Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 9

Chapter 93,553 wordsPublic domain

Martha schweigt und weicht nicht einen Augenblick von seinem Lager. Von Müdigkeit überwältigt, schläft sie manchmal so sitzend ein. Aber das dauert nur ganz kurze Zeit; sie wacht sofort wieder auf und sieht mit weit aufgerissenen Augen auf den Kranken, als wenn sie ihn durch den Blick gesund machen wollte. Ich beginne wirklich für ihre Gesundheit zu fürchten. Gott, wenn sie uns auch noch krank würde! Aber alle Vorstellungen unsererseits sind vergebens. Nur mit Mühe können wir sie dazu bringen, etwas zu essen. Ich bin sehr in Sorge, was werden soll, wenn Woodbell vor Anbruch des Tages nicht erwacht. Wir möchten sofort weiterfahren, fürchten aber wiederum, seinen Schlaf zu unterbrechen. Anfangs hatten wir die Absicht, uns vom _Pico_ nach Osten zu wenden, um die _Alpenkette_ zu umkreisen, die die nordöstliche Grenze des _Mare Imbrium_ bildet, aber schließlich fahren wir direkt nach Norden, dem mächtigen Ringe des _Plato_ zu. Peter glaubt, nach ausführlichem Studium der Karten, daß es uns gelingen wird, durch diesen Ring hindurch direkt auf das _Mare Frigoris_ zu gelangen, hinter dem sich ein gebirgiges Land auftut, das sich alsdann bis zum Pol erstreckt. Das würde uns den Weg bedeutend verkürzen.

Auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 47° nördlicher Mondbreite, zwanzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.

Wir nähern uns endlich der Grenze des unermeßlichen _Regenmeeres_, zu dessen Durchquerung wir fast zwei Monate brauchten. Hier sind das zwei Tage, aber dort auf der Erde hat sich der Mond indessen zweimal erneuert, zweimal ist er im Vollmond aufgeflammt und zweimal hat er sich im Neumond verfinstert.

Seit mehreren Stunden sehen wir den mächtigen Wall des _Platoringes_ vor uns. Sein östlicher Teil schimmert bereits in der Sonne wie eine mächtige Mauer am schwarzen Himmel; in westlicher Richtung ist noch Nacht. Die höheren Gipfel flammen wie Fackeln. Es ist dies entschieden der erhabenste und mächtigste Anblick, den wir bis jetzt hatten; wir sind jedoch durch den Zustand Tomas' so niedergedrückt, daß wir fast gar nicht beachten, was uns umgibt.

Tomas ist bei Sonnenaufgang erwacht. Er sah uns kurze Zeit erstaunt an und dann versuchte er, sich zu erheben, aber die Kräfte versagten ihm, er fiel schlaff zurück. Martha hat ihn aufgerichtet, und ich frug ihn, ob er etwas wünsche. Peter stand indessen am Steuer des Wagens.

Tomas wunderte sich zuerst, daß es Tag sei. Er erinnerte sich an nichts aus seiner Krankheit, sogar der Vorfall, der ihr vorausgegangen, war seinem Gedächtnis entschwunden. Als ich ihn erwähnte, dachte er kurze Zeit nach, und dann erblaßte er plötzlich, wenn man vom Erblassen eines Gesichtes sprechen kann, aus dem schon jeder Blutstropfen gewichen zu sein scheint. Er bedeckte die Augen mit den Händen, und mit einem Ausdruck der qualvollsten Angst wiederholte er fortwährend: Das war entsetzlich, entsetzlich! -- Schauer schüttelten ihn.

