Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 22
* * * * *
Ich hatte heute wieder einen Traum, der mich schon seit Jahren unaufhörlich quält und es mit sich bringt, daß ich mich in dieser Welt immer fremder fühle ...
Ich träumte, daß ich auf der Erde war.
Aber heute war das ganz besonders seltsam.
Ich war in der Gesellschaft von Menschen, mit denen ich über die Angelegenheiten des Staates, der Völker, des Fortschritts sprach. Man sagte mir, daß sich die Grenzen einiger Länder veränderten, seit der Zeit, da ich die Erde verlassen habe, daß jetzt andere Rechte herrschen und vieles von dem früheren Glauben hinfällig wurde. All das hatte mich interessiert und ich wollte nach langer Abwesenheit die Erde mit eigenen Augen besichtigen, um mich zu überzeugen, wie es dort aussieht.
Ich machte mich also auf den Weg und ging durch mir einst bekannte Gegenden und Städte. Es hatte sich tatsächlich vieles geändert. Wie ein Vogel durchflog ich die Länder und wunderte mich, daß an Stelle der alten Metropolen Trümmer waren, an Stelle blühender Fluren sah ich Wüsten und Brandstätten, und dort, wo sich einst Wüsten ausdehnten, traf ich Wasser an oder bestellte Felder und Wiesen, die neue Residenzstädte umgaben, in denen starkes Leben pulsierte. Ich machte manchmal halt, um mir bekannte Häuser und Menschen aufzusuchen; ich frug nach Dingen, die sich zu meinen Zeiten zugetragen hatten, aber niemand konnte mir darauf antworten. Man schüttelte nur die Köpfe und sagte: »Wir wissen nichts davon«, oder: »Wir haben es vergessen.«
Entsetzen packte mich und ein unaussprechliches Leid, denn ich sah, daß diese Erde anders geworden ist und der nicht mehr ähnlich sah, die ich gekannt habe.
Scheinbar, so dachte ich im Schlafe, sind nicht nur Jahre, sondern Jahrhunderte verflossen, seit ich von hier gegangen bin; auf dem Monde ist es schwer, die langen, einander ähnlichen Tage zu zählen, ich habe ihrer wohl viele aus dem Gedächtnis verloren ... Ich komme auf die Erde, die ich nicht kenne und die auch mich nicht mehr kennt.
Und plötzlich fühlte ich mich so namenlos unglücklich! Fremd auf dem Monde, auf dem ich mich nicht einleben kann, und fremd auf der Erde, auf die ich durch irgendein Wunder zurückgekehrt bin -- zu spät! Wo ist noch Raum für mich, wo werde ich Ruhe finden?
Ich eilte also weiter durch die Lüfte, eine grenzenlose Leere im Herzen -- und nach dem kurzen Tage sank schon die Nacht hernieder. Die ersten Sterne erglänzten am Himmel, als ich mich, durch einen inneren Drang vorwärtsgetrieben, schon über der uferlosen Fläche des Ozeans befand. Unter mir wälzten sich die Fluten wie sich in Windungen schlängelnde Seeungeheuer mit glatter schillernder Haut. Und die goldenen Himmelslichter spiegelten sich in den durchsichtigen Wogen.
Meine Blicke irrten rings umher: hier allein hatte sich nichts geändert. Das Meer war unermeßlich wie früher und ebenso wild bewegt und veränderlich.
