Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 19
In der Tat verriet Tom schon damals, als kleiner sechsjähriger Knabe, ungewöhnlichen Scharfsinn und bewundernswerte Energie. Er entwickelte sich schnell und auf eine seltsame Art; in gewisser Beziehung ganz anders, wie sich für gewöhnlich das Gemüt der Kinder dort auf der Erde entwickelt. Beizeiten lernte er Selbständigkeit und hatte einen so ausgeprägt praktischen Sinn, daß wir manchmal staunten. Es war keine Spur einer kindlichen Schwärmerei an ihm zu entdecken; Tom war nüchtern, so entsetzlich nüchtern, daß es mir manchmal weh tat, wenn ich auf dieses helle Haupt des Kindes schaute, in dem die Gedanken, von keinerlei Träumereien getrübt, so ruhig und klar dahinflossen wie unter dem kahlen Schädel eines Greises. Der Knabe hatte trotz alledem viel Herz: er liebte die Mutter zärtlich und hing sehr an mir; nur Peter konnte er nicht leiden. Stets sicher und selbstbewußt, wie sein Vater, war er in Peters Gegenwart verängstigt und verwirrt. Übrigens weiß ich es nicht einmal, ob ich die Ausdrücke recht gewählt habe, um zu beschreiben, was in der Seele des Kindes in Gegenwart des Stiefvaters vorgehen mußte. Tom schwieg alsdann stets so hartnäckig, daß es schien, als wenn er lieber alle Qualen ausstehen würde als die Lippen öffnen. Nur die Augen irrten unruhig umher. In seinem Benehmen war Angst, aber auch Trotz, Verbissenheit, Haß und Widerwille lagen darin. Peter fühlte und sah das, und es schien mir, daß er schon damals dieses seltsame Kind fürchtete.
Martha hatte recht: Tom war keiner von denen, die zum Gehorchen geschaffen sind. Es war zu viel des entschiedenen, weltumfassenden Geistes der Engländer in ihm und zu viel flammendes Blut der stolzen Radschas aus Travancore.
Daher bin ich auch überzeugt, daß, wenn er einen Bruder bekommen sollte, der größer und stärker ist als er, dieser genau so hinter ihm herlaufen und ebenso demütig in seine Augen schauen würde, wie die beiden kleinen Schwestern Lilli und Rosa.
Aber Tom wurde kein Bruder geboren; es kam ein drittes Mädchen zur Welt, das wir Ada tauften.
Martha begrüßte ohne Freude und Rührung die Geburt dieses Kindes.
-- Tom, sagte sie einige Stunden später, als wir auf ihren Wunsch den Knaben an das Lager gebracht hatten, Tom, du wirst keinen Bruder mehr haben, aber du hast dafür drei Schwestern. Sie müssen dir genügen als Ehefrauen, als Kameraden, als Dienerinnen ...
Tom fragte nicht mehr, wie bei der Geburt der ersten Mädchen, was er mit der neuen Schwester tun solle, sondern schaute sich nach Lilli und Rosa um, die sich in einer Ecke bei der Hand hielten und an dem Knaben wie gewöhnlich mit Augen voller Liebe und Bewunderung hingen; er berührte leise mit den Fingern das kleine aus Leibeskräften schreiende Geschöpf und sagte, ernst mit dem Kopfe nickend:
-- Sie werden genügen, Mütterchen, sie werden genügen ...
-- Tom, sagte ich darauf, durch Marthas Worte und das Benehmen des Kindes unangenehm berührt, du mußt gut zu ihnen sein.
-- Weshalb? fragte er naiv.
-- Damit sie dich lieb haben, antwortete ich.
-- Sie lieben mich auch so ...
-- Ja, wir lieben Tom sehr! riefen die beiden Mädchen fast einstimmig.
-- Siehst du, Tom, sagte ich, sie sind besser als du, denn sie lieben dich, obwohl du es nicht immer verdienst. Aber diese Kleine könnte dich vielleicht auch _nicht_ lieben ..
Tom antwortete nichts; ich bemerkte, daß er voller Mißmut auf das Neugeborene schaute und die zarten Augenbrauen zusammenzog.
