Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 24

Chapter 243,762 wordsPublic domain

Nicht gerne denke ich an das weitere Zusammenleben Toms mit den Schwestern. Er war nicht gut zu ihnen, obwohl sie ihn unveränderlich bis zum letzten Atemzug liebten. Er verlangte zu viel von ihnen und war zu despotisch. Sogar ich hatte den alten Einfluß auf ihn verloren. Zum Teil waren diese unerquicklichen Verhältnisse auch die Veranlassung, daß ich zum zweitenmal nach dem Polarlande wanderte und diesmal Ada mit mir nahm.

Nach meiner abermaligen Rückkehr beginnt schon, wie ich glaube, der Anfang dieses letzten Aktes meiner Mondtragödie, der bis auf den heutigen Tag dauert. Der furchtbare Tod Rosas, Adas Wahnsinn, später der Tod Toms und Lillis bedrücken mich unsagbar. Die Sehnsucht nach der Erde und die entsetzliche Einsamkeit martern und quälen mich mit jedem Tage mehr, obwohl die Zahl der Menschen hier auf dem Monde immer größer wird.

Tom hatte mit seinen beiden Frauen eine zahlreiche Nachkommenschaft, sechs Söhne und sieben Töchter, von denen die jüngste einige Mondtage nach der Geburt gestorben ist. Noch zu Lebzeiten der Eltern Jans hat sich der älteste Sohn Rosas, ungefähr fünfzehn Jahre zählend, mit der Tochter Lillis verheiratet; später haben sich alle in dem Maße des Zuwachses gepaart. Heute, nach dem Tode Toms, sind sechsundzwanzig Enkel vorhanden, darunter zwei Urenkel, die Kinder von Jans ältestem Sohn, der schon seit zwei Jahren verheiratet ist, also zusammen zweiundvierzig Menschen, die diesen Globus bevölkern. Ihre Niederlassungen errichten sie längs dem Meeresstrande nach Westen zu, und mit ihrem Aufblühen schreitet auch die »Zivilisation« vorwärts. Häuser erheben sich, Schmieden und Hundezwinger.

Ich blieb in dem alten Haus an den warmen Teichen und werde hier wohl bis zum Tode bleiben, den ich so heiß herbeisehne! Und so bin ich schon eine Ausnahme auf dieser seltsamen Welt, wo die Menschen, von der Erde verpflanzt, so früh reif werden und so früh sterben ...

IV.

Ich glaube, ich wäre ruhiger, wenn ich den Menschen auf der Erde ein Zeichen geben könnte, daß ich hier lebe und an sie denke. Das ist so wenig, und es würde mich so namenlos glücklich machen!

Es ist doch furchtbar, wenn ich bedenke, daß mich viele Hunderttausende von Kilometern, eine interplanetarische Strecke, die noch niemals zurückgelegt wurde, von dieser Scholle aus Stein und Lehm, auf der ich geboren bin, trennen!

Wie viel zufriedener müssen diese Zwerge hier sein, deren Gedanken nur damit beschäftigt sind, ob die Fischerei auf dem Meere reichlich ausfällt, der Salat gut aufwächst und die verwilderten Hunde nicht die eiertragenden Eidechsen in den Umzäunungen zerreißen ...

* * * * *

Heute habe ich einige Stunden auf der Friedhofinsel zugebracht ... Früher, vor vielen Jahren, saß ich dort gerne und dachte über die Vergangenheit des heute erloschenen Mondglobus nach; jetzt zieht es mich wieder oftmals dorthin, aber wenn ich auf dem mit Gräbern bedeckten Hügel am grünen Meere sitze, denke ich nur an Martha, Peter, Tom und an mich selbst und wann ich wohl endlich, endlich neben ihnen ruhen werde. Gerade heute, als ich so dort bei ihnen saß und auf die stille Meeresoberfläche blickte, überfiel mich ein so grenzenloses Leid, ein so trostloses Weh, daß ich wie ein Kind zu weinen begann und die Hände ausstreckte zu den Gräbern und sie bat, sich zu öffnen und zu mir zu sprechen oder mich in ihre Gesellschaft aufzunehmen.

