Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 6

Chapter 63,624 wordsPublic domain

Ja, man muß sich überwinden. Wovon schrieb ich? Aha! Diese Berge ... Das seltsame Amphitheater, zirka vier Kilometer breit, nach Süden geöffnet. Über ihm hängt, wie eine Lampe, die Erde. Der höchste Gipfel im Norden, direkt vor uns, ist wahrscheinlich gegen zwölfhundert Meter hoch. Das alles sieht so furchtbar aus. Ein Theater für Riesen, für Ungeheuer -- für Skelette von Riesen. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn sich diese Abhänge plötzlich mit einer Menge von riesigen Skeletten anfüllten, die langsam im Lichte der Erde dahinschreiten und die Plätze der Zuschauer einnehmen. Die Riesenschädel derjenigen, die am höchsten Platz genommen haben, würden am Hintergrunde des schwarzen, sternenbesäten Himmels weiß leuchten! Es scheint mir, daß ich das alles sehe. Die Skelette von Giganten sitzen und sprechen so zueinander: »Welche Stunde ist es? Es ist bereits Mitternacht; die Erde, unsere große, lichte Uhr, steht schon voll am Himmel -- es ist Zeit, zu beginnen.« Und dann zu uns: »Es ist Zeit, zu beginnen, sterbt also; wir sehen zu« ...

Schauer schütteln mich ...

Palus Putredinis, auf dem Grund der Spalte delta, 7° 36' westlicher Länge, 26° nördlicher Mondbreite. Zweiter Tag. 62 Stunden nach Mitternacht.

Es ist also geschehen. Wir sind zum Tode verurteilt, ohne jegliche Hoffnung auf Rettung. Wir wissen das seit sechzig Stunden; Zeit genug, sich mit dem Gedanken zu befreunden. Und dennoch -- dieser Tod ...

Ruhe, Ruhe, das führt doch zu nichts. Man muß sich mit dem aussöhnen, was unabwendbar ist. Übrigens ist es für uns doch nichts Unerwartetes. Als wir diese Reise antraten -- noch dort auf der Erde -- wußten wir, daß wir uns dem Tode aussetzten. Aber warum ist dieser Tod nicht plötzlich über uns gekommen, wie ein Blitz, warum hat er sich vor uns gezeigt und nähert sich so langsam, daß man jeden seiner Schritte berechnen kann, -- daß wir genau wissen, wann er uns mit der kalten Hand an der Gurgel packen und würgen wird ...

Ja, würgen. Wir werden alle ersticken. Der Vorrat an verdichteter Luft wird uns bei höchster Sparsamkeit noch für kaum dreihundert Stunden ausreichen. Und dann ... Nun ja, man muß sich beizeiten darauf vorbereiten, was dann sein wird ... Im Verlauf dieser Frist wird sich der letzte Behälter der verdichteten Luft ausleeren, der einzige, der uns noch geblieben ist. Nach dreihundert Stunden ... Das wird gerade der Mondmittag sein ... Die Sonne wird noch hoch oben stehen. Es wird hell und warm sein -- sogar heiß, vielleicht zu heiß. Einige Zeit hindurch -- mehrere Stunden -- wird noch alles in Ordnung sein. Dann werden wir langsam eine Schwere fühlen, ein Sausen im Kopfe, ein Klopfen des Herzens ... Die Atmosphäre unseres Wagens, die mit Sauerstoff, der uns schon fehlt, nicht erfrischt worden ist, wird mit der von uns ausgeatmeten Kohlensäure überfüllt sein. Jetzt beseitigen wir sie künstlich, aber wozu soll man sie noch beseitigen, wenn wir keinen Sauerstoff mehr haben, um sie damit zu ersetzen? Wir werden dann beginnen, uns mit dieser Kohlensäure zu vergiften. Ein Blutandrang, -- eine Schwere, -- dumpfe Luft -- Schlafsucht ... Ja, Schlafsucht, unüberwindbare Schlafsucht. Wir werden uns niederlegen und den Tod erwarten. Martha wird sich aus ihrer Hängematte wahrscheinlich herausbeugen und ihren Kopf an Tomas' Brust lehnen, wie gewöhnlich ... Dann beginnen wir zu träumen ... Erde, heimatliche Länder, Wiesen, Luft -- oh! Luft -- viel, viel Luft, ein ganzes, grenzenloses, reines Meer! Und im Traum ein erstickender, furchtbarer Alp hier auf der Brust; es scheint mir, daß ich ihn schon fühle! Er zerbricht die Rippen, würgt an der Gurgel, schnürt das Herz zusammen. Eine wütende Angst erfaßt uns. Man möchte sie abschütteln, aufstehen, fliehen ... Endlich enden die Träume. Auf dem Monde, inmitten der mächtigen Fläche _Mare Imbrium_, werden vier Leichen im Wagen eingeschlossen sein.

