Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 7
Ich hatte plötzlich den Eindruck, daß wir durch ein mächtiges Tor jagen, das gegen die Ebene des Todes weit geöffnet war. Wieder erfaßte mich eine grenzenlose, würgende Angst. Ich wollte den Wagen anhalten, ihn zwischen die hinter uns sich verlierenden Felsen lenken -- nur nicht in diese weite Ebene hineinfahren, die wir -- ich wußte es -- nicht lebendig verlassen würden.
Ich glaube, daß dieses Gefühl nicht nur in mir erwachte; die drei andern sahen ebenfalls mit finsteren Blicken auf diese sich vor uns öffnende Steinwüste.
Woodbell schien, mit gesenktem Haupt und zusammengebissenen Lippen, lange mit den Augen die Strecke der Ebene zu messen, deren Grenzen nicht zu erkennen waren; dann ließ er langsam den Blick über den Zeiger des Manometers gleiten, der an dem letzten Behälter mit verdichteter Luft befestigt war. Der Zeiger in der Kupfertrommel fiel langsam, aber unaufhörlich ...
Da tauchte plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf: Die Luft genügt nicht für _vier_, aber sie wird für _einen_ ausreichen. Einer würde mit diesem Vorrat bis zu den Gegenden vordringen, wo die Atmosphäre des Mondes dicht genug ist, um, wenn auch durch Gebrauch der Pumpe, atmen zu können.
Dieser widerwärtige, ungeheuerliche Gedanke machte mich schaudern und kaum aufgetaucht, wollte ich ihn verjagen, aber er war stärker als mein Wille und kehrte immer wieder! Ich konnte meine Augen von dem Zeiger des Manometers nicht losreißen, und in den Ohren dröhnte es mir fort und fort: Für vier wird sie nicht ausreichen, aber für einen ...
Endlich warf ich einen Blick auf die Kameraden -- heimlich wie ein Dieb und -- Entsetzen faßte mich. In ihren unruhig flackernden Augen las ich denselben Gedanken. Wir verstanden uns. Eine Zeitlang herrschte ein dumpfes, bedrückendes Schweigen. Dann rieb sich Tomas die Stirn und sagte ruhig:
-- Wenn wir es tun, so muß es schnell geschehen, ehe der Vorrat sich noch verringert ...
Wir wußten, wovon er sprach; Varadol nickte schweigend mit dem Kopf; ich fühlte eine brennende Röte im Gesicht, aber widersprach nicht.
-- Sollen wir Lose ziehen? fragte wiederum Tomas, sich anscheinend zu dem Herauswürgen dieser Worte zwingend. Aber -- hier stockte seine Stimme, und einen weichen, flehenden Ton annehmend, sagte er: Aber ... ich wollte ... euch bitten, daß ... Martha am Leben bleibt ... wie auch ...
Wiederum herrschte ein qualvolles Schweigen. Endlich stammelte Peter:
-- Für zwei wird es nicht genügen ...
Tomas warf mit einer stolzen Bewegung den Kopf zurück:
-- Also gut, mag es geschehen! Es ist so besser.
Nach diesen Worten nahm er vier Streichhölzer, brach einem den Kopf ab, versteckte sie so in der Hand, daß nur ihre Enden zu sehen waren und hielt sie uns entgegen.
Während dieser ganzen Unterredung stand Martha abseits und hörte kein Wort davon. Erst in dem Augenblick, als wir nach jenen Losen greifen wollten, trat sie zu uns und fragte unvermittelt mit vollständig ruhiger Stimme:
-- Was tut ihr?
Und dann zu Tomas:
-- Zeige, was du in der Hand hast ...
Und sie nahm diese Streichhölzer, die das Todesurteil für drei von uns sein sollten, damit der vierte leben konnte.
Und das geschah so schnell und unerwartet, daß wir keine Zeit hatten, sie zu hindern. Eine tiefe Röte der Scham überflog unsere Wangen; wir fühlten, daß uns dieses Mädchen bei dem widerwärtigen Verbrechen des Egoismus und der Feigheit ertappte. Wir blickten uns an und fielen uns plötzlich in die Arme, in ein krampfhaftes, lang zurückgehaltenes Weinen ausbrechend.
