Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 18
Jedesfalls bedurften diese Kinder vieler Sorgfalt und nahmen, vor allem in den ersten Monaten, Marthas ganze Zeit in Anspruch; auf diese Weise war Tom meist unter meiner Obhut. Ich hatte also einen Kameraden. Das Kind war sehr verständig und über sein Alter entwickelt. Er frug mich über alle möglichen Dinge aus und sprach mit mir wie ein Erwachsener. In kurzer Zeit hatte ich mich so an ihn gewöhnt, daß es mir unmöglich war, ohne seine Gesellschaft zu sein. Während meiner einsamen Mondtage war ich unaufhörlich herumgewandert; jetzt nahm ich auf alle, sogar die weiten Ausflüge Tom mit mir. Martha vertraute ihn mir auch gern an, denn sie wußte, daß er bei mir gut aufgehoben war, besser sogar wie zu Hause, da ihn der Stiefvater nicht leiden konnte.
Ich erbaute einen Wagen und lehrte sechs starken Hunden im Gespann zu gehen. In Anbetracht unserer Leichtigkeit auf dem Mond genügte uns dieses Gespann vollständig, bequem und schnell von einem Ort zum andern fahren zu können. Manchmal machten wir weitere Ausflüge, die zwei und mehr Mondtage dauerten. Dann nahm ich, mit Rücksicht auf die kalten Nächte, einen dicht verschlossenen, von einem Elektromotor getriebenen und heizbaren Wagen mit, den ich aus unserem alten Projektil hergestellt hatte, indem ich es bedeutend verkleinerte. Im Innern war außer für Tom und mich noch für zwei Hunde Platz, ebenso für reichliche Nahrungsvorräte und Brennmaterial.
Auf diese Art bereisten wir fast den ganzen nördlichen Strand des Mittelmeeres auf dem Monde und kamen nach Osten und Westen, und zwar so weit, bis uns die schon dünner werdende Luft an den Grenzen der Wüste zur Rückkehr zwang. Der am meisten nach Westen herausgerückte Punkt, wohin wir gelangten, war das _Mare Humboltianum_, eine Ebene, die ungefähr unter derselben Mondbreite gelegen wie das _Mare Frigoris_, manchmal von der Erde, während günstiger Librationen des Mondes, sichtbar ist wie ein kleines dunkles Wölkchen auf dem rechten Segment des oberen Teiles der silbernen Scheibe.
Und wir erblickten von dort aus die Erde, die über dem Horizont emportauchte. Ich habe mich eine ganze lange, zweiwöchige Nacht daselbst aufgehalten, um mich an dem Anblick dieser seit langem nicht gesehenen, seit länger noch verlorenen heimatlichen Welt zu laben.
Bei Sonnenaufgang stand die Erde in ihrer ganzen Fülle (wir befanden uns nämlich auf dem neunzigsten Meridian, der die Westgrenze der sichtbaren Halbkugel des Mondes bildet) vor uns! Als ich diese glühende, etwas gerötete Scheibe bemerkte und die über sie gleitenden hellen Linien Europas erkannte, packte mich eine unbezwingliche, heiße Sehnsucht nach diesem Globus, der am Himmel leuchtete. Es schien mir, daß ich, hinausgetrieben aus dem Paradies, nach einer langen, langen Wanderung für eine Sekunde seinen goldenen Schein erblickte, und ich streckte mit einer unverständigen beinah kindlichen, aber nicht zurückzuhaltenden Bewegung die Hände nach ihm aus: Noch einmal dorthin zu gelangen, wenn auch ... nach dem Tode. In diesem Augenblick erinnerte ich mich an die Erde, so wie ich sie zum letztenmal im Polarlande gesehen hatte: schwarz, tot, auf dem Hintergrunde eines blutigen Brandes, und eine unbeschreibliche Traurigkeit kam über mich.
