dazu bei, daß man früh Schluß machte[62]. Möge ihnen denn das Gastmahl allseitig gut bekommen sein, möge auch das Räuschchen, das doch nicht leicht ausbleibt, schon um das erste Morgengrauen wie ein Traum verfliegen, und möge insbesondere der Wirt und Gastgeber, der für seine Gäste so viel getan hat, nach seinem Fest am anderen Morgen sich selbst so aufgeräumt wiederfinden wie seinen Speisesaal, in dem die Hausdiener in der Frühe sogleich mit Besen, Schwämmen und Tüchern jede Spur des Vorgefallenen zu vertilgen wissen.[63]
Auf der römischen Heerstraße.
Je größer die Welt, je mehr wächst das Bedürfnis nach Annäherung, je erfinderischer sinnt der Geist auf Mittel, die den Menschen zum Menschen führen. Heute hat der Verkehr mit seinen Spinnenbeinen den ganzen runden Erdball wie eine eingefangene Fliege umfaßt. Die Erde schrumpft unter ihm zusammen. Jeden Tag hat man -- in Friedenszeiten -- in Berlin die Kursnotierungen der New Yorker Börse: Das Kabel tut’s. Die englischen Stahlwaren wollen von Liverpool rasch nach Japan; der Panamakanal muß sie hindurchlassen. Die Kohlenindustrie ist es, die das alles bewirkte; sie hat durch ihre Gaben die Welt verkleinert: Schnelldampfer, Eilzüge, Autos, drahtlose Telegraphie, Fernsprecher -- welche Fülle der Bewegung, der Mitteilungsmöglichkeiten; dazu die Radler, die Flieger. Wer als altmodischer Fußgänger über die Landstraße trollt, begegnet kaum noch ab und an einem Bauernwagen mit trabenden Gäulen und nickender Peitsche; auch der zweispännige Doktorwagen fehlt. Auf dem Rad fliegt der Arzt in die Dörfer hinaus, fliegt sogar der Pfarrer mit wehendem Rock auf seine Filiale. Dieselbe Straße führt mich am Bahnkörper entlang; plötzlich tönen Signale, tönt gleichzeitig das Huphup. Ein Automobil jagt ratternd hinter mir auf, in Wettfahrt mit dem donnernden Expreßzug zur Rechten; überrascht schaue ich nach oben; denn auch über mir lärmt es. Ein Luftschiff ist’s; es schießt in gleicher Richtung um die Wette. Da sind schon alle drei verschwunden. Wer von ihnen ist zuerst am Ziel? Der Mensch sitzt still, die Maschine rennt sich außer Atem. Ganze Bevölkerungsmassen hebt sie so über Ströme und Gebirge dahin, von Ozean zu Ozean. Der Wandersmann hemmt seinen Schritt, versonnen, an seinen Stecken gelehnt; auch er beginnt plötzlich zu fliegen, aber nur sein Gedanke ist es, der fliegt; die Gegenwart versinkt, der Gedanke trägt ihn im Nu in die fernsten Vergangenheiten. So mich, und den Leser mit mir. Denn nichts ist reizvoller als das Vergleichen. Dereinst hat die Kultur der Griechen und Römer ohne alle Kohlenindustrie ihre vielbewunderte Höhe erklommen, und schon das römische Kaiserreich hat die ganze damalige gebildete Menschheit und eine Fülle von Nationen zu einer großen Verkehrseinheit zusammengefaßt. Die antike Heerstraße taucht vor uns auf, der Falernerwein und sein Versand, die Depeschenboten des Senats, der Vergnügungsreisende, der es in Rom nicht aushält, der Apostel Paulus, dessen Wirken ohne angemessene Beförderungsmittel nicht denkbar war. Wenn Paulus Briefe schrieb, so mußten sie auch befördert werden; wenn er von Jerusalem nach Korinth und Rom wollte, so mußte ein Passagierschiff ihn mitnehmen. Hat das antike Verkehrswesen seinen Aufgaben genügt? und läßt es sich mit dem heutigen annähernd vergleichen[64]?
[Randnotiz: Modernes Verkehrsleben. Ruhe des Südens.]
