Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 20

Chapter 203,742 wordsPublic domain

Peter folgte ihnen langsam mit den Augen.

-- Für die Kinder ... wiederholte er noch einmal und stützte den Kopf auf die Hände.

Ich erinnere mich an diesen Augenblick wie heute. Die Sonne berührte schon den Horizont, und die Welt begann sich aus dem Gold in Purpur zu färben. Ein leichter Wind trug uns vom Meer den scharfen Duft der Wasserpflanzen zu, und in das Rauschen der sich auf dem Sande zerschlagenden Flut mischten sich die hellen singenden Stimmen der Kinder.

Plötzlich stand Martha auf und wandte sich zu Peter.

-- Peter, vergib, sagte sie in einem tiefen, warmen Ton, wie ich ihn schon lange nicht mehr bei ihr gehört hatte, vergib, ich war vielleicht ... ungerecht ... vergib, aber ich ... siehst du, ich konnte nicht, kann nicht ... Es tut mir leid, daß du durch mich ... ein solches Leben hattest ...

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Peter erhob sich ebenfalls. Er blickte auf Martha, dann auf ihre ausgestreckte Hand, dann wieder in ihr Antlitz und brach plötzlich in ein furchtbares, krampfhaftes Lachen aus.

-- Ha! ha! ha! Das ist vortrefflich! So, mit einem Wort, nach so viel Jahren, ha, ha, willst du Freiheit? Ein guter Gedanke. Vielleicht eine neue Wahl? Ha! ha! ha! »Peter vergib! Ich bin nicht mehr dein Weib.«

Er lachte wie toll und stieß verschiedene unverständliche Worte hervor. Dann brach er plötzlich ab, wandte sich um und schritt zum Hause.

Martha stand eine Weile verwirrt da, mit einem Ausdruck des Widerwillens und der Demütigung in den Zügen, bis ihr endlich die Nerven den Gehorsam verweigerten und sie in ein lautes Weinen ausbrach -- zum erstenmal seit damals, als sie Peters Weib wurde.

Ich entfernte mich schweigend, noch niedergedrückter als gewöhnlich.

Die lange, vierzehntägige Nacht verbrachten wir fast ohne miteinander zu sprechen. Am andern Tage nahm scheinbar alles seinen alten gewohnten Lauf. Wir machten uns sofort am Morgen an die üblichen Tagesbeschäftigungen, sprachen sogar zusammen wie früher, die »Scheidung« nicht erwähnend, die sich seit jenem Abend tatsächlich vollzogen hatte. Die bisherigen Beziehungen zwischen Peter und Martha waren derart, daß wir alle ihren Bruch als eine Erleichterung empfanden. Ich bemerkte vor allem eine vorteilhafte Veränderung in Marthas Stimmung. Ich will nicht sagen, daß sie heiterer war, aber der Druck, der immer auf ihr gelastet hatte, war verschwunden. Sie sprach freimütiger mit uns, war sogar zu Peter freundlicher, obwohl er die herzlichen Worte, die sie an ihn richtete, so brutal von sich wies.

Und was ging in ihm vor? Das wird mir wahrscheinlich immer ein Rätsel bleiben.

Scheinbar hatte er alles gleichgültig hingenommen, und das widerwärtige Lachen an jenem Abend, als Martha den Bruch herbeiführte, war die einzige Äußerung seiner verborgenen Gefühle. Und dennoch, wie viel Leid, wie viel Demütigung und Schmerz mußte sich in der leidenschaftlichen Seele dieses Mannes angehäuft haben! Und welche Kraft des Willens gehörte dazu, um all das herunterzuwürgen und in sich zu verschließen! Denn er liebte sie trotz alledem -- und liebt sie bis zu diesem Augenblick; in dieser Beziehung hege ich absolut keinen Zweifel.

Am ersten Tag nach der Trennung kam er gegen Mittag zu mir, als ich gerade von einem Ausflug auf das Meer zurückkehrte und das Boot an einem Pfahl am Strande festband. Eine Zeitlang ging er unruhig auf und ab, als wenn er mir etwas sagen wollte, aber er fand anscheinend die Worte nicht. Dann, als wenn er plötzlich einen Entschluß gefaßt hätte, packte er mich bei der Hand und sagte, mir scharf in die Augen sehend:

-- Erinnerst du dich an das Versprechen, das du mir damals, als ich Martha nahm, gegeben hast ...

