Aus dem Leben der Antike

Part 13

Chapter 133,503 wordsPublic domain

Für den alten Ägypter war der Vogel gelegentlich selbst göttlich, selbst Gottheit gewesen; er schuf den Gott Horos mit dem Sperberkopf; der Fittich war ihm allgemein Abzeichen des Göttlichen. Anders der Grieche. Der Grieche schuf Gott nach seinem Bilde und verschmähte jenes Abzeichen durchaus, außer wo er phönizischen Einflüssen Raum gab[207]. Die olympischen Götter schreiten vorgeneigt durch den Luftraum, durchmessen die Himmelsstrecken mit leichtestem Sprung, aber sie bedürfen des Flugapparates nicht; auch beim Hermes ist er lose Zutat und mehr Merkmal als Werkzeug der Eile dieses Berufsboten. Die Flügel sparte jene Kunst für ihre Windgottheiten, für ihre Siegesgöttin, die Nike, auf, um an ihnen die stürmende Hast vorzüglich auszudrücken. Amor aber -- griechisch Eros -- ist die Liebe. Die Liebe (Sappho bezeugt es) ist dem Winde, dem Sturme gleich; man weiß nicht, von wannen sie kommt und geht; sie ist überraschend beglückend, göttlich, aber ephemer, eine Unsterblichkeit des Augenblicks, wie Nike, der geflügelte Sieg[208]. So ist Eros -- nach einigen ein Sohn des Zephyr -- stets geflügelt gebildet worden.

Aber auch in anderem Sinne ist die Liebe flugbegabt. Jene Sehnsucht des Sterblichen nach dem Unendlichen, nach dem Fliegenkönnen, in der Liebe ist sie gleichsam erfüllt; denn sie ist ein Schweben des Liebenden außer sich, d. h. im Unbegrenzten. Der Menschenseele selbst, die da liebt, wachsen somit Schwingen; oder aber -- in anderer Auffassung -- die Liebe selbst in ihr ist ein Flügelwesen. Als man bei den Griechen begann, über die Beflügelung Betrachtungen anzustellen, beim Plato im Phädrus, wird uns eben dies gesagt. Nicht wesentlich weicht hiervon ab, wenn es in einem Spruche aus der Komödie heißt: „Schnell wächst Gefieder dem Eros, wenn er hofft, und schnell entfiedert ist er, wenn ihm die Hoffnung schwand“[209].

Nicht also die Befiederung der Amoretten bedarf einer weiteren Erörterung, wohl aber ihr kindliches Alter und ihre Vielheit, desgleichen die Art ihrer Verwendung oder Beschäftigung.

Es gilt zum Verständnis die verschiedenen Zeitalter des Griechentums zu sondern, die Wandelungen des Zeitgeistes in ihm zu beobachten. Das Griechentum gleicht der Natur und dem warmen blühenden Jahre; nicht jeder Monat brachte die gleiche Flora. Die Amoretten waren Spätlinge des Jahres und entstanden, als der Geist und die Kunst schon herbstete.

[Randnotiz: Eroten in der älteren Kunst. Interesse am Kinde.]

Die eigentlich klassischen Zeiten eines Perikles und Plato wußten im wesentlichen nur von einem Eros. Die Vorstellungen über ihn waren erst allmählich innerhalb der Literatur und Kunst selbst ausgebildet worden. Er war von den Einen im Interesse der Schöpfungsgeschichte als Schöpfungsgeist oder Lebensprinzip des Weltalls, von anderen minder abstrakt als Entzünder der Liebe innerhalb des Menschenlebens aufgefaßt. In dem letzteren Sinne, der je mehr überwog, je breiteren Raum die Liebespoesie gewann, festigte sich erst nach und nach die Vorstellung vom Eros als dem Sohne der Aphrodite. Die Kunst aber gab diesem einen Eros ganz vorwiegend die Gestalt des Halbjünglings oder reiferen Knaben, in einem Alter zwischen 9 oder 10 bis zu 16 Jahren. Und wir sehen diesen „jüngsten“ und „schönsten“ der Götter zunächst nicht sich beschäftigen; er steht oder er fliegt daher, hält Symbole, die auf Lenz und Liebe deuten, bis er endlich zum Bogenspanner ausgebildet ist, der die Herzen verwundet mit dem Pfeil der Venus.

