Aus dem Leben der Antike

Part 11

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Der freie Grieche dachte anders. Er hatte kein Königtum, ebensowenig eine Bureaukratie, die in Staffeln bis zum Monarchen hinaufging und sich auf das Buch gründete. Bei den Griechen wurden Buchabschriften zumeist nur von der unfreien Dienerschaft angefertigt. Sah sich der Freie gezwungen, selbst einen Text zu kopieren, so schämte er sich dessen und hat sich nicht schreibend abbilden lassen. Die ganze überreiche griechisch-römische Kunst vermeidet es, einen Menschen darzustellen, der ein Buch schreibt. Denn das Schreiben in Rollen war mühsam und erzeugte eine unedle Haltung. Die Hilfe des Tisches wurde beim Lesen und Schreiben stets vermieden. Man schrieb auf der Hand. Dazu kam, daß man mit dem flüssigen Farbstoff die Finger sich beschmutzt hätte. Der Vornehmere schrieb daher auf Wachstafeln (~codices~, ~codicilli~), in deren eingerahmte Wachsfläche er mit dem dolchartig spitzen Metallstift die Buchstaben nur zu ritzen brauchte. Das war saubere Arbeit; sie „fleckte“, aber sie befleckte nicht. Auf Wachstafeln schrieb der Bankier seine Kontos und Quittungen, schrieb der Liebhaber sein Billett an die Dame, die gleich in dieselbe Tafel auch die Antwort ritzte, schrieb endlich der Dichter seine Entwürfe, die dann sein Amanuensis kopieren durfte.

[Randnotiz: Bildliche Darstellung: Lesende.]

Also keine Schreiber, wohl aber Leser zeigt uns die alte klassische bildende Kunst. Man las aber allemal nur in Rollen; denn nicht nur in Ägypten beherrschte die Rolle das Bücherwesen durch Jahrtausende; auch bei den Griechen und Römern ist sie von etwa 600 v. Chr. bis 400 n. Chr. so gut wie der alleinige Träger aller Lesebücher und wohl auch Bilderbücher gewesen. Das ergibt wiederum ein Jahrtausend. Das Prinzip des Heftens der Bücher ist zwar schon im Altertum, aber doch erst merkwürdig spät aufgetaucht, und es fand alsdann im wesentlichen nur für Pergamenthandschriften Anwendung, die den ärmeren Volksschichten dienten[196]. In gehefteten Handschriften liest kein einziger Mensch auf den unzähligen Bildwerken der Alten, die hierfür in Betracht kommen. Die jüdische Synagoge hat die Rolle bekanntlich bis auf den heutigen Tag beibehalten. Dabei dienen Stäbe dazu, die Rolle anzufassen; denn die heiligen Schriften dürfen nicht mit der Hand berührt werden. Die Griechen im Profanleben wußten von solcher Scheu natürlich nichts; die Hände sind es, die mit dem Buch umgehen.

Man muß den Akt des Lesens selber kennen, um die Motive zu verstehen, die die antike Kunst hierfür verwendet. Wer zu lesen beginnen will, hält die geschlossene Rolle zunächst in der rechten Hand. Die Linke öffnet dann das Konvolut, löst das Band und Siegel, falls ein solches vorhanden (man denke an das Buch mit sieben Siegeln der Apokalypse) und zieht die erste offene Seite zu sich nach links. Eine Textspalte nach der anderen zieht also die linke Hand zu sich herüber, indem sie das Gelesene zugleich wieder zusammenrollt. Am Schluß der Lektüre ruht die Rolle somit allemal, aufs neue geschlossen, in der linken Hand. Daraus ergibt sich die Auffassung, die wir an alle Bildwerke herantragen: die Gestalt, die das Buch in der Rechten hält, will erst lesen, abgesehen von den Fällen, wo sie es einem anderen Menschen überreichen will (denn man überreicht stets mit der rechten Hand); die Gestalt, die es in der Linken hält, ist mit dem Lesen jedenfalls fertig; sie hat nicht die Absicht zu lesen. Und das letztere finden wir nun ganz überwiegend dargestellt. Es handelt sich eben fast immer um Repräsentationsfiguren. Das Buch soll da nur andeuten; es ist für den Moment gleichgültig; nur die Würde der Person drückt sich in dem Schriftstück aus. Nicht sinnend oder in sich gekehrt steht solch ein römischer Konsular mit dem Buch vor uns; er wendet sich mit offener Seele an das Publikum, das ihn betrachtet.