Ich fühlte, daß es mir unmöglich ist, länger zu leben. Was hält mich auch noch auf dieser Welt? Schmerz, Leid, Sehnsucht, die furchtbarste Vereinsamung, alles das habe ich zur Genüge ausgekostet; seit langem bin ich niemandem mehr unentbehrlich: Nun ist es Zeit zum Fortgehen!

Ja, es ist Zeit! Ich will nur einmal noch die Erde sehen, auf diese helle Kugel schauen, die am Himmel hängt, auf die Erdteile, die langsam darüber kreisen und die dahingleitenden weißen Flecke der Wolken. Ich will noch einmal das Auge anstrengen, vielleicht erkenne ich das Land, wo ich geboren bin, und dann ...

Als ich zum Strande zurückruderte, war mein Entschluß gefaßt. Ich werde zum Polarlande gehen, um auf die Erde zu schauen.

Ich näherte mich meinem Hause und legte mir in Gedanken die ganze Fahrt und die dafür nötigen Vorbereitungen zurecht. Auf der Schwelle des Sommerhäuschens fand ich Ada. Sie war zu der gewöhnlichen Stunde gekommen, und als sie mich nicht antraf, wartete sie geduldig auf meine Rückkehr.

Mein Herz war so voll von der Hoffnung, die Erde, wenn auch nur von ferne, wiederzusehen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte, Ada meine Absicht mitzuteilen.

-- Höre! rief ich, als sie mich begrüßte, bald werde ich von euch gehen!

Sie sah mich mit dieser geheimnisvollen Würde an, die sie mir gegenüber stets bewahrt, und antwortete nach einem kleinen Zögern:

-- Ich weiß, daß du fortgehst, wenn du willst, Alter Mensch ... aber ...

Noch niemals hatte mich die seltsame Art dieser Geschöpfe, mit mir umzugehen, an die ich mich schließlich schon hätte gewöhnt haben müssen, derartig aufgebracht. Im ersten Augenblick schnürte sich mir das Herz im Gefühl der Vereinsamung und Bitterkeit zusammen und dann packte mich ein unbezwinglicher Zorn.

-- Genug dieser Narrheiten, rief ich, mit dem Fuß stampfend. Ich werde fortgehen, wann es mir gefällt und wann ich will, aber daran ist nichts Geheimnisvolles, nichts Ungewöhnliches! Geh zu Jan und sage ihm, daß ich morgen früh die Hunde für den Wagen haben will; ich fahre zum Polarland.

Ada sprach kein Wort und entfernte sich, um meinem Befehl nachzukommen.

Ungefähr zwei Stunden später bemerkte ich eine ungewöhnliche Bewegung vor meinem Hause. Jan und die Kinder, mit einem Wort, alle, die Frauen nicht ausgenommen, hatten sich versammelt und standen entblößten Hauptes, schweigend und ängstlich auf meine Tür blickend. Ada trat aus ihrer Gruppe heraus und blieb auf meiner Schwelle stehen. Sie war in feierlicher Kleidung: einen Kranz in den Haaren, von dem Halse bis zu den Hüften herab hingen Schnüre von blutigrotem Bernstein und blaue Perlen; in der Hand hielt sie einen Stab, aus den Wirbeln eines Hundes, die geglättet auf einen langen Kupferdraht gesteckt waren.

-- Alter Mensch, wir wollen zu dir sprechen!

Eine unbeschreibliche Wut erfaßte mich. Ich wollte die an der Wand hängende Riemenpeitsche ergreifen und diese Horde, die mit einem solchem Pomp zu mir gekommen, auseinandertreiben; aber dann taten sie mir wieder leid. Was können sie dafür.

Ich hielt mich zurück und trat vor das Haus, in der Absicht, noch einmal den Versuch zu machen, ihnen vernünftig zuzureden. Der wilde Lärm des Beipflichtens, der sich nach Adas Ansprache erhoben hatte, verstummte sofort, als ich auf der Schwelle erschien. Man hörte in der Stille nur noch den jüngsten Enkel Jans leise weinen und das erstickte Flüstern der Mutter: Still, still, der Alte Mensch wird unwillig ...