Nein, nein, nicht so! Im Augenblick, in dem wir keine frische Luft mehr haben werden, öffnen wir die Tür des Wagens -- sperrangelweit. Eine Sekunde -- und wir werden uns in der Leere befinden. Das Blut wird aus dem Munde, den Ohren, den Augen, der Nase schießen; einige krampfartige, verzweifelte Bewegungen der Brust, ein wütendes Herzklopfen und -- Schluß.

Weshalb schreibe ich das alles? Weshalb schreibe ich überhaupt? Das hat doch weder Sinn noch Zweck. In dreihundert Stunden werde ich sterben.

Eine Stunde später.

Ich kehre zum Schreiben zurück. Ich muß mich mit etwas beschäftigen, denn der Gedanke an den unabwendbaren Tod ist unerträglich. Wir gehen im Wagen auf und ab und lächeln sinnlos vor uns hin oder sprechen über ganz gleichgültige Dinge. Vor einer Weile sagte Varadol, wie man in Portugal eine gewisse Sauce aus Nieren von jungen Hühnern mit Kapern bereitet. Währenddessen dachten wir alle und auch er daran, daß wir in zweihundertneunundneunzig Stunden sterben werden.

Eigentlich ist der Tod gar nicht furchtbar -- warum fürchten wir ihn so sehr? Er ist doch ...

Ach, wie hirnverbrannt ist diese ganze Philosophiererei über den Tod! Lauter als alle Gelehrten, die Gleichmut vor dem Sterben empfehlen, spricht das Ticken meiner Uhr in der Tasche. Ich höre ruhige, kleine Metallschläge und ich weiß, daß dies die Schritte des nahenden Todes sind. Er wird hier sein, ehe die Sonne dieses bald beginnenden, langen Tages untergeht. Er wird sich nicht um eine Stunde verspäten ...

Wir befanden uns gerade zwischen jenen hufeisenförmigen Felsen, vor Kälte erstarrt, als Varadol, der zufällig auf den Manometerzeiger des Luftbehälters sah, einen markerschütternden Schrei ausstieß.

Wir sprangen alle wie elektrisiert in die Höhe, nach der Richtung blickend wohin Peter, der kein Wort hervorbringen konnte, mit zitternder Hand deutete.

Es überlief mich heiß und kalt: der Manometer zeigte innen keinen Druck an. Vielleicht hatte sich die Luft in dem Behälter, der in der Wand angebracht war, infolge der ungeheuren Kälte verflüssigt ... Ich öffnete den Hahn -- der Behälter war leer. Ebenso der zweite, dritte, vierte und fünfte. Nur im sechsten, dem letzten, befand sich Luft.

Da packte uns das Entsetzen. Ohne über die Ursache der für uns rätselhaften Entleerung der Behälter nachzudenken, ohne zu wissen, was wir tun, was wir sagen und raten sollen, warfen wir uns plötzlich alle auf den Motor und fühlten keine Kälte, keine Erschöpfung, keinen Schlaf mehr -- nichts, nichts -- nur von dem einen Gedanken beseelt: fliehen, fliehen, fliehen -- als wenn man vor dem Tode fliehen könnte.

