Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 14
Bald begann sich denn auch der Nebel zu heben. In nicht ganz einer halben Stunde öffnete sich der Blick auf das Tal; nur noch die Gipfel höherer Berge waren in Wolken getaucht, die mit jedem Augenblick dichter wurden. Es war ohne Zweifel Regen in Aussicht und wir begannen in größter Eile den Abstieg vom Hügel. Ehe wir jedoch den Weg nur zur Hälfte zurückgelegt hatten, blitzte es über uns auf und fast gleichzeitig sauste mit dem dumpfen Echo eines Donners eine wahre Sündflut auf uns nieder. In einigen Sekunden waren wir vollständig durchnäßt. Durch den niederströmenden dichten Regen konnte man absolut nichts sehen; die Blitze und Donner setzten nicht einen Augenblick aus.
So ging es ungefähr zwei Stunden lang, während deren wir uns, durchkältet und durchnäßt, mit den Hunden unter den Vorsprung eines Felsens, der uns übrigens nur einen sehr schwachen Schutz gewährte, flüchteten. Als der Regen aufhörte, wollten wir sofort den Rückweg antreten, aber kaum hatten wir das schützende Felsdach verlassen, als sich uns ein Anblick darbot, der uns das Blut in den Adern gerinnen ließ. An Stelle der grünen Mulde lag ein breiter See zu unseren Füßen.
Mein erster Gedanke war: Was ist aus Martha und dem Kinde geworden? Die Stelle, wo das Zelt stand, muß überschwemmt sein. Ich stürzte zum See, ohne auf Peter zu achten, der mich zurückhalten wollte. Als ich das Wasser erreicht hatte, versuchte ich, hindurchzuwaten; zunächst war es nicht tief, aber bald ging es mir bis an die Hüften. Einen Augenblick zögerte ich, ob ich weiterwaten oder umkehren sollte, indessen war Peter hinter mir ins Wasser gesprungen, packte mich mit aller Kraft und zwang mich, an das Ufer zurückzukehren.
Meine Situation war fürchterlich. Eine wahnsinnige Angst um Martha trieb mir den Schweiß auf die Stirne, und doch mußte ich Peter recht geben, daß ich mein Leben riskierte, ohne ihr damit zu helfen.
-- Wenn Martha die Überschwemmung rechtzeitig bemerkt hat, sagte er, und sich auf dem Hügel in Sicherheit brachte, ist unsere Hilfe augenblicklich nicht nötig; es ist Zeit genug, sie zu suchen, wenn das Wasser gefallen ist. Hat sie indessen die Flucht nicht mehr ergreifen können, so kommen wir, ob jetzt oder in einigen Stunden, auf alle Fälle zu spät.
Er sagte das ganz ruhig, sogar mit einer gewissen Grausamkeit, die mich schaudern machte. Ich sah ihm in die Augen, und ich glaubte den furchtbaren Gedanken darin zu lesen: »Lieber soll sie zugrunde gehen, als jemals dein sein!« ...
-- Ich werde ihr zu Hilfe eilen, trotz alledem! rief ich.
-- Geh, antwortete er und setzte sich gleichgültig ans Ufer.
Ich wollte wirklich gehen, aber das war leichter gesagt als getan. Und übrigens -- wohin sollte ich gehen? Auf die Mitte dieses Sees? Sie unter dem Wasser suchen?
Ich setzte mich neben Peter, wütend und verzweifelt, und starrte ratlos ins Wasser. Auf seiner Oberfläche schwammen hier und da abgerissene Moosstengel, im übrigen war es ruhig und glatt, von keinem Windstoß getrübt. Ich dachte eben darüber nach, wie in so kurzer Zeit so unendlich viel Wasser aus der Atmosphäre herabfließen konnte und wie lange Stunden vergehen würden, ehe dieses Meer austrocknet und wir die Leichen Marthas und des Kindes finden (ich zweifelte gar nicht mehr daran, daß sie umgekommen waren), als ich plötzlich bemerkte, daß die Moosstengelchen alle ziemlich schnell in einer Richtung flossen, also anscheinend vom Strom getragen wurden, ein Zeichen, daß das Wasser irgendwo einen Ausgang aus der Mulde gefunden hatte. Diese Beobachtung beruhigte mich unendlich, da sie mich hoffen ließ, daß wir auf das Fallen des Wassers nicht allzu lange würden warten müssen. Um mich von der Richtigkeit dieser Annahme zu überzeugen, ging ich das Ufer entlang, den anscheinenden Lauf der Strömung verfolgend.