Da überkam mich das Gefühl eines grenzenlosen Mitleids.

-- Was wollt ihr von mir? sagte ich, Ada zur Seite schiebend.

Jetzt trat Jan vor. Er schaute mir eine Zeitlang mit dem Blick eines ratlosen, verängstigten Zwerges in die Augen und sagte schließlich, nachdem er sich umgesehen, um aus den Mienen der Kameraden Mut zu schöpfen:

-- Wir wollten dich bitten, Alter Mensch, daß du noch nicht von uns fortgehen möchtest.

-- Ja, ja, gehe noch nicht von uns! wiederholten flehend über dreißig Personen.

Es lag eine solche Angst und eine derartig inständige Bitte in ihren Worten, daß ich mich von einer tiefen Rührung ergriffen fühlte.

-- Und was liegt euch daran? sagte ich, diese Frage mehr mir selbst als ihnen vorlegend.

Jan dachte eine Weile nach und begann dann langsam, mit sichtlicher Mühe, seine unklaren Gedanken und Empfindungen zusammenzufassen:

-- Wir wären allein ... Es würde die lange Nacht und die große Kälte kommen. Oh, die böse Kälte, die wie ein Hund beißt, und wir würden allein sein ... Dann würde die Sonne aufgehen, und du wärest nicht bei uns, Alter Mensch ... Ada -- hier blickte er auf die neben ihm stehende »Priesterin« -- Ada sagte uns, daß du dich mit der Sonne kennst und noch mit einem anderen Stern, der größer ist als die Sonne und geheimnisvoll und manchmal schwarz und dann wieder hell erscheint, den sie gesehen hat, als sie mit dir dort war im Norden ... Sie sagte, daß du von dort gekommen bist, und wenn du ihn siehst, zu diesem Sterne sprichst, in einer heiligen Sprache, dieselbe, in der wir zu dir sprechen müssen. Wir fürchten uns, daß du von dort nicht wieder zu uns zurückkehren könntest, denn wir würden allein bleiben. Wir bitten dich also ...

-- Ja, ja, wir bitten dich, bleibe bei uns! riefen die Zwerge, den Satz Jans beendend.

Eine Zeitlang stand ich ratlos, ohne zu wissen, was ich ihnen antworten sollte. Die Männer und Frauen umringten mich, streckten die Hände aus und baten mit angstvollen Stimmen:

-- Bleibe bei uns, bleibe!

Ich fühlte, daß es zwecklos wäre, ihnen jetzt zu wiederholen, was ich ihnen schon so oft gesagt hatte, daß ich ein gewöhnlicher Mensch sei, durchaus mit keinen geheimnisvollen Kräften begabt und ebenso wie sie alle dem Tode verfallen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte; in den Ohren tönte es mir nur unaufhörlich, gleichmäßig wie eine Litanei: Bleibe bei uns!

Ich schaute auf Ada. Sie stand abseits in ihrem Priestergewande, mit einer außerordentlichen Würde in der ganzen Gestalt, aber es schien mir, daß ich auf ihren Lippen ein Lächeln bemerkte -- halb spöttisch, halb wehmütig ...

-- Weshalb hast du sie hierhergeführt? frug ich.

Sie lächelte wieder und erhob die bis jetzt gesenkten Augen.

-- Du hörst doch, Alter Mensch, was sie von dir wollen.

Rings umher dröhnte es unaufhörlich: Bleibe bei uns.

Das war mir zu viel.

-- Nein, rief ich hart, ich werde nicht bleiben! Ich werde nicht bleiben, denn ...

Und abermals wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Wie konnte ich ihnen erklären, daß ich gehe, um die Erde zu sehen, den mächtigen und hellen Stern, nach dem ich mich so grenzenlos sehne, ohne sie in dem wahnsinnigen Irrtum zu bestärken, daß ich ein übernatürliches Wesen bin? ... Inzwischen war es still geworden. Ich blickte auf die Versammelten und bemerkte, daß diese Zwerge weinten! Sie weinten bei dem Gedanken, daß ich sie verlassen würde! Sie riefen nicht mehr, sie baten nicht, aber in ihren tränenvollen, auf mich starrenden Augen lag die Demut eines Hundes und ein Flehen, das lauter sprach als alle Worte. Sie dauerten mich unbeschreiblich.

