Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman
Part 13
Wir befanden uns also auf dem Nordpol des Mondes. Ein seltsames Land! Ein Land, zugleich des ewigen Lichtes und der Dämmerung, wo es keine Himmelsrichtungen gibt, weder Osten noch Westen, nicht Süden, nicht Norden. Die Mondachse steht fast senkrecht zur Erdbahn, daher sinkt die Sonne hier nicht unter den Horizont, noch erhebt sie sich am Himmel, sondern scheint sich nur in alle Ewigkeit am Horizont hinzuschleppen. Besteigt man einen Berg, deren es mehrere in der Nähe gibt, erscheint diese Sonne wie eine rote feurige Kugel, die sich träge direkt am Horizont bewegt. Die Gipfel der Berge leuchten ewig im rosigen Lichte, das stets von einer anderen Seite auf sie fällt; seitdem die Welt besteht, gibt es für diese Berge keine Nacht. Aber dafür haben die grünen Täler zu ihren Füßen niemals die Sonne gesehen. Sie liegen im Schatten dieser Berge, in immer gleicher, zarter Dämmerung. Ihr frisches dunkles Grün sieht nur den Abglanz der kahlen, von der Sonne geröteten Gipfel, die einem mächtigen Kranze blasser Rosen ähnlich sind. Nur selten, während einiger Erdenmonate, blitzt die Sonne, infolge der Libration des Mondes etwas über dem Horizont erhoben, in irgendeinem tiefen Felsenspalt mit einem flammend roten Antlitz auf und steht so einen Augenblick im Tor der Berge, wie ein in gleißendes Gold gehüllter Cherub. Dann ergießt sich ein mächtiger Lichtstrom durch die Klamm, fällt in Kaskaden von den Felsen herab und malt auf der dämmerigen Wiese einen breiten goldroten Streifen. Einige Stunden gehen vorüber, die Sonne versteckt sich hinter den Bergen, und wiederum überflutet ein sanftes Dämmern das stille Tal. Manchmal nur wird diese Dämmerung von der der Sonne entgegengesetzten Seite her durch ein seltsames, schwaches, einem breiten, schillernden Regenbogen ähnlichen Leuchten unterbrochen -- das ist die Morgenröte auf dem Mondpol. Sie verhält sich zu derjenigen auf der Erde wie ein Traum zur Wirklichkeit; wie ein Traum, der schön und rein und traurig ist.
Es liegt etwas Geheimnisvolles in diesem schwachen Licht der Polarländer des Mondes. Ich erinnere mich, daß ich bei ihrem Anblick die Empfindung hatte, als wenn ich mich im Traume auf einem elysäischen Zaubergefilde befände. Leichte Nebelschleier irren dort wie Geister über die Erde; kein Laut unterbricht die tiefe, unheimliche Stille. Ein immerwährender, herrlicher, wenn auch kühler Frühling herrscht in diesem Lande, das wir schon über ein halbes Jahr bewohnen und während dieser Zeit hat sich der blaßblaue Himmel nur einmal mit Wolken überzogen. Es regnet fast niemals und infolgedessen gibt es auch kein Wasser, keine Quellen, keine Bäche. Die Luft ist jedoch so mit Wasserdampf angefüllt, daß diese Feuchtigkeit für die Entwicklung der Pflanzen vollständig genügt. Unsere Gräser, Bäume und Blumen würden hier wahrscheinlich vertrocknen, aber diese Länder am Mondpol haben eine besondere, den Verhältnissen angepaßte Flora ...
