Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 21
Peter ließ den Kopf sinken. Es schien mir, daß ich in seinem gelben, verdorrten Gesicht eine dunkle Röte aufsteigen sah, die sich bis in die gefurchte Stirne ergoß. Dies mußte auch Martha bemerkt haben, denn sie wandte sich zu ihm:
-- Ich wollte dir nicht weh tun, Peter ... jetzt ... Übrigens bist du nicht schuld daran, wie hättest du mich zwingen können, dein Weib zu werden, wenn ich es nicht selbst gewollt hätte ... für Tom ...
Sie verstummte und atmete tief auf. Nach einer Weile sagte sie leise:
-- Ich möchte den Morgen erwarten. Es ist so furchtbar, in der Dunkelheit herumzuirren und den Weg dort auf der Wüste zu suchen. Wenn hier der Tag beginnt, wird dort über dem _Mare Frigoris_ die Erde leuchten. Ich will lieber bei ihrem Lichte an dem Grabe stehen, denn ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, in den vollen Glanz der Sonne zu schauen ...
Martha, was sprichst du? rief ich unwillkürlich.
Sie sah mich an und antwortete kurz:
-- Ich werde sterben ...
Gegen Mitternacht stieg eine würgende Angst, daß sie wirklich sterben könne, in mir auf. Eine Krankheit, für die wir nicht einmal einen Namen fanden, raffte sie dahin. Wir bemerkten nur einen außerordentlich schnellen Kräfteverfall, der im Verein mit dem stets wiederkehrenden Fieber nichts Gutes ankündigte.
Übrigens, was bedeuten alle ärztlichen Benennungen! Ich weiß nur zu gut, welch eine Krankheit das ist, ich kenne sie zur Genüge, sie heißt Leben! Sie weckt den Menschen aus dem Nichtbewußtsein, sie kost mit ihm und spielt und tändelt, und während des Spielens reißt sie und zerrt an ihm herum und drückt und überwindet und vernichtet ihn schließlich. Mit dieser Krankheit kommen wir alle zur Welt, und es gibt für sie kein Heilmittel als den Tod!
Peter wich fast keinen Augenblick von Marthas Lager. Ich blickte auf seine finsteren, unbeweglichen Züge und dachte, trotz der tödlichen Angst, die mich erfaßt hatte, darüber nach, was für Gefühle sich unter dieser undurchdringlichen Maske verbergen könnten. Ich sollte es früh genug erfahren!
Am Morgen war Martha sehr unruhig, und erst die Dämmerung brachte ihr ein wenig Linderung.
-- Ich werde die Sonne noch sehen! sagte sie und versuchte, mit blassen Lippen zu lächeln.
Jetzt saß ich allein bei ihr, denn Peter, von dem langen Wachen übermüdet, gab schließlich meiner Überredung nach und legte sich in dem benachbarten Zimmer schlafen. Die Morgendämmerung drang durch die Scheiben von dickem Glas, das wir auf dem Monde gefertigt hatten, herein, und das Licht der Lampen wurde immer gelber. Der Schnee lag auf den Feldern, wie immer, und als der Wind die Dämpfe, die sich stets über den Warmen Teichen erhoben, verweht hatte, sah man durch das Fenster eine große glitzernde Fläche.
In diesem scharfen und kalten, vom Schnee zurückgeworfenen Schein des nahenden Tages, der mit dem gelben, ersterbenden Licht der Lampe kämpfte, schaute ich auf Martha und zweifelte nicht mehr, daß sie in kurzer Zeit für immer von uns gehen würde. Ihr Gesicht war lang und blaß; die einst so vollen verführerischen roten Lippen nahmen die blaß-bläuliche Farbe des Todes an. Unter den gesenkten, fast durchsichtigen Lidern sahen erlöschende und über alle Beschreibung traurige Augen hervor.
Ich lehnte meinen Kopf an den Rand des Bettes und biß die Zähne zusammen, um nicht in lautes, unmännliches Weinen auszubrechen, das in meiner Brust zerrte wie ein Tier an der Kette.
Indessen wurde es draußen immer heller. Die bis vor kurzem grauen Nebel glitten jetzt, vom Winde getrieben, an den Fenstern vorüber wie weiße Gespenster. Manchmal verdichtete sich ihr Schleier und verhüllte die Welt; dann dehnten sie sich wieder zu langen, flatternden Gestalten, die plötzlich auftauchten, sich vor den Fenstern verneigten und weiterflogen. Auch schimmerten aus diesem Nebel weiße Felsstreifen und wolkenumhüllte, perlende Säulen der Geiser und weiter oben am Hintergrunde des hellblauen Himmels der Gipfel des Otamor, der sich in den ersten Strahlen der Sonne rötlich färbte.
Martha frug nach den Kindern; als sie hörte, daß sie noch schliefen, ließ sie sie jedoch nicht aufwecken.
-- Mögen sie schlafen, flüsterte sie, ich werde sie noch sehen, bevor die Sonne aufgeht ... Indessen ist es gut, daß es so still ist.
Dann wandte sie sich zu mir:
-- Du wirst ihnen immer ein Vormund sein, nicht wahr?
-- Ja, antwortete ich mit tränenerstickter Stimme.
-- Und du wirst sie niemals verlassen?
-- Nein.
-- Schwörst du mir das?
-- Ja, ich schwöre es.
Sie streckte die Hand nach mir aus:
-- Du bist gut, mein Freund, flüsterte sie, nun kann ich ruhig sterben, weil ich weiß, daß du sie nicht verlassen wirst.
Ich ergriff ihre Hand und preßte sie leidenschaftlich an die Lippen. Ihre Finger zitterten leicht, als wenn sie meine Hand drücken wollte. Eine so eisige Kälte entströmte ihnen, daß meine heißen Lippen sie nicht mehr erwärmen konnten.
-- Ich wollte dir, begann sie nach einer Weile, noch vor dem Tode sagen, daß du mir ... teuer warst. Ich machte mir darüber größere Vorwürfe, als daß ich Peters Weib wurde ... Vielleicht, wenn ich dir angehört hätte, statt ihm, vielleicht wäre mein Leben auf dem Monde in eine andere Bahn gelenkt, glücklicher und länger gewesen ...
Sie sagte das alles ruhig, mit einer sanften, erlöschenden Stimme, in mir aber erhob sich ein Sturm; ich heulte weinend auf und ihre Hände sinnlos mit Küssen bedeckend, brachen aus meiner Brust von Tränen erstickte, unzusammenhängende Worte der Liebe hervor -- der Liebe, die ich so lange verbergen und zurückhalten mußte und die jetzt mit Allgewalt überschäumte, gegenüber der Sterbenden.
Sie neigte sich leise zu mir und legte die Hand auf mein Haupt.
Ruhig, sagte sie, ruhig ... Ich weiß ... Weine nicht ... es ist so besser ... Du warst mir teuer durch deinen Edelmut, durch deine Liebe für Tom, ich weiß es selbst nicht, wodurch ... Aber trotz alledem, vielleicht wäre ich nicht gut zu dir gewesen, wenn du zwischen mich und den Verstorbenen getreten wärst, der allein ein Recht auf mich hatte. Ruhig, weine nicht, du weißt es schon. Ich denke, daß Tomas es mir verzeihen wird, daß ich das für dich fühlte und es dir jetzt in der Todesstunde sage.
Ich war maßlos unglücklich.
Sie verstummte erschöpft, und ich, mein Gesicht an ihrer Brust verbergend, zitterte am ganzen Körper, von einem inneren Schluchzen geschüttelt.
Martha versuchte abermals zu sprechen:
-- Mag es sein ... ich werde jetzt alles sagen. Ich spreche ja heute das letztemal zu dir ... an jenem Mittag ...
Die Sterbende brach ab, als wenn ein Gefühl der Scham ihre Stimme ersticken machte, aber ich wußte wohl, von welchem Mittag sie sprach!
Sie schwieg eine Zeitlang und bewegte nur leicht die Lippen. Plötzlich rief sie, wie verzweifelt ausbrechend:
-- Warum hast du Peter nicht getötet?
In diesem Augenblick hörte ich ein unterdrücktes Stöhnen hinter mir. Ich wandte mich um; in der Tür stand, die Hand an die Pfosten gestützt, Peter, blaß wie eine Leiche, und blickte auf uns mit weit geöffneten Augen. Er mußte schon ziemlich lange dort stehen und hörte wahrscheinlich alles, was Martha zu mir sagte.
Als er sah, daß ich ihn bemerkte, machte er schwankend einige Schritte nach vorn und stammelte etwas Unverständliches.
Martha kehrte sich mit einem unterdrückten Schrei des Ekels zur Wand.
-- Verzeihung, wimmerte Peter, Verzeihung; es war unabsichtlich ... Ich wollte nicht ...
Da ertönten im Nebenzimmer helle Stimmen.
-- Die Kinder! rief Martha und streckte die Hände aus. Aber die Mädchen waren befangen und blieben in der Tür stehen, nur Tom stürzte zu ihr; sie nahm seinen Kopf in ihre zitternden Hände und drückte ihn an sich.
Peter beobachtete sie und trat an mich heran:
-- Du hast ihr versprochen, er deutete mit einer Bewegung auf Martha, für alle Kinder zu sorgen ... für alle! In gleicher Weise ... Bevor ich, durch diese seltsamen Worte überrascht, antworten konnte, war er nicht mehr im Zimmer.
Durch die am Fenster vorübergleitenden Nebel drang schon der erste Sonnenstrahl, verwandelte die obern Scheiben in Stücke leuchtenden Goldes und eilte in hellen Lichtgarben durch die dumpfe Atmosphäre des Zimmers. Martha lag regungslos, mit erlöschendem Blick in den Streifen des Sonnenlichts starrend, der immer tiefer herunterglitt an der Wand und sich wie ein herabsteigender Engel ihrem Bette näherte. Die Mädchen schlichen auf den Fußspitzen heran und schauten erstaunt auf die blassen, unbeweglichen Züge der Mutter.
Mir war es schwül; im Munde fühlte ich eine trockene Bitterkeit. Dieser anbrechende Tag kam zu mir wie ein erbarmungsloser, schmerzlicher Hohn, denn ich wußte, daß mit ihm eine endlose Leere und ein Bangen nach der Vergangenheit beginnt. Die Minuten flossen in Schweigen dahin ...
Plötzlich schrie Tom:
-- Onkel, Onkel, ich ängstige mich! Mütterchen blickt so furchtbar!
Ich wandte mich um: ein Lichtstrahl, der auf das Kissen fiel, erleuchtete Marthas Züge; die verglasten, erloschenen Augen starrten in die Sonne.
-- Eure Mutter ist gestorben, sagte ich mit einer würgenden, mir selbst fremden Stimme zu den Kindern, die sich erstaunt und verängstigt um das Lager drängten. Dann beugte ich mich über sie, um ihre Augenlider zu schließen.
In demselben Moment ertönte ein Schuß.
Ich stürzte zur Tür: Peter lag im benachbarten Zimmer am Boden, mit zerschmettertem Schädel, den rauchenden Revolver in der Hand.
Ich wankte wie ein Betrunkener.
Heute liegen beide schon im Grabe ... Ich habe ihnen den letzten Dienst erwiesen: Ihre Körper wickelte ich in große, aus Pflanzenfasern gewebte und mit Harz getränkte Tücher und trug sie auf meinen Armen in das Boot, das sie auf die Friedhofinsel fahren sollte. In dem Boot saßen neben mir und den Leichen vier Kinder. Die drei älteren drängten sich um die Mutter. Tom, durch den Anblick des Todes betroffen und verschüchtert, saß schweigend zu Füßen der Leiche; Lilli und Rosa griffen mit den Händchen nach dem Tuch und riefen weinend nach der Mutter, als wenn sie noch die ihnen gebührenden Liebkosungen verlangten, mit denen sie die Mädchen im Leben so spärlich bedachte. Die Leiche Peters lag verlassen in dem Boote. Nur die Jüngste näherte sich ihr, und das Tuch streichelnd, flüsterte sie leise:
-- Armes Väterchen, armes ...
Unserer traurigen Fahrt war ein günstiges Wetter beschieden. Die Sonne, die noch nicht hoch über dem Horizont stand, erleuchtete golden die mächtige, ruhige, kaum von einem leichten Winde in zarte Furchen gepflügte Meeresfläche, auf der vor uns, in der Ferne, die Inseln auftauchten, in durchsichtigen blauen Nebel gehüllt. Und niemals im Leben empfand ich so bitter diese erbarmungslose, grausame Ironie, die in der sich immer gleichbleibenden Schönheit der Natur liegt, der Freude wie dem Schmerze des Menschen gegenüber gleichgültig! Denn ich fuhr doch in diesem Kahn die zwei letzten menschlichen Wesen, die mit mir auf diesen Globus gekommen waren und wie ich meine heimatliche Erde kannten; ich fuhr sie hierher, um sie in dem Grabe zu betten, das ich für mich gebaut hatte, um dann für immer allein zu sein! Und trotzdem leuchtete die Sonne erhaben und herrlich, genau so wie damals, da ich als glückliches Kind auf jenem in diesem Augenblick so weit von mir entfernten Planeten in ihrem warmen Scheine sorglos spielte.
Von dem Boote aus trug ich sie beide auf dem Rücken zum Grabe, das ich auf der Höhe in der schönsten Gegend der Insel erbaut habe. Die Leichen waren leicht, sechsmal so leicht als sie auf der Erde sein würden, und ich beugte mich dennoch unter ihrer Last ... Das war freilich kein Wunder! Trug ich doch das letzte meines bitteren Glückes zu Grabe!
Martha habe ich in dem Grabe gebettet, das ich für mich bestimmt hatte. Für Peter errichtete ich eine andere Ruhestätte, etwas tiefer gelegen.
Und ich muß weiterleben ... Manchmal zwar, wenn mich die Last der Sehnsucht zu Boden drückt, packt mich die Versuchung, von diesem Globus fortzugehen, auf dem Wege, den schon die andern sechs vor mir gegangen sind: O'Tamor, die beiden Remogners, Woodbell, Varadol und Martha; aber dann denke ich an den Schwur, den ich der Sterbenden geleistet habe, daß ich die Kinder nicht verlassen werde. Für sie muß ich leben. Ich bin jetzt zum Leben verurteilt, wie ich -- so lange sie lebte, zur Liebe verurteilt war. Und diese zwei höchsten Güter des Menschen sind mir zur Qual, zur namenlosen Qual geworden.
Meine Tage gehören diesen Kindern. Ich bemühe mich mit allen Kräften, stets an sie zu denken, beschäftige mich mit ihnen, lehre sie, nehme sie mit mir, schütze und pflege sie, denn, bei Gott, auf mir Kinderlosem lastet die geistige Vaterschaft des Mondgeschlechtes.
Aber während der Nächte kehre ich auf die Erde zurück und spreche mit den Toten.
Etwas ist wohl in meinem Hirne zerstört und unterbrochen, oder die Trauer hat mein Denken in Nebel gehüllt, denn die Wirklichkeit erscheint mir als Traum, und die Träume de Schlafes sind für mich wirkliches Leben.
Ich sehne mich nach den Träumen. In ihnen wandle ich auf der Erde und küsse voll Rührung ihre Bäume und Blumen, sogar den Staub und die Steine, und es ist mir dann, als hätte mich niemals das wahnsinnige Verlangen nach Erkenntnis, der Wunsch, die Geheimnisse des sternenbesäten Weltenraumes zu erforschen, von ihr fortgerissen.
Manchmal auch kommen sie zu mir, die verstorbenen Kameraden. Voran geht der greise O'Tamor und beschuldigt sich, er, der die Güte selbst war, daß er uns leichtsinnig auf diesen öden Globus, der wie eine Lampe für die Erde zwischen den Himmeln hängt, hinausgeführt hat. Dann sehe ich die Remogners. Sie beklagen sich, daß sie uns gefolgt sind und dadurch den Tod gefunden hätten. Woodbell erscheint blaß und fragt, was wir mit Martha getan haben. Ob sie glücklich mit uns war. Und Peter erzählt mir im Traum alles, was ich in den letzten Jahren seines Lebens aus seinen Augen gelesen habe: von seiner wilden, leidenschaftlichen Liebe zu Martha, die ihn verzehrte wie das Feuer eine Handvoll Holzspäne, von dem furchtbaren Schicksal, das ihm nicht einen einzigen Augenblick des Glücks gegeben hat! Wie er die langen Jahre hindurch nur Ekel, Widerwillen und Verachtung in dem angebeteten, so heiß begehrten Weibe erwecken konnte. Wie er all seine Liebe in sich ersticken, allen Schmerz hinunterwürgen mußte, wie sich die beleidigte Manneswürde in ihm aufbäumte. Er erzählt mir, was in jener letzten Nacht in seiner Seele vorgegangen ist, als er mich, das Gesicht an ihrer Brust verborgen, sah, und später, als er den Revolver an die Schläfe setzte.
Diesen traurigen Geisterreigen beschließt Martha. Sie erscheint mir -- still, mit einem schmerzlichen Lächeln auf den Lippen -- und dankt mir, daß ich ein Mensch war, und manchmal will es mir wieder scheinen, als mache sie mir einen Vorwurf, daß ich es nicht war ... Mein ganzes Innere ist ein Abgrund von Leid und Trauer ...
So sprechen die Geister mit mir. Und obwohl sie mir nichts Frohes zu sagen haben, ist es mir doch heimatlich mit ihnen und heimlich und gut zumute, weil sie meinem Herzen nahe stehen.
Das neue Mondgeschlecht, das um mich heranwächst, ist so anders. Es sind noch Kinder und dennoch fühle ich, daß sie schon jetzt eine besondere Welt für sich bilden, die mir, dem von der Erde Gekommenen, immer fremd sein wird, wie meine Welt ihnen, den auf dem Monde Geborenen, verschlossen ist.
Und doch muß ich, der Bruder dieser sechs Gräber, die auf dem Monde verstreut liegen, mit denen leben, für die dieser Globus die Heimat ist -- und wer weiß, wie lange noch ... wie lange ...
Ende des zweiten Teiles.
Dritter Teil
Das neue Geschlecht.
I.
Im Polarlande.
Es reift schon heran, dieses Geschlecht, und ich bin ihm immer weniger nötig und immer trauriger ... Ich bin nach dem Polarland gegangen, um auf die Erde zu schauen und allein zu sein.
Seit unserem EXODUS von unserer verlorenen Erde sind schon zweihundertneunzehn Mondtage verflossen und siebenundsechzig seit dem Tode Marthas und Peters.
Ich wundere mich, daß ich nicht sterbe ...
* * * * *
Ich wohne also wieder auf dem Pol. Die grenzenlose Sehnsucht nach meiner Heimat, der Erde, quält mich immer mehr. Sie läßt mich sogar dieses Geschlecht vergessen, das mir von Martha in ihrer Todesstunde übergeben wurde, aber es lebt dort am Meere und ist glücklich. Als ich fortging, erwachten Frühlingsgefühle der Liebe in mir! Zu wonnig und zu ... schmerzlich war es für mich, auf diesen Frühling zu schauen ...
Hier ist Stille und Einsamkeit und Erinnerung ...
* * * * *
Es war wiederum eine Sonnenfinsternis und die schwarze Erde wie eine verkohlte Leiche über dem goldenen Regenbogen und Güsse und Überschwemmungen ...
Seit unserem EXODUS zweihundertsechsundzwanzig Mondtage.
Die Sorge um Marthas Kinder lastet auf mir. Ich werde zurückkehren müssen an das Meer und sehen, ob sie mich brauchen.
Ich schlief so unruhig und sah Martha im Traume ...
* * * * *
Ich war in dem Lande der Warmen Teiche, nach siebenmondtägiger Abwesenheit. Die Sorge um Marthas Kinder hat mich hingeführt.
Tom ist der Mann seiner Schwestern Lilli und Rosa.
Es ist erstaunlich, wie diese Menschen auf dem Monde degenerieren! Tom ist schon erwachsen, reicht mir aber nicht einmal bis an die Schulter. Ada, glaube ich, wird noch kleiner.
Während meines Aufenthaltes am Meere war ein furchtbarer Ausbruch des Otamor, der größte von allen, an die ich mich erinnern kann. Die südliche Seite des Kraters ist ins Meer gesunken. Es war dies der zweihundertachtunddreißigste Mondtag seit unserem EXODUS -- vierzehn Stunden nach Mittag hat der Ausbruch begonnen.
Als ich fortging, erwartete Rosa Nachkommenschaft. Ada habe ich mit mir genommen -- sie war dort so verlassen. Sie bedarf jetzt meines Schutzes mehr als je. Es ist furchtbar, daß es mir noch immer nicht erlaubt ist, zu sterben!
Ich kam zum Polarland zweihunderteinundfünfzig Mondtage nach unserem EXODUS. Tom bemühte sich, mich zurückzuhalten, aber ich fühlte trotzdem, daß er froh war, als ich fortging. Tom ist selbstherrlich und sieht ungern meine Achtung seinen Frauen gegenüber. Es ist ihm auch lieb, daß Ada mit mir gegangen ist, denn er mag sie nicht leiden, weil sie sich ihm nicht ergeben will, obwohl sie fast noch ein Kind ist.
* * * * *
Fahl und kühl ziehen die Stunden vorüber, wie dieses Licht der unsichtbaren Sonne auf dem Pol -- eine lange, lange, unendliche Reihe von Stunden ...
Nur mit Mühe halte ich die Rechnung der Zeit aufrecht; ich spreche nicht viel und Ada ist immer schweigsam. Sie sitzt ganze Stunden auf dem grünen Moos und ihre traurigen Kinderaugen irren über die rosa beleuchteten Gipfel der Berge.
Und ich? ...
Seit langem habe ich aufgehört der Gegenwart zu leben und noch mehr der Zukunft. Ich sehe zurück und schaue unaufhörlich meinen Erinnerungen in die Augen. Eine trübselige Gesellschaft! Traurig bin ich dort am Meer und traurig hier, wo ich die Erde sehe am Horizont.
* * * * *
Eine lange Zeit ist vorübergegangen, seit ich die letzten Notizen niederschrieb. Ada wird größer und beginnt sich nach den Geschwistern zu sehnen. Ich merke ihr das an, obwohl sie selbst es nicht zugeben will.
Auch ich denke, daß es trotz allem Zeit ist, an das Meer zurückzukehren. Ich werde älter, und wenn ich in dieser Einsamkeit sterben sollte, wäre Ada zum Tode verurteilt. Ihretwegen will ich zurückkehren, obwohl Gott weiß, wie gern ich hierbleiben und sterben möchte, auf die Erde schauend!
Und ich fürchte fast, daß dieses Kind schon zu lange mit mir, dem Schweigenden, traurig Einsamen, gelebt hat. Seltsam ist dieses Kind -- und auch das ist seltsam, daß wir uns in dieser Einsamkeit, statt uns zu nähern, gegenseitig immer fremder werden. Sie blickt auf mich mit weit geöffneten Augen, und ich fühle, daß sie vieles denkt, worüber sie nicht zu mir spricht.
Ich muß es mir selber eingestehen, so lange ich auch mit diesem Mädchen zusammen bin, es ist mir unmöglich, mich an sie zu gewöhnen, im Gegenteil, sie reizt mich durch ihre Gegenwart. Allein möchte ich sein und ungestört über die Vergangenheit nachdenken ... über die Erde ...
Und dennoch muß ich zurückkehren ... zu Tom, zu Toms Kindern, die mit Staunen und Furcht auf mich schauen werden, auf den alten Menschen, der einstmals von der Erde gekommen ist und jetzt lange in der Einsamkeit lebte. Ich muß zurück ... wir müssen zurück -- Ada ...
Es ist mir noch nicht vergönnt, zu sterben ...
II.
Am Meere bei den warmen Teichen.
Seit unserem EXODUS sind vierhundertzweiundneunzig Mondtage verflossen, das heißt, fast achtunddreißig Erdenjahre. Schon lange habe ich nichts mehr auf diesen Blättern niedergeschrieben, heute nehme ich sie zur Hand, um den Tod Rosas zu notieren.
Sie ist gestorben, es ist furchtbar, durch die Schuld ihres Mannes und Bruders, meines geliebten einstigen Zöglings Tom, der sie im Zorn mit einem Stein erschlagen hat!
Die zweite Frau Toms und seine älteren Kinder haben diese Tat schweigend hingenommen. Anscheinend glaubt er, das Recht zu haben, alle zu töten, die ihm nicht gehorchen. Die einzige, Ada, die sich stets von der Familie Toms ferngehalten hat, ist gegen diesen Verbrecher aufgetreten. Ohne Worte, ohne einen Gefühlsausbruch, nur mit drohender Miene und erhobenen Händen ging das Mädchen auf ihn zu, und er wich ängstlich zurück, obwohl er sie mit einem Faustschlag hätte niederschmettern können, weil er größer und stärker ist. Sie blieb zwei Schritte von ihm entfernt stehen, und mit der einen Hand auf die Leiche der Frau zeigend, erhob sie die andere über seinem Haupte und rief:
-- Für das Blut dieser Frau verfluche ich dich im Namen des Alten Menschen!
(»Alter Mensch« ist der Name, den dieses neue Geschlecht mir gegeben hat.)
Tom erschrak zuerst; dann sah er mich mit einem finsteren Blick an und sagte zu Ada, indem er sich bemühte, seinen Worten einen harten, herrischen Klang zu geben:
-- Rosa war mein Weib. Es stand mir frei, mit ihr zu tun, was ich wollte ... sie zu ernähren oder zu töten. Warum war sie unfolgsam?
Dieser entsetzliche Vorfall und dieses unfreiwillige Verbrechen, denn ich glaube bis zu diesem Augenblick nicht daran, daß Tom seine Frau mit der Absicht sie zu töten getroffen hat, haben mir plötzlich drei Dinge klar gemacht, über die ich mir bis jetzt keine genügende Rechenschaft gab.
Ich sehe vor allem die Brutalität Toms und glaube, daß ich sie verschuldete, denn ich habe ihn erzogen und es nicht verstanden, seinen Charakter anders zu formen. Ferner hätte ich nicht einsame Jahre auf dem Pol verbringen und diese Menschen hier allein ihrem Schicksal überlassen dürfen, und endlich versetzt mich Ada in Staunen. Ich sehe jetzt aus ihrem ganzen Auftreten und aus vielen Dingen, an die ich mich erst nachträglich erinnere, so manches, worauf ich nicht genügend achtgegeben habe, vor allem ihre sonderbare Beziehung zu dem Bruder und seiner Familie. Es scheint mir, daß sie sich gegenseitig hassen, und trotzdem fürchten jene dieses Mädchen, das jüngste aus dem ersten Geschlecht dieser Menschen. Sie hält sich fern von ihnen und lebt unter ihnen wie eine Priesterin, obwohl ich nicht weiß, ob dieses Wort ihr Verhältnis zu den andern richtig ausdrückt. Ada tut mir leid, denn sie ist einsam und wird, glaube ich, immer einsam bleiben auf dieser Welt, so wie ich, sie tut mir um so mehr leid, weil ich ihr nicht das sein kann, was ich ihr eigentlich sein müßte: ein Vater und guter Freund. Aber auch in ihrer Beziehung zu mir liegt mehr eine abergläubische Verehrung als Liebe. Auch daran scheine ich selbst schuld zu sein ...
Und das dritte, was mich am meisten entsetzt hat, weil es mich am nächsten angeht: sie halten mich für ... Aber nein, vielleicht täusche ich mich nur! Was ist's, daß Ada Tom in _meinem Namen_ verflucht hat? Ich bin doch der Älteste, also wahrscheinlich nur deswegen ... Und dennoch, wenn es so wäre? Sollte ich auch dieses ... Götzentum verschuldet haben?
Wie seltsam sie alle diesen Namen aussprechen, mit dem sie mich belegten: »Der Alte Mensch« ...