Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 17
Ihre Augen irrten in stummer Verzweiflung umher wie zitternde Vögel. Es schien mir, daß sie einen Augenblick, einen kurzen Augenblick, mit einem flehenden Ausdruck oder Zögern oder Sinnen auf mir ruhten. Aber nein, das mußte eine Täuschung sein, sicherlich schien es mir nur so, da sie im nächsten Moment die Hand mit dem Stilett erhob und hart sagte:
-- Ich werde niemanden wählen, und ich bin neugierig, wer es von euch wagt, sich mir zu nähern! Ich will keinen von euch!
Und abermals schien es mir, daß die letzten Worte weicher von ihren Lippen kamen und ihre Augen meinem Blick begegneten, aber das war unzweifelhaft eine Täuschung. Ich war damals so erregt ... Mein Gott, ich will und muß glauben, daß es nur eine Täuschung war!
Als die Mutter aufgestanden war, setzte sich Tom auf die Erde und schaute interessiert der ganzen Szene zu.
Peter legte die Hand auf seinen Kopf. Martha bemerkte es.
-- Fort! schrie sie ängstlich, fort! Komm' ihm nicht zu nah'! Er ist mein!
Peter rührte sich nicht. Die Hand immer auf dem Kopf des Kleinen, starrte er Martha hartnäckig mit einem verächtlichen Lächeln an.
-- Und was soll mit Tom werden? fragte er endlich.
Martha zögerte.
-- Mit Tom? Was soll mit Tom werden? wiederholte sie fast verständnislos.
-- Nun ja, wenn wir sterben und er allein bleibt ...
Diese Worte trafen sie wie ein Blitz. Sie riß die Augen weit auf, als wenn sie plötzlich vor einem Abgrunde stünde, den sie bisher nicht bemerkt hatte, seufzte tief und ließ sich auf einen Stuhl fallen, da sie anscheinend die Kräfte verließen.
-- Ja, was wird mit Tom ... wiederholte sie flüsternd, mit ratloser Verzweiflung auf das Kind sehend.
Und Peter begann ihr auseinanderzusetzen und zu erklären, daß sie aus Liebe zu Tom einen von uns wählen müsse. Sie werde doch nicht ihren geliebten Sohn zu einem furchtbaren, einsamen Tod verurteilen und vor allem nicht zu einem noch furchtbareren Leben? Was soll nach unserem Tode aus ihm werden? Verlassen, verwildert, verzweifelt wird er auf diesen Bergen herumirren und am Strand dieses Meeres, der letzte Mensch, der einzige Mensch auf diesem Globus, nur an das eine, grauenhaft Unabwendbare denken: den Tod.
Er wird die Mutter verfluchen, die ihm das Leben gegeben hat. Zu ewigem Schweigen verurteilt, wird er, der zu niemandem sprechen kann, die menschliche Sprache vergessen; die Worte, die er von uns gelernt hat, wird er, eins nach dem andern, verlieren, wie man das Geld auf der Wüste zerstreut, wo man nichts dafür kaufen kann. Vielleicht werden ihm schließlich nur noch einige Worte in der Erinnerung bleiben, mit deren Klang er spielen und kosen wird; obwohl das furchtbare Worte sein müssen, die nichts als Grauen, Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer ausdrücken. Wenn er verzweifelt, wird ihm niemand Linderung bringen; wenn er etwas braucht, wird ihm niemand helfen. Wenn er krank ist, wird an seinem Lager nur das grauenhafte, höhnisch grinsende Gespenst des Hungertodes stehen. Dann werden selbst die Hunde, glücklicher als er, weil sie sich hier vermehrten, ihren Herrn verlassen, der nicht mehr fähig ist, ihnen Befehle zu erteilen. Am Ende wird auch einer, ein treuer, der ihm in der Einsamkeit, in Ermangelung eines Menschen, Freund und Kamerad war, länger bei ihm bleiben, so lange, bis er endlich, entsetzt durch die in der letzten Verzweiflung starrenden Totenaugen, angstvoll gedehnt zu heulen beginnt. Und andere, schon verwilderte, werden auf diesen Laut zusammenlaufen ... und ... sich eine Mahlzeit bereiten aus der noch warmen Leiche des letzten Menschen auf dem Monde.