Und das Lesen selber? Es sah graziös genug aus, und es schmückte gleichsam den Menschen. Nichts ist reizender als solch eine lesende griechische Frau, die mit dem weit offen hängenden Rollenband zwischen den Händen einherwandelt (Neapel, National-Museum), oder als die Muse, die als Konzertsängerin auf das Zeichen zum Einsetzen wartet, das der Saitenspieler, der die Begleitung spielt, ihr geben soll, und die dabei das Blatt tief gesenkt zwischen den Händen hält wie unsere Sängerinnen, wenn sie warten, daß das unleidlich lange Vorspiel zu Ende gehe (Vase in Athen). Nichts ist schöner als der vorlesende Homer der Bilderchronik (Antiquarium in Berlin), nichts lebendiger als der die Lektüre unterbrechende, in Nachrechnen versunkene Mathematiker des ~Codex Arcerianus~ in Wolfenbüttel; nichts ergreifender als der Christus mit der gleichsam himmelweit aufgerissenen Rolle zwischen den Händen, von Jüngern umgeben, wie ihn die Lipsanothek von Brescia zeigt[197].

Aber dies Lesen war zugleich unbequem und anstrengend; es war eine Fesselung des Lesers im eigentlichsten Sinne, und ein Bedauern erfüllt uns, wenn wir uns klar machen, daß man das durch Jahrtausende hat ertragen müssen. Man denke, daß jede Nebenhandlung unmöglich war. Denn nicht nur die rechte Hand war beschäftigt; die linke durfte zudem die abgerollte Papiermasse nie fahren lassen, und es wurde auf das strengste vermieden, daß die Charta sich auflöste und zum Boden niederfloß; denn ihre Fasern waren zart und splitterten leicht, und die Gefahr, daß ein Blatt und damit das ganze Buch zerriß, war ständig. Wir trinken beim Zeitungslesen oder schlürfen Eis im Café, wenn wir durstig sind. Der Grieche hatte keine Hand frei. Er konnte das nicht. Ein Glück, daß man damals noch nicht rauchte! Cicero hätte während des Lesens auf die Zigarre verzichten müssen; denn er hätte sie nicht halten können. Wer einen Hautreiz empfindet, der kratzt sich, das ist sein Recht; und wem eine Fliege sich auf den Kahlkopf setzt, der will sie verjagen. Las der antike Mensch, so waren beide Hände gleich gefesselt, und alles das war für ihn eine Unmöglichkeit.

[Randnotiz: Langsam lesen: in Abschnitten lesen. Enges Lesepublikum.]

Und nun der Inhalt des Buches! Das Aufwickeln muß für den Leser, der vor Neugier brannte, eine wahre Folter gewesen sein. Kein moderner Mensch würde das ertragen. Wir naschen heut im Buch, wir blättern hin und her, durchfliegen die Kapitelüberschriften, lesen am liebsten den Schluß zuerst. Brechen wir ab, so legen wir ein Lesezeichen hinein oder machen gar ein Eselsohr. Alles das war damals gänzlich ausgeschlossen. Vor allem der Schluß des Buches blieb immer ein tiefes Geheimnis; er war durch die Rollung selbst fest zugedeckt. Der Inhalt „entwickelte sich“ eben beim Lesen mit den Seiten in unerbittlicher Allmählichkeit. Das Frühere deckte das Spätere undurchdringlich zu. Das Buch glich dem Leben. Dieser Satz gilt schon hier. Wer kann wissen, was folgt? Wer kann wissen, was das Ende ist?

