Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 8

Chapter 83,521 wordsPublic domain

Eigentlich ist das ungerecht. Warum er, warum nur er, warum gerade er? ...

Martha sagte auf der Erde, als sie uns bat, sie mit auf den Mond zu nehmen: »Ich werde eure Sklavin sein.« Und in Wirklichkeit sind wir ihre Sklaven, obwohl sie uns niemals etwas befiehlt, noch wir uns bemühen, ihr zu dienen. Wir sind durch den so ungeheuer einfachen Umstand ihre Sklaven, daß wir unwillkürlich, -- obwohl auf verschiedene Weise, dem Zwecke dienen, den sie allein verwirklichen kann: hier eine neue Menschheit zu schaffen.

Wohin nur tragen mich diese Gedanken! Kaum ist das Gespenst des Todes vor meinen Augen entschwunden, so träume ich schon mit der alten Gewohnheit von der Zukunft, die sich vielleicht niemals erfüllen wird. Menschheit, neue Menschheit! Und rings um uns nur lebloses, totes Land, ohne Wasser und Luft! Der Mond hat uns noch nichts gegeben; wir leben bisher von diesen winzigen Erdenteilchen, die wir mit uns genommen haben. Wir fanden bis jetzt nichts, was uns zu der Annahme berechtigt, hier leben zu können! Wir haben schon Hunderte von Kilometern zurückgelegt, ohne eine Veränderung in der Gestalt der Grundoberfläche zu bemerken, noch in der Dichte der Atmosphäre. Die Luft bleibt hier immer so dünn, daß sie die Sterne am Tage nicht zu verblassen vermag, noch das schwarze Kolorit des Himmels blau zu färben; auf dem felsigen Boden finden sich nirgends Spuren, daß einstmals Wasser war und wirkte.

Und dennoch verlieren wir die Zuversicht nicht. Fast alle unsere Unterhaltungen beginnen mit den hoffnungsvollen Worten: Und wenn wir erst auf der _anderen_ Seite sein werden ... Wie wird die _andere_ Seite aussehen? Wir wissen heute davon nicht mehr als in dem Augenblick, da wir diese Reise von der Erde antraten, das heißt: wir wissen absolut nichts.

Unter den Drei Köpfen, 7° 40' westlicher Länge, 43° 6' nördlicher Mondbreite. Vor Mitternacht des zweiten Tages.

Wir befinden uns am Fuße des Berges, der sich im nördlichen Teil des _Mare Imbrium_ erhebt und von allen bisher unterwegs angetroffenen Formationen unterscheidet. Das Licht der Erde, die hier nur einige vierzig Fuß über dem Horizonte steht, fällt schräg auf die Felsen, die einer mächtigen gotischen Kirche oder einem Märchenschloß für Riesen ähnlich sind.

Der nächtliche Glanz ist hier bedeutend schwächer als dort, wo die Erde im Zenite über uns leuchtete; man sieht jedoch bei seinem Scheine noch die allgemeinen Linien. Der erste Berg, der nicht die Gestalt eines Ringkraters hat. Nur noch die Reste der Steinmassen sind vorhanden, der Ring selbst muß durch einen furchtbaren Kataklysmus der Natur zerstört worden sein, oder auch durch das langsame Wirken des Wassers.