Von dem Losen war keine Rede mehr. Durch die Reaktion, die ein prinzipielles Recht der menschlichen Seele ist, hatte sich der gegenseitige, durch die Nähe und Unabwendbarkeit des Todes hervorgerufene Haß jetzt in das Gefühl einer herzlichen Zärtlichkeit verwandelt. Es kam etwas seltsam Weiches, Linderndes über uns. Wir setzten uns nahe nebeneinander; Martha schmiegte sich mit dem biegsamen, schlanken Körper an Tomas und wir begannen miteinander zu sprechen, mit leiser Stimme, über eine Unmenge Kleinigkeiten, die uns einst auf der Erde angingen. Jede Erinnerung, jede Einzelheit nahm für uns jetzt eine große Bedeutung an, wir fühlten, daß diese Unterredung der Abschied des Lebens sei.
Und der Wagen sauste unaufhörlich nach Norden, durch die unermeßliche, todbringende Ebene.
Stunden und Erdentage gingen vorüber; der Zeiger des Manometers fiel stetig, aber wir waren ruhig und mit unserm Schicksal ausgesöhnt. Wir sprachen, aßen, tranken sogar, als wenn nichts vorgefallen wäre. Ich fühlte nur ein seltsames Drücken in der Gegend des Herzens und der Gurgel -- wie ein Mensch, der einen großen Verlust erlitten hat und sich vergebens ihn zu vergessen bemüht ...
Gegen Mittag befanden wir uns zwischen dem 31. und 32. Parallelkreis. Die Glut, obwohl sie sehr stark war, quälte uns nicht mehr so wie am vorhergehenden Tage, da sich unter diesem Grade die Sonne nur zirka 60° über dem Horizonte erhebt. Die Erde, die seit Mittag in der gleichen Höhe am Himmel steht, war verblaßt, als die strahlenlose Sonnenscheibe, den flammenden Reifen ihrer Atmosphäre berührend, langsam hinter ihr zu versinken begann.
Wir hatten Sonnenfinsternis, die hier gegen zwei Stunden dauerte und sich den Erdbewohnern als eine Mondfinsternis darstellte.
Der leuchtende Reifen der Erdatmosphäre wurde in dem Augenblick, als die Sonne ihn berührte, einem Kranze blutigroter Blitze ähnlich, in dessen Mitte ein mächtiger schwarzer Fleck lagerte, -- die einzige Stelle am Himmel, auf der keine Sterne leuchteten. Fast eine Stunde brauchte die Sonnenscheibe, um hinter diesem schwarzen Kreis inmitten der flackernden Flammen unterzugehen. Während dieser Zeit wurde der Kranz immer intensiver und breiter. In dem Augenblick als die Sonne verschwand war das Licht bereits so stark, daß man die Linien der Landschaften erkennen konnte, die in einem orangegelb schillernden Feuer auftauchten. Der schwarze Fleck der Erde sah jetzt wie der gähnende Schlund eines seltsamen Brunnens aus, der am sternenbesäten Himmel ausgehöhlt, von einem schmalen, blutigrot flammenden Hof umkränzt war; dieser ging stufenweise in ein rotes, dann orangegelbes Licht über, um sich schließlich am schwarzen Hintergrund in einem schwachen weißen Leuchten zu verlieren. Und hinter diesem Kranze schossen nach Westen und Osten zwei Strahlengarben, zwei Fontänen goldenen Lichtstaubes hervor: es war das Zodiakallicht, das man während der Finsternis sehen konnte, ähnlich wie nach dem Untergang der Sonne.
Die Beleuchtung auf dem Monde gestaltete sich indessen, als wenn Blutströme über die vor uns in Dämmerung gehüllte Wüste ausgegossen würden.