Nachdem ich einige Kilometer gegangen war, kam ich an eine Art Bach, den ich durchwatete. Ich war von dem Vorhandensein eines Abflusses hinter diesem Bach überzeugt, da ich auf der Oberfläche erhabenere Stellen sah, die aus der Flut wie flache grüne Inselchen hervortauchten.
Dies alles bot einen schönen, äußerst interessanten Anblick, vor allem, daß sich in der glatten Scheibe des Wassers, inmitten der grünen Inseln, die am Ufer gelegenen kahlen Berge, die bereits wieder von der Sonne rosa beleuchtet waren, spiegelten. Aber ich achtete nicht im geringsten auf diese Landschaft, weil mich nur ein einziger Gedanke beschäftigte: Martha. Ich fühlte wohl damals zum erstenmal, wie unendlich teuer mir diese Frau war, und was ich durch ihren Tod verlieren würde ... Ich konnte diesen Gedanken auch gar nicht fassen und obwohl ich keine Ahnung hatte, auf welche Weise sie sich hätte retten können, fühlte ich im tiefsten Herzen den Rest einer unbegreiflichen Hoffnung, daß sie leben müsse und eilte immer schneller vorwärts, als wenn ihre Rettung davon abhinge, daß ich so bald als möglich den Abfluß dieses Wasser erreichte. Aber ich war zu aufgeregt, um logisch denken zu können. Nur eines fühlte ich klar, daß ohne dieses Weib, das nicht mir gehörte und ohne dieses Kind, das ebenfalls nicht mein war, mein Leben wert- und ziellos vor mir lag. Ich schwor in meinem Innern, sie niemals für mich zu verlangen, wenn ich sie dadurch retten könnte ... Wer weiß, ob das Schicksal nicht manchmal die stillen Gelöbnisse des Menschen hört ...
Zwölf Stunden waren schon vergangen seit ich Peter verlassen hatte, als mich ein brausender Fluß am Weitergehen hinderte. Durch eine breite Klamm, die, von uns bis jetzt unbemerkt, ein Tor der Polarmulde gegen die unbekannte Seite der Mondkugel bildete, ergossen sich diese Wassermassen. Ermattet und hungrig setzte ich mich an das Ufer und wußte nicht, was ich nun beginnen sollte.
Die Zwecklosigkeit meines Suchens und Jagens wurde mir jetzt erst klar. Übermüdet streckte ich mich, fast gedanken- und willenlos, auf dem Moose aus, das noch von dem frischgefallenen Wasser triefte und starrte in den Himmel, der sich wieder so ruhig und blaß über mir wölbte wie vor jener verhängnisvollen Sonnenfinsternis.
Da war es mir, als wenn mich jemand beim Vornamen riefe; ich sprang auf und horchte gespannt. Nach einer Weile vernahm ich die Stimme abermals, doch schon deutlicher. Als ich mich umsah, bemerkte ich auf der anderen Seite der zu einem Fluß verwandelten Klamm Martha, die mir von ferne Zeichen gab, mit dem Kinde auf dem Arm. Ein wahrer Freudentaumel erfaßte mich. Ohne auf die Gefahr zu achten, warf ich mich ins Wasser und stand bald neben ihr. Das Übermaß des Glücks erstickte mir die Stimme, ich konnte nur ihre Hände mit Küssen bedecken, was sie mir, selbst stark erschüttert, nicht wehrte.
-- Mein Freund, mein guter, teurer Freund, wiederholte sie öfter mit blassen, aber lächelnden Lippen.