Als er sich nach einer Weile etwas beruhigt hatte, versuchte ich vorsichtig zu erfragen, was ihn so entsetzt und zu dieser in ihren Folgen so verhängnisvollen Flucht veranlaßt hatte. Aber alle meine Bemühungen waren umsonst. Er schwieg hartnäckig oder fertigte mich mit Antworten ohne jeglichen Zusammenhang ab. Schließlich gab ich das zwecklose Fragen auf, als ich bemerkte, daß ich ihn nur damit peinigte und ermüdete. Statt dessen mußte ich ihm ausführlich erzählen, in welchem Zustande wir ihn gefunden und den ganzen Verlauf der Krankheit. Er hörte aufmerksam zu, nannte manchmal halblaut lateinische Namen von Medikamenten, erkundigte sich nach den kleinsten Umständen und Begleiterscheinungen, und nachdem er sich alles angehört hatte, wandte er sich zu mir und sagte mit seltsamer Ruhe:

-- Ich glaube, daß ich sterben werde.

Ich widersprach lebhaft, aber er nickte nur mit dem Kopfe:

-- Ich bin Arzt, und jetzt, wo ich die Besinnung wiedererlangte, sehe ich als solcher auf meine eigene Krankheit. Ich wundere mich nur, daß ich überhaupt noch am Leben bin. Als ich damals fiel, wie du sagst, zerschlug sich das Glas in der Maske des Luftbehälters. Daß ich nicht sofort gestorben bin, verdanke ich nur dem Umstand, daß ihr früh genug zu Hilfe kamt, bevor die in dem Behälter befindliche Luft nach außen gelangen und verfliegen konnte. Aus dem, was du von meinem Zustand erzählst, nehme ich jedoch an, daß die Atmosphäre in meinem Luftbehälter schon außerordentlich dünn gewesen sein muß. Durch den erhöhten inneren Druck stürzte mir das Blut nicht nur aus Mund und Nase, sondern sogar durch die Poren der Haut. Wenn ihr euch um einige Sekunden verspätet hättet, würdet ihr nur noch eine blutlose Leiche gefunden haben. Ich wundere mich übrigens, wie ich nach einem so furchtbaren Blutverlust die vielen Tage hindurch das Fieber aushielt ... Wenn es auch nicht stark sein konnte, denn woher ... bei dem Fehlen des Blutes und der so schwachen Herztätigkeit ... aber schließlich habe ich das Fieber überstanden und lebe, -- doch das bedeutet durchaus noch nicht, daß ich leben werde. Ich habe kein Blut; sieh her, den Puls fühlt man kaum, leg' mir die Hand auf die Brust, du fühlst nicht einmal, daß das Herz schlägt. Auf der Erde würde ich vielleicht aufkommen, aber hier fehlen die Bedingungen.

Er brach erschöpft ab und fiel in die Kissen zurück. Ich dachte, daß er wieder einschliefe. Aber seine Blicke flackerten unstät unter den gesenkten Lidern und folgten unaufhörlich Martha, die mit der Zubereitung der Arzneien, die er sich selbst verschrieben hatte, beschäftigt war. Ein grenzenloses Leid lag in seinen Augen. Er bewegte einige Male die Lippen, und dann sagte er ruhig, mich fest ansehend:

-- Ihr werdet gut zu ihr sein, nicht wahr?

Ein Krampf schnürte mir das Herz zusammen und gleichzeitig schien es mir, daß mir eine widerwärtige, teuflische Stimme ins Ohr flüsterte: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören, vielleicht dir ...

Ich blickte zu Boden aus Scham vor mir selbst, aber er schien schon diesen Gedanken in meinen Zügen gelesen zu haben, obwohl ich bei Gott schwöre, daß er kürzer war als die kleinste Sekunde.

Er lächelte unsagbar schmerzlich, und die von kleinen blauen Äderchen durchzogene Totenhand nach mir ausstreckend, fügte er hinzu:

Zankt euch nicht um sie. Überlaßt ihr ... achtet ... achtet ...

Er konnte es nicht beenden. Nach einer Weile erst, nachdem er Atem geschöpft hatte, sagte er hart, den Ton plötzlich ändernd:

-- Ich kann auch am Leben bleiben. Es ist absolut nicht gewiß, daß ich sterben muß.