In einigen Augenblicken war der Wagen in Bewegung. Aus der zwischen Felsen eingeschlossenen Fläche hinausgekommen, sausten wir mit der ganzen Kraft nach Norden, zwischen kleinen Bergen, die sich vom Ring des _Archimedes_ erstrecken und über den ganzen westlichen Teil des hier an das Regenmeer grenzenden _Palus Putredinis_ ausbreiten. Das Terrain war außerordentlich ungleichmäßig. Der Wagen sprang auf und ab, erzitterte, hob sich oder fiel herab, uns unbarmherzig hin und her werfend; wir achteten nicht darauf, in der furchtbaren Angst und Verzweiflung und waren nur von dem einen Gedanken erfüllt, daß es uns gelingen könnte, auf die andere Seite des Mondes zu gelangen, ehe unser geringer Vorrat an Luft zu Ende geht!

Welch ein lächerlicher Gedanke! Die Luft wird kaum für dreihundert Stunden ausreichen und von dem Pol des Mondes trennen uns in gerader Linie fast zweitausend Kilometer Weges, wovon die Hälfte auf bergiges und undurchdringliches Land fällt!

Die Kälte machte uns das Blut in den Adern erstarren und hielt uns den Atem in der Brust zurück, aber wir fühlten es kaum; wir sausten unaufhörlich über Berge, die im Lichte der Erde silbern leuchteten, durch schwarze Mulden, über steinbesäte Ebenen -- nur weiter, weiter, weiter! Sogar an den Schlaf, der uns vor kurzem zu überwältigen drohte, dachte niemand mehr.

In dieser höllischen Fahrt, die ebenso ziellos wie wahnsinnig war, hielt uns ein plötzliches Hindernis auf. Blindlings vorwärtsstürmend stießen wir auf eine Spalte, die der »_Spalte der Erlösung_« unter dem _Eratosthenes_ ähnlich, nur bedeutend weiter und tiefer war. Wir bemerkten sie so spät, daß wir beinahe mit dem Wagen in ihre Tiefe hinabgesaust wären.

Der Wagen blieb stehen und eine grauenhafte Apathie ergriff uns. Die Energie der Verzweiflung, mit der wir so viele Stunden sinnlos dahinrasten, war plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war, einer unaussprechlichen, ohnmächtigen Bedrückung Platz machend. Es war uns auf einmal alles vollständig gleichgültig. Warum sich anstrengen, wenn es doch zwecklos ist. Wir müssen sterben.

Wir setzten uns neben den Ofen, ohne etwas zu tun, in Schweigen versunken. Die Kälte quälte uns immer furchtbarer, aber wir kümmerten uns nicht mehr darum. Der Tod ist doch immer gleich, ob vor Kälte oder durch Ersticken. Viel Zeit ist so vorübergegangen. Wir wären zweifellos erfroren, wenn nicht Woodbell, der sich als erster faßte, uns beschworen hätte, ernst über unsere Situation nachzudenken.

-- Suchen wir einen Ausweg, eine Möglichkeit der Rettung, sagte er, wenn wir sie auch nicht finden sollten, so haben wir wenigstens etwas, das uns beschäftigt, unsere Gedanken für einen Augenblick vom Tode abwendet, der wie ein Alp auf uns lastet.

Der Rat war gut, aber wir waren so erschöpft und erstarrt, daß wir ihn ganz gleichgültig hinnahmen und nicht einmal auf die Vorstellungen Tomas' antworteten.

Ich erinnere mich, daß ich auf Tomas blickte und sah, wie er die Lippen bewegte, aber ich verstand kein Wort von dem, was er sagte. Das einzige, was mich in jenem Augenblick beschäftigte, war: wie wird er wohl nach dem Tode aussehen?

Mit irrsinniger Hartnäckigkeit starrte ich auf seine Kinnbacken und riß in Gedanken das Fleisch von ihnen herunter, dann entblößte ich ebenso seinen Schädel, seine Rippen, seine Knochen -- und auf einen lebenden Menschen sehend, hatte ich plötzlich ein Gerippe vor Augen, das mit einer boshaften Grimasse zu sagen schien: So werdet ihr alle aussehen -- in kurzer Zeit!