Es konnte nicht ferne liegen, von diesem Venussohn zu einer Mehrheit gleichartiger Gestalten zu gelangen. Eros ist die Personifikation eines Triebes. Man konnte der Liebe die Begierde „Himeros“ zum Bruder geben, als dritten dazu die Sehnsucht, den „Pothos“, gesellen. So tat es in der großen Kunst nur Skopas in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts v. Chr. Die Vasenmalerei und kleinere Kunst aber schlug entweder dasselbe Verfahren ein (die Beischriften bezeugen es), oder sie zeigte „Liebe“ und „Gegenliebe“ (Eros und Anteros), oder sie verfiel endlich auch geradezu auf eine Anzahl von gleichartigen ununterschiedenen Eroten, bis etwa zu sechsen an der Zahl auf einem Stück. Es scheint dies zunächst ein ähnlicher Hergang, wie wenn man den einen Gott Pan, den ziegengestaltigen, vermehrte und aus ihm einen ganzen Tragödienchor seinesgleichen schuf[210]. Und doch liegt die Sache anders[211].

Da Liebe immer nur als die Liebe +eines+ Menschenherzens zu verstehen ist, so waren gewiß so viele Eroten denkbar, als da Herzen lieben. So sprach auch die Euripideische Tragödie, die die Liebe zuerst zum großen Gegenstande der Bühne machte, mehr als einmal im Plural von „Eroten“. Sogar ein Pindar war vereinzelt darin vorgegangen. Allein jene Vasenbilder geben uns diese Eroten noch allzu deutlich als abstrakt symbolische Figuren; sie ordnen sie schematisch und nach äußerlicher Entsprechung (besonders ist die Zweizahl bevorzugt), so daß oftmals der Eindruck entsteht, das bloße Bedürfnis nach Symmetrie sei hier auf die Erfindung von Einfluß oder entscheidend gewesen; und was wichtiger, sie vereinigen diese Eroten noch nicht unter sich zu einer Handlung. Es waren noch keine Amoretten.

Auch fehlte noch immer das eigentliche Kindesalter. Zwar konnte es nicht fern liegen, sich Amor klein vorzustellen, und auf diese Anschauung konnte hinleiten, was Sophokles von ihm sang: „Der du auf weichen Wangen des Mägdleins lauernd gelagert bist.“ Es ist dies nichts als der Person gewordene „Glanz der Liebe auf Purpurwangen“ (Phrynichus). Wo aber war damals der Künstler, der dies auch nur annähernd in Stein oder Farbe wiederzugeben wagte und wagen konnte? Auch weiß z. B. der Komiker Alexis in seiner eingehenden Charakterzeichnung des Gottes noch nichts von seiner Kindlichkeit[212].

Die Erfindung der Amoretten wurde erst möglich, nachdem bei den Künstlern das Interesse an +Darstellung von Kindern+ wach geworden, die Fähigkeit, Kinder darzustellen, ausgebildet worden war, und wir stellen schon hier den Satz auf: das Interesse am Kinde war die Erzeugerin; nicht Aphrodite, sondern die Kinderliebe ist in Wirklichkeit die Mutter der Amoretten gewesen. Als Kennzeichen für sie stellen wir fest: erstlich das Kindesalter, zweitens ihre Vielheit, die zur vorherrschenden Regel wird, endlich ihre Beschäftigung, die nur zum Teil sich noch nach außen hin auf Götter- und Menschenherzen richtet, sondern zumeist nur ein Spiel miteinander und ein Untersichsein ist. Um dieser Beschäftigung willen war eben die Vielheit zweckmäßig und Vorbedingung.

