Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 16
In der Tat mußten sich in der Nähe heiße Quellen befinden, da das Wasser, das im Strome abfloß und sich in den Bassins ausbreitete, zwanzig und einige Grad Celsius hatte. Es war nicht an der Zeit, in der Dunkelheit die Gegend zu erforschen; wir beschlossen nur, aus diesem glücklichen Vorfall Nutzen zu ziehen und die kalte Nacht am Wasser zu verbringen, das uns eine beträchtliche Menge Wärme spendete. Die Nacht war ziemlich unruhig. Vier Erdentage nach Sonnenuntergang fiel dichter Schnee, und es wehte ein so kalter Wind, daß wir, um uns vor der Kälte zu schützen, den Wagen auf das warme Wasser des Bassins hinabstoßen mußten. Die Dunkelheit war undurchdringlich. Manchmal nur, wenn der Wind für Augenblicke die sich aus dem Wasser erhebenden Nebel auseinandertrieb, sahen wir die in der Höhe leuchtenden Sterne. Dann zeigte sich uns auch im Süden ein Streifen blauen Lichtes, der sich längs der Grenzen des Horizontes erstreckte. Wir wunderten uns über diese Erscheinung, die dauernd in der Nacht anhielt, obwohl die phosphoreszierenden Pflanzen, die wir anfänglich für die Ursache dieses Lichtes hielten, sich schon lange geschlossen hatten. Der uns unerklärliche Schein erlosch erst nach Mitternacht, als die Kälte, fern von den warmen Quellen, schon äußerst heftig sein mußte.
Noch eine andere Wahrnehmung beschäftigte und beunruhigte uns. Gegen Mitternacht machte sich eine starke Bewegung des Wassers fühlbar, zu der sich ein dumpfes unterirdisches Donnern gesellte. Fast gleichzeitig bemerkten wir durch den Nebel im Osten einen blutigroten, sich säulenartig erhebenden Brand. Nach einigen Stunden war er erloschen, aber bald flammte er wieder auf und blieb mit wenigen Unterbrechungen vier irdische Tage hindurch am Himmel stehen, einem höllischen Geist, der sich im Nebel und in der Nacht über der schneebedeckten Wüste zeigt, vergleichbar. Die Temperatur des Wassers im Bassin, das durch die fortwährenden Erschütterungen des Grundes gärte, hob sich noch erheblich, so daß wir eher am Überfluß als an Mangel an Wärme zu leiden hatten.
Schon in der Nacht, während der Dauer der Erscheinung, die uns anfänglich beunruhigte, ahnten wir, daß sich irgendwo in der Nähe ein Vulkan befinde, dessen Ausbruch wir gerade vor uns haben. Es sprach dafür auch das Vorhandensein der Warmwasserquellen, die meistens in vulkanischen Gegenden vorkommen. Der anbrechende Tag bestätigte unsere Vermutungen. Wir konnten zunächst trotz der Helligkeit nichts sehen, da die Nebel uns die Aussicht verhüllten. Erst vierzig Stunden nach Sonnenaufgang verließen wir den Wagen, nachdem wir bereits seit Mittag an dem steinigen Ufer hielten. Noch einige Schritte gingen wir im dichten Nebel, -- da plötzlich, als wenn sich ein Zaubervorhang gehoben hätte, eröffnete sich uns ein breiter Ausblick! Wir standen wie erstarrt, erschüttert vor Bewunderung und Freude.
Einige Meter tiefer, in einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern von der Stelle, wo wir standen, lag -- das Meer. Es waren seine von kleinen Lebewesen phosphoreszierenden Fluten, die über dem blassen Glanze in der Nacht durch Nebel und Schatten leuchteten.
Jetzt hatten wir es deutlich vor uns! Die unübersehbare, an den Ufern durch das Eis noch abgeschnittene, aber weiter schon flutende und bewegliche, von der Sonne vergoldete Wasserfläche erstreckte sich von unseren Füßen bis an die Grenzen des Horizontes.