Er sprach noch lange, alle Greuel schildernd, zu denen Tom nach unserem Tode verurteilt sein wird, und ich, strafe mich Gott dafür, half ihm, sich an der Qual dieses Weibes zu weiden und versuchte ebenfalls die Ärmste zu überzeugen, daß sie um Toms willen einen von uns wählen müsse ...
Martha hörte das alles, ohne zu antworten. Nur in ihren Zügen malte sich anfänglich Erstaunen, dann der Reihe nach: Trauer, Angst, Verzweiflung, Resignation.
Seit Mittag grollten die fernen Donner des nahenden Gewitters ... Martha saß stumm da.
Als wir geendet hatten und Peter sie fragte, ob sie bereit sei, einen von uns zu heiraten, schien sie die Frage nicht gehört zu haben. Erst als er sie wiederholte, zuckte sie zusammen und erhob das Haupt, als wenn sie aus einem Traum erwacht wäre. Sie schaute uns an und sagte dann dumpf, mit Mühe die Worte hervorstoßend:
-- Ich weiß, daß es euch nicht um Tom geht, aber das ist einerlei ... Ihr habt recht ... Ich werde ... für Tom ... alles tun ... Sie seufzte krampfartig und verstummte.
-- Bravo! rief Peter, das läßt sich hören! Also, fügte er, sich zu ihr neigend, hinzu, welcher von uns ist dir lieber?
Ich stand abseits und blickte auf Martha. Sie wich unwillkürlich zurück, als wenn sie von Widerwillen geschüttelt würde, beherrschte sich aber sofort und schaute uns an. Und wieder, schon zum drittenmal, schien es mir, daß ihr Blick eine Sekunde lang auf mir ruhte, der bittende Blick eines armen, gehetzten, in die Enge getriebenen und um Mitleid flehenden Wildes.
Alles Blut drang mir aus dem zusammengepreßten Herzen zum Hirne. Auch Peter mußte ihren Blick aufgefangen haben, denn er erblaßte und wandte sich zu mir mit dem Ausdruck des unverkennbarsten Hasses.
In diesem Moment brach Martha in ein heftiges, lang anhaltendes Weinen aus, warf sich auf den Boden und wimmerte verzweiflungsvoll:
-- Tomas, mein Tomas, mein guter, geliebter Tomas!
Sie rief den Toten an, als wenn er sie von den Lebenden erlösen könne. Peter trat ungeduldig einen Schritt zurück.
-- Es ist Unsinn, noch länger zu reden oder zu warten, sagte er, ziehen wir Lose.
Ich wollte mich noch widersetzen. Es war mir schwül und furchtbar zumute. Die Wolken bedeckten schon den halben Himmel; über dem Meer flammten blendende Blitze auf.
Als der kleine Tom die Mutter weinen sah, begann er selbst zu weinen. Ich näherte mich ihm behutsam:
-- Martha ... Martha, wiederholte ich, leicht mit der Hand ihre Schulter berührend.
-- Fort! fort! schrie sie, ihr Widerwärtigen! ...
-- Ziehen wir Lose! drängte Peter.
Ich sah mich um. Er stand hinter mir, in der geschlossenen Hand zwei Taschentuchenden haltend.
-- Wer den Knoten zieht, der nimmt sie. Er deutete auf die noch immer am Boden Liegende.
In mir ging etwas Furchtbares vor. In meinem Kopf fühlte ich eine seltsame Klarheit; ich war sogar ruhig, es fehlte mir nur der Atem, als wenn jemand einen ganzen Berg auf meine Brust gewälzt hätte. Ich betrachtete die beiden Enden des Taschentuches, die aus Peters Hand hervorsahen, und zuerst beschäftigte mich die Einsäumung, die an einer Stelle etwas zerrissen war ... Dann erinnerte ich mich an eine Szene auf dem _Mare Imbrium_, wo wir ebenso Lose ziehen sollten -- um den Tod ... wie jetzt um ... die Liebe!
Peter wurde ungeduldig.
-- Zieh! rief er.