Als wir uns beide etwas beruhigt hatten, erzählte sie mir, wie sie während des Unwetters die herannahende Überschwemmung bemerkte und es ihr, als das Wasser schon das Zelt unterspülte, noch gelang mit dem Kinde und den für uns wertvollsten Gegenständen in den Wagen zu flüchten, der in der Nähe stand. Der dichtverschlossene Wagen war nach Beseitigung vieler Teile, die ihn vorher beschwerten, leicht genug, um sich auf der Oberfläche des Wassers zu halten, das durch den kolossalen Regenguß und die sich in Kaskaden von den Bergen herabwälzenden Bäche immer gewaltiger anwuchs. Beim Donnern und Aufleuchten unaufhörlicher Blitze trieb der Wagen auf den Fluten dahin wie einst die Arche Noah, ihr um so ähnlicher, als auch er das menschliche Geschlecht auf diesem Globus vor dem Untergang bewahrte.
Marthas Lage war geradezu entsetzlich. Da sie keine Möglichkeit hatte, ihr improvisiertes Schiff zu steuern, wurde der Wagen wie eine Schale hin und her geworfen. Zu ihrer eigenen Angst gesellte sich noch die Sorge um uns und unser Schicksal. Nachdem der Regenguß endlich nachließ und das Wasser aufhörte zu schwellen, bemerkte Martha, daß der Wagen in einer bestimmten Richtung schwimme. Sie dachte sich, daß ihn der Strom eines abfließenden Wassers mitriß, was ihre Angst noch vergrößerte. Der Wagen konnte auf diese Weise in eine Spalte geschleudert oder in eine entfernte Gegend fortgetrieben werden, wo es uns vielleicht unmöglich gewesen wäre, ihn wieder zu finden.
Sie atmete erst auf, als nach einigen Stunden die Spitzen der Hügel aus dem fallenden Wasser wieder hervortauchten. Alle ihre Anstrengungen jedoch, das Fahrzeug nach einer dieser Spitzen hinzulenken, waren vergeblich. Sie hörte schon das Sausen des Stromes, der durch diese Klamm abfloß, über der ich sie antraf, und war auf das Schlimmste vorbereitet, als durch einen glücklichen Zufall der Wagen plötzlich von einem hervorspringenden Felsen angehalten wurde. Martha benützte mit Geistesgegenwart diesen Augenblick, ein Seil durch das geöffnete Fenster auf die Felsspitze zu werfen und brachte ihr Schifflein auf diese Weise in Sicherheit. Als ich kam, war die Gefahr schon vorüber und das Wasser so gesunken, daß der Wagen auf einer trockenen Stelle Halt gefunden hatte. Einige Stunden später waren nur noch kleine Tümpel vorhanden, die wie Glasscheiben inmitten der grünen Wiesen aussahen.
Auf Peter mußten wir noch geraume Zeit warten, schließlich führten ihn die Hunde zu uns, die meiner Spur gefolgt waren. Er maß uns mit einem mißtrauischen Blick, und ohne ein Wort zu sprechen, machte er sich an die Untersuchung der geretteten Vorräte und Instrumente. Ein merkwürdiger Mensch! Schon elf Erdenjahre lebe ich hier mit ihm zusammen und es kommen immer wieder Momente, wo ich mir keine Rechenschaft über seinen Charakter geben kann, der eine sonderbare Mischung von Kühnheit, Aufopferung und Entschiedenheit, von Leidenschaft und Egoismus, von Eifersucht und Verschlossenheit ist. Nur das eine weiß ich bestimmt: er ist gänzlich unberechenbar.
Die Katastrophe hat uns bedeutenden Schaden zugefügt. Wir haben bei der Überschwemmung viele notwendige Gegenstände verloren; andere mußten wir mühevoll in der breiten Mulde suchen. Das vom Wasser davongetragene Zelt konnten wir zunächst nicht finden. Es war ein Glück, daß sich in Anbetracht der seit langem getroffenen Vorbereitungen zur Weiterreise der größte Teil unserer Habseligkeiten zur Zeit der Überschwemmung schon im Wagen befand. Und außerdem hat uns dieses Unwetter einen ungeheueren Nutzen gebracht, indem uns nämlich das abfließende Wasser den Weg zeigte, auf dem wir weiter nach Süden fahren sollten.
Unsere diesbezügliche Berechnung war sehr einfach: wenn das Wasser so schnell abfließen konnte, mußte die Klamm zu tiefer gelegenen Stellen führen, wo wir aller Wahrscheinlichkeit nach eine größere Wasseransammlung vorfinden würden, einen See oder das Meer, und infolgedessen auch vom Regen benetzte Strecken, also sicherlich die nötigsten Lebensbedingungen. Längere Zeit vor dem uns gesetzten Termin der Abfahrt waren wir vollständig reisefertig. Der Wagen stand mit allem versehen am Ausgang der Klamm, die sich vor uns wie ein zur neuen Welt geöffnetes Tor auftat; man brauchte nur den Elektromotor mit Hilfe der Akkumulatoren, die von der Zeit her geladen waren, wo wir noch Feuerung besaßen, in Bewegung zu setzen. Wir hatten sogar ein Stück Wegs im voraus erforscht, indem wir zu Fuß in der Klamm vordrangen. Sie bot durchaus keine feste Straße, vor allem, weil die letzten Wassermassen den Boden stellenweise tief aufgerissen hatten, aber immerhin konnte man hier ruhig fahren, ohne sich größeren Schwierigkeiten auszusetzen. Wir warteten also nur eine günstige Zeit ab, um diesen Wasserspuren, die nach Süden wiesen, zu folgen -- in ein unbekanntes Land der Wunder, dessen lange Nächte die silberne Scheibe der Erde, die über den Wüsten leuchtet, niemals erhellt.
II.
Vierzig Stunden vor dem ersten Viertel der Erde haben wir die Fahrt angetreten. Auf der unbekannten Halbkugel des Mondes, wohin wir eilten, war noch Nacht, aber bald sollte die Sonne diese Länder erleuchten.
Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut, ja sogar der größten Besorgnis haben wir das Polarland verlassen. Wir kannten es schon und wußten, was es uns geben konnte, während alles, was uns nun erwartete, wieder in Geheimnis gehüllt und nur eine Vermutung war. Wir sollten uns wiederum den brennenden langen Tagen und nächtlichen Kälten aussetzen, wir sollten von neuem Schluchten, Berge und vielleicht auch Wüsten durchdringen auf der Fahrt zu dem Lande, von dem wir absolut nicht wußten, ob es uns aufnehmen wird und ernähren kann. Überdies beunruhigte uns der Mangel an Brennmaterial. Was würde geschehen, dachten wir, wenn die Ladung unserer Akkumulatoren zu Ende geht, bevor wir neues Brennmaterial finden und die Maschine nicht mehr in Bewegung setzen könnten. Werden wir dann zu Fuß vor der hereinbrechenden Nacht zum Polarlande zurückzukehren imstande sein, um uns vor der Kälte, die um so bedrohlicher für uns wird, weil wir kein Feuer haben, in Sicherheit zu bringen? Es gab, kurz nachdem wir die Reise angetreten hatten, Augenblicke, wo wir schon infolge dieser Befürchtungen auf die mit Moos bewachsene Polarwiese zurückkehren wollten, um auf ihr das ganze Leben zu verbringen, uns an den schwachen, in der Atmosphäre zerstreuten schrägen Sonnenstrahlen wärmend und uns, wie die Tiere der Erde, von rohen Schnecken und Pflanzen nährend. Aber das Zaudern dauerte nicht lange, Neugierde und Hoffnung waren stärker. Die Nahrungsvorräte konnten für lange Zeit ausreichen; wir nahmen auch etwas ausgepreßten Torf mit, weil wir hofften, daß es uns in sonnigen Gegenden gelingen würde, ihn so weit auszutrocknen, um Feuer machen zu können. Übrigens haben wir für den schlimmsten Fall, nach Verbrauch der halben Ladung der Akkumulatoren, die Rückkehr zum Polarlande beschlossen.
In den ersten zehn Stunden der Fahrt geschah nichts Bemerkenswertes. Die Klamm war zu Ende und wir kamen auf eine Ebene, die der am Pole ähnlich sah, nur bedeutend größer war. Hier mußte ebenfalls kürzlich eine Überschwemmung gewesen sein; in den Strahlen der eben aufgehenden Sonne waren hier und da noch große, flache Tümpel zu sehen. Sehr verwunderte uns die bereits gänzlich veränderte Flora, obwohl wir vom Pol kaum einige zehn Kilometer entfernt waren. Zwischen den uns bekannten Pflanzen, die nur kleiner waren als die auf dem Pol und mit rostiger Farbe überzogen, schossen trockene Stengel, vereinzelt wachsend und spiralförmig gewunden wie bei uns die jungen Wedel der Farrenkräuter, aus der Erde. Die Kälte machte sich empfindlich bemerkbar, während der Nacht, die diese Gegenden schon haben, obwohl sie eher einer Dämmerung gleicht, da die Sonne kaum einige Fuß unter den Horizont sinkt. Wir erwärmten uns, indem wir die Arme zusammenschlugen, wie es auf der Erde die Arbeiter tun, als Martha auf die Idee kam, jene Stengel abzupflücken und zu versuchen, ob man Feuer damit machen könne.
Wir gingen sofort an die Arbeit; wie groß war aber mein Staunen, als der erste Stengel bei der Berührung mit der Hand sich zu strecken, dann wiederum zu krümmen begann, ganz wie ein lebendes Wesen. Ich ließ ihn unwillkürlich mit einem Schrei fallen. Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, begann ich diese sonderbaren Pflanzen zu untersuchen. Ich schnitt eine davon mit dem Messer ab und überzeugte mich, daß es große, längliche und fleischige Blätter waren, doppelt zusammengerollt nach vorn zugespitzt, wie eine Trompete, und dann schneckenförmig gewunden, ähnlich den Rollen englischen Tabaks. Auf der äußeren, hellgrünen Seite sah man zahlreiche rosige Äderchen. Die ganze Pflanze war, solange sie lebte, mit der Fähigkeit der Bewegung ausgestattet, ungefähr wie unsere Mimosen. Am meisten aber wunderte mich der Umstand, daß diese zusammengerollten Blätter bedeutend wärmer waren als die Umgebung; scheinbar erzeugte ihr Organismus durch irgendwelche chemobiologischen Prozesse sich selbst die Wärme, die ihm während der langen Nächte fehlte. Alles das war sehr interessant, aber die Hoffnung auf die Ausnützung dieser Pflanzen zum Feuern wieder zunichte. Wir wandten daher unsere Augen mit Sehnsucht der roten Sonne zu, wartend, ob ihre geizigen Strahlen bald die Gegend erwärmen würden.
Zu der Kälte gesellte sich noch eine andere Sorge; wir wußten nicht, welchen Weg wir einzuschlagen hatten. Wir sollten in der Richtung fahren, in der die Wasser abgeflossen waren, aber es war schwer, dies auf der Ebene, die während der Überschwemmung ganz überflutet war, zu erkennen. Als wir noch darüber nachdachten, bemerkte Peter in der Entfernung von einigen hundert Metern einen großen weißen Gegenstand. Wir fuhren neugierig darauf zu und fanden unser Zelt, das, von den Wassern davongetragen, sich erst hier auf einem kleinen Hügel festgesetzt hatte. Wir freuten uns über dieses Wiederfinden doppelt, erstens weil uns das Zelt, das einzige, das wir besaßen, tatsächlich unentbehrlich war, und zweitens wurden wir auf diese Weise über die Richtung des abgeflossenen Wassers orientiert. Das Zelt kam durch die Klamm, die wir eben zurückgelegt hatten, auf diese Ebene und wies uns daher die Linie, die von dem Ausgang der Klamm zu der Stelle, an der wir uns befanden, gezogen war, d. h. die ungefähre Richtung des abfließenden Wassers. Diese Linie lief durch die Flachebene nach Süden, mit einer kleinen Biegung nach Westen.