Als Tomas sich endlich überzeugte, daß mit uns nichts mehr anzufangen war, stellte er sich selbst an den Motor und bald bewegte sich unser Wagen längs des Randes der Spalte, deren Ende wir in einer halben Stunde erreicht hatten. Als Varadol dies bemerkte schrie er, von dem Mut der Verzweiflung erfaßt und fortgerissen, wie wahnsinnig:

-- Wir können die Spalte umkreisen und weiter nach Norden fahren zum Pol, dort, wo es Luft gibt!

Er lachte und warf sich, als wenn er die Sinne verloren hätte, auf das Steuer; Tomas stieß ihn leicht beiseite und sagte kurz, aber entschieden:

-- Wir werden die Spalte nicht umkreisen, sondern in sie hineinfahren.

Peter sah ihn eine Zeitlang mit starrem Blick an -- dann stürzte er sich plötzlich, scheinbar einen neuen Nervenanfall bekommend, auf ihn und packte ihn bei der Gurgel.

-- Mörder! brüllte er, Würger! Du willst uns töten, und ich will leben, leben! Hörst du? Nach Norden, nach Norden, zum Pol, dort ist Luft!

Er schäumte und schrie und da er stärker war als Tomas, warf er ihn, ehe wir es hindern konnten, zu Boden und kniete auf seiner Brust. Ich sprang mit Martha herbei, um den Wahnsinnigen festzuhalten und es begann eine Verwirrung, die das Bellen der verängstigten Hunde begleitete. Wir packten ihn endlich bei den Schultern, als er plötzlich aufschrie und unter unsern Händen schlaff zusammenfiel. Tomas erhob sich, erschöpft und blaß.

Da neigte sich der Wagen; ich fühlte eine gewaltsame Erschütterung und verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, bemerkte ich, daß ich auf meiner Matte lag; Tomas stand über mich gebeugt und rieb mir die Schläfen mit Äther ein. Martha und Varadol saßen finster und schweigend neben mir.

Tomas ist wirklich ein tüchtiger Mensch. Während er mit Peter rang, fuhr der Wagen, dessen Steuer niemand lenkte, mit seinem Vorderteil an einen Felsen. Durch diese Erschütterung nach vorn geworfen, prallte ich mit dem Kopf an die Wand des Wagens und wurde ohnmächtig.

Tomas und Martha gingen aus diesem Unfall unversehrt, hervor; ebenso Varadol, der bewußtlos am Boden lag, von dem vorhergegangenen Anfall erschöpft. Tomas empfahl Martha, uns auf die Lagerstätten zu legen, und lenkte den Wagen in die Tiefe der Schlucht hinein. Hier erst, auf dem Grunde, wo es unvergleichlich wärmer ist als auf der Oberfläche, begann er uns zur Besinnung zu bringen. Zuerst erwachte Peter. Er erinnerte sich absolut nicht des Anfalls, der uns so sehr erschreckt hatte. Endlich kam auch ich wieder zu mir.

Für den Augenblick drohte uns der Tod durch Erfrieren nicht, da in dieser tiefen Spalte die Kälte nicht so übermäßig war. Scheinbar ist das Innere des Mondes, ähnlich wie das der Erde, noch nicht ganz um die eigene Wärme gebracht, obwohl er, neunundvierzigmal kleiner als die Erde, auch bedeutend früher erkalten mußte.

Tomas hatte das richtig angenommen und fuhr in die Spalte, um es uns zu ermöglichen, hier miteinander zu beraten, was nun anzufangen sei, nachdem wir vor der jeden Gedanken ertötenden Kälte Schutz gefunden.

