Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 5

Chapter 53,595 wordsPublic domain

Hundertneun Stunden nach Sonnenaufgang begannen wir den steilen Abhang des _Eratosthenes_ hinabzufahren, um zum _Mare Imbrium_ zu gelangen. Fast drei ganze Erdentage dauerte das Hinunterlassen in die Ebene, die dicht zu unsern Füßen lag. Den größten Teil des Weges legten wir zu Fuß zurück, von unbarmherzigen, immer senkrechter auf uns niederbrennenden Sonnenstrahlen gequält, vor Ermattung und Erschöpfung fast umsinkend. Den Wagen mußten wir aus einer Höhe von zirka fünfzig Metern herablassen; er blieb unbeschädigt. Aber die Hunde, die wir einschließen mußten, waren, trotz unserer größten Vorsicht, schrecklich zerschlagen und zerschunden. Einige Male hielten wir an, da wir die Hoffnung aufgaben, lebend in die Ebene hinabzukommen. Die Kante war kein so erträglicher Weg, wie uns dies von oben aus der Ferne geschienen. Durch Zerklüftungen und Vorsprünge zerrissen, zwang sie uns oft umzukehren oder Stellen zu umgehen, was um so schwieriger war, weil wir überall den Wagen hinter uns herschleppen oder an Seilen herablassen mußten. Oft packte uns die Verzweiflung. Dann zeigte Woodbell, obwohl durch das Fieber und die Wunden geschwächt, am meisten Geistesgegenwart und Willensstärke. Wenn wir leben und leben werden, so haben wir es ihm zu verdanken.

Ich weiß nicht, ob wir während dieser drei Tage mehr geschlafen haben als zwölf Stunden, jedesmal eine leidlich schattige Stelle heraussuchend, um uns vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Manchmal nahm die mörderische Glut uns gänzlich das Bewußtsein.

Es war gerade Mondmittag, und die Sonne stand senkrecht über uns, neben der verblaßten Erdkugel, die mit einem blutroten Reifen lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben war, als wir, bis zum äußersten erschöpft, endlich auf der Ebene anlangten.

Die Glut war so groß, daß sie uns den Atem nahm; in den Schläfen klopfte und hämmerte es zum Zerspringen. Sogar der Schatten gab keinen Schutz mehr! Die glühenden Felsen flammten überall wie im Feuer, wie der Rachen eines Hüttenofens.

Selena keuchte mit heraushängender Zunge, die Jungen winselten und lagen bewegungslos in der Wagenecke. Wir wurden, einer nach dem andern, ohnmächtig und glaubten, daß uns der Tod am Eingang der so ersehnten Ebene ereilen müsse. Nur vor der Sonne fliehen -- aber wohin?

Da erinnerte uns Martha daran, daß wir beim Abstieg vom Berge eine tiefe Spalte sahen, die jetzt scheinbar durch die Ungleichmäßigkeit des Grundes vor uns verdeckt war. Wir fuhren daher in der bezeichneten Richtung und fanden wirklich nach einer Stunde Fahrt, die uns wie ein Jahr vorkam, jene rettende Spalte, das heißt eine Schlucht, durch das Bersten der Mondschale gebildet, tausend Meter tief und einige hundert breit, im übrigen den Schluchten auf der Erde in keiner Weise ähnlich.

Sie zieht sich, soweit wir von hier aus berechnen können, einige zehn Kilometer parallel der _Apenninkette_ hin. Auf den Mondkarten ist sie nicht angegeben; wahrscheinlich entging sie den Astronomen infolge des Schattens, in den sie immer gehüllt sein muß, da sie in der Nähe hoher Berge liegt.

Uns wurde diese Spalte zur Rettung! Wir fuhren schnell in ihre Tiefe hinab, tausend Meter unter der Oberfläche des _Mare Imbrium_ und fanden dort erst ein wenig Kühle ....