Die hiesigen Wiesen bestehen aus saftigen Pflanzen, die dem Moose auf der Erde ähnlich sind und wie jenes die Eigenschaft haben, die Feuchtigkeit der Luft aufzusaugen, nur in weit erhöhtem Maße. Sie nehmen so viel Wasser in sich auf, daß wir durch Ausdrücken der Pflanzen die zum Leben nötige Quantität dieser Flüssigkeit erhalten. Das Getränk gewinnen wir also auf bequeme Weise, aber mit dem Essen ist es schon schwieriger. Wir fanden zwar einige Gattungen saftiger, dafür verwendbarer Pflanzen und eine reichliche Anzahl eigenartiger Lebewesen, die großen Schnecken ohne Schalen ähneln, doch hatten wir nichts, uns eine Nahrung daraus zu bereiten. Unser von der Erde mitgenommener Vorrat an Brennmaterial war bald erschöpft und in der ganzen weiten Gegend nichts zu sehen, womit wir es hätten ersetzen können. Sogar die dickeren, verholzten Moosstengel waren so mit Feuchtigkeit gesättigt, daß wir sie unmöglich zum Feuermachen verwenden konnten und an ihr Austrocknen in dieser Dampfbad-Atmosphäre war gar nicht zu denken. Der Torf, den wir in großen Mengen vorfanden, triefte ebenfalls von Wasser, wenn man ihn nur in der Hand zusammendrückte.
Ich war schon kräftiger und konnte das in aller Eile hergestellte Zelt verlassen, um auf der Ebene spazieren zu gehen, als wir durch diesen vollständigen Mangel an Brennmaterial bedroht wurden. Wir pflogen diesbezüglich große Beratungen und machten verschiedene vergebliche Versuche zur Abhilfe. Peter kam mit dem Vorschlag, man solle die stärkeren, zerspaltenen Zweige und den ausgepreßten Torf auf die Berge tragen, da er hoffte, daß sie dort in der Sonne leichter trocknen würden, wie in diesem immer gleich dämmerigen Tale. Aber auch auf den Höhen war die Wärme der Sonnenstrahlen zu schwach. Nach kurzer Zeit nahm der ausgepreßte Torf durch die Dämpfe der Luft von neuem so viel Feuchtigkeit auf, daß die Arbeit sich als vergeblich erwies.
Wir opferten also alles, was wir von den mitgebrachten Holzgegenständen irgend entbehren konnten und schürten damit ein letztes großes Feuer an, um das in der Gegend gesammelte Brennmaterial auszutrocknen. Wäre uns das gelungen, konnten wir ein stetes Feuer unterhalten, das immer mit neuem, durch sich selbst ausgetrockneten Brennmaterial versorgt wurde. Aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Wir erhielten, nachdem wir alles verbrannt hatten, kaum eine kleine Handvoll trockener Äste und Torf. Es zeigte sich, daß zum Austrocknen einer gewissen Menge von Brennmaterial das Dreifache nötig gewesen wäre. Unser »ewiges Feuer« erlosch nach einigen Stunden ... Wir hatten nur den Vorteil davon, daß wir die Maschine in Bewegung setzten, die die Akkumulatoren des Wagens lud.
So hieß es also ohne Feuer auszukommen! Die von Wasserdampf durchtränkte, immer gleichmäßig temperierte Luft bewahrte aufs glänzendste die spärliche Sonnenwärme, so daß uns die Kühle nichts anhaben konnte. Doch fiel es uns sehr schwer uns an die Rohkost zu gewöhnen. Die Reste der Vorräte an künstlichen, für die Verdauung entsprechend zubereiteten Eiweiß- und Zuckerpräparaten hoben wir für den Fall, bei der weiten Reise in eine Gegend zu kommen, die uns gar keine Nahrung liefern sollte, sorgfältig auf. Wir ließen nämlich die Absicht niemals fallen, noch weiter nach der Mitte der von der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes vorzudringen. Jedoch hielten uns drei Gründe von der Ausführung dieses Planes zurück: vor allem war ich nach der überstandenen Krankheit noch zu schwach, um die Beschwerden der Reise ertragen zu können, und auch Martha, die in Kürze der Geburt des Kindes entgegensah, durfte sich keinen Gefahren aussetzen. Schließlich gesellte sich noch, infolge des Mangels an Brennmaterial, die Angst vor den langen, kalten Nächten hinzu, die über uns hereinbrechen würden, sobald wir uns nur von dem Pol, dem Land des ewig gleichmäßig fahlen Lichtes, entfernten.
Trotz aller Entbehrungen und Befürchtungen sind die auf dem Pol verbrachten Monate die einzigen schönen Erinnerungen meines Lebens auf dem Monde. Das Zelt, das wir von der Erde mitnahmen, stellten wir genau am Polpunkt auf, so daß wir die Konstellation des Drachen, wo der Polarstern des Mondes leuchtet, direkt über uns hatten. Diesen Stern, der uns lange als Wegweiser diente, sahen wir nur einmal, während der Sonnenfinsternis, am Zenit, als wir die weitere Reise antreten wollten. Die Sterne, die auf der luftlosen Wüste Tag und Nacht sichtbar sind, zeigen sich hier niemals, ausgenommen wenn die Sonne hinter der Erdscheibe untergeht und diese Länder der ewigen Dämmerung in kurze Nacht versinken.
Das Zelt benützten wir nur noch zum Schlafen. Unsere Hauptzeit verbrachten wir unter freiem Himmel und berauschten uns an der Landschaft, die, obwohl sie uns schon vertraut geworden, ihren eigenartig ergreifenden Reiz nicht für uns verloren hat. Alles ist so seltsam harmonisch auf einen gleichmäßig ruhigen Ton gestimmt: grüne und rosige Berge unter blauem Himmel und diese frische, kühle, mit dem balsamischen Duft der Pflanzen durchtränkte Luft! In unsere Seelen zog ein tiefer Frieden ein ... Warme Herzlichkeit herrschte in unserm kleinen Kreise. Alle Kränkungen, Leidenschaften, Bitterkeiten und Mißverständnisse lagen weit hinter uns, wie jene furchtbaren Wüsten, die wir durcheilen mußten und die uns noch in der Erinnerung mit Schaudern erfüllten.
Die Zeit floß unmerklich dahin, während wir uns ganze Stunden lang von der Erde unterhielten, deren Segment sich nur noch manchmal zur Zeit des Vollseins in Gestalt einer grauweißen Wolke über dem Horizont zeigte; dann von den teuren Kameraden, die in den stillen Gräbern der Wüsten schliefen, dann wiederum von der unbekannten Zukunft, die unserer wartete. Wir sprachen von dem Kinde, das zur Welt kommen sollte, von Ländern, die wir sehen würden, von allem, mit Ausnahme einer einzigen Sache ... Wir berührten niemals wieder die Frage, wem von uns nun in Zukunft Martha gehören solle. Es klingt seltsam, aber ich glaube wirklich, daß wir in jener Zeit nicht einmal daran dachten. Wenigstens dachte ich nicht daran. Heute, nach Jahren, kann ich es mir eingestehen ... ich liebte diese Frau, ich liebte sie mehr, als ich es heute auszudrücken fähig bin, aber diese Liebe war seltsam ...
Wenn ich sie ansah, ihr liebliches, so schmal gewordenes Gesicht, das immer ein träumerisches Lächeln umspielte, ihre zarten weißen Hände, die stets mit irgendeiner Arbeit beschäftigt waren, schien sie mir jener Martha, die ich einst kannte, so unähnlich zu sein, und ich fühlte eine ganze Welt von Zärtlichkeit für dieses so sanfte, gute und bedauernswerte Wesen. Wie gern hätte ich oftmals mit der Hand ihr Haar berührt und ihr gesagt, daß ich bereit sei, alles für sie zu tun und zu opfern, auf alle eigenen Wünsche zu verzichten, damit nur sie ein wenig glücklich wäre -- aus Dankbarkeit, daß ich sie sehen darf.
Auf der Erde würde man über eine solche Liebe lachen; wenn ich heute daran zurückdenke, bin ich nur unsagbar traurig, denn ich weiß, daß ich nichts für sie zu tun vermochte, obwohl ich das größte Opfer gebracht habe, das ein Mensch zu bringen imstande ist.