Aber während ich noch darüber nachdachte, bemerkte ich, daß sich das Wasser seltsam zu dehnen begann und seine Fluten zu mir emporsandte. Jetzt erst sah ich auch, daß direkt über mir der Vollmond stand. Ich erschrak über die Erscheinung dieser Mondwelt dort in der Höhe und wollte fliehen, irgendwohin, wo ihr Glanz mich nicht erreichte; aber plötzlich fehlten mir die Kräfte. Ich fühlte, daß ich auf die sich immer höher hebenden Fluten hinabfiel; sie aber stiegen und stiegen, warfen mich nach oben, dem Monde entgegen, streckten sich zu ungeheuren, endlos langen Hälsen, heulten in einem wilden Lachen und wurden höher und immer höher. In wahnsinnigem Entsetzen blickte ich nach dem Monde: Er wuchs vor meinen Augen, dehnte sich, nahm schon den halben Horizont ein; der ganze Himmel war von ihm bedeckt, wie mit einem silbergrauen Schleier. Es schien mir, daß in seiner Scheibe die sich herausneigenden Köpfchen der degenerierten Nachkommenschaft Marthas sichtbar wurden und ich ihr boshaftes Rufen hörte:
-- Kehre zu uns zurück! Kehre zu uns zurück! Alter Mensch, du bist nicht von der Erde!
Verzweiflung, Entsetzen, Ekel und ein grenzenloses Verlangen, auf der Erde zu bleiben, wenn sie mich auch nicht mehr kennen wollte, alles das durchlief im Sturme meine Seele. Ich stieß einen gellenden Schrei aus und strengte meine ganzen Kräfte an, um gegen die mich in den Weltenraum schleudernden Fluten anzukämpfen. Ich griff mit den Händen nach dem Wasser, schlug mit den Füßen die Luft ...
Vergebens! Ich fühlte plötzlich, daß die Erde statt unter meinen Füßen schon über meinem Haupte war und ich wieder auf den Mond zurückfalle ...
Ein furchtbarer Traum! Eine furchtbarere Wirklichkeit ...
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Seit unserm EXODUS fünfhundertundein Mondtag.
Tom hat mit seinen beiden ältesten Söhnen zu Schiff die Fahrt nach dem Süden angetreten. Aus seinen Erzählungen schließe ich, daß sie fast bis zum Äquator vorgedrungen sind. Von der weiteren Fahrt hielten sie furchtbare tropische Meeresstürme zurück. Und so mußten sie resultatlos umkehren.
Tom redete nach der Rückkehr lange mit mir. Er sprach viel von seiner Mutter und von Rosa und bedauerte ihren Tod. Dann erzählte er mir von der Expedition und schilderte die Kämpfe und Mühen, die er zu bestehen hatte. Schließlich verfiel er in Nachdenken und sagte, er fürchte, daß dies seine letzte Fahrt gewesen sei.
Ich sah ihn an und konnte es nicht begreifen. Dieser junge Mensch, kaum halb so alt wie ich, ist schon ein Greis. Auf der Erde wäre er jetzt in der Blüte der Jahre. Hier werden die Menschen bedeutend früher reif und altern früher. Desto erstaunlicher ist es, daß ich lebe.
Ich sagte ihm das; er blickte mir in die Augen und antwortete nach einer Weile des Zögerns:
-- Ja, aber Ada und meine Kinder sagen, daß du der Alte Mensch bist.
Seltsam klangen diese Worte aus seinem Munde.
-- Aber du, entgegnete ich, du, der du mich von deiner Kindheit an kennst, was sagst du über mich?
Tom konnte mir keine Antwort geben.
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Vierzehn Mondtage nach dem Tode Rosas starb Tom. Er hinterließ zwölf Kinder, fünf von der verstorbenen Frau und sieben von Lilli. Ich habe ihn selbst auf der Friedhofinsel begraben neben den andern Gräbern. Dort ruhen nun schon Martha, Peter, Rosa und Toms jüngstes, dreizehntes Kind, das kurz nach der Geburt gestorben ist.
Lilli ist verzweifelt über den Tod ihres Mannes. Es scheint mir, daß auch sie ihm bald folgen wird.
Nur Ada ist still und gleichgültig.
Der Patriarch des Mondvolkes ist jetzt Jan, der älteste Sohn Rosas und Toms, verheiratet mit der Tochter Lillis.
Ada sagte mir heute mit tiefer Überzeugung, daß ich niemals sterben würde ... Ich weiß nicht, ob sie wahnsinnig geworden ist und mit ihr dieses ganze Mondgeschlecht, das auf sie hört und ihr scheinbar glaubt, oder bin ich wirklich eine seltsam unerhörte Ausnahme zwischen diesen Menschen? ...