Wir waren von diesem so überaus sehnsüchtig herbeigewünschten Anblick so begeistert, daß wir lange die Augen nicht abwenden konnten. Erst nach geraumer Zeit, nachdem wir uns an der seit dem Verlassen der Erde nicht bewunderten Majestät sattgesehen hatten, begannen wir uns die Gegend näher zu betrachten. Im Westen, zwischen weiten Ebenen, glänzte die breite, von zahlreichen Sandbänken unterbrochene Mündung des Stromes, auf dessen Fluten wir den größten Teil der Reise der vorhergehenden Tage zurücklegten. Im Osten war die Landschaft außerordentlich wild und mannigfaltig. Vor allem zog der mächtige, mit Schnee bedeckte Kegelgipfel eines Vulkans, der in der Entfernung von einigen zehn Kilometern über den benachbarten Felsenbergen thronte, unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die südlichen Abhänge dieser sich zum Meere neigenden Berge waren von dichten Wäldern sonderbarer großer, seltsam ineinandergewundener blättriger Stauden und Lianen, die gerade aus dem nächtlichen Schlaf zum Leben zu erwachen schienen, besetzt; näher vor uns spritzten zwischen phantastisch übereinandergetürmten Felsen und kleinen rauchenden Seen zahlreiche perlende, in eine weiße Nebelwolke gehüllte Geiser. Der von ihnen abfließende Bach sprang über Terrassen, wälzte sich in die Bassins, floß von den Felsstücken, immer tiefer murmelnd, hernieder, bis er zuletzt in dem Dickicht der Flora verschwand, zum Meere eilend.
So sollte unsere Odyssee enden ...
III.
Zehn Erdenjahre sind verflossen, seit wir an den Strand des Meeres gekommen sind, wo wir heute noch wohnen. Und wenig hat sich in all dieser Zeit geändert. Das Meer braust ebenso, und ebenso leuchtet uns die lange Nacht mit den erglühten Fluten; in gewissen Zeitabschnitten wiederholen sich die Ausbrüche des Vulkans, den wir zur Erinnerung an unsern teuren Freund »_Otamor_« genannt haben. Ebenso sprudeln die Geiser, und der Bach murmelt, über die Steine springend; nur über dem einen der Bassins erhebt sich jetzt auf Pfählen ein Winterhäuschen und tiefer am Meeresstrande eine Laubhütte, die uns als Sommerwohnung dient. Und an dem sandigen Strande oder auf den Wiesen spielen vier Kinder mit einigen Hunden, die schon auf dem Monde zur Welt gekommen sind, oder sammeln Muscheln und Blumen. Auch wir haben uns längst an diese Welt gewöhnt. Wir staunen nicht mehr über die langen kalten Nächte noch über die Tage, während denen die träge Sonne Feuer vom Himmel herabsendet; die nachmittäglichen furchtbaren Gewitter, die regelrecht alle siebenhundertneun Stunden über uns dahinziehen, haben aufgehört uns zu schrecken. Auf die wilde, phantastische Landschaft, die Pflanzenwelt, die von der irdischen so verschieden ist, und die ungeschickten Mondtiere blicken wir wie auf gute alte Bekannte. Dafür wird die Erde in unserer Erinnerung immer mehr einem Traume ähnlich, der vorübergezogen und nur eine nicht greifbare Spur in unseren sehnsüchtigen Herzen zurückließ. --
Wir sitzen manchmal am Meeresstrande und sprechen über sie -- lange, lange! Wir erzählen uns viel von den kurzen Tagen, den Wäldern, dem Gesang der Vögel, von Ländern und von Menschen, die sie bewohnen, von einer Menge kleiner und bekannter Dinge wie von etwas ungemein Interessantem, und als wenn alles nur ein schönes Märchen wäre. Tom ist schon ziemlich groß und vernünftig und hört, aufmerksam folgend, wie einem wirklichen Märchen zu. Er war niemals auf der Erde ...
