Aus dem Leben der Antike

Part 10

Chapter 103,551 wordsPublic domain

Alle Poesie der Urzeiten geht im Vers einher, und der Zweck des Verses ist da überall Gedächtnishilfe, die deshalb nötig ist, weil das Buch fehlt. Eben dazu, zur Hilfe des Gedächtnisses dient aber obendarein auch das auffallend Typische in der epischen Sprache, nicht nur in dem „~tondapameibomenos~“ und tausend anderen ständigen Einführungsformeln, die später zur Parodie einluden, nicht nur in den ewig gleichen und festklebenden Schmuckwörtern wie dem „im Donnergewölk Zeus“, sondern auch in der Repetition ganzer Abschnitte, die so weit geht, daß man meint, Homer plündert sich selbst aus.

[Randnotiz: Der blinde Homer ohne Buch.]

Der gute Dichter kommt uns sogar selbst zur Hilfe; denn er läßt in seiner Odyssee selbst den Sänger Demodokos auftreten, der da ganz in homerischer Weise von Heldendingen erzählt; aber Demodokos ist blind und ist ohne Buch, er kann also nicht lesen und muß lediglich seinem eigenen Geist und Gedächtnis vertrauen[179]. In Demodokos zeichnet sich uns Homer, und nun bedeutet gar der Name „Homeros“ selbst den „Blinden“, nichts anderes. Das sollte Zufall sein? Ilias und Odyssee, die langen Epen sind Blindenpoesie.

Wir besitzen eine alte Biographie des Homer; darin steht: der Dichter hieß ursprünglich Melesigenes; er wurde blind und deshalb, als er in Kyme war, Homer genannt; denn in Kyme nennt man die Blinden „Homere“[180].

So ist der Dichter denn auch in der griechischen Plastik, die sein Porträt formte, von Anfang an deutlich als Blinder dargestellt worden. Das entsprach schon seinem Namen; es war nicht anders möglich.

In primitiven Zuständen sind die blinden Leute auch sonst häufig die Träger der Poesie und des Volks- und Heldengesangs; sie sind die Vortragenden auf den Märkten und Gottesfesten. Schon das deutsche Mittelalter ist Zeuge; denn da heißt es: „so singent uns die blinden“. Ebenso erscheinen sie auch bei den Serben; die lebendigste Anschauung aber gibt, was ich über die Balladendichtung in Palermo lese. Da bestand noch in neuester Zeit und besteht vielleicht noch jetzt eine Kongregation der Blinden, 30 Mitglieder stark, von denen die einen nur vortragen, die anderen aber Neues erfinden; heiliger Ernst ist es ihnen dabei. Von Kindern lassen sie sich führen, wenn sie auftreten. Schon im Jahre 1661 ist diese Blindengilde dort gegründet worden. Was sie aber singen, sind Banditengeschichten von Testalonga, Fradiavolo, Tabbuso und Zuppa. Das sind die Achill und Odysseus, die Helden dieser sizilianischen „Homere“[181].

Daß es nun auch bei den Griechen jener alten Zeiten mehr als einen „Homer“, d. h. mehr als einen blinden Sänger gab, ist zweifellos. Es war offenbar auch bei ihnen ebenso wie bei den Deutschen, den Serben und den Leuten in Palermo der allgemeine Beruf des Blinden, der sonst keine Beschäftigung hat, zu singen und Geschichten zu ersinnen. Man braucht nur den blinden Demodokos neben den Dichter des homerischen Apollohymnus, der sich sogar selbst den „blinden Mann“ nennt, zu halten, um das einzusehen.

Wollen wir nun gleichwohl ansetzen[182], daß die blinden Berufsdichter, auf die Ilias und Odyssee zurückgehen, doch auch schon Schreibergehilfen hatten, die die neuen Gesänge entweder sogleich oder bald hernach schriftlich sicherstellten, so waren, wenn wir genau zusehen, gegen 500 Schreibtafeln nötig, um die etwa 28000 Zeilen der beiden Epen aufzunehmen[183]. An eine Wahrung der Texteinheit war dann also schlechterdings nicht zu denken; sie war vollständig zertrümmert und eine chaotische Verwirrung der vielen hundert Holztäfelchen die fast unausbleibliche Folge.

