Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 25

Chapter 253,787 wordsPublic domain

Langsam wird alles Traum für mich, mein vergangenes Leben und diese Menschen, die ich dort am Meere zurückgelassen habe; alles das zerrinnt in einen schillernden Traumnebel, durch den in meinem Geiste nur noch das flammende Rund der Erde glänzt.

Ich bin schon voller Ungeduld und möchte sie so schnell wie möglich sehen, da ich die Sehnsucht nicht mehr bemeistern kann. Es ist Nacht und der Schlaf will sich nicht auf meine Lider senken. Ich versuche durch Schreiben die langen Stunden zu verkürzen.

Wir haben zur Nacht hier haltgemacht, wo Peter einst die ersten Petroleumquellen entdeckte. Wie viele Jahre sind seitdem verflossen! Und wieder kehre ich in Gedanken zu diesem Leben zurück, das schon so weit hinter mir liegt. Meine verstorbenen Kameraden stehen mir vor Augen und Martha und ihre ersten Kinder, die ebenfalls nicht mehr leben ...

Ach, fort mit diesen quälenden Erinnerungen, jetzt, da ich meine Kräfte anspannen muß, das Land zu erreichen, von wo ich die Erde sehen werde!

Ich sehnte mich so unsagbar nach dieser Reise und dennoch muß ich zugeben, daß mir die letzten Augenblicke des Abschieds schwer wurden. Wie seltsam ist doch das menschliche Herz und wie stark die Macht der Gewohnheit! Man kann sich, scheint's, selbst an die Gitter des Gefängnisses gewöhnen ...

Am letzten Morgen, als ich kaum die vorhergehende Notiz niedergeschrieben hatte, bemerkte ich, wie sich vor meinem Hause die ganze Bevölkerung dieser Welt versammelte. Sie kamen schweigend, finster und traurig und warteten. Ich zählte sie, am Fenster stehend; es waren alle, mit Ausnahme jener drei. Der Wagen stand bereit.

Ich ließ meinen Blick noch einmal über diese Räume gleiten, in denen ich fünfzig Jahre lang gehaust habe und da ich nicht wollte, daß man diese Wohnstätte als Aufenthalt des Alten Menschen etwa abergläubisch verehrt, steckte ich sie mit allem, was noch darin zurückgeblieben ist und was ich einst gebraucht hatte, eigenhändig in Brand und ging hinaus zu den mich Erwartenden. Eine helle Flamme leuchtete hinter mir durch Tür und Fenster. Es war mein eigener Scheiterhaufen.

Aus dem Munde der Versammelten brach ein gedämpfter kurzer Schrei. Sie schauten auf das brennende Haus und dann auf mich, und keiner rührte sich, um das Feuer zu löschen: Sie fühlten, daß ich es so wollte ... und alle schwiegen.

-- Ich bin heute zum letztenmal unter euch, begann ich, um etwas zu sagen, da mich in dieser Stille, die nur durch das Knistern des Feuers unterbrochen wurde, Wehmut und Trauer befielen. Ich gehe von euch, sagte ich weiter, zu dem Lande, wohin ich schon lange zu gehen beabsichtigte. Ich zweifle daran, daß ich jemals hierher zurückkehren werde, ihr aber, wenn ihr wollt, könnt mich dort aufsuchen, solange ich nicht sterbe.

Die Zwerge schauten immer in Schweigen auf die flammenden Balken des Daches und auf mich; ich sah, daß einigen von ihnen Tränen über die Wangen liefen.

Ich atmete schwer; ich hatte das Gefühl, als wenn eine drückende Last sich auf meine Brust wälzte.

-- Ihr seid alle unter meinen Augen aufgewachsen, begann ich wieder, mit Mühe nach Worten suchend, ihr wart mit mir bis zu diesem Augenblick, und von jetzt ab sollt ihr euch allein regieren. Denkt daran, daß ihr Menschen seid, denkt daran!