Schließlich ist es ganz gut, daß Tom kein Bruder geboren wurde, er wäre sein Sklave oder -- sein Feind geworden.
Ich verließ das Zimmer und dachte lange über die furchtbare Ironie des menschlichen Daseins nach, die uns von der Erde auf den Mond nachfolgte. Zu O'Tamor eilten meine Gedanken. Edler Träumer! Wie er es sich so schön vorstellte, daß hier auf dem Monde aus den Kindern Marthas und Tomas', die vor dem schlechten Einfluß der irdischen »Zivilisation« bewahrt blieben, ein neues, ideales Geschlecht erblühen würde, dem alles fremd und unbekannt wäre, was die ewige Ursache des menschlichen Unglücks auf der Erde ist! Ich blicke auf diese Kinder und denke mir, daß der kluge, edle O'Tamor nur eines vergessen hat, nämlich daß die Nachkommenschaft des Menschen sich stets aus menschlichen Wesen zusammensetzen wird, die in ihrer Brust den Keim alles dessen tragen, was der Jammer der menschlichen Geschlechter geworden ist. Und ist es nicht die grausamste Ironie, daß der Mensch seine Feinde in sich selbst sogar bis auf die Sterne hinüberträgt, die am fernen Himmel über ihm leuchten?
Es ist gut, daß Tom keinen Bruder hat, wenigstens wird dadurch die Zeit der Bruderkämpfe und Feindseligkeiten hinausgerückt, und wir werden vielleicht indessen sterben und sie nicht mehr mit anzusehen brauchen ...
Und die Mädchen? ... Es scheint mir, daß sie dazu geschaffen sind, ihm zu gehorchen. Sie werden am Ende nicht einmal das ihnen zugefügte Unrecht verstehen, sondern glücklich sein, wenn ihr Bruder, Gatte und Herr sich ihnen gegenüber manchmal gnädig zeigt ... Bezüglich Lilli und Rosa bin ich dessen bereits sicher; Ada hingegen ist noch zu klein, sie ist jetzt nach irdischer Zeitrechnung kaum drei Jahre alt, um irgendwelche Vermutungen bezüglich ihrer zukünftigen Stellung zu dem Stiefbruder auszusprechen. Ich bemerke nur, daß sie ihn nicht so liebt wie die älteren. Tom ist ihr gegenüber ebenfalls sehr gleichgültig.
Die aufmerksame Beobachtung des Heranwachsens und der geistigen Entwicklung dieser vier Kinder bildet in der letzten Zeit meine einzige, wenn auch traurige Zerstreuung. In physischer Beziehung haben sie sich den Bedingungen der Mondwelt, die für uns von der Erde Gekommenen immer fremd und unerträglich sind, obwohl wir schon so viele Jahre hier leben, vortrefflich angepaßt. Etwas ungemein Schwieriges ist zum Beispiel für uns die Regulierung des Schlafes. Während des langen Tages müssen wir fast ebensoviel schlafen wie während der Nacht. Das bringt das Unangenehme mit sich, daß wir den dritten Teil der Zeit, während der die Sonne am Himmel steht, durch den Schlaf verlieren; das ist etwas Unnatürliches und infolgedessen wenig Erfrischendes. Und dafür sitzen wir zwei Drittel der Nacht schlaflos da, von der Kälte, der Dunkelheit und, was noch schlimmer ist, von der Langenweile gequält. Die Kinder, die hier geboren sind, schlafen am Tage sehr wenig, kaum eine, höchstens zwei Stunden in zwanzigstündigen Pausen, aber dafür schlafen sie fast die ganze Nacht mit kleinen Unterbrechungen. Einige Stunden nach Sonnenuntergang überkommt sie schon ein unbezwinglicher Schlaf. Wenn sie in der Nacht aufwachen, so ist das nur auf zwei, drei, höchstens vier Stunden, worauf sie wieder einschlafen, wie bei uns auf der Erde die Zieselmäuse oder Vögel bis zu der Zeit schlafen, da die erste zarte Dämmerung am Himmel das Herannahen des Tages verkündet.
Sie vertragen auch das hiesige Klima unvergleichlich besser als wir. Die Hitze schwächt sie nicht in dem Maße und ruft nicht die Erregung noch den Schlaf hervor wie bei uns.
Aber am meisten wundert es mich, daß die Kinder auch gegen die Kälte viel abgehärteter sind als wir älteren. Am Morgen, wenn es am kältesten ist, laufen sie, eben vom langen Schlafe erwacht, oft hinaus und entfernen sich, sogar ziemlich weit, während wir uns alsdann nur im äußersten Notfalle ins Freie wagen.
Der Anführer dieser morgendlichen Ausflüge ist immer Tom. Die beiden älteren Mädchen laufen ihm nach, ebenso wie der alte Wotan, anscheinend von derselben blinden Anhänglichkeit geleitet. Dieser Hund und diese Mädchen bilden den ständigen Hof Toms.
Ich glaubte anfänglich, daß die Kinder im Schnee spielen gehen, der früh nach Sonnenaufgang schmilzt, oder sich auf der Eisbahn am Strande des in der Nacht zugefrorenen Meeres unterhalten. Aber bald habe ich mich überzeugt, daß die kleine Schar unter der Führung Toms in aller Frühe -- auf die Jagd geht! Seltsam, daß wir noch nicht auf diesen Einfall gekommen sind! Alle hiesigen Tiere graben sich zum Schutze vor der Kälte in die Erde ein und schlafen während der Nacht.
Tom hat dies mit Hilfe Wotans, der eine vorzügliche Witterung hat, herausbekommen. Er suchte unter dem Schnee die Schlupfwinkel der verschiedenartigsten kleinen Ungeheuer auf und schlug sie tot, bevor sie aufwachten. Das Fleisch der hiesigen Landtiere ist zwar, wie ich schon bemerkte, nicht zu genießen, aber dafür liefern ihre Häute uns schöne dauerhafte Pelze oder Hornmaterial, das dem Schildpatt sehr ähnlich ist. Das Jagen ist während des Tages oft schwierig, da die Tiere uns wie auch den sie verfolgenden Hunden gegenüber mißtrauisch geworden sind. Wie groß war daher mein Erstaunen, als Tom eines Morgens mehrere Häute brachte, unter denen einige frisch waren und der Rest sehr sorgsam gegerbt! Diese letzteren stammten von früheren Jagden. Der Junge sah, wie wir die von den toten Tieren gerissenen Häute mit scharfen Muscheln gereinigt und mit Salz, das sich in ziemlicher Menge am Meeresstrande befand, gegerbt haben, und machte das alles auf eigene Faust und nicht viel schlechter als wir!
Es fehlte ihm nicht an Scharfsinn. Acht Jahre alt, kannte er schon genau unsere Fabriken und verstand den Zweck und die Bedeutung jeder Einrichtung, die Brauchbarkeit eines jeden Instrumentes und Materials. Ich habe die Pflicht auf mich genommen, ihn zu unterrichten, aber für Bücher zeigte er keine besondere Lust. Es interessiert ihn alles, was einen praktischen Wert hat, um andere Dinge kümmert er sich sehr wenig. Ich wollte ihn die Geographie der Erde lehren, die Geschichte der dortigen Völker, ihn mit den seinem Verstande zugänglichen Meisterwerken großer Schriftsteller bekannt machen, aber ich bemerkte sehr bald, daß ihn das absolut nicht interessierte, so großes Interesse er auf anderen Gebieten zeigte. Zunächst brach ich den Unterricht nicht ab, denn ich glaubte, daß ich in ihm einen historischen und ästhetischen Sinn wecken könne; erst als er mich während einer derartigen Lehrstunde einmal ganz unvermittelt fragte:
-- Onkel, warum erzählst du mir das alles? -- gab ich die diesbezüglichen Bemühungen auf.
Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn in der Tat, wozu? ... Und er sagte weiter:
-- Das alles, was du mir da erzählst, soll wahrscheinlich auf der Erde sein, die ich, wie ich mich erinnere, während eines Ausfluges gesehen habe, wie eine große leuchtende Kugel, und von der du, Onkel, hierhergekommen sein sollst, nicht wahr?