Ich blickte ihn an. Seine Züge waren verzerrt, seine Augen starr auf mich gerichtet. Ich verstand plötzlich alles. Wenn ich das Los ziehe, werde ich diesen Mann sofort töten müssen, da er, im entgegengesetzten Falle, mich ermordet. Unwillkürlich schob ich die Hand in die Tasche und suchte nach der Waffe. Aber da kam mir der Gedanke, daß ebensogut Peter das Los ziehen konnte, was dann? Werde ich dann die Kraft haben, auf dieses geliebte Weib zu verzichten, in dem Bewußtsein, daß nur ein elender Zufall alles entschieden hat? Werde ich mich nicht gegen ihn empören? Perlender Schweiß bedeckte mir die Stirn.
Wenn ich wüßte, daß Martha mich lieber hat, daß sie für mich auch nur ein ganz klein wenig mehr empfindet als für Peter, würde ich auf das Los nicht warten.
Aber so ...
Sie sagte doch vor einem Augenblick: Ihr Widerwärtigen ... Ihr!
Soll ich ihr Gewalt antun und dazu einen Menschen umbringen ... oder mich vor dem Zufall beugen?
Ich blickte Martha an, sie hatte aufgehört zu weinen und saß still da, auf das weite Meer starrend, als wenn sie nicht wüßte, daß wir hier, einige Schritte von ihr entfernt ...
Ein grenzenloses, herzzerreißendes Mitleid mit diesem Weibe erfaßte mich.
Dies alles dauerte kaum eine Sekunde. Unwillkürlich berührte ich wieder den Griff des Revolvers in meiner Tasche, wie irrsinnig um mich blickend, wen ich ermorden sollte: Peter, Martha, mich selbst oder Tom, den wir zum Werkzeug der Tortur für sie gemacht hatten.
Plötzlich ließ diese unerhörte Spannung der Nerven nach, und alles löste sich in meinem Innern. Es blieb mir nur noch die Gleichgültigkeit und -- der Stolz. Ich öffnete die Hand, die schon den Revolver gepackt hatte.
-- Zieh! zischte Peter mit erstickter Stimme.
-- Nein! antwortete ich mit ruhigem Entschluß.
-- Wie?
-- Wir werden keine Lose ziehen.
Er konnte es noch nicht begreifen, schob schnell die Hand in die Tasche, und ich hörte das Knacken des Revolverabzuges.
Also auch er war vorbereitet; ich hatte mich nicht getäuscht. Mit einer blitzschnellen Bewegung packte ich ihn bei den Händen. Er beugte sich nach hinten und wand sich unter dem eisernen Druck meiner Fäuste; in seinen Augen flammte das höchste Entsetzen.
Ich hörte einen durchdringenden Schrei Marthas. Im ersten Augenblick schien es mir, daß in ihm etwas wie Freude zitterte, aber dann dachte ich, daß sie sich vielleicht um Peter ängstige. Ich schaute ihn an; er blickte mir in die Augen mit einer ohnmächtigen, verzweifelten Wut. Es schien mir, daß er den Tod erwartete. Ich lächelte und schüttelte den Kopf.
-- Nein, das nicht, das ... Nimm sie dir, sagte ich und ließ ihn los.
Zuerst war er ganz starr vor Staunen. Er schaute mich irr an, und dann lächelte er gezwungen:
-- Du bist edel, ja, ich danke dir ... Es ist wahr, ich bin jünger, also mit Recht ... Aber, hier wurde seine Stimme tiefer, aber, versprichst du mir, daß niemals ... niemals ...
Er zeigte mit einer Kopfbewegung auf Martha.
Ich sah ihm in die Augen.
-- Ja, ich weiß, es ist nicht nötig ... Ich danke dir, du bist ... sagte er schnell.
Ein unbeschreiblicher Widerwille schüttelte mich. Peter zögerte, wandte sich dann schnell um und näherte sich Martha ... Auch ich schaute auf sie und wieder trafen sich unsere Augen, aber aus ihrem Blick sprach jetzt Haß und eine grenzenlose Verachtung.
-- Martha, ich soll dein Mann sein, sagte Peter.