Die Stimme versagte mir und ich konnte nur mit äußerster Anstrengung fortfahren:

-- Ich gab euch manche Lehren, vergeßt sie nicht! Ich lasse euch das Buch zurück, das heilige Buch, das ich von der Erde mitgebracht habe, das von der Erschaffung der Welt und von der Erlösung und Bestimmung des Menschen erzählt; lest es oft und lebt, wie es sich gehört.

Ich brach wieder ab, da ich fühlte, daß ich zwecklose Dinge redete.

Da trat ein junges Weib aus dem Kreise hervor und sprach:

-- Alter Mensch, ehe du fortgehst sage, ob es recht ist, daß der Mann die Frau schlägt?

Diese Worte waren wie eine Losung. Im nächsten Augenblick umringten mich Frauen und Männer und begannen mit traurigen Stimmen zu fragen:

-- Alter Mensch, sage, ob es recht ist, daß der ältere Bruder den jüngeren zur Arbeit zwingt, weil er schwächer ist?

-- Sage, ob die Kinder das Recht haben, die Eltern aus der Hütte zu treiben, die sie einst selbst erbaut haben?

-- Sage, ob es billig ist, daß einer aus dem Volke spricht: »Das sind meine Felder!« und anderen nicht erlaubt, die Ernte davon einzubringen.

-- Ob es recht ist, daß einer dem andern die Frau nimmt?

-- Daß er die Handwerkszeuge beschädigt?

-- Daß er sich für die ihm zugefügte Unbill rächt?

-- Daß er zum eigenen Vorteil lügt?

-- Sage, ob das recht ist!

-- Sage es, ehe du fortgehst, denn sowohl du wie die Bücher haben gelehrt, daß man das alles nicht tun solle, und trotzdem geschieht es täglich in unserer Mitte!

Ein stechender Schmerz schnürte mir die Brust zusammen. Dieses Volk verlassend, sah ich nur zu klar, auf welchen Bahnen seine Entwicklung schreiten wird. Vieles vom menschlichen Geiste ist auf dem Wege zum Mond verloren gegangen, aber der menschliche Jammer ist mit uns von der Erde hierhergekommen!

-- Das ist schlimm! antwortete ich endlich. Wenn unter meinen Augen derartige Dinge geschehen sind, was wird erst sein, wenn ich fortgehe?

-- Weshalb gehst du also fort? antwortete man mir.

Diese Frage war so einfach und so furchtbar zugleich. Warum ich fortgehe?

Ich ließ den Kopf sinken wie ein Schuldbewußter, ohne zu wissen, was ich erwidern sollte.

Nur das Knistern des brennenden Hauses war in der Stille zu hören und ein dumpfes, entferntes Dröhnen des Vulkans.

Die Zwerge standen schweigend um mich herum. Sie fühlten scheinbar dasselbe, was ich in jenem Augenblick empfand, daß meine Abfahrt das unabwendbare Schicksal ist, dem man sich vergebens widersetzen würde.

-- Vielleicht werde ich noch einmal zu euch zurückkehren. Lebt indessen in Frieden und menschlich, murmelte ich und wußte gar wohl, daß ich ihnen die Unwahrheit sagte, wie mir selbst.

-- Du wirst nicht zurückkehren, rief Ada, die bis jetzt kein Wort gesprochen hatte.

Und dann, sich zu den Anwesenden wendend, fügte sie mit erhobener Stimme hinzu:

-- Der Alte Mensch verläßt euch!

Es war etwas Grauenhaftes in diesem Schrei, der alle Versammelten wie mit einem Schauer überlief.

-- Es muß so sein! sagte ich dumpf.

Eine Stunde später befand ich mich im Wagen und eilte mit Ada und drei ihrer Neffen gen Norden ...

* * * * *

Den vierten Mondtag sind wir schon unterwegs. Als die Sonne heute aufging, erhob sie sich nicht mehr gerade zur Höhe steigend, sondern schleppte sich am Horizont, gerötet kaum einige Fuß über der bläulichen Linie der Berge im Südosten. Das ist ein Zeichen, daß wir uns dem Ziel unserer Fahrt nähern. Im Norden taucht eine Bergkette vor mir auf; ich unterscheide schon mit bloßem Auge die höchsten, ewig von der Sonne beleuchteten Gipfel und die Schlucht, die das Tor zu der Polarmulde bildet.