Ich blickte ihn erstaunt an und wußte noch nicht, wo er hinauswollte.

-- Du hast mir damals versprochen, daß du dich niemals darum bemühen willst, Martha für dich zu gewinnen -- niemals! Erinnerst du dich?

Ich nickte schweigend mit dem Kopfe.

Peter lächelte bitter.

-- Übrigens wie du willst. Das ist lächerlich. Wie du willst. Aber erst ... knalle mich nieder.

Die letzten Worte sprach er dumpf und mit so schmerzlicher Leidenschaft, daß mich ein Schauer durchlief. Ich wollte ihm antworten, ihn beruhigen, aber er wartete es nicht ab, sondern wandte sich um und entfernte sich.

Seit dieser Zeit begannen für mich die furchtbarsten Kämpfe und Qualen. Martha gehörte in der Tat keinem von uns und dennoch fühlte ich, daß es ein zweifaches Verbrechen wäre, die Hand nach ihr auszustrecken: ein Verbrechen ihr gegenüber, die sich nur noch nach Ruhe sehnte, um der Erinnerung an den geliebten Verstorbenen zu leben, wie der Sorge um ihren Sohn und gegen Peter, der so niedergedrückt und unglücklich war, daß jedes ihm zugefügte Unrecht ein tausendfaches Unrecht gewesen wäre. Und dennoch gab es Augenblicke, wo ich meine ganze Energie aufbieten mußte, um Peter nicht niederzuknallen, wie er es sich selbst wünschte, und mit Martha ein neues Leben zu beginnen. Derartige Versuchungen quälten mich vor allem dann, wenn ich glaubte, bei Martha eine wachsende Zuneigung für mich zu entdecken. Sie lächelte mir oft zu und nannte mich wie früher ihren Freund. Und dann schwirrte es mir im Kopfe, und ich sagte mir, wenn Peter nicht wäre, könnten wir beide miteinander glücklich sein! Aber alsbald kam wieder die Ernüchterung. Martha ist mir, so dachte ich weiter, doch nur deswegen geneigt, weil ich niemals zwischen sie und die Erinnerung an diesen Verstorbenen, einzig Geliebten getreten bin, weil ich nie die Heiligkeit ihrer Gefühle verletzte, nie ihren Körper berührte noch ihre Seele, die sie für alle Ewigkeiten nur jenem geweiht hat, der unter dem Sande des _Mare Frigoris_ schläft, für mich verlangte. Aber wenn ich etwas mehr gefordert hätte ...

Trotzdem war ich einer wahnsinnigen Tat nahe ...

Wir unternahmen zu dritt einen Ausflug auf den Gipfel des Kraters Otamor. Die Mädchen ließen wir zu Hause unter dem Schutze Toms, dem man sie schon anvertrauen konnte. Nachdem wir uns von der Meerseite aus durch das Gestrüpp der Lianen hindurchgearbeitet und ganze Wälder mächtiger verholzter Blattpflanzen passiert hatten, gelangten wir auf eine abschüssige Ebene, die einer weiten Alm ähnlich und mit flach am Boden wachsendem, großblättrigen Moos bedeckt war. Bis hierher hatte uns der Weg schon öfter geführt, jedoch wollten wir höher hinauf, wenn es möglich wäre, auf den Gipfel selbst gelangen, um den großartigen Anblick zu genießen, der sich von der Spitze dieses höchsten Berges der ganzen Gegend bieten mußte.

Das Vorwärtskommen war nicht leicht, denn man mußte ziemlich steil in die Höhe steigen, in einer tiefen Bergrinne, die zwischen den Felsen der erkalteten und verwitterten Lava ausgeschnitten und in ihrem oberen Teile bis an die Ränder mit Schnee verschüttet war. Hier auf dem Monde ist es zwar eher möglich, einen solchen Weg zurückzulegen als auf der Erde, wo der menschliche Körper sechsmal schwerer wiegt, aber trotzdem war es keine geringe Mühe.