Die größte Zeit starken männlichen Zuges mußte erst vorüber sein. Erst mußten die Phidias und Polyklet, Praxiteles und Lysipp, naiv erhaben, ihrem Volke seine großen Stadtgötter hingestellt haben, das Ideal steigernd und verwirklichend, eine steinerne Theologie; erst mußte die Kunst die Behandlung des männlichen und des weiblichen Körpers, des gewandeten und des ungewandeten, an den Göttern wie an der Bildung sieggekrönter Sterblicher zu Ende geübt und bis zur höchsten Vollkommenheit gebracht, mußte in ihr den letzten Reiz des Neuen und Schönen erschöpft haben, bis sie sich endlich auch des Kindes erinnerte, über das sie gleichsam hinweggesehen, und hier eine Aufgabe übrig fand, um Anmut in Fülle auszuschütten, wo die Stärke und Erhabenheit verbraucht war.

Es beginnt seit Alexander dem Großen die Ära der großen griechischen Königreiche, die Greisenzeit des Griechentums, der Hellenismus. Das Publikum überließ die Politik den Königen; es verlor den politischen Ehrgeiz; es wurde weltbürgerlich, es wurde sentimental. Die Interessen und Aufgaben gingen in das Kleine und Menschliche; man sah gern und man schilderte gern Landschaft und Natur, die liebe Alltäglichkeit und die alltägliche Liebe, schwärmte für Hirten und Fischersleute und sehnte sich in Übersättigung und Empfindsamkeit zurück in die unverderbte Einfalt des Lebens[213]. Man wurde groß im Kleinen; es war wie die Nachlese desjenigen, der das Leben ausgeschöpft hat. Damals hub auch die sentimentalische gerührte Freude am Kinde an. Erst aus der sentimentalischen Liebe zu Kindern ist die Idee der Amoretten, erst aus der Darstellung von Kindern ist die Darstellung von Amoretten hervorgegangen. In jener Zeit, als Christus, vom Berge predigend, das Wort sprach: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ und sie herzte und küßte, war jene Kinderliebe allerorts in vollster Blüte, und das Evangelium hat dafür einen edelsten, reinsten Ausdruck gefunden.

Wie nun der griechische Geist diese Kinder bildete? Er war alt geworden, dieser Geist, aber von gereiftestem Schönheitssinn, und hat tändelnd eine Fülle ewiger Grazie über diese Gebilde ergossen. Es sind Kinder der Liebe, und sie sind mit dem Auge der Liebe gesehen.

Sei es noch einmal wiederholt: es ist für die Amoretten wesentlich, außer dem Kindesalter, daß sie gern viele sind und daß sie auch bloß unter sich ihr Spiel treiben, also selbst eine Szene bilden. Dieses beides wird sich uns eben aus dem ersten und grundlegenden, der kindlichen Natur selbst erklären. Wenn aber im Verfolg von Kindern die Rede ist, so ist dabei ausschließlich an das Alter gedacht bis höchstens zum sechsten Lebensjahr, an das Alter der Putten.

[Randnotiz: Kinderscharen in den Häusern seit der Alexanderzeit. ~Deliciae.~]

Der alexandrinische Zeitgeist, den wir nach der geistigen Hauptstadt des griechischen Ostens so benennen, der Umbildner der menschlichen Gesellschaft, hat sich zunächst in den drei letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt dargestellt. Doch sind die vielen Bücher, die damals geschrieben wurden, leider bis auf einen ärmlichen Rest gründlich vernichtet. Vornehmlich nur aus seinen Nachwirkungen erkennen wir den alexandrinischen Geist; er tritt erst bei den Römern seit der Zeit Ciceros in das helle Licht der Geschichte. Denn römisches Leben ist fortan hellenistisches Leben. Wir sind befugt und gehalten, aus der wundersamen Kinderliebe der augusteischen Zeiten auf die gleich ausgebildete Liebhaberei in den Modellen der nächsten Vorzeit zurückzuschließen.