Homer ist sonach in jedem Fall der Mensch ohne Buch. Im Verfolg soll dagegen vom Menschen mit dem Buch, wie ihn das Leben zeigte und die Kunst der Alten ihn dargestellt hat, die Rede sein.

Woher das Buch nehmen? Der Boden Griechenlands selbst war an vegetabilischen Erzeugnissen zu arm oder das praktische Genie der Griechen war nicht entwickelt genug, um das „Papier“ zu erzeugen, durch das allein ein Buch ermöglicht wird, das sich für literarische Zwecke eignet.

Die Schrift war allerdings längst da. Man zeichnete sich ein Bild an die Wand und verstand sich. Nichts war natürlicher. Dann kürzte man das Bild zu andeutenden Linien ab, und der Buchstabe war fertig. Einen großen Fortschritt bedeutete es, als der Grieche die Silbenschrift des Orients, die den Vokal nicht ausdrückt, zur Buchstabenschrift, die jedem Einzellaut im Wort gerecht wird, verfeinerte. Das war die erste große grammatische Leistung des Griechentums im Dienste der Phonetik. Aber worauf schreiben?

[Randnotiz: Schreibmaterial der ältesten Zeit. Weitere Dichter ohne „Buch“.]

An Schreibflächen fehlte es nicht[184]. Man ritzte die Grüße oder Anweisungen, die man auf dem Herzen hatte, in die Haustüren oder in den Baum am Weg oder in die nächste Felsenwand. An den Grenzen der Feldfluren standen oft Ölbäume: in ihre Rinde grub der Eigentümer regelmäßig den Grenzvermerk (~arbores notatae~). So bekamen auch Sklaven und Vieh Zeichen eingebrannt, damit man wußte, wem sie gehören; man tätowierte gelegentlich den ganzen Menschen, schon damals. Staatsgesetze aber grub man schon früh in die glatten Außenwände der Tempel oder unmittelbar in die hohe Einfassungsmauer, die den Richtplatz umgab. Gräber wurden mit beschriebenen Steinplatten versehen. Sollte aber der Text transportabel sein, so griff man zum Fell, zur Kuhhaut, lieber noch zur rollbaren Bleiplatte und zur Holztafel. Die handliche kleine Holztafel hat sich der Grieche endlich früh mit Wachs überzogen, und er begann im Wachs zu schreiben, ein Merkmal der Vergänglichkeit: denn aus dem Wachs ließ sich die Schrift gleich immer wieder hinwegglätten.

Was nützte das aber den Dichtern, die unmittelbar auf Homer folgten und in ihren Versen nun auch -- anders als er -- mit ihrem eigenen Ich kräftig hervorzutreten begannen? Die erste Elegie entstand, das erste Streitgedicht des +Archilochos+, das erste Chorlied, das +Alkman+ kunstvoll gestaltete. Wie sollten diese Männer ihren Text sichern? Was sie dichteten, hatte immer nur geringen Umfang; sie legten davon eine einmalige Niederschrift im Tempel nieder; das war die einzige Sicherung: das Werk sollte nicht untergehen. Die Tempel sind im 7. Jahrhundert v. Chr. die alleinigen Archive für solche Poesien gewesen[185]. Vervielfältigung durch Abschrift aber gab es noch kaum, und die Veröffentlichung geschah lediglich durch mündlichen Vortrag. Auch diese Männer harrten immer noch auf das „Buch“.