Schließlich haben wir uns das Leben hier ziemlich erträglich eingerichtet. Zu Füßen des Otamor, auf dem zerbröckelten vulkanischen Grunde entdeckten wir Stauden, deren Stämme und mächtige Wurzeln genügendes Material bieten, das uns im Notfalle die Bäume ersetzen kann. Die ausgetrockneten und von den verholzten Schuppen gereinigten großen Blätter, die überaus fest und dauerhaft sind, liefern uns das Leder und aus den Fasern der anderen verfertigen wir eine Art starker und weicher Leinwand. Auf der Ebene hinter dem Flusse fanden wir nach langem Suchen einen Braunkohlenflötz, und ebenso entdeckten wir Petroleumquellen, die bedeutend näher liegen als die ersten. Eisen, Silber, Kupfer, Schwefel und Kalk sind hier in ziemlich reichlicher Menge vorhanden. Das Meer liefert uns zur Genüge brauchbare Muscheln und Bernstein, der sich von dem irdischen nur durch eine flammendrote Farbe unterscheidet.
Aus dem Meer fischen wir auch vorwiegend unsere Nahrung. Es leben die verschiedensten eßbaren Muscheltiere und eine Art von Fisch und Eidechse darin, die ganz schmack- und nahrhaft sind. Außerdem sammeln wir im Sande oder Dickicht Eier; keins von den hiesigen Geschöpfen kommt lebend auf die Welt, sondern alle Tiere pflanzen sich durch Eierlegen fort. Diese Eier sind gegen den Frost unglaublich widerstandsfähig und überaus schnell in der Sonnenwärme ausgebrütet. Wir bereiten auch gute, kräftige Speisen aus verschiedenen Pflanzengattungen, die hier reichlich gedeihen.
Im Anfang fiel es uns schwer, ohne Fleischnahrung auszukommen, aber jetzt haben wir uns schon vollständig daran gewöhnt. Alle hiesigen Tiere haben ein zähes, übelriechendes Fleisch, das ungenießbar ist. Nur die Hunde verachten es nicht.
Einige Mondtage gingen vorüber, bevor wir uns hier irgendwie zurechtfanden. Zuerst machten wir uns auf die Suche nach Bau- und Brennmaterial, worauf wir auf Pfählen, die aus starken Wurzeln gefertigt wurden, ein Winterhäuschen zu bauen begannen, auf demselben Teiche der Warmwasserquellen, auf dem wir im Wagen die erste Nacht verbrachten. Nach Beendigung dieser wichtigsten Arbeit machten wir Ausflüge in die Umgegend, die wir vorwiegend zu Fuß zurücklegten. Ein Wägelchen mit Vorräten und Werkzeugen, von den Hunden gezogen, nahmen wir immer mit uns. Die Hunde sind hier unsere einzigen Arbeitstiere; von den Mondgeschöpfen züchten wir nur eine gewisse Art von großen beflügelten Eidechsen, die nahrhafte, wohlschmeckende Eier legen.
Manchmal fuhren wir auf das Meer hinaus, uns längs dem Ufer haltend. Der Strand nach Westen ist flach und sandig, im Osten dagegen erheben sich zahlreiche, aus vulkanischen Bergen gebildete Vorgebirge, die durch tiefe, landeinwärts einschneidende Buchten getrennt sind. Fast ein jeder solcher Ausflug, ob zu Wasser oder zu Land, brachte irgendwelchen Nutzen mit sich; wir fanden immer etwas Neues oder lernten wenigstens die Eigentümlichkeiten und Geheimnisse der Gegend kennen, in der wir wohl nun bis zum Tode bleiben werden.
Nach dreizehn Mondtagen, das heißt nach einem Erdenjahr, unseres Aufenthaltes am Meere, waren wir mit dem Lande schon ganz vertraut. Außer dem Wohnhause hatten wir Werkstätten, eine kleine Hütte, Magazine, einen Stall für die Hunde, mit einem Worte, alles, was uns für das Leben hier unentbehrlich war. Die Zeit der fieberhaften, angestrengten Arbeit nahm ein Ende, und langsam kam die Langeweile und, was noch schlimmer war, die Sehnsucht nach der verlassenen Erde über uns. Das waren qualvoll fürchterliche Zeiten; ich erinnere mich, daß wir unserer bedrückten Stimmung und unserem Heimweh ganz ratlos gegenüberstanden. Am Tage zerstreute uns noch dies und jenes, wir irrten auf den Bergen herum oder sammelten Nahrungsvorräte; aber während der Nacht packte uns die Verzweiflung. In dem kleinen Häuschen über dem warmen Teiche eingeschlossen, tatenlos und träge, bemühten wir uns, nur so viel wie möglich zu schlafen.