Nach einigen Stunden der Anstrengung befanden wir uns direkt unter der Wand des Kraters, aber jede weitere Ersteigung erwies sich als vollständig ausgeschlossen. Oben auf der Höhe taute der Schnee durch die heißen Dämpfe, die unaufhörlich aus dem mächtigen Trichter, dessen Ränder jetzt über uns waren, emporstiegen und das herabtriefende Wasser gefror im Winde und bedeckte die Felsen mit einer glänzenden Eisdecke, auf der man sich nicht halten konnte. Nachdem wir uns von der Unmöglichkeit eines weiteren Emporklimmens überzeugt hatten, setzten wir uns in den Schnee, um uns vor der Rückkehr auszuruhen und die Gegend anzusehen.

Der Blick war unvergleichlich schön. Dicht vor uns, hinter den schwarzen Wäldern zu unseren Füßen, erstreckte sich das Meer in grenzenlose Fernen, alle Regenbogenfarben spielend und mit Inseln übersät, die kleinen schwarzen Punkten inmitten einer glitzernden Flachebene oder buntumränderten Pfauenaugen ähnlich sahen. Links, gegen Osten, zeigten sich hinter der sich erhebenden Kante geschwärzte Gipfel und Ringe kleinerer Krater, zwischen denen hie und da das blaue Band eines Baches glänzte. Zur Rechten, hinter den Geisern, von denen nur eine kleine weiße Nebelwolke zeugte, dehnte sich eine breite Ebene, von einem in Windungen dahinziehenden Strom durchschnitten, auf dem in der Ferne wie Perlen auf einer Schnur aneinandergereiht weite, klare, an die Kette von grünen Bergen angelehnte Seen leuchteten.

Wir saßen ziemlich lange, versunken in den zaubervollen Anblick, als uns ein dumpfes unterirdisches Rollen aufschreckte. Die Dämpfe, die sich über dem Krater erhoben, wurden schwärzer und drängten sich zu einem mächtigen Knäuel zusammen, aus dem bald feine erstickende Asche auf uns herniederzustäuben begann. Man mußte so schnell wie möglich umkehren, da anscheinend ein Vulkanausbruch in Aussicht war. Aber es gelang uns nicht mehr, rechtzeitig zu entkommen, denn kaum hatten wir den halben Weg in jener Bergrinne, die bei den Wiesen hinter den Wäldern endete, zurückgelegt, als plötzlich unter stärkerem unterirdischen Dröhnen die Felsen erbebten; von allen Seiten sausten Lawinen herab, und die bis dahin schwarze Rauchwolke flammte in blutigem Scheine auf.

Wir flüchteten uns zitternd in eine nahe Spalte, den Augenblick erwartend, wo wir uns weiter nach unten herablassen konnten. Der Himmel über uns war mit dichten Rauchknäueln bedeckt und glich einem feurigen Höllenrachen; das dumpfe Donnern setzte keinen Moment aus, und die von Schwefeldünsten und feiner Asche erfüllte Luft würgte uns und benahm uns den Atem. Von oben fielen schon größere heiße Schlacken herab, die den schmutzigen Schnee ringsum mit schwarzen Flecken bedeckten. Wir mußten uns aus der Bergrinne, in die sich jetzt das mit Asche und Erde gemischte Wasser des geschmolzenen Schnees ergoß, eiligst flüchten.

Der Ausbruch war ziemlich stark und die Erschütterungen des Bodens, die wir fühlen konnten, mußten eine große Ausdehnung auch am Fuß der Berge annehmen, denn als der Wind für kurze Zeit den erstickenden Dampf und den Aschenstaub auseinanderwehte, öffnete sich der Blick vor uns, und -- wir sahen auf das stürmende, schäumende Meer.

Uns an die scharfe Spitze haltend, die sich wie eine Landzunge an der Stelle erhob, wo die Bergrinne nach unten mündend nach zwei Seiten auseinanderging, von oben durch die herausragenden Felsen etwas bedeckt, verbrachten wir einige Stunden, zwischen Tod und Leben schwebend. Martha zitterte für die Kinder. Tom war zwar mit dem Erdbeben bekannt, das oft und sehr gefahrvoll in diesen Gegenden auftrat und man konnte seiner Umsicht und Vernunft vertrauen, aber Martha und auch mich quälte der Gedanke, daß, im Fall unseres Todes, auch die Kinder, sich selbst überlassen, dem unabwendbaren Tode verfallen wären. Peter war gleichgültig und ruhig, oder wenigstens stellte er sich so.

Endlich wurde es etwas stiller. Der starke Wind, der sich plötzlich vom Meere erhob, reinigte die Luft und trieb die dünner werdenden Rauchwolken langsam auseinander. Der Regen von Asche und Schlacken hörte auf. Wir atmeten leichter und wollten gerade zur weiteren Rückkehr aufbrechen, als uns ein seltsames Zischen und Sausen über uns von neuem beunruhigte. Peter sprang zuerst aus dem Schlupfwinkel hervor um zu sehen, was das bedeute, aber kaum stand er auf dem vorspringenden Felsen, als er einen Schrei des Entsetzens ausstieß. Ein glühender Lavastrom stürzte dröhnend durch die Bergrinnen herab! Ich sah, daß Peter zu uns zurückkehren wollte, aber in diesem Augenblick erhob sich ein Orkan, der diesem Erguß des flüssigen Feuers voranging und fegte ihn vor unseren Augen fort, daß wir anfangs nicht wußten, was mit ihm geschehen war.

Eine unerträgliche, erstickende Glut wehte uns entgegen. Beide Bergrinnen waren bereits von einer flüssigen, rotleuchtenden Masse ausgefüllt, die sich dröhnend in ungeheuren Feuer- und Steinkaskaden in die Tiefe hinabwälzte. Es war keine Sekunde zu verlieren. Wenn der Feuerstrom stärker werden sollte, würde uns die Lava die Rückkehr abschneiden, die quergelegenen Vertiefungen zwischen den Rinnen ausfüllen oder, was schlimmer wäre, unsern Steinwerder zermalmen und davontragen, wie die Strömung eines hochgehenden Flusses lehmige Inseln davonträgt. Infolgedessen dachte ich nicht mehr an Peter, den ich im ersten Augenblick für verloren hielt, nahm Martha, die vor Schreck ohnmächtig geworden war, auf die Schultern und begann mich so schnell wie möglich herabzulassen, an dem zerrissenen Kamm der zwischen den Bergrinnen emporragenden Kante einen Halt suchend.

Noch heute ist es mir furchtbar, an diesen Abstieg zu denken! Die Felsen, an denen sich die höllische Flut brach, bebten unter meinen Füßen wie der Boden eines Schiffes, das mit voller Dampfkraft gegen den Wind fährt. Eine entsetzliche Glut drohte uns zu verbrennen, Martha hing ohnmächtig und schlaff auf meiner Schulter, was meine Bewegungen im höchsten Maße hemmte. Ich mußte alles tun, um nicht auszugleiten, denn jeder falsche Schritt bedeutete den Tod.

Durch welches Wunder ich, von der Glut fast erstickt, von dem heißen Rauch und dem Glanz der Lava geblendet, von einem gräßlichen Sausen betäubt und zerschlagen von den herabfallenden Steinen, mit Martha auf die Ebene gelangte, von der aus wir den Aufstieg angetreten hatten, kann ich heute nicht mehr sagen.

Wir waren jedoch gerettet. Die Lava floß irgendwo seitwärts durch die Wälder ab, die einen Moment aufrauchten, und hinterließ in der Mitte ein mächtiges freies Dreieck, dessen Spitze eine Wiese und eine über ihr sich erhebende Kante bildete, während die Basis der Meeresstrand schuf, der sich über tausend Meter unter uns erstreckte.

Ich machte mich vor allem an Marthas Wiederbelebung. Nachdem sie die Augen aufgeschlagen und sich überzeugt hatte, daß uns keine Gefahr mehr drohe, frug sie sofort nach Tom. Ich beruhigte sie, daß Tom zu Hause sei und wir ihn gewiß gesund und munter wiedersehen würden, noch ehe der Mittag naht. Da streckte sie mir beide Hände entgegen und sagte, wie damals im Polarlande, als ich sie nach der Überschwemmung gesucht hatte:

-- Mein Freund, mein lieber Freund ...

In ihrer Stimme lag etwas unbeschreiblich Weiches und Süßes, das meinen Körper erschauern machte und mir die Kehle wie im Krampf zusammenschnürte. Ich neigte das Gesicht, damit mich meine Augen nicht verrieten.

-- Ich schulde dir mein eigenes Leben und noch mehr, das Leben Toms, dem wir noch notwendig sind. Du bist gut ... flüsterte sie und preßte meinen Kopf an ihre Brust.

Als ich sie aus ihrer Ohnmacht erweckte, hatte ich ihr das Kleid unter dem Halse aufgerissen. Nun berührte ich mit der Stirn diese entblößte Brust, und gleichzeitig fühlte ich ihre Tränen mein Haar benetzen.

Da ergriff mich eine wilde Leidenschaft. Ich hatte dieses Weib, das noch so schön und so über alle Maßen begehrenswert war, vor mir; ich brauchte nur die Hand auszustrecken, sie an mich zu reißen, mit Küssen zu bedecken, in glühenden Umarmungen zu ersticken. Es wurde mir schwarz vor den Augen, in den Ohren dröhnte und sauste es, meine Pulse flogen; ich fühlte die Wärme und Weichheit ihres Körpers, sein Duft berauschte mich und machte mich wahnsinnig ...

Wir sind, blitzte es in mir auf, die einzigen Menschen auf diesem Globus, denn Peter liegt wahrscheinlich als Leiche zwischen den Steinen ...

Und übrigens, was geht mich Peter an, was geht mich die ganze Welt an, wenn nur sie ... Eine unaussprechliche Zärtlichkeit, ein unermeßliches Glücksgefühl überströmte mein ganzes Wesen.

Nein!

Ich raffte meine Willenskraft zusammen und wich zurück. Peter liegt vielleicht in diesem Augenblick irgendwo auf dem Felsen, blutig, halb tot und wartet auf Rettung, während ich ...

Martha schaute mich an und -- verstand.

-- Du hast recht, sagte sie, als wenn sie mir antwortete, obwohl ich kein Wort gesprochen hatte. Du hast recht, geh und suche Peter.

Dann erhob sie sich und drückte mir die Hand.

Ich fand Peter tatsächlich nicht weit von der Stelle, wo der Orkan ihn hinabgestoßen hatte. Er lag bewußtlos an einen spitzen Felsen gelehnt, der ihn vor dem Hinabsausen in den feuerflammenden Abgrund rettete. Wir trugen ihn nach Hause, und unsern gemeinsamen Mühen gelang es, ihm die Gesundheit wiederzugeben.

Geraume Zeit ist schon seit diesem Vorfall verflossen, und ich, an den Augenblick der Schwäche denkend, bemühe mich um so eifriger, mit meinem Willen stets über diesem Rest zu stehen, der mit ihm zusammen die menschliche Seele ausmacht.

Und Peter? ... Er sitzt wie immer schweigend und finster auf der Schwelle des Hauses und vielleicht, ich weiß es nicht, vielleicht tut es ihm leid, daß er auf den Abhängen des Otamor sein Leben damals nicht lassen durfte.

Mit mir ist scheinbar alles zu Ende. Bald werden auch diese Kinder meiner nicht mehr bedürfen. Ich will mir ein Grab errichten -- auf der Friedhofinsel.

VI.

Nach sechs Tagen ...

Ich blicke auf die letzten Worte, die ich vor einigen Mondtagen niederschrieb und meine Augen trüben sich, nicht mehr von Tränen, denn die sind längst vertrocknet; nein, es ist, als wenn Entsetzen und Verzweiflung sie mir wie mit heißem Sande geblendet hätten. Nicht für mich habe ich das Grab auf der Friedhofinsel erbaut ...

Weshalb ... weshalb!

Eine ewig stumme, qualvolle Frage -- ohne Antwort.

Ich bin allein geblieben.

Allein mit vier Kindern, die nicht meine Kinder sind. Ich bin der letzte Mensch auf dem Monde, der letzte derjenigen, die von der Erde gekommen sind. Die beiden andern, Martha und Peter, sind O'Tamor, den Remogners, sind Woodbell gefolgt. Und ich lebe.

Das ist das Schicksal, das ich am meisten gefürchtet und -- am wenigsten erwartet habe.

Und wenn ich bedenke, daß das alles so schnell geschehen konnte! Sechs Mondtage, ein halbes irdisches Jahr! Wer hätte das damals geglaubt! Und zum drittenmal schon ist diese träge Sonne über diesem Meer aufgegangen, seit ich sie begraben habe. Ich bin allein, so furchtbar, so grauenhaft allein, daß ich während der finstern Nächte aufspringe und herumlaufe und am Tage jedes Geräusch und die Schatten der sich im Winde wiegenden Pflanzenungeheuer fürchte.

Ja, ich bin allein. Denn diese Kinder können mir nicht nahe stehen. Das sind Wesen aus einer anderen Welt, in des Wortes wahrster Bedeutung.

Was würde ich dafür geben, wenn auch nur für einen Augenblick, Martha oder Peter hier bei mir zu haben!

Als Martha krank wurde, hatte ich keine Ahnung, daß das so furchtbar enden sollte.

Ich bemerkte zwar schon lange, daß ihr Organismus erschöpft war von all dem, was sie durchgemacht hatte, daß Kummer und Trauer an ihrem Leben nagten, aber dieser Gedanke war doch so fern von mir, so fern!

Am letzten Mondtage begann Martha zu kränkeln. Noch stiller und nachdenklicher wie gewöhnlich, verbrachte sie fast die ganze Zeit mit den Kindern am Meeresstrande. Sie spielte mit Tom und liebkoste sogar die Mädchen, die sehr erstaunt waren über die so seltene Zärtlichkeit der Mutter. Gegen Mittag, als ich zum Strand ging, um ihr zu sagen, daß sie nach Hause zu den Teichen zurückkehren müsse, da die Gewitter im Anzuge seien, lächelte sie mir zu und wiederholte einigemal:

-- Ja, es ist Zeit nach Hause zurückzukehren, es ist Zeit, zurückzukehren ...

All diese kleinen Einzelheiten sind mir so lebhaft im Gedächtnis, stehen so klar vor meiner Seele, daß ich sie jetzt beim Schreiben vor Augen habe, jede ihrer Bewegungen sehe, ihre Stimme höre und es nicht fassen kann, daß sie nicht mehr ist und ich sie nie mehr wiedersehen werde ...

Als sie nach Hause ging, nahm sie die Jüngste, Ada, bei der Hand und frug sie, ob sie Tom liebe. Das Kind schüttelte den Kopf:

-- Nein, ich liebe ihn nicht.

Martha wurde traurig.

-- Warum liebst du ihn nicht, warum, Ada?

-- Weil Tom nicht gut ist. Tom will, daß ich ihm gehorche.

-- Das ist unrecht, sagte die Mutter, du mußt Tom gehorchen und ihn lieben, denn du bist sein ...

-- Nein. Ich gehöre nicht Tom. Lilli und Rosa gehören Tom. Ich bin mein.

Ich lachte laut über diese Antwort des Kindes, aber Martha traten die Tränen in die Augen.

-- Es ist unmöglich, sich selbst zu gehören, unmöglich, flüsterte sie mehr zu sich selbst und küßte das Kind herzlich.

Nachmittags sprach sie lange mit Tom. Nachdem sie ihn zu sich gerufen hatte, erzählte sie ihm vom Vater, vielleicht zum tausendstenmal, eine Unmenge Einzelheiten wiederholend, die zusammengenommen ein seltsames Märchen bildeten, eine Hymne für den verstorbenen Geliebten. Tomas war ein tüchtiger, vortrefflicher Mensch, aber in den Erinnerungen Marthas wurde sein Bild göttlich, die Verkörperung von allem, was gut und groß und schön ist.

Sie ermahnte Tom, daß er zu seinen Schwestern gut sein müsse. Das setzte mich in Erstaunen, denn solche Lehren hatte ich nie aus ihrem Munde gehört.

Gegen Abend begann sie über eine allgemeine Schwäche zu klagen, über Schwindel und Schmerzen in den Gliedern. Gewöhnlich ertrug sie alle Unpäßlichkeiten schweigend, so daß wir nur aus ihren Zügen erraten konnten, wenn ihr etwas fehlte; nie kam ein Wehlaut über ihre Lippen, noch suchte sie je bei uns Mitleid oder Hilfe. Selbst wenn wir bemerkten, daß sie schlecht aussah und sie frugen, was ihr fehle, schüttelte sie den Kopf und sagte lächelnd:

-- Es fehlt mir nichts ... Oder: Das geht vorüber, ich werde noch nicht sterben, denn ich bin Tom noch notwendig.

Infolgedessen beunruhigten mich ihre Klagen an diesem Abend um so mehr. Ich sah sie forschend an und bemerkte erst jetzt, beim Lichte des erlöschenden Tages, daß Fieberflecke auf ihren Wangen brannten und ihre Augen schwarz umrändert und eingefallen waren. Sie hatten nichts von dem früheren Glanz verloren: All die vergossenen blutigen Tränen vermochten nicht den Strahl dieser Augen zu trüben, aber sie leuchteten jetzt in einem ungesunden Feuer, das nichts gemein hatte mit jener früheren sternenklaren Helligkeit!

Als die Sonne untergegangen war, begann Martha, die sich niedergelegt hatte, mehr infolge der Schwäche als aus Schlaflosigkeit, unruhig zu werden. Sie sprang vom Lager auf, es war ersichtlich, daß sie fieberte. Sie rief die Kinder, die schon schliefen, dann rechtfertigte sie sich, kaum hörbar flüsternd, vor sich selbst oder auch vor dem Geiste des Verstorbenen, der ihr scheinbar vor Augen stand, ihres Lebens wegen und klagte sich der Geburt dieser armen Mädchen an, ja sogar wegen ihrer Liebe zu ihnen, die sie nicht hatte ganz unterdrücken können. Ich glaube, daß ihrer Überzeugung nach diese Mutterliebe ausschließlich ihrem Sohne gelten durfte und jede ihrer Äußerungen den Töchtern gegenüber ihr als ein Tom und dem Toten zugefügtes Unrecht erschien.

Nach einiger Zeit beruhigte sie sich ein wenig. Ich saß mit Peter an ihrem Lager, angstvoll und niedergedrückt; vor allem peinigte uns der Gedanke, daß wir keine Arzeneien hatten und dieser Krankheit gegenüber ganz ratlos waren. Martha schaute uns lange mit weit geöffneten Augen an und frug dann plötzlich, ob die Sonne schon untergegangen sei. Ich antwortete ihr, daß die lange Nacht auf dem Monde bereits begonnen habe.

-- Ah, es ist wahr! sagte sie, wieder klarer bei Besinnung. Draußen ist es doch finster und hier brennen die Lichter ... Ich habe es nicht gleich bemerkt. Und dort auf dem _Mare Frigoris_, was ist jetzt dort?

-- Dort ist jetzt Tag. Eben ist dort die Sonne aufgegangen.

-- Ja, die Sonne ist aufgegangen und leuchtet jetzt über Tomas' Grab, nicht wahr? Und dieselbe Sonne über diesem Grabe wird hierher zu uns am Morgen kommen?

Ich nickte schweigend.

-- Dieselbe Sonne, sagte abermals die Kranke. Und wenn ich daran denke, daß diese Sonne täglich, so viele Mondtage hindurch, auf das Grab schaute und dann auf mich hier, die Lebende, und dann wieder zu dem Grabe zurückkehrte, ihm zu erzählen, was sie hier gesehen hat!

Sie bedeckte die Augen mit den Händen und begann am ganzen Körper zu zittern.

-- Das ist furchtbar! wiederholte sie einige Male.