-- Ich werde von euch gehen, sagte ich mit weicher Stimme, aber noch nicht jetzt. Ihr könnt ruhig schlafen!

Ich hörte etwas wie ein Seufzen der Erleichterung, das sich ihren Kehlen entrang ...

-- Und wenn ich einmal die Reise antrete, fügte ich hinzu, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, die Reise, dort nach Norden, wo der schönste Stern leuchtet, von dem ihr von mir und von Ada gehört habt, dann werde ich auch euch mit mir nehmen, damit ihr ihn seht und später euren Kindern und Kindeskindern davon erzählen könnt.

-- Du bist groß, Alter Mensch, groß und gnädig! antworteten mir zahlreiche freudige Stimmen. Gehe nur nicht von uns auf diesen Stern, von dem du sprichst!

-- Wenn ich fortgehen könnte, seufzte ich unwillkürlich, aber leider bin ich nur ein Mensch, so wie ihr.

In der Gruppe der Zwerge entstand eine Bewegung. Sie schauten sich untereinander an, und es schien mir, daß ich auf ihren breiten Lippen etwas bemerkte, das einem schnellen Lächeln des Einverständnisses glich und sagen wollte: Wir wissen schon, wir wissen! Ada hat uns gesagt, daß der Alte Mensch aus irgendeinem unerklärlichen Grunde nicht will, daß wir wissen sollen, daß er ... der Alte Mensch ist ... Von neuem erfaßte mich der Mißmut; ich wandte mich um und ging in das Zimmer. Vor dem Hause entstand Lärm. Ich sah durch das Fenster, wie sich alle um Ada scharten, die lebhaft etwas erzählte, wahrscheinlich von mir und meiner Übernatürlichkeit.

Augenblicklich ist es nicht weit bis zum Sonnenuntergang, und das Mondvölkchen hat sich schon längst in seinen Häusern zerstreut, die sich in langer Reihe an den steinigen, nach Südwesten laufenden Ufern der warmen Teiche erheben. In einigen Stunden werden sie sich zu einem langen Schlafe niederlegen und wahrscheinlich von der ihnen vom Alten Menschen versprochenen Fahrt träumen und von der Erde, dem mächtigen, seltsamen und unbekannten Stern, den sie nur aus den Erzählungen kennen ...

* * * * *

In einigen Stunden werde ich das einzige wachende Wesen auf dem Monde sein.

Aber jetzt ist überall noch Leben. Ich sehe durch das Fenster, wie sich vor dem Hause Jans seine Söhne zu schaffen machen; nicht weit davon beenden die Frauen in aller Eile das Einsammeln der Nahrung vor der bald hereinbrechenden Nacht.

Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, mich noch länger unter diesem Völkchen aufzuhalten; aber da gibt es kein Überlegen mehr, denn ich habe ihnen versprochen, daß ich noch bleibe.

Und nur einen Trost fühlt mein altes, schwergeprüftes Herz -- lange wird es nicht mehr schlagen müssen. Noch einige Tage, einige Mondtage höchstens, und dann ziehe ich gen Norden, zum Polarland, um dort das Leben zu beenden, -- den Blick auf die geliebte Erde gerichtet.

Diese Zwerge werden sich an mein Versprechen erinnern, ich weiß es, und mich begleiten wollen. Und so werde ich einige von ihnen mitnehmen auf diesen letzten Weg; mögen sie die Erde sehen und dann zu den Brüdern zurückkehren -- ohne mich.

Eine quälende Sehnsucht drückt mich. Es tut mir leid, daß ich nachgegeben und ihnen versprochen habe, noch hier zu bleiben. Der Gedanke ängstigt mich, es könne mir in kurzer Zeit vielleicht schon an Kraft und Leben fehlen, die Reise nach dem Lande, wo ich die Erde vor Augen habe, anzutreten.