Aller Jammer, alles Unglück und Elend, alle wilden Leidenschaften, die dort seit ewigen Zeiten das menschliche Geschlecht vernichten, ja sogar der allbezwingende, unerbittliche Tod, sind uns hierher gefolgt auf diesen Globus, der bis jetzt still und ruhig in seiner Starrheit thronte. Überall lebt der Mensch in Qual und Schmerzen, denn überallhin trägt er in sich selbst den Keim des Unglücks.
Tom weckte mich aus meinem finsteren Grübeln. Er stand neben mir, eben aus einem langen Schlaf erwacht, und schaute auf das ihm unbekannte leuchtende Rund am Himmel.
-- Onkel, was ist denn das? fragte er endlich, mit dem Händchen nach oben deutend.
-- Du weißt doch, das ist die Erde, ich sagte dir öfter, daß ich dich hierherführen würde, um sie dir zu zeigen. Übrigens sahst du sie ja bereits, als wir hergekommen sind, erinnerst du dich nicht?
-- Nein, nein, ich habe diese Erde nicht gesehen; die andere war anders, auf der einen Seite zackig und diese ist rund.
-- Das ist dieselbe Erde, Kind. Tom dachte eine Weile nach.
-- Onkel ...
-- Was?
-- Ich weiß es schon, sie ist wahrscheinlich gewachsen oder hat sich morgens entrollt wie diese großen Blätter.
Ich bemühte mich, ihm so gut ich konnte die Ursache der Veränderung der Erde zu erklären. Er hörte zerstreut zu und verstand scheinbar nicht, was ich sagte.
Endlich unterbrach er mich mit der Frage:
-- Onkel, und was ist das, diese Erde?
Ich erzählte ihm dann, wohl zum hundertstenmal, daß dort Meere sind, Berge und Länder und Flüsse wie auf dem Monde, nur weit größer und schöner; daß es dort viele Häuser gibt, nebeneinanderstehend, die man Städte nennt und in diesen Städten viele, viele, unzählige Menschen wohnen und kleine Kinder. Ich erzählte, daß wir von dort auf den Mond gekommen sind: ich und die Mutter und Peter und sein Vater, der nicht mehr lebt, und sogar die beiden alten Hunde, Wotan und Leda, mit denen er so gerne spielt.
Als ich geendet hatte, machte Tom, der der Erzählung mit großem Interesse zuhörte, ein schlaues Gesicht und sagte, meinen Bart streichelnd:
-- Das weiß ich schon alles, aber jetzt, Onkel, mach' bitte keinen Spaß, sondern sage ganz vernünftig, was ist das, diese Erde?
Beide Hunde standen neben uns, und die Köpfe zur Seite biegend, schauten sie ebenfalls neugierig auf die am Himmel leuchtende Scheibe.
Einige Stunden nach Sonnenaufgang traten wir die Rückfahrt an. Die Erde, durch den Tagesglanz verblaßt, schien hinter uns nur noch wie eine aschgraue, kreisförmige Wolke, die über dem Horizont sichtbar war.