Das gilt auch vom +Hesiod+. Von Hesiod besitzen wir die „Theogonie“ und die „Werke und Tage“. Wer aber diese beiden Werke liest, der staunt über den Mangel an Ordnung und Plan, die häufige Zusammenhangslosigkeit des Inhalts. Dabei ist jedes derselben doch nur etwa 1000 Zeilen stark. Der Schaden kann sich nur daraus erklären, daß der Text, wie das vorhin Gesagte ergibt, ursprünglich auf etliche kleinere Schreibflächen verteilt war. Erst nachträglich können die Teile in einem „Buch“ zusammengestellt worden sein. Daher die Uneinheitlichkeit. Wir hören von einem uralten Exemplar des Hesiod auf Blei, das sich auf dem Berg Helikon anscheinend gegen Witterung ungeschützt bei der berühmten Quelle, der Hippokrene, befand. In diesem Blei haben wir eine wertvolle Probe des Urzustandes des griechischen Schreibwesens. Daß aber der Text der „Werke und Tage“ auf dem Blei vollständig stand, ist kaum zu glauben. Denn unzählige antike Bleirollen sind gefunden worden, und sie enthalten immer nur ganz geringe Textumfänge und wohl kaum mehr als 50 Zeilen[186].

Wie sollte nun gar in der Folgezeit des großen Thukydides Prosawerk vom Peloponnesischen Krieg, wie sollte Platos Staat möglich sein? Das „Papier“ war schreiendes Bedürfnis, und es fand sich nicht.

[Randnotiz: Import der Papyrusrolle. Entstehung der Buchliteratur.]

Da kam das Große. Ägypten eröffnete endlich seinen Außenhandel. Ägypten hatte längst das ersehnte Papier, es hatte längst das Buch der Zukunft. Im 7. Jahrhundert geschah es; damals hat der griechische Handel mit Ägypten eingesetzt. Der Name König Psammetichs I., der um 670 bis 616 regierte und sein Land erschloß, ist darum unvergeßlich. Um 630 v. Chr., da mag die erste Papierrolle wirklich vom Nil nach Athen oder Milet oder Sizilien gekommen sein. Und die eigentliche griechische Buchliteratur konnte beginnen. Sie entwickelte sich plötzlich und rasch.

Es handelt sich nicht um Lumpen- oder Hadernpapier, erst recht nicht um unser modernes Holzpapier. Vielmehr aus dem Mark des Nilschilfs wurde das Material, das man +Charta+ nannte, in langen Fahnen kunstvoll hergestellt, und zwar geschah das dort schon seit Jahrtausenden. Die ganze schreibselige Kultur der Ägypter beruht eben hierauf, auf der Charta. In dichten Schichten liegen in Ägypten noch jetzt die beschriebenen Papyrusmassen unter dem sandigen Erdboden und werden heute ausgegraben, fast so, wie man bei uns die Steinkohlen gräbt; oder die stummen Mumien sind darin eingewickelt, und ganze Kisten voll gehen davon alljährlich nach Europa (vorausgesetzt, daß kein Weltkrieg ist), um in den Bibliotheken und Museen von Oxford, London, Berlin, Wien, Paris, Florenz, Genf, Straßburg aufgerollt, entziffert, studiert zu werden.

Neidisch hatte das enge Pharaonenland dies herrliche Papier der Welt so lange vorenthalten. Das Schreiben darauf war des Ägypters besondere Wollust. Millionenmal haben jene Leute sich, vielfach auch gerade die vornehmsten Würdenträger des Nillandes, in schreibender Stellung hockend, statuarisch oder im Relief abbilden lassen, oft ganze Gruppen, die nach +Diktat+ schreiben, also im Begriff sind, einen Text zu +vervielfältigen+[187].

Jetzt endlich hatten die Griechen also ein Buch gewonnen, das sich in der Tat leicht hundertfach vervielfältigen ließ. Der Großbetrieb konnte einsetzen: Abschriften der besseren Werke in beliebiger Anzahl, Buchverkauf, Buchhandel.