Aber nein, meine Kräfte werden noch genügen! Ich wundere mich manchmal selbst über die Frische und Unverbrauchtheit meines Organismus. Ich nähere mich nun fast dem hundertsten Jahre, und es scheint, daß mich jeder Tag, statt meine Kräfte zu erschöpfen und meine Gesundheit zu untergraben, nur noch mehr stärkt und fester macht.

Und wiederum denke ich unwillkürlich an jene zugleich lächerliche und entsetzenerregende Überlieferung, die unter diesem Volke verbreitet ist, daß ich niemals sterben werde.

Ein furchtbarer Gedanke! Denn leider kann sich nur die physische Natur des Menschen an ihr Widersprechendes gewöhnen, die Seele niemals! Mein Schmerz und meine Sehnsucht werden nie verblassen, im Gegenteil, sie wachsen unaufhörlich ins Ungeheure, Riesenhafte.

Ich jage diesen Gedanken von mir und denke nur noch mit einem heißen Glücksgefühl daran, daß ich in einigen Mondtagen die Erde sehen werde. Das Herz schlägt mir dabei, als wenn ich ein zwanzigjähriger Jüngling wäre, der zu einem Stelldichein mit einer erträumten und über alles geliebten Beatrice geht, mit der er bisher nur in Träumen zu sprechen gewagt hat.

Aber ich weiß, meine Geliebte wird kalt sein, stumm und unerreichbar; ich werde sehnsuchtsvoll die Arme nach ihr ausbreiten und sie durch die undurchdringlichen Himmelsräume rufen, sie wird weder meine Stimme hören noch mir irgendeinen Gedanken, noch eine Erinnerung weihen.

Es ist etwas Seltsames und zugleich Ungeheuerliches, den Gegenstand seiner Sehnsucht am Himmel zu haben. Es dünkt mich, daß ich an diesen entfernten, von hier aus unsichtbaren heimatlichen Stern mit einem langen Faden, der um mein Herz geschlungen ist, gebunden bin, der sich in die Unendlichkeit ausdehnen, aber niemals reißen kann. Und so an diese unerreichbare Welt gebunden, fühle ich, daß mir der Boden unter den Füßen fremd ist und immer fremd bleiben wird.

Ja, es ist etwas Furchtbares um die Liebe zu den Sternen! Denn die Erde ist für mich nur noch ein Stern, den ich über alles liebe. Wenn es Geister gibt, die von erhabeneren und lichteren Welten, von flammenden Sonnen vielleicht auf dunkle Planeten herabfallen, so erdulden sie in der Tat, wenn sie die Erinnerung bewahrt haben, die schrecklichsten Qualen, wie auch ich sie erdulden muß.

Wie oft am Tage wiederhole ich mir, daß jenes armselige, von mir so bemitleidete Mondvölkchen der Zwerge, das fast im Staube vor mir, dem Alten Menschen, kriecht, doch tausendmal glücklicher ist als ich.

Jetzt, nachdem sie ihre Arbeit beendet haben, gehen diese Leutchen um ihre kleinen Häuser herum, unterhalten sich, lächeln einander zu und sind heiter und zufrieden. Jan, der durch das natürliche Recht des Ältesten ihr Oberhaupt ist, ruft sie vor dem Abend, wie ich das ein für allemal vor Jahren angeordnet habe, zwecks gemeinsamen Lesens einiger Abschnitte aus den ihnen von mir bezeichneten Schriften, zusammen. Früher, zu Toms Lebzeiten, als Jan noch ein kleiner Knabe war, habe ich diese Abendversammlungen gewöhnlich geleitet, ihnen die Bibel oder andere zum Lesen bestimmte Bücher erklärt und von der Erde erzählt und von den Menschen; aber jetzt zeige ich mich nicht einmal mehr am Versammlungsort, dort unter dem Kreuze, dessen Bedeutung sie kaum verstehen. Warum soll ich zu ihnen sprechen, da sie sich jedes meiner Worte doch nur nach ihrem Sinne deuten und jede Wahrheit durch phantastische Legenden entstellen und verwirren?