Aber auch das gelang uns nicht immer. Dann saßen wir schweigend da, erschöpft von Langerweile und Sehnsucht, einander feindselig betrachtend. Es ist unzweifelhaft wahr, daß nichts die Menschen gegenseitig so verbittert wie das Unglück und die Langeweile. Ich hatte leider Gelegenheit, das mehrfach bestätigt zu finden.
Man hätte sich wohl mit so manchem beschäftigen, irgendwelche Verbesserungen einführen, für die Zukunft sorgen können, aber der Gedanke, daß wir hier zum Aussterben verurteilt waren, machte uns dazu absolut unfähig. Die Menschen auf der Erde denken gar nicht daran, daß sie den größten Teil ihrer Energie, wenn auch unbewußt, dem Gefühl verdanken, daß sie nicht nur für sich, sondern auch für diejenigen, die nach ihnen kommen werden, arbeiten. Der Mensch will leben, das ist alles. Und indessen steht ihm immer der unerbittliche Tod vor Augen, und wenn er keinen Ausweg, keine Möglichkeit der Ablenkung, kein Mittel, ihn oder vielleicht auch nur sich selbst zu betrügen, findet? Bei Gott, ich glaube, daß kein anderer Gedanke außer diesem einen furchtbaren: _ich werde sterben_, in seinem Kopfe Raum hätte! Es gibt verschiedene Heilmethoden: Den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, den Glauben an die Unsterblichkeit der Menschheit und der menschlichen Werke. Der Mensch verlängert sein Dasein durch seine Taten; denn wenn er an jene Zeiten denkt, wo er nicht mehr sein wird, so stellt er sich vor, daß auch dann noch eine Spur seiner Arbeit übrig bleibt, und so wird er in seinen Gedanken selbst dieser Zukunft teilhaftig, die er mit lebendigen Augen nicht mehr schauen kann. Aber dafür muß er wissen, daß nach ihm Menschen existieren werden, die, wenn sie auch seinen Namen nicht erwähnen und kennen, doch wenigstens, ohne es zu wissen, von seinem Lebenswerk Nutzen ziehen. Das ist die absolute Grundlage des Lebens und seiner Tatkraft. Denn die Werke der Menschen sind wie die Menschen selbst: sie leben oder sterben. Das Werk, das in keinem Bewußtsein einen Wandel hervorruft, ist tot.
Das sind alles außerordentlich einfache und natürliche Folgerungen, aber ich bin mir erst auf dem Monde, während jener langen taten- und hoffnungslosen Tage im Anfang unseres Aufenthaltes am Meere so recht klar darüber geworden.
Manchmal dachte ich: Es wäre gut, die Grenzen dieses großen Wassers zu erforschen, das Land in seiner Länge und Breite zu durchqueren, seine Berge und Flüsse kennen zu lernen, Karten anzufertigen, die Pflanzen zu beschreiben, die Tiere und Mineralien, aber da tauchte in meinem Innern die höhnische Frage auf: Und wer wird etwas davon haben? Ja, wahrhaftig, wer wird etwas davon haben? Wem soll ich erzählen, was ich kennen lernen werde, wem das zurücklassen, was ich niederschreiben will? Tom? ... Aber der kleine Tom wird ebenfalls sterben wie ich, zwar etwas später, aber das ändert nichts an der Sache. Er wird der letzte Mensch auf dieser Welt sein, auf der wir die ersten gewesen sind. Mit ihm wird alles ein Ende nehmen ...
