Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 15

Chapter 153,623 wordsPublic domain

-- Jetzt umkehren, sagte er, hieße uns zu einem ewigen Aufenthalt in dem Polarlande verurteilen. Überlegt, daß wir gegenwärtig die Akkumulatoren noch geladen haben und diese Füllung für den Rückweg ausreichen wird; aber was weiter? Wenn wir wieder einmal in andere Gegenden des Mondes aufbrechen wollten, könnten wir die verbrauchten Akkumulatoren nicht laden, wenn wir keine Möglichkeit zum Feuermachen hätten.

-- Aber die Fahrt nach Süden führt ebenfalls zu nichts, bemerkte ich, denn wir setzen uns damit der nächtlichen Kälte aus, die wir ohne Feuer nicht überstehen würden ...

-- Vor der Nacht können wir noch Brennmaterial finden ...

-- Wir können es aber auch ebensogut nicht finden.

-- Ja, aber das ist nur eine Vermutung, während wir mit vollster Sicherheit wissen, daß wir es am Pol niemals finden werden. Übrigens haben wir noch etwas Torf. Mit diesem Vorrat können wir im äußersten Falle noch die Nacht durchhalten und den ganzen folgenden Tag werden wir dem Suchen widmen.

Wir konnten gegen Peters Ausführungen nichts einwenden und fuhren infolgedessen weiter in der Richtung des Äquators.

Einige Stunden nach Mittag überzog sich der Himmel mit Wolken und es fiel reichlicher Regen, der für uns ein sehr erwünschter Gast war, da er die glühende und schwüle Luft erfrischte. Kaum war der Regenguß herabgefallen und die Sonne aus den Wolken hervorgetreten, als wir ein seltsames Brausen vernahmen.

Wir hielten dies zunächst für das Rauschen eines angeschwollenen Flusses, aber bald überzeugten wir uns von dem eigentlichen Grund dieser Erscheinung. Wir waren gerade an einer Stelle angelangt, wo das Tal, nach Westen abbrechend, ein Knie bildete, so daß man das Ende nicht übersehen konnte. Als wir jedoch an die Biegung kamen, bot sich uns ein über alle Beschreibung prachtvoller Anblick.

Einige hundert Meter vor uns brach das Tal plötzlich ab, in breiten Terrassen zu einer unübersehbaren Ebene herabfallend, die sich bis an die Grenze des Horizontes erstreckte. Der Fluß stürzte in schäumenden Kaskaden über diese Terrassen herab, eine Reihe immer tiefer gelegener Teiche bildend, bis er die Fläche der Ebene erreichte und sie in einem gewundenen silbernen Bande durchfloß, das sich endlich in unermeßlicher Ferne verlor. Soweit das Auge reichte, war das Land eben und flach, nur in der Nähe der angrenzenden Berge erhoben sich einzeln zerstreute Ringhügel, die mit Wasser angefüllt waren, wie dafür geschaffene Behälter. Derartige kleine und runde Gewässer waren überall auf der ganzen Ebene verstreut. Die näher gelegenen sahen wie große Pfauenaugen aus, die weiter entfernten glichen Perlen, die auf bläulichgrünem Plüsch aufgenäht sind. Dazwischen wieder wanden sich silberne Bäche und größere Flüsse.

Wir verließen den Wagen und blickten, auf dem Rande der Terrasse stehend, lange in tiefem Schweigen auf dieses eigenartige Land!

Endlich sagte Martha:

-- Fahren wir dort hinunter, dort ist es so schön! ...

In der Tat war es schön, aber wird es dort auch gut sein? Wir stellten uns unwillkürlich diese Frage, während wir uns zum Hinabfahren über die steilen Terrassenabhänge vorbereiteten.

Als wir nach vielen Mühen unten anlangten, ließen wir den Wagen am Ufer des Flusses stehen und machten uns sofort auf die Suche nach Brennmaterial. Wir durchquerten die ganze Ebene der Breite und Länge nach, gruben tiefe Löcher, in der Hoffnung, Torf anzutreffen oder irgendeine Steinkohlenader, pflückten verschiedene Pflanzen, um zu versuchen, ob sie nicht zum Brennen geeignet wären, aber alles vergeblich. In ungefähr zehn Stunden sollte schon die Sonne untergehen, als wir gänzlich erschöpft das fruchtlose Suchen aufgaben.

