Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 3
Die Sonne flammt wie eine strahlenlose Kugel, die auf den Bergen wie auf einem mächtigen schwarzen Kissen ruht. Es gibt hier nur zwei Farben, die durch ihren scharfen Kontrast das Auge unaussprechlich quälen: Weiß und Schwarz. Der Himmel ist schwarz und, obwohl es schon Tag geworden, mit einer unermeßlichen Anzahl von Sternen übersät; rings um uns breitet sich eine leere, wilde, Entsetzen erregende Landschaft, ohne Milderung des Lichtes, ohne Halbschatten, zur Hälfte schimmernd weiß vom Sonnenglanz, zur Hälfte dagegen in tiefes Schwarz gehüllt. Es fehlt jene Atmosphäre, die auf der Erde dem Himmel die wundervolle blaue Farbe verleiht, die, selbst von Licht übersättigt, die Sterne vor Sonnenaufgang verrinnen läßt und wonnige Dämmerungen schafft; die sich beim Morgen- und Abendrot in zartes Rosa taucht, in Regenbogen tränkt, mit Wolken verfinstert und feine Übergänge vom grellen Licht zur milden Dämmerung malt.
Nein, unsere Augen sind nicht für dieses Licht und diese Landschaftsbilder geschaffen!
Wir befinden uns auf einer weiten Ebene von massivem Gestein, das hie und da von Spalten zerrissen ist, die sich in nordwestlicher Richtung erstrecken. Im Westen (_Osten_ und _Westen_ unsrer Welt bezeichne ich, übereinstimmend mit der _tatsächlichen_ Lage, also _umgekehrt_ wie wir dies in den Mondkarten auf der Erde finden) im Westen also sieht man steile Hügel, über denen in nordwestlicher Richtung der zerrissene Grat eines Berges thront. Im Norden erhebt sich die Ebene allmählich, jedoch, wie es scheint, zu bedeutender Höhe. Nach Osten zu werden unzählige Spalten, Gebirgsvorsprünge und kleine Schluchten, die künstlich ausgegrabenen Vertiefungen ähneln, sichtbar, und gegen Süden erstreckt sich eine unabsehbare Flachebene.
Varadol behauptet, auf Grund der in Eile vorgenommenen Messungen des Höhenstandes der Erde am Himmel, daß wir uns tatsächlich auf dem _Sinus Medii_ befinden, wohin wir nach den Berechnungen hätten fallen müssen. Mir scheint dies jedoch nicht ganz richtig zu sein, denn die Gipfel, die im Norden und Westen jene Flachebene begrenzen, nämlich die aus den Karten bekannten: _Mosting_, _Sommering_, _Schroter_, _Bode_ und _Pallas_, entsprechen weder ihrer Lage noch ihrer Höhe nach dem, was wir hier vor uns sehen. Aber schließlich ist es einerlei! Wir fahren nach Westen, um längs dem Äquator, wo nach den Karten der Mondgrund am gleichmäßigsten zu sein scheint, diesen Globus zu umkreisen und auf seine _andere Seite_ zu gelangen.
Bald wird von uns hier nichts mehr übrig sein! Nur das Grab mit dem Kreuze bezeichnet für ewige Zeiten die Stelle, an der die ersten Menschen auf dem Monde gelandet sind.
Lebewohl denn, Grab meines Freundes, du erster Bau, den wir auf dieser neuen Welt errichteten! Lebewohl, toter Freund, teurer und treuloser Vater, der du uns von der Erde entführtest und beim Eintritt ins neue Leben verlassen hast! Das Kreuz, das über deinem Grabe steht, gleicht einer Standarte, die Zeugnis dafür ablegt, daß der siegreiche Tod mit uns gekommen und auch dieses Reich erobert und in Besitz genommen hat ... Wir fliehen vor ihm; du bleibst mit ihm zurück, ruhiger als wir, auf die unbewegliche Erde starrend, die dich gezeugt, das Kreuz, dessen treuer Bekenner du warst, über deinem Haupte.