Als wir uns in dieser Richtung weiter fortbewegten, trafen wir auf eine kleine gewundene Gebirgsklamm und nachdem wir noch eine flache Mulde passiert hatten, gelangten wir in ein breites grünes Tal, das sich direkt nach Süden erstreckte.
Zu seinen beiden Seiten erhoben sich hohe Bergketten mit zahlreichen, in ihrem Massiv steckenden Kratern, denen ähnlich, die die luftlose Halbkugel des Mondes anfüllen. Die Gipfel der Berge waren mit Schnee bedeckt; der Schnee, der scheinbar in der Nacht gefallen war, lag auch noch stellenweise im Tal und taute erst durch die Strahlen der nicht hoch am Horizont stehenden Sonne auf. Die von den Bergen herabtriefenden Wasser bildeten einen ansehnlichen Bach, der in zahlreichen Biegungen schnell dahinfloß.
Wir beschlossen, uns eine Zeitlang in diesem Tale aufzuhalten, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß der weitere Weg nach Süden uns bei so früher Tageszeit einer empfindlichen Kälte in den Gegenden aussetzen würde, wo der Unterschied zwischen der durchschnittlichen Wärme des Tages und der Nacht immer intensiver wird.
Als wir wieder aufbrachen, hatte die Sonne fast schon den dritten Teil ihres täglichen Weges zurückgelegt. Es war warm und hell. Der Schnee im Tal war gänzlich verschwunden, und jene zusammengerollten Stengel, die wir hier zwischen den kleinen Pflänzchen vorwiegend fanden, begannen sich unter dem Einfluß der Sonnenwärme schnell zu mächtigen, in verschiedenen grünen Schattierungen gemalten Blättern zu entfalten. Ihre Form war überaus mannigfaltig; die einen sahen großen Fächern ähnlich, die mit zarten, flatternden Fransen behängt waren, andere wieder, mit allerhand Farben betupft -- unter denen Rot und Dunkelblau am meisten hervortraten -- erinnerten an die Pracht der Pfauenfedern. Es gab auch solche, deren Ränder in Formen eines Akantusblattes ausgeschnitten und mit Dornen übersät waren und wieder andere, die, unten zusammengerollt, einen Trichter bildeten, auch glatte, schimmernde oder mit langem goldgrünen Haar, das zu beiden Seiten bis zur Erde herabfiel, bedeckte, -- mit einem Wort, die größte Verschiedenheit der Farben und Formen, und alles lebend, beweglich, sich bei der leisesten Berührung krümmend.
Am Ufer des Baches wanden sich, halb in seine Kristallflut getaucht, langgezogene Wasserpflanzen wie rostgrüne Schlangen oder Fäden, mit Blumen von starkem berauschenden Duft behängt. An anderen Stellen, wo das Wasser sich ausbreitete und die Strömung aufhörte, entwickelten sich zarte Wasserlinsen, die in Kugelform den nächtlichen Frost überstanden, das Wasser mit einem leichten, zitternden Netz bedeckend, den feinsten Spitzengeweben aus violetter und grüner Seide vergleichbar.
Wir waren ganz hingerissen von der Pracht dieser Pflanzenwelt; bei jedem Schritt bemerkten wir Neues und Staunenerregendes. Aus dem Dickicht krochen, von der Sonne hervorgelockt, wunderbare Geschöpfe, langen Eidechsen mit einem Auge und vielen Füßen ähnlich. Sie schauten neugierig nach uns aus und verschwanden schnell beim Herannahen des Wagens. Auf eines dieser Tiere stürzten sich die Hunde und fingen es. Wir nahmen ihnen diese Beute ab, aber das Tier war schon tot. Wir konnten also nur den ungemein interessanten Bau am leblosen Körper bewundern, der von den Organismen auf der Erde grundverschieden war. Das Knochengerüst erstreckte sich bis zu dem länglichen Ring, der sich aus beweglichen Reifen zusammensetzte, die zu beiden Seiten direkt unter der Haut lagen. Den ganzen Schädel bildeten nur zwei starke Kiefer. Das Hirn lag unter dem Kamm, innerhalb des Ringes. Das was wir für die Füße hielten, waren nur zwei Reihen elastischer Borsten, vermittelst derer sich das Tier auf dem Boden mit ungeheurer Schnelligkeit bewegte.