Unsere Lage war überaus trostlos, und wir begannen schon zu bereuen das Polarland so leichtsinnig verlassen zu haben. Die Angst schüttelte uns bei dem Gedanken, was uns die Nacht bringen würde. Torf hatten wir nicht viel; wir mußten außerordentlich sparsam damit umgehen, damit er für die ganze Nacht ausreichte. Als wir uns den Vorrat ansahen, zeigte es sich, daß auf vierundzwanzig Stunden kaum eine Handvoll fiel, die nicht einmal für einen kleinen transportablen Ofen genügte.

-- Aber wir werden ja sterben, wenn wir so sparsam heizen müssen, sagte Martha, als wir ihr die vorbereiteten Rationen zeigten.

Peter zuckte die Achseln:

-- Wenn wir mehr verbrennen, werden wir erst recht erfrieren, da wir keinen Torf haben; wir müssen uns gut zudecken.

-- Weshalb haben wir das Polarland verlassen? erwiderte Martha. Tom wird die Kälte nicht ertragen, er ist so klein und zart.

-- Ach, Tom! zischte Peter ärgerlich durch die Zähne.

Schon öfter hatte ich bemerkt, daß jede Erwähnung des Kindes ihn erregte. Ich empfand das doppelt schmerzlich, erstens weil ich selbst das prächtige Kind unaussprechlich lieb hatte und dann Marthas wegen. Sie hing mit ganzer Leidenschaft an dem Sohne, und oft gewahrte ich, wie sie den Blick, in dem sich ein bitterer Vorwurf mit instinktiver Angst vereinte, auf Peter richtete. Sie ließ das Kind auch niemals bei Peter allein, während sie es mir anvertraute, wenn sie mit etwas beschäftigt war.

-- Tom ist nicht die wichtigste Person, brummte Peter weiter, und wenn er auch erfrieren sollte ...

Martha ertrug ähnliche Bemerkungen für gewöhnlich schweigend, aber heute sprang sie plötzlich auf und stürzte mit flammenden Augen auf Peter zu.

-- Höre! rief sie mit gedämpfter Stimme, Tom _ist_ die wichtigste Person und wird nicht erfrieren, denn erst werde ich dich töten und mit deinen Knochen diesen Ofen heizen!

Bei diesen Worten schwang sie ein kleines indisches Stilett, dessen Spitze man dort gewöhnlich vergiftet, vor seinen Augen. Wir wußten bis zu dieser Zeit gar nicht, daß sie diese gefährliche Waffe bei sich führte.

Peter wich unwillkürlich zurück. Dann versuchte er zu lächeln, aber in der Stimme und im Blick der Malabarin lag eine so grausam unerbittliche Drohung, daß er erblaßte und sich vergeblich bemühte seine Verwirrung zu verbergen ...

Ich lachte laut auf, wenn auch etwas gezwungen, um die Erregung abzuschwächen.

-- Martha sorgt für ihr Söhnchen, kein Wort mehr, rief ich. Komm, Peter, wir wollen nachdenken, wie wir uns vor dem nächtlichen Frost in Sicherheit bringen, ohne die eigenen Knochen zum Heizen zu verwenden!

Mein Plan war ziemlich einfach. Mit gemeinsamen Kräften gruben wir ein tiefes Loch aus, in dem der Wagen bequem Platz hatte und nachdem wir ihn dort hineingelassen bedeckten wir ihn von oben mit Erde und abgeschnittenen Blättern. Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß der Wagen nicht allzuviel Wärme verlieren würde und sich dementsprechend leichter erwärmen ließe.