Dieses Bewußtsein lähmte jedwede Tatenlust in mir! Ob ich nun dieses staunenerregende Land erforschen wollte oder dieses Meer, mit dem der Mond angefüllt ist wie ein silberner Becher, der seinen äußeren Boden der Erde zukehrt, oder wenn ich an das Erbauen eines dauerhafteren Hauses dachte, an die Einrichtung von neuen und besseren Werkstätten, an die Anlage eines Gartens und Tierkäfigs, mit einem Worte, an die Hebung des Wohlstandes unserer kleinen Wirtschaft.
Und so erwuchs in Peter und mir zugleich das Gefühl der Notwendigkeit, hier eine neue Menschheit ins Leben zu rufen, und unsere Augen wandten sich wiederum auf Martha. Ich versuche heute mich vor mir selbst zu rechtfertigen, denn ich weiß, daß es Verbrechen und Egoismus war. Auch damals wußte ich es, aber ... aber ... Der Mensch will leben, um jeden Preis und auf jede Art, nur leben -- das ist alles!
Es war etwas Ungeheuerliches in unserm Beschluß, vor allem, weil wir ihn kalt und nüchtern faßten, wenigstens was mich betrifft ...
Ich hatte mich an Martha mit einer großen Liebe gewöhnt, einer stillen, selbstlosen, und jene Zeit, da ich sie für mich begehrte, für meine Sinne und mein Glück, war lange vorbei und, wie es mir schien, unwiderruflich. Ich weiß es nicht einmal, warum sie vorbei war ... Ich glaube, der Grund lag in der Überzeugung, daß sie mich nicht wiederliebte und niemals lieben würde, stets nur mit all ihren Gedanken an jenem Toten, in ihrem Sohne Wiedergeborenen, hängend.
Nicht an Martha habe ich in jener Zeit gedacht, sondern an Kinder, an kleine frohe Mädchen, die Tomas, wenn sie erwachsen sind, heiraten könnte, auf diese Weise einer neuen Menschheit das Leben gebend. Ich erträumte mir das als höchstes Glück, denn dann war unsere Arbeit nicht vergebens. Alles, was wir entdeckten und schufen würde denjenigen, die nach uns von Geschlecht zu Geschlecht auf dem Mondglobus leben sollten, Früchte tragen.
Ich will nicht sagen, daß diese meine Träumereien gänzlich unpersönlich waren. Im Gegenteil, indem ich an die Kinder dachte, stellte ich mir unwillkürlich vor, daß es meine Kinder wären und hinter ihren fröhlich lachenden Gesichtchen sah ich die liebe Gestalt Marthas, -- meiner Martha ... Das waren erschlaffende, fast schmerzliche Gedanken, denn ihre Verwirklichung schien mir so seltsam unmöglich zu sein ...
Und dann machte ich mir, die ungastliche und nicht für Menschen geschaffene Mondwelt betrachtend, wieder Vorwürfe. Wie wird, dachte ich, das Schicksal der zukünftigen Menschheit sein, die hier leichtsinnig von uns geschaffen, um unsern Taten einen Zweck und unserm eigenen Leben eine Berechtigung zu geben? Ich hatte die Bedingungen dieses Globus genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß sich die Menschheit auf ihm niemals würde entwickeln können wie auf der Erde. Der Mensch wird hier immer nur der Eindringling sein, der ungebeten und -- zu spät gekommen ist. Ja, zu spät. Der Mond ist, wie wir die Sache auch ansehen mögen, ein absterbender Globus.
Auf das hiesige Leben blickend, das einen so unerhört kleinen Teil der Oberfläche des ganzen Gestirns einnimmt, auf die Pflanzenwelt, die großartig und üppig ist, aber viel weniger Lebenskraft als die irdische besitzt, auf die seltsamen Tiere, die degeneriert und gebrechlich sind, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß ich auf die Pracht einer untergehenden Sonne schaue. Hier hat das Leben bereits aufgehört sich zu entwickeln. Es ist reif, überreif sogar, und wartet auf das Ende. Und diese Natur, die hier seit unvergleichlich längeren Zeiten arbeitet als auf der Erde (da der Mond, als kleineres Gestirn, früher als sie erkaltet und früher »Welt« geworden ist), hat es nicht vermocht, ein vernünftiges Wesen zu schaffen, und wenn sie es geschaffen haben sollte, ist seine Zeit unwiderruflich vorbei. Den besten Beweis liefert vor allem die Tatsache, daß dieser Globus heute nicht mehr für derartige Wesen geeignet ist.