Wir sagen schon: »durch das Wirken des Wassers«, und obwohl das nur eine Vermutung ist, überläuft uns ein Freudenschauer, als wenn es Wahrheit wäre ... Denn wenn hier Wasser _war_, so kann man annehmen, daß dort auf der »anderen Seite« Wasser _ist_, und wenn dort Wasser ist, so muß auch Luft in genügender Dichte vorhanden sein, um atmen zu können. Trotz des Frostes, der uns, obwohl bedeutend schwächer als in der vorhergehenden Nacht, empfindlich quält, gingen wir für kurze Zeit aus dem Wagen und erforschten beim schrägen Licht der Erde, die Gegend, um Spuren zu finden, die unsere Annahme bestätigen. Etwas Sicheres wissen wir noch nicht, aber es ist zweifellos, daß andere Ursachen bei der Entstehung dieses Berges gewirkt haben, als bei den bisher angetroffenen ringartigen Erhebungen. Dicht vor uns steigt eine fast senkrechte Wand empor mit drei mächtigen Gipfeln, gewissermaßen ein Stück Zyklopenmauer mit drei in ihr eingeschlossenen Basteien. Wir bezeichnen sie mit _Drei Köpfe_. Die Mauer erstreckt sich in nordöstlicher Richtung und ist uns mit der schwarzen, nichtbeleuchteten Seite zugewandt. Nur die Gipfel färben sich weiß, an den der Erde zugekehrten Flächen und sehen wie drei silberne Helme auf schwarzen Köpfen aus. Der ganze Berg ist vom Hintergrund des Himmels nur insofern verschieden, daß auf seinem Schwarz keine Sterne leuchten, mit denen der Himmel übersät ist. Seine Form erscheint uns ungefähr wie auf der Erde nachts eine schwarze Wolke am schwarzen, aber sternenhellen Himmel.

Wir sind in vollständiges Dunkel gehüllt, da der Berg uns die Erde verdeckt. Den Weg vor uns erhellen wir mit elektrischen Laternen. Das erschwert die Fahrt ungemein. Jede Erhebung wirft hier schon einen langen Schatten und wir müssen uns mit der größten Vorsicht vorwärts bewegen, um nicht in einer Unebenmäßigkeit oder Zerklüftung des Bodens stecken zu bleiben, die wir hier immer häufiger antreffen. Ich glaube, wir werden vor Sonnenaufgang nicht viel Weges zurücklegen können, vor allem, weil der Frost, der gegen Ende der Nacht stärker wird, uns wahrscheinlich zum längeren Aufenthalt an einer geschützten Stelle zwingen dürfte. Wir möchten vorher wenigstens bis zum Gipfel _Pico_ vordringen, der nach der Karte gegen siebzig Kilometer nach Norden von uns entfernt ist, weil wir schon aus Erfahrung wissen, daß es in der Nähe der Berge bedeutend wärmer ist als auf der Ebene. Wir erklären uns diese Erscheinung durch den vulkanischen Charakter der meisten; es müssen wohl unterirdische Adern eines inneren Feuers vorhanden sein.

Nach kurzem Aufenthalt, der durch die Notwendigkeit den Motor zu versorgen hervorgerufen wurde, fahren wir weiter. Ich muß das Schreiben unterbrechen, da es während der Bewegung unmöglich ist, auch nur daran zu denken. Des ungleichen Grundes und der Schatten wegen, die das Licht der zum Horizont geneigten Erde wirft, müssen wir alle auf dem Posten sein. Mit dem Schlaf richten wir uns jetzt so ein, daß immer nur einer schläft und die drei anderen wachen, um die Fahrt nicht aufzuhalten. In diesem Augenblick schläft Martha. Ich höre ihr gleichmäßiges, ruhiges Atmen, ich sehe bei dem gedämpften Schein der Laterne ihr Gesicht, das aus einer Fülle von Pelzen hervorschimmert. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, wie zum Lächeln oder Küssen ... Wovon träumt sie wohl? ... Ach, Unsinn! -- Wir fahren weiter.

Dritter Tag, dreißig Stunden nach Mitternacht, auf Mare Imbrium, 9° 14' westlicher Länge, 43° 58' nördlicher Mondbreite.

Seltsam, seltsam ist das, was ich sehe ...

Ungefähr um Mitternacht setzten wir unsere Fahrt von den _Drei Köpfen_ aus fort. Der Weg war außerordentlich beschwerlich, vor allem, weil wir jeden Augenblick in den Schatten kleiner Bodenerhebungen gerieten. Mehrere Male im Verlauf einer Stunde mußten wir anhalten und mit Hilfe des elektrischen Lichts das Terrain erforschen oder auch Messungen vornehmen bezüglich des Höhenstandes der Sterne, die jetzt der einzige Wegweiser für uns sind. Es ist unmöglich, etwas zu erkennen, mit Ausnahme der allgemeinen Linien. Und dennoch ... Vielleicht gerade deswegen ...