-- Ich weiß es.
Ihre Worte klangen ganz gleichgültig.
-- Martha ...
-- Was?
-- Das Gewitter kommt heran ...
-- Ich sehe es ...
Peter seufzte nervös ...
-- Komm, flüchten wir uns in die Höhle.
In seinen Augen glimmte eine tierische Leidenschaft; durch die krampfhaft zusammengepreßten Kiefer drangen nur mühsam die abgerissenen Sätze hervor und seinen Körper schüttelten Fieberschauer.
Ich wagte es nicht, Martha anzusehen. Ich hörte nur ihre gedämpfte, gleichgültige Stimme:
-- Gut. Ich komme ...
Peter zögerte noch:
-- Martha, gib mir zuerst das Stilett.
Sie warf es auf die Erde, daß die Schneide auf den Steinen klirrte, und ging, ohne sich umzusehen, in die Grotte. Peter ergriff Tom beim Händchen und lief ihr nach.
Ein blendender Blitzstrahl durchzuckte grelleuchtend den schwarzen Himmel; dumpfes, durch das Echo langgezogenes Dröhnen des Donners verkündete den Anfang des Gewitters. Strömender Regen stürzte herab und erfrischte die verbrannte, ausgetrocknete Erde!
Es schwindelte mir im Kopfe. Ich warf mich auf die Fliesen, in verzweifeltes, unmännliches Weinen ausbrechend ...
Über mir rollten die Donner, und die ganze Welt verfinsterte sich in endlosen Regengüssen.
So gestaltete sich unser Leben auf dem Monde.
IV.
Es begannen für mich dann einsame, traurige Zeiten ... Meine Beziehungen zu Peter waren niemals herzlich, und was Martha betrifft, konnte ich mich nicht überwinden, ihr so zu begegnen wie früher. Etwas stand zwischen uns; ein Schmerz oder ein Gefühl der Scham beiderseits oder sonst etwas. Auch sie hatte sich verwandelt, war eine andere geworden, kaum mehr zu erkennen. Abgemagert und blaß, fast häßlich, verschlossen, wenig sprechend, schien sie mich zu meiden. Lange Stunden brachte sie allein mit Tom zu. Lediglich der Anblick dieses Kindes konnte das Wunder bewirken, daß ihre finsteren Züge sich für einen Augenblick im Lächeln des Glücks erhellten. Der Sohn war für sie alles. Sie dachte nur an ihn. Sie nahm ihn oft auf den Schoß, liebkoste ihn leidenschaftlich oder erzählte ihm Geschichten, die er noch gar nicht verstehen konnte: von der Erde, die wir zurückgelassen, weit im Himmelsblau, von dem Vater, der in dem Grabe auf der furchtbaren Wüste schlief, von sich selbst ...
Peter war eifersüchtig. Er hatte von jeher eine Abneigung gegen das Kind, aber jetzt sah er es manchmal mit einem Blicke an, daß ich, der ich seinen Charakter kannte, zitterte, er könne ihm ein Leid antun. Übrigens war er auch auf mich eifersüchtig, obwohl ich alles vermied, was ihm dazu Veranlassung geben konnte. Nie begegnete ich Martha allein und auch in seiner Gegenwart sprach ich wenig mit ihr. Wenn ich aber hie und da ein Wort mit ihr wechselte, fühlte ich stets seinen unruhigen, haßerfüllten Blick.
Schwer und traurig war Marthas Leben und das meinige, aber ich glaube, er war der Unglücklichste von uns dreien. Martha hatte wenigstens einen Trost in dem Kinde, ich diese stolze Genugtuung, die uns die Erfüllung eines freiwillig gebrachten Opfers gibt. Aber er, Peter, lebte von Eifersucht gequält an der Seite des heißbegehrten, ihm kalt und gleichgültig gegenüberstehenden Weibes, nirgends einen Halt findend. Ich habe mich unwillkürlich von ihm zurückgezogen und Martha gab zwar allen seinen Wünschen nach, aber sie zeigte ihm in jeder Minute, daß sie ihn lediglich als das Werkzeug betrachtete, durch das sie dem geliebten Sohn den Segen der menschlichen Gesellschaft auf dem Monde sichern wollte. Ich habe niemals gehört, daß sie auch nur ein wärmeres, herzlicheres Wort zu ihm gesprochen hätte; wenn er ihre Hände oder ihr Antlitz mit Küssen bedeckte, wehrte sie es nicht, aber sie saß unbeweglich und gleichgültig, in ihren Augen einen Ausdruck der Ermüdung und ... des Ekels.