Denn in der Tat -- woher lebe ich noch?
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Lilli ist gestorben.
Von dem ersten Mondgeschlecht lebt nur noch Ada.
Seit unserm EXODUS fünfhundertsiebzehn Mondtage ...
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Die Angst packt mich, denn um mich herum geschieht etwas, das ich nicht verstehen kann und nicht verstehen will, nicht will! ... Dieses Völkchen kam während des Sturmes, der heute noch furchtbarer tobte als gewöhnlich und zu dem sich ein drohender Ausbruch des Otamor gesellte, dieses Völkchen kam zu meiner Behausung mit Opfern, die wahnsinnige Priesterin Ada, der scheinbar der lange Aufenthalt und die Einsamkeit damals im Polarland die Sinne verwirrten, an der Spitze. Schon seit dem an Rosa begangenen Mord, der sie furchtbar erschütterte, bemerkte ich eine Verstörtheit an ihr, jetzt sehe ich, daß sie wirklich geisteskrank ist. Aber ich bin der einzige, der das bemerkt! Die andern verehren sie und halten sie für geheiligt! Und heute, unter ihrer Führung, -- es ist furchtbar, es auszusprechen! -- beteten sie zu mir, daß ich die Stürme niederwerfen und die unter ihren Füßen wankende Erde beruhigen sollte! Also sie halten mich wirklich für ... Oh, wie grauenhaft einsam bin ich in dieser Gemeinschaft der Irrsinnigen und Degenerierten!
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Ich habe mich heute an das Ordnen der seit lange verstaubten Bibliothek und meiner Papiere gemacht, und plötzlich überkam mich der Wunsch, alles zu verbrennen -- auch dieses Tagebuch.
Ich habe nichts verbrannt. Aber die Bücher und Papiere blieben zerstreut auf dem Boden liegen, und ich habe keine Lust, auch nur die Hand auszustrecken, um sie aufzuheben.
Mögen sie so liegen bleiben. Wenn ich sterbe, wird sie wahrscheinlich niemand mehr anrühren ...
III.
So viele Tage, so viel unendlich lange Tage und Nächte ... Ich glaube, daß ich die Zeitrechnung verloren habe ... Es ist so schwer, die Tage zu zählen, die einander so ähnlich sind wie Wassertropfen; Tage, denen meine alte Erdenuhr nicht nachkommen kann und im Laufe stehen bleibt, ehe die Sonne sich zum Mittag erhebt. Nur mein Herz zeichnet mit seinem Pochen jeden kleinsten Abschnitt der Zeit und wenn ich es frage, welche Stunde es ist, so antwortet es mir: die Stunde der unermeßlichen Sehnsucht! Und wenn ich es frage, wieviel solcher Stunden vorübergegangen sind, antwortet es nur: zu viel! zu viel! So ist es, du mein banges, einsames Herz! Zu viel dieser Stunden, zu viel der Sehnsucht, zu viel schon des Lebens ...
Meine Haare sind lange grau ... Wie lange? Ich weiß es nicht. Dort auf der Erde müssen wohl zwanzig oder mehr Jahre verflossen sein, seit ich die Gräber auf der Friedhofinsel grub und Peter und Martha darin bettete. Dieser Gräber sind es nun schon mehr geworden. Ich habe Ruhestätten für Tom, für Lilli und Rosa gegraben, die noch Kinder waren, als ich mich bereits beugte unter der Last der Jahre. Um mich herum wachsen Urenkel derjenigen auf, die einst mit mir von der Erde auf diese Welt kamen, und ich lebe noch immer.
Das ist so erstaunlich, daß ich mein Wesen schon selbst nicht mehr begreife und fast fähig wäre, mit an diese unter dem Mondgeschlecht verbreitete Legende zu glauben, daß ich niemals sterben werde ...