Und sicherlich, wenn ich lebe, so habe ich es nur ihr zu verdanken. Als mich damals das Fieber befiel, hat mir nur ihre Pflege die Gesundheit wiedergegeben, und auch heute hält mich allein der Gedanke an sie aufrecht. Dieser Gedanke ist schmerzvoll, aber dort auf dem Pol ahnte ich noch nicht, wie sich alles gestalten würde, und daher sagte ich mit Recht, daß das die glücklichste Zeit meines Lebens auf dem Monde war. Ich hatte Martha stets um mich. Während meiner Krankheit wachte sie über mir; als ich wieder gesund war, machten wir zusammen Ausflüge in das Tal und suchten Schnecken zu Mittag oder sammelten duftende Kräuter, mit denen sie dann das Innere des Zeltes schmückte.
Als ich wieder zu Kräften gekommen war, erkletterte ich mit Peter die Berge, um die Sonne zu sehen und den mächtigen blassen Reifen der Erde am Horizont, und mit neugierigem Auge auf unbekannte und geheimnisvolle Länder zu schauen, die noch kein menschlicher Blick erreichte, und zu denen wir vordringen wollten. Martha blieb dann im Zelte zurück; sie durfte sich um diese Zeit derartige Anstrengungen nicht mehr zumuten.
Bei einem solchen Ausfluge zeigte mir Peter vom Berge aus den Weg, auf dem wir in dieses Tal gekommen waren, und erzählte mir von all den Schwierigkeiten, mit denen er in diesem bergigen Lande zu kämpfen hatte, in eine undurchdringliche Nacht gehüllt, mit mir, dem schwer Kranken, und mit Martha, die noch von dem Schmerze über den Verlust des Geliebten halb von Sinnen war.
-- Ich mußte alles allein machen, sagte er, und es gab Stunden, wo mich die Verzweiflung packte. Einige Male verlor ich den Weg in den Felsen oder mußte zurückfahren, weil ich in eine Klamm ohne Ausgang geraten war. Oft dachte ich, daß wir nicht lebend ans Ziel kämen. In solchen Momenten erfüllte mich der Anblick des Barometers, der sich stetig hob, mit neuer Zuversicht. Aber einer sicheren Hoffnung gab ich erst Raum, nachdem wir die Ebene hinter dem _Gioja_ erreicht hatten. Die Astronomen der Erde ahnten, als sie jenen Berg mit diesem Namen belegten, gewiß nicht, daß er für uns eine wörtliche Bedeutung haben würde, daß uns nach den unermeßlichen Mühen und Qualen hier tatsächlich endlich die _Freude_ lächeln sollte ...
Die Nacht hatte sich hier schon erhellt. Wir waren dem Pol so nahe, daß das in der ziemlich dichten Atmosphäre zerstreute Licht der Sonne, die nicht tief unter dem Horizont verborgen lag, eine Art grauer Dämmerung hervorbrachte, bei der man die Gegenstände unterscheiden konnte. Dort wagte ich es auch zum erstenmal, den Wagen ohne Luftbehälter zu verlassen. Im selben Augenblick befiel mich ein Schwindel; die Atmosphäre war noch dünn, und ich mußte kräftig mit der Brust arbeiten, um atmen zu können; aber ich werde niemals das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Male Mondluft schöpfte.
Er erzählte mir dann weiter, welche ungeheuren Mühen er beim Durchdringen der letzten Gebirgskette bestehen mußte, die die Ebene unter dem _Gioja_ vom Polarlande trennte. Auf die Hilfe Marthas konnte er nicht rechnen, vor allem weil ich, zwischen Leben und Tod schwebend, unaufhörlich ihrer Pflege bedurfte; er mußte daher bei dem schwachen Lichte den Wagen allein auf dem steilen Abhang führen, der mit verwitterten Steinen übersät war.
Ungefähr achtzig Stunden nach Mitternacht war er auf der Einsattelung angelangt. Von dort aus sah er das Polarland schon vor sich liegen.
-- Es schien mir, sagte er, daß ich die »versprochene Erde« sehe; vor meinen Blicken, die nur noch an wilde Felsen und Wüsten gewöhnt waren, breitete sich diese mächtige grüne Ebene aus ... Die Freude hielt mir fast den Atem in der Brust zurück, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Durch Freudentränen schaute ich auf die dämmerigen Wiesen und auf die rote Sonne, die von meiner Höhe aus über ihnen sichtbar war, obwohl noch sehr viel an der Zeit fehlte, bis sie auf diesem Meridian aufgehen mußte.