Wir mußten halten, da es unmöglich war, in diesem schwachen rötlichen Licht den Weg zu erkennen. Gleichzeitig mit dem Schatten trat nach Schwinden der Sonne eine empfindliche Kälte ein. Nachdem wir uns eingehüllt hatten, schmiegten wir uns aneinander und warteten, daß sich die Sonne wieder zeige. Über uns brannte in unerhörter Pracht der leuchtende Kranz der verschiedenfarbigen Flammen, als plötzlich die Hunde zu bellen begannen, erst leise, dann immer lauter und verzweifelter. Ein eisiger Schauer überflog uns bei diesem Bellen. Wir erinnerten uns der Nacht vor dem Tode O'Tamors, als Selena ebenso bellte, den Tod begrüßend, der in unseren Wagen eintrat. Und wir alle empfanden im Angesicht dieser Erhabenheit am Himmelsdome das ganze, grenzenlose Elend unserer Lage noch furchtbarer; es schien uns, daß diese Feuer dort oben wie zum Hohn über den Häuptern von uns Sterbenden flammten ...
In dem Behälter hatten wir nur noch Luft für ungefähr zwanzig Stunden.
Nach Verlauf von zwei Stunden wurde ein Segment der Sonne auf der westlichen Seite der schwarzen Erdscheibe sichtbar, und die leuchtende Aureole verengerte sich und begann langsam zu erlöschen. Beim Anblick der Sonne überkam mich zunächst ein Gefühl des Erstaunens; ich hatte mich schon so an diese blutig leuchtende Nacht gewöhnt, sie erschien mir als die Verkünderin einer tieferen Nacht, einer ewigen, die uns während der Abwesenheit der Sonne einhüllen sollte, daß der strahlende Tag für mich etwas ganz Unfaßbares war. Und dann plötzlich -- ich weiß nicht woher -- stieg eine neue Hoffnung in mir auf, als wenn mit dem Erscheinen der Sonne irgendein Wunder uns erretten müsse.
-- Wir werden leben! rief ich so plötzlich und mit einer solchen Überzeugung, daß aller Augen fragend -- wie gebannt -- an meinem Munde hingen.
Da geschah etwas Seltsames. Aus der Kiste, in welcher der jetzt unbrauchbare telegraphische Apparat eingeschlossen war, vernahmen wir ein Pochen. Anfangs wollten wir unseren Ohren nicht trauen, aber das Pochen wurde immer deutlicher. Wir warfen uns auf die Kiste, und nachdem wir sie aufgerissen, zeigte es sich, daß der Apparat wirklich klopfte, als wenn er eine Depesche entgegennehmen wollte. Vergeblich bemühten wir uns, den Sinn der Depesche zu verstehen. Etwas war nicht in Ordnung oder hatte sich verwirrt. Kaum konnten wir einige abgerissene Worte erfassen: Mond ... in einer Stunde ... vom Mittelpunkt der Scheibe ... unter dem Winkel ... möge ... _Frankreich_ ... die andern ... und wenn ... der Tod ...
Grenzenloses Staunen erfaßte uns. Varadol sprang an den Apparat und telegraphierte: Wer läßt sich vernehmen?
Wir warteten einen Augenblick -- keine Antwort. Peter wiederholte die Frage zwei-, dreimal, aber ohne Erfolg.
Der Apparat verstummte und das Klopfen wiederholte sich nicht mehr.
Eine halbe Stunde der vollständigen Stille ging vorüber; wir begannen schon anzunehmen, daß die ganze Sache auf einer unfaßbaren Täuschung beruhte.
Die Sonne war gerade hinter der Erde aufgestiegen und stand neben ihr am Himmel. Die Glut wurde wieder größer.
Da flog und blitzte etwas in den Sonnenstrahlen an uns vorbei und gleichzeitig erbebte der Boden unter unseren Füßen, wie eine von einer Kanonenkugel getroffene Mauer. Wir schrien vor Entsetzen und Verwunderung auf. An das Fenster stürzend, bemerkten wir eine Masse von metallischem Glanz, die, auf der Oberfläche des Mondes abprallend, vor unseren Augen einen mächtigen Bogen im Raume beschrieb und wiederum aufschlug und zum zweitenmal abprallte, zum drittens, zum viertenmal, in ungeheuren Sprüngen nach Nordosten jagend.