-- Ja, das ist auf der Erde, von der ich gekommen bin, und von der überhaupt die Menschen stammen.
Der Knabe sah mich an, als wenn er zögerte zu sagen was er dachte, und endlich kam es mit etwas schüchterner Miene heraus:
-- Aber ich weiß nicht, Onkel, ob das alles wahr ist.
Ich war betroffen von dieser Bemerkung, obwohl sie bei einem Kinde, dem man Dinge erzählt, die sich auf einem entfernten und nur einmal von ihm gesehenen Planeten abspielen, ganz natürlich ist.
-- Hast du dich jemals überzeugt, daß ich die Unwahrheit spreche?
-- Nein, nein, niemals! rief er lebhaft, worauf er etwas leiser hinzufügte:
-- Aber jetzt kann ich mich nicht davon überzeugen, daß du die Wahrheit sprichst ...
Ich nahm eine Uhr aus der Tasche.
-- Weißt du, was das ist? Eine Uhr ... Glaubst du, daß ich oder Peter oder deine Mutter ein solches Werk herstellen können? Du siehst auch Bücher, die wir nicht gedruckt, astronomische Instrumente, die nicht wir gebaut haben. Woher also sollte das alles stammen, wenn wir es nicht von der Erde mitgebracht hätten? Und wenn wir von der Erde hierhergekommen sind, so müssen wir doch wissen, wie es dort ist und aussieht.
Der Knabe dachte nach.
-- Aber ich, nicht wahr, ich werde niemals auf die Erde kommen?
-- Nein, du wirst niemals auf die Erde kommen.
-- Weißt du was, Onkel, dann lehre mich lieber solche Bücher und Vergrößerungsgläser machen und erzähle mir nicht mehr davon, wie man da von einem Europa nach Amerika fährt, oder was dieser Alexander der Große gemacht hat und der andere, Napoleon ...
Ich mußte in meinem Innern zugeben, daß Tom recht hatte. Er war doch niemals und wird niemals dort sein, wozu soll ich ihm also erzählen, was mich nur deswegen angeht, weil ich auf der Erde geboren bin? Diese Belehrungen sind nutzlos für ihn; und wenn er oder seine Nachkommenschaft einmal etwas von der Erde erfahren wollen, von der vielleicht nur die unklare Kunde zu ihnen dringt, daß man sie, die Mutter des menschlichen Geschlechts, am Himmel leuchtend von den Grenzen der toten Wüste aus sehen kann, so werden diese Bücher, die wir mitgebracht haben, den zukünftigen Mondbewohnern märchenhafter erscheinen als den Erdenkindern die phantastischsten Geschichten aus »Tausendundeiner Nacht«.
Seitdem beschloß ich, Tom nur das beizubringen, was in seinem zukünftigen Leben auf dem Monde einen realen Wert für ihn hat. Dazu zeigte er auch eine ungewöhnliche Lust.
Er verschlang gierig alle Lehren, sobald er nur einsah, daß sie ihm von Nutzen sein könnten. So interessierte ihn zum Beispiel anfangs die Astronomie sehr wenig, aber er beschäftigte sich mit wahrem Feuereifer mit ihr, als ich ihm den ganzen praktischen Nutzen klar machte, den man aus der Messung des Höhenstandes der Sterne ziehen kann.
Ich bin überzeugt, daß, wenn wir die Bücher nicht mit hierhergebracht hätten, die nach uns bleiben, den kommenden Generationen die ideale Seite dieses kleinen Teiles der von der Erde überlieferten geistigen Arbeit des Menschen verloren ginge; denn durch die Vermittlung des unzweifelhaft befähigten, aber unerhört nüchternen Tom würde sie sicher nicht fortleben. Und doch denke ich immer und immer an dieses künftige Geschlecht. Es soll, dahin geht mein ganzes Sinnen und Trachten, nicht wild aufwachsen und dahinleben, sondern wissen, daß der menschliche Geist mächtig ist, daß er Großes und Schönes schafft und seinen Gott über den goldenen Sternen sucht! Daß er unaufhaltsam vorwärtsdringt und in glühendem Begehren nach Wahrheit und Schönheit strebt. Daß dieser Geist die stärkste Waffe in dem Lebenskampfe des Menschen mit der ihn umgebenden Natur ist, und sie ihn schätzen lernen und aus seiner Kraft Nutzen ziehen.
