Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 4

Chapter 43,434 wordsPublic domain

Die Landschaft ähnelt in keiner Beziehung den Alpenlandschaften auf der Erde! Dort breiten sich zwischen Gebirgskämmen, die die Gipfel miteinander verbinden, üppige Täler, die durch das Wirken des Wassers im Laufe von Jahrtausenden ausgehöhlt worden sind; hier ist keine Spur von alledem zu finden. Der ganze Grund ist gewölbt und mit einer unermeßlichen Anzahl nicht miteinander verbundener Mulden mit vorspringenden Rändern angefüllt, oder auch mit glatten, vereinzelten Hügeln, oft von ganz ansehnlicher Höhe. Die Stelle der Täler nehmen tiefzerklüftete Risse ein, die sich meilenweit erstrecken und aussehen, als wenn sie mit einem mächtigen Beile in gerader Linie bis auf den Grund gespalten wären. Ich zweifle nicht daran, daß es sich hier um ein Bersten der erlöschenden und sich krümmenden Mondoberfläche handelt.

Dagegen fanden wir keine Spur irgendeiner Wasserwirkung der auf der Erde so übermächtigen Erosion. Ich glaube auch, daß dieses Land niemals Luft und Wasser gehabt hat.

Wir staunten anfangs über die große Menge des Gesteins, das auf dem felsigen Boden zerstreut lag. Aber ungefähr dreißig Stunden später, als die Spannung der Hitze sich auf ein unerhörtes Maß steigerte, erkannten wir die Ursache. Wir fuhren gerade an einem hohen Felsen entlang, dessen Gestein unserem Marmor außerordentlich ähnlich war, als sich plötzlich vor unseren Augen ein Felsblock von einigen zehn Metern im Durchmesser vom Gipfel loslöste und, in Kieselsteine zerstäubend, jählings in die Tiefe hinabsauste. Und dies geschah mit einer geradezu schaurigen Lautlosigkeit. Infolge des Luftmangels hörten wir kein Geräusch; nur der Grund erbebte unter unserem Wagen, als wenn der Mond plötzlich wankte. Die Felsen, die in der Nacht durch die Kälte wie durch einen eisernen Reifen zusammengepreßt werden, erweitern sich während der furchtbaren Glut des Tages an der Seite, die den brennenden Strahlen ausgesetzt ist; die ungleichmäßige Verteilung von Hitze und Kälte muß das Zerspringen und Zerbröckeln vereinzelter Blöcke dieser gigantischen Steinwelt verursachen.

Inzwischen empfanden wir jene scharfen Steine, die die mächtigen Flächen übersäten, ziemlich unangenehm. Wir passierten Stellen, wo unser Fahrzeug sich vermittels der Räder absolut nicht vorwärtsbewegen konnte. Dort ließen wir die »Tatzen« aus, die dem Wagen ermöglichten die größten Hindernisse zu überklettern wie ein behendes, leichtfüßiges Tier. So kamen wir glücklich über die sich auftürmenden Steinmassen hinweg. Trotz der zahlreichen Versuche, die wir mit dem Wagen auf der Erde machten, hatten wir keine Vorstellung von den Beschwerden einer derartigen, länger andauernden Fahrt. Wenn die Anziehungskraft des Mondes und die damit verbundene Schwere nur um die Hälfte größer wäre, hätten wir in diesem Gestein, unfähig uns von der Stelle zu rühren, elend zugrunde gehen müssen.

Seit Sonnenaufgang ist schon der dritte Erdentag vorübergegangen, während dessen wir kaum zwanzig Kilometer weiter kamen. Die Hitze wird unerträglich. In der dumpfen, glühenden Luft des Wagens und durch die heftigen Bewegungen gerüttelt, fiebert Woodbell aufs neue. Die Wunden, die er beim Fallen des Projektils auf die Mondoberfläche davontrug, beginnen ihn wieder zu schmerzen. Ein Glück, daß wir drei wenigstens heil davongekommen sind! Noch jetzt erfaßt mich ein Schaudern bei dem Gedanken an jene furchtbare Erschütterung!

Erst noch im Weltenraum eine dumpfe Explosion der am Projektil angebrachten Minen, die die Schnelle des Fallens verringern sollten, dann ein Druck auf den Knopf -- das schützende Stahlgerüst breitete sich aus und ... Nein, das läßt sich nicht mit Worten beschreiben! Ich sah nur noch, wie Martha sich aus der Hängematte herausbeugte und ihre Lippen auf Tomas' Mund preßte. O'Tamor rief: _Wir sind da!_ -- und ... ich verlor das Bewußtsein.

Als ich die Augen öffnete, lag O'Tamor blutüberströmt am Boden, Woodbell ebenfalls schwerverwundet; Varadol und Martha waren ohnmächtig ... Aus den Trümmern des Stahlgerüstes haben wir dann das Kreuz auf dem Grabe O'Tamors errichtet.

Unsere Chronometer gaben 98 Stunden nach Sonnenaufgang an als wir vor Erschöpfung und Glut zusammenbrechend endlich bemerkten, daß wir uns dem Gipfel des Berges näherten, den wir mit so großer Mühe erkletterten. Während dieser vier Erdentage, die wenig mehr als den vierten Teil des »Tages« auf dem Monde ausmachten, schliefen wir fast gar nicht und beschlossen nun eine Zeitlang zu rasten.

Woodbell vor allem brauchte Schlaf und Ruhe.

Wir stellten den Wagen in den Schatten eines Felsens, der uns tatsächlich vorm lebendigen Verbraten durch die unerträglichen Sonnenstrahlen bewahrte und legten uns alle schlafen. Nach zwei Stunden schon erwachte ich sehr gestärkt; die andern schliefen noch. Ich wollte sie nicht aufwecken, nahm meinen Luftbehälter und ging allein aus dem Wagen, um die Gegend zu erforschen. Aber kaum hatte ich mich etwas aus dem Schatten begeben, glaubte ich mich in das Innere eines glühenden Hüttenwerkes versetzt. Das war keine Hitze mehr -- eine wahre Feuersbrunst ergoß sich vom Himmel; der Boden brannte mir die Füße durch die dicken Sohlen des Luftbehälters. Ich mußte meine ganze Willenskraft zusammennehmen, um nicht in den Wagen zurückzukehren.

Wir befanden uns in einem flachen Felsengang, der zwei Berge aus massivem Gestein trennte und zwischen diesen in einer Art Einsattlung endete, die, soviel ich von der Stelle wo ich stand bemerken konnte, in eine hinter jenen Hügeln nach Süden laufende Ebene überging. Diese Hügel verhüllten mir die Aussicht nach Norden und Süden. Nur nach Osten war der Blick über den Weg frei, den wir gerade zurückgelegt hatten. Ich sah auf steinige Felder, voll von Mulden, Vorsprüngen, Spalten und Gipfeln -- und traute meinen eigenen Augen kaum, daß wir mit unserem großen, schweren Wagen da hindurchkommen konnten.

Auf der Erde, bei dem sechsmal größeren Gewichte, wäre das geradezu unmöglich gewesen.

In diesem Augenblicke fühlte ich, daß mich jemand berührte. Ich sah mich um; hinter mir stand Varadol und machte verzweifelte Zeichen. Er hatte, gleich mir, den Luftbehälter angelegt und den Wagen verlassen, da er aber das Sprachrohr nicht mitgenommen, konnten wir uns nicht verständigen. Ich sah nur, daß er blaß und furchtbar erregt war. Ich glaubte, es sei mit Tomas schlechter geworden und stürzte zum Wagen zurück. Er folgte mir.

Kaum hatten wir uns der Luftbehälter entledigt, als Varadol mit vor Aufregung zitternder Stimme sagte:

-- Wecke die andern nicht auf und höre: es ist etwas Furchtbares geschehen, ich habe mich geirrt.

-- Inwiefern? rief ich, ohne zu begreifen, um was es sich eigentlich handelte.

-- Wir sind nicht auf den _Sinus Medii_ gefallen.

-- Wo sind wir also?

-- Unter dem Eratosthenes, auf der Einsattelung, die diesen Krater mit dem Mond-_Apennin_ verbindet.

Mir wurde schwarz vor den Augen. Ich wußte aus den auf der Erde gemachten photographischen Aufnahmen der Mondoberfläche, daß der Grat, auf dem wir uns demnach befanden, fast senkrecht gegen die nach Westen zu gelegene mächtige Fläche des _Mare Imbrium_ abfällt.

-- Wie kommen wir hier herunter? rief ich entsetzt.

-- Ruhig. Gott allein weiß es. Es ist meine Schuld. Wir sind auf dem _Sinus Aestuum_. Sieh ...

Er schob mir eine Karte und einige Blätter zu, die mit Reihen von Ziffern beschrieben waren.

-- Irrst du dich nicht etwa? frug ich, einer letzten Hoffnung Raum gebend.

-- Diesmal irre ich mich sicher nicht, leider! Auch die anderen Messungen waren ganz genau, ich vergaß nur, daß sich damals die Erde nicht im Zenite über dem Mittelpunkt der Mondscheibe befinden konnte. Du weißt doch, daß der Mond während der Drehung um die Achse kleinen Schwankungen, den sogenannten Librationen unterliegt, wodurch die Erde nicht gänzlich unbeweglich am Himmel erscheint, sondern eine kleine Ellipse umschreibt. Ich habe nun vergessen, aus dieser ihrer Neigung vom Zenit die Verbesserungen vorzunehmen und infolgedessen ihrer Lage nach die Mondlänge und -breite des Punktes, auf dem ich die Messungen machte, falsch bezeichnet. Jetzt können wir das alle mit dem Leben bezahlen!

-- Beruhige dich! sagte ich, obwohl ich am ganzen Körper bebte. Vielleicht gelingt es dennoch, uns zu retten.

Wir machten uns zusammen an die Untersuchung der Messungen. Diesmal war jeder Zweifel ausgeschlossen. Nachdem die notwendige Verbesserung vorgenommen war, zeigte es sich, daß wir auf dem _Sinus Aestuum_ unter dem 7.° 35' westlicher Mondlänge und dem 13.° 8' nördlicher Mondbreite herabgefallen sind. Wir bewegten uns die ganze Zeit hindurch längs den steilen Bergen, zu Füßen des mächtigen _Eratosthenes_, vor uns den nicht großen, aber außerordentlich steilen Krater ohne Namen, der in dem hier schon beginnenden _Apennin_ eingeschlossen ist. Gegenwärtig befanden wir uns unter dem 11.° westlicher Mondlänge und dem 15.° 51' nördlicher Mondbreite.

Wir bezeichneten uns diesen Punkt auf der Mondkarte. Nach dieser erhebt sich die Einsattelung, die wir einige hundert Schritte weit vor uns hatten, neunhundertzweiundsechzig Meter über dem _Mare Imbrium_.

Es ist doch seltsam: während die Astronomen auf der Erde aus der Entfernung von Hunderttausenden von Kilometern mit Leichtigkeit die Höhe eines jeden Mondberges berechnen, indem sie im Teleskop die Länge des Schattens, den er wirft, messen, mußten wir, die wir uns auf diesem Berge befinden, zu der auf der Erde gemachten Karte flüchten, um konstatieren zu können, wie hoch er sich erhebt. Der Mangel der Atmosphäre macht die barometrischen Messungen der Höhe unmöglich. Die Veränderung, die wir am Barometer bemerkt hatten beruhte darauf, daß das Quecksilber bis zum Nullpunkt gesunken war. Auf der Höhe, auf welcher wir uns befanden war eine absolute Leere.

Tomas und Martha erwachten bald darauf. Es war unmöglich ihnen die entsetzliche Situation zu verheimlichen, doch schienen unsere Eröffnungen keinen besonderen Eindruck auf sie zu machen. Tomas runzelte die Stirn und biß die Lippen zusammen, während sich Martha, soweit ich aus ihrem Benehmen schließen konnte, keine klare Rechenschaft über das Grauen der Lage zu geben vermochte.

-- Wir werden hinabfahren, sagte sie, wie wir heraufgefahren sind, oder umkehren ...

Wir werden hinabfahren, wie wir heraufgefahren sind! Mein Gott, es war doch nur ein reiner Zufall, daß wir den Weg gefunden haben, der uns hierher führte! Und umkehren? -- So viel vergebliche Mühen und verlorene Stunden? ...

Wir beschlossen endlich uns auf die Einsattelung zu begeben um zu sehen, ob wir uns nicht auf die Ebene _Mare Imbrium_ herablassen könnten. Nach einigen Minuten befand sich unser Wagen an dem Abgrund!

Der Anblick, der sich uns bot, machte uns erstarren. Der Felsen brach zu unseren Füßen fast senkrecht ab und dort unten, tausend Meter tiefer, erstreckte sich, soweit das Auge reichte, die Ebene _Mare Imbrium_, von einigen zerstreut liegenden Bergen unterbrochen. Das Fehlen der Luftperspektive brachte es mit sich, daß auch die ziemlich entfernt liegenden Gipfel deutlich sichtbar waren und sich mit ihrem märchenhaft schimmernden Weiß vom schwarzen Hintergrund des sternenbesäten Himmels abhoben. Ein wahrhaft bezaubernder Anblick, über den wir für einen Augenblick das Grauenhafte unserer Lage vergaßen.

Am Horizonte gegen Norden starrte inmitten der unermeßlichen Fläche, wie eine Insel im Meere, der majestätische Krater _Timocharis_, vierhundert Kilometer von uns entfernt und gegen siebentausend Fuß hoch.

Auf der Erde nehmen die aus der Ferne gesehenen Berge infolge der unklaren Luft eine blaßbläuliche Farbe an; hier erschien jener Gipfel, in der Sonne erglänzend, wie ein weiß erglühter Stahl, mit großen schwarzen Streifen von Schatten und rotschimmernden Adern dunklerer Felsen durchzogen. Etwas gegen Westen sah man ebenfalls deutlich am Himmel die Zacken des Kraters _Lambert_, der kleiner und weiter entfernt war. Im Westen selbst begrenzten den Horizont zahlreiche niedere Höhenzüge und Felsen, sich mit der uns viel näher liegenden Kette der Mond-_Karpaten_ vereinigend, die das _Mare Imbrium_ von Süden her einschließen.

Hinter dieser Kette, die sich in der Richtung unseres Sehwinkels erstreckte, erhoben sich in der Ferne von Südwesten her die auf kleineren Hügeln gestützten mächtigen Gipfel des _Kopernikus_, eines der größten Berge auf dem Monde. Wenn ich sagte, daß der _Timocharis_ wie glühender Stahl leuchtete, so habe ich kein Gleichnis mehr zur Beschreibung des blendenden Lichtes, das sich aus der Entfernung von Hunderten von Kilometern von jenem riesenhaften Felsenringe her ergoß, der einen Durchmesser von neunzig Kilometern hat!

Im Nordosten, in endloser Weite, lagen die Gipfel des breiten Zirkus des _Archimedes_. Der Blick nach Osten und Süden war uns verschlossen -- von der einen Seite durch die Kette des Mond-_Apennins_, von der andern durch den _Eratosthenes_, der durch den Paß, auf dem wir gerade stehen, mit dem _Apennin_ verbunden ist.

Und in diesem Rahmen das _Regenmeer_. Wie ironisch erschien uns diese Bezeichnung, die von den alten Astronomen auf der Erde erdacht wurde! Eine entsetzliche Wüste, kalt und grau, hie und da durch große Spalten zerrissen, die, zu länglichen Garben gedehnt, sich vom _Timocharis_ zum _Eratosthenes_ erstrecken. Nirgends eine Spur von Leben! Nur am Fuße der mächtigen, weit entfernten Krater schimmerten in der Sonne vereinzelte, kostbaren Edelsteinen gleichende, gelbe, rote und stahlbläuliche Adern von Felsschichten.

Wir starrten schweigend vor uns hin und wußten nicht, welchen Weg wir wählen sollten. Wenn wir die Fläche des _Regenmeeres_ erreichten, hätten wir eine Strecke vor uns, auf der wir uns schnell vorwärtsbewegen könnten; aber darin lag eben die Schwierigkeit; wie sollten wir dorthin gelangen? Wie uns von jener tausend Meter hohen, senkrechten Wand hinablassen?

Nach kurzer Beratung gingen wir zu Fuß nach Süden, in der Hoffnung, daß es uns vielleicht gelingen könnte, abseits vom Krater des _Eratosthenes_ einen Weg zu finden. Wir schritten auf der schmalen Fläche, die zwischen den Felsen und dem Abgrund lag, der sich nach dem _Mare Imbrium_ zu öffnete. An der einen Stelle war der Durchgang so eng, daß wir schon umkehren wollten, weil es uns unmöglich schien hier mit dem Wagen durchzukommen. Zum Glück erinnerte uns Martha, die uns begleitete, daß wir einen Vorrat von Minen besitzen, mit denen sich die nicht große, uns den Weg versperrende Steinschwelle mit Leichtigkeit sprengen ließe. Wir passierten sie daher, über den schwindelnden Abgrund schlüpfend, und gingen weiter. Jetzt erhob sich der Gebirgskamm, der breiter und flacher wurde, langsam nach oben. Wir gingen immer nach Süden zu. Rechts und links starrten die Riesengipfel des Ringes des _Eratosthenes_.

Zwei Stunden nach der Umkreisung jener Schwelle wurden wir durch einen neuen Abgrund aufgehalten, der sich so unerwartet vor uns auftat, daß Peter, der voranging, mit einem Schrei des Entsetzens zurückprallte. In der Tat war der Anblick, den wir jetzt vor uns hatten, wohl das Furchtbarste, was man sich vorstellen kann.

Immer in südlicher Richtung vorwärtsdringend, gelangten wir, ohne zu wissen wie, in eine tiefe Scharte, die schon am Rande des _Eratosthenes_ lag. Zur Rechten und zur Linken türmten sich zerrissene Gipfel, von denen der eine weißschimmernd im Sonnenglanze erstrahlte, während sich der andere im Schatten in tiefes Schwarz hüllte. Und vor uns ... Nein, wer vermag das zu beschreiben! -- Vor uns ein Abgrund! Eine unabsehbare, bodenlose Untiefe. Es lag etwas so grauenhaft Raubgieriges in dieser Majestät des Schreckens und der Starrheit, daß mich noch jetzt Schauer der Angst schütteln, wenn ich daran zurückdenke!

Wir sahen in das Innere des Kraters des _Eratosthenes_.

Ein mächtiger Bergwall, wie eine Säge mit Zacken besetzt, bildete einen geschlossenen Kreis von einigen zehn Kilometern im Durchmesser und auf diese Weise eine Mulde, die furchtbarste wahrscheinlich, die das menschliche Auge je gesehen hat. Die Gipfel, viertausend Meter über den Grund dieser Tiefe des Grauens emporragend, fielen fast senkrecht in seltsamen Windungen ab, als wenn sich Steinkaskaden in wilden Sprüngen herabwälzten. Die Mulde, die im Verhältnis zu der Oberfläche des durch den Wall abgetrennten _Mare Imbrium_ zweitausend Meter tiefer lag, erschien uns noch unergründlicher durch die mächtigen sich daneben auftürmenden Berge und die dichten Schatten, die sie gespensterhaft einhüllten. Aus ihrem Grunde reckten sich noch einige vereinzelte kegelförmige Gipfel, die beinahe die halbe Höhe des benachbarten Walls erreichten. Wir blickten von unserem Steinfenster auf sie herab. Kleine, dunkelgraue Rauchwolken stiegen von Zeit zu Zeit empor und senkten sich infolge der fehlenden Atmosphäre sofort wieder, um sich am Fuße der Berge wie Asche auszubreiten. Es war kein Zweifel, daß wir hier noch nicht erloschene Vulkane vor uns hatten.

Die grellen Gegensätze von Licht und Schatten vergrößerten noch das Gefühl des Grauens. Der ganze östliche Rand des Innern war in geheimnisvolle Dämmerung gehüllt, die mit dem schwarzen Himmel zusammenzufließen schien. Der westliche Rand hingegen flammte in der Sonne wie eine weiße, von dunklen Bergrinnen zerrissene und mit unzähligen spitzen Gipfeln bedeckte Wand, gleich Elfenbeintürmen, die auf dem Hintergrunde der schwarzen Schattenflecke leuchteten. Nach Süden zu erschien der Wall durch die Entfernung niedriger und erweckte den Eindruck, das mit Stacheln versehene Tor dieser Untiefe zu sein. Zu unseren Füßen -- ein schwindelnder Abgrund.

Und über all dem Schauerlich-Erhabenen wandelte am schwarzen Himmel die feurige, strahlenlose Sonne, immer näher der Erde, die, in starrem Glanze schimmernd, zu einer schmalen, scharfen Sichel gekrümmt, über diesem Tal schwebte wie ein Zeichen des Todes.

Unwillkürlich dröhnten mir die Worte Dantes in den Ohren:

Vero é che in su la proda mi trovai della valle d'abisso dolorosa ....

Und bei dieser Erinnerung tauchten in meinem vor Ermattung, Glut und Entsetzen geschwächten Gehirne Visionen der Danteschen Hölle auf, die nicht furchtbarer sein konnte als das, was ich hier vor mir sah! Der am Boden des mächtigen Kessels sich wälzende Rauch schien mir der Geistertanz der Verfluchten zu sein, die sich im Wirbel um Luzifers mächtige Gestalt drehten, dessen Formen einer der Vulkankegel in meinen Augen annahm ... Geister -- Geister -- eine entsetzliche Prozession der Verfluchten! Sie ziehen dahin, fließen in mächtigen Fluten über die felsigen Abhänge der Untiefe, gleiten in den Abgrund, wälzen -- drängen sich. Einige wollen sich erheben, auf -- auf -- zur Sonne -- sie reißen sich vom Boden los und stürzen, wieder zusammenfallend, wie Bleiklumpen auf dieselbe Stelle, -- hinab -- hinab zur ewigen Verdammnis ...

Und alles das spielt sich in dieser entsetzenerregenden, schaudervollen Stille ab ...

Die Welt begann mir im Kopfe zu wirbeln; ich fühlte, daß ich einer Ohnmacht nahe war.

Da vernahm ich Weinen. Ich war so verwirrt, daß ich im ersten Augenblick wirklich glaubte das Jammern der Verfluchten zu hören. Aber diesmal war es keine Vision. Es war wirkliches, herzzerreißendes Weinen, das durch das Rohr, das die Köpfe unserer Luftbehälter verband, zu mir drang.

Ich erwachte aus meiner Betäubung und blickte um mich. Woodbell stand da wie versteinert, den Rücken an den Felsen gelehnt, blaß, mit gesenktem Haupte. Varadol glich in seinen Bewegungen einem gefesselten wilden Tiere; er stampfte unruhig auf und ab, soweit es ihm der Boden und die Länge des Rohres erlaubte und sah sich nach allen Seiten um, als wenn er zwischen diesen Steinmassen einen Weg und Ausgang suchte. Martha kniete am Boden, von einem Schluchzen, das durch die höchste Erregung der Nerven hervorgerufen wurde, geschüttelt.

Ein grenzenloses Erbarmen erfaßte mich. Ich näherte mich ihr und legte langsam den Arm um ihre Schultern. Da begann sie wie ein Kind zu klagen und rief, wie in jener denkwürdigen langen Nacht vor dem Tode O'Tamors:

-- Auf die Erde! Auf die Erde!

In ihrer Stimme lag eine so tiefe, markerschütternde Verzweiflung, daß ich kein Wort finden konnte, sie zu trösten. Wie sollte ich das auch anfangen? Unsere Situation war tatsächlich eine verzweifelte. Ich wandte mich zu Varadol:

-- Was soll jetzt werden?

Peter zuckte die Achseln.

-- Ich weiß, nicht ... Der Tod. Es ist doch unmöglich, hier herunterzukommen.

-- Und wenn wir umkehrten? warf ich ein.

-- O ja! Umkehren! Umkehren! schluchzte Martha.

Varadol schien ihr Weinen nicht zu hören. Er sah eine Zeitlang vor sich hin, dann antwortete er, sich zu mir wendend:

-- Umkehren ... Höchstens um auf einem andern Wege auf dasselbe Hindernis zu stoßen, nachdem wir schon so viel kostbare Zeit verloren haben. Sieh!

Er wandte sich mit dem Gesicht nach Norden und blickte über die unabsehbare Fläche des _Mare Imbrium_.

-- Wenn wir dorthin gelangen könnten, sagte er, würden wir einen verhältnismäßig ebenen Weg vor uns haben, aber wie wäre das zu ermöglichen ... Höchstens wenn wir uns kopfüber ...

Ich folgte mit den Blicken der bezeichneten Richtung. Das _Regenmeer_, glatt und eben, von der Sonne beleuchtet, erschien mir als ein Paradies, im Vergleich mit dem furchtbaren Innern des _Eratosthenes_. Es begann fast dicht unter unseren Füßen, scheinbar so nahe, daß ein Sprung genügen würde, es zu erreichen. Doch trennte uns ein senkrecht abstürzender, tausend Meter hoher Felsen von dieser Ebene.

Wir drängten uns alle aneinander und sahen mit unaussprechlicher Sehnsucht hinunter. Wir fühlten weder Ermattung, noch die brennenden Strahlen der Sonne, die bereits hinter der Felsengrenze über uns aufging.

Nach einer Weile wiederholte Peter:

-- Dorthin werden wir nicht gelangen ...

Ein lauter Weinkrampf Marthas, die nicht mehr fähig war sich zu beherrschen, antwortete ihm.

-- Schweig! schrie Varadol, sie bei der Schulter packend, oder ich werfe dich von hier hinab! Wir haben genug Sorgen!

Da trat plötzlich Tomas hervor.

-- Sei still -- und du weine nicht; wir werden auf das _Mare Imbrium_ hinüberkommen, -- holen wir den Wagen.

Es war so viel Entschlossenheit in diesen ruhig gesprochenen Worten, daß wir seine Weisung sofort ausführen wollten und nicht wagten uns zu widersetzen oder auch nur zu fragen.

Woodbell hielt uns noch zurück.

-- Seht, sagte er, auf die äußeren, dem _Regenmeere_ zugewandten Abhänge des _Eratosthenes_ zeigend, seht ihr diese Kante dort, die fünfzig Meter tiefer am Fuße der Wand liegt? Soweit man von hier berechnen kann, senkt sie sich ziemlich sanft bis zur Fläche; da werden wir hinunterfahren können ...

-- Aber diese Wand ... flüsterte ich, unwillkürlich auf den senkrecht herabstürzenden Felsen blickend, der uns von dem ziemlich breiten Grat der Kante trennte.

-- Unsinn, wir sind doch geübt im Erklettern der Felsen! Wir werden sie seitlich leicht umgehen können.

-- Und der Wagen? ...

-- Den Wagen werden wir zuerst herunterlassen, nachdem wir ihn an Seilen festgebunden haben. Vergeßt nicht, daß wir auf dem Monde sind, wo alles sechsmal leichter ist und das Herabfallen aus einer Höhe von fünfzig Metern nicht mehr bedeutet wie auf der Erde ein Fall von acht!

Tomas' Rat wurde also befolgt.