Die Kinderliebe konnte so auf eigene, wie auf fremde Kinder gerichtet sein. Auch blasierte Mütter gibt es und gab es genug, die ihre Kleinen an andere zur Erziehung geben und sie sich nur als Spielzeug in leeren Augenblicken auf den Arm reichen lassen aus flüchtiger Lachlust und halber Neugierde; dies tadelt der ehrenfeste Plutarch. Den gefallsüchtigen Hausfreund sehen wir schon beim Theophrast, wie er den Gastgeber nach seinen Kleinen fragt, sie fabelhaft ähnlich findet, sie küßt, mit ihnen betulich ist, ihr Ruf- und Laufspiel eifrig mitspielt und sie auf seinem Schoß schlafen läßt. Von hier aus ist bis zum Kindersport noch ein guter Schritt; aber er wurde eben damals getan[214].

Zunächst ist ohne Frage schon folgende Gepflogenheit von großem Einfluß gewesen. Es war die Sitte reicher Familien, für den kleinen Sohn des Hauses eine Schar von Sklavenkindern gleichen Alters als +Gespielen+ zu halten, die zum Apparat der ersten Erziehung ebenso gehören wie die „Amme“. Dies sind die öfters zu nennenden „Gespielen“ oder ~conlusores~. Der kleine Sohn speist dann natürlich mit bei Tisch, die Gespielen umlungern die Tafel, gern geduldet, und lassen sich Naschsachen zustecken. Wir sehen solche Szene im Garten des Septimius Severus, als er noch nicht Kaiser war[215]. Schon dies kann uns das Bild der spielenden Puttenschwärme geben, wie wir sie in der Kunst zusehen gewohnt sind.

Aber nicht dies ist, was ich als Sport bezeichnete. Man +hielt sich+ überhaupt +Kinder zur Ergötzung+, womöglich viele. Ohne diese großmächtige und uns Modernen so völlig fremdartige Art des Kinderluxus scheint das Leben der Vornehmen Roms kaum zu denken. Ganz dasselbe soll heute noch bei den reichen Türken im Gebrauch sein. Vorzüglich Frauen, heißt es, waren die Liebhaber dieses Menschenspielzeugs, doch auch zärtlich besaitete Männerseelen. Wir begegnen solchen lebendigen Putten nicht nur im Kaiserhause, sondern auch bei vielen wohlhabenden Privatleuten, endlich sogar zu öffentlichen Zwecken verwendet. Ihr lateinischer Name ist ~deliciae~. Sie sind es vorzüglich, die die Kunst als Amoretten nachahmend in ihrem Spiegel auffing, als Spielkinder der Venus in ihre Sprache übersetzte[216].

Kaiser Augustus ist uns zunächst ein klassisches Beispiel. Ein einsamer Mann auf dem Thron, war er kinderlieb wie wenige. Seine zarten Enkel Gajus und Lucius kaufte er dem Agrippa ab und wollte nie ohne sie sein, hatte sie bei Tisch auf seinem Lager, ließ sie auf Reisen vor sich auffahren. Ein allerliebstes Kind der Verwandtschaft stellte er, als es starb, als Amorette in seinem Zimmer auf und küßte das Bild, so oft er es erblickte. Derselbe Augustus pflegte aber auch in seinem Palast mit kleinen Kindern zu spielen, die er „von allen Seiten sich kaufte“; er spielte mit ihnen Astragalen oder das Knöchelspiel, Nüssewerfen u. a. Sein Lieblingsputto hieß Sarmentus; Sarmentus war um ihn bei den Gastgelagen und bekam vom schweren besten Falerner zu trinken.

Und schon bei der Hochzeit des Kaisers im Jahre 38 v. Chr. hatten diese Kinder eine Rolle gespielt. Sie fand im Hause des Claudius Nero statt, der hier selbst seine Gattin Livia an Octavian verheiratete. Die Sache war anstößig. Beim Festmahl lag nun Octavian mit Livia auf dem Speiselager vereint, jener Claudius alleine. Die ~deliciae~ aber waren im Saal, und eines davon stellte sich tadelnd vor Livia und sagte vorlaut die peinlichen Worte: „Herrin, was tust du dort? Dein Mann liegt ja drüben,“ und wies auf ihn.