So gelangen wir dazu, den antiken Leser zu bemitleiden oder, was noch besser, zu bewundern. Er schlang nicht, er naschte nicht. Sein Geist nahm die Speise ruhevoll und ergeben in der Folge, die der Dichter wollte, der die Speise bereitet hatte. Um so tiefer ließ er den Inhalt auf sich wirken. Er erlebte ihn. Dazu kam, daß man von einem Werk am Tag kaum mehr als 1000 Zeilen oder 30 Seiten las. Das dankte man den scheinbar so zwecklosen Buchteilungen der antiken Werke. Zum wenigsten von den größeren Unterhaltungsschriften, den Epen und Romanen, waren die Einzelrollen nie umfangreicher. Die zwölf Bücher der Äneis Vergils wollten an zwölf Tagen gelesen sein (das gilt übrigens auch noch von Ariost): der Grieche und Römer stand seiner Literatur anders, er stand ihr hingebender und gebundener gegenüber als wir der unseren.

Dabei gilt es nun aber die Zeiten zu unterscheiden. Wer die Fülle der griechisch-römischen Schildereien auf Vasen, Grabsteinen, Münzbildern oder Gemälden durchgeht, bemerkt, daß auf den älteren von ihnen der Mensch mit dem Buch noch recht spärlich anzutreffen ist; in den späteren Jahrhunderten sind die Beispiele dagegen massenhaft. Das ist symptomatisch. In der Zeit des Sophokles und der großen Tragödie diente das Buch vornehmlich zum Fixieren und Aufbewahren des Textes und noch verhältnismäßig wenig zum Lesen. Die große Masse las damals noch nicht allzu viel in Büchern. Ihr genügten vor allem die öffentlichen Volksvorlesungen der Rhapsoden und das Theater, das heißt das Hören, und nur wenige Bevorzugte hielten sich Bibliotheken, so wie man seine Stuben auch noch nicht mit Wandmalereien schmückte. Daß sich das Laienpublikum mit bildender Kunst und mit Literatur wirklich eingehend beschäftigte, ein Studium daraus machte, seine Erzeugnisse sich käuflich erwarb und gar eigene Kunsturteile entwickelte, geschah erst, als die große Kunst selbst dahin war, seit der Alexandrinerzeit, besonders zur Zeit der Herrschaft Roms. Das kluge Urteil ist das Merkmal des Epigonen, und Giganten in der Literatur sind unmöglich, wo die Bildung der Laien und der Volksmassen, die mit Hilfe des Buches erworben ist, den Geschmack beherrscht.

Damit hing die Ausbreitung des Schulunterrichts zusammen, eine Verbreitung der Bildung, die keineswegs zugleich eine Vertiefung zu sein pflegt, auch heute nicht. Vor allem seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. haben die römischen Kaiser das Volksschulwesen der damaligen Welt organisiert und ausgedehnt, verstaatlicht, seine Wirksamkeit gesteigert. Seitdem las und schriftstellerte, was da Odem hatte, nicht nur in den Hauptstädten, nein, auch in allen Provinzen des Römerreichs, und zwischen Fachmann und Laie verwischte sich die Grenze mehr und mehr. Das war es aber zugleich, was der christlichen Religion zum Sieg verhalf; denn das Christentum war die Religion des Buches. Der Zeusdienst oder Apollodienst wirkte nur durch den Kultus und nicht durch Schriften. Anders der Christusdienst. Durch planvollen Vertrieb der heiligen Texte und Massenschriftstellerei hat sich dieser im zweiten bis fünften Jahrhundert das lesende Publikum, das heißt die Welt, erobert.

[Randnotiz: Steigerung in der Spätzeit. Der Gestorbene mit der Rolle.]

So ist es nun gekommen, daß auch die Bildwerke des zweiten bis fünften Jahrhunderts n. Chr., die unsere Altertumsmuseen anfüllen, plötzlich übersät sind mit Darstellungen der Buchrolle; vor allem die Sarkophage und unter diesen vor allem die christlichen. Es ist erstaunlich, das zu sehen.