Ich lechze geradezu danach, dies alles Tom zu sagen, obwohl er leider so wenig Verständnis dafür hat; ich lechze danach, als wenn ich fürchtete, daß mir die Zeit dazu fehlen wird. Denn wenn ich sterbe, wenn wir alle sterben, wir Erdenmenschen, wird der Lehrer und Prophet des Mondvolkes nur mehr er sein und diese alten Bücher, die zugleich mit den Menschen von dem fernen Planeten auf diese Welt geschleudert wurden.
Als ich ihm einst sagte, er müsse fleißig sein und alles lernen, nicht nur das, was ihm gefällt, denn er würde in Zukunft der Erzieher des neuen Geschlechts sein, schaute er mich erstaunt an und fragte:
-- Und du, Onkel, was wirst du dann tun? Du kannst doch alles ...
-- Ich werde dann nicht mehr leben.
-- Wer wird dich töten?
Tom verstand nicht, daß es einen natürlichen Tod gibt. Er sah die getöteten Tiere und tötete sie selbst, aber er sah noch nie ein sterbendes Wesen. Ich begann ihm dann die Notwendigkeit des Todes zu erklären. Er hörte mir aufmerksam zu, dann unterbrach er mich plötzlich, indem er rief:
-- Also wird auch Peter sterben?
-- Er wird sterben wie ich, wie deine Mutter, wie schließlich du selbst ...
Tom schüttelte den Kopf:
-- Ich werde nicht sterben, denn ... was hätte ich davon?
Ich lachte unwillkürlich über diese kindliche Bemerkung und setzte ihm abermals auseinander, daß der Tod nicht von dem menschlichen Willen abhänge, aber Tom war nicht bei der Sache und dachte scheinbar an etwas anderes. Endlich sagte er mit gedämpfter Stimme und wie zögernd:
-- Onkel, wenn Peter sterben muß, so soll er früher sterben wie du, zuerst von uns allen, er soll bald sterben. Er ist doch vollständig unnötig. Dann würdest du allein mit uns und der Mutter bleiben und es wäre uns allen wohl ...
Ich erklärte dem Knaben, daß er niemandem den Tod wünschen dürfe und um so weniger Peter, der doch der Vater seiner Schwestern Lilli und Rosa sei. Er schaute finster drein und seufzte, dann sagte er vorwurfsvoll:
-- Onkel, warum bist du nicht der Vater meiner Schwestern? Du bist mir viel lieber als Peter und auch der Mutter ... Peter ist überflüssig.
Ich fühlte die verborgensten tiefsten Fasern meines Herzens erbeben, und gleichzeitig packte mich Entsetzen, denn das war ein Gedanke, der in letzter Zeit auch mir öfter durch den Kopf fuhr. Ich kann mich nicht anklagen. Ich hielt den einmal gefaßten Entschluß und harrte auf dem freiwillig gewählten und so unerhört lächerlichen Posten eines gutmütigen Lehrers fremder Kinder aus, aber was ich gekämpft, was ich gelitten habe, das kann ich heute nicht mehr mit Worten schildern.
Denn ich hatte doch diese Frau, die mir so teure und einzige auf dieser Welt, stets um mich, ich sah, daß sie unglücklich war und manchmal redete ich mir sogar ein, daß sie mit mir glücklicher wäre. Es gab Tage, wo ich, auf Peter blickend, den Griff des Revolvers in der Tasche preßte, und andere, da ich mir den Lauf vor die Zähne hielt, weil ich glaubte, es nicht länger ertragen zu können.
Aber ich habe es dennoch ertragen! Ich habe es ertragen, obwohl mir das Blut oft den Blick verschleierte und der Krampf meine Brust zusammenschnürte, ich habe es ertragen, trotzdem mich die Versuchungen, die mich im Schlaf und im Wachen folterten und verfolgten, dem Wahnsinn nahe brachten.