Die Sonne war schon untergegangen, als wir die Arbeit beendet hatten. Wir gingen jedoch noch nicht in den Wagen. Nach dem langen Tage war die Luft warm und angenehm; eine breite, feurige Abendröte erleuchtete die sich langsam in Dämmerung hüllende Ebene, auf der die näher gelegenen Seen schimmerten, wie mit flüssigem Silber gefüllte Pokale oder, wenn man gegen die Morgenröte auf sie schaute, wie mit Blut angefüllt ...

Wir setzten uns zusammen auf den Hügel, aber die Unterhaltung wollte nicht recht in Fluß kommen. Der letzte Vorfall hatte einen zu starken Eindruck hinterlassen; wir verstummten, und die Stille wurde bald nur noch von dem Rauschen der nahen Kaskaden und der damit zusammenfließenden Stimme Marthas, die dem Kinde weiche, gedehnte indische Wiegenlieder sang, unterbrochen. Ich lauschte diesen Tönen, auf die in der Dämmerung verschwimmende Scheibe des Sees blickend, als mich plötzlich ein leiser Schrei Peters aus meinen Gedanken aufschreckte. Ich sah ihn fragend an und er streckte die Hand in der Richtung nach der Ebene aus:

-- Sieh, sieh!

Auf der Ebene geschah etwas Seltsames. In dem Maße, wie der Himmel sich verdunkelte, erhellte sich der Boden. Zunächst schien es, als wenn eine Handvoll kleiner, bläulichglänzender Funken am Ufer des Flusses ausgestreut wären. Und dieser Funken wurden immer mehr; sie flammten rechts, links, vor uns, überall auf. Eine halbe Stunde später schimmerte die ganze Ebene, als wenn sie mit einem blauen, sternenbesäten Nebelschleier überzogen wäre. Die Seen sahen darauf wie schwarze Flecke aus.

Martha hörte auf zu singen und schaute mit uns wie gebannt auf dieses bezaubernde Bild.

Nachdem wir uns von unserem Staunen über diese Erscheinung erholt hatten, überzeugte ich mich, daß sie auf einer Phosphoreszierung jener seltsamen Blattpflanzen beruhte, die diese ganze Fläche bedeckten. Die innere Oberfläche dieser Blätter glänzte wie morsches Holz im Dickicht unserer Wälder.

Aber dieser märchenhaft schöne Anblick verschwand so schnell, daß wir keine Zeit hatten, uns daran sattzusehen. Die Flämmchen erloschen, eins nach dem andern; die Blätter schlossen sich und rollten sich unter dem Einflusse der Kälte zu einem zweiwöchentlichen Schlaf zusammen.

Reichlicher Tau begann zu fallen; und es war höchste Zeit, uns in den schützenden Wagen zu flüchten.

Die Nacht war kalt, aber nicht die schlimmste, die wir überstanden, dank unserm Torfvorrat und der getroffenen Vorsichtsmaßregeln. Den Wagen verließen wir keinen Augenblick, um nichts von der Wärme einzubüßen. Was draußen vorging, konnten wir nicht sehen, da er, wie ich schon bemerkte, ganz mit Erde und Blättern zugedeckt war. Durch diese zwei Nachtwochen waren wir somit von der Außenwelt gänzlich abgeschnitten. Erst als unsere Kalenderuhren die Zeit des Sonnenaufgangs anzeigten, wagte ich, hinauszugehen. Um mich vor der Kälte zu bewahren, zog ich den Luftbehälter an, dessen Stärke und entsprechend konstruierte Wände einen vorzüglichen Schutz bildeten. Draußen angelangt, überzeugte ich mich, daß meine Vorsicht durchaus nicht überflüssig war.

Die Ebene konnte ich in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zunächst nicht erkennen. Alles war von einer dichten Schneeschicht, die vom Froste schimmerte, bedeckt. Die Seeoberflächen waren zum Teil unter dem Schnee verschwunden, zum Teil glänzten sie in matten Eisscheiben. Es schien mir, als wenn ich plötzlich in arktische Länder hinübergetragen wäre.

Ich kehrte schnell mit der Nachricht zum Wagen zurück, daß man noch nicht hinausgehen dürfe. Dieser Winter weckte in uns keine freudige Stimmung, da der Torfvorrat an der Neige war. Tatsächlich hatten wir die ganze Nacht hindurch nicht so sehr unter der Kälte gelitten als bei Tagesanfang, ehe es »Frühling« wurde. Noch drei Erdentage mußten wir auf ihn warten und, soweit es ging, ohne Feuer auskommen. Aber nach siebzigstündigem Kampfe mit dem Froste siegte endlich die Sonne! Der Schnee floß in Strömen, die Seen traten aus den Ufern, alle Bäche schwollen an und als wir uns nach einiger Zeit hinauswagten, reckten sich auf der vom Wasser triefenden Ebene schon mächtige verschieden geformte Blätter der Sonne entgegen und nur die Gipfel der Berge bedeckte noch ein weißer Schleier.

Den Aufbruch zur Weiterreise, an die wir immer dachten, mußten wir noch verschieben, bis die Gegend etwas ausgetrocknet war. Indessen machten wir uns aufs neue auf die Suche nach Brennmaterial. Während einem der vielen Ausflüge, die wir zu diesem Zweck nach allen Richtungen hin unternahmen, kamen wir zufällig an ein tiefes Loch, das wir am vorhergehenden Mondtage in der Hoffnung, Torf oder Kohle dort anzutreffen, ausgegraben hatten. Das Loch war bis zu den Rändern mit Wasser angefüllt. Ich ging gleichgültig daran vorüber, aber Peter, scheinbar durch etwas Ungewöhnliches aufmerksam geworden, blieb stehen und begann sich die Öffnung genauer anzusehen. Ich war schon ein Stück Wegs weitergegangen, als ich seine Stimme hörte:

-- Jan, komm! Jan, komm so schnell wie möglich und sieh!

Ich traf ihn kniend an; mit der einen Hand stützte er sich auf den Rand des Loches, mit der anderen gab er mir Zeichen. Sein Gesicht, das über die Öffnung geneigt war, brannte vor Erregung.

-- Was ist geschehen?

Statt zu antworten, schöpfte er mit der Hand das Wasser heraus, das von sonderbarer, schmutziggelber Farbe war und hielt es mir unter die Nase.

-- Petroleum! rief ich, den bekannten scharfen Geruch einziehend.

Peter nickte mit triumphierendem Lächeln. Um mich zu überzeugen, ob wir uns nicht täuschten, tauchte ich ein Taschentuch in die Flüssigkeit und steckte es an. Es flackerte in einer hellen roten Flamme empor, auf die wir beide starrten wie auf einen Regenbogen, der uns neues Leben verkündete.

Wir beeilten uns, Martha diese frohe Nachricht zu bringen.

Die Auffindung der Petroleumquelle hatte für uns eine ungeheure Bedeutung.

Jetzt konnten wir weiter nach Süden fahren oder hier bleiben, ohne die kalten Nächte zu fürchten noch den Mangel an gekochten Speisen. Einige zehn Stunden widmeten wir dem Sammeln eines großen Vorrates dieser gesegneten Flüssigkeit. Wir gruben zu diesem Zweck noch andere tiefe Löcher aus und sammelten den darin befindlichen Inhalt, soweit es nur irgend möglich war. Vor Mittag hatten wir schon alle Reservoirs gefüllt. Jetzt hielten wir großen Rat ab, was weiter zu tun sei. Am vernünftigsten wäre es hier zu bleiben, in der Nähe der Petroleumquellen, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen uns weiter zum Meere zu begeben, das nach allen Mutmaßungen nicht weit entfernt sein konnte. Außer der Neugierde sprach für die Reise auch der Umstand, daß wir am Strande infolge der großen Wasseransammlung ein bedeutend milderes und beständigeres Klima antreffen mußten, obwohl wir uns dem Äquator näherten. Im übrigen hatten wir nun einen so bedeutenden Vorrat an Brennmaterial, daß wir es wagen konnten, die Reise auch nur versuchsweise anzutreten, da wir sicher waren, im Falle ungünstiger Verhältnisse zu den Petroleumquellen zurückzufinden, wenn wir uns hinaufzu hinter dem Laufe des Stromes halten würden.

Diesen Tag und die nächste Nacht verbrachten wir noch an derselben Stelle der _See-Ebene_, wie wir jene große Fläche genannt haben, in der Absicht, den Antritt der Reise bis zum nächsten Tage zu verschieben, da es bedeutend angenehmer wäre, über dreihundert sonnige Stunden vor uns zu haben, während deren wir die Fahrt infolge der Nacht und der Kälte nicht zu unterbrechen brauchten. Aber statt dessen brachen wir früh, sowie nur die erste Dämmerung den Schnee rosig färbte, auf, nicht einmal den Sonnenaufgang erwartend, obwohl sich der Frost empfindlich fühlbar machte.

Die morgendlichen, oder wie man hier besser sagen müßte: Frühjahrswasserfluten, trafen uns bereits zirka hundert Kilometer von der Stelle entfernt, wo wir, nach Erdenzeiten rechnend, über sechs Wochen gestanden hatten. Zunächst beunruhigte uns das Schmelzen des Schnees ungemein; der Boden war so erweicht, daß die Fahrt geradezu unmöglich wurde. Zum Glück erinnerten wir uns rechtzeitig, daß sich der Wagen nach Anbringen eines entsprechenden Steuers und Einfügen von Schaufeln in die Räder leicht in ein schwimmendes Fahrzeug verwandeln ließe, und wir demnach eine Überschwemmung nicht zu fürchten brauchten; im Gegenteil, wir konnten sogar aus ihr Nutzen ziehen, indem wir uns den Fluten des hochgehenden Stromes anvertrauten. Dieser Gedanke war überaus glücklich, vor allem, weil der Strom sowieso der Wegweiser für uns war, der uns zum Meere führen sollte. Zum Überfluß sparten wir dabei eine Unmenge Brennmaterial, da die starke Strömung uns von selbst so schnell davontrug, daß wir, um den Lauf zu beschleunigen, die Schaufelräder gar nicht benötigten.

Den ganzen langen Mondtag verbrachten wir so auf dem Wasser, nur selten ans Ufer fahrend, um auszuruhen oder irgendeine interessante Gegend näher zu besichtigen.

Bevor die Fluten sanken, hatten wir uns schon so weit vorwärtsbewegt, daß der Fluß sich in einen Strom verwandelte, dessen Bett mehr als tief genug für unser kleines Fahrzeug war.

Der Anblick und Charakter der Landschaft änderte sich unaufhörlich. Eine Zeitlang fuhren wir über eine breite und, wie es schien, trockene Steppe, von einer kleinen, zarten Pflanzenwelt belebt, gänzlich verschieden von den blättrigen Gebüschen, die höher am Strome wuchsen. Es war etwas unermeßlich Trauriges in der Eintönigkeit dieser Gegend.

Die Ringberge, bis an den Rand mit Wasser gefüllt, und die runden Seen mit den felsigen, wenig über die Oberfläche erhobenen Ufern zwischen aufgeworfenen Hügeln, ließen wir schon weit hinter uns zurück. Jetzt erstreckte sich zur Linken und zur Rechten eine rostgrüne Flachebene, von der sich nur stellenweise fast violette Wiesen mit winzigen Pflanzen oder gelbe Sandbänke abhoben, die die unbedeutenden Erhebungen anfüllten. Der Strom breitete sich hier aus und floß so träge, daß wir den Motor in Bewegung setzten, um mit Hilfe der Schaufelräder schneller vorwärts zu kommen.

Es war schon etwas nach Mittag, als wir uns der Kette der felsigen Berge näherten, die jene Steppe nach Norden abschloß. Der Fluß war hier auf einer Strecke von einigen Kilometern so von Felsen zusammengepreßt, daß die Fahrt höchst gefahrvoll wurde. Die Strömung riß uns jeden Augenblick fort und warf das Fahrzeug an die Felsen. Nur dem starken Bau des Projektils, das jetzt in ein Schiff verwandelt war, haben wir es zu verdanken, daß wir so davongekommen sind.