Ein anderes Mal machten wir einen weiten Ausflug nach Süden. Der Strand des Meeres, der sich in gebrochener Linie erstreckt, ungefähr zwischen dem fünfzigsten und sechzigsten Parallelkreis, weicht in der Gegend des 140.° östlicher Mondbreite gegen den Äquator zurück, eine mehrere Kilometer breite Halbinsel bildend und vielleicht auch eine Meerenge, die sich mit den Ländern der südlichen Halbkugel vereinigt. Ich wollte mich darüber orientieren und auf jener Halbkugel vordringen, aber dies gelang mir nur bis zum dreißigsten Parallelkreis. Weiter nach Süden zu war das Klima unmöglich zu ertragen. Die Nächte waren trotz der Nähe der Meere so kalt, daß sie mich an die Fröste erinnerten, die auf der luftlosen Halbkugel herrschten, und während der furchtbaren Glut des Tages hörten die ungeheuren Orkane fast gar nicht auf. Der Boden war felsig, vulkanisch und ganz kahl. Keine Pflanze, kein Leben, nichts -- nur eine tote Wüste zwischen zwei feindlichen Meeren, aus denen die scharfen Spitzen vulkanischer Inseln herausragten, die nicht selten durch eine Rauchwolke oder eine blutige Feuersbrunst verhüllt waren. Öfter während dieses Ausfluges bedauerte ich schon, daß ich Tom mit mir genommen hatte, weil ich fürchtete, wir würden beide ums Leben kommen. Da wir der steilen Berge wegen in der Mitte jenes Landstreifens nicht vorwärtskamen, hielten wir uns an dem östlichen Strand, wo sich zu Füßen wilder und phantastischer Felsen eine etliche hundert Meter breite Ebene erstreckte. Es war schon gegen Mittag, und das Meer durch die Flut, die von der Anziehungskraft der hier sehr kräftigen Sonne hervorgerufen ist, so gestiegen, daß seine Oberfläche fast die Oberfläche des Strandes erreichte. Da ich eine Überschwemmung des Weges, den wir passierten, befürchtete, sah ich mich nach einem Ausgang zum Abhang der Felsen um, als sich ein Gewitter erhob, dem ein Orkan von Osten her vorausging. Die mächtigen Wogen ergossen sich über den Strand; eine davon traf unseren Wagen und warf ihn zurück, dicht an eine vorspringende Felsenecke. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich befestigte den Wagen mit einer Kette an dem Felsen, und nachdem ich ihn von außen dicht geschlossen hatte begann ich, Tom auf die Schultern nehmend, den Vorsprung zu erklettern. Ich habe im ganzen Leben keine derartige Todesangst ausgestanden wie damals. Mit den Füßen und einer Hand hielt ich mich an dem verwitterten Felsen, mit der andern Hand hatte ich den Knaben gefaßt, der vor Entsetzen zitterte; unter mir das tobende, schäumende Meer und über mir eine Wolke, aus der sich die Donner entluden und strömender Regen herabstürzte. Zum Glück schützte mich der Felsvorsprung vor dem Orkan, sonst wäre ich unzweifelhaft mit den Steinblöcken, die, durch den Sturm vom Gipfel losgerissen, wie Hagel um meinen Kopf sausten, in die Tiefe geschleudert worden. Diese furchtbare Situation machte die Angst um den Wagen, der unten zurückgeblieben war, noch qualvoller. Wenn die Wellen die Kette losrissen und den Wagen davontrieben oder ihn an den Felsen zerschmettern, ja, wenn sie nur den Motor beschädigten, wären wir unrettbar dem Tode verfallen, da wir zu Fuß, ohne Lebensmittelvorräte, ohne Schutz vor der Kälte, unmöglich nach Hause gelangen konnten. Als ich die Stelle erreicht hatte, wo ich Tom unter einen Felsen setzen, zudecken und so festbinden konnte, daß er vor dem Sturme in Sicherheit war, kletterte ich sofort in die Tiefe zurück, um den Wagen besser zu befestigen. Nach vielen Mühen glückte es mir endlich, ihn in eine Kluft zu bringen, wo er vor den Wellen geschützt war.
Wieder bei Tom angelangt, saß ich einige Stunden mit ihm, das Ende des Gewitters abwartend. Das verängstigte Kind schmiegte sich an mich und frug weinend, warum wir hierhergekommen seien. Ich konnte ihm nicht antworten, weshalb wir hierherkamen, wie ich mir schon seit langem die Frage selbst nicht mehr beantworten kann, weshalb wir auf den Mond gekommen sind ...
Durch die Erfahrung betreffs der Rückkehr vorsichtiger geworden, wählte ich einen Weg, der hoch über dem Meeresspiegel führte.