Seit dieser Unterredung sind einige Stunden verflossen, aber sein Zustand besserte sich in nichts; im Gegenteil, er scheint sich sogar zu verschlimmern. Immer wiederholen sich das Herzklopfen, die Beklemmungen und Ohnmachten. Ich weiß, wie das weitergehen wird. Er ist dabei sehr erregt und ungeduldig geworden. Martha darf ihn keine Minute verlassen; auf uns blickt er wie auf Feinde.

Ich versuchte noch mehrere Male die Ursache jener geheimnisvollen Flucht von ihm zu erfahren, aber immer wenn ich das Gespräch darauf brachte, verstummte er sofort und seine Augen nahmen den Ausdruck einer solchen Angst an, daß ich es nicht mehr über mich bringe, ihn mit Fragen zu quälen. Schließlich, was liegt mir daran? Es genügt, daß ein Unglück geschehen ist, -- wenn es nur damit seine Bewandtnis hätte!

Dritter Mondtag, sechsundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang, unterm Plato, auf dem Wege nach Osten.

Die Annahmen Varadols haben sich als vollständig irrig erwiesen. Mit dem Wagen durch die Mitte des _Platoringes_ zu kommen, ist eine reine Unmöglichkeit. Wir müssen die _Alpenkette_ umkreisen, was unsere Reise außerordentlich verlängert. Aber es gibt keinen anderen Ausweg.

Kaum mehr als dreißig Stunden sind seit Sonnenaufgang verstrichen; in dieser Zeit legten wir fast hundert Kilometer Weges zurück, allerdings auf einem Boden, der ausnahmsweise glatt war. Nun haben wir am Fuße des _Plato_ haltgemacht.

Der mächtige, zirka neunzig Kilometer im Durchmesser zählende _Platoring_ erhebt sich an der nördlichen Grenze des _Regenmeeres_. Nordöstlich von ihm erstreckt sich die Kette der Mondalpen bis zum _Palus Nebularum_, der das _Mare Imbrium_ mit dem _Mare Serenitatis_ verbindet.

Die Kette ist nur an einer Stelle durch eine breite, querliegende Tiefebene unterbrochen, wohl der einzigen auf dieser Seite des Mondes, die zum _Mare Frigoris_ führt, durch das wir auf der Fahrt zum Pol hindurch müssen. Im Westen des _Plato_ erstreckt sich ein hoher, steiler, im Halbkreis gekrümmter Rand, in den sich noch der breite »_Abhang des Regenbogen_« hineinzieht. Der _Platoring_ selbst ist aus einem Bergwall entstanden, der eine innere Fläche von ungefähr siebentausendfünfhundert Quadratkilometer Raum umfaßt. Die höchsten Gipfel im östlichen Teil des Walls erreichen eine Höhe von zweitausendfünfhundert Metern.

Nachdem wir alles dies genau auf der Karte erforscht hatten, bemerkten wir, daß sich im nördlichen Wall des _Plato_, dicht neben dem in ihm eingeschlossenen kleinen Krater ein Kamm senkt und verflacht, der eine Art von breitem Paß bildet.

Wir wollten nun nach dem Plan Peters, um den Weg zu verkürzen, über diese Einsattelung auf die mittlere Fläche gelangen und, sie in nördlicher Richtung durchschneidend, einen Ausgang auf die Höhe suchen, die sich schon sanft nach dem _Mare Frigoris_ senkt.

An den Abhängen des _Plato_ angelangt, fanden wir leicht die auf der Karte angegebene Stelle. Dabei war uns jener herausragende Krater behilflich, der sich über der Einsattelung erhob. Der Weg dorthin schien nicht sehr beschwerlich zu sein; der Boden stieg nur allmählich und es waren keine Unebenheiten auf ihm zu bemerken. Trotzdem wagten wir es nicht sogleich mit dem Wagen weiterzufahren. Wir mußten uns vergewissern, ob wir diese Strecke wirklich passieren konnten.