Als er das sagte, wandten wir uns unwillkürlich der Sonne zu. Sie stand am Horizont in der Himmelsrichtung, die für uns bis jetzt Norden war und von nun ab Süden werden sollte. Auf der der Erde abgekehrten Halbkugel des Mondes war es Tag.
Da packte mich zum erstenmal der unbezwingliche Wunsch, diese geheimnisvollen Länder, über denen gerade die Sonne stand, kennen zu lernen. Nach unserer Rückkehr von dem Berge dachte ich nur noch daran und begann im Zelte sogleich die Pläne der weiteren Fahrt zurechtzulegen.
Peter war ebenfalls der Meinung, daß man nach Süden, zur Mitte der unbekannten Halbkugel vordringen müsse.
-- Hier haben wir es gut, sagte er, und wir könnten hier schließlich das ganze Leben verbringen, aber leben könnten wir noch ruhiger auf der Erde. Wir sind auf den Mond gekommen, um seine Geheimnisse zu erforschen!
So wurde also die neue Expedition im Prinzip beschlossen. Im Augenblick hielt uns nur die Rücksicht auf Martha zurück. Auf den Zeitpunkt wartend, da es möglich sein würde, die Reise fortzusetzen, trafen wir unsere Vorbereitungen und sammelten Vorräte.
Vor allem haben wir den Wagen genau geprüft und Veränderungen vorgenommen. Es hätte keinen Zweck gehabt, eine so schwere Maschine mit uns zu führen. Wir wollten zunächst seine obere Hälfte abnehmen, wodurch er einem tiefen Boote auf Rädern ähnlich geworden wäre. Aber der Gedanke, daß wir in Gegenden mit kalten Nächten geraten könnten, wo uns der dicht geschlossene und geheizte Wagen unentbehrlich sein würde, hielt uns davon zurück. Wir entfernten infolgedessen nur den ganzen hinteren Teil, der sich abschrauben ließ und bis dahin unsere Magazine enthielt. Zum Verschließen der so entstandenen Öffnung hatten wir eine Aluminiumplatte, die vorher den Verschluß der Magazine von innen her bildete. Außerdem beseitigten wir alle Metallteile, die zur Verstärkung der Wände dienten und jetzt unnötig waren. Den einst den unglücklichen Brüdern Remogner genommenen Motor haben wir, soweit es ging, ausgebessert und im Wagen aufgestellt, falls der unsrige beschädigt werden sollte.
Alle diese Vorbereitungen wie die Fertigstellung der Nahrungs- und Wasservorräte, die wir mühsam aus dem Moos auspressen mußten, nahmen mehr als drei Monate in Anspruch. Schließlich war alles zur Weiterreise bereit.
Das fünftemal schon stand die Erde seit unsrer Ankunft auf der Polarebene voll am Firmament, als ich, von einem weiteren Ausflug zurückkehrend, im Zelte das Schreien eines Kindes vernahm. Kein Laut ist mir im Leben so zu Herzen gegangen wie dieses schwache Stimmchen! Gehörte es doch jenem winzigen kleinen Wesen, das unsern Kreis zu vergrößern und unsere Einsamkeit freudiger zu gestalten kam. Als ich es hörte, warf ich die Bündel mit dem gesammelten Eßmoos hin und stürzte in das Zelt. Da lag Martha blaß und erschöpft, aber vor Freude strahlend. Sie schien sogar meine Ankunft nicht bemerkt zu haben. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem kleinen Geschöpf, das in weiße Tücher gewickelt war und aus Leibeskräften schrie. Sie drückte es mit wahrer Leidenschaft an sich und flüsterte fortwährend: Mein Tom, mein Tom, mein schöner, lieber Sohn! Dabei lächelte sie glückselig durch ihre Tränen. Neben ihr am Lager schwänzelten beide Hunde und streckten die neugierigen Schnauzen aus, um den ihnen unbekannten kleinen Schreier zu beschnuppern.