Hinter diesem Felsentor ergoß sich der Strom in einen großen See. Seine Ufer bildeten kleine Hügel, mit einer unerhört üppigen Flora bedeckt und von zahlreichen Bächen durchzogen. Einer der schönsten Anblicke, die wir bis jetzt auf dem Monde antrafen.

Wir hatten den See noch nicht durchfahren, als der Himmel, der jetzt fast immer heiter war, sich plötzlich mit dunklen Wolken überzog. Im ersten Augenblick waren wir froh darüber, da die unerträgliche Hitze uns schon empfindlich zusetzte, aber bald begannen wir uns zu beunruhigen, das Herannahen eines Gewitters ahnend. Man hörte schon von weitem das dumpfe Rollen des Donners, und der Himmel flammte seit Mittag in blutigen Blitzen auf. Wir hatten kaum so viel Zeit uns, seitwärts abbiegend, in einer kleinen, von Bergen geschützten Strömung in Sicherheit zu bringen, als das Gewitter sich entlud.

Ich kannte auf der Erde die furchtbaren Gewitter der Tropenländer, aber so etwas Ungeheuerliches hätte ich mir nie vorstellen können. Betäubende Donner flossen in ein unaufhörliches Dröhnen zusammen; vor unseren Augen standen die Blitze wie die Saiten einer flammenden Harfe, die dicht nebeneinander zwischen Himmel und Mond gespannt sind. Und der Regen ... Nein, das war kein Regen mehr! Die Sündflut des aus den Wolken herabstürzenden Wassers verwandelte die ganze Atmosphäre in einen hängenden, von wütenden Stürmen hin und her geschleuderten See. Die Luft, mit Regen und den vom Sturme aufgepeitschten Fluten vermischt, war so mit Elektrizität geladen, daß sie aus sich selbst aufblitzte, -- ein seltsames, höllisches Schauspiel: unter den von unten blutig geröteten Wolken war die Atmosphäre mit einem Feuer von faustgroßen Tropfen angefüllt, die triefendem zerschmolzenem Metall glichen.

Manchmal ließ das Gewitter plötzlich nach; die Wolken öffneten sich wie ein nach beiden Seiten auseinandergehender Vorhang, eine Aussicht auf den blauen Himmel und die Sonne gewährend, aber kaum hatten wir Zeit, aufzuatmen, verfinsterte sich der Himmel von neuem, und wiederum begannen, begleitet von einem furchtbaren Orkan, der von Süden daherstürmte, die Donner zu krachen und Ströme von Wasser herabzustürzen.

Das alles dauerte mit kleinen Unterbrechungen fast vierzig Stunden. Erschöpft, verängstigt und betäubt schauten wir auf die ungeheure Ansammlung von Feuer, Wasser und Luft. Trotzdem wir das Fahrzeug mit Seilen an Wurzeln, die am Ufer hervorragten, befestigt hatten, fürchteten wir, daß die Strömung, die sich wie ein wildes Tier in der Agonie hin und her warf, uns auf den stürmenden See hinausschleudern könnte, den Winden und Wellen zum Fraß.

Endlich wurde alles ruhig und der Himmel erhellte sich; nur die hochgehenden Bäche zwischen den Hügeln rauschten noch dahin, die stürmische Oberfläche des Sees aufwühlend. Die Wasser hatten enorm zugenommen. Wir mußten noch über zwölf Stunden warten, bevor sie wenigstens so weit gefallen waren, daß wir die Fahrt wieder aufnehmen konnten. Wir trieben jetzt bedeutend schneller, da die Strömung des hochgehenden Flusses um vieles stärker geworden war. Unterwegs trafen wir überall Spuren einer furchtbaren Vernichtung an: ganze Länderstriche waren weggespült, mächtige seltsame Pflanzen, die hier schon dichte Wälder sonderlich verflochtener Blätter und langer, dicker, fleischiger Stengel bildeten, lagen vom Sturm in Stücke gerissen am Boden. Aus jeder Spalte schossen Kaskaden trüben Wassers; auf den Ebenen standen flache Tümpel, über denen sich eine Unmenge der verschiedensten Tierarten ansammelte, die den Insekten ähnlich waren.