Der Schlaf hat uns gestärkt und erquickt. Nur Tomas, den bis jetzt eine eiserne Willenskraft aufrecht hielt, fiebert wieder. Er ist so geschwächt, daß er sich nicht rühren kann. Trotzdem werden wir in zirka zwanzig Stunden weiterfahren. Die Sonne beginnt sich vom Zenit nach Westen zu neigen. Dort auf der Ebene muß die Glut immer noch entsetzlich sein, aber jedesfalls nicht mehr so wie vor einigen Stunden. Übrigens können wir sie nach der Rast leichter ertragen.

Nach langer Überlegung änderten wir den Plan der Fahrt. Statt nach Westen werden wir uns nach Norden wenden, zum Pol des Mondes. Wir gewinnen dabei zweifach. Vor allem haben wir tausend Kilometer guten, glatten Weg durch die Ebene _Mare Imbrium_ vor uns, was die Fahrt bedeutend beschleunigen wird. Dann kommen wir, uns dem Pole nähernd, in eine Gegend, wo die Sonne am Tage nicht so hoch über dem Horizonte steht, dahingegen in der Nacht tief unter den Horizont fällt; wir hoffen dort also eine erträglichere Temperatur zu finden. Noch ein solcher Mittag wie heute -- und unser Tod wäre unabwendbar.

Auf Mare Imbrium, dreihundertvierzig Stunden nach Sonnenaufgang.

Der Tag geht schon zur Neige. Bald in 14½ Stunden wird die Sonne untergehen, die jetzt über den fernen, runden Hügeln im Westen steht, -- kaum einige Fuß über dem Horizonte. Jede Ungleichmäßigkeit des Terrains, jeder Stein, die kleinste Erhebung werfen lange, unbewegliche Schatten, die die mächtige Ebene, auf der wir uns befinden, in einer Richtung zerschneiden. Soweit das Auge reicht, nichts als eine endlose, tote Wüste, von Süden nach Norden in lange Steinfurchen gepflügt, die jene schwarzen Schattenstreifen kreuzen ... Weit, weit am Horizonte starren die höchsten Bergspitzen, die wir vom _Eratosthenes_ aus gesehen haben und deren Fuß jetzt durch die Kugelform des Mondglobus vor uns verhüllt ist.

In dem Maße wie wir uns vom Äquator entfernen, neigt sich die gläserne Erde über uns vom Zenit nach Süden. Sie nähert sich bereits dem ersten Viertel und leuchtet hell -- wie sieben Vollmonde. Dort, wohin der schwächer werdende Glanz der Sonne nicht dringt, färbt sich ihr gespensterhaftes Licht in zartes Silbergrau. Wir haben zwei Himmelslichter, von denen durch den Kontrast das eine, stärkere, gelb und das andere blaßbläulich erscheint. Diese ganze Welt ist zur Hälfte grellgelb und zur Hälfte graublau. Wenn ich nach Osten sehe, färben sich die Wüste und die weit entfernten Gipfel des Mond-_Apennins_ gelb; von Westen, gegen die Sonne, ist alles kalt, bläulich und in Dämmerung gehüllt. Und über der zweifarbigen Wüste immer dieser schwarzsamtene Himmel, mit verschiedenfarbigen, funkelnden Steinen, mit wundervollem Staub vom feinsten goldenen Sand übersät ...

Die Nacht ist nahe. Sie hat schon ihren Verkünder ausgesandt, den einzigen, der ihr auf dieser Welt ohne Dämmerung und Abendröte geblieben ist ... Ihr voran geht die Kühle über die Wüste, setzt sich in jede Spalte, in jeden Schatten und wartet geduldig, -- früh wird die Sonne vom Firmamente herabgleiten, ihr und der Nacht die Alleinherrschaft überlassend ...

Solange wir in dem vollen Glanze sind, ahnen wir nicht einmal die Gegenwart dieses Kameraden, aber im Schatten erfaßt unsere durchwärmten Glieder bereits ein leichter Schauer, der uns von seiner Nähe spricht ...

In unserem verschlossenen Wagen ist es nicht mehr so dumpf und uns allen ist etwas leichter und froher zumute. Varadol schmiedet hoffnungsvoll wieder Pläne oder spielt mit der Hündin und ihren Jungen; Woodbell ist bedeutend wohler; er unterhält sich jetzt, am Steuer stehend, mit Martha. Wenn ich den Blick vom Papier erhebe, sehe ich sie beide. Vor allem sehe ich Martha deutlich; sie lacht gerade. Sie lacht so seltsam. Ihre Lippen nehmen eine Form an, als wenn sie die Luft küßten. Ihre Augen sind voll von diesem Lachen wie ihre Brust, die sich in leichter, schneller Bewegung hebt und senkt. Während der Glut des Tages war ihre Brust entblößt; sogar für sie, die die indische Sonne braun gebrannt hat, war die Hitze unerträglich. Jetzt hüllt sie sich bis zum Halse ein ... Es ist unsinnig, daß ich so viel an diese Frau denke, -- aber sie ist ja überall. Seit der Tod sich ein wenig von unserem Wagen entfernt hat, ist die ganze Atmosphäre von ihr durchtränkt. Sogar Varadol! Er spielt mit den Hunden, aber ich weiß, daß er sie verstohlen anblickt. Mich ärgert das. Warum bemerkt es Tomas nicht? Und übrigens -- was geht es mich an?

Fast sechzig Stunden sind wir unterwegs. Der Wagen fährt ununterbrochen. Wir schlafen abwechselnd; jetzt will ich weiterschreiben. Wir blieben etwas stehen, die Akkumulatoren unseres Elektromotors zu füllen. Um Brennmaterial, das wir in der nächtlichen Kälte noch viel verbrauchen werden, zu sparen, setzten wir die Maschine mit Hilfe der sich ausdehnenden, verdichteten Luft in Bewegung. Die Akkumulatoren mußten wir füllen, weil die Batterien allein bei der schnellen Fahrt nicht genügen.

Wir bewegen uns so schnell vorwärts, wie es das Terrain irgend zuläßt. Größere Ungleichmäßigkeiten des Bodens erlaubten uns nicht, nachdem wir die »_Spalte der Erlösung_« verließen, uns sofort nach Norden zu wenden. (Wir bezeichneten jene Schlucht unter dem _Eratosthenes_ mit diesem Namen, da sie uns durch ihre Kühle tatsächlich vom Tode erlöste.) Unter dem 12.° westlicher Länge stießen wir auf einen jener Lichtstreifen, die wie Strahlen vom Berge des _Kopernikus_, auf Hunderte von Kilometern im Umkreis, ausgehen. Diese Streifen, die man sogar durch schwächere Teleskope von der Erde aus sehen kann, setzten die Astronomen immer in Staunen. Wie wir uns mit eigenen Augen überzeugt haben, sind dies einige Kilometer breite Streifen eines zu Glas geschmolzenen Felsengesteins. Ich kann mir das Entstehen dieser seltsamen Bildungen nicht erklären ... Überhaupt ist hier so vieles für uns ein Rätsel, selbst Dinge, die wir fast mit Händen greifen können. Wie ist jene Ebene entstanden, auf der wir uns befinden, -- wie die Ringberge, von manchmal Hunderten von Kilometern im Durchmesser und einigen tausend Metern Höhe? Daß dies keine erloschenen Vulkankrater sind, wie man einst auf der Erde behauptete, steht wohl fest. Wir sahen in das Innere des _Eratosthenes_ und bemerkten dort vulkanische Kegel, die sich in nichts von den Erd-Vulkanen unterschieden; aber dieser mächtige Ring selbst war niemals ein Krater! Dagegen spricht -- abgesehen von seinen riesigen Dimensionen -- sowohl die Art des Felsens, aus dem der Wall gebildet ist, wie die Einsenkung des Bodens, der unter der Oberfläche der ihn umgebenden Ebenen liegt und viele andere Dinge, die bestätigt zu finden wir Gelegenheit hatten.

Ich glaube man muß, um diese Formation zu verstehen, im Geiste zu jenen grauen Zeiten zurückkehren, da der Mond noch eine flüssige, glühende Kugel war, die erst auf der Oberfläche in dem kalten, interplanetarischen Weltenraum zu erlöschen begann. Da haben diese ungeheuerlichen, die menschliche Vorstellungskraft überschreitenden Explosionen von Gasen, die durch die flüssige Masse verschlungen und während ihres Erlöschens ausgestoßen wurden, seine noch nachgiebige Oberfläche gedehnt und bildeten sozusagen riesige Blasen. Die Blasen erloschen beim Zerplatzen, ehe sie ganz auf die sie umgebende Ebene herabflossen und diese Ringberge sind ihre Spuren. Später hat die Sonne ihre Gipfel herausgebrannt, sie zerschnitten und zerrissen; vulkanische Kräfte bildeten in ihrem Innern kegelförmige Krater und so sind sie heute -- durch das auf der Erde alles nivellierende Wasser nicht vernichtet -- Zeugen der Schöpfermacht im Weltall, für die die Planeten und die feurigen Kugeln der Sonnen nur ein gehorsames Material in dem mächtigen Tiegel des ewigen Werdens sind.

So lebhaft sprechen die großen Berge und die kleinen, ähnlich wie sie entstandenen Mulden, die man am Wege antrifft, und diese ganze mich umgebende Landschaft zu mir, daß es mir manchmal scheinen will, die von der Sonne grellgelb gebrannten Steine seien noch jetzt eine glühende, flüssige und fast lebendige Masse; bald, dünkt mich, müsse die ganze Fläche wie ein Meer zu gären beginnen, sich biegen und beugen und wachsen und sich bäumen und unter dem Drange der inneren Gase zu dem schwarzen Himmel mit der ursprünglichen Lava emporschäumen, die zu mächtigen Ringbergen erstarrt ist.

Und wie viele Hunderte von Jahrtausenden sind seit jenen Zeiten dahingegangen. Die Mondkruste ist, sich fortwährend krümmend, erloschen und zersprungen; irgendwelche geheimnisvolle Feuerkräfte brannten riesige Strahlenstreifen vergläserten Gesteins in ihr aus und hier, wo einst entfachte Schöpferkräfte, wild miteinander ringend, rasend tobten, herrscht jetzt eine Stille und Starrheit, so furchtbar und beklemmend, daß uns in dieser Umgebung das eigene Leben beschämt und wunder nimmt ...

Bis zu diesem Augenblick bewegten wir uns immer auf dem hellen Lichtstreifen, der durch jene Ader des zu Glas geschmolzenen Gesteins gebildet wurde, die vom _Kopernikus_ ausging. Sie dient uns als bequemer, gleichmäßiger Weg. Ihre nordöstliche Richtung ist uns sehr gelegen, da sie uns direkt auf die Fläche zwischen dem _Archimedes_ und _Timocharis_, die wir durchqueren müssen, führen wird. Den _Archimedes_ sieht man jetzt, wo wir uns auf der Fläche befinden, nicht mehr. Kleine, steile Erhebungen, Felseninseln im Meere ähnlich, verdecken ihn in dieser Richtung. Wahrscheinlich jene Gruppe der »Krater«, die sich unter dem 11.° westlicher Länge und dem 19.° nördlicher Mondbreite erhebt. Wir hoffen sie noch vor Sonnenuntergang zu umgehen und dann nach Norden, immer nach Norden, nur fort aus dieser furchtbaren Zone, wo sich, -- neben der schlimmen Vorbedeutung der Erdsichel direkt über unseren Köpfen, -- die mörderische Sonne wie ein rasendes Ungetüm am Zenite bäumt. Nein! Das ist nicht unsere lebenspendende, goldene Erden-Sonne, -- diese träge, weiße, strahlenlose Kugel! Das ist irgendein Gott, ein höllischer und höhnender, ein Gott-Vernichter und Gott-Verschlinger! Und wir vier -- wir sind die einzigen lebenden Opfer, auf die er es in dieser Welt des Todes abgesehen hat! Wir müssen ihm entfliehen, ehe er zum zweitenmal aus diesem schwarzen, edelsteindurchwirkten Firmament hervorbricht ...

Varadol, der Tomas ablöste, ruft mir vom Motor zu, daß jetzt die Reihe an mir ist, am Steuer des Wagens zu stehen. Die andern schlafen schon. Martha, wie gewöhnlich aus ihrer Hängematte geneigt, den Kopf auf der Brust dieses -- unter uns einzigen glücklichen Menschen.

Den ersten Mondtag, vier Stunden nach Sonnenuntergang auf Mare Imbrium, 10° westlicher Länge, 20° 28' nördlicher Mondbreite.

Schon hat die Nacht begonnen, die endlos lange, für die die Erdentage kleinere Teilchen sind als die Stunden für die ganze Erdennacht. Wie eine große, helle Uhr leuchtet, sich immer nach Süden neigend, die Erde über uns. Nach dem Gleiten des Schattens über ihre Scheibe können wir leicht die Zeit bestimmen. Sie war bei Sonnenuntergang im ersten Viertel, um Mitternacht wird sie voll sein und wiederum im Viertel sein bei Sonnenaufgang. Die Rolle des Minutenzeigers auf dieser Himmelsuhr spielen die Weltteile. Nach ihrem Untergang in den Schatten können wir die Stunden erkennen, die die Minuten für unsere siebenhundertneunstündige Zeit sind.

Nach Sonnenuntergang wurde es plötzlich so kalt, daß wir das Gefühl hatten, als wenn wir aus einem Dampfbad in ein Bassin mit Eiswasser gesprungen wären, doch wurde uns dabei eine wundervolle Überraschung bereitet: Wir erwarteten das sofortige Eintreten der Nacht, statt dessen sahen wir noch lange Zeit hindurch ein seltsames Leuchten, das mit dem Glanz der Erde rang und unseren Dämmerungen ähnlich war.

Jener Glasstreifen, auf dem wir über hundert Kilometer weit gefahren waren, nahm gerade sein Ende, als wir den Schatten der kleinen Krater, von denen ich vorher gesprochen hatte, verließen. Wir näherten uns, jetzt direkt nach Norden fahrend, schon dem zwanzigsten Parallelkreis, als die Sonnenscheibe, die vor dem Untergang nicht gerötet, sondern im Gegenteil hell und leuchtend war wie am Tage, langsam unter den Horizont zu sinken begann. Und plötzlich erfaßte uns eine furchtbare Sehnsucht nach dieser schwindenden Sonne, die sich uns erst in vierzehn Tagen wieder zeigen wird. Wir standen alle nebeneinander am westlichen Fenster unseres Wagens. Martha erhob ihre Hände zu dem untergehenden Gestirne und begann mit singender, monotoner Stimme indische Hymnen zu sprechen, mit denen die Fakire auf der Erde von dem Gotte des Lichtes Abschied nehmen.

Woodbell antwortete ihr manchmal mit unverständlichen Sätzen aus den heiligen Büchern, wahrscheinlich der Zeiten gedenkend, die er in Travancore verbracht hatte, wo er so oft die flammende Sonne in den uferlosen Ozean tauchen sah.

Die Sonne indessen, mit einem Teile der Scheibe vertieft, schien am Horizonte zu stehen und zu warten. Ihr Glanz bespiegelte die ausgestreckten Arme des Mädchens und flackerte auf ihren weißen Zähnen, die zwischen den sich öffnenden Lippen sichtbar wurden. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sie beide miteinander sprechen müssen -- dieses Mädchen und diese Sonne.

Nach einer halben Stunde war nur noch ein Segment der Sonnenscheibe sichtbar. Die Steinwüste verfinsterte sich unter diesem hellen Lichtstreifen, als hätte sie sich in ein Tintenmeer verwandelt. Hier und da nur schimmerten glatte Steine, die das blaßbläuliche Licht der Erde wiedergaben. Martha hatte den Hymnus bereits beendet; und stand, in die Wüste starrend, den Kopf an Tomas' Schulter gelehnt.

Wir waren alle von einer seltsamen Trauer erfaßt; sogar Peter, der am wenigsten zur Rührung neigte, blickte finster vor sich hin und bewegte die Lippen, als wenn er leise mit seinen Gedanken Zwiesprache hielte.

Und ich selbst ... Ah ... wie wahnsinnig schnell ist mein Leben auf der Erde dahingeflogen. Ein seltsamer Reigen von Erinnerungen zog an meinem inneren Auge vorüber. Ich träumte von Weichselebenen und von den finsteren Gipfeln der Tatra -- und alles war von einer unabsehbaren Menge teurer -- für ewig verlorener Menschen bevölkert ... für ewig! ...

Da plötzlich erlosch die Sonne. Rote Protuberanzen flackerten wie kleine feurige Zungen noch eine Zeitlang über dem Horizont, endlich verschwanden auch sie -- und in der über die Wüste hereinbrechenden Dämmerung geschah etwas so Unerwartetes, daß wir uns unwillkürlich aneinanderdrängten, als wenn wir uns vor etwas schützen wollten, das sich auf uns wirft wie eine wilde Katze. In diesem Augenblicke nämlich, als der letzte Sonnenstrahl verschwand, schoß im Westen eine lichte Säule empor, die wie eine Kuppel gewölbt war und einer wundervollen Fontäne schillernden Staubes ähnelte.

Das Zodiakallicht erglänzte vor uns in einer Erhabenheit, wie es auf der Erde menschliche Augen niemals sahen. Wir starrten lange auf diese glühende Säule, die leicht nach Süden geneigt, mit verschiedenfarbigen Sternen besät war; der kosmische Staub, durch den sie leuchteten, umkreiste die Sonne und warf nach ihrem Untergange ihr funkelndes Licht zurück.

Dann erlosch alles! Nur die Erde sahen wir noch über uns und die Sterne, -- die seltsamen Sterne, ganz tief in dem schwarzen Himmel -- nicht flackernd, doch verschiedenfarbig. Diese Verschiedenfarbigkeit der Sterne, die durch die hier fehlende Luft nicht verdunkelt werden ist so staunenerregend, daß ich mich nicht daran gewöhnen kann, obwohl sie doch während des ganzen Mondtages über uns glitzerten.

Die Erde gibt uns so viel Licht, daß wir bei ihrem Schein die Reise ohne Unterbrechung fortsetzen können. Das ist für uns ein sehr günstiger Umstand, da wir keine Zeit zu verlieren brauchen und während der Nacht so weit nach Norden vordringen können, daß wir den senkrechten Sonnenstrahlen des nächsten Tages nicht mehr ausgesetzt sein werden. Nur der Gedanke an die nächtliche Kälte, die uns schon zu schütteln beginnt, erfaßt uns mit Grauen.

Der Boden ist wieder ungleichmäßig, was uns zu vielen Abbiegungen und Umwegen veranlaßt, die die Reise verlangsamen. Vorn am Wagen brennen wir eine elektrische Laterne, die uns den Weg erleuchtet; ohne sie könnten wir leicht in irgendeine Spalte stürzen, die bei dem schwachen Licht der Erde nicht gut zu sehen ist. Wir richten unsere Fahrt nach den Sternen, da wir mit dem Kompaß nicht recht fertig werden können auf dieser seltsamen Welt. Dabei verändern die Metallwände des Wagens die Lage der Nadel.

Auf Mare Imbrium, 7° 45' westlicher Länge 24° 1' nördlicher Mondbreite, ein Uhr des zweiten Mondtages.

Mitternacht ist schon vorüber und wir haben beinahe vergessen, wie die Sonne aussieht; wir begreifen kaum mehr, wie wir uns über ihre Glut beklagen konnten. Fast hundertachtzig Stunden, die seit Sonnenuntergang verflossen, sind wir einem so unerhörten Froste ausgesetzt, daß wir das Gefühl haben, die Gedanken im Hirne müßten uns einfrieren. Unsere Öfen arbeiten mit der ganzen Kraft und wir kauern um sie herum und zittern vor Kälte.

Schreibend lehnte ich mich an den Ofen. Die Glut bratet mir den Rücken und gleichzeitig fühle ich, wie mir das Blut in den Adern gerinnt und erstarrt. Die Hunde drängen sich an uns und bellen unaufhörlich, uns aber packt schon der Wahnsinn. Wir sehen uns schweigend mit einem merkwürdigen Haß an, als wenn einer von uns daran schuld wäre, daß die Sonne hier dreihundertvierundfünfzig und eine halbe Stunde lang nicht leuchtet und wärmt ...

Ich wollte mich aufraffen und einige Eindrücke von der Reise nach Sonnenuntergang niederschreiben, aber ich sehe, daß ich nicht fähig bin auch nur die einfachsten Vorstellungen auszudrücken ... Mein Gehirn ist eingefroren ... Verworrene Bilder gleiten mir lose, unzusammenhängend durch den Kopf; ich kann sie auf keine Weise miteinander verbinden. Manchmal habe ich die Empfindung, daß ich mit offenen Augen schlafe. Ich sehe Martha, Tomas, die Hunde, Peter, den Ofen -- und ich weiß nicht, was das bedeutet, ich weiß nicht, wer ich bin, wie ich hierher komme, weshalb ...

Ja -- weshalb ...

Ich wollte darüber nachdenken, mich daran erinnern, aber ich kann nicht. Es muß eine Ursache gewesen sein, daß ich mit diesen Menschen die Erde verlassen habe ... Ich erinnere mich nicht -- das Denken erschöpft mich.

Es scheint mir, daß wir stehen. Ich höre das Zischen des Motors nicht, ich muß hingehen und nachsehen, was geschehen ist; aber ich weiß, daß weder ich noch sie -- daß niemand dies tun wird. Wir müßten uns vom Ofen entfernen. Eine wahnsinnige Kälte!

Durch das Fenster sehe ich Felsen, die von der Erde hell beleuchtet sind. Vielleicht stehen wir deshalb, weil wir zwischen Felsen gerieten ...

Das ist alles seltsam und gleichgültig ...

Was schreibe ich? Habe ich wirklich den Verstand verloren? Ich bin sehr müde und ich weiß, daß ich erfrieren und nicht mehr aufwachen werde, wenn ich einschlafe ... Man muß den Schlaf abschütteln, zum Bewußtsein kommen ...

Es ist sonderbar, daß die Kälte während der ersten Nacht auf dem _Sinus Aestuum_ nicht so furchtbar war. Scheinbar erstrecken sich unter jener Fläche vulkanische Adern, die den Boden etwas erwärmen.

Schreiben, schreiben, nur nicht einschlafen, denn das bedeutet sterben ...

Seit Sonnenuntergang fuhren wir immer nach Nordwesten -- in stets stärkerem Lichte der zunehmenden Erde und in immer zunehmender Kälte. Unter dem 9.° westlicher Länge und dem 21.° nördlicher Breite durchdrangen wir die niedrigen, runden Wälle, die uns den Weg versperrten. Wir änderten den Kurs; statt direkt nach Norden wendeten wir uns nach Nordosten, in der Richtung der Berge, die sich um den Ring des _Archimedes_ ausdehnen, in der Hoffnung, daß wir hier irgendeinen tätigen Krater finden und in ihm ein wenig Wärme. Wir sind an der Grenze dieses gebirgigen Landes, aber alles bleibt starr und kalt. Wir fuhren in die Mitte des Halbmondes hinein, der von den amphitheatralisch sich erhebenden Felsen gebildet wird. Varadol machte astronomische Messungen, um die Lage dieser Berge zu bestimmen. Aus seinen Messungen geht hervor, daß dies eine Erhöhung ist, die auf den Mondkarten gewöhnlich mit dem Buchstaben ^E^ bezeichnet wird und unter dem 7.° 45' westlicher Länge, 24.° 1' nördlicher Mondbreite liegt.

Kälte, Kälte, Kälte ... Aber man muß sich überwinden und nicht schlafen. Nur nicht schlafen, das wäre der Tod! Dieser Tod muß hier irgendwo in der Nähe sein. Dort auf der Erde müßten sie ihn auf dem Monde sitzend malen, denn das ist sein Königreich ...

Weshalb stehen wir? Ach -- richtig! Es ist alles einerlei!