Am ersten Mondtage, einhundertsiebenundneunzig Stunden nach Sonnenaufgang. Mare Imbrium, 11° westlicher Länge, 17° 21' nördlicher Mondbreite.
Endlich kann ich meine Gedanken sammeln! Welch ein furchtbarer, erbarmungslos langer Tag, was für eine entsetzliche Sonne, die ihre Gluten fast seit zweihundert Stunden aus diesem grundlos schwarzen Himmel herabsendet! Zwanzig Stunden sind schon seit Mittag vergangen und sie steht noch immer fast senkrecht über unseren Häuptern, inmitten einer Fülle glanzloser Sterne, neben dem schwarzen Reifen der verblaßten Erde, die von einem Hof lichtdurchtränkter Atmosphäre umgeben ist. Wie seltsam dieser Himmel über uns! Alles um uns herum hat sich verändert, nur die Konstellationen der Gestirne sind wie wir sie von der Erde aus gesehen haben. Hier, wo die Luft den Blick nicht trübt, sind unvergleichlich mehr Sterne sichtbar. Das ganze Firmament scheint wie mit Sand von ihnen überstreut zu sein. Die doppelten Sterne leuchten wie farbige Punkte, grün, rot oder bläulich, nicht in der uns bekannten Silberfarbe zerfließend. Dabei erscheint der Himmel, der hier keinen farbigen Lufthintergrund hat, nicht als flache, hohle Kuppel. Man wird sich im Gegenteil seiner unermeßlichen Tiefe bewußt und bedarf keiner Berechnungen, um festzustellen, welcher Stern weiter entfernt oder näher liegt. Blickt man auf den Großen Wagen, bemerkt man, daß einige seiner Sterne tief zurückliegen, im Vergleich mit anderen nähergerückten, während er, von der Erde aus betrachtet, wie sieben Stifte, die in eine glatte Decke eingeschlagen sind, aussah. Die Milchstraße ist hier kein loser Lichtstreifen, sondern eine kompakte Schlange, die sich durch die schwarzen Untiefen wälzt. Ich habe den Eindruck, als wenn ich durch ein wundervolles Stereoskop auf den Himmel sähe.
Und was das Merkwürdigste ist, die Sonne flammt inmitten der Sterne in strahlendster Helle und verdunkelt auch nicht das schwächste der himmlischen Lichter ...
Die Glut ist entsetzlich; man glaubt, die Felsen müßten zu schmelzen beginnen und zerfließen wie an schönen Märztagen das Eis auf unsern Flüssen. So endlos lange Stunden sehnten wir uns nach der Sonne und ihren erwärmenden Strahlen und jetzt müssen wir vor ihr fliehen, um unser Leben zu retten. Seit etwa zehn Stunden stehen wir auf dem Grunde einer tiefen Spalte, die sich vom Fuße des zerklüfteten Berges _Eratosthenes_ den _Apennin_ entlang in die Tiefe des _Regenmeeres_ erstreckt. Hier erst, tausend Meter unter der Oberfläche, fanden wir Schatten und etwas Kühle ...
Nachdem wir hierher geflüchtet, schliefen wir vor Erschöpfung zehn Stunden ohne Unterbrechung. Im Traume schien es mir, daß ich mich noch auf der Erde befinde, in grünen, kühlen Hainen, wo von frischem Moos umrahmt ein kristallklarer Bach plätscherte. Weiße Wolken glitten am blauen Himmel dahin; ich hörte den Gesang der Vögel, das Summen der Käfer und Stimmen der Menschen, die vom Felde heimkehrten.
Selenas Bellen weckte mich auf.
Ich öffnete die Augen, war aber so verschlafen, daß ich lange nicht begreifen konnte, wo ich bin, was mit mir geschieht, was dieser verschlossene Wagen bedeutet und diese Felsen ringsumher, so öde und wild! Endlich wurde mir alles klar -- und ein unaussprechliches Weh schnürte mir das Herz zusammen ... Selena bemerkte, daß ich nicht schlief und kam zu mir; ihre Schnauze auf meine Knie legend, sah sie mich mit ihren verständigen Augen groß an und es schien mir, daß ich in ihrem Blick einen stummen Vorwurf las ... Ich streichelte schweigend ihren Kopf, sie begann traurig zu winseln, sich nach ihren Jungen umsehend, die in der Wagenecke munter miteinander spielten. Diese Jungen, Wotan und Leda, sind die einzigen Geschöpfe, die hier froh sind.
Ah, es ist wahr! Manchmal ist auch Martha noch froh wie ein kleines Kind, aber nur, wenn Woodbell, der immer gleich elend ist, die Hand ausstreckt, um ihr üppiges, dunkelbraunes Haar zu streicheln. Dann strahlt ihr schmächtiges Antlitz in hellem Lächeln und ihre großen, schwarzen Augen blicken in grenzenloser Hingebung auf ihren Geliebten, der noch bis vor kurzem so männlich schön war und jetzt vom Fieber verzehrt und abgemagert dahinsiecht. Sie tut alles, um ihn aufzumuntern, ihm mit jeder Bewegung, mit jedem Blick zu sagen, daß sie ihn liebt und in seiner Nähe glücklich ist, selbst hier, wo es so schwer ist, glücklich zu sein. Ich kann mich einer schmerzlichen Eifersucht nicht erwehren, wenn ich sehe, wie sie ihre vollen, leidenschaftlichen Lippen über seine magere Hand, seinen Hals und sein Gesicht gleiten läßt; wie sie die Lider seiner kalten, müden Augen küßt und ihn liebkosend wie ein kleines Kind an ihre wundervoll geformte Brust bettet, ihm seltsame, für uns unverständliche Weisen singend. Er hörte sie wohl von denselben so heiß küssenden Lippen dort -- in ihrem Heimatlande -- am malabarischen Strande und jetzt, da sie wieder erklingen, muß er von den säuselnden Palmen, vom Rauschen des blauen Meeres träumen ... Dieses Weib bewahrte ihm in ihrer liebenden Seele die ganze Welt, die für uns unwiederbringlich verloren ist.
Nie werde ich den Tag vergessen, da ich sie zum erstenmal gesehen habe. Es war unmittelbar nachdem wir die Nachricht erhalten hatten, daß Braun zurücktritt. Wir saßen alle vier in Marseille, im Hotelzimmer, von dessen Fenstern aus man auf den Meerbusen blickt und sprachen über diesen Rücktritt des Kameraden, der uns sehr nahe ging.
Da meldete man uns, daß eine Frau uns sofort sprechen wolle. Wir überlegten noch, ob wir sie empfangen sollten, als sie schon selbst ins Zimmer trat. Sie war gekleidet wie die Töchter reicher Eingeborener im südlichen Indien. Das Gesicht, ungewöhnlich schön, hatte einen halb verängstigten, halb entschlossenen Ausdruck. Wir sprangen alle erstaunt auf, Tomas aber erblaßte und starrte, sich über den Tisch neigend, aufmerksam forschend in ihr Antlitz. Mit gesenktem Kopfe blieb sie an der Tür stehen.
-- Martha, du hier! rief endlich Woodbell.
Sie kam näher und erhob das Haupt. In ihren Zügen war keine Spur mehr von Zaudern oder Unsicherheit; nur eine wahrhaft südländische Leidenschaft flammte aus ihren von schweren Lidern halb bedeckten schwarzen Augen.
Das volle runde Kinn war vorgebeugt; die roten Lippen halb geöffnet, streckte sie Tomas die Hände entgegen und antwortete, zu ihm aufblickend:
-- Ich bin dir gefolgt und werde dir überallhin folgen, selbst auf den Mond!
Woodbell war blaß wie eine Leiche. Er fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf und rief fast stöhnend:
-- Das ist unmöglich!
Sie sah uns an, und scheinbar dem Alter nach schließend, daß O'Tamor unser Führer sei, warf sie sich ihm zu Füßen, so schnell, daß er nicht Zeit hatte, sie aufzuhalten.
-- Herr! rief sie, seine Knie umklammernd, Herr, nehmt mich mit Euch! Ich bin die Geliebte Eures Kameraden; alles habe ich für ihn hingegeben, er darf mich jetzt nicht verlassen! Ich liebe ihn! Ich hörte, daß einer Eurer Genossen zurücktrat und bin von Indien hierher gekommen. Nehmt mich mit! Ich werde Euch keine Unbequemlichkeiten verursachen. Ich will eure Dienerin sein! Ich bin reich, sehr reich, ich gebe Euch Gold und Perlen, soviel Ihr wollt. Mein Vater war Radscha in Travancore am malabarischen Strand und hinterließ große Schätze. Ich bin auch kräftig genug, seht!
Bei diesen Worten streckte sie die nackten, schwarzbraunen Arme aus.
Varadol stammelte:
-- Aber für eine solche Reise bedarf es der Vorbereitungen! Das ist etwas anderes, als eine Fahrt mit dem Dampfer von Travancore nach Marseille!
Da begann sie zu erzählen, wie sie ohne Tomas' Wissen im geheimen dasselbe Training vornahm wie wir, immer in dem Gedanken, daß es ihr im letzten Augenblick gelingen werde, uns zu erbitten, sie mitzunehmen. Jetzt benutzte sie Brauns Rücktritt, die seit langem gefaßte Absicht auszuführen. Sie weiß wohl von Tomas, daß man dort auf dem Mond den Tod finden kann, aber sie will nicht ohne ihn leben und abermals flehte sie uns an.
Da wandte sich O'Tamor, der bis jetzt geschwiegen hatte, mit der Frage zu Tomas, ob er sie mit sich nehmen wolle, und als Woodbell, unfähig ein Wort hervorzubringen, mit dem Kopfe nickte, legte er seine Hand auf die üppigen Haare des Mädchens und sprach langsam und feierlich:
-- Du wirst mit uns gehen, Tochter. Vielleicht hat dich Gott zur Eva des neuen Geschlechtes erkoren -- möge es glücklicher sein als das irdische!
So lebendig ist mir diese Szene in Erinnerung ...
Eben ruft mich Martha. Tomas fiebert wieder; man muß ihm Chinin geben.
Zwei Stunden später.
Die Glut, anstatt nachzulassen, wird immer größer. Wir flüchteten noch tiefer, um uns vor ihr zu retten. Solange diese entsetzliche Hitze andauert ist es unmöglich an ein Weiterfahren auch nur zu denken. Die Angst schüttelt mich, wenn ich mir sage, daß wir fast noch dreitausend Kilometer vor uns haben, bis wir ans Ziel gelangen ... und wer bürgt uns dafür, daß man dort leben kann? ... Der einzige, O'Tamor, der nicht daran zweifelte, ist nicht mehr unter uns.
Der Wegmesser auf unserem Wagen gibt an, daß wir bereits hundertsiebenundsechzig Kilometer zurückgelegt haben; die Zeit zusammengerechnet, kommt auf jede Stunde ein Kilometer. Und wir bewegten uns doch verhältnismäßig ziemlich schnell vorwärts ...
Vier Stunden nach Sonnenaufgang brachen wir auf und wendeten uns nach Westen. In dem Glauben, daß wir uns auf dem _Sinus Medii_ befinden, wollten wir auf die Flachebene zwischen den Bergen _Sommering_ und _Schroter_ gelangen und von dort den _Sommering_ von Norden und Westen umkreisen. So beabsichtigten wir, uns dem Äquator zu nähern und an ihm entlang, direkt in der Richtung des Gebirgsringes _Gambart_ und des höheren, weiter gegen Westen auf dem Äquator liegenden _Landsberg_ vorzudringen.