Wir dachten hin und her. Es fiel uns ein, daß es vielleicht gelingen wird, mit Hilfe der Druckpumpe die uns umgebende Mondatmosphäre so weit zu verdichten, um damit die Luft im Wagen auffrischen zu können. Dieser Gedanke flammte wie ein Stern der Hoffnung auf. Wir machten uns auch sofort an seine Ausführung. Jedoch nach einer Stunde schweren und angestrengten Arbeitens überzeugten wir uns, daß sich dies nicht verwirklichen läßt. Die Mondatmosphäre ist hier so dünn, daß sie sich nach dem vollständigen Herablassen des Pumpenstempels nicht einmal so weit verdichtet, den Druck der Luft in unserem Wagen zu überwinden und die Klappe zu öffnen. Wir versuchten dann, sie mit Hilfe der Pumpe in einem der leeren Behälter zu verdichten, nachdem wir den Riß fest verschlossen hatten, durch den uns die Luft entwichen war; aber auch das erwies sich als unmöglich.

Nachdem wir allen Mut verloren hatten und gänzlich erschöpft waren, ließen wir endlich von der zwecklosen Arbeit ab. Tomas bemühte sich noch uns damit zu trösten, daß wir vielleicht etwas weiter gegen Norden dichtere Atmosphäre finden würden, bei der sich unsere Pumpe gebrauchen ließe, aber ich weiß, daß er selbst nicht daran glaubt. Auf der ganzen mächtigen Strecke des _Mare Imbrium_ wird sie gleich dünn sein und ehe wir diese zurücklegen, wird unser Luftvorrat ausgehen und kommen, was unabwendbar ist. In zweihundertneunzig Stunden müssen wir sterben.

Trotzdem werden wir, sobald es nur hell und wärmer wird, aus dieser Spalte herausfahren und weiter nach Norden eilen. Das führt freilich zu nichts, aber auch das Hierbleiben führt zu nichts. Und vielleicht ... vielleicht ... werden wir dennoch irgendwo etwas dichtere Atmosphäre finden ...

An derselben Stelle, siebzig Stunden nach Mitternacht.

Endlich entdeckten wir die Ursache, durch die wir unsere Luftvorräte verloren haben. Die Behälter wurden während des Herabgleitens des Wagens von den Abhängen des _Eratosthenes_ beschädigt. Ein scharfer Stein, der auf dem Wege, auf dem der Wagen hinabglitt, gelegen, hat sich tief eingezeichnet und der innere Druck des Gases tat das übrige. Die Risse sind sichtbar. Zwei Dinge setzen mich bei alledem in Erstaunen; erstens, daß der Druck der verdichteten Luft die beschädigten Behälter aus Erz nicht zersprengte, und zweitens, daß wir den Verlust nicht früher bemerkten ... Ich zerbreche mir über diese Rätsel den Kopf, als wenn ihre Lösung unsere Lage irgendwie ändern könnte.

Ich kann an nichts anderes denken; immer und immer steht mir dieses Gespenst des Todes vor Augen. Und das Schrecklichste dabei ist die Gewißheit, daß wir sterben müssen, und uns dabei vollständig gesund fühlen. Das vergrößert das Grauen dieses Furchtbaren, das über uns kommen soll. Tomas ist am ruhigsten von uns allen, aber ich sehe, besonders aus seinem Benehmen Martha gegenüber, daß auch er unaufhörlich daran denkt. Er läßt mit einer fast weiblichen Zartheit die Hand über ihr Haar gleiten und sieht sie dabei an, als wenn er sie um Verzeihung bitten wollte. Und sie küßt seine Hand, nur mit dieser Liebkosung und den Augen zu ihm sagend: Gräme dich nicht, Tom, -- alles ist gut, wir werden ja zusammen sterben ...

Für sie ist das vielleicht ein Trost, daß sie zusammen sterben, aber für mich, ich gestehe es offen, verkleinert die Gemeinsamkeit des Schicksals in nichts seine Grausamkeit. Mein ganzes Innere bäumt sich so maßlos gegen dieses Ungeheuerliche auf, daß alle Reflexionen vergebens sind. Ich bemühe mich klar und nüchtern zu denken, -- ich versuche mir über alles Rechenschaft zu geben; hundertmal wiederhole ich mir, daß ich zusammen mit diesen Menschen sterbe, als das freiwillige Opfer eines übermächtigen Dranges nach Erkenntnis, der uns von der Erde fortgerissen und auf diesen unwirtlichen Globus geworfen hat, ich rede mir gewaltsam ein, daß ich mich mit diesem Schicksal aussöhnen und Ruhe bewahren muß. Und trotz all dieser Reflexionen fühle ich immer nur eins: Angst, grenzenlose, verzweifelte Angst! Ah -- es ist so grauenhaft, unerbittlich, und es nähert sich so langsam ...