Übrigens war dies der einzige Zwischenfall, durch den uns während der Reise eine ernste Gefahr drohte. Alle andern Ausflüge legten wir ohne Abenteuer in froher Stimmung zurück.
Wir hatten auch ein großes, starkes Boot. Den zweiten Elektromotor, der sich einst im Besitz der unglücklichen Remogners befand, haben Peter und ich ausgebessert und in der Schaluppe angebracht, zur Bedienung der treibenden Schraube. Die Schaluppe benützten wir zu Fischereiexpeditionen; auch fuhr ich öfter darin mit Tom des Vormittags oder in der Abendzeit aufs hohe Meer hinaus.
Während einem dieser Ausflüge entdeckte ich eine Insel, die in jeder Beziehung beachtenswert war. Schon von weitem erstaunte ich über ihre Gestalt ...
Alle Inseln, die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, waren entweder durch Vulkane an die Oberfläche des Meeres gehoben, oder die Gipfel vom Wasser überfluteter Ringberge. Diese Insel dagegen machte auf mich sofort den Eindruck des Überrestes eines vom Meere verschlungenen Landes. Sie war groß und ziemlich flach, lediglich im Südwesten erhob sich eine niedere Bergkette, die seit uralten Zeiten von Regen und Sturm zerbröckelt schien. Ihre Ufer waren steil und scheinbar durch die Brandung zerfressen, denn das Meer war in einem großen Umkreis so flach und mit Sandbänken angefüllt, daß es uns schwer fiel, mit der nicht tiefgehenden Schaluppe zu landen.
Und wie viel Interessantes bot dieses neu entdeckte Stückchen Boden, das den uns bekannten Mondgegenden so gänzlich unähnlich war. Vor allem nahm uns die vollständig verschiedene Flora wunder. Weniger üppig wie anderswo, unterschied sie sich durch eine unendlich größere Verschiedenheit der Gattungen. Auf diesen paar Quadratkilometern Erde traf ich kaum mehr als drei oder vier Stauden an, die mir bereits bekannt waren, aber dafür eine Menge Pflanzen, die sonst an keiner anderen Stelle vorkamen. Alle waren seltsam traurig und degeneriert. Sie machten den Eindruck von Resten eines ausgestorbenen, überall ausgestoßenen Geschlechts, das hier noch, wie durch ein Wunder erhalten, existierte und von der Art des Lebens auf dem Monde vor alten, grauen Zeiten Kunde gab, als hier, wo jetzt das Meer wogt, Länder waren und das Wasser andere Gegenden überflutete. Dasselbe dachte ich, als ich die Tiere erblickte, die auf dieser seltsamen Insel hausten. Es waren nicht viel, und sie unterschieden sich ebenfalls von den mir bisher bekannten. Es lag etwas Greisenhaftes und Trauriges in ihrem Aussehen und Verhalten. Als ich mich näherte, krochen diese gebrechlichen, degenerierten Ungeheuer aus ihren Schlupfwinkeln heraus und schauten mich verständig und prüfend, aber ohne jedwede Furcht an. Erst der Hund, den ich mit mir genommen hatte, jagte ihnen Angst ein; sie ergriffen die Flucht vor ihm und stießen halb zornige, halb traurige Zischlaute aus. Wie ich mich überzeugte, waren das die einzigen Laute, die sie von sich geben konnten.
Tom war wie immer mit mir. Er wunderte sich über alles und blieb fortwährend stehen, mit einem farbigen Stein oder einer Muschel beschäftigt oder eine duftende Pflanze betrachtend, die durch die Stellung der Blätter an irdische Blumen erinnerte. Ich hatte mich gerade einige Schritte von ihm entfernt, als ich sein Rufen vernahm:
-- Onkel, Onkel, komm her und sieh, was für schöne Stöcke!
Ich kehrte um und fand den Knaben auf der Erde sitzend, von einer Unmenge weißer dünner langer Knochen umgeben. Ich prüfte sie näher und wußte auf dem Monde kein Tier, von dem sie herrühren konnten.