Ich erinnere mich, auf der Erde, auf meiner geliebten, für immer verlorenen Erde, las ich einmal in dem Buche eines bekannten Naturforschers, daß der Tod eine unbegreifliche und zufällige Erscheinung sei, die sich nicht absolut aus den Bedingungen des Lebens ergeben muß. Die Angst schüttelt mich, wenn ich denke, daß er mich vielleicht vergessen hat und nicht kommen könnte.
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Wenn ich recht zähle, sind schon fünfzig Jahre vorübergegangen, seit ich mit den verstorbenen Kameraden die Erde verlassen habe.
Von den Menschen, die ich kannte, leben heute wahrscheinlich nur noch wenige; diejenigen, die in der Kindheit von den Wahnsinnigen, die auf den Mond gefahren sind, hörten, werden längst grau sein und die Namen jener Reisenden vergessen haben, die man damals schon für tot und verloren hielt.
Fünfzig Jahre! Wie vieles muß sich seit dieser Zeit auf der Erde geändert haben! Vielleicht würde ich mir einst vertraute Gegenden nicht mehr erkennen. Auch mein Gedächtnis wird schwächer ... Es hat eine Unmenge Einzelheiten aufbewahrt, mit denen ich in den langen Stunden des Nachdenkens spiele, aber ich sehe, daß die Bilder der Erinnerung immer loser werden, einer Mosaik wertvoller, durch meine Sehnsucht glänzender Steine gleich, die schon zerbröckelt und auseinanderfällt.
Ich lege diese Mosaik in Gedanken immer wieder von neuem zusammen; die Steine, die ich im Lauf der langen Jahre verloren habe, ergänze ich durch irgendein trauriges Traumgebilde, und wiederum verändere ich die Bilder und spiele im Alter mit diesen Schätzen der Erinnerung wie ein Kind mit einem Kaleidoskop.
Und wie schimmernde Perlen sind diese Erinnerungen, wenn ich durch meine Tränen auf sie blicke!
Oh, nur ein Tag, eine Stunde dort, auf der Erde! Nur einmal noch Menschen sehen, wirkliche, mir ähnliche Menschen! Gott, wenn ich das Rauschen der Wälder hören könnte, der Tannen und Eichen; noch einmal die im Winde flatternden Blätter der Birke sehen, das Gras auf den Wiesen, den Duft irdischer Pflanzen und Blumen einatmen, dem Gesang der Vögel lauschen, wenn ich nur ein einziges Mal noch die grünen Fluren im Frühling oder im Sommer die goldene Ährenflut sehen dürfte!
Ja, vieles muß sich auf der Erde geändert haben, aber die Menschen sind dieselben geblieben und auch die Bäume, die Blumen und die Vögel!
Manchmal erinnere ich mich an das goldene Märchen, daß die menschliche Seele, vom Körper befreit, nach Gutdünken in den Welten herumwandern könne, auf Sternen und Sonnen. Als ich noch ein kleiner Knabe war, der auf der Erde wohnte, träumte ich davon und dachte an die Reisen im sternenbesäten Weltenraum. Jetzt möchte ich nur noch auf der Erde sein, ewig, ewig auf der Erde! Und wenn mich manchmal die Angst überfällt, daß die Erde heute so anders ist als da ich sie vor fünfzig Jahren kannte, dann erinnere ich mich, daß dort doch auch jetzt noch Menschen sind und Wälder und singende Vögel, daß es dort blühende Fluren und duftende Blumen gibt! Das genügt meinem Geiste, dorthin zu ziehen, wenn er die Freiheit erlangt hat.
Wie lange habe ich den Gesang der Vögel nicht gehört! Und ich erinnere mich an wonnige Maienmorgen, die ganz von Vogelgesang erfüllt waren ... Die Dämmerung beginnt, der Himmel verblaßt, dann färbt er sich allmählich im Osten in zartes Rosa. Eine tiefe, andächtige Stille! Nur das Geräusch der von den Blättern der Bäume herabfallenden großen Tauperlen ist vernehmbar. Da plötzlich das erste kurze, abgebrochene Gezwitscher; das zweite von einer anderen Seite, das dritte, vierte ... Noch eine kleine Weile der Ruhe und dann, als wenn alle Bäume und Sträucher erwacht und lebendig geworden wären: rings umher ein Pfeifen, Singen, Schlagen, Jubilieren! Zunächst kann man die einzelnen Laute noch gar nicht unterscheiden; hier läßt sich die Amsel vernehmen, dort aus dem Walde tönt das Schreien des Habichts, wieder näher die Meisen, die Bachstelzen und Drosseln, die ihre Stimmchen erheben. Hoch oben die Lerche, die in den Lüften schmettert, und in lauschigen Büschen schlägt die Nachtigall. Ein jubelnder Chor, und die Luft, die Blätter und Blumen und Gräser erzittern ... Die Welt hat sich indessen erhellt, der Himmel wird röter und röter, bis endlich die goldene Sonne am Firmament emporsteigt ...
Hier schleicht sie langsam und träge, diese Sonne! Man könnte fast glauben, daß sie sich nicht beeilt, weil keine süßen Stimmen sie rufen. Die mehrstündige graue Dämmerung, während der die Gegend in Frost und Schnee erstarrt und traurig daliegt, belebt kein Vogelgesang ... Hier erhebt sich die Sonne über einer toten Welt, die in eine grauenhafte Stille gehüllt ist. Nur der Mensch, der von einem fernen Gestirn gekommen, unterbricht die bange Lautlosigkeit durch seine Gegenwart; ein Kind, das erwacht, weint leise, oder ein verwilderter Hund heult in der Höhle, aus der er irgendein kleines Mondungeheuer verjagt hat, um vor der Kälte Schutz zu suchen. Still ist es, still, während des ganzen langen, unendlich langen Tages! Ein Sturm, der sich erhebt, das Meer, das um die Felsen braust, oder das entfernte Dröhnen eines Vulkans, sonst nichts, nichts ...
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Heute steht mir alles, was ich erlebt habe, so klar vor der Seele! Ich durchwühle die vergilbten Blätter des Tagebuches, und wenn ich für eine Minute die Augen schließe, so scheint es mir, daß ich das Geräusch des Wagens höre, der uns durch die fürchterlichen Mondwüsten fährt, daß ich diesen grundlosen Himmel über mir sehe und die in seiner Dunkelheit leuchtende Erde. Die mächtigen Berge, die sich im Schatten im tiefsten Schwarz der Kohle malen und im Glanz der Sonne, die strahlenlos zwischen den verschiedengefärbten Sternen zu der eine immer engere Sichel bildenden Erde wandelt, in allen Regenbogenfarben spielen. Und dann tauchen die ersten Jahre, die ich hier am Meeresstrande verlebte, vor meiner Erinnerung auf. Durch die geschlossenen Augenlider sehe ich Martha, traurig und blaß, und Peter und diese wonnigen Kinder, die heute schon nicht mehr sind. Nur Ada ist noch am Leben, aber sie scheint sich nicht mehr an die Eltern zu erinnern, obwohl sie das, was sie durch mich von ihnen gehört hat, mit phantastischen Zutaten vermischt, dem neuen Geschlecht erzählt. Sie war noch so klein, als sie gestorben sind. Heute ist sie nach mir die älteste auf dieser Welt, und diese Zwerge verehren sie fast ebenso wie mich, nur mit dem Unterschied, daß sie mich auch noch fürchten, obwohl ich, Gott ist mein Zeuge, nicht weiß weshalb, denn ich habe ihnen niemals etwas zuleide getan.
Eins ist wahr. Ich kann nicht mit ihnen umgehen wie mit mir gleichen Geschöpfen. Manchmal machen sie sogar den Eindruck von seltsam einfältigen Tieren auf mich. Schon das erste hier geborene Geschlecht war von uns, den von der Erde Gekommenen, grundverschieden. Tom und seine Schwestern sahen als erwachsene Menschen neben mir wie Kinder aus. Ihre Größe wie ihre Kräfte haben sich schon den Bedingungen dieser Welt angepaßt: ihren kleineren Maßen und dem verringerten Gewicht der Dinge. Dem heutigen Geschlecht gegenüber bin ich ein wahrer Riese. Die Enkel Marthas, schon erwachsene Menschen, die hier erstaunlich früh reifen, reichen mir kaum bis zu den Hüften und beugen sich unter der Last von Gegenständen, die ich mühelos mit einer Hand aufhebe. Trotz des überaus zarten Körpers sind sie jedoch von robuster Gesundheit und gegen Hitze und Kälte abgehärtet.
Die langen Nächte verschlafen sie zum größten Teil, aber wenn es nottut, arbeiten sie auch bei der empfindlichsten Kälte mit einer Ausdauer, die meine Bewunderung erregt.
Die geistige Entwicklung dieser Zwerge ist gänzlich zurückgeblieben. Die armseligen Brocken der Zivilisation, die wir von der Erde mit hierhergebracht haben, was ist aus ihnen geworden? Ich blicke um mich und habe den Eindruck, mich unter Wesen zu befinden, die auf die Bezeichnung »Mensch« kaum einen Anspruch mehr haben. Sie können lesen und schreiben, aus Erz Metalle schmelzen und Fallen stellen und Kleider nähen; sie bedienen sich des Feuers, wissen sogar mit der Verwendung verschiedener Meßinstrumente Bescheid, sprechen mit mir in ziemlich reinem Polnisch und verstehen so leidlich den Inhalt französischer und englischer Bücher, aber untereinander reden sie ein erbärmliches Kauderwelsch, das sie sich aus polnischen, englischen, malabarischen und portugiesischen Worten zusammenwürfeln. Unter ihren engen Schädeln fließen die Gedanken träge und schwerfällig und es scheint, daß sie sie nur mit der größten Anstrengung zu Worten formen, dabei mit den Händen gestikulierend und Grimassen schneidend, wie Wilde irgendwo im Innern Afrikas oder auf den südlichen Grenzen des amerikanischen Kontinents ...
Und eine unermeßliche Trauer erfüllt mich, wenn ich auf diese dritte Generation der von der Erde hierhergekommenen Menschen blicke! Und diese Trauer wird dadurch um so größer, daß ich mich in dem Gefühl des eigenen Höherstehens einer gewissen Nichtachtung diesen armen Halbmenschen gegenüber nicht erwehren kann und mich gleichzeitig als Mitschuldiger an dem hier begangenen Verbrechen betrachten muß. Denn wir haben tatsächlich verbrecherisch die Würde des Menschengeschlechts geschändet, indem wir ihm erlaubten, sich auf diesem für seine Entwicklung nicht geeigneten Globus fortzupflanzen. Die Natur ist ebenso unerbittlich da, wo sie im Triumphzuge vorwärtsschreitet und, ihr Werk des Emporstrebens erfüllend, immer neue und immer höhere Formen schafft, wie auch dort, wo sie beleidigt zurückweicht und das widerruft und verneint, was sie geschaffen hat. Vergeblich habe ich mit ihr gerungen, vergebens versucht, dieses Mondgeschlecht auf der geistigen Höhe zu erhalten, die die Menschen auf der Erde erklommen haben. Das einzige und unerwartete Resultat all meiner Bemühungen ist diese mit heiliger Furcht vermischte Verehrung, die sie mir entgegenbringen. Ich bin für sie nicht nur ein Riese, sondern ein geheimnisvolles Wesen, das weiß, was sie nicht wissen, und versteht, was sie zu verstehen nicht fähig sind.
Und dabei erzählt ihnen Ada immer wieder von neuem, daß im Norden ein Land liegt, wo die Sonne nicht untergeht, daß sich eine grenzenlose Wüste dort erstreckt und über dieser Wüste ein mächtiger goldener Stern leuchtet, von dem ich auf den Mond gekommen sei. Ist das nicht genug, um die Köpfe dieser armen Degenerierten zu verwirren? Sie waren niemals dort und haben die leuchtende Erde nie gesehen, aber Ada war mit mir im Polarlande und erzählt ihnen Wunder, und sie hören ihr mit angehaltenem Atem zu und blicken ängstlich auf mich, auf meine im Verhältnis zu ihnen riesenhafte Gestalt.