Heute, wo wir uns schon auf dem Monde akklimatisiert haben, wissen wir, daß diese furchtbaren Stürme hier eine tägliche Erscheinung sind, in des Sinnes wörtlicher Bedeutung. Sie entstehen infolge der unerhörten Hitze in der Nachmittagszeit und sind für diese Welt, trotz ihres Grauens, eine Wohltat, da sie die Atmosphäre erfrischen und den Boden austrocknen. Ohne sie wäre das Leben hier eine Unmöglichkeit.

Ich werde unsere Nachmittagsreise nicht beschreiben, da sie ohne besondere Ereignisse war. Nur die Landschaft änderte sich stetig und mit ihr auch die Flora, obwohl ich bemerken muß, daß die Flora auf diesem Globus, der keine klar umgrenzten Zonen hat, bedeutend eintöniger ist als auf der Erde.

Der Abend näherte sich bereits, als wir an die Stelle gelangten, an der der Strom sich auszubreiten und unzählige Flachstellen zu bilden begann, die unsere Fahrt sehr erschwerten. Wir nahmen an, daß dies die Vorboten der nahen Mündung sein müßten.

-- Wir werden das Meer sehen, sagten wir uns, die Augen der Sonne zuwendend, als wenn wir uns vergewissern wollten, ob der Tag noch ausreichen würde, um zu diesem ersehnten Ziel der Reise zu gelangen.

Indessen wurde die Fahrt immer schwieriger. Wir blieben einige Male auf seichten Stellen stecken, so daß wir endlich beschlossen, das Schiff wieder in einen Wagen umzuwandeln und auf dem Lande weiterzufahren.

Der Sonnenuntergang traf uns am Fuße niedriger, spärlich mit Gras bewachsener Sandhügel an. Wir fühlten die Nähe des Meeres, wir glaubten sogar, ein mächtiges gedämpftes Rauschen zu vernehmen und den scharfen Duft des Meerwassers einzuatmen. Wir unterbrachen daher, von der Neugierde getrieben, trotz der hereinbrechenden Dämmerung die Fahrt nicht.

Die Dunkelheit wurde bedeutend dichter, als wir auf den Gipfeln jener Sandhügel angekommen waren. Wir strengten den Blick an, um das Meer zu sehen, aber es war unmöglich, etwas zu unterscheiden. Vor uns schimmerte nur gespensterhaft die mit phosphoreszierenden Pflanzen bedeckte Tiefebene. Im Osten war das unbestimmte Murmeln und Rauschen eines flutenden Wassers zu hören, es glitten dichte weiße Nebel oder Wolken vorbei, wie irrende Geister auf leuchtenden Wiesen. Wir wußten im Augenblick nicht, was wir tun sollten, die ganze Nacht hindurch auf der Anhöhe bleiben oder wieder herunterfahren, als sich plötzlich ein Wind erhob und einen von einer Wolkenkette bedeckten Bach enthüllte, der zirka zehn Schritte vor uns auf steinigen Absätzen in natürliche Bassins floß, die stufenweise in einer Reihe lagen. Diesen Anblick hatten wir nur während einer Sekunde, da eine dichte Wolke das Wasser sofort aufs neue verhüllte und abermals nur das Rauschen und Murmeln an unsere Ohren drang. Die ungewöhnliche Menge und Dichte der Wolken setzte uns in Erstaunen, und wir brachen in der Richtung der Bassins auf. Bald befanden wir uns in einem dichten warmen Nebel. Die Räder des Wagens dröhnten auf steinigem Boden.

Als der Wind den Nebel abermals auseinanderwehte, bemerkten wir, daß wir uns am Rande eines jener Bassins befanden, von dem aus uns feuchte warme Luft entgegenwehte.

-- Warme Wasserquellen, riefen wir wie aus einem Munde.