Der Kaiser selbst wandelt jetzt wie pflichtgemäß mit solchem Buch einher (zum Beispiel auf dem Relief der Trajanssäule); das Buch ist in diesem Falle Symbol, ein Attribut, das die rechtsprechende, gesetzgebende Macht des Herrschers andeutet. Danach erhält auch Christus ständig das Buch; denn auch er ist König; nicht aber Maria; das heißt Maria war damals noch nicht Himmelskönigin, worauf der Dogmatiker achten möge. Aber auch der Beamte, der Advokat, auch der Schiffsbauer und der Handelsmann werden jetzt oft und gern mit dem gleichen Attribut versehen. Alles das erklärt sich aus der Berufseigenschaft der Personen zumeist mit Leichtigkeit; denn der Schiffbauer trägt seine Bauzeichnungen in der Hand, der Kaufmann sein Geschäftsbuch. Wenn aber auf den Marmorsarkophagen dieser Spätzeit der +Verstorbene+ die Rolle trägt, was bedeutet sie da? Wie oft sieht man da den Verstorbenen so, im Muschelmedaillon, als Schmuck seiner eigenen Totenlade! Unzählig sind die Beispiele. Sind das lauter Beamte, Advokaten oder gar lauter Literaten oder Gönner der Literatur, die uns da erscheinen? Das wäre ungeheuerlich oder doch schwer zu glauben. Die gestellte Frage ist gewiß nur teilweise zu bejahen. Denn das Buch hatte noch eine +tiefere Bedeutung+.

[Randnotiz: Grabessymbolik. Die Rolle als Spruchband im Mittelalter.]

Auch das +Schicksal schreibt+. Auch Götter haben ihre Bibliotheken. So wie wir in der Johannes-Apokalypse sehen, daß im Himmel die guten und schlechten Handlungen aller Lebenden und Toten, die da auferstehen, in Büchern verzeichnet sind, die von Dienern des Allmächtigen vor seinem Thron aufgerollt und verlesen werden -- ein unendliches biographisches Archiv im Himmel --, ganz ebenso besitzen auch die römischen Parzen oder Schicksalsfrauen im unterweltlichen Raum ein großes Archiv: darin sind von ihnen die Lebensläufe aller derer, die geboren werden sollen, im voraus in Büchern aufgeschrieben und festgelegt. Dies schildert uns Ovid. Ein Buch ist da also ein Mensch: ein Buchinhalt ist ein Menschenleben! Daher nun also auch jene Verstorbenen auf ihren Marmorsärgen im Lateran und überall: das Buch, das sie halten, ist vielfach nichts anderes als Symbol ihres eigenen Lebens. Das Buch ist zu Ende abgerollt, d. h. das Leben ist zu Ende gelebt, das die Parze schrieb und das vom Schicksal im voraus gebucht ist. In der Tat halten jene Figuren die wieder zusammengefaltete Rolle regelmäßig in der Linken, wobei sie obendrein die Finger der rechten Hand oftmals noch still auf den Kopf der Rolle legen, als sprächen sie: „Nun bin ich fertig; mit meinem Lebensbuch bin ich nun am Schluß, und ich kann ruhen.“ Diese stille Grabessymbolik wirkt ergreifend, und sie scheint spezifisch römisch, nicht griechisch zu sein, so wie auch die schreibende Parze nicht griechisch, sondern römisch-etruskisch war[198].