Und er liebte sie doch auf seine Art und tat alles, um bei ihr ein Gefühl für sich zu wecken, ihre Gegenliebe zu erzwingen, als wenn man Liebe erzwingen könnte! Es gab Augenblicke wo er ihr drohte und sich bemühte ihr seine Übermacht zu zeigen, aber sie schaute ihn auch dann gleichgültig und ruhig an und weder Angst, noch Lust sich ihm zu widersetzen, zeigte sich in ihren Zügen. Wenn er etwas befahl, tat sie es ohne zu murren, aber auch ohne zu lächeln, genau wie wenn er sie um etwas bat. Das brachte ihn zur Verzweiflung. Ich sah, daß er manchmal in ihr Haß und Empörung wachrufen wollte, nur um sie aus dieser furchtbaren Gleichgültigkeit herauszureißen. Er ergriff also das letzte Mittel: er verfolgte Tom. In meiner Gegenwart wagte er es nicht das Kind zu berühren; ich sagte ihm einmal, daß ich ihm den Schädel zertrümmern würde, wenn er dem Kinde das kleinste Unrecht zufügte und er wußte, daß ich seit jenem denkwürdigen Mittag den Revolver stets bei mir trug. Aber sobald ich fort war, schlug er Tom. Ich habe das erst viel später und zufällig erfahren. Martha drohte ihm in solchen Momenten, ohne ein Wort zu verlieren, mit dem Stilett, das ich aufhob und ihr zurückgab, nachdem sie es damals, in die Grotte gehend, zu Boden geworfen hatte.
Ein anderes Mal wieder warf sich Peter, von einem Extrem ins andere fallend, zu ihren Füßen und schluchzte und flehte um Erbarmen.
Einmal war ich unbemerkt Zeuge einer solchen Szene. Ich kehrte gerade von einem Ausflug zu den ziemlich entfernten Petroleumquellen zurück und hörte, als ich mich dem Hause näherte, lautes Sprechen und dann Peters Weinen. Martha saß auf der Bank im Garten, den wir auf dem Hügel angelegt hatten, von wo sich ein herrlicher Blick auf das Meer und die Berge eröffnete. Zu ihren Füßen im Sande lag Peter. Die zusammengefalteten Hände stützte er auf ihre Knie und betete förmlich zu ihr, mit flehendem Blick und erstickter Stimme.
-- Martha, schluchzte er, Martha, erbarme dich meiner! Siehst du nicht, was mit mir vorgeht! Das ist doch grauenhaft ... Ich liebe dich bis zur Raserei, verliere die Sinne, und du ... und du ... Ein krampfhaftes Weinen unterbrach seine Worte.
Martha zuckte nicht einmal.
-- Willst du etwas von mir, Peter? frug sie nach einer Weile.
-- Ich will deine Liebe!
-- Du bist mein Mann ...
-- Liebe mich!
-- Gut. Ich liebe dich ...
Sie sagte das alles langsam, ruhig und mit einer so furchtbaren Gleichgültigkeit, daß sogar mich ein frostiges Gefühl durchlief.
Peter sprang auf.
-- Weib, reize mich nicht! schrie er außer sich.
-- Ich werde dich nicht reizen.
Peter packte sie mit beiden Händen bei den Schultern; seine Züge hatten sich in ohnmächtiger Wut verzerrt. Unwillkürlich griff ich zum Revolver; mein Blut hämmerte in den Adern, aber ich fühlte, daß mir die Hand nicht zittern würde.
-- Willst du mich schlagen, Peter? frug Martha wieder in einem Ton, als wenn sie sagte: Willst du Wasser trinken?
-- Ja, ich werde dich schlagen, zerren, morden, bis ... bis ...