Wir betreten die sonnigen Länder des Mittelländischen Meeres. Da fehlt jede Hast; alles atmet die Ruhe des Südens, der Antike. Die Affekte der Menschen sind lebhaft und heiß, der Arbeitstrieb dagegen ist gemächlich und liebt das Ausruhen. Die Straße belebt das Maultier, das Ochsengespann, und am Lastkarren kreischen die Räder, die schwere Radscheiben sind, wie man sie jetzt noch in der Türkei hat. Dies unser erster Eindruck. Daß wir heute die Lokomotive lateinisch benennen, ist ein närrischer Umstand; ebenso ist Veloziped lateinisch. Aber modernes Latein; der Römer kannte diese Wörter nicht. Wohl aber ist das „~cito~“, das wir früher auf unsere Eilbriefe setzten, römisches Erbe; lateinisch auch der „Kurs“ unserer Kursbücher und die „Stationen“. Sobald aber die physikalische Wissenschaft eingreift und ihre Erfindungen bringt, stellt sich das Griechisch ein. Mit „Auto“ bezeichnen wir, was immer sich automatisch bewegt. Auch „elektrisch“ ist griechisch, griechisch „Telephon“ und „Telegraph“; die Doppelsilbe „Tele“ bedeutet uns alle Fernwirkung ins Endliche und Unendliche, und es ist darum zu verwundern, daß wir unser Geschütz Mörser und Kanone und nicht lieber „Telemach“ nennen. Denn Telemach, des erfinderischen Odysseus Sohn, ist eben der aus der Entfernung Kämpfende.
Das alte Griechenland war freilich viel zu winzig, um selbst praktisch vorzugehen. Denn in zwei Tagen lief ein Läufer von Hauptstadt zu Hauptstadt, von Athen nach Sparta[65]. Was wollte man mehr? Wozu erst durch das wilde arkadische Gebirge Straßen schlagen? Auf der felsigen Insel Rhodos fuhr überhaupt nie ein Wagen[66]. Der Schnelläufer (der Hemerodrom) war Griechenlands Ruhm, und er genügte. Wohl aber hat uns Griechenland die Ideale geliefert: es ersann den Botengott Merkur, der mit dem Stab und auf dem Flügelschuh durch die Luft springt. Darum schmückt Merkurs Gestalt noch heute bei uns tausend Bahnhöfe. Er ist der intelligente Bote, und alle Meldung richtet er nur mündlich aus. Anders die Göttin Iris, die die Briefpost vertritt. Wie der Regenbogen schnellt Iris durch den Äther, aber der Gottvater Zeus traut ihrem Gedächtnis nicht und gibt ihr seinen Auftrag oft schriftlich in die Hand: Himmelsbriefe, die jedem Sterblichen sein Schicksal, Freudiges und Trauriges, bringen[67]. So ist es mit den Briefen auch noch heute.
[Randnotiz: Griechen, Perser, Karthager. Späte Entwicklung Roms.]
Nicht Hellas, sondern das große Perserreich des Darius hat dereinst vorbildlich das Straßenwesen und Nachrichtenwesen entwickelt. Im Buch Esther lesen wir vom bösen König Ahasver, der dort von Indien bis zum Mohrenland herrscht. Der König erhebt sich im Grimm und schickt an einem Tage an alle seine „hundertsiebenundzwanzig Länder“ Boten mit dem schriftlichen Erlaß der Judenverfolgung; jeder Erlaß in anderer Landessprache. Da sehen wir, so kurz die Worte sind, die große staatliche Organisation des Meldewesens, das damals über Persien und die ganze Türkei ausgriff, vor Augen. Daher auch die persischen „Parasangen“, die Meilenmessung der Straßen, und die „Angaren“ (berittene Eilboten), von denen der alte Herodot uns redet. Die Karthager waren die Schüler der Perser und haben dann alles dies in ihrem nordafrikanischen Landbesitz früh nachgeahmt. Die raschen Züge und Ritte Hannibals und anderer punischen Führer setzten unbedingt einen hochentwickelten Straßenbau voraus. Das straßenlose Meer dagegen haben die Griechen, diese echtesten Seeleute, im Wettbewerb mit den Phöniziern, erschlossen, das Meer, das für den Schwimmer selbst Straße ist. Wundervoll schön und reich entwickelt war die schlanke Triëre, das griechische Kampfschiff, das wie ein Tausendfüßler auf seinen Rudern daherschoß; nützlicher das Frachtschiff, das in der Größe unserer Briggs und Schoner mit hohen Segeln und starken Masten sich in die Wogen legte und in langen Karawanen durch die Wasserwüste Poseidons zog, um Gefäße und Metallwaren, Korn und Wein, Baumaterial und tausend Rohstoffe und Industriewaren im Austausch von den Mutterstädten in die fernen Kolonien zu tragen.