Bedeutend später fanden wir auf dem Monde noch viele andere merkwürdige Geschöpfe, aber keins hat uns so interessiert wie dieses erste, das überaus typisch für die hiesige Fauna ist.
Überhaupt war unsere ganze Reise durch jenes Tal wie ein Märchentraum, voll von unerwarteten und phantastischen Bildern. Die Stunden flossen schnell dahin und immer von neuem änderte sich der Blick. Stellenweise verengerte sich das Tal, felsige Pässe bildend, durch die wir mit Mühe dicht am Ufer des Baches, der schon zu einem breiten schäumenden Strom angewachsen war, hindurchdrangen; dann fuhren wir wieder auf die weite, kreisförmige Ebene, wo das Wasser sich zu einem großen See ausbreitete mit bewachsenen oder sandigen Ufern. Wir fanden immer mehr Tiere vor. In den Tiefen des Wassers schwammen sonderbare kleine Ungeheuer; in der Luft schwirrten fliegende Eidechsen, die von fern wie Vögel mit dicken Hälsen und langen Schwänzen aussahen. Aber das seltsamste ist, daß alle Tiere auf dem Monde stumm sind. Es fehlen hier diese unzähligen Stimmen des Lebens, die auf den Wiesen und in den Wäldern der Erde tönen; nur wenn der Wind weht säuseln die Blätter der Pflanzen, zugleich mit dem Rauschen des Stromes die ewige Lautlosigkeit unterbrechend.
Die üppige Vegetation erschwerte uns das Vordringen bedeutend. Jeden Augenblick mußten wir stehen bleiben und die um die Achsen geschlungenen Farrenkräuter abwickeln, die die Bewegung der Räder hemmten; manchmal wieder fuhren wir durch so starkes Dickicht, daß der Wagen fast darin stecken blieb. Über diese Verzögerungen waren wir nicht gerade erfreut, besonders da die Fahrt auch so schon sehr langsam vonstatten ging, weil wir öfter anhalten mußten, um zu schlafen oder uns zu stärken, auch die Gegend zu erforschen oder Nahrung und Brennmaterial zu suchen. Nahrung fanden wir genügend vor. Unschätzbare Dienste erwiesen uns hierbei die Hunde. Immer herumsuchend und -schnüffelnd, fanden sie eßbare fleischige Pflanzen oder schmackhafte Molusken. Schlimmer stand es jedoch mit dem Brennmaterial. Der aus dem Polarlande mitgenommene Torf war zwar ausgetrocknet und brannte ganz gut, aber wir mußten sparsam damit umgehen, denn der Vorrat war nicht groß, und in der ganzen Gegend war nichts zu finden, womit wir hätten Feuer machen können. Bäume, wie sie auf der Erde sind, gibt es hier überhaupt nicht und jene breiten Blätter sind so saftig, daß sie im Feuer kochen, statt zu brennen, und den Torf, der fast die ganze Strecke des Polarlandes bedeckte, hatten wir weit hinter uns gelassen.
Indessen näherte sich der Mondmittag und wir mußten uns schließlich entscheiden, ob wir weiterfahren oder infolge Feuermangels vor der Nacht zu dem Polarlande zurückkehren sollten. Zunächst hatten wir die Absicht, das letztere zu tun; vor allem drängte Martha, die den starken Frost mit Rücksicht auf Tom fürchtete, zur Rückkehr. Ich war ebenfalls dafür, aber Peter redete entschieden dagegen.