An jenem unvergeßlichen Tage, als wir das Los um Martha ziehen sollten, dachte ich, auf ihren Besitz verzichtend, daß ich mit der Zeit ruhiger würde und vergessen könnte; aber vergeblich gingen die Jahre dahin, vergeblich irrte ich fern von ihr in der Einsamkeit, vergeblich widmete ich mich der Erziehung Toms und dem Gedanken an das künftige Geschlecht: Sie ist mir stets ebenso teuer wie damals, dort im Polarlande, als ich nach langer, dank ihrer Pflege glücklich überstandener Krankheit, mit ihr auf den wonnigen, in Dämmerung gehüllten Wiesen wandelte, über gleichgültige und so bedeutungsvolle Dinge sprechend.
Meine Muskeln und Sehnen sind kräftig und rüstig, aber mein Geist beginnt zu altern, ich fühle es; die Sehnsucht nach der Erde lastet auf meiner Seele und eine immer größere Trauer greift um sich in meinem Innern: Ich sehe nicht nur durch Tränen, nein, ich denke auch nur noch durch Tränen! Nur diese Liebe in meinem Herzen will nicht älter und schwächer werden, im Gegenteil, sie wächst mit dem Alter, zugleich mit der mich immer mehr bedrückenden Sehnsucht. Ich weiß, daß ich lächerlich bin, und ich kann nicht einmal über mich lachen.
Manchmal versuche ich es, zu spötteln. Ich wiederhole mir brutal, daß ich Martha nur deswegen liebe, weil sie die einzige Frau auf dem Monde ist und nicht mir gehört; daß dieses erhabene Gefühl ein nur in dem Prisma des menschlichen Geistes gebrochener, grober tierischer Drang ist, und viele, viele ähnliche Dinge; aber nachdem ich mir das alles zum hundertstenmal gesagt habe, suchen meine Augen unwillkürlich Martha und ich fühle, daß ich mich freudig ans Kreuz schlagen ließe, wenn ich dadurch ein einziges heiteres Lächeln auf ihre Lippen zaubern könnte.
Fest eingewurzelt im Menschen, auch in der Wildnis, sogar auf einem anderen Globus, bleibt neben allerhand Instinkten auch das Gefühl des Rechts. Ich weiß nicht, ob das auf den Folgen der Erziehung oder auf einer angeborenen geistigen Organisation beruht, aber sicher ist, daß es in uns lebt und sich laut vernehmen läßt, sogar da, wo es niemanden gibt, der ihm sein Schweigen vorwerfen könnte.
Martha gehörte zu Peter. Ich war damit einverstanden gewesen, und dieser Gedanke, mag es sein wie es will, hielt mich von manchem zurück, was ich sonst vielleicht getan hätte. Ich bemühte mich, sie zu meiden, um meinen Verdacht vor mir selbst, daß ich mich ihr zu gefallen bemühte, zunichte zu machen. Übrigens suchte auch sie nicht meine Gesellschaft; ich bemerkte sogar, daß meine Gegenwart sie stets mit Unruhe erfüllte. Aber das alles hat sich seit der Geburt des jüngsten Mädchens geändert, da es nach dieser zum vollständigen Bruch zwischen Martha und Peter gekommen ist.
Zwei Mondtage nach der Geburt dieses Kindes, etwas vor Sonnenuntergang, saßen wir beisammen, was sehr selten vorkam, und schauten schweigend auf das weite Meer. Die untergehende Sonne vergoldete seine Fluten, die, leicht vom Winde bewegt, schon im Schatten der Felsen zu phosphoreszieren begannen. Der Schnee auf dem Gipfel des Otamor war vollständig blutig gefärbt, auf der schwarzen Rauchwolke, die über dem Krater hing, leuchteten ebenfalls dunkelrote Reflexe.
Martha unterbrach das Schweigen. Ohne ihre Stellung zu verändern, ohne uns die Blicke zuzuwenden, die irgendwo in weite Fernen starrten, begann sie zu sprechen, scheinbar ruhig wie immer, obwohl es mir nicht entging, daß ihre Stimme anfangs zitterte.