-- Gut. Schlage mich ...
Er wimmerte und wankte wie ein Betrunkener.
Ich näherte mich, um durch meine Gegenwart diesem entsetzlichen Auftritt ein Ende zu machen.
Marthas immer gleiche Traurigkeit und Peters furchtbare innere Kämpfe mitanzusehen, war mir im höchsten Maße qualvoll, und da auch sie mich zum Teile mieden, wenn auch jedes von ihnen aus einem anderen Grunde, so ergab es sich, daß ich den größten Teil der langen Mondtage in vollster Einsamkeit verbrachte. Ich habe mich langsam daran gewöhnt. Übrigens konnte ich schon jetzt mit dem Gedanken an die Zukunft die Leere und Langeweile ausfüllen, zu der ich mich selbst freiwillig verurteilte. Wohl hatte ich mir die Ehe »eines von uns« mit Martha anders vorgestellt: Ich träumte von einer heiteren, stillen, wenn auch von Sehnsucht nicht freien Idylle, von einem neuen herzlichen Band, das unsern kleinen Kreis vereinen könnte, von langen, mit gedämpfter Stimme geführten Plaudereien, die sich um das Glück und die Sorge und die Bequemlichkeit derjenigen, die nach uns kommen sollen, drehen würden. Aber wenn auch die Wirklichkeit all diese schönen Träume vernichtete, so hatte sie mir doch ein unschätzbares Gut gegeben: Die Hoffnung auf ein neues Geschlecht. Ich liebte das kommende Geschlecht, diese nicht von mir stammenden Kinder, noch ehe sie zur Welt kamen. Auf langen, einsamen Wanderungen dachte ich unaufhörlich an sie. Für sie sammelte ich Vorräte, erforschte die Gegend, schrieb die Beobachtungen nieder; für sie holte ich die von der Erde mitgenommene Bibliothek aus dem Staube hervor und ordnete die Bücher; für sie habe ich Ziegelsteine gefertigt und Kalk gebrannt, um ein gemauertes Haus zu bauen und ein kleines astronomisches Observatorium; für sie aus dem Erz Eisen geschmolzen oder aus dem Silber, das sich hier in großen Massen findet, verschiedene Geräte geschmiedet, Glas, Papier und andere für den zivilisierten Menschen unentbehrliche Gegenstände hergestellt. Ich habe mich so unaussprechlich auf diese Kinder gefreut, die erst geboren werden sollten! Ich glaubte, daß sich mit ihrem Erscheinen endlich alles zum Besseren wenden, ihr Lachen und ihre hellen Stimmchen diese drückend schwüle Atmosphäre verwehen müßten, die zwischen uns herrschte.
Und ich brauchte nicht allzu lange auf sie zu warten. In nicht ganz einem Jahre gebar Martha Zwillinge: zwei Töchter. Sie kamen in der Nacht zur Welt. Als ich vom Nebenzimmer, wo ich mit Tom saß, ihr erstes schwaches Weinen vernahm, sprang ich auf, von einer wahnsinnigen Freude erfaßt, aber in demselben Augenblick schnürte mir ein furchtbarer Schmerz das Herz zusammen und ich konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen zurückhalten. Tom schaute mich erstaunt an, ebenfalls den Stimmen lauschend, die aus dem anderen Zimmer herüberdrangen.
-- Onkel (so nannte er mich stets), sagte er endlich, Onkel, was weint dort so? Etwa Mütterchen?
-- Nein, Kind, nicht Mütterchen weint, das ... sind so kleine Kinder wie du, vielleicht noch kleiner.
Tom machte eine ernste Miene und begann nachzudenken.
-- Und woher diese Kinder? Wozu diese Kinder? fragte er gespannt.
Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Er sah mich aufmerksam an.
-- Onkel, und weshalb weinst du? fragte er plötzlich.
Ja, wahrhaftig, Tränen flossen mir aus den Augen. Weshalb weinte ich?
-- Weil ich dumm bin! sagte ich auffahrend, mehr meinen Gedanken antwortend als ihm.
Das Kind schüttelte mit großer Würde den Kopf.