Im fünften Jahrhundert hatte das Christentum endgültig gesiegt. Zugleich aber war die kostbare Buchrolle aus Charta durch den gehefteten Pergament-Kodex, der billiger, unendlich viel haltbarer und daher in jeder Beziehung praktischer war, allmählich verdrängt worden. Seitdem haftete an der Buchrolle, die man in Bildwerken doch oft noch beibehielt, ein Schimmer des Heiligen und Sakrosankten. Denn die kirchliche Kunst liebt das Archaisieren. Evangelisten, Propheten und Heilige halten sie jetzt gern. So erklettern diese gestreckten biblischen Figuren die hohen Kirchenwände und füllen in Reihen, auf Goldgrund strahlend, die Apsiden und Triumphbögen der Basiliken; jeder, der in Italien gereist ist, hat ganze Völker von ihnen gesehen; ich erinnere nur an S. Paolo (fuori l. m.) in Rom und an Ravenna. Buchhalter! jawohl, dies sind jetzt wahre „Buchhalter“ des Himmels; das heißt, sie halten das Buch, das auf das Heil Bezug hat, wie ein Heiligtum ostentativ vorzeigend, im Dienst der Christenheit, damit die Gemeinde es gewahr werde, und nicht mehr sie selbst sind Benutzer des Buches, sie lesen nicht und wollen nicht lesen, sondern sie tragen es wie ein Plakat, damit die schauende Menge den frommen Spruch im Auge habe, der weithin sichtbar auf den offen hängenden Blattfahnen steht. Das war phantastisch, unwirklich und unantik, und der Gebrauch veräußerlichte sich im Mittelalter dann immer mehr. Aus der offen hängenden Rolle entsteht endlich das in eckigen Falten flatternde +Spruchband+, das die Engel in Glorien durch die Lüfte tragen.

Woher stammt unser Wort „Rolle“? Es ist gar kein Deutsch; von ~rotulus~ kommt es und stammt aus dem mittelalterlichen Latein her.

Im Mittelalter, wo es keinen Papyrus mehr gab, sind gleichwohl, nach dem Vorbild der Thorarollen der Juden, noch häufig Rollen aus Pergament hergestellt worden, und diese erreichen aufgerollt bisweilen die ungeheuerliche Länge von 100 bis 200 Fuß: Exultetrollen, Wappenrollen, Nekrologien, die noch vielfach erhalten sind. Sie zu benutzen, ist freilich für den heutigen Historiker eine Pönitenz. Aber auch im wirklichen Leben, im geistlichen Theaterspiel, fanden die ~rotuli~ damals noch Anwendung; ich meine das „Prophetenspiel“, in welchem die Propheten und Sibyllen selbst auftraten und ihren frommen Spruch vor der Gemeinde aufsagten, indem sie dabei ein offenes Spruchband in der Hand hielten, auf dem für das Publikum zu lesen stand, was sie, die Personen, bedeuteten oder welche „Rolle“ sie spielten[199]. Daher stammt es, wenn wir auch noch heute sagen, daß der Schauspieler eine „Rolle“ spielt. Die wenigsten unserer heutigen Bühnengrößen wissen wohl, was diese Redensart bedeutet. Aber auch in dieser Anwendung war die Rolle, wie man sieht, zu einem bloßen Merkzeichen und toten Emblem herabgesunken, ganz so wie auf den Wandschildereien, von denen vorhin die Rede war.

Der natürliche Verkehr des Buchträgers mit dem Buch war in der kirchlichen Kunst des Mittelalters aufgehoben. Aber +Michelangelo+ hat ihn, als sie zu Ende ging, wiederhergestellt, und hier dürfen wir also einen der größten Namen nennen. Es war eine der Großtaten Michelangelos, daß er in der Sistina seine Sibyllen und Propheten endlich wieder in eine natürliche Beziehung zum Buch brachte. Diese Männer und Frauen der Weissagung, sie lesen, sie studieren wirklich -- wie ausdrucksvoll ist das gegeben! -- sie suchen, um zu weissagen, im geschriebenen Wort forschend das Zukünftige, oder sie schauen auch über das Buch weg.

[Randnotiz: Michelangelos Delphica. Der Himmel als Buch.]