Dem Menschen wird es hier immer zu eng sein! Derartige Reflexionen stiegen wohl in mir auf, aber das Gefühl ist stärker als der abstrakte Gedanke; trotz allem begehrte ich mit ganzer Seele, daß hier nach uns Menschen leben sollten. Manchmal betrog ich mich selbst und versuchte mir einzureden, daß ich die Menschheit für Tom wolle, um ihn vor dem schrecklichen Schicksal zu bewahren, in der Einsamkeit der letzte Mensch zu sein. Aber das ist nicht wahr; ich wollte ein neues Geschlecht für mich, um meiner selbst willen.
Ich weiß nicht, wie Peter dachte und fühlte; aber sicher ist, daß ihn dieselbe Sehnsucht beherrschte. Es ging viel Zeit vorüber, ehe wir beide uns aussprachen. Ich erinnere mich, es war gegen Sonnenuntergang. Martha war mit Tom auf dem Arme zu den warmen Quellen gegangen und wir beide saßen schweigend am Meeresstrande.
Peter blickte Martha, als sie sich entfernte, lange nach, und dann zählte er leise die Mondtage, die wir schon durchlebt hatten.
-- Der dreiundzwanzigste Sonnenuntergang, sagte er endlich laut.
-- Ja! antwortete ich gedankenlos, der dreiundzwanzigste; wenn wir auch die Tage rechnen, die wir auf dem Pole verbrachten und während denen wir in Wirklichkeit keine Untergänge hatten ...
-- Und was weiter? fragte Peter.
Ich zuckte die Achseln.
-- Nichts. Noch einige Untergänge, vielleicht einige zehn oder hundert, und dann wird es zu Ende sein. Tom wird allein bleiben.
-- Nicht um Tom geht es mir, sagte er, und nach einer Weile fügte er hinzu:
-- Jedenfalls steht es schlecht.
Wir schwiegen lange, dann begann Peter von neuem:
-- Martha ...
-- Ah, ja, Martha, wiederholte ich.
-- Man muß etwas beschließen!
Mir schien es, daß in seiner Stimme derselbe Ton vibrierte, an den ich mich aus jener furchtbaren Fahrt durch das _Mare Frigoris_ nach Woodbells Tod erinnerte. In mir empörte sich etwas. Ich sah ihm fest in die Augen und sagte mit Nachdruck:
-- Man muß.
Er lächelte seltsam und antwortete nichts.
An diesem Tage sprachen wir nicht mehr über diese Angelegenheit. Die lange Nacht verging in Schweigen und Langerweile. Tom war nicht ganz wohl und Martha sehr beunruhigt, immer nur mit ihm beschäftigt. Wir beobachteten ihre grenzenlose, mütterliche Zärtlichkeit, und wer weiß, ob nicht gerade damals, wenn auch unbewußt, der schändliche, widerwärtige Plan der Ausnützung ihrer Liebe für das Kind in uns aufkeimte, um sie unseren Wünschen geneigt zu machen. Jedenfalls bestärkte uns diese Nacht der Leere und Langweile darin, daß man absolut »etwas beschließen« müsse.
Am Morgen des folgenden Tages begab ich mich mit Peter in die Wälder zu Füßen des Otamor. Während dieses Ausfluges wurde die Angelegenheit endgültig besprochen. Einer von uns sollte Martha zur Frau nehmen und der andere sich verpflichten, ihm niemals in den Weg zu treten.