Wir schwiegen und konnten uns diese Erscheinung nicht erklären, bis Peter plötzlich aufschrie:
-- Die Brüder Remogner kommen!
Jetzt wurde uns alles klar! Es waren gerade sechs Erdenwochen vergangen, seit wir um Mitternacht auf den Mond herabfielen; die Zeit ist also gekommen, da die zweite Expedition uns folgen sollte. Unser Apparat klopfte unter dem Einfluß der Depesche, die die Brüder Remogner aus der Nähe des Mondes auf die Erde herabsandten. Er ließ sich vielleicht schon früher vernehmen, nur daß uns das Klopfen in der Kiste, in der sich der Apparat befand, nicht auffiel. Ebenso bemerkten die Brüder Remogner anscheinend unsere Depesche nicht, da sie im letzten Augenblick mit der Vorbereitung zum Fall beschäftigt waren.
Diese Gedanken schossen mir wie ein Blitz durch den Kopf, während wir in fliegender Eile unseren Motor in Bewegung setzten. In einigen Augenblicken sausten wir schon mit der ganzen Kraft in der Richtung, in der das Projektil unseren Blicken entschwunden war und alle fühlten und dachten wir in diesem Augenblick nur das eine: Die Brüder Remogner führen Luft mit sich!
In nicht ganz einer halben Stunde waren wir an der Stelle, an der das Projektil nach einigem Abprallen herabgefallen war. Ein entsetzlicher Anblick bot sich unseren Augen: Inmitten der zerstreuten Trümmer des zerschmetterten Projektils lagen zwei blutige, zermalmte Leichen.
Zitternd vor Aufregung legten wir die Luftbehälter an und nachdem wir sie mit dem Reste unseres Vorrates gefüllt hatten, gingen wir aus dem Wagen. Unsere Erschütterung, unser Beben wurde -- wozu es verheimlichen! -- weniger durch den furchtbaren Tod der Freunde, als vielmehr durch die Angst hervorgerufen, daß ihre Luftbehälter bei der Katastrophe beschädigt worden sein könnten.
Zwei waren in der Tat zerplatzt und lagen leer inmitten der zertrümmerten Metallplatten, aber vier von ihnen blieben unversehrt.
Wir waren gerettet!
Ein Freudentaumel erfaßte uns, der wenig im Einklang stand mit dem Entsetzlichen, das uns umgab und dennoch -- wir waren dreihundertfünfzig endlose Stunden dahingestorben und erfuhren in diesem Augenblick, daß wir leben werden!
Nachdem wir uns bezüglich unseres Schicksals versichert hatten, konnten wir erst über das furchtbare Los, das die Brüder Remogner getroffen, nachdenken. Was uns errettete, ward die Ursache ihres Todes! Ein reiner Zufall -- eine Ungenauigkeit in der Berechnung, ließ sie hier vor uns niederfallen, statt auf dem Mittelpunkt der Mondscheibe, die in diesem Augenblick gegen tausend Kilometer von uns entfernt ist. Dieser Zufall, der uns mit Luftvorräten versorgte, hat sie getötet. Sie fielen, in dieser Gegend herabkommend, nicht senkrecht auf die Mondoberfläche, sondern im Winkel. Das Projektil schlug daher mit der Seite auf den Boden, wo es nicht durch ein Stahlgerüst geschützt war und einige Male abprallend, mußte es endlich zerschmettern. Wir schauderten bei dem Gedanken, daß uns dasselbe hätte widerfahren können ...
Nachdem wir die Leichen sorgfältig zwischen den Steinen begraben hatten, machten wir uns an ihren Nachlaß. Wir haben alles aus den Trümmern hervorgesucht, was uns irgendwie von Nutzen sein konnte; vor allem die kostbaren Behälter mit verdichteter Luft, die wir in unseren Wagen hinübertrugen, wie auch die Nahrungsmittel, Wasservorräte und einige weniger beschädigte Instrumente. Mit klopfendem Herzen suchten wir nach ihrem telegraphischen Apparat, in der Hoffnung, daß er vielleicht stark genug sein würde, uns mit den Erdbewohnern in Verbindung zu setzen. Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Der Apparat wurde bei der Katastrophe beschädigt. Dasselbe war mit der Mehrzahl der astronomischen Instrumente der Fall. Den Motor des Wagens nahmen wir mit, obwohl er stark gelitten hat.
Welch unbeschreibliches Glück für uns, daß gerade die kupfernen Luftbehälter diesem entsetzlichen Anprall getrotzt haben.
Nachdem wir den Nachlaß der bedauernswerten Brüder Remogner an uns genommen hatten, traten wir unverzüglich die Weiterreise nach Norden an, da die Glut, die durch die Kühle während der Sonnenfinsternis unterbrochen wurde, wieder stärker einsetzte und wir irgendeine Erhebung finden mußten, die uns Schatten gewährte.
Hier erst, zwischen den Kratern ^c--d^, blieben wir stehen.
Diese steilen Kegel, die sich am Fuße fast berühren, sind zweifellos vulkanischer Herkunft. Die ganze mit Schwefel bedeckte Gegend färbt sich gelb in dem blendenden Sonnenglanz. Tiefe Bergrinnen, mit denen die Abhänge der Krater von oben bis unten bedeckt sind, geben uns einen vorzüglichen Schutz vor der brennenden Glut.
Wir sind gerettet und dennoch verläßt uns die tiefe Niedergeschlagenheit keinen Augenblick. Immer und immer habe ich die furchtbar verstümmelten Leichen der Remogners vor Augen; wir sind in keiner Weise schuld an ihrem Tode und trotzdem empfinde ich es wie einen Vorwurf, daß wir durch ihn gerettet wurden ...
Ich bin erschöpft von all dem, was wir durchgemacht haben, erschöpft von dem langen Schreiben. Ich muß mich hinlegen und ein wenig ausruhen vor der weiteren Fahrt. Die Mühen und wahrscheinlich auch die Gefahren sind wohl noch lange nicht für uns vorbei.
In diesem Moment fällt mein Blick auf Selena, die munter mit ihren Jungen spielt; sie sind im Lauf dieser paar Wochen sehr gewachsen ... Merkwürdig, als uns der Tod durch Luftmangel drohte, waren wir eine Zeitlang bereit, das Leben dreier von uns zur Rettung des vierten zu opfern und keinem kam es in den Sinn die Hunde zu töten, die doch ebenfalls viel Luft verbrauchten, und auf diese Weise die Spanne Zeit zu verlängern, die uns -- wie wir glaubten -- zum Leben übrig blieb! Wie entsetzlich, wenn wir wirklich einen von uns geopfert hätten und dabei die Hunde verschonten, nur weil niemand an sie dachte!
Die Gefahr ist zunächst vorüber, und es ist gut, daß die Hunde leben. Sie erinnern uns in ihrer Schlichtheit mehr an die Erde, als wir sie uns gegenseitig in Erinnerung bringen können. Mit Rührung blicke ich auf diese Tiere ... Wir sind so einsam und so furchtbar von der Erde losgerissen. Zwei Menschen hat sie uns nachgesandt, aber wir sahen nur noch ihre Leichen. Wir hatten die Hoffnung, durch die Ankunft der Brüder Remogner Kameraden zu erhalten und gleichzeitig ein Mittel, uns mit der Erde zu verständigen; statt dessen haben sie uns zwar das Leben gerettet -- aber wir sind dafür zur ewigen Vereinsamung verurteilt.
Auf Mare Imbrium, 9° westlicher Länge, 37° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag, einhundertzweiundfünfzig Stunden nach Mittag.