Und dennoch, ich muß es mir immer wieder sagen: Sind sie schuld daran? Ist es ihre Schuld, daß sie alles, was sie hören, auf sich beziehen, unfähig, sich in Gedanken über diesen Landstreifen zu erheben, den sie bewohnen? Sind sie schuld daran, daß sie beim Lesen der Bücher der Genesis an ihren Großvater Peter denken, dessen Grab sie auf der Friedhofinsel kennen, und die Augen mit dem Ausdruck einer Götzenanbetung auf mich richten? Daß Menschen eine andere Welt bewohnen können, einen Stern, der denjenigen gleicht, die in der Nacht über ihnen leuchten, halten sie für etwas, woran man glauben muß, weil ich es gesagt habe, aber was sich vorzustellen unmöglich ist.

Ich habe alles getan, um in diesen Menschen die Seele zu wecken, und erst dann meine Bemühungen aufgegeben, als ich mich von der gänzlichen Unmöglichkeit überzeugt hatte. Ich sollte mir daher also keine Vorwürfe machen, und trotzdem fühle ich die auf mir lastende furchtbare Verantwortung für diesen Fall des menschlichen Geschlechts, das mir anvertraut war. Und wiederum die Ironie des Lebens: Sie sind in ihrer Weise glücklich, und ich gräme mich ihretwegen und vergrößere durch eine quälende Sorge um sie meinen nagenden Schmerz und meine Sehnsucht ...

V.

Wieder sind Jahre auf der Erde verflossen, seit ich zum letztenmal diese Blätter in Händen hatte. Heute öffne ich das Tagebuch, um das Datum zu notieren, wo ich dieses Land am Meer für immer verlasse. Ich gehe endlich zum Polarland!

Seit unserm EXODUS sechshunderteinundneunzig Mondtage.

* * * * *

Alles ist schon bereit. Unsern alten Wagen, bis zur Hälfte kleiner gemacht und verbessert, habe ich mit Lebensmitteln und Brennmaterial versehen, die mir für eine lange Zeit des Aufenthaltes im Polarland genügen werden -- länger vielleicht, als ich es benötige ... denn ich bin alt ... Ich sollte heute früh aufbrechen, aber es ist ein Umstand eingetreten, der meine Reise wohl um einen Mondtag verzögern wird.

Die Sache verhielt sich so: Seit Toms Expedition nach Norden zum Äquator, die er fast mit dem Leben bezahlen mußte, hatte ich streng verboten, derartige Reisen zu unternehmen, denn ich war fest überzeugt, daß sie zu keinem Ziel führen und die Teilnehmer nur unnötig in Gefahr bringen. Bisher befolgte man diese meine Anordnung aufs genaueste und ich glaubte bestimmt, daß es immer so bleiben würde, besonders in Anbetracht des geringen Unternehmungsgeistes dieses Mondvolkes, das mit seinem ganzen Interesse nur an den praktischen und alltäglichen Dingen und Lebensbedürfnissen hängt.

Und dennoch habe ich mich getäuscht. Es scheint selbst hierher ein Hauch jenes Feuergeistes von der Erde gedrungen zu sein und verborgen in der Brust dieser Zwerge zu leben; jenes Geistes, der dort den Fortschritt bewirkt und die Menschen zur Entdeckung neuer Weltteile im Ozean fortgerissen hat. Seit einiger Zeit schon bemerkte ich, daß einige der Männer mit sehnsüchtigen Augen nach Norden schauen, über das weite Meer. Sie frugen mich einst, was wohl dort sein könne hinter dem großen Wasser, und ich antwortete ihnen, daß ich es nicht weiß. Sie aber, wie in ihren Mienen deutlich zu lesen war, glaubten nicht daran. Sie hatten mich vielmehr im Verdacht, daß ich es ihnen nur nicht sagen wollte.