Einer von uns! Ich wiederholte in Gedanken diese Worte mit einer sehnsuchtsvollen und schmerzlichen Unruhe. In Peters Munde klangen sie, als er sie aussprach, fast wie eine Drohung. Ich weiß nicht, vielleicht täuschte ich mich auch, aber mir schien es so ... Die Wahl zwischen uns beiden sollten wir Martha überlassen, und erst wenn sie keine Wahl treffen wollte, sollten wir Lose ziehen. Peter meinte zwar, daß eine sofortige Entscheidung durch das Los ratsamer sei, da Martha sich weigern würde, zu wählen, aber ich lehnte mich entschieden dagegen auf und erreichte so viel bei ihm, daß er wenigstens damit einverstanden war, Martha zuerst die Entscheidung anheimzustellen. Er gab, wie ich bemerkte, nur ungern nach und als er endlich »ja« sagte, hatte er ein eigenartiges Lächeln auf den Lippen und seine Augen flammten seltsam tückisch.
Zu Hause angekommen, schoben wir die entscheidende Unterredung noch lange hinaus, denn wir waren uns gewiß darüber, daß Martha uns nur mit Widerstreben anhören würde. Peter ging nachdenkend und finster auf und ab und stellte sich, als wenn er mit etwas beschäftigt wäre; ich irrte am Meere herum, das Herz von einer unklaren, quälenden Angst erfüllt. An diesem Tage sollten sich unsere Schicksale entscheiden.
Und endlich kam der Mittag, schwül und heiß. Die Sonne, die seit hundertdreißig Stunden am Himmel leuchtete, sengte die Gegend mit einer unerträglichen Glut, die Pflanzen verdorrend, die auf den erfrischenden Regen warteten. Am Himmel, in südöstlicher Richtung, wo die Sonne schon über den Äquator gezogen war, türmten sich dichte schwarze Wolken auf. In geringen Zwischenräumen, während denen die Luft erkaltet und schwer über uns hing, erhob sich ein kurzer, heftiger Sturm. Er warf die Meeresfluten an den Strand, ließ die Wälder erbrausen, brach die perlenden Fontänen der Geiser und heulte zwischen den Felsen, die tägliche Gewitterzeit verkündend.
Wir siedelten aus dem Sommerhäuschen am Strande zu der Höhle in der Gegend der Geiser über, die uns für gewöhnlich als Schutz während des Gewitters diente. Wir saßen alle drei vor ihrem Eingang, der kleine Tom spazierte, sich an den Knien der Mutter haltend, auf eigenen Füßen um diesen Stützpunkt herum, als Peter mir einen bedeutsamen Blick zuwarf und sich dann mit dem Ausdruck eines plötzlichen Entschlusses zu Martha wandte.
Mein Herz schlug so heftig, daß ich es im Halse fühlte. Das herannahende Gewitter wirkte immer erregend auf uns. An diesem Tage gesellte sich noch die Aufregung der bevorstehenden Entscheidung hinzu. Vor allem befand sich Peter in einem anormalen Zustand: Seine weit aufgerissenen Augen flackerten unruhig, die Brust hob und senkte sich in ungleichmäßigen Atemzügen und auf seinen Wangen brannten dunkle Flecke. Ich blickte ihn in ängstlicher Erwartung an, er aber fragte sie, ohne jegliche Einleitung und Vorbereitung, ganz unvermittelt:
-- Martha, welchen von uns beiden würdest du wählen?
Martha, durch diese plötzliche Frage überrascht, schien zuerst nicht zu verstehen, um was es sich handelte ... Sie sah erstaunt erst mich, dann Peter an, dann wiederum mich und zuckte verächtlich die Achseln.
Peter wiederholte:
-- Martha, wen von uns beiden wirst du wählen?
Sein hartnäckig auf sie gerichteter Blick mußte ihr mehr sagen als diese Frage, da sie plötzlich, alles verstehend, erblaßte und mit einem leichten Schrei von ihrem Sitze aufsprang. In ihrer Hand blitzte wieder das Stilett, mit dem sie Peter schon einmal gedroht hatte.
-- Von euch niemanden! rief sie.
Peter trat ihr einen Schritt näher:
-- Und dennoch mußt du wählen und ... und auswählen! sagte er mit Nachdruck.