Der Grund war ausnahmsweise gleichmäßig, fast ohne Spalten, so daß der Wagen leidlich fahren konnte. Hoffnung und Zuversicht erfüllten unsere Herzen; es war uns warm und leicht -- nur die Erinnerung an O'Tamor trübte unsere Freude. Tomas ging es besser und Martha strahlte vor Glück, als sie es bemerkte. Wir begannen aufs neue Pläne zu schmieden. Der Weg schien uns nicht lang, die Mühe nicht allzu groß. Wir bewunderten die Wildheit der in ihrer Erstarrung großartigen Landschaft oder bemühten uns, vermittels der vor uns ausgebreiteten Karte im voraus die phantastischen Bilder zu erraten, die unserer warten. Varadol erinnerte uns an alle Forschungen und Beweise O'Tamors, nach denen die entgegengesetzte Seite des Mondes durchaus den Bedingungen zum Leben genügen und dabei interessant und über alle Beschreibung erhaben sein sollte. Wir sagten uns, wenn dort dieselben Berge sind, die jetzt am Horizonte im Sonnenschein vor uns erglänzen und außerdem noch frisches Grün und Wasser, lohnt es wohl der Mühe, dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer zurückzulegen, um diese Herrlichkeiten zu sehen. Wir unterhielten uns lebhaft und Tomas und Martha, wie gewöhnlich fest aneinandergeschmiegt, entwarfen rosige Pläne für das zukünftige Leben in diesem Paradies. Sogar Selena begann, als sie die munteren Stimmen hörte, fröhlich zu bellen und im ganzen Wagen mit ihren spielenden Jungen herumzuspringen.
So verflossen drei Stunden und wir hatten schon gegen dreißig Kilometer zurückgelegt, als Varadol, der gerade an der Reihe war am Steuer zu stehen, den Wagen plötzlich anhielt. Vor uns erhob sich ein nicht hoher, stumpfer Steinwall, der sich von Süden nach Nordwesten erstreckte. Man hätte den Wall mit Leichtigkeit überwinden können, aber es handelte sich darum, die Richtung genau festzustellen, in der wir uns vorwärtsbewegen sollten. Im Nordwesten erhoben sich wild zerklüftete, mächtige Berge, die wir für die Gipfel des Kraters _Sommering_ hielten. Jener Krater, wie die Astronomen auf Erden diese runden Berge hier bezeichnen, erhebt sich zwar nur eintausendvierhundert Meter über der benachbarten Ebene, während diese Berge uns ungleich höher vorkamen, aber wir schrieben dies der leicht erklärlichen optischen Täuschung zu. Außerdem ist es aber auch möglich, daß wir mit unserem Projektil auf den südwestlichen Teil des _Sinus Medii_, auf die Flachebene, gefallen sind, die sich dem breiten Halbkreis des Zirkus des _Flammarion_ zu öffnet und jetzt zur Rechten den Krater _Mosting_, von der ansehnlichen Höhe von zweitausenddreihundert Metern, vor uns haben. Auf alle Fälle mußte jener Berg von Norden her umkreist werden, um nicht den ursprünglichen Plan zu ändern. Woodbell riet noch einmal astronomische Messungen vorzunehmen zur Festlegung des Punktes, an dem wir uns befinden, aber da wir jetzt keine Minute verlieren wollten, verschoben wir diese Arbeit auf die heißere Zeit, wo wir infolge der großen Glut würden Aufenthalt machen müssen. Wir lenkten also den Wagen direkt nach Norden. Der Weg wurde immer schwieriger und führte allmählich in die Höhe; hie und da trafen wir Spalten an, denen wir ausweichen mußten, öfter ganze Felder von massivem Gestein, dem Gneis ähnlich, mit vielen losgelösten Felsstücken übersät. Wir bewegten uns immer langsamer und mit großer Mühe vorwärts. An einigen Stellen mußten wir, nachdem wir die Luftbehälter angelegt hatten, den Wagen verlassen, um den Weg zu bahnen und die hindernden Felsblöcke fortzuräumen. Wir priesen dabei die geringe Anziehungskraft des Mondes, durch die es uns möglich war, derartige Felsstücke von der Stelle zu rücken. Anfangs belustigte uns sogar diese Arbeit. Jedem erschien der andere Gefährte, wenn er die mächtigen Klumpen bewegte, wie ein Riese. Selbst Martha half mit. Nur Tomas blieb im Wagen zurück, da er vom Fieber, das immer wiederkehrte, wenn auch das Schmerzen der Wunden aufgehört hatte, zu sehr geschwächt war.
Wir entfernten uns auf diese Weise einige Kilometer weit von dem Punkte, von wo wir uns nach Norden gewandt hatten. Zur Linken eine Reihe kleiner und überaus steiler Hügel, hinter denen sich phantastische Gipfel erhoben. Vor uns stieg der Boden immer schroffer in die Höhe und aus dem mächtigen Wall, den er bildete, ragte eine scharfe Bergspitze hervor. Rechts, gegen Osten, erstreckte sich eine Kette gigantischer Berge.
Vierundzwanzig Stunden waren schon seit Aufgang der Sonne verflossen, als wir auf die glatte Fläche von massivem Gestein gelangten, auf der man sich schneller vorwärtsbewegen konnte. Hier beschlossen wir anzuhalten, um auszuruhen. Dabei beunruhigte uns die seltsame Gestaltung der Landschaft immer mehr.
Wir waren bereits überzeugt, daß wir uns in einer anderen Gegend des Mondes als auf dem _Sinus Medii_ befanden. Man mußte demnach endlich genaue Messungen vornehmen.
Nach kurzer Rast machten wir uns an die Arbeit. Peter stellte die astronomischen Instrumente auf. Der Mittelpunkt der Erdscheibe war vom Zenite 6° gegen Osten und 2° gegen Norden entfernt -- wir befanden uns also unter dem 6.° westlicher Mondlänge und dem 2.° südlicher Breite, das heißt, an der Grenze des _Sinus Medii_, neben dem Krater _Mosting_. Was diesen betrifft, so konnte kein Zweifel obwalten. Die Messungen waren ganz genau.
Wir beschlossen weiterzufahren, ohne die Richtung zu ändern. Als wir den Weg antreten wollten, rief Varadol plötzlich:
-- Und unsere Kanone! Wir haben die Kanone zurückgelassen!
In der Tat, jetzt erst erinnerten wir uns, daß unsere Kanone, das einzige und letzte Mittel, uns mit den Erdbewohnern zu verständigen, mit dem Geschoß und der Kugel beim Grabe O'Tamors zurückgeblieben war. Sein Tod und Begräbnis hatten uns so verwirrt, daß wir beim Aufbrechen vergaßen, die für uns so wertvolle Kanone mitzunehmen. Das war ein unersetzlicher Verlust und um so empfindlicher, als nach der Zerstörung der telegraphischen Verbindung mit ihr der letzte Faden zerriß, der uns mit der Erde verband. Wir fühlten uns plötzlich so grenzenlos vereinsamt, als wenn wir uns in diesem Augenblicke wiederum um Hunderte von Kilometern von dem Globus entfernt hätten, der schon Hunderttausende von Kilometern hinter uns lag.
Unser erster Gedanke war umzukehren und die Kanone zu holen. Vor allem bestand Woodbell darauf, da er es für nötig hielt, uns mit der Erde zu verständigen, damit man weiter beabsichtigte Expeditionen nicht aussende, bevor wir nicht mitteilen konnten, daß wir hier mögliche Lebensbedingungen gefunden haben.
Wenn wir umkommen müssen, sagte er, warum sollen noch andere ihr Leben opfern. Ihr wißt doch, daß die Brüder Remogner zur Fahrt bereit sind. Sie erwarten Nachrichten von uns, aber unser telegraphischer Apparat funktioniert nicht. Man muß sie zurückhalten, wenigstens noch für einige Zeit.
Es hatte jedoch seine Schwierigkeiten mit dem Umkehren. Jede Stunde ist von höchstem Werte, da uns im Falle einer Fahrtverlängerung die Nahrungs- und Luftvorräte ausgehen können, wodurch wir zum sicheren Tode verurteilt wären. Wir haben uns so schon durch die Krankheit O'Tamors zu lange aufhalten müssen und wer konnte dafür bürgen, daß wir die Stelle wiederfinden, wo die Kanone zurückblieb?