Nach längerer Untersuchung bemerkte ich zwischen diesen Knochen einen merkwürdigen Gegenstand: es war ein Stück dicken, auf der einen Seite stark gebogenen Kupferblechs, das seiner Form nach an ein breites Messer erinnerte. Das Herz schlug mir heftig: wenn ich mich nicht irrte, wenn dies wirklich ein künstlich gefertigtes Instrument war, so hatten auf dem Monde einst verständige Wesen gelebt.
Ich erinnerte mich an jene Stadt der Toten, die einst auf dem _Mare Imbrium_ vor uns auftauchte und die so denkwürdig war durch den entsetzlichen Vorfall, der den Tod Woodbells verursachte. Wir hatten damals jene Felsen, die Ruinen so täuschend ähnlich sahen, nicht näher betrachten können, und wunderbar, jetzt fand ich abermals etwas, das für die Existenz vernünftiger Geschöpfe hier lange, lange vor unserer Ankunft zu sprechen schien.
Ich besichtigte die Insel weit und breit, stieg in verschiedene zu Füßen der Bergkette liegende Grotten, fand aber nichts, was mich hätte von der Richtigkeit meiner Vermutungen überzeugen können. Zwar schien es mir, daß ich hier oder dort, in dieser oder jener Grotte Spuren einer zweckmäßig gefertigten Arbeit erkannte. Am Ufer des kleinen Teiches sah ich zwei, drei Stück versteinerter Wurzeln, die gewissermaßen Einschnitte hatten, und der Damm, der den Bach verhinderte sich in den Teich zu ergießen, schien mir künstlich erbaut zu sein. In einer anderen Richtung wieder lagen Steine aufeinander, wie der Überrest einer zertrümmerten Mauer; aber das alles konnte ebenso das Werk des Zufalls sein oder nicht verständiger, aber schlauer Tiere. Auf der Erde erheben doch zum Beispiel die Biber die interessantesten Bauten.
Ich konnte also dieses wichtige Rätsel nicht lösen, aber die vorgenommenen Untersuchungen bestärkten meine Vermutungen, daß diese Insel das Überbleibsel eines größeren, im Meere verschwundenen Stück Landes sei, und gaben ein annäherndes Bild von der Mondwelt und des sich auf ihr entwickelnden Lebens in grauen Zeiten, die der gegenwärtigen Epoche vorausgingen.
Ich nannte dieses Land die Friedhofinsel. Gern und oft kam ich hierher, um von den Berggipfeln auf das sich rings erstreckende, von der Sonne golden gefärbte Meer zu schauen, in dessen Fluten wahrscheinlich der Rest dieses Landes versank und ein wer weiß wie seltsames und reiches Leben.
Vor mir am Horizont leuchteten die Gipfel entfernter Vulkane, über denen der finstere, fast unaufhörlich mit einer Feuersbrunst umlohte, mächtige Otamor thronte. Das Meer schäumte, seine Wogen zu der am Himmel träge wandelnden Sonne emporschleudernd, und ich, von seinem dumpfen Brausen, das etwas vom Rauschen dahingegangener Äonen, etwas von der geheimnisvollen Stimme der menschlichen Seele an sich hatte, in Halbschlaf gewiegt, träumte, was wohl an diesem Globus vorübergezogen sein mag, vielleicht ohne denkende Zeugen und unwiederbringlich.
Wann hat hier das Leben begonnen? Vielleicht kühlte sich damals die Erde, in dem frostigen Weltenraum hängend, erst auf der Oberfläche ab, und die Sonne ging, infolge der schnelleren Drehbewegung des Mondklumpens, die im Laufe der Zeiten langsamer wurde, rascher über diese Länder und Meere, dem üppig erwachenden Leben kurze Tage und Nächte schenkend, die schnell aufeinander folgten, ohne Frost und ohne unerträgliche Gluten. Damals stand auch die Sonne nicht über der furchtbaren Wüste des Todes, sondern kreiste am Mondhimmel, auf- und untergehend ... Damals gab es vielleicht noch keine luft- und wasserlose Ebene.