Seit ungefähr hundert Stunden, das heißt fast vier Erdentage, schleppen wir uns durch die Ebene, die kein Ende zu haben scheint! Soweit das Auge reicht -- nichts -- keine Erhebung, kein Gipfel, keine Unterbrechung, auf der der Blick ausruhen könnte. Eine entsetzliche Gleichmäßigkeit der Landschaft bedrückt und erschöpft uns. Ich machte einmal auf der Erde eine Reise durch die Sahara; aber die Sahara erscheint mir als ein buntes Märchenland, gegenüber dieser trostlosen Öde, die uns hier umgibt! Auf der Sahara begegnet man Felsenketten, wellenförmigen Sanderhebungen, hinter denen sich oft grüne Kronen der Palmen zeigen, die auf üppigen Oasen wachsen; über der Sahara wölbt sich ein blauer Himmel, der sich abwechselnd silbern färbt, dann im Mittagsglanz leuchtet, durch die Abendröte schillert oder sich mit einem sternenbesäten Schleier überzieht. Durch die Sahara wehen Stürme und dieses Sandmeer aufwühlend, zeugen sie mit ihrer Bewegung vom Leben; hier ist nichts von alledem. Ein felsiger, in Furchen gepflügter Boden, auf der Oberfläche von der Sonnenglut ausgetrocknet, immer dasselbe grauenhaft bleierne Einerlei! Wie dieser Himmel da oben, der in weit über dreihundert Stunden sich fast nicht verändert hat! Wo seid ihr -- Wind -- Wasser -- Leben -- Himmelsblau und grüne Triften? ...
Alles das erscheint uns wie ein wunderschönes Märchen, das man einst gehört und durchlebt hat, in der Jugendzeit -- lang, lang ist's her -- ach, sehr lange ...
Nach der Zeitrechnung der Erde sind wir noch nicht ganz zwei Monate auf dem Mond, aber uns scheint es, daß schon ein Menschenalter verflossen ist, seit wir die Heimat verlassen haben. Wir gewöhnen uns langsam an die neuen Lebensbedingungen; wir wundern uns nicht mehr über das, was uns umgibt, wir wundern uns vielmehr über die Erinnerungen, die uns sagen, daß dort auf jener hellen Kugel, die von Sternen umgeben am schwarzen Himmel in einer Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern über uns hängt, das selige Land ist, wo wir geboren und aufgewachsen sind, das so verschieden ist von diesem -- und so schön -- so zauberhaft schön! ...
Oh! Die Menschen können die Schönheit der Erde nicht schätzen! Wenn sie hierher gelangten, würden sie sie lieben, wie wir sie jetzt lieben, sie, die ewig Verlorene! Und sie würden von ihr träumen -- so wie wir -- in Fieberphantasien, in unruhigen, schmerzlichen, bangen Fieberträumen, voll von quälender Sehnsucht ... Ach, wie diese Träume erschöpfen! Ich wache nach einigen Stunden auf und sehe, daß die Sonne am Himmel steht, fast an derselben Stelle, an der sie stand, ehe ich eingeschlafen war, daß unser Wagen, trotz der unaufhörlichen Fahrt, immer noch auf derselben Wüste ist, immer gleich weit vom Horizonte entfernt und beginne fast zu glauben, daß es keine Zeit mehr gibt und keinen Raum, sondern nur noch Raumlosigkeit und Ewigkeit!
Um uns zu zerstreuen und in dieser Wüste nicht wahnsinnig zu werden, erzählen wir uns lange, manchmal ganz kindische Geschichten oder lesen die von der Erde mitgebrachten Bücher. Wir haben einige naturwissenschaftliche Werke, eine ausführliche Geschichte der Zivilisation, einige der besten Dichter und die Bibel. Die Bibel lesen wir vor allem sehr oft. Gewöhnlich liest Woodbell mit wohlklingender, deutlicher Stimme Teile aus der Genesis oder die Evangelien vor ...
Wir hören zu, wie Gott die Erde erschaffen hat für den Menschen, damit er auf ihr wandle und den Mond, damit die Erde ihr nächtliches Licht habe; wie er die Nacht dem Tage folgen hieß, wie er Adam aus dem blühenden Paradies in ein wüstes, unfruchtbares Land hinaustrieb. Wir hören, wie der Heiland auf die Welt gesendet wurde, das Menschengeschlecht zu erlösen. Wie er mit einer treuen Schar über die wonnigen Wiesen und grünen Hügel von Galiläa dahinging, wie er litt und starb; wir hören all dem zu -- auf die Erde blickend, die einer silbernen Sichel am schwarzen Samt des Himmels gleicht und fahren durch die wüsten, entsetzlichen Weiten unter dieser Sonne dahin, die, sich träge fortschleppend, vergißt, uns Tage und Stunden anzugeben.