[Randnotiz: Die stoische Lehre begünstigt ihren Gebrauch. Belege.]

Auch war Octavian in seiner Liebhaberei nicht ohne Anleitung. Sein Jugendlehrer war der stoische Philosoph Athenodorus von Tarsus gewesen, der ihn auch weiterhin in Rom beeinflußte. Derselbe soll auch des Tiberius Erzieher gewesen sein. Er verfaßte eine Schrift „über ernsthafte und heitere Lebensführung“ und empfahl darin den Gebrauch der Delicien durch Beibringung von Belegen aus früherer Zeit. War es doch beliebt bei den Stoikern, vom Sokrates zu erzählen, wie es ihm Freude war, mit solchen Kleinen zu spielen; denn es zieme sich, in schuldlosem Scherz sich zu erholen[217]. Selbst Herkules, im Drama des Euripides, so führte man an, habe ein Kindlein auf dem Arm geherzt und die Worte gesprochen:

Ich tändle. Wechsel nach der Arbeit ist mir lieb[218].

Athenodorus aber berief sich vor allem noch auf Archytas von Tarent, den Philosophen und Staatsmann der Platonischen Zeit, der bei aller Größe des Geistes doch an den kleinen Kindern seiner zahlreichen Sklavenschaft im Spiel hingebend sich erfreute; am meisten Spaß aber hatte er an ihnen beim Trinkgelage. Man denke hier an den Sarmentus des Augustus. Und endlich erzählte man in gleichem Zusammenhang von Massinissa, dem Numidierkönig aus der Zeit des Hannibalkrieges, der unter anderem die sämtlichen Kinder seiner Söhne (und es waren viele Söhne!) und seiner Töchter bei sich aufzog; wenn sie aber drei Jahre alt waren, ersetzte er sie durch neue. So berichtete von ihm Ptolemäus Euergetes, der König Ägyptens[219]. Hierbei denke man an die Enkel Gajus und Lucius, die Augustus zu sich nahm.

So hatte die stoische Weltlehre, die da gleiche Menschenwürde und Menschenliebe predigte, auch die +Kinderliebe+ in ihr Programm aufgenommen. Sie näherte sich darin dem Sinne der Bergpredigt. Die häßlichen Auswüchse der so entstehenden Sitte konnte sie freilich nicht mit verantworten. Ein einsamerer Kaiser noch war Tiberius. Auch sein düster märchenhaftes Asyl auf Capri bevölkerten jene unschuldigen Scharen; die Phantasie seiner Verleumder aber umgab die Kunde hiervon mit Gerüchten von allerlei Schändlichkeit.

Im Hause Domitians treffen wir sie wieder. Die Unschuld wurde hier Ursache an dem Tode des Schuldigen. Domitian schlief und hatte ein Verzeichnis derer, die er dem Tode bestimmte, unter dem Kopfkissen; die Kleinen waren im Zimmer. Eines zog neugierig die Schreibtafel hervor und hielt sie nichtsahnend in seinen Händchen, als Domitia herzukam, die Namen las und die Ermordung des Kaisers beschloß und einleitete.

Eine sehr ähnliche Szene kehrt unter Kaiser Commodus wieder; vor allem sind die Verhältnisse immer die gleichen. Ein Kind pflegt das bevorzugte, das dreisteste, der Favorit zu sein und wird durch Eigennamen ausgezeichnet, den nun die Weltgeschichte überliefert.