Nachdem wir also Woodbell unter Marthas Schutz zurückgelassen hatten, traten Peter und ich den Weg zu Fuß an. Der Wagen sollte auf unsere Rückkehr warten. Wir umkreisten den Krater im Massiv des _Plato_ von Osten aus, immer höher hinaufsteigend. Der Weg war nicht so einfach, wie es von unten den Anschein hatte. Wir trafen Steinfelder und Abgründe an, die wir umgehen mußten. Trotzdem waren wir überzeugt, mit dem Wagen durchzukommen. Eine frohe, hoffnungsvolle Stimmung hatte uns beide erfaßt. Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont und erwärmte uns genügend. Es war uns warm und leicht; rings um uns boten sich wundervolle Landschaftsbilder dar! Die Abhänge der Felsen, die von schwarzen Schatten durchbrochen waren, glänzten, von der blendenden Sonne bestrahlt, in der ganzen Pracht der köstlichsten Regenbogenfarben. Wir schritten über Schätze hinweg, für die man auf Erden hätte Königreiche und Kronen kaufen können: zwischen den zerbröckelten Steinen schillerten blutigrote Rubine; Malachitadern leuchteten von ferne wie Grasflächen, auf denen zerstreute Stücke von Onixen und Topasen den Eindruck von Blumen hervorriefen. Manchmal schoß plötzlich aus einer Spalte, in die ein Sonnenstrahl drang, eine ganze Fontäne von Glanz, eine wahre Orgie des Lichts, das in den mächtigen Prismen des Gebirgskristalls verteilt war.

Dieser maßlose Reichtum, der durch eine Laune der Natur an dieser Stelle ausgeschüttet war, blendete und berauschte uns, aber bald gewöhnten wir uns so an diesen Anblick und an die hier ganz wertlosen Schätze, daß wir auf ihnen schritten wie auf gewöhnlichen Kieselsteinen.

Jedoch wirkte diese herrliche Umgebung ungemein belebend auf uns und wir waren glücklich und guter Dinge. Wir vergaßen Kummer und Sorgen, die Krankheit Tomas', die überstandenen Mühen und Unglücksfälle, die Gefahren, die uns noch drohten, sogar die gänzlich unsichere Zukunft, der wir entgegengingen. Wir freuten uns wie die Kinder über diesen einzig schönen Morgen! An die etwas unbequemen Luftbehälter hatten wir uns schon vollständig gewöhnt, und auch der Gedanke an die Gefahr, der wir durch die uns umgebende Leere ausgesetzt waren, trübte, trotz des neuerlichen Vorfalls mit Woodbell, unsere Fröhlichkeit nicht.

Von unserm leichten Körpergewicht auf dem Monde und einer nicht geschwächten Muskelkraft profitierend, setzten wir über mächtige Felsen oder sprangen von hohen Wänden herab.

Diese Ausbrüche der guten Laune wurden allein durch die Notwendigkeit der baldigen Umkehr eingedämmt. Luft und Nahrung hatten wir nur für vierzig Stunden mitgenommen und wir mußten bedenken, daß irgend etwas Unvorhergesehenes eintreten konnte, das uns zu einem längeren Aufenthalt nötigte.

In ungefähr zehn Stunden standen wir auf der Einsattelung. Vor uns öffnete sich der Blick auf das geheimnisvolle Innere des _Plato_. Der nördliche Wall des Ringes, der von uns gegen hundert Kilometer entfernt lag, erschien wie eine mächtige Säge, die in unzählige Zacken zerrissen war. Bis zu dieser Grenze erstreckte sich eine glatte Fläche, dunkelgrau, erloschen und still. Hie und da nur zerschnitten sie hellere, breite Ketten, mit einigen kleinen Kratern, die darauf zerstreut lagen und flachen Mulden ähnlich waren. Zu unsern Füßen brach der Felsen im Innern außerordentlich scharf ab; es war keine Rede davon, daß wir hier mit dem Wagen vordringen konnten.