-- Das ist nicht wahr! Ich weiß, Onkel, daß du nicht dumm bist. Mütterchen sagte nicht so. Mütterchen sagte, daß der Onkel gut ist, sehr gut, nur ... nur ...
-- Nur was? Wie sagte dir Mütterchen?
-- Ich habe vergessen ...
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle stand Peter. Er war blaß und sichtlich erschüttert. Er lächelte mir bitter zu, aber ehrlich, zum erstenmal seit einem Jahr, und sagte:
-- Zwei Töchter ...
Und dann:
-- Jan, Martha will, daß du ihr Tom bringst.
Ich ging mit Tom in das Zimmer. Als sie den Sohn erblickte, streckte sie beide Hände nach ihm aus.
-- Tom, komm und sieh! Du hast zwei Schwesterchen, zwei auf einmal! Das ist für dich! Du wirst mir verzeihen, Tom, nicht wahr? Du wirst verzeihen ... Aber das ist für dich, nur für dich, mein Liebster, einziger, geliebter Sohn! Sie sagte das mit abgebrochener Stimme, das Kind an ihre Brust drückend.
Tom dachte nach.
-- Mütterchen, was werde ich mit diesen Schwesterchen tun?
-- Was du willst, mein Kleiner; du wirst sie schlagen, lieben, kratzen, küssen, alles, was du willst, und sie werden dir gehorchen und für dich arbeiten, wenn sie groß sind, hörst du?
-- Martha, was sprichst du? schrie Peter. Martha, das sind _meine_ Kinder!
Sie sah ihn kühl an:
-- Ich weiß es, Peter, das sind _deine_ Kinder ...
Peter machte eine Bewegung, als wenn er sich auf sie stürzen wollte, aber er hielt sich zurück und sich ihrem Lager nähernd, sagte er so sanft er konnte:
-- Das sind _unsere_ Kinder, Martha. Hast du für mich kein Wort? Nichts? ...
-- O ja. Ich danke dir.
Darauf begann sie wieder das helle Köpfchen des Sohnes zu streicheln und leidenschaftlich zu küssen:
-- Mein Tom, mein liebstes, geliebtes, goldenes Söhnchen ...
Peter stürmte wie wahnsinnig aus dem Zimmer und mir wurde es schwül und bange. Es war etwas Ungeheures in dieser ausschließlichen Liebe der Mutter.
Die Geburt dieser zwei Mädchen, Lilli und Rosa, änderte nicht viel in unserm Leben, ganz gegen unsere Erwartungen. Die Beziehungen Marthas und Peters blieben immer dieselben. Ich fühlte seit langem alles mit Martha; aber jetzt begann ich auch ein tiefes Mitleid für Peter zu empfinden. Er wurde stumm und finster. In jedem seiner Worte, in jeder seiner Bewegungen lag eine tödliche Ermüdung und Niedergedrücktheit. Einige Jahre jünger als ich, ging er gebückt, und sein Haar begann zu ergrauen. Die eingefallenen Augen flammten in einem ungesunden Glanz. Niemals hätte ich gedacht, daß ein Jahr des Lebens diesen unverbrauchten Organismus, der siegreich und kraftvoll am besten von uns allen die unerhörten Mühen der Reise durch die Wüste überstanden hatte, brechen könne. Der Grund war schließlich Martha, und doch konnte ich ihr keine Schuld geben ... Sie liebte nur diesen einen, der gestorben war; außer für ihn und für ihren Sohn gab es keinen Raum mehr in ihrem Herzen -- das war das ganze Unglück.
Es schien mir sogar, daß sie die Töchter nicht liebte. Sie kümmerte sich zwar fürsorglich um sie, aber es war ersichtlich, daß sie dies nur mit dem Gedanken an Tom tat. Sie hatten für sie nur die Bedeutung wertvoller Spielzeuge für den Sohn, die man nicht beschädigen darf, seltener Tiere, die der Aufmerksamkeit und Pflege bedürfen, weil ihr Verlust kostspielig wäre. Sogar die Art, wie sie von den Töchtern sprach, bewies das, denn sie sagte stets: Toms Mädchen. Peter sah es ratlos mit an und wurde noch finsterer.