Aber das Buch behält dabei seinen praktischen Wert. Das gilt zumal von der Delphischen Sibylle. Diese ergreifendste und ergriffenste Figur des Meisters, die ~Delphica~, ist, wie ich überzeugt bin, bisher nicht richtig verstanden worden. Das sage ich nicht nur im Hinblick auf Justis „Michelangelo“, sondern auch auf Steinmanns Werk „Die Sixtinische Kapelle“. Nicht „der Mensch mit dem Buch“, der Übermensch mit dem Buch erscheint in der Delphischen Sibylle, und zwar in ganz neuer Konzeption. Die Seherin späht mit den Augen in die Zukunft wie in die Ferne, die Lippen leise geöffnet. Ihr Mantel bläht sich im Winde, und auch ihr Haar ist vom Wind bewegt. Mit der linken Hand aber hält sie eine unbeschriebene offenhängende Rolle gewaltsam weit nach rechts hinüber, so daß der Windhauch, der sichtlich durch das Bild fährt, auch diese Rolle selbst ergreift und aufbläht. Danach ist der Sinn klar und nicht zu verkennen: der Geist Gottes ist hier der Handelnde; denn der Geist Gottes ist Hauch, ist Wind! Er schwellt Mantel und Buch zugleich. So wird die bisher leere und unbeschriebene Rolle voll des heiligen Geistes, und der Geist tut das Mirakel, das ihm zukommt, und füllt sie mystisch unsichtbar mit Worten der Verkündigung des Heils. Es ist derselbe Geist, der auch die Evangelien geschrieben.

Das ist die höchste Vergeistigung des Buches in der Kunst. Eines blieb freilich noch übrig. In Heinrich Heines Nordseebildern lesen wir: „Und mit starker Hand aus Norwegs Wäldern reiß’ ich die höchste Tanne und tauche sie ein in des Ätna glühenden Schlund, und mit solcher feuergetränkten Riesenfeder schreib’ ich an die dunkle Himmelsdecke: Agnes, ich liebe dich!“ Hier wird das Buch in anderer Weise sublimiert; hier beginnt es die Welt zu umfassen. Der Himmel selbst ist Buch; der Dichter schreibt darauf wie auf einem Bogen.

Heine ist ein superlativischer Dichter. Aber er hat seine hochgegriffene Erfindung in diesem Falle der Antike entlehnt und hat sich selbst dabei beiläufig mit den Göttern des Altertums verwechselt. Die Göttin Ceres ist es, die bei dem römischen Dichter Claudian im „Raub der Proserpina“ die höchste, Wälder überragende Zypresse aus dem Boden reißt und in den Schlund des Ätna taucht, um sie als flammende Fackel zu brauchen; denn sie sucht nach ihrer verlorenen Tochter. Daß der Himmel aber ein entrolltes Buch ist, das steht schon im Jesaias und in der Johannes-Offenbarung zu lesen, und Euripides (~fr.~ 506 ~N.~) setzt den Fall, daß gar Gott Zeus selbst weithin in die Fläche des Himmels die Sünden der Sterblichen schriebe[200]. Gott Zeus, der sich reckt und in das Gewölbe der unendlichen Sphären wie in eine aufgerollte Rolle die Sünden schreibt! Erhaben ist der Gedanke, und er ist alt. Welcher Künstler aber vermöchte das darzustellen? Michelangelo hat es versäumt. Kein Apelles und kein Genie des Altertums, ein Michelangelo wäre dazu imstande gewesen.

Verlagswesen im Altertum.

Es gibt Laien und auch Gelehrte, die meinen, daß unser Buchhandel und Verlagswesen etwas wesentlich Modernes ist, das etwa erst in den Zeiten Gutenbergs oder Luthers und Huttens sich ausgebildet habe; und in der Tat weiß das Mittelalter mit seinen schwerfälligen Pergamentkodizes vom Verlagswesen nichts, und den Buchhandel hat es nur spärlich entwickelt. Aber nicht aus dem Mittelalter, aus dem klassischen Altertum stammt unsere Kultur. Die Griechen und Römer, die uns so viel anderes vorweg nahmen, Theater und Konzerte und Volksbäder, dazu das höhere Schulwesen bis zur Universität mit ihren Studentenverbindungen und Kneipkomment, auch den ganzen Sport bis zum Fußballspiel, dieselben Griechen und Römer haben auch schon den Buchhändler und Sortimenter gekannt, der das Publikum mit dem modernsten Lesestoff versorgte und den Verfassern ihre Manuskripte abnahm, um sie herauszugeben.