Die letzte Nacht verbrachte ich mit Jan an den nahen Petroleumquellen, mit der Zubereitung der Vorräte für die Reise zum Polarland beschäftigt. Als ich am Morgen ans Meer zurückkehrte, mich von dem Mondvolke zu verabschieden, um fern von diesen Gegenden mein Leben zu beenden, erfuhr ich, daß drei Männer, die kräftigsten und kühnsten, meine Abwesenheit benützend, nach Norden gefahren sind, wie mir ihre Frauen erzählten. Sie bauten sich einen Schlitten, brachten darin den zweiten Elektromotor unter und nahmen außer den nötigen Lebensmitteln zwei Hunde und verschiedene Pelze mit. Sie fuhren in der Nacht auf das festgefrorene Meer hinaus, um noch vor dem Morgen an das gegenüberliegende Ufer auf der nördlichen Halbkugel zu gelangen.

Ein wahnsinniges Unternehmen! Ich bin überzeugt, daß sie niemals zurückkehren werden, aber indessen muß ich den Bitten Jans und Adas nachgeben und noch einen Tag warten, um sie zu segnen, wenn sie heimkommen sollten, ehe ich fortgehe.

Ich frug die Frau Kaspars, des ältesten der drei Abenteurer, weshalb sie nach Norden gegangen wären. Sie antwortete, daß sie sehen wollten, was dort sei ... Darüber hinaus konnte sie mir keine Erklärung geben.

Schade um diese Menschen, denn sie werden unzweifelhaft zugrunde gehen und sind tüchtig, wie sie es bewiesen haben.

* * * * *

Endlich kommt der Tag der Abreise heran! Die Sonne ist seit einigen Stunden aufgegangen, und das Eis beginnt zu schmelzen, bald werde ich den Wagen besteigen und nach Norden aufbrechen.

So ohne Leid nehme ich von diesem Lande Abschied, obwohl ich doch weiß, daß ich fortgehe, um nie mehr wiederzukehren.

Ich sehe mich noch einmal nach dem Grabe Marthas, auf der entfernten Insel, um, und es ist mir seltsam weh zumute ...

Gestern vor dem Abend habe ich einige Stunden an diesem Grabe verbracht. Es war mir schwer, mich von ihm zu trennen: Das ist das einzige, was ich auf dieser Welt liebe. Ich habe ein wenig Erde von diesem kleinen Hügel mitgenommen, die will ich an die Lippen pressen, wenn ich allein im weiten Lande sterben werde.

Es ist Zeit, daß ich aufbreche ... Das Mondvolk sammelt sich, um mir Lebewohl zu sagen. Sie murren nicht, sie widersetzen sich nicht, sie wissen, daß es so sein muß. Ada, Jan und zwei seiner Brüder sollen mich zum Polarlande begleiten. Ich konnte ihnen das nicht abschlagen.

Die drei andern sind noch nicht heimgekehrt und werden wohl auch niemals heimkehren. Aber ich will nicht mehr länger warten. Übrigens sind alle meiner Abreise wegen so niedergedrückt, daß sie nicht einmal an sie denken.

Nur Jan hat heute bei Sonnenaufgang ihre Namen erwähnt und hinzugefügt:

-- Es ist ihnen ein Unglück zugestoßen, denn sie sind aufgebrochen, ohne den Alten Menschen um Rat zu fragen.

Ein Schluchzen der Versammelten antwortete ihm.

-- Von jetzt ab werden wir niemanden mehr zu fragen haben, klagten sie und drängten sich weinend um mich.

Fast scheint es mir, daß diese Menschen mich lieben. Eine seltsame Entdeckung -- in diesem letzten Augenblick ...

Aber das alles ist gleichgültig! Es ist Zeit für mich, aufzubrechen!

* * * * *

Unterwegs auf der See-Ebene.

Ach, wie erleichtert atme ich auf, wenn ich bedenke, daß nun das Mondleben hinter mir liegt und vor mir nur noch ein kurzer Aufenthalt im Polarland -- unser erster Aufenthalt einst auf diesem Globus -- und dann -- der Tod im Angesicht der Erde, meiner geliebten, am Himmel leuchtenden Heimat.