Und so beginnt eben jetzt, im 6. Jahrhundert, wirklich die griechische Prosaschriftstellerei, die schlechthin das Buch voraussetzt, da Prosa sich nicht nach Art eines epischen Gedichtes auswendig lernen läßt. Aber auch die griechische Dichtkunst veränderte nun sogleich ihr Wesen und bereicherte sich wunderbar; denn auf einmal entsteht jetzt die große Lyrik, und es entsteht die Tragödie, Oratorium und Oper; d. h. auch die Musik kann sich jetzt plötzlich auf das reichste entwickeln. Das Wesen der griechischen Musik erkennen wir an den Versmaßen. Kunstvolle Versmaße werden jetzt möglich, eine Rhythmik mit mannigfachem Wechsel der Taktarten, die ohne sorgliche Niederschrift des Textes und auch der Musiknoten nicht denkbar war. Ich nenne nur den großen +Stesichoros+, der jetzt -- um das Jahr 600 beginnend[188] -- auf Sizilien seine gewaltigen, ausgedehnten, halbdramatischen, oratorienartigen Chordichtungen schreibt, und +Äschylus+, der in Athen bald danach die Tragödie schafft. Auch diese Offenbarung des griechischen Kunstgenies, die Tragödie, war erst jetzt möglich. Weiter aber: auch der +Homertext+ wurde nunmehr in der Form, wie wir ihn haben, endlich zum erstenmal in Buchform redigiert und gesichert, und auch dies ist, wie jetzt unbedingt feststeht, in Athen geschehen[189]. Es ist dies das erste unvergängliche Verdienst, das sich Athen um die Weltliteratur erworben hat.

Und nun taucht auch +Herodot+, der Vater der Geschichte, vor uns auf. Herodot und andere seinesgleichen schreiben jetzt in Prosa die Sagengeschichte und Staatengeschichte ihres Landes, +Anaxagoras+ und andere Philosophen vor ihm ihre kühnen und ewig denkwürdigen Entwürfe über Sein und Werden und die Natur und Entstehung des Alls. Der wundervoll treibende Griechengeist hatte jetzt einen Boden gewonnen, auf dem er blühen und wuchern konnte, so wie, wo sich frische Erdkrume bildet, sogleich eine Vegetation entsteht. Plato, Demokrit, Aristoteles erhoben ihre breiten Wipfel. Das Buch erzeugte die Literatur.

Und wie geschmeidig war dies Buch! Federleicht lag es in der Hand. Fliegende Blätter hatte man, und wer deren viele zusammenklebte, erhielt eine Fläche von beliebiger Länge, die er beschrieb und leicht zusammenrollte. Denn das Buch war nur Rolle. Heftung kannte man nicht.

[Randnotiz: Buchhandel der Griechen. Herstellung des Papyrus.]

Und wie fest und klar stand die tief dunkle Schrift auf dem hellen Grunde! Das Papier war weiß, aber nicht blank und warf keine Reflexe: eine Wohltat für das Auge. Das Schreiben war jetzt auch kein Gravieren und Ritzen mehr; es war Farbenauftrag. Mit der weichen Feder malte man die Buchstaben. Und das ging rasch. Massenkopien gab es gleich. Buchunternehmer hielten sich ein Sklavenpersonal, das die Kopien nach Diktat schnell genug lieferte; denn leicht konnten so nach Diktat 50 Exemplare auf einmal, 1000 in einer Woche hergestellt werden. Und man kaufte sich jetzt also die Platodialoge oder die Euripidesstücke, nahm sie auf die Seereise mit und las sie auf dem Schiffsdeck. Der Buchhandel und Versand ging von Athen überall hin, nach Sparta, Kleinasien, zu den Städten des Schwarzen Meeres. Dabei verwahrte man die Rollen in hübschen Kapseln aus Holz. Auch in der Schule hatte jetzt schon jeder Knabe sein Lernbuch, und der Gebildete konnte sich darin nicht genug tun; er kaufte sich schon lesehungrig alle möglichen Autoren, Homer, Epicharm, Tragödien, Schriften über Baukunst, Kochbücher u. a. zusammen, und vereinzelt entstehen schon wohlgeordnete kleine Büchereien. Sie sind vorläufig nur Privatbesitz. Mit der ersten Bibliothek aber war auch der erste Überblick über den Bestand der griechischen Literatur gegeben; das Griechentum wurde sich seines geistigen Besitzes bewußt; eine Literaturgeschichte konnte entstehen[190].