Das Herz schlägt mir zum Zerspringen ...

Der heutige Tag wird kein Ende haben, denn in dem Augenblick, da die Sonne auf dieser Halbkugel untergehen müßte, werden wir schon auf dem Pol sein, im Land der ewigen Dämmerung, wo zu jeder Stunde gleichzeitig Morgen, Abend, Mittag und Mitternacht für die verschiedenen Meridiane ist, deren Knotenpunkt man dort unter den Füßen hat.

Und dort -- werde ich die Erde sehen!

* * * * *

Im Polarlande.

Nach vier Mondtagen der Fahrt, gerade zu der Stunde, da die Sonne in den Gegenden an den Warmen Teichen untergehen sollte, kam der große Augenblick. Wir sind durch die Schlucht der Bergkette hindurchgekommen, die die Grenzmauer der Polarmulde bildet.

Mit einer tiefen Rührung betrat ich dieses Land, die Augen nach der Himmelsrichtung lenkend, wo sich mir bald die Erde zeigen sollte, und als ich sie plötzlich in der Spalte der Felsen erblickte, war ich so bis ins Innerste der Seele erschüttert, daß ich zunächst meine Begleiter ganz vergessen hatte. Erst nach einer Weile, als ich mich von den Knien erhob (denn kniend begrüßte ich sie, meine geliebte Heimat, und mit ausgestreckten Händen, wie sie ein Kind der Mutter entgegenstreckt), sah ich auf meine Umgebung. Jan und sein ältester Sohn wie seine beiden Brüder, die mit mir hierhergekommen sind, standen mit entblößten Häuptern, wie versteinert, mit einer heiligen Furcht in den Zügen, die starren Blicke auf das Halbrund der Erde gerichtet; vor ihnen Ada, die Arme zu dem Sterne der Wüste erhoben. Geraume Zeit ging vorüber, bis sie sich endlich zu ihren in Nachdenken versunkenen Kameraden wandte:

-- Von dort ist _er_ gekommen, sagte sie mit gedämpfter Stimme, als wenn sie nicht wollte, daß ich es höre, und dorthin wird er zurückkehren, wenn die Zeit erfüllt ist. Werft euch zu Boden.

Und sie warfen sich zu Boden vor dem Anblick der Erde, auf der ihre Väter einst gelebt haben ...

Nachdem sie sich erhoben hatten, wagten sie es nicht, sich mir zu nähern, und ich rief sie zu mir und begann ihnen mit vor Rührung zitternder Stimme die Erscheinung zu erklären, die sie vor sich hatten. Sie drängten sich um mich, verängstigt, von Grauen geschüttelt, als wenn sie unsicher wären, ob ich mich nicht im nächsten Augenblick über ihre Köpfe erheben und durch die blasse Luft zu diesem hellen Sterne fliegen würde!

Ach, wenn ich es könnte!

Und als ich so zu ihnen sprach, so gänzlich unverstanden, beschäftigte mich plötzlich dieser Gedanke derartig, daß ich unwillkürlich verstummte, auf die Erde starrte und nur noch fühlte, daß ich diesen Menschen hier nichts mehr zu sagen hatte.

Und sie schwiegen lange, bis sie sich endlich, etwas näher zusammentretend, mit den Ellbogen zu stoßen begannen und, auf die Erde zeigend, flüsterten:

-- Sieh, sieh, _er_ ist von dort gekommen.

-- Damals, als es hier noch niemanden gab ...

-- Ja ... _Er_ hat den Großvater Peter hierhergebracht und seine Frau Martha ... Und einen, der der Vater unseres Großvaters war, hat er auf der Wüste tot zurückgelassen ... so lehrt Ada.

-- Das steht nicht in der Heiligen Schrift. Dort ist nur die Rede von Adam, das ist sozusagen Peter, und von ...

-- Still, die Heilige Schrift ist anders ... Die Heilige Schrift hat er ebenfalls von dort mitgebracht.