Wie anders das Römervolk! Ein wasserscheues Bauernvolk war es von Haus aus, träge und bis zum Stumpfsinn unbeweglich, und hat erst spät, erst als das Bedürfnis dringend wurde, all jene Dinge dem regsamen Ausland abgelernt. Die Zeit der lokalen Kleinkriege war vorüber; die Verhältnisse zwangen plötzlich zu großen Leistungen, und sogleich half den Römern die griechische Intelligenz. Die griechischen Techniker machten alsdann alles. Der herrische Römer ließ andere für sich arbeiten, aber er wußte treffsicher mit politischem Weitblick und Scharfblick die Ziele zu setzen. Charakteristisch ist, daß der Eigenname „Cursor“, der „Läufer“, nur an einer römischen Familie, der Papirier, haftete. Vom Papirius Cursor redet uns der Historiker Livius. Der haltungsvolle Römer lief sonst nicht gern; der alte Papirius fiel durch seine Schnellfüßigkeit auf[68].
[Randnotiz: Stadtklatsch. Ausrufer. Maueranschläge. Brieftafel.]
Die Hügelstadt Rom selbst besaß in ihrem Inneren nur wenige fahrbare Straßen wie die „~via lata~“, auf denen die Transporte in die Stadt per Achse kamen (die „~sacra via~“ war Prozessionsstraße). Man schritt und kletterte sonst nur durch schmale Gassen (~clivi~ und ~vici~), die man darum zusammenfassend „Gänge“, ~itinera~ (von ~ire~), nannte. Aus Gängenvierteln und einigen Marktplätzen bestand die Stadt. Die müßige Menge sammelte sich, wie es noch heute im Süden ist, an gewissen Standorten, und sie war nun auch ihr eigener Bote und Berichterstatter; geschah etwas Neues, so rauschte es in der Stadt gleich von Mund zu Mund. Wenn die Senatoren beraten, staut vor der Sitzungshalle sich die Menge und lärmt so lange, bis jemand notgedrungen heraustritt und die Neugier vorläufig befriedigt. Heulender Protest erhebt sich, wenn ein mißliebiges Edikt herauskommt[69]. Ein Gesetz gegen den Frauenluxus soll es geben; der strenge Cato ist am Werk: da rotten sich die Weiber, die davon hören, an allen Kreuzpunkten, umstellen geradezu das Forum, so daß ihnen kein Mannsbild entgeht, und bearbeiten sämtliche Stimmfähigen, damit der böse Antrag zu Fall kommt[70]. Agitation und Klatsch: das ist römisches Straßenleben. Es verlautet, daß ein gewisser Rutilus gestern ein glänzendes Essen gegeben hat, und Rutilus ist doch so arm! Gleich wissen das alle Müßigen, und das Räsonnieren geht los, in den Tempelvorhallen, in den Thermen und Friseurbuden[71].
Aber auch das Ausrufen ersetzte die Meldung. Das Kalenderwesen war schwierig; das Publikum mußte wissen, wie in jedem Monat gewisse Termine lagen; an jedem Ersten erschien auf dem Kapitol ein Priester (~pontifex~) und rief den Eintritt der „Nonen“ aus[72]. Dazu nun die Ausrufer von Beruf, die die Stadt bezahlte, jene altmodischen Figuren, die wir auch in unseren deutschen Kleinstädten noch vor etwa 50 Jahren an den Straßenecken regelmäßig tätig sahen, als Ersatz für Tageblatt und Lokalanzeiger. In Rom fehlte ihnen die Schelle; sie hatten nur ihr dröhnendes Organ und verkündeten nicht allein lautschallend die Angebote bei den Auktionen, sondern auch Wichtigeres: „Morgen, ihr Bürger, die feierliche Beisetzung des großen Aemilius Paulus, der den König von Mazedonien besiegte; als Leichenspiel wird eine Fabel des Terenz gespielt;“ oder: „Die Gladiatoren aus Capua sind da; morgen wird das Forum für sie mit Sand bestreut.“ Auf demselben Forum Roms, diesem Zentrum der Weltgeschichte, finden die Herren Senatoren sich natürlich täglich zusammen; Cicero steht da plaudernd mit Pompejus und Lukull, macht seine Witze und freut sich, wenn Lukull ihn freundlich zu Tisch einladet: da fährt der Ausrufer dazwischen und schreit: „Die Sitzung geht an!“ und die Herren schieben sich in die Kurie, um über die Eroberung Galliens oder über die Schulden des jungen Königs von Ägypten zu beraten.