Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 27

Chapter 271,397 wordsPublic domain

Sie warfen sich mir mit erhobenen Händen zu Füßen; ich fühlte ängstlich fragende, flehende Blicke Jans und seiner Brüder auf mich gerichtet, nur Ada war unbeweglich und scheinbar gleichgültig. Und ich stand, im Innersten erschüttert, zögernd und im Zweifel, was ich sagen und tun sollte. Es war nicht die Möglichkeit eines Überfalles jener Wesen auf die menschliche Mondkolonie, sondern die Kunde selbst, daß hier auf diesem Globus Geschöpfe leben und, wie es scheint, sogar verständige, die mich wanken machte. Einen Augenblick dachte ich tatsächlich daran, auf das letzte Glück zu verzichten, auf die Aussicht, euch, ihr Brüder auf der Erde, Nachrichten von mir zu übersenden, und hierzubleiben unter dem Mondgeschlecht, jene seltsamen Völker kennen zu lernen, die hinter dem Meere wohnen, und von deren Existenz ich jetzt erst erfahren sollte, nach fünfzigjährigem Aufenthalt hier, und im Falle der Not die Nachkommenschaft meiner verstorbenen Freunde vor ihnen zu schützen.

Aber dieses Zögern währte nicht lange. Was gingen mich die Mondvölker, die von der Erde gekommenen und jene, die Überreste irgendeines alten Mondstammes, an, die wie Maulwürfe in Höhlen rings um verfallene Städte wohnen, in denen scheinbar einst ihre Vorfahren stolz regierten? Mögen sie einander bekriegen, mögen sie kämpfen, sich gegenseitig vernichten. Was kümmert es mich? Ich bin alt und weiß nicht, ob ich noch lange genug leben werde, um jene weite Reise über die luftlose Wüste zu überstehen. Soll ich die letzten Kräfte jetzt eines lächerlichen Mitleids willen vergeuden oder für eine kindische Neugierde? Und wer bürgt mir dafür, daß die Erzählung dieser beiden Degenerierten wahr ist? Vielleicht stehen dort gar keine zerfallenen Städte, sondern aufeinandergetürmte Felsen? Vielleicht sind jene angeblichen Mondvölker nur unvernünftige Tiere? Ich bin alt und habe keine Zeit mehr, mich davon zu überzeugen, denn es eilt mir, dort zu sterben am Grabe O'Tamors, im vollen Schein der Erde.

-- Ich kann euch nichts mehr helfen, sagte ich endlich, ihr denkt nur an euch. Ich muß eine unaufschiebbare Fahrt antreten, und mein Weg führt nach einer anderen Richtung als der eure.

-- Ich wußte, daß du so antworten würdest, flüsterte Ada, während ich schon den Fuß auf die Stufen des Wagens setzte. Aber Jan berührte noch einmal meine Knie:

-- Versprich uns nur, rief er, wenn es nicht anders sein kann, versprich uns, daß du zu uns zurückkehren willst, wohin du auch zu fahren beabsichtigst! Wir werden dich erwarten, und der Gedanke an dich wird uns in den Kämpfen aufrechterhalten, die wir bestehen müssen!

Ich zögerte.

-- Wenn ich die Kräfte habe und das Leben noch ausreicht, werde ich zurückkehren!

Ada wandte sich zu der kleinen Schar:

-- Er wird zurückkehren, aber dorthin!

Bei diesen Worten wies sie mit der Hand auf das kleine Segment der Erde, das über dem Horizont glänzte.

Ich war schon im Wagen und hielt die Hand am Steuer, als ihre letzten Worte noch mein Ohr erreichten:

-- Und hierher wird _er_ wiederkehren erst nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden ... wenn die Zeit erfüllt ist ...

Auf Mare Imbrium, unter den Drei Köpfen.

Furchtbar ist der Weg, auf dem ich zu euch eile, ihr Brüder! Starres Entsetzen überkommt mich, wenn ich an die grenzenlose Einsamkeit denke, an die grauenhafte Fahrt über Zerklüftungen, Berge und endlose Wüsten. Ich fuhr durch die Meere der Dunkelheit und habe noch flammende Höllen vor mir, blendende Gluten und unbarmherzige Kälten. Und Leere ... Leere ...

Ein anderer Weg als der, den wir damals zurücklegten, hat mich dieses Mal hergeführt. Da ich die gefahrvolle Kluft in dem _Quertale_, in der ich ein Steckenbleiben des Wagens befürchtete, umgehen wollte, umkreiste ich vom _Mare Frigoris_ aus den Ring des _Plato_ von Westen her und erreichte so die große Ebene, auf der ich bis zum Fuße des _Eratosthenes_ gelangen werde.

Wozu soll ich die Schrecknisse der bisherigen Reise erzählen? Es wartet meiner wohl noch Schlimmeres.

Ich war auch an der Stelle, wo wir einst die Stadt der Toten gesehen haben. Aber ich fand nur eine glatte Wüste dort; weder Felsen noch jene ruinenartigen Steinmassen waren zu erblicken. Haben uns damals die Sinne getäuscht, oder irrte ich mich jetzt in den Berechnungen, so daß ich von fern an dieser verfluchten Stelle vorbeigekommen bin? Oder sollte vielleicht die Karawane der Leichen indessen die Steinzelte abgebrochen haben und weitergezogen sein durch die Wüste -- auf die grenzenlose Ebene des Todes? ...

Die Furcht geht mit mir, die Furcht geht vor mir her, und ich mit meiner grauenhaften letzten Einsamkeit ...

Flammend erhebt sich die Sonne, die verschiedenfarbigen Sterne leuchten am schwarzen Samthimmel -- grausig, fürchterlich ... Und warum soll ich die Stadt der Toten suchen -- ich werde sie sicherlich finden, früh genug -- ist das nicht das Reich des Todes rings um mich her?

Unter dem Eratosthenes.

Noch eine letzte kurze Anstrengung ... Der letzte Berg, der letzte Gipfel ... Ich werde ihn von Westen und Süden umkreisen und so auf den _Sinus Aestuum_ gelangen -- und von dort, vom Steingrabe des greisen O'Tamor ...

Wilde, zerrissene Gipfel vor mir -- und die Erde fast im Zenit, in der Fülle wie eine entfaltete Blume, und die Sonne schon unter mir.

Die Lebensmittel werden noch ausreichen und die Luft, oh, wenn doch auch die Kräfte reichen wollten, sie verlassen mich mehr und mehr ... Ich habe schon lange nicht geschlafen, weder in der Nacht noch in der Zeit der Mittagsglut. Das letztemal als ich ein wenig eingeschlummert war, nach Sonnenuntergang, irgendwo auf der Strecke des _Mare Imbrium_, verfolgten mich im Schlaf verschiedene Stimmen und Erscheinungen. Zuerst glaubte ich, hinter mir das Rufen der armseligen Zwerge zu hören, die mich anflehten, zu ihnen zurückzukehren, um sie vor den Mondbewohnern zu schützen, die über das Äquatormeer gekommen wären und ihnen die Hütten verbrennen und Frauen und Kinder morden ... Kaum war dieser Alp von mir gewichen, erschienen mir die Gestalten meiner verstorbenen Kameraden. Sie begrüßten mich in ihrer Mitte und forderten mich auf, ein Schatten unter Schatten, mit ihnen für ewig die Wüste zu durchirren ... Und endlich träumte mir, daß man mich von der Erde riefe -- und das war die einzige Stimme, der meine ganze Seele Antwort gab.

Ich bin erwacht und gehe dieser Stimme nach, oh, meine Brüder auf der Erde! Ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafe, bis daß es mir vergönnt sein wird, im letzten Schlaf die müden Augen zu schließen.

Das währt nicht mehr lange -- nicht wahr, nicht mehr lange? ...

Am Grabe O'Tamors -- in letzter Stunde.

Gott dem Höchsten sei Lob und Dank! Ich habe den Weg und jene Stelle gefunden, jene verfluchte Stelle, wo unser Fuß zum erstenmal den Boden berührt hat, und ... sie sei gesegnet, -- von wo ich Kunde von mir auf die Erde senden kann.

Ich stehe an der Leiche des Greises O'Tamor und bin erstaunt, daß er jünger ist als ich, frischer, lebendiger. Jahre sind über ihn dahingegangen, ohne ihn zu berühren, wie ein leichter Wind über Granitfelsen dahinweht. Hier in dieser luftlosen Leere gibt es keine Zerstörung: der Greis O'Tamor sieht aus wie in dem Augenblick, da wir ihn verlassen haben und starrt mit weit geöffneten toten Augen unaufhörlich auf die glänzende Erde, während ich, der ich als Jüngling von diesem Grabe fortging, jetzt über ihm gebeugt stehe mit weißem Bart und weißen Haaren und mit Entsetzen in den erlöschenden Augen ... Zu lange habe ich gelebt, Greis O'Tamor! Zu lange habe ich gelebt!

Das Geschütz fand ich; es steht bereit und ist nicht zerstört; es wartete auf mich über fünfzig Jahre ... und ich schreibe die letzten Worte, ehe ich diese Papiere in die Kugel einschließe, die sie auf die Erde tragen wird.

Die Nahrungsvorräte sind schon erschöpft, die Luft wird kaum mehr für zwei oder drei Stunden ausreichen. Ich muß mich eilen.

Seit unserm EXODUS siebenhundertsieben Mondtage.

O Erde! O verlorene Erde! ...................................................................

Hier bricht das Manuskript ab, das in der vom Monde herabgefallenen Kugel gefunden wurde.

Gedruckt bei M. Müller & Sohn in München

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Die Namen der Mondkrater Mösting, Schröter und Sömmering sind im Original ohne Umlaut geschrieben, also Mosting, Schroter und Sommering. Dies wurde so belassen.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 180]: ... frischem üppigen Grün bedeckt waren. Und alles von ... ... frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von ...

[S. 239]: ... -- Jedesfalls steht es schlecht. ... ... -- Jedenfalls steht es schlecht. ...

[S. 349]: ... ganzes Innere sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ... ... ganzes Inneres sich in Schmerz und Mitleid windet, wenn ...

End of Project Gutenberg's Auf silbernen Gefilden, by Jerzy Zulawski