-- Ja, alles hat _er_ geschaffen; für die ersten Menschen hat _er_ hier Meer und Sonne und Teiche geschaffen ...

Ich wandte mich, als ich diese letzten Worte hörte, schnell um und die halblaut geführte Unterhaltung verstummte sofort.

Ich wollte sie tadeln, aufklären, aber es fiel mir wieder ein, wie vergebliche Mühe das wäre. Ich sagte ihnen deshalb nur, daß sie das Zelt aufschlagen möchten, da wir hier längere Zeit bleiben würden. Und seitdem fließen die Stunden, von der unsichtbaren Sonne auf den rosagefärbten Berggipfeln aufgezeichnet, fließen für sie, scheint es, langsam, für mich aber viel zu schnell dahin!

So teuer ist mir dieses Polarland, daß Angst und Schmerz mich bei dem Gedanken schütteln, dorthin zurückzukehren, dorthin zu den Warmen Teichen. Hier verweilend habe ich den Eindruck, daß ich mich schon im letzten Vorzimmer befinde, fast auf der Schwelle der Mondwelt, daß von hier nur noch ein Schritt durch den interplanetarischen Weltenraum zur Erde ist, und bei Gott, sie lockt mich mehr, diese endlose, tote Wüste hinter den Bergen dort vor mir, als jenes fruchtbare Land, wo ich so lange gelebt habe.

Sogar das Grab Marthas auf der Friedhofinsel zieht mich jetzt nicht mehr dorthin. Ich habe ja hier so viel mehr von ihr um mich als dort ... Hier hat sie mir gehört, obwohl wir niemals miteinander davon gesprochen haben; hier stand sie über meinem Lager gebeugt, als ich krank war, hier wandelte sie mit mir auf den grünen üppigen Wiesen oder kletterte auf die rosigen Berggipfel, und dort ... war sie die Frau eines andern, dort schaute ich nur auf ihren Schmerz und auf ihre Demütigung, selbst gedemütigt und von Schmerz zerrissen.

Wohl ist es mir hier im Polarland, so wohl wie es nur einem Menschen sein kann, der alles verloren hat, sogar die Erde unter seinen Füßen, und, auf einem silbernen Globus zwischen den Himmeln hängend, nur der Vergangenheit lebt und der Ferne und dem Gedanken an das, was unwiederbringlich dahin ist ...

Still, still, du altes, unverbesserliches, ruheloses Herz! Hier hast du das lichte Rund der Erde vor dir, dieselben Wiesen, auf denen sie, die Tote, wandelte, und auch das Grab ist sicher nicht mehr fern -- was willst du noch?

* * * * *

O meine Brüder, dort auf der hellen Kugel, die in diesem Augenblick vor meinen Augen leuchtet!

O meine fernen Brüder! O meine unbekannten und über alles teuren Brüder!

O Erde, lichter Stern, Freude meiner Augen, flammende Leuchte über den Wüsten!

Erde, du Paradies der höchsten Wonnen! Wahrhaftes Kleinod, lichter Smaragd, in die lasurblauen Meere gefaßt, o herrlichste Blume, duftender Weihrauch! Wie Vogelstimmen tönende Harfe!

O Erde! Erde! Heimat! Verlorene Mutter!

Schluchzen hebt mir die sehnsuchtsvolle Brust, und ich habe keine Tränen mehr, dich zu beweinen, Stern, über Wüsten leuchtend! Welt, über alle anderen der glühendsten Liebe wert!

Zu dir strecke ich meine Arme aus, ich, der dir so Ferne, der unglücklichste deiner Söhne und der einzige, dem du dich jetzt in deiner goldenen Gestalt zu zeigen geruhst! Stern unter den Sternen am Himmel!

Ich bete zu dir, einsam und verlassen, ich, den du als Kind kanntest, und der grau geworden ist, nicht auf deinem Mutterschoß:

Erde!

Vergib, daß ich mich von dir abwandte, durch die Begierde nach Erkenntnis, die du selbst in mir großgezogen, getrieben und verwirrt. Von dem Silbergesicht dieses toten Globus verführt, den du vor Zeiten von dir geworfen, daß er deine Nächte erleuchte und deine Meere einwiege!