Varadol bemühte sich, Tomas' Bedenken zu zerstreuen. Die Brüder Remogner, führte er an, werden den Weg doch nicht antreten, wenn sie keine Nachrichten von uns erhalten. Im übrigen weiß man nicht, ob die hinausgeschossene Kugel gerade auf eine Stelle der Erde fällt, wo sie jemand auffindet und die Depesche gelangt vielleicht gar nicht in die Hände derjenigen, für die sie bestimmt ist.
Auch fiel uns noch der Umstand ein, daß wir die Kanone, die lediglich für einen senkrechten Schuß konstruiert war, nur in der Nähe des Mittelpunktes der Mondscheibe gebrauchen könnten, wo sich die Erde im Zenite über uns befindet. Für einen parabolischen Schuß von einer andern Stelle des Mondes aus genügte die Kraft des Geschosses nicht und selbst wenn sie genügen würde, hätten wir keine Möglichkeit, die Kanone genau so aufzustellen, um sicher zu sein, daß die Kugel, eine krumme Linie beschreibend, trotzdem ihr Ziel -- die Erde -- nicht verfehlt. So hätten wir also vielleicht mit einem Schusse weitere Expeditionen aufgehalten, wären alsdann aber nicht mehr imstande, durch einen zweiten Schuß neue Kameraden herbeizurufen, falls wir -- bis zur Grenze der von der Erde aus sichtbaren Mondscheibe gelangt -- dort günstige Lebensbedingungen antreffen sollten. Auf diese Weise wären wir hier zu einer ewigen Einsamkeit verurteilt. Sollten indessen die Brüder Remogner trotz alledem hierher kommen, so würden sie vielleicht einen stärkeren telegraphischen Apparat mit sich führen und wir so durch sie eine dauernde Art der Verständigung mit den Erdbewohnern erhalten.
Alle diese Umstände sprachen dafür keine Zeit mit dem Suchen der Kanone zu verlieren. Nach kurzer Unterbrechung setzten wir daher unsere Reise fort.
Es sind wiederum vierundzwanzig Stunden verflossen und wir hatten schon gegen hundertdreißig Kilometer hinter uns. Die Sonne stand bereits 28° über dem Horizont und die Hitze wurde immer größer. Wir konstatierten dabei eine interessante Erscheinung. Während sich nämlich die Wand des Wagens, die der Sonne zugekehrt war, so erhitzte, daß sie geradezu brannte, war die der Sonne abgewandte Seite kalt wie Eis. Das Gefühl der Kälte hatten wir auch jedesmal, wenn wir in den Schatten irgendeines Felsvorsprunges fuhren, die wir immer häufiger unterwegs antrafen. Der Grund für diese gewaltsamen Übergänge zwischen Wärme und Kälte ist das Fehlen der Atmosphäre, die auf der Erde zwar die direkte Kraft der Sonnenstrahlen vermindert, sich dafür aber selbst erwärmt und diese Wärme gleichmäßig verteilt, weiterleitet und ein zu schnelles Verfliegen derselben durch Ausstrahlen verhindert.
Aus demselben Grunde ist hier jeder Schatten gleichbedeutend mit Nacht. Das Licht, das nicht in der Atmosphäre verbreitet ist, dringt nur an solche Orte, die den Sonnenstrahlen ausgesetzt sind. Hätten wir nicht den Reflex der von der Sonne erleuchteten Berge und das Licht der Erde, müßten wir jedesmal wenn wir in einen Schatten hineinfahren unsere elektrischen Lampen aufflammen lassen.
Wir hatten jene abschüssige glatte Fläche passiert und begannen uns nach Westen zu wenden, um den vermutlichen Krater _Mosting_ zu umkreisen, nur mit großer Mühe und sehr langsam in diesem wilden Gebirgslande vorwärtsdringend.