Im Verlauf von dreißig Stunden haben wir kaum etwas mehr als vierzig Kilometer zurückgelegt. Endlich gelangten wir zu einem eigenartigen grauen, einer Sandbank gleichenden Streifen. Er zieht sich auf der Strecke nach Nordwesten in einem leicht gekrümmten Bogen und hebt sich mit seiner helleren Farbe von dem dunklen Untergrund der Steinwüste ab. Soweit ich beim Licht der Erde sehen kann, endet er bei einer sonderbaren Felsengruppe, die von weitem einer phantastischen Burg oder einer Stadt ähnlich sieht. Einer Stadt? ...

Wir fahren weiter, längs diesem Streifen, der einen bedeutend gleichmäßigeren Weg für uns darstellt, als die mit Steinen übersäte Wüste und nicht zu sehr von der gesteckten Richtung abbiegt. Wir kommen ziemlich schnell vorwärts und jene von ferne gesehene Felsengruppe tritt immer deutlicher hervor. Jetzt kann man schon die einzelnen Teile erkennen, die durch ihre sonderbare Formation die Täuschung von Turmruinen und Gebäuden hervorrufen. Ich weiß nicht, was ich von alledem denken soll. Ich bemühe mich, darüber klar zu werden ... wahrhaftig, es ist zu seltsam! Eine fast abergläubische Furcht überkommt mich ... Sollte das ...

Dritter Tag, sechsunddreißig Stunden auf Mare Imbrium.

Barmherziger Himmel! Wenn wir Tomas verlieren ... Er war durch das erste Fieber schon so erschöpft und nun abermals ... O Gott, rette ihn, denn wir werden sonst ... diese Totenstadt ...

Neunundfünfzig Stunden nach Mitternacht auf Mare Imbrium am Pico, 9° 12 'westlicher Länge, 45° 27' nördlicher Mondbreite.

Ich sammle meine Gedanken. Ich muß sie endlich niederschreiben.

Ich erinnere mich -- als ich gerade die letzten Notizen beendet hatte, blickte ich auf die phantastischen Ruinen oder Felsengruppen und rief unwillkürlich:

-- Das sieht doch wirklich wie eine Stadt aus!

Tomas, der die ganze Zeit hindurch am Fenster stand und mit steigendem Interesse die näherkommenden Felsen beobachtete, wandte sich auf meine Worte schnell zu mir. In seinen Zügen malte sich eine starke Erregung.

-- Ich glaube, du hast recht, sagte er ernst, mit leicht vibrierender Stimme. Das kann in der Tat eine Stadt sein ...

-- Was!?

Wir stürzten alle ans Fenster, nach den Fernrohren greifend. Sogar Peter verließ das Steuer, nachdem er den Wagen angehalten hatte, um die seltsame Erscheinung zu beobachten. Tomas streckte die Hand aus ...

-- Seht, seht, sagte er, dort nach rechts. Das sind doch Trümmer eines Steintores. Man sieht die beiden Säulen und oben hält sich noch das Stück eines Bogens ... Oder hier, -- ist das nicht ein Turm, zur Hälfte zerfallen? Und dort, seht nur, ein mächtiges Gebäude, mit einer niedrigen Säulenreihe vorn und zwei stumpfen Pyramiden zur Seite. Ich bin überzeugt, daß diese scheinbare Klamm, die stellenweise mit Steinen übersät ist, eine Straße war ... Jetzt ist alles zertrümmert und starr ... Eine Totenstadt.

Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, das sich meiner bemächtigte.

Je länger ich hinsah, desto geneigter war ich, zu glauben, daß Tomas recht hatte. Vor meinen Augen wuchsen immer neue Türme, Bogen und Säulen, Teile eingefallener Mauern und steinübersäte Straßen. Das Licht der Erde färbte diese phantastischen Ruinen in zarten Silberton; aus einem schwarzen See sprangen geheimnisvolle Schatten empor -- wie Geistererscheinungen. Ein kalter Schauer durchlief mich. Ein Mond-Pompeji und Herculanum, nur nicht aus dem Sande herausgegraben, sondern im Sande zerfallen, furchtbarer, mächtiger, viel mehr Tod in dieser ungeheuren Einsamkeit und in diesem seltsamen Lichte.

Varadol zuckte die Achseln und murmelte:

-- Ja, das ist wahrhaftig Trümmern verteufelt ähnlich ... diese Felsen ... Aber hier war doch niemals ein lebendes Wesen.

-- Wer weiß, antwortete Tomas. Heute hat diese Seite des Mondes weder Luft noch Wasser, aber sie konnte beides haben, einst, vor Jahrtausenden, als sich der Mondglobus noch schneller drehte und die Erde auf- und unterging an seinem Himmel ...

-- Das ist möglich, flüsterte ich in tiefem Nachdenken.

-- Wir haben an keiner Stelle Spuren von Erosionen angetroffen und das beweist, daß hier niemals Wasser war, was wiederum für das Fehlen der Luft, also auch des Lebens zeugt, entgegnete Peter.

Woodbell lächelte und wies auf den Boden unter unserem Wagen:

-- Und dieser Sand? Und die »_Drei Köpfe_«, an denen wir vor kurzem vorbeigekommen sind? Sie sahen doch aus wie der Rest eines Berges, der vom Wasser abgespült ist. Man kann nicht behaupten, daß es hier niemals Wasser gegeben hat. Vielleicht wurde nur durch das Wirken der Kälte und Sonnenglut alles verwischt und vernichtet ...

Eine Zeitlang schwiegen wir alle; dann sagte Woodbell plötzlich:

-- Ich glaube, daß wir das interessanteste Rätsel vor uns haben, dem wir überhaupt auf dem Monde begegnen konnten. Man muß es lösen.

-- Wie meinst du das? fragte ich.

-- Nun, wir werden an diese Trümmer heranfahren und sie untersuchen ...

Ich weiß nicht weshalb, aber ein Frösteln durchlief mich bei diesen Worten; es war keine Angst, aber etwas, das ihr sehr ähnlich ist. Diese Trümmer der -- Gebäude oder der Felsen sahen wie Leichen aus in dieser unermeßlichen Wüste.

Peter zuckte unwillig die Achseln:

-- Eine hirnverbrannte Idee! Schade um die Zeit, diese Felsmassen zu besichtigen, die beim Licht der Erde allerdings mit Gebäuden etwas Ähnlichkeit haben, aber auch nichts mehr.

Trotzdem lenkten wir den Wagen den Ruinen zu. Martha betrachtete sie mit Spannung und gleichzeitig mit einer sichtlichen Unruhe.

-- Und wenn diese Stadt der Toten durch Tote erbaut, flüsterte sie, als uns schon kaum mehr zwei Kilometer von den Arkaden trennten, die den Eingang zu dieser sonderbaren Stadt bildeten.

-- Eine Stadt der Toten ... sicherlich ... sagte Tomas lächelnd, aber glaube mir, daß sie einst von Lebenden erbaut werden mußte.

-- Oder durch Naturkräfte, warf Peter ein, und in diesem Augenblick blieb der Wagen mit einem heftigen Ruck stehen.

Wir stürzten zum Motor, zu sehen, was vorgefallen. Die Sandbank hatte gerade ihr Ende erreicht, und vor uns lag ein Feld, so übersät mit großen Steinen, daß keine Rede von einem Durchdringen mit dem Wagen sein konnte. Als Tomas dies bemerkte, zögerte er einen Augenblick und sagte dann:

-- Ich werde zu Fuß hingehen!

Wir wollten ihn alle zurückhalten, ohne uns klar darüber zu sein, weshalb. Vielleicht war es ein Vorgefühl dessen, was geschehen sollte!

Er blieb jedoch bei seinem Entschluß. Peter fluchte unter dem Schnurrbart hervor und meinte, daß man ein kompletter Idiot sein müsse, die Zeit zu verlieren und sich durch das Verlassen des Wagens der furchtbaren Kälte auszusetzen, nur eines Hirngespinstes wegen. Ich erklärte mich bereit, Tomas zu begleiten, aber als er sagte, daß er allein gehen wolle, drängte ich nicht weiter. Ich weiß noch immer nicht, was mich eigentlich zurückgehalten hat, die Angst vor der Kälte oder auch dieses unerklärliche Gefühl der Furcht beim Anblick dieser toten Stadt. Genug, ich blieb im Wagen ...

Als Tomas uns verlassen, wandte er sich direkt den geheimnisvollen Trümmern zu. Wir standen am Fenster und sahen ihn im Schein der Erde klar und deutlich vor uns. Er ging langsam vorwärts, sich oft bückend, wahrscheinlich um den Boden zu untersuchen. Für einen Augenblick verschwand er im Schatten eines kleinen Felsens, dann sahen wir ihn wieder, schon bedeutend weiter. Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Woodbell, der vielleicht schon den dritten Teil des Weges zurückgelegt hatte, reckte sich in die Höhe, stand wie erstarrt und begann dann in wahnsinnigen Sprüngen zum Wagen zurückzulaufen.

Wir sahen seine Bewegungen und konnten sie uns nicht erklären. Da, einige Schritte bevor er den Wagen erreicht hatte, wankte er und fiel. Als wir bemerkten, daß er nicht wieder aufstand, wollten wir ihm zu Hilfe eilen, aber ehe wir hinaus konnten, verging eine geraume Zeit, da wir erst die Luftbehälter anlegen mußten. Dann stürzten wir zu ihm; er lag bewußtlos am Boden. Wir hoben ihn auf und trugen ihn in den Wagen.

Nachdem wir ihm den Luftbehälter heruntergerissen hatten, bot sich uns ein entsetzlicher Anblick dar. Das Gesicht war geschwollen und bläulich, ganz von Blut überströmt, das ihm aus Mund und Nase hervorquoll; an den Armen und am Halse waren ebenfalls dicke Blutstropfen sichtbar, obwohl wir nirgends eine Wunde entdecken konnten.

Martha schrie verzweifelt auf und wollte sich über den Geliebten stürzen. Nur mit Gewalt konnte Varadol sie zurückhalten. Ich begann indessen mit den Wiederbelebungsversuchen. Anfangs dachten wir, daß er einen apoplektischen Anfall bekommen habe, als jedoch Peter den Luftbehälter untersuchte, zeigte sich der wahre Grund der Ohnmacht. Das Glas in der Maske war zerschlagen, was wir nicht sofort wahrgenommen hatten. Anscheinend zerbrach es, als Tomas stolperte und fiel und infolgedessen war die Luft aus dem Behälter entwichen. Ehe wir ihm zu Hilfe kamen, hatte sich der Luftbehälter fast gänzlich entleert, was den Blutsturz und die Ohnmacht verursachte; aber aus welcher Veranlassung er so gelaufen war, blieb uns allen zunächst ein Rätsel.

Endlich nach langer Zeit gelang es uns, ihn zum Bewußtsein zu bringen. Das erste Zeichen des wiederkehrenden Lebens war ein tiefer, krampfartiger Atemzug, worauf ihm abermals das Blut aus dem Munde herausschoß. Dann öffnete er die Augen und sah uns mit irren Blicken an; er begriff scheinbar nicht, was mit ihm vorgegangen war. Plötzlich schrie er entsetzt auf und streckte die Hände aus, als wenn er etwas von sich stoßen wollte, dann wurde er von neuem ohnmächtig. Wir versuchten zum zweitenmal, ihn wieder zu sich zu bringen, aber vergebens: Er fiel in ein Fieber, das die Vorbotin einer längeren Krankheit war.

Nachdem wir Tomas aufs sorgfältigste gebettet hatten, fuhren wir weiter. An die phantastischen Berge und die geheimnisvolle Stadt dachte niemand mehr! Wir hatten nach diesem entsetzlichen Vorfall nur die eine Sorge, so schnell wie nur möglich aus dieser grauenvollen Gegend herauszukommen.

In zwanzig Stunden sind wir endlich bis zu den Abhängen des _Pico_ vorgedrungen, wo wir augenblicklich rasten. Wir werden bis zum Morgen hier bleiben.

Der Zustand Woodbells ist sehr besorgniserregend. Der Blutsturz hat sich zwar nicht wiederholt, aber das Fieber wird immer heftiger. Manchmal springt er auf, als wenn er fliehen wollte, phantasiert und stößt unverständliche Worte hervor; oft glauben wir, die Namen der unglücklichen Brüder Remogner herauszuhören. Solchen Anfällen folgt meist eine vollständige Erschlaffung. Er sieht dann leichenblaß aus, als wenn in seinem ganzen Körper nicht ein Blutstropfen mehr vorhanden wäre.

Wir sind durch das alles im höchsten Grade beunruhigt. Martha verliert vor Verzweiflung und Angst fast den Verstand. Aber sie versucht immer wieder, sich zu beherrschen, weil der Kranke so dringend ihrer Pflege bedarf. Wir trösten sie so gut wir können und verheimlichen ihr unsere eigenen Befürchtungen.

Hinter diesem ganzen grauenhaften Vorfall steckt irgendein Rätsel. Ich begreife noch immer nicht, was Tomas zu jener wahnsinnigen Flucht veranlassen konnte, die schließlich die Ursache seines Unglücks geworden ist. Denn es ist sicher, daß sich die Glasmaske erst bei seinem Fall zerschlagen hat. Wenn ich nur damals auf den Gedanken gekommen wäre, den von ihm zurückgelegten Weg zu erforschen, vielleicht hätte uns das etwas Klarheit gebracht ... Denn es muß dort etwas Unerhörtes geschehen sein! Wenn ein Mensch sich nicht von grundloser Angst erfassen ließ, so war es Tomas, der stets so viel Geistesgegenwart und Ruhe in den fürchterlichsten Situationen bewahrte. Aber was hat ihn so entsetzt? Was konnte ihn überhaupt in dieser toten Welt entsetzen? ... Er hatte nicht einmal die Hälfte des Weges zu den Toren jener mutmaßlichen Stadt der Toten zurückgelegt ...

Am Pico, einhundertachtundvierzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich atmen wir etwas freier! Ich glaube, daß es uns gelingen wird, Tomas am Leben zu erhalten. Jetzt ist er eingeschlafen, ein Zeichen, daß die Krisis überstanden ist. Wir verhalten uns so ruhig wie nur möglich, sprechen sogar nur im Flüsterton, um ihn nicht zu stören. Vielleicht wird ihn dieser Schlaf erretten.

Wir fürchten nur sehr, daß die Hunde mit ihrem Bellen Lärm machen könnten, -- denn Tomas jetzt aufzuwecken, hieße ihn morden. Infolgedessen wachen wir abwechselnd bei den Tieren, wenn eins von ihnen bellen sollte, wird es aus dem Wagen geworfen. Aber zum Glück verhalten sich die Hunde ganz ruhig. Selena, seine geliebte Hündin, sitzt neben dem Lager wie zur Wache und wendet keinen Blick von ihrem kranken Herrn. Ich bin überzeugt, daß dieses kluge Tier versteht, was mit Tomas vorgeht. Wenn wir uns dem Kranken nähern, brummt Selena leise, wie warnend, daß sie wacht und ihm kein Unrecht zufügen läßt, und dann schwänzelt sie wieder, um zu erkennen zu geben, daß sie an unsere guten Absichten glaubt und über unsere Sorgfalt erfreut ist. Und bei alledem liegt so viel Angst und Trauer in ihren treuen Augen.