Eine unsagbare Trauer wehte uns aus dieser trostlosen Öde an. Es wäre unmöglich, sich eine Landschaft vorzustellen, in der mehr Schweigen und mehr Starrheit lag. Die Felsen sogar senkten sich hier langsam und träge zur Tiefe, -- die Gipfel starrten traumverloren und so finster in den Sonnenschein, als wenn sie sich nur mit Mühe und ungern erhoben hätten, weil man sie auf Wache stehen hieß und jene mächtige, graue Ebene zu umgrenzen.

All unsere Fröhlichkeit war spurlos verschwunden ...

Seltsam, wie eine Landschaft auf das menschliche Herz wirkt! Ich schaute lange, in Schweigen versunken, und konnte die Augen von dieser Wüste nicht abwenden, und ein immer größeres Leid bedrückte mich, ich weiß nicht, warum und um wen ... So gleichgültig war mir alles geworden, so wertlos, und so überflüssig erschien mir jede Anstrengung und so verlockend der Tod-Erlöser, der mich doch vor kurzem noch mit einer so höllischen Angst erfüllte.

Ich fühlte, daß mich dieser Anblick mordet; ich konnte ihn nicht länger ertragen und bedurfte doch der ganzen Willensanstrengung, um mich von ihm loszureißen.

Ich wandte den Blick nach Süden, der am Himmel leuchtenden Erdsichel zu. Über den Gipfeln des Kraters, der uns beim Eingang als Wegweiser gedient hatte und jetzt in der Tiefe versank, tauchte das _Regenmeer_ vor mir auf. Diese mächtige zurückgelegte Strecke! Ich schaute auf sie, wie einst von der Einsattelung unter dem _Eratosthenes_, nur daß sie damals noch vor mir lag, ein unbekannter Weg, der zu dem unbekannten, ersehnten Lande führte -- jetzt hatte ich sie schon hinter mir ...

Grau war sie, tot und unermeßlich wie damals; aber statt der in der Sonne flammenden Gipfel des _Timocharis_ und _Lambert_ erhoben sich die in Schatten gehüllten Spitzen: _Pico_ und weiter nach Osten _Piton_ vor meinen Augen.

Die Erdsichel stand über diesem Meere, dem Horizont schon näher als der Himmelswölbung. Und so schien mir die ganze Ebene wie eine breite Straße, die von dieser Erde hierherführt. Welch ein furchtbarer, beschwerlicher Weg und wie weit! Während wir ihn zurückgelegt haben, ist zweimal die Sonne über uns dahingegangen wie eine glühende und lebendige Flamme, zweimal umhüllten uns kalte, endlos lang andauernde Schatten. Und wieviel Mühen, Ängste und Qualen! Der Abstieg vom _Eratosthenes_, die tödliche Sonnenglut, dann eine entsetzliche Kälte und dieses Gespenst des Todes, das uns so viele Stunden begleitete; der Tod der Brüder Remogner, der unglückselige Vorfall und Woodbells Krankheit ... Mit dem Tode O'Tamors hat unser Weg begonnen -- aber er ist noch nicht zu Ende ...

Ich war in diese finsteren Gedanken vertieft und erfüllt von einer immer stärker aufkeimenden, unbezwinglichen Sehnsucht nach der Erde, die in der Ferne über der unabsehbaren Fläche sichtbar war, als mich ein Schrei Varadols aus meinem Nachdenken aufschreckte. Ich wandte mich schnell um, schon fürchtend, daß wieder irgendein Unglück herannahe, aber Peter stand wohlbehalten neben mir und deutete nur mit der Hand nach der Richtung, in der sich der weite nördliche Wall des _Plato_ entlangzog. Ich blickte dorthin und bemerkte etwas wie eine Wolke, nein, kaum wie den flüchtigen Schatten einer Wolke, die den Fuß der Berge verhüllte, den man noch vor kurzem deutlich sehen konnte.