Ich flehe zu dir, dein für ewig verlorener Sohn, dem du alles Gute gegeben, die menschliche Gestalt und den denkenden Geist, Blumen, die seine Augen erfreuen, und Vögel, an deren Gesang er sich laben konnte, und Brüder, daß er Schmerz und Freude mit ihnen teile; der verlorene, grausam bestrafte, nie mehr zu dir zurückfindende Sohn und der Kinder schlechtestes auf deinem breiten Schoße:

Erde!

Vergiß mich nicht! Leuchte meinen Augen, ehe sie der Schleier des ersehnten Todes umhüllt! ...

Ich trinke, verschlinge mit der ganzen Seele dein Licht! Berausche mich mit deinem gesegneten Lichte!

Dein Licht, zurückgeworfen vom Lasurblau der Meere, von schneeigen Gipfeln und grünen Gefilden, von den kleinen schimmernden Blättern der Bäume, von blühenden Kelchen, vom Tau, der auf den Wiesen dort leuchtet, von Bauernhütten und von ragenden Türmen der Kirchen, von menschlichen Zügen, die in Nachdenken versunken zum Himmel schauen, Hunderttausende von Meilen hat es durchflogen, durch die ewige Wüste zu mir eilend, und ist mir jetzt alles: das Lasurblau deiner Meere und das Grün deiner Fluren, des Taues Glanz, wie der Blumen prächtigste Farbe und des menschlichen Geistes Widerschein, der sich in den zum Himmel gewandten Augen spiegelt!

O Erde, meine Erde!

Wann wird mein Geist, von der körperlichen Hülle befreit, endlich auf diesen leuchtenden Saiten, die zwischen dir und der furchtbaren Welt hier gespannt sind, zu deinem Mutterschoß zurückgelangen und in balsamischen Lüften alles mit Küssen bedecken, was er geliebt und wonach er sich so grenzenlos sehnt!

O Erde!

VI.

Ich habe seltsame Ahnungen, daß ich bald sterben werde. Dieser Gedanke umkreist mich beständig; die Luft ist voll von ihm und die blutigen Sonnenstrahlen, der Himmel erscheint gleich einem weichen Schleier, und die Erde leuchtet wie eine silberne Lampe im Grabe. Niemals fühlte ich so wie jetzt, daß der Tod nahe ist.

Ohne Schmerz, ohne Leid und ohne Unruhe denke ich daran, aber -- was erstaunlicher ist -- auch ohne Freude, die doch die endlich nahende Erlösung in mir erwecken müßte ...

Es scheint, daß mir noch etwas zu tun übrig bleibt, etwas ungemein Einfaches und ungeheuer Wichtiges, worauf ich jedoch nicht kommen kann. Und das bedrückt mich, und das ist die Ursache, daß ich ihn nicht mit Freuden begrüße -- den Tod-Erlöser!

Im Traume höre ich, wie sie mich rufen von der Erde. Und ich, ebenfalls im Traume, antworte ihnen jedesmal: Ich sehne mich so maßlos danach, zu euch zu gehen, aber ich finde mich nicht zurecht ...

Führt nicht der Weg auf die Erde dort durch die luftlose Wüste? ...

* * * * *

Ich war vor kurzem auf dem Berge, von dem aus ich mit Peter auf die Sonnenfinsternis geschaut habe und dann auf den See, der plötzlich die ganze Polarmulde überflutete.

Ich habe Ada auf diesen Ausflug mitgenommen; sie bat mich darum, als sie gesehen, daß ich öfter auf die benachbarten Berge steige, um auf die Erde oder die Wüste zu blicken, die hier schon an der Grenze des Horizontes sichtbar ist. Sie drängte mich, daß ich sie einmal mitnehmen möchte, damit auch sie betrachten könne, worauf ich schaue und wonach ich mich sehne. Als sie heute mit mir ging, legte sie die feierlichsten Priestergewänder an und sagte zu Jan, daß sie auf die Heimat des Alten Menschen schauen werde. Unterwegs mußte ich über ihre Würde lachen; wenn man sie ansah, schien es, daß sie auf diesen Berg schreite, um ein heiliges Opfer darzubringen. Ich glaube, daß die Leute, die wir in dem Zelt im Tal zurückließen, zum wenigsten davon überzeugt waren. Sie blickten ihr mit Bewunderung und Ehrfurcht nach. Schweigend erstiegen wir den Berg. Das Lachen, das sich unwillkürlich in mir geregt hatte als ich Adas Priestergewänder gewahrte, ist davongeflogen, weit, weit fort von mir; ich habe sogar vergessen, daß dieses Geschöpf hinter mir ging. Ich sah nur noch die Erde, die sich langsam, je nachdem ich vorwärtsschritt, über dem Horizonte erhob, und auf die Sonne, die, hier schon sichtbar, wie eine rote Kugel auf der gegenüberliegenden Seite des Horizontes stand. Unter meinen Füßen breitete sich ein wahrer Teppich von Pflanzen, die dem Heidekraut ähnlich und von der Sonne rosig gefärbt waren, über meinem Haupte der blasse, erloschene Himmel.

Eine seltsame Empfindung überkam mich! Es schien mir, daß ich mich, diesen Berg ersteigend, schon für immer von den Mondleuten entfernte und von dieser ganzen mir so widerwärtigen Welt; es schien mir, daß ich wirklich ein geheimnisvoller Alter Mensch bin, der sein schweres Werk vollbracht hat und jetzt zu der Heimat zurückkehrt, dort inmitten der Sterne ... Und die rotglühende Sonne liegt schon in meinem Rücken und nimmt Abschied von mir auf dieser Welt, die mir nur Mühe und Schmerz und Qual gewesen, und die Erde erhebt sich vor mir, mächtig, hell erstrahlend, bereit, mich in ihren lichten Schoß aufzunehmen ...

Ich stand auf dem Gipfel des Berges und erkannte, mich in den Anblick der Erdscheibe versenkend, in der klaren Luft den vorübergleitenden hellen Keil Europas. Er war deutlich sichtbar, obwohl Wolken, die über Frankreich und England glitten, seine Konturen von dieser Seite her verwischten ... Aber die breiten polnischen Ebenen im Osten glänzten wie ein glatter silberner Spiegel, von der einen Seite an den dunklen Streifen des Baltischen Meeres gelehnt, von der anderen an die Kette der Karpathen, deren Gipfel jetzt wie eine Schnur kostbarer Perlen schimmerten. Die Erscheinung meiner Heimat an dem blauen Himmel war so unerwartet und bezaubernd für mich, daß ich einen Augenblick mit zurückgehaltenem Atem, ganz Auge geworden, dastand, bis ich plötzlich wie ein Kind in Weinen ausbrach und auf mein Antlitz fiel -- dort oben auf dem Gipfel des Mondberges.

Als ich mich nach geraumer Zeit erhob, sah ich mit Staunen, daß Ada zu meinen Füßen kniete und helle Tränen über ihr Gesicht herabflossen.

-- Was ist dir? frug ich fast gedankenlos.

Sie aber, statt mir zu antworten, umfaßte meine Knie und weinte herzzerreißend. Endlich hörte ich aus ihrem Schluchzen die abgerissenen Worte heraus:

-- Du bist unglücklich, Alter Mensch.

-- Und deshalb weinst du?

Sie erwiderte nichts, unterdrückte nur ihr Schluchzen und starrte auf die goldene Scheibe der Erde.

Und wieder verfloß eine lange Zeit in Schweigen.

Dann erhob Ada das Haupt und schaute mir mit einem eigenartig durchdringenden Blick in die Augen.

-- Hier auf dem Monde ist alles traurig und unglücklich, sogar du, sagte sie. Weshalb bist du hergekommen? Weshalb von diesem Sterne ...

Sie brach ab und fuhr nach einer Weile fort:

-- Meine Eltern sind gestorben. Und warum stirbst du nicht?

-- Ich weiß es nicht.