Auch Martha weicht nicht von Tomas' Seite. Fast hundert Stunden bereits spricht sie kein Wort. Sie öffnet den Mund nur, wenn sie sich mit uns bezüglich der Pflege verständigen muß. Ich kann mir keinen größeren Schmerz vorstellen. Sie weint nicht, sie klagt nicht, im Gegenteil, sie ist ganz ruhig, aber in dieser Ruhe, in diesen zusammengebissenen, trockenen Lippen, den weitgeöffneten Augen liegt etwas so Trostloses, daß es uns geradezu das Herz zerreißt. Wir möchten sie beruhigen, ihr Hoffnung und Mut zusprechen -- und wagen nicht, uns ihr zu nähern, so achten wir sie und ihren großen Schmerz. Und sie blickt so seltsam gleichgültig auf uns; wir fühlen, daß wir sie nur so weit angehen, als wir ihr bei Tomas' Rettung behilflich sind. Außerdem existieren wir nicht für sie.

Am Pico, vor Sonnenaufgang am dritten Tage.

Der höchste Gipfel des _Pico_ flammt in der Sonne auf! Drei oder vier Stunden -- und der Tag wird auch schon hier in der Tiefe leuchten. Die ganze Nacht hindurch sahen wir im Schein der Erde die silberne Wand des mächtigen Berges vor uns; jetzt ist diese Wand durch den Kontrast mit dem in der Sonne glühenden Gipfel grau und dunkel.

Wie die »_Drei Köpfe_« ist auch der _Pico_ kein Krater, sondern vielmehr die letzte mächtige Felsenpartie eines zerstörten Ringberges. Wir stehen unter seinem höchsten Gipfel, der sich im Nordwesten erhebt. Er bricht hier fast senkrecht zur Ebene ab. Man kann schwindlig werden beim Anblick dieser enormen Höhe, die sich noch stärker dadurch abhebt, daß sich ringsherum eine glatte Fläche ausdehnt. Der Gipfel erhebt sich über zweitausendfünfhundert Meter.

Es ist schwer zu erraten, was den Zerfall dieses Ringberges, von dem nur die vor uns liegenden Reste übrig blieben, veranlaßt hat. Vielleicht ist der Felsen, aus einem weicheren Material gebildet, unter dem Einfluß der Temperaturveränderungen zerbröckelt -- oder hat ihn das Wasser unterspült?

Schon das zweitemal während unserer Fahrt kommt uns diese Vermutung. Auch der Umstand spricht dafür, daß man nirgends einen Wall von Felsstücken sieht, der hätte entstehen müssen, wenn diese Berge durch Kälte und Sonne zerfressen wären.

Dort, wo sich einst scheinbar der Kamm des Ringes erhob, befindet sich jetzt kaum eine kleine, glatte Erhebung, die im Lichte der Erde unklar vor uns auftaucht. Peter hat sich trotz der großen Kälte für einen Augenblick aus dem Wagen herausgewagt, um den Boden zu erforschen. Er konnte sich nicht länger aufhalten, aber er brachte ein Stück Gestein mit, dem ähnlich, das sich im Wasser ansetzt ...

Wenn die Sonne aufgeht und diese Gegend erhellt, werden wir vielleicht Näheres erfahren.

Tomas schläft andauernd fast seit dreißig Stunden. Wir sind dadurch etwas freier, aber andererseits beginnt uns ein so langer Schlaf zu beunruhigen. Eine beklemmende Angst befällt uns, wenn wir auf dieses totenblasse Gesicht blicken. Die Augen hat er geschlossen, die Wangen sind eingefallen, die Lippen vertrocknet und blutleer. Er liegt regungslos da. Die Rippen heben sich kaum beim leisen Atmen. Manchmal glaube ich, daß ich keinen lebenden Menschen, sondern eine Leiche vor mir sehe. Wie froh wäre ich, wenn er endlich aufwachte.