Ich sah mich nach Peter um und war erstaunt über seine finstere Miene. Er saß in einer Ecke des Zeltes in tiefes Nachdenken versunken, ohne auf Martha zu achten, aber ich dachte im Augenblick nicht weiter darüber nach. Ich lief zu ihr und wollte ihr sagen, wie ich mich über ihr Kind freue, wie ich sie segne für dieses Geschenk des Lebens, aber ich konnte kein Wort hervorbringen.
Ich ergriff nur ihre zarte, magere Hand und stammelte etwas Unverständliches. Sie blickte mich an, als wenn sie mich jetzt erst bemerkt hätte. Ich empfand ein Stechen im Herzen, denn ihr Blick sagte mir, daß ich ihr so gleichgültig bin, wie nur ein Mensch dem andern sein kann. Eine große Traurigkeit erfaßte mich und sie bemerkte dies scheinbar, denn sie lächelte mir zu, als wenn sie die mir unabsichtlich zugefügte Kränkung wieder gut machen wollte, und sagte, auf das Kind zeigend:
-- Sieh, Tomas ist zurückgekehrt, mein Tomas ...
Da verstand ich, daß keiner von uns jemals einen Platz im Herzen dieser Frau einnehmen konnte, denn es wird immer nur diesem Kinde gehören, in dem sie nicht nur ihr eigenes Fleisch und Blut, sondern die Seele des Verstorbenen liebt.
Schweigend machte ich mich an die Zubereitung der Nahrung für Martha. Peter ging mit mir aus dem Zelte.
-- Was denkst du von alledem? fragte er mich, als wir draußen waren.
Ich wußte zunächst nicht, was ich antworten sollte.
-- Nun ja, Woodbells Sohn ist zur Welt gekommen ... murmelte ich nach einer Weile.
-- Ja, ja, Woodbells Sohn, wiederholte Peter und verstummte.
Ich wollte nicht weiter fragen, ich wußte, woran er dachte. Wie aus Furcht das zu berühren, was alle unsere Gedanken beschäftigte, sprachen wir von jetzt ab fast ausschließlich von der bevorstehenden Reise. Martha kam schnell zu Kräften, die Gesundheit des kleinen Tom weckte keine Besorgnisse, so beschlossen wir also, vor dem nächsten ersten Viertel der Erde die Fahrt anzutreten. Das war die beste Zeit, da auf dem mittleren Meridian, der entgegengesetzten Halbkugel des Mondes, dem entlang wir uns dem Äquator zu bewegen wollten, gerade mit dem ersten Viertel der Tag beginnt. Wir würden demnach zwei Erdenwochen hindurch Licht vor uns haben und könnten, falls wir keine günstigen Bedingungen vorfinden sollten, vor Einbruch der Nacht zum Polarland zurückkehren.
Indessen verblaßte zwei Wochen nach Toms Geburt die Erde, und währenddem hatten wir Sonnenfinsternis, die zweite, die wir auf dem Monde sehen sollten.
Der ersten, dort auf der Wüste, während wir, von der Angst vor dem uns drohenden Erstickungstode gefoltert, dahinjagten, hatten wir gar keine Aufmerksamkeit zugewendet. Jetzt wollten wir die Gelegenheit besser wahrnehmen. Wir packten daher die astronomischen Instrumente in einen kleinen, von den Hunden gezogenen Wagen und erstiegen einen Hügel, der dem Pol am nächsten gelegen war, von wo man die Erde und die Sonne sehen konnte.
Das Schauspiel war erhaben, aber die Forschungsversuche blieben resultatlos. Der niedrige Stand der Erde über dem Horizont, bei einer mit Wasserdampf gesättigten Atmosphäre, ließ keine genauen Messungen zu und störte die Beobachtungen derartig, daß wir einige Minuten nach Untergang der Sonne hinter die Erdscheibe die astronomischen Instrumente hinwarfen, um mit bloßem Auge das Zauberspiel des Lichtes am Horizont zu bewundern. Die Erde leuchtete auf dem blutiggoldenen Hintergrunde der Morgenröte in Gestalt eines mächtigen schwarzen Halbkreises, von dem dunkel erglühenden, mit Sternen übersäten Himmel umgeben. Ein Anblick, als wenn am nächtlichen Firmament eine riesige Feuersbrunst flammte oder jenes flackernde Polarlicht, das auf der Erde in der Nähe der Pole glüht, plötzlich hierherversetzt, erstarrt und, sich vor unsern Blicken ins Ungeheure dehnend, erloschen wäre.
Gerade jetzt steht mir die Erinnerung daran so lebhaft vor Augen. Es schien mir damals, als wenn sich mir der verkohlte Leichnam der Erde im Feuer zeigte, es war darin etwas Furchtbares und seltsam Erschütterndes. Heute noch, wenn ich an die Erde denke, erscheint sie mir oft in dieser entsetzlichen schwarzen Gestalt, wie ich sie damals gesehen habe, und dann muß ich meine ganze Vorstellungskraft anstrengen, um sie mir als eine silberne, leuchtende Scheibe zu denken.
Ich konnte diesen über allen Ausdruck erhabenen, aber schmerzlichen Anblick nicht lange ertragen und wandte den Blick zu den Sternen, die ich seit einigen Monaten nicht gesehen hatte. Sie leuchteten alle über mir, scharf glitzernd, wie manchmal bei uns auf der Erde in klaren Winternächten. Ich blickte mit heißem Verlangen auf sie, wie auf gute alte Bekannte; ich suchte mir seit den Kinderjahren bekannte Konstellationen auf und frug sie in Gedanken, was es dort auf meinem heimatlichen Globus, der jetzt wie Schlacken auf einer flammenden Feuersbrunst vor mir lag, wohl Neues zu hören gäbe.
Plötzlich bemerkte ich, daß die Sterne verblaßten; ich rieb mir die Augen, weil ich glaubte, die Tränen, die diese Erinnerung mir entlockte, verschleierten mir den Blick. Aber nein, es war keine Täuschung: die Sterne wurden immer schwächer und schwächer. Auch Peter bemerkte es, und wir beunruhigten uns, da wir für diese Erscheinung keine Erklärung fanden. Die Sterne verschwanden gänzlich, ja sogar die Morgenröte wurde in der Richtung, in der die Sonne hinter der Erde unterging, immer undeutlicher und wie verwischt. Einige Minuten später hüllte uns eine sternenlose Nacht ein; nur in südlicher Richtung war noch ein leichter roter Schein am Himmel zu erkennen. Da plötzlich fühlten wir einen starken Windstoß, etwas in dieser Gegend für uns vollständig Neues. Vor Schreck und Staunen wagten wir nicht, uns von der Stelle zu rühren.
Endlich wich die Finsternis, und die Sonne schaute hinter der Erdkugel hervor. Wir schlossen wenigstens nach dem wiederkehrenden Tage darauf, denn wir konnten trotz der Helligkeit weder die Sonne noch die Gegend erkennen. Alles versank in einem dichten milchweißen Nebelschleier ...
Jetzt erst verstanden wir diesen Vorgang. In dem Polarlande fällt weder Regen noch bilden sich Wolken, weil die Luft immer gleichmäßig erwärmt ist; es fehlt also die Anregung für das Ausscheiden des Wasserdampfes.
Dies gilt sozusagen unter gewöhnlichen Bedingungen, aber heute fiel während der Finsternis plötzlich die Temperatur, wodurch sich der Wind erhob und der Wasserdampf sich in kälterer Luft zu Nebel verdichtete.
Diese natürliche Erklärung der erstaunlichen Erscheinung beruhigte uns zwar, jedoch wurde unsere Lage dadurch nicht besser. Eine empfindliche Kälte schüttelte uns, und in dieser Dämmerung war es unmöglich, den Weg ins Tal zu entdecken, wo das Zelt stand. Dazu quälte mich der Gedanke an Martha. Aber es blieb nichts übrig, wir mußten uns setzen und besseres Licht abwarten ....