So ging die Entwicklung zunächst durch drei Jahrhunderte, vom 6. bis zum 4. Jahrhundert v. Chr.

Im Nildelta, und zwar in den breiten und schlammigen Seitenarmen des Nil, da wuchs und gedieh das Papyrusschilf in ganzen Wäldern. Inselartig standen diese Wälder in den seichten Wasserflächen. Sie wuchsen jedoch nicht etwa wild; vielmehr wurde das Schilf sorglich gepflanzt, gehegt und jeder Ausfall ersetzt; ein Riesenvermögen steckte für die Besitzer in diesen Wasserpflanzungen. Es waren hohe Schäfte mit graziös gefiederten Wipfeln und Blätterbüscheln, die im Seewind rauschen und leicht sich wiegen; der Schaft mehr als armstark. Fußpfade, die so schmal waren, daß nur ein Mann hindurch konnte, und auf denen der Heger sich bewegen und die Ernte eingebracht werden konnte, führten durch die Dickichte hindurch[191].

Jahrtausendelang hat dort im Altertum diese wichtige Kultur bestanden. Wie anders jetzt! Seitdem die Pflege fehlt, ist der Papyrus dort im Nil völlig verschwunden.

Für die Fabrikation war die Stadt Saïs, die Residenz des Königs Psammetich, der Hauptsitz, und eine ganze Reihe von Sorten der Charta wurden hergestellt, die sich nach der Qualität, nach Größe, Färbung, Feinheit und Dauerhaftigkeit unterschieden. Denn für wichtige Aktenstücke der Staatsverwaltung und für schöne Gedichtbücher brauchte man bessere Qualitäten, als der Kaufmann sie in seinem Laden zum Rechnungschreiben nötig hatte.

Anschauung von dieser „Charta“ kann heute jeder haben, der einmal unsere größeren Museen und Universitätsbibliotheken besucht, wo Proben davon in Glas und Rahmen ausgestellt werden. Die Fabrikation aber war schwierig und erforderte viel Zeit und ein beträchtliches Personal. Denn das feste Mark des Schilfs wurde auf das mühsamste in möglichst lange und möglichst dünne Streifen zerlegt und diese Streifen dann glatt zusammengeklebt, indem man sie netzförmig übereinanderlegte. Leicht lösten sich aber die Fasern wieder, und wiederholte Pressung und erneutes Kleben, endlich ein sorgliches Trocknen der Ware war immer nötig. Damit war aber zunächst nur ein Einzelblatt von etwa 34 × 20 ~cm~ Größe gewonnen, und aufs neue mußten die Kleber mit ihrem feinen Leim daher, um aus je 20 Blättern die Buchfahnen, die in den Handel kamen, zusammenzufügen. Auf die Fahne setzte man die Schrift in Spalten nach Art der Spalten unserer Zeitungen. Reichten für das beabsichtigte Buch 20 Blätter nicht aus, so klebte man wieder etliche Fahnen aneinander, je nach Bedürfnis.

[Randnotiz: Papierpreise. Umfang und Ausstattung der Rollen. Buchteilung.]

Schon aus dieser Art der Herstellung erklärt sich, daß das Papier im Altertum sehr teuer gewesen ist[192]; und je mehr die Nachfrage zunahm, je teurer mußte es werden. Denn bald sollte für die ganze damalige gebildete Welt, für Griechenland, Syrien, Mazedonien, Italien, Spanien, Südfrankreich das kleine Nildelta allein das Papier liefern. Ja, die Fabrikanten im Delta bildeten einen Trust und trieben obendarein die Preise gemeinsam künstlich höher, wie Strabo uns meldet. Ungeheure Werte steckten also in den großen Büchereien des Altertums, wie sie die römische Kaiserzeit besaß. Die Literatur war auch im Hinblick auf das Papier, auf dem sie stand, eine Kostbarkeit.

In Großstädten wie Rom lagerte das Papier, die unbeschriebenen Rollen, auf Vorrat in großen Speichern, die der Staat beaufsichtigte. War die Papyrusernte am Nil schlecht ausgefallen, so trat in der Welt Papiernot ein, die fast so schlimm war wie die Hungersnot, die drohte, wenn das Korn nicht aus Ägypten kam, und die Behörde mußte alsdann eingreifen und den Verkauf regulieren. Auf dem Lande war oft gar kein Papier zu haben. Auch wir wissen seit dem jüngst erlebten Kriege davon zu erzählen, wie die Regierung alle Vorräte der Waren an sich nimmt, um der größten Not zu steuern.

In Rollen zu lesen, denken wir uns heute sehr unbequem, und anfangs herrschten auch wirklich noch große Mißstände im Bücherwesen der Griechen. Erträglich war die Sache, wenn es sich um Rollen von etwa 20 Seiten handelt. Herodot aber wird heute auf 600 Seiten abgedruckt, und für solch umfangreiche Werke ergaben sich damals Rollen von 50, 70 oder 100 Meter Länge. Als solche endlose Konvolute haben wir uns die ersten Ausgaben des Herodot, des Thukydides zu denken; so hatte noch Alexander der Große Ilias und Odyssee in Händen. Eine einschneidende Reform war darum nötig. Kallimachos war es, der den berühmten Ausspruch tat: „ein großes Buch ein großes Übel.“ Seitdem, d. i. seit dem 3. Jahrhundert v. Chr., wurde es Sitte, die größeren Bücher zu zerschneiden (davon kommt der Ausdruck ~Tomus~, „der Schnitt“), d. h. die Buchteilung in der Schriftstellerei wurde Sitte; sie wurde erzwungen[193]. In 12 Rollen ließ darum Vergil seine Äneide, in 3 Rollen ließ Cicero sein Werk „vom Redner“ erscheinen; und die Kunst des Disponierens steigerte sich dabei wunderbar. Man lernte fortan seinen Stoff jedesmal so einzuteilen, daß womöglich in jeder kleineren Rolle ein in sich abgeschlossener „Abschnitt“ des Werkes stand, der für sich allein gelesen, genossen werden konnte.

Aus diesem sehr äußerlichen Grunde erklärt sich die sonst so befremdliche Durchführung der Buchteilungen in den alten Autoren.

[Randnotiz: Bibliothek. Bildliche Darstellung: Schreibende.]

Besonders die Dichter las man in möglichst dünnen Rollen; ein Odenbuch des Horaz stand auf einer Papierfahne von nur 20 Seiten, kaum mehr. Das ist auch heute noch so; man denke an Mirza-Schaffy und Frauen-Liebe und Leben; auch wir wollen für unsere zärtlichen Dichter keine großen Formate. Wollte man überdies noch Effekt machen, so stattete man das Röllchen hübsch prunkvoll aus, schob es in einen farbigen Mantel (so wie wir unsere Tischservietten) und steckte noch ein vergoldetes Stäbchen mitten hinein. Besonders reizvoll und glanzvoll müssen die Bilderbücher gewesen sein; wer die Rolle auseinandernahm, sah eine Folge farbiger Bilder, Porträts, Kampfszenen aus den Römerkriegen u. a. Vor allem hing nun noch aus den Rollen immer ein festes, pergamentenes Zettelchen heraus, das man gern purpurn färbte und auf dem der Titel zu finden war. Dieser Zettel selbst hieß der „Titel“. Im Bibliothekszimmer standen Schränke oder an den Zimmerwänden zogen sich „Nester“ hin; darin lagen die Rollen wie die Vögelchen beisammen, bereit auszufliegen, allemal hübsch mit dem Kopf nach vorn, an dem der Titel hing. Es war gewiß allerliebst, in solchem Bücherzimmer sich aufzuhalten; alles, Bücher und Borte und Wände, bunt bemalt und in Farben strahlend; dazu edler Statuenschmuck; auch gemalte Porträts der Lieblingsdichter. Die Nester waren nur in bequemer Höhe angebracht, auch die Schränke nur niedrig, zu 3 Borten. Man brauchte nicht auf Leitern zu steigen, um seinen Plato oder Livius zu finden[194].