Ich begreife wirklich nicht, warum wir nicht daran denken, diesem fürchterlichen Zustand ein Ende zu machen. Es liegt doch in unserer Macht, dieses Leben von uns zu werfen, jetzt, wo es nur noch eine lächerliche Parodie des Lebens ist! ...

Eine Stunde später.

Nein, ich kann es nicht! Ich weiß nicht, was mich zurückhält, aber ich kann nicht. Vielleicht ist es diese kindische Sehnsucht nach der Sonne, dem guten Stern des Tages, der bald über uns aufgehen soll, vielleicht ein lächerlicher, fast tierischer Trieb zum Leben, obwohl es nur noch einige Stunden zählen wird, vielleicht die Reste einer wahnsinnigen, gänzlich haltlosen Hoffnung ...

Ich weiß, daß nichts uns erretten kann und begehre so sehnsüchtig danach, zu leben -- und so sehr ... ängstige ich mich ...

Meinetwegen! -- Mag geschehen was will.

Ich bin entsetzlich müde, -- möchte es doch endlich kommen, dieses Unabwendbare! Bei jedem Atemzug denke ich, daß ... Es ist einerlei ...

Bei Sonnenaufgang.

In einer Stunde fahren wir weiter. Der westliche Rand der Spalte glänzt schon über uns im Sonnenschein. Wir werden in die weite Wüste hinausfahren, um noch einmal die Sonne zu sehen, die Sterne und die Erde, die so ruhig leuchtend und still an diesem schwarzen Himmel steht ...

Und wir werden nach Norden fahren. Weshalb? Ich weiß es nicht. Niemand von uns weiß es; aber wir werden nach Norden fahren. Der Tod wird langsam neben uns gehen, über die Steinfelder, über die Berge und Täler, und wenn der Zeiger des Manometers im letzten Luftbehälter sich dem Nullpunkt nähert, wird der Tod in den Wagen kommen.

Wir sprechen nicht miteinander; wir haben von nichts zu sprechen. Jeder von uns bemüht sich nur, sich mit irgend etwas zu beschäftigen, vielleicht mehr aus falscher Scham vor den andern, als zur eigenen Zerstreuung; denn welche Arbeit kann einen Menschen beschäftigen, der weiß, daß alles was er tut, zwecklos ist?

Wir gehen also unserem Schicksal entgegen!

Zweiter Mondtag, vierzehn Stunden nach Mittag. Auf Mare Imbrium, 8° 54' westlicher Länge, 32° 16' nördlicher Mondbreite, zwischen den Kratern ^c--d^.

Wir sind gerettet! -- Und die Rettung kam so plötzlich, so unerwartet und auf so seltsame und -- schreckliche Weise, daß ich mich bis jetzt nicht erholen kann, obwohl schon zwanzig Stunden verflossen sind seit der Tod, der uns zwei Erdenwochen hindurch begleitete, sich von uns abgewandt und entfernt hat.

Er hat sich entfernt, -- aber nicht ohne Beute ... Der Tod entfernt sich niemals ohne Beute. Wenn er aus Mitleid oder aus Zwang denjenigen zu leben erlaubt, die er schon in seinen Krallen hatte, so nimmt er ein Pfand für sie ... wo er es eben findet -- ohne Wahl ...

Bei Sonnenaufgang traten wir die Reise an, mehr aus Gewohnheit, als aus irgendeinem wohlüberlegten Grunde. Wir waren sicher, daß wir den Abend dieses langen Tages nicht erleben würden. Wir fuhren schweigend mit diesem Gespenst des Todes, das in unserer Mitte saß und ruhig auf den Augenblick wartete, wo es uns in seine kalte, würgende Umarmung nehmen sollte. Wir fühlten seine Gegenwart, als wenn es ein greif- und sichtbares Wesen wäre -- und wir sahen uns erstaunt um, daß wir es nicht tatsächlich bemerkten.