Martha versinkt mit ihrer ganzen Seele in diese Erzählungen und wenn Tomas zu lesen aufhört, stellt sie ihm verschiedene, oft seltsame Fragen. Alles bezieht sich auf unsere gegenwärtige Lage ... Vor kurzem sagte sie zu Tomas: »Wir sind beide hier wie Adam und Eva.« In der Tat, sie sind hier das erste Menschenpaar, von der Erde in die Wüste hinausgetrieben, wie einstmals jene aus dem Paradies Hinausgetriebenen. Aber ich und Peter -- was sind wir? Es ist etwas Unmenschliches in unserem gegenwärtigen Dasein: Tomas und Martha haben allein in sich die Berechtigung ihres Seins, aber wir -- wozu leben wir?
Ich erinnere mich, was wir auf der Erde gesagt haben, als wir uns zu dieser Reise rüsteten: Wir begeben uns dorthin der _Erkenntnis_ wegen! Jetzt sehe ich, daß die Erkenntnis allein den Menschen nicht befriedigt, wenn es keine Möglichkeit gibt, sie anderen mitzuteilen! Wir sehen Wunder, wie sie seit Erschaffung der Welt noch kein Mensch gesehen hat und bemerken staunend, daß uns das ziemlich gleichgültig ist -- eben weil wir niemandem sagen können, was wir sehen! Aus diesem Grunde auch -- unwillkürlich -- untersuchen wir viele Dinge nicht, die wir untersuchen könnten und müßten ... Ach, wenn wir ein Mittel zur Verständigung mit der Erde hätten! Ohne diese ist unser Leben ziellos. Glücklicher Tomas und glückliche Martha! Sie leben, weil einer für den anderen lebt!
Ein Fieber schüttelt mich, wenn ich auf sie sehe, wenn ich an sie denke. Über dreißig Jahre habe ich auf der Erde gelebt; ich gehörte zu den -- Wahnsinnigen, -- heute kann ich es nicht anders bezeichnen, -- für die nur eine Liebe existiert: das Wissen -- und nur ein Trachten: nach Wahrheit. Jetzt beginne ich, sehnsüchtig nach diesem großen Geheimnis des Lebens zu forschen, das das Weib in sich birgt und nach dem heiligen Irrsinn, in dem sich jenes Geheimnis offenbart -- nach der Liebe ...
Ha! Ha! Wie lächerlich sieht dieser Satz -- hier niedergeschrieben -- aus! Ich bin allein und werde allein sein bis zum Tode, der mich überfallen und gleichzeitig mit dieser unverbrauchten Kraft, die Leben zeugt, verschlingen wird, zugleich mit diesem unverbrauchten Wissen, das wie ein Quell zwischen starren, unfruchtbaren Felsen quillt ...
Martha ... Ich weiß nicht, warum ich diesen Namen aufgeschrieben habe. Was geht mich diese halbwilde Malabarin an, die auf diese Hunderttausende von Kilometern von der Erde entfernte Welt nicht die erhabene Begierde des Forschens, nicht das Verlangen, tiefste Geheimnisse zu enträtseln, getrieben hat, sondern die banale, alltägliche, alberne Liebe zum Manne? Nein, sie geht mich nichts an und dennoch denke ich unaufhörlich an sie, hartnäckig, fast schmerzhaft. Wir sind hier drei Männer, kräftig und klug, und dennoch haben nicht wir den Menschen auf diese Welt gebracht, sondern sie, dieses unverständige, schmächtige Weib. Von uns hat nur derjenige einen Wert, den sie ausgewählt hat ...
Wir zwei sind nichts und dienen in der Tat nur den zwei andern mit unserm Gehirn -- wie Arbeitstiere mit ihren Muskeln.