Wie nun der lesende Mensch mit dem Buch umging? Dem modernen Menschen fehlt dafür jede Anschauung; aber die reiche antike Kunst kann sie uns geben[195]. Hier ist der Ort, die Plastik und Malerei der Alten heranzuziehen. Selten ist uns Gelegenheit gegeben, die Zweckmäßigkeit und Sinngemäßheit der künstlerischen Motive, insbesondere in bezug auf die Haltung der Hände, so festzustellen wie in diesem Falle.

Auch unsere modernen Künstler kommen bisweilen in die Notlage, einen Menschen mit dem Buch darstellen zu müssen. Aber ihnen fehlt dafür eine Tradition oder die Achtsamkeit, und sie irren sich oft seltsam. Wer z. B. die schöne Goethe-Statue Schwanthalers in Frankfurt a. M. betrachtet, wird mutmaßlich wenig darauf achtgeben, daß der Dichter den Kranz in der Linken, das Buch aber in der Rechten hält. Warum sind die Gegenstände auf die Hände nicht anders, nicht umgekehrt verteilt? Eine müßige Frage! Wer hat Zeit, sich damit aufzuhalten? Der Künstler macht das eben, wie es am besten aussieht. So machte man es aber im Altertum nicht, und die moderne Kunst der Porträtstatue ist doch ein Erbe aus dem griechischen Altertum. Wer das Buch in der Rechten hat, will vorlesen; wer es in der Linken hält, hat vorgelesen. Goethe aber kann seinen Kranz erst erworben haben, nachdem er sein Werk vortrug. Die griechische Kunst hätte Kranz und Buch somit anders verteilt, und so ist es tatsächlich geschehen auf einem Pompejanischen Wandgemälde (Helbig, Campanische Wandgemälde, Nr. 1454).

Viele lieben es heute, sich mit dem Buch photographieren zu lassen, die strebsame höhere Tochter, der Schulmann, Gelehrte und Diplomat „in seinem Heim“, schließlich aber auch die Metzgersfrau und der Sergeant und Ladenjüngling. Warum auch nicht? Wir alle haben heute Schulbildung, und das Buch ist unser! Meistens wirkt dabei freilich die Verlegenheit mit: die Hände müssen irgendwie beschäftigt sein, wenn sie nicht gerade in Handschuhen stecken. So kann die Laune des Photographen den Kellner zum Gelehrten machen und die Putzmacherin zur Dichterin.

In der antiken Porträtkunst war das anders, und zwar schon in der ägyptischen. Da ist alles sinngemäß und zweckmäßig. Im alten Ägypten unterschieden sich die Stände darnach, wer schreiben und wer nicht schreiben kann. Das Buch adelt. Wer nicht lesen kann, ist der Esel, wer lesen kann, der Eseltreiber: so dachte man. Man gestatte, daß ich hier von „Buchhaltern“ rede, ich meine die Personen, die sich mit dem Buch zeigen. Die „Buchhalter“ auf den ägyptischen Bildwerken sind da die höheren Beamten. Mit eigensinniger Konsequenz und massenhaft sieht man daher die Buchrolle oder das Schreibgerät in der festgeballten Hand gerade nur der Vornehmen auf den Reliefs der großen Tempelwände, der Gräber und Pylonen des Pharaonenlandes. Berühmt und wundervoll realistisch auch so manche Schreiberstatue, wie die im Louvre: wohl nie ist ein hoher Bureaubeamter und vortragender Rat so verherrlicht worden wie da; sie zeigt ihn angespannt in seiner Tätigkeit. Freilich ist er sehr dürftig bekleidet. Ein Schurz genügt.