Und so bin ich vereinsamt unter ihnen!
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Es ist Nacht. Ich kann leider nicht dreihundert Stunden hintereinander schlafen wie diese Mondleutchen, und bin nun allein mit meinen trüben Gedanken.
Ich sitze verlassen in dem alten Hause, das ich einst mit Martha und Peter erbaut habe; am Tage schleichen diese Zwerge um den Teich herum und schauen mir neugierig zu. Obwohl sie mich seit ihrer Kindheit kennen, wagt es keiner von ihnen, zu mir hereinzukommen. Nur Ada erscheint regelmäßig zu bestimmten Tageszeiten, bringt mir meine Nahrung, ordnet was notwendig ist, und wenn sie mich zu Hause antrifft, stellt sie mir immer dieselben gleichgültigen Fragen; dann sitzt sie noch einige Stunden schweigend auf der Schwelle und entfernt sich, mich wieder meinen Gedanken überlassend.
Es scheint, daß sie diese Besuche als eine Art Pflicht mir gegenüber und gewissermaßen als Zeremonie, die dem »Alten Menschen« gebührt, auffaßt.
Diese Frau, die scheinbar vollständig klar und bei Sinnen ist, lebt in einem seltsamen Wahn. Sie hält mich für ein übermenschliches Wesen, das diese Mondwelt beherrscht, und bildet sich ein, meine Priesterin und die Prophetin dieses Volkes zu sein, das unerschütterlich an sie glaubt.
Sie verkündet den Kindern Toms eine neue phantastische Religion, die sich aus der Heiligen Schrift, meinen Erzählungen von der Erde und unserer Ankunft hier zusammensetzt. Anfangs versuchte ich, auf alle erdenkliche Art der Verbreitung dieser Irrlehren, in deren Mittelpunkt ich selber stehe, entgegenzuarbeiten, aber ich überzeugte mich schließlich, daß ich in dieser Beziehung vollständig machtlos bin. Ich setzte Ada lang und breit auseinander, daß ich genau derselbe Mensch sei wie all die andern auf dem Monde und wie auch ihre Eltern es gewesen, an die sie sich ja noch erinnern müsse. Ich versuchte ihr klar zu machen, daß meine der späteren Generation überlegene Kraft und Körpergröße nur darin ihren Grund haben, daß ich auf einem anderen, größeren Planeten, nämlich auf der Erde geboren bin. Sie hörte aufmerksam und schweigend zu, und als ich endlich ungeduldig wurde, flüsterte sie, mich mit einem flüchtigen Lächeln streifend:
-- Und wie konntest du, Alter Mensch, von der Erde hierher gelangen und meine Eltern hierher bringen, was kein anderer gekonnt hätte? Woher weißt du, was kein anderer weiß? Und vor allem, warum stirbst du nicht wie die andern?
Ich schalt sie und verbot ihr ein für allemal, derartige Märchen von mir zu verbreiten, aber alles war vergebens. Einige Stunden später hörte ich, wie sie zu Jan, der jetzt der Mondpatriarch ist, und der gerade zu mir gehen wollte, sagte:
-- Der Alte Mensch ist unwillig; der Alte Mensch will nicht, daß man wisse, daß er ... ein Alter Mensch ist.
Jan wurde traurig.
-- Das ist schlimm, das ist sehr schlimm, denn ich wollte ihn gerade bitten, einen Stein unter mein Haus zu schieben, den ich mit meinen Söhnen zusammen nicht von der Stelle bringen kann.
-- Man muß ihn durch Bitten umstimmen, sagte Ada. Bringt nur viel Schnecken, Salat und Bernstein, das werde ich ihm geben. Und vor allem, -- hier legte sie den Finger an den Mund -- sprecht nichts vor ihm! Wehe! Denn er will es nicht.