[Randnotiz: Diktat. Bücherpreise. Erhielt der Autor Honorar?]

Schriftsetzer und Druckmaschine waren allerdings den Alten unbekannt. Es wurde alles mit der Hand geschrieben. Aber wenn Caesar sein ~Bellum Gallicum~, Horaz seine Satiren oder Ovid seine „Kunst zu lieben“ herausgab, so wurden doch gleich 500 Exemplare, ja vielleicht das Doppelte, das Dreifache in den Handel gegeben. Das pikante Ovidgedicht wurde von der flotten Damenwelt, das Caesarwerk von den Politikern, die Horazsachen von den Ästheten und Witzbolden verschlungen. Wie aber stellte man so viele Exemplare her? Durch Diktat. Ein „Diktator“ mag sonst etwas Übles sein; in der Literatur war er unentbehrlich. Der Diktierende sprach lautstimmig den Text; etwa hundert Schreiber -- rühriges, kluges Arbeiterpersonal -- hockten in Reihen an der Erde und schrieben nach. Die Hände flogen; die Feder kratzte nie; denn das Schreiben war ein Malen. Hübsch ausgestattet kamen die Buchrollen dann in den Verkaufsladen. Der Buchhändler hatte alle Borte und Kisten voll davon. An die Außenpfosten seiner Budike nagelte er das Neueste, um die Straßenbummler anzulocken, und er nahm gewaltig hohe Preise. Die Literatur war damals ein gewaltiger Luxus. Eine Rolle von 40 Seiten stellte sich nach modernem Geldwert auf etwa 16 Mark. Wer also den ganzen Livius kaufen wollte, hatte über 1500 Mark zu zahlen. Das Geld kassierte der Verleger oder zunächst der Sortimenter ein; denn die Verlagsartikel wurden aus Rom oder Alexandria in alle anderen Städte verschickt und dort von Sortimentern vertrieben.

Und was bekam der Autor selbst? Wurde etwa wirklich, wie man geglaubt hat, kein Honorar gezahlt? Lebten die Schriftsteller von der Luft? Begnügte sich der Poet im Geist mit den Musen auf dem Helikon zu schwärmen, indes der Buchhändler mit seinen oft epochemachenden Versen einen gedeihlichen Handel trieb? Und vor allem die anderen Literaten -- soll Sallust, der doch sonst auf seinen Vorteil bedacht war, seinen herrlichen „Jugurthinischen Krieg“ ruhig und selbstlos den Händlern in die Hand gedrückt haben, daß sie damit ihr Geschäft machten? Die Sache wäre zu töricht; im Märchen wäre so etwas möglich, nicht unter ausgewachsenen Menschen der Wirklichkeit. Der Römer bestand doch sonst auf Recht und Eigentum, und der Grieche auch.

In der Tat: so spärlich auch unsere Nachrichten über diese Dinge sind und sein müssen, so läßt sich doch das Gegenteil leicht erweisen[201]. Die Sache wird schon deutlich, wenn uns Seneca sagt: „Wir sprechen von Büchern Ciceros; der Buchhändler Dorus aber nennt sie trotzdem sein Eigentum, und beides ist richtig; dem einen gehören sie, sofern er sie schrieb, dem anderen, sofern er sie sich käuflich erwarb.“ Der Buchhändler zahlte also auf alle Fälle, in diesem Fall mutmaßlich an Ciceros Erben; er kaufte; ohne das verfügte er über die Werke nicht, konnte sie also auch nicht verkaufen.

[Randnotiz: Theaterstücke hoch bezahlt. Selbstverlag der reichen Autoren.]