In diesem Augenblick ist das alles nur noch Erinnerung, aber damals war es eine über alle Beschreibung furchtbare Wirklichkeit. Ich kann es nicht begreifen, wie wir in dieser wahnsinnigen Angst über dreihundert Stunden leben konnten! Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß wir in jeder Stunde starben, bei dem Gedanken, daß wir unabwendbar sterben müssen. Denn auf eine Rettung hoffte niemand von uns.

Jetzt kommt mir das alles wie ein wüster, grauenhafter Traum vor und ich muß meine ganze Energie zu Hilfe rufen, um daran zu glauben, daß es Wirklichkeit war.

Ich erinnere mich nicht mehr genau des Weges, den wir zurückgelegt haben.

Eine Stunde schleppte sich nach der anderen dahin; der Wagen fuhr immer gleichmäßig schnell nach Norden -- und wir sahen wie im Traume auf die vorüberfliegenden Landschaften. Jetzt fühle ich erst, daß alle Eindrücke in mir in einen zusammengeflossen sind, -- in diesen Eindruck des unerbittlichen Todes. Ich kann mich aus diesem Chaos nicht herausfinden. Alles, woran ich mich erinnere, ist furchtbar. Anfangs bewegten wir uns auf der Grenze zwischen _Palus Putredinis_ und _Mare Imbrium_, zu unserer rechten Seite eine bergige und wilde Gegend. Zur Linken, gegen Westen, dehnte sich eine Ebene, die in der Ferne in nicht hohe, wellenförmige Berge überging, sich parallel der Richtung unserer Fahrt erstreckend. Hinter diesen Bergen glänzten die Gipfel des _Timocharis_, die von den gerade auf sie herabfallenden Sonnenstrahlen beleuchtet waren.

Nur das Grauen blieb mir im Gedächtnis und der sich so seltsam damit verbindende unerhörte Farbenreichtum dieser Landschaft. Die höchsten Spitzen des Kraters waren weiß, aber von ihnen aus erstreckten sich nach unten Streifen und Kreise, die in allen Regenbogenfarben spielten. Ich weiß nicht, wie das zu erklären ist; sollte der _Timocharis_, ein Ringberg von der Höhe des _Eratosthenes_, einstmals ein tätiger Krater gewesen sein? Sollten diese Farbenstreifen von auf den Kratern ausgeworfenem Feldspat, Trachit, Schwefel, von Lava und Asche herrühren? Ich kann diese Rätsel nicht lösen und damals dachte ich nicht darüber nach. Ich hatte nur den Eindruck von etwas Unwahrscheinlichem -- von Märchen und Zauberländern -- von Bergen, aus Edelsteinen erbaut ... und starrte auf diese von Topasen, Rubinen, Amethysten und Diamanten besäten, in der Sonne erglühenden Gipfel. Gleichzeitig schüttelte mich ihre frostige Starrheit. Es war etwas unbarmherzig Grauenhaftes und Unerbittliches in diesem kalten, harten Glitzern des farbigen Gesteins, in diesem grellen, durch nichts gemilderten Schimmern ...

Eine Pracht des Todes wehte von diesen Bergen.

Einige Stunden nach Sonnenaufgang, stets die Gipfel des _Timocharis_ vor uns, fuhren wir in den Schatten des Kraters _Beer_; nachdem wir ihn passiert hatten, weiter, längs dem Fuße des dicht neben ihm liegenden Kraters _Feuillée_ und kamen auf eine unabsehbare Ebene, die sich sechshundert Kilometer vor uns erstreckte, bis zur nördlichen Grenze des _Mare Imbrium_. Nach Norden gewandt, hatten wir die Gipfel des _Timocharis_ fast hinter uns; dafür zeigte sich uns gegen Nordosten an der Grenze des Horizontes der weite, in Schatten gehüllte Wall des Ringes des _Archimedes_.