Das Kaiserhaus machte aber durchaus nur die Mode der Zeiten mit. Zahlreich sind sonstige Belege, wie sie der Zufall bietet. Grabsteine solcher deliciae sind ausgegraben. Die Schriftsteller selbst, vornehmlich die Vertreter der epigrammatischen Dichtung, ließen sich herbei, sie in zärtlichem Scherz zu schildern oder rührsame Grabesaufschriften zu geben für solch einen kleinen Verstorbenen: „Kalläschros ist gestorben, der kleine Fant, um nun ein Spielzeug zu sein im Haushalt der Proserpina.“ Ein Zweijähriges fiel von der Leiter; der Herr lief herzu; „da streckte es nur noch einmal die zarten Händchen und verschied.“ Oder der Dichter an seine verstorbenen Eltern: „Mein kleines Erotion, das so zum Küssen ist, kaum sechs Jahre alt, kommt schon zu euch in den Orkus; sorgt doch, daß es vor dem Höllenhund sich nicht erschrecke; und so spiele es denn nun mit euch alten Herrschaften und schwatze von mir. Die Erde aber möge ihm leicht sein; denn es ist selber ihr nie schwer gewesen“ (Martial). Zu diesen Spielzeugen gehörte auch der Camerius des Catull (~carm.~ 55) in Ciceros Zeit, zu ihnen auch die Bissula des späten Ausonius, jene Bissula, der die moderne Romanliteratur zu einer kurzen Auferstehung hat verhelfen wollen. Auch Bissula war Putte (~pupa~), im deutschen Kriege erbeutet; sie war in einer Schar derselben die kleine Favoritin (~dominatur in deliciis~).

[Randnotiz: Deliciae „Spielkinder“. Ihre Schwatzlust. Camerius.]

In diesem Zusammenhang erklärt sich auch Folgendes. Wie Abraham den Lot befreite, da heißt es im Bibeltext einfach: „und schlug sie (die Feinde) und jagte sie .. und brachte alle Habe wieder, dazu auch Lot, seinen Bruder, mit seiner Habe, auch die Weiber und das Volk.“ Der Dichter Prudentius, um das Jahr 400 n. Chr., hält sich verpflichtet, dies auszumalen und zählt nun als Bestandteil jener „Beute“ neben Gefäßen, Pferden und Halsschmuck auch „die Kleinen“ auf, in deutlichem Hinblick auf die ~deliciae~, die eben in der Habe des Reichen damals nicht fehlen[220].

Es ist nicht zu verwundern, daß man in der großartig brutalen Phantastik römischer öffentlicher Feste auch den Zauber des Anblicks dieser Kinder gelegentlich zu verwerten wußte. Man ließ sie wirken durch den Kontrast. In der Arena sollten Löwen auftreten; die Kinder erschienen zuvor, für die Bestien frischen Sand zu streuen und mit dem Rechen zu ebnen. Ein gräßlicher Anblick folgte; ein Löwe ergriff und zerriß etliche. Martial beweint dies und preist die Wölfin, die einst den Romulus und Remus verschonte. So sehr war das Leben der Zeit an diese Niedlichkeiten gewöhnt, daß sie das Volk als Verzierung der Tierhetze in der Arena zu sehen begehrte[221].

Mit Teilnahme und nicht ohne Lächeln sehen wir jene Vornehmen Roms, geschmackvolle Müßiggänger, übersättigt, lebensklug und immer noch Leute großen Stils, sich verlieren in das kindische Getriebe, an seiner jungen, Funken sprühenden Wärme die kühl gewordene Seele beleben. Man schaute zu, wie possierlich sie sich tollten, ließ sie auf sich herumklettern (es sei erinnert an die Statue des Nil), ließ sich von ihnen den Kopf krauen, spielte das Nüssespiel mit ihnen, ließ sie sich verstecken und haschte sie, voller Zärtlichkeit und Wohlgefallen an der Hübschheit des kleinen Körpers, vor allem an dem unablässigen süßen Geschwätz. Es gefiel vornehmlich das zwitschernde Plaudern, das dummkluge Fragen, die drolligen Wahrheiten aus Kindermund[222] und die kleinen ahnungslosen Unanständigkeiten. Tadelnd sagt Seneca: „Man kauft die Kinder um ihrer kecken Reden willen und sucht sie darin noch zu steigern.“ Anschauung kann vor allem das folgende Gedicht des großen Liebesdichters Catull gewähren[223], auf das kleine Bübchen Camerius, der entwischt ist, unter Rosen im Korbe der Blumenmädchen sich versteckt und nicht reden und nicht zu seinem Herrn zurück will:

Wenn es dir nicht ungenehm ist, Zeig’ mir, bitte, doch dein Schlupfloch. Suchte dich auf unsrem Spielplatz, Dich im Zirkus, Bücherläden, In dem heil’gen Jovistempel Und Pompejus’ Promenade; Griff, mein Freund, nach allen Weiblein, Die ich ungern frohgelaunt fand: „Gebt mir, Mädchen,“ so verlangt’ ich, „Den Camerius, schlechte Mädchen!“ Eine sprach: „Nimm nur den nackten. Hier in Rosenknospen steckt er. Doch um ihn mit dir zu tragen, Mußt du sein ein Herkules!“ -- Dich so spröd’, Freund, zu versagen! Sprich, bei wem du sein willst? rede Dreist, teil’ mit, vertrau’s dem Taglicht: Von den weißen Mädchen bist du, Von den lieblichen, gefangen! Rührst du nicht im Mund die Zunge, Wird der Liebe Frucht verschleudert. Venus liebt das viele Schwatzen. Oder aber, riegle gerne Deinen Gaumen zu, wofern ich Eure Liebe teilen darf.

Die Kleinheit des Kindes ist hier scherzhaft übertrieben. Es ist die Komik der Liliputgeschichten, die bei den Alten aus diesem Anlaß typisch war[224].

[Randnotiz: Nacktheit der Kinder. Flügellose Putten in der Kunst.]

Eines aber fällt noch besonders auf: Camerius heißt „nackt“. Zum Wesen des Putto gehörte das Unbekleidetsein; so urteilte nicht nur die Kunst, deren Zweck es war, den Kinderkörper selbst naturwahr zu behandeln, sondern auch das Leben. Wir erfahren durch ausdrückliches Zeugnis: jene Delicien liefen in den Häusern stets nackt herum; es war dies so sehr bezeichnend für sie, daß sie von den Schriftstellern technisch einfach als „die Nackten“ eingeführt werden[225]. Der Anblick verletzte kein Schamgefühl; die Schuldlosigkeit der unverhüllten Natur im Kinde ist paradiesisch und hat etwas Heiliges. Darum haben eben die großen Meister das Christuskind nur nackt bilden wollen, und auch heute ist der sonst so wenig klassische Zeitgeschmack dem zugeneigt: wie gerne lassen unsere zärtlichen Mütter ihr liebes Jüngstes in süßer Blöße im Körbchen hockend photographieren!

So hat denn auch die antike Plastik diese +flügellosen+ Putten nach dem Leben wiederholt dargestellt. Unsere Gelehrten sollten nur aufhören, diese Figuren „flügellose Eroten“ zu nennen, da es einfacher und das Zutreffende ist, vielmehr die Eroten als geflügelte Kinder zu bezeichnen. Vielfach sind es Einzelstatuetten[226], wo das Kind bald nur dasteht, bald Nüsse oder Astragalen spielt (so auch ein Bildwerk des Berliner Museums), bald in die Fußfessel geschlagen trauert; zweie, die sich balgen und in sich verbeißen, in entzückender Wahrheit (Statuette in Vienne). Ein Relief im Garten der Villa Pamfili zeigt bei einem Trinkgelage sechs nackte Kinderchen als Spielzeug der Zechgenossen. So liebte sie Archytas von Tarent. Dazu die hübschen Kinder als Brunnenfiguren, ein häufiger Schmuck antiker Atrien (in Rom), einen Vogel oder Delphinkopf haltend[227].

Auch das pompejanische „Bad eines Knaben“, an dem nur Frauen beteiligt, ist es wohl müßig als mythische Szene aufzufassen[228].