-- Ich habe ein großes Verbrechen begangen, sagte sie, denn ich hielt meinem verstorbenen Manne die Treue nicht, und gern werde ich dafür büßen, Hunderttausende von Jahren in verschiedenen Verkörperungen ... Aber ihr wißt, daß ich es lediglich meines Sohnes wegen getan habe, in dem er selbst wiedergeboren ist und für mich lebt. Ich habe niemals daraus ein Hehl gemacht. Was ihr gedacht und welche Absichten ihr hattet, geht mich nichts an; ich wollte, daß Tom Schwestern und einen Bruder bekommt, er hat nun zwar keinen Bruder, aber drei Schwestern, und ich denke, daß ich meine Pflicht erfüllt habe ... Eine schwere Pflicht, du weißt es, Peter. Du tust mir leid, denn du täuschtest dich, daß du mir etwas mehr sein könntest ... Es ist nicht meine Schuld ... Aber jetzt hat alles ein Ende. Ich kehre wieder zurück zur Freiheit! Ich frage nicht, ob ihr ... ob du, Peter, sie mir geben willst: ich nehme sie mir selbst, ich bin nicht mehr dein Weib ...
Sie seufzte tief auf und verstummte.
Wir waren so überrascht, sowohl durch ihre Worte, wie auch durch die Art, wie sie sie hervorbrachte, daß wir eine Weile schweigend dasaßen, ohne eine Antwort finden zu können. Was sollte man ihr auch erwidern? Sie wartete ja nicht einmal darauf ... »Ich nehme mir die Freiheit ... Ich bin nicht mehr dein Weib« ... Einen ungeheuren Eindruck haben diese Worte auf mich gemacht. Eine Zeitlang dröhnten sie mir in den Ohren wie die Losung eines neuen Lebens, wie das Versprechen von etwas, das ich nicht einmal zu erträumen wagte, wie ... Nein, ich kann es nicht mehr schildern, was in meinem Innern vorging! Es schien mir, als wenn dieser eine Satz all das Traurige, das an mir vorübergegangen, verwischte und vernichtete; in der Brust empfand ich eine Fülle, ein Glücksgefühl; das Blut jagte mir durch die Adern und meine Pulse flogen.
Ich blickte auf Martha.
Sie saß unbeweglich und still da, auf das Meer starrend, nur ein unsagbar trauriges Lächeln zuckte um ihre Lippen, als wenn sie weinen wollte.
»Ich nehme mir die Freiheit« ... so hatten diese Lippen vor kurzem gesprochen.
Aber ihre Augen und ihr Lächeln sagten jetzt deutlich, daß sie diese Freiheit nicht als Flügel betrachtete, die zum Fluge bestimmt sind, sondern als einen Schleier, der das Recht der Ruhe bedeutet. Daß diese Freiheit für sie keine Dämmerung ist, die den Tag verkündet, vielmehr eine Dämmerung, die dem Ausruhen vorangeht.
In ihren Augen erglänzten Tränen, und durch diese Tränen starrte sie unaufhörlich in die Ferne, auf das von der Sonne vergoldete Mondmeer.
Das Herz schnürte sich mir in schmerzhaftem Krampf zusammen, denn ich begriff endlich, daß man sich von der Vergangenheit abwenden kann, aber daß es unmöglich ist, sie auszulöschen.
Peter indessen sagte trocken:
-- Mir ist alles einerlei.
Und nach einer Weile fügte er hinzu:
-- Was beabsichtigst du jetzt zu tun?
Martha zuckte zusammen:
-- Nichts ... Noch ein wenig für Tom zu leben, für die Kinder. Und dann ...
-- Für die Kinder, wiederholte Peter wie ein Echo.
Vom Strande kamen gerade die beiden Mädchen gesprungen, lachend, strahlend, die Schürzchen voll gesammelter Steine, Muscheln und Bernstein. Sie riefen laut nach Tom, der auf dem nahen Bache Mühlen baute.