Ich bebte an allen Gliedern bei diesem Anblick. Es sah indes nicht aus, als wenn sich die Wolke bewegte, sondern die Berge schienen sich von der Stelle zu rühren und vor uns herzuschreiten. Und Peter schrie wie besessen durch das Rohr:

-- Eine Wolke! Also dort ist Atmosphäre, dort ist Luft, dort wird man atmen können!

Eine wahnsinnige Freude klang aus diesen von der Hoffnung geschwellten Worten. Wahrhaftig, über dieser Ebene des Todes, wie ich sie nannte, zeigte sich uns der erste Strahl der Hoffnung und des Lebens! Die Wolke beweist zwar noch nicht, daß der Mensch bei dieser Atmosphäre schon atmen kann, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß die Luft dort dichter ist als in den bisher durchquerten Gegenden, da sich dort Wolken bilden und halten können, wenn auch nicht allzu hoch über der Oberfläche. Der Rauch der Krater senkte sich außerhalb des _Eratosthenes_ sofort zu Boden wie Sand.

Durch diese Erscheinung in der Hoffnung bestärkt, daß auf der anderen Seite des Mondes und vielleicht schon früher genügend dichte Luft sein müsse, begaben wir uns wieder zum _Mare Imbrium_ hinab. Wir waren in freudigster Stimmung, obwohl der eigentliche Zweck des Ausfluges nicht erreicht worden war, da wir den Weg durch den _Platoring_ nicht gefunden hatten. Beim Hinuntersteigen sprachen wir darüber, was weiter zu tun sei. Vielleicht würden wir im Westen des _Plato_ eine Stelle ausfindig machen, durch die wir auf den steilen Rand der Erhöhung gelangen konnten, aber es schien fast unmöglich, dies zu wagen. Wenn es uns nämlich nicht gelingen sollte, müßten wir tausend Kilometer zurücklegen, um die Grenze des _Mare Imbrium_ von Westen her zu umkreisen. Es ist also bedeutend sicherer, sich sofort nach Osten zu wenden. Am Ende gelingt es uns, das schon erwähnte Quertal in der _Alpenkette_ zu durchdringen und sollte sich auch dies als undurchführbar erweisen, so werden wir, selbst um die ganze Kette herumfahrend, verhältnismäßig keinen allzu großen Umweg machen.

Unter diesen Erwägungen stiegen wir in das Tal hinab. Wie groß war jedoch unser Entsetzen, als wir den Wagen nicht an der Stelle bemerkten, an der wir ihn verlassen hatten. Zunächst glaubten wir, uns verirrt zu haben, aber nein -- die Gegend war dieselbe; es waren genau die Felsen, unter denen wir den Wagen zurückließen. Trotz der Ermüdung stürmten wir vorwärts, unseren Augen noch nicht trauend. Der Wagen war nicht da. Wir bemühten uns, die Spuren seiner Räder zu entdecken, um zu wissen, in welcher Richtung wir ihn suchen sollten, aber auf diesem Steinboden war keine Spur zu erkennen. Da packte uns die Verzweiflung. Unsere Nahrungsmittel waren bereits verzehrt, von dem mitgenommenen Wasser hatten wir ebenfalls nur noch einen kleinen Rest und Luft kaum mehr für einige Stunden. Varadol begann zu rufen; er vergaß, daß ich das einzige Wesen war, das sein Schreien hier -- durch das Sprachrohr mit ihm verbunden -- hören konnte.

Wir suchten, von grenzenloser Angst getrieben, die ganze Gegend ab, sechs Stunden damit verlierend; der Wagen war wie verschwunden. Als wir nach all den fruchtlosen Nachforschungen zu der alten Stelle zurückkehrten, begann uns der Hunger zu peinigen, das Wasser war zu Ende und der Luftvorrat an der Neige. Ratlos warfen wir uns auf die Erde -- den Tod erwartend. Varadol fluchte laut und ich zerbrach mir in wilder Verzweiflung den Kopf, was sie dazu veranlassen konnte, vor unserer Rückkehr davonzueilen.