Es konnten doch lange, unerhört lange Zeiten der Starre auf dieser Halbkugel, die, sich einmal dauernd zur Erde wendend, die Luft verlor und mit ihr das Wasser, so weit alle Spur des früheren Lebens verwischen, daß es heute scheint, als wenn sie eine Wüste gewesen wäre seit Anfang der Welt. Tomas hat das einst angenommen.
Ich schloß die Augen und stellte mir vor, daß ich in dem unaufhörlichen eintönigen Brausen die Stimmen jenes ursprünglichen Lebens vernehme. Wälder von hohen mächtigen Bäumen, die sich vor dem Froste der langen Nacht, die noch nicht existierte, nicht zu neigen brauchen, rauschen, ihre Wipfel im Winde wiegend; in ihrem Dickicht leben Tiere, kräftig, riesenhaft, die Vorfahren der heute auf dieser Welt degenerierten Nachkömmlinge; zwischen den Ästen schlagen die Flügel fliegender Eidechsen ... Es ist Abend, und der Wind legt sich, und dort über den Nebeln der feuerspeienden Berge erhebt sich das blutigrote helle Rund der Erde.
Und wer weiß, wer weiß, ob nicht auf dieses aufgehende Licht von den Mauern herrlicher Städte, von schlanken Türmen herab verständige Augen schauten? Ob sich nicht Hände diesem Lichte entgegenstreckten, um den silbernen Schutzengel, der die langen Nächte erleuchtet, zu grüßen?
Wer weiß, ob man nicht hier auf dem Monde einst vermutete, daß auf diesem mächtigen Globus, der zwischen den Himmeln hing, ebenfalls denkende Wesen sind, ob man nicht erriet, wie sie leben und aussehen?
Und unwillkürlich nahm meine Vorstellung eine andere Richtung; sie riß sich vom Monde los wie ein aus dem Käfig flatternder Vogel und eilte weiter, Hunderttausende Kilometer im Weltenraum, dorthin zu jener Erde, die mir die Sehnsucht so göttlich schön gestaltete und so zauberisch malte, wie die untergehende Sonne die schneeigen Gipfel der Berge.
Tom unterbrach gewöhnlich diese Träume auf der Friedhofinsel; das lange Schweigen machte ihn ungeduldig.
Dann kehrten wir nach Hause zurück, wo die Mutter den Kleinen sehnsüchtig erwartete.
Hier gehörte Tom nicht mehr mir. Die Mutter nahm ihn zärtlich in ihre Arme, und wenn die leidenschaftlichen Umarmungen und Küsse beendet waren, setzte sie sich mit ihm auf die Schwelle und begann ihre sich stets wiederholende Erzählung von dem jungen, schönen und guten Engländer, seinem Vater, dem sie auf den Mond gefolgt war, und der unter dem Sande der großen, stillen Mondwüste schlummerte. Eigentlich erzählte sie das mehr sich selbst als dem Sohne, und ihre heißen Tränen flossen auf das helle Köpfchen des Kindes.
Peter grübelte gebrochen und niedergedrückt im Hause über etwas nach oder ging nach den Mädchen zu sehen.
Meiner bedurfte niemand, und so zog ich mich zurück, um in der Einsamkeit zu träumen oder mich mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen.
Die Stunden zogen dahin, die Sonne ging auf und unter, die Erdenjahre schwanden, mühsam an den Mondtagen gezählt; Tom wurde größer und die Mädchen liefen schon hinter ihm her auf den Wiesen, aber für mich hat sich nichts geändert.
Nach alter Gewohnheit zog ich allein im wüsten Lande umher, verbrachte lange Stunden auf der Friedhofinsel, und wenn ich nach Hause kam, blickte ich auf Martha, die immer gleich traurig und schweigsam war, und auf Peter, der einem Gespenst mehr glich als einem lebenden Menschen ...
Und nur die Sehnsucht nach der Erde lebte allgewaltig in meinem Herzen und wuchs mit den Jahren, bis sie schließlich eine furchtbare, unerträgliche, mich zu Boden drückende Last wurde. Um mich vor ihr zu schützen, dachte ich an das neue Geschlecht, unternahm große Wanderungen, ergriff fieberhaft die Arbeit, aber in den Augenblicken der Unterbrechung, wenn ich müde und erschöpft niedersank, kehrte sie wieder -- sieghaft, unabwendbar, grausam, zeigte mir die blassen Züge meiner Kameraden hier und gaukelte mir Träume vor von jenen dort, die ich auf ewig verlassen hatte ...
V.
Dort, wo es Jahre gibt, die der Wechsel der Jahreszeiten anzeigt und der Lauf der Sonne, deren Bahn sich hebt oder senkt am blauen Himmelsbogen, dort auf der Erde, näherte sich schon das siebente Jahr seinem Ende, seit unserer Ankunft auf dem Monde, als Martha zum drittenmal Mutter werden sollte. Sie erwartete die Geburt des Kindes mit Ungeduld, denn sie hoffte, daß es ein Sohn sein werde, den sie von vornherein Tom zum Begleiter versprach. Als die Zeit ihrer Niederkunft nach langer Unterbrechung heranrückte, sagte sie zu uns:
-- Jetzt erst werde ich ruhig sein, wenn ich Tom endlich einen Diener und Sklaven gebe ...
Sie sagte das scheinbar gleichgültig, als wenn sie eine ganz natürliche Sache erwähnte, aber ich hatte das Gefühl, aus ihrem Ton noch etwas Unausgesprochenes herauszuhören ...
Es war wie der Schrei eines schwer erkauften Triumphes, wie das Stöhnen eines Arbeiters, der eine freiwillig aufgenommene Last von seinen Schultern wirft, von Ekel, aber auch von Freude erfüllt, daß er sie getragen hat, wie er beabsichtigte, und nicht unter ihrer Last zusammenbrach, sie auch nicht abwarf vor dem gesteckten Ziel.
Peter war vollständig gebrochen und in Marthas Grausamkeit ergeben. Sie verwundete ihn mit jedem Worte, mit jedem Blick, mit allem, was sie tat und sagte und dabei so unmerklich und so unerbittlich, als wenn es unbewußt geschähe und ein fataler, ungewollter Zufall sei. Aber damals, nach diesen Worten, schaute er sie mit erloschenem Blick an und lächelte verächtlich und dann streckte er die Hand nach Tom aus. Er faßte den Knaben bei der Schulter, und ihn zu sich heranziehend, blickte er ihn lange durchdringend an. Tom war geistig sehr entwickelt, aber für sein Alter auffallend schmächtig. Der Stiefvater schob den breiten Ärmel der Bluse des Kindes zurück und entblößte seine zarte Schulter, schlug leicht mit der Hand auf die schmalen Achseln, betastete die Hüften und Knie, klopfte auf die Brust, lächelte wieder höhnisch, und die Hand auf den Kopf des verängstigten Knaben legend, zischte er, Martha anstarrend, jedes Wort betonend, durch die Zähne:
-- Ja ... Tom ist stark genug, um den Mädchen zu befehlen, aber sein Bruder kann stärker sein.
Martha erblaßte und schaute unruhig auf den Knaben. Aber ihre Besorgnis dauerte nicht lange. In den glänzenden Augen des Kindes las sie scheinbar das, was zu allen Zeiten in den Augen der Schöpfer einer neuen Ordnung geschrieben stand, denn sie lächelte nur und antwortete kurz:
-- Tom wird stärker sein, wenn auch der andere größer sein sollte.