Ich sagte die Wahrheit; ich weiß in der Tat nicht, warum ich nicht sterbe ...

Und wieder überkam mich die schreckliche Angst, denn ich mußte an jenes furchtbare Mondmärchen denken, daß ich niemals sterben würde.

Ada antwortete, wie zu sich selbst sprechend:

-- Denn du bist der Alte Mensch. Und trotzdem bist du unglücklich.

-- Gerade deswegen, entfuhr es mir unwillkürlich.

Als wir den Berg hinabstiegen, gewahrte ich plötzlich an einer Biegung das Zelt Jans und der Kameraden, das an derselben Stelle aufgeschlagen war, an der einst unser Zelt gestanden, und eine Täuschung gaukelte mir vor, daß mich in diesem Zelt Martha, den kleinen Tom an der Brust, erwarte und Peter, wie gewöhnlich in Nachdenken versunken, aber noch jung und nicht gebrochen wie dort am Strand des Meeres.

Dieses berauschende Traumbild wurde durch den Anblick der Zwerge, die sich um das Zelt zu schaffen machten, grausam zerstört.

Als ich sie erblickte, blieb ich voll Widerwillen stehen. Ada bemerkte es.

-- Du willst nicht zu ihnen gehen, Alter Mensch? fragte sie.

Was sollte ich antworten? Ich sah mich unwillkürlich nach der Erde um und schritt ins Tal hinab: nur noch ein kleines Segment von ihr war am Horizont sichtbar.

Ada fing meinen flüchtigen Blick auf und legte flehend die Hände zusammen:

-- Nein, nein, noch nicht jetzt! Sie brauchen dich noch.

Sie fürchtete, daß ich dorthin zu meiner Heimat gehen wollte.

-- Denkst du, daß ich auf die Erde zurückkehren kann? sagte ich.

-- Du kannst alles, was du willst, antwortete sie -- aber ... wolle nicht!

Als ich ermüdet und niedergedrückt zum Zelt zurückgekehrt war, legte ich mich nieder, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Vor allem ließ mich einige Stunden hindurch das Flüstern meiner Begleiter hinter der Zeltwand keine Ruhe finden. Sie umringten Ada und frugen sie nach mir aus, was ich während meines Ausfluges gesprochen und getan hätte ... Ihr Geschwätz peinigte mich und als ich endlich eingeschlafen war, träumte mir von vergangenen Zeiten, von Martha, von der Mondwüste und von der Erde! ... Von der Erde ...

Ach, wie mich diese Träume quälen ...

* * * * *

Ich möchte allein sein. Diese Menschen, die mit mir hierhergekommen sind, ermüden mich unsagbar. Es scheint mir, daß sie unaufhörlich zwischen mir und der Erde stehen und einen Schatten auf meine Seele werfen ...

Sie indessen denken nicht einmal an die Abfahrt! Sie haben es sich bequem gemacht auf der Ebene, richten sich ein, tragen Vorräte zusammen, als wenn sie sich dauernd hier niederlassen wollten. Geben sie sich etwa der Täuschung hin, daß es ihnen mit der Zeit gelingen werde, mich zur Umkehr zu bewegen?

Wer weiß, ob nicht Ada bei alledem die Hand im Spiele hat? Immer mehr staune ich über diese Frau. Manchmal weiß ich tatsächlich nicht mehr, ob ich es wirklich mit einer Irrsinnigen zu tun habe, so anders erscheinen mir neuerdings ihre Handlungen und Worte. Oder ist es etwa nicht wunderbar, daß diese Wahnsinnige eigentlich die Verständigste von all den hier Geborenen ist?

Und übrigens, was kümmert es mich? Ich bin doch ein Mensch aus einer anderen Welt, der fertig ist mit dem Leben und so müde, so furchtbar müde durch das, was dieses Leben ihm brachte.

Oh, wenn sie mir doch endlich Ruhe geben und fortziehen und mich allein lassen wollten!

O Erde, Erde! Du weißt nicht, wie schwer es mir ist, ohne dich zu leben, und wie gerne ich sterben möchte! Morgen, heute, sofort ...

* * * * *