Plötzlich schoß es mir durch den Kopf, daß Tomas vielleicht absichtlich geflohen war, um uns dem sicheren Verderben preiszugeben. Die krankhafte Eifersucht, die ich bei ihm bemerkt hatte, als er von seinem Tode und von Martha sprach, konnte ihn auf diesen Gedanken gebracht haben. Die Wut schüttelte mich. Ich sprang auf und wollte davonstürmen, ihm nach, mich rächen, morden ...

Da erblickte ich einige Schritte von mir entfernt Martha. Sie kam uns langsam entgegen und sah uns durch die Glasmaske mit ihrem sich immer gleich bleibenden traurigen Lächeln an. Wir stürzten beide auf sie zu und redeten abwechselnd voll Entrüstung und Freude auf sie ein. Martha blickte eine Zeitlang ruhig auf unsere Lippen und als wir uns endlich heiser und gegenseitig taub geschrien hatten, begann sie Zeichen zu geben, daß sie nichts verstehe. Wir hatten ganz vergessen, daß sie infolge des Luftmangels nichts hören konnte und plötzlich war alle Wut und Aufregung verschwunden und wir brachen in ein herzliches Lachen aus. Dann gaben wir ihr durch Gesten zu verstehen, daß wir zu dem Wagen zurückkehren wollten. Martha führte uns hin; der Wagen stand nicht weit hinter dem Felsen, der ihn verdeckte.

Hier erst hat sich alles aufgeklärt. Einige Zeit nachdem wir fort waren, ging die Sonne, einen schwachen Bogen am Firmament bildend, hinter dem Felsen unter, so daß sich der Wagen im Schatten befand. Woodbell begann vor Kälte zu zittern. Martha fuhr daher weiter um den Felsen herum und blieb mehr nach Süden stehen, wo die Sonne den Kranken genügend erwärmte. Als wir zurückkehrten und über das Verschwinden des Wagens entsetzt waren, suchten wir ihn in der ganzen Umgegend, aber es fiel uns nicht ein, hinter dem Felsen nachzusehen, der sich dicht neben uns befand. Martha hatte uns vom Wagen aus bemerkt, dachte aber, als wir uns von neuem entfernten, daß wir eine andere Seite der Gegend erforschen wollten und wartete geduldig auf unsere Rückkehr. Erst als wir uns, zum zweitenmal zurückkommend, dem Fahrzeug nicht näherten, kam sie uns entgegen, ohne zu ahnen, daß wir den Wagen nicht wieder fanden. Der ganze Vorgang endete also mit einem Lachen, obwohl er für uns mehr als verhängnisvoll hätte werden können.

Woodbell trafen wir in verhältnismäßig gutem Zustand an. Während unserer Abwesenheit war er nur viermal ohnmächtig geworden. Jetzt ist er ruhiger und sagt, daß er sich besser fühle. Sein leichenblasses und jammervoll abgemagertes Gesicht sieht zwar nicht danach aus, aber Gott gebe es, daß er der Genesung entgegengeht. Für den Anfang ist es schon genug der Opfer -- und des Schreckens ...

Wir fahren weiter nach dem festgesetzten Plan, bis jetzt immer nach Osten zu, stets den mächtigen Gipfel des _Plato_ vor unseren Augen. Bald werden wir an der _Alpenkette_ angelangt sein.

Mit Rücksicht auf Tomas' Gesundheit tut die größte Eile not. Je eher wir eine Zone erreichen, wo er den geschlossenen Wagen verlassen und frei atmen und sich bewegen kann, desto wahrscheinlicher ist seine Rettung. Wir werden auch Tag und Nacht dahinsausen, um uns nur immer weiter von dieser Wüste zu entfernen und dem Pole näher zu kommen, wo wahrscheinlich Luft und Wasser ist.

Unter den Alpen, 3° westlicher Länge, 47° 30' nördlicher Mondbreite, einhunderteinundsechzig Stunden nach Sonnenaufgang des dritten Tages.