Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 12

Chapter 123,630 wordsPublic domain

Die Nacht war gerade zu Ende und wir hofften jeden Augenblick, daß der Gipfel des Berges, der im Lichte der Erde vor uns emporstieg, in den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten würde. Jedoch bevor dies geschah, nahm der schwarze Himmel im Osten eine etwas hellere Farbe an, als wenn ihn ein opalweißer Nebel umhüllte. Zuerst glaubten wir, daß sich unter dieser bedeutenden Breite -- wir passierten bereits den sechzigsten Parallelkreis -- das Zodiakallicht, das in der Nähe des Äquators und vor Sonnenaufgang sichtbar ist, in so seltsamer Weise zeige. Aber nein, das war nicht das Zodiakallicht; der Himmel färbte sich weit und breit leicht silbern über dem Horizont und die Sterne verblaßten in diesem weißen Glanze. Bald blitzten auch die Gipfel des _Timaeus_ -- jener Krater, dem wir uns näherten, -- in der Sonne auf, aber -- o Wunder! sie waren auf dem Hintergrunde der Nacht wie zart erglühende Rosen erblüht. Es war unmöglich noch länger daran zu zweifeln, daß diese Dämmerung und dieses rosige Licht uns dichtere Luft verkündeten, die schon genügte, durch die sie durchgleitenden Sonnenstrahlen zu leuchten und ihre Farben zu röten.

Eine berauschende Freude erfaßte uns; ich lächelte Peter zu, der mit der ganzen Seele in diese Erscheinung versunken war; dann wandte ich mich zu Martha.

-- Sieh, rief ich, dein Kind wird dort zur Welt kommen, wo wir atmen können wie auf der Erde!

Sie erhob das Haupt und schaute nach Osten, wo sich alles mit einem traumhaft zarten Gold überzog, das den ganzen Horizont erfüllte -- wie unsere Herzen die Hoffnung eines neuen Lebens ...

Die Sonne ging langsam auf, langsamer noch als die vorhergehenden Tage, denn sie stieg nicht gerade in die Höhe, sondern erhob sich hinter dem stark nach Süden geneigten und niedrig über dem Horizont hängenden Bogen der Erde. Nachdem sie ganz hervorgekommen war, stand sie am Himmel in einem großen Kreise wie von weißem Nebel, der langsam ins Blaue überging und sich allmählich in dem schwarzen Hintergrund verlor. In der Nähe der Sonne waren keine Sterne mehr sichtbar; sie glänzten nur noch weiter von ihr entfernt am Firmament, und die Verschiedenheit ihrer Farbe ist geschwunden; sie ähneln immer mehr jenen glitzernden Flämmchen, mit denen sich der nächtliche Himmel über der Erde schmückt.

Noch ein, höchstens zwei Mondtage, und wir werden diesen Wagen verlassen können und mit voller Brust zum erstenmal die Mondluft einatmen!

In der letzten Nacht legten wir ein bedeutendes Stück Wegs zurück! Die Nachtkälte ist hier in der Nähe des Pols bedeutend geringer als am Äquator, da die Sonne nicht so tief unter den Horizont fällt; wir brauchten uns infolgedessen nicht aufzuhalten und fuhren bei Sonnenuntergang auf das _Mare Frigoris_, das wir jetzt bereits hinter uns haben. Im Westen beginnt gebirgiges Land vor uns aufzusteigen; der _Timaeus_ ist ein Grenzpfahl, den wir gerade passieren.

Vor uns, nach Norden zu, erstreckt sich eine Flachebene, die, einer breiten Bucht gleich, in das Gebirge einschneidet und, wie die Karten zeigen, bis zum achtundsechzigsten Parallelkreis reicht. Sie ist nicht so eben wie das _Mare Frigoris_, im Gegenteil, ganz mit kleinen und gleichlaufenden Hügeln besät, die uns jedoch die Reise nicht erschweren werden, da sie sanfte Abhänge haben. Wir müssen diese Strecke zurücklegen, bevor der Tag zu Ende geht, so daß wir beim Anbruch der nächsten Nacht schon im Gebirge sind. Dann trennen uns noch gegen sechshundert Kilometer vom Pole. Aber was bedeuten sechshundert Kilometer, nachdem wir schon so viele zurückgelegt haben!

Wir sind voll Hoffnung und Zuversicht! Alle Feindseligkeiten zwischen uns sind verflogen; der quälende Alp, der während der Nacht auf uns lastete, ist wie Nebel im Glanz der aufgehenden Sonne verschwunden. Der Gedanke, daß wir zu dem ersehnten Ziele unserer schweren Pilgerfahrt den Keim eines neuen Lebens tragen, stärkt uns und macht uns so froh und ruhig, daß es uns manchmal vorkommt, als wenn wir um die verlassene Erde nicht mehr trauerten ...

Warum ist Tomas nicht unter uns? Er teilte unsere Qualen; was würde ich dafür geben, wenn wir mit ihm die Hoffnung des Lebens teilen könnten! ...

Vierter Mondtag, achtundsiebzig Stunden nach Sonnenaufgang, 0° 2' östlicher Länge, 65° nördlicher Mondbreite.

Eine seltsame Niedergeschlagenheit befällt mich. Ich weiß nicht, woher sie kommt und was sie von mir will. Die Reise geht schnell vonstatten, der Himmel überzieht sich langsam mit dunklem Blau, durch das die bis jetzt strahlenlosen Sterne zu flimmern beginnen, alles verkündet die Nähe jener »versprochenen Erde«, wo wir endlich nach allen, nun schon vier Monate währenden Mühen ausruhen sollen, und ich, statt mich zu freuen, bin traurig, unsagbar traurig und niedergedrückt. Was ist daran schuld? Vielleicht diese Erde, die sich immer mehr zum Horizonte neigt und die wir in einigen hundert Stunden schon ganz aus den Augen verlieren werden, vielleicht diese Gräber, die unseren Weg durch die entsetzliche, luftlose Mondwüste bezeichnen, vielleicht diese inneren Erlebnisse, von denen sich meine Seele noch nicht erholen kann, vielleicht auch der Gedanke an dieses Kind des Verstorbenen, das in einem unbekannten Land für ein unbekanntes Schicksal geboren werden soll.

Ich bin ruhig, -- nur diese unerträgliche Traurigkeit und diese Ermattung! Unsere Augen sind halb blind von den blendenden Sonnenstrahlen; der Anblick der endlosen Flächen und zerklüfteten Berge ermüdet mich unsagbar ... Wenn nur ein kleines, ganz kleines Wässerchen, ein Teich, ein grüner Zweig, ein wenig Gras zu sehen wäre ...

Die uns umgebende Gegend ist wie ein mächtiger Kirchhof. Wir fahren auf dem Grunde eines seit Urzeiten ausgetrockneten Meeres, auf darauf angesetzten, an der Oberfläche zerbröckelten Kalkbänken, aus denen sich die Reste ursprünglicher Ringfelsen erheben, die vom Wasser zerspült worden sind.

Was ist aus diesem Meer geworden, das einst hier flutete, den gebogenen Nacken der Erde entgegenstreckend, die damals wie eine goldene Scheibe zwischen den Wolken, die über den Wassern dahinzogen, sichtbar war? Nur der Strand erhebt sich noch über der ausgetrockneten Mulde, steil, riesenhaft, ausgefressen durch die Brandung der nicht mehr vorhandenen Wogen ... Wind und Sturm haben seine zu Staub zerriebenen Überreste verweht, jetzt gibt es auch diese nicht mehr -- nur Leere und Starrheit ...

Ich sehne mich so unbeschreiblich danach, endlich Leben zu sehen! Oh, nur so schnell wie möglich, die Kräfte könnten erlahmen!

Martha ist die geduldigste von uns dreien; aber das ist natürlich! Sie hat ihre Welt jetzt in sich und es scheint, daß sie an diese Welt sogar mehr denkt als an den verstorbenen Geliebten. Ich sehe oft, wie sie, über der Arbeit sitzend, plötzlich die Hände sinken läßt und in die Zukunft schaut, ihren eigenen Gedanken zulächelnd. Ich bin überzeugt, daß sie dann mit den Augen der Seele das kleine rosige Kind sieht, wie es die Händchen nach ihr ausstreckt. Manchmal verscheucht wohl ein tiefer Seufzer dieses glückselige Lächeln, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das ist die Erinnerung an Tomas, der sein Kind niemals sehen wird ... Aber dann lächelt sie wieder, denn sie weiß, daß seine Seele nicht in ihrem Kinde zu ihr zurückkehren könnte, wenn er am Leben geblieben wäre.

Martha ist immer mit ihren Gedanken beschäftigt und spricht wenig mit uns; nur einmal sagte sie zu mir:

-- Es ist gut, daß ich Tomas hierher gefolgt bin, denn ich werde ihm aufs neue das Leben geben ...

Wie sollte sie sich nicht glücklich fühlen, wenn sie so von sich sprechen kann?

Vierter Tag, siebzehn Stunden nach Mittag auf der Hochebene vor dem Goldschmidt, 1° 3' östlicher Länge, 69° 3' nördlicher Mondbreite.

Die Ebenen haben ein Ende genommen; wir sind in den Bergen, die sich bis zum Pole hinziehen. Diese Hochebene ist ganz eigentümlich; sie ist wie übersät mit einzelnen kreisförmigen Bergen, zwischen denen sich hohe, weit ausgedehnte Bergringe erheben, wie zum Beispiel der vor uns liegende mächtige _Goldschmidt_ und der sich mit ihm im Osten berührende und noch höhere _Barrow_. Es kommt mir jetzt erst zum Bewußtsein, wie seltsam es ist, daß wir hier Berge und Länder vorfinden, die noch kein menschlicher Fuß betreten hat, und die doch schon von Menschen bezeichnet sind ... Ein sonderbarer Gedanke.

Der Mittag sah uns heute auf dem Gipfel des Grenzwalles der Hochebene. Wenn wir hinter uns blickten, würden wir über dem Horizont der Wüste die verblaßte Erde, die durch einen leichten Luftschleier verhüllt ist, bemerken. Der leuchtende Ring der Atmosphäre glänzte durch diese Verhüllung noch blutiger als an den vorhergehenden Tagen. Dicht über der Erde, ihre mächtige schwarze Kugel fast berührend, stand die Sonne.

Ich habe den Eindruck, daß die Erde sich im Verlauf dieser vier Monate vom Zenite dem Horizonte zu gesenkt hat und nur wir, uns dem Pole nähernd, von ihr geflohen sind. Das Klima ist hier ein gänzlich anderes. Die nachmittagliche Sonne, die nicht hoch über dem Horizonte steht, quält uns nicht mehr mit ihrer Glut, blendet uns nicht mit ihrem Glanze. Traurig und müde scheint diese Sonne zu sein, so wie wir ... Rings auf der Hochebene lagern tiefe Schatten ... Der Himmel färbt sich nach Norden zu immer bläulicher, die Sterne sieht man nicht mehr in dieser Richtung, obwohl sie im Süden noch blaß und weißlich scheinen, in einem breiten Kreise um Erde und Sonne zerstreut.

Ich bin über alle Beschreibung müde. Trotz der Leichtigkeit des eigenen Körpers auf dem Monde habe ich manchmal das Gefühl, daß Kopf und Hände und Füße aus Blei sind. Ich habe Angst, daß ich krank werde. So unendlich lang erscheint mir die Reise! Ich beginne, trotzdem wir die sichersten Zeichen dafür haben, daß sie bald beendet ist, zu zweifeln, ob wir überhaupt jemals ans Ziel gelangen werden ... Übrigens -- Ziel? Welches Ziel? Ach, alles ist so ermüdend und traurig!

Martha ist von einer maßlosen Güte. Ich glaube, wenn sie nicht wäre, hätte ich nicht mehr die Energie, die Hand zu rühren, um das Steuer des Wagens nach dem Pole zu lenken, dem wir mit solcher Anstrengung entgegeneilen. Aber sie sieht meine grenzenlose Ermüdung und versteht es, mir mit lieben, herzlichen Worten Mut zuzusprechen und mich aufrecht zu erhalten. Wodurch habe ich so viel Güte ihrerseits verdient? Etwa durch das Unrecht, das ich ihr durch meine schändlichen Gedanken zugefügt habe? Ich bin so müde, daß mir alles gleichgültig ist, mit Ausnahme, so wahr mir Gott helfe, des Glückes dieser Frau. Ich möchte leben, um ihr irgendwie von Nutzen zu sein ... Und wer weiß, ob ich leben werde.

Vor uns Berge, große steile Berge. Man muß sie überwinden. Diese und andere und wieder andere, denn zum Pol ist es noch weit ... Ich habe keine Kräfte mehr, ich kann nicht einmal schreiben. Die Worte fehlen mir, ich bringe sie nicht recht zusammen; ich vergesse immer, was ich sagen wollte. Ich möchte mich am liebsten auf der Hängematte ausstrecken und unter den halbgeschlossenen Augenlidern auf Martha schauen, die immerfort lächelt -- im Gedanken an ihr Kind. Die Glückliche!

Auf der Einsattelung zwischen Goldschmidt und Barrow, einhunderteinundsechzig Stunden nach Mittag des vierten Mondtages.

Ich kämpfe mit dem Rest meiner Kräfte gegen die mich überfallende Ermüdung an. Ich fühle, daß ich krank bin und habe Angst davor. Wie werden sie sich zu zweit helfen können -- ohne mich? Der Weg wird immer beschwerlicher, und die Nacht, eine lange Nacht, ist nahe. Ob ich ihr Ende erleben werde? Vielleicht kommt nach O'Tamor und Woodbell nun die Reihe an mich? Sie haben doch vorausgesagt ...

Es wäre mir hart, jetzt sterben zu müssen. Ich möchte das Kind noch sehen, das geboren werden soll, ich möchte, wenn auch nur noch einmal, mit voller Brust aufatmen können.

Ach, wann wird dieser Weg ein Ende nehmen! Nach den Karten zu urteilen, sind die Berge, durch die wir uns eben hindurcharbeiten, das letzte große Hindernis, das uns vom Pol trennt. Wenn wir uns von der Einsattelung, auf der wir uns augenblicklich befinden, herabgelassen haben, werden wir uns, in einer breiten Klamm fahrend, nach Westen wenden, längs den nördlichen Abhängen des _Goldschmidt_, dann wieder in nördlicher Richtung die Ringe _Challis_ und _Main_ passieren, im Osten den Ring _Gioja_ umkreisen, seine niedrige Abzweigung, die sich dem Parallelkreis zu erstreckt, überfahren und auf eine Ebene gelangen, die von dem Polarlande nur mehr durch eine einzige schmale Gebirgskette getrennt ist.

So stellt sich unser Weg nach den Karten dar. Aber die Karten dieser Gegenden, die von der Erde aus schlecht zu sehen sind, erweisen sich als ungenau. Dazu kommt, daß der größte Teil des Weges in der Nacht, die schon beginnt die Berge zu verhüllen, zurückgelegt werden muß.

Von unserer Höhe sehen wir bereits ein Stück dieser Welt vor uns, aber nur die Gipfel der rötlich in der Sonne erglänzenden Berge. Die Tiefen überflutet ein schwarzes Schattenmeer. Wenn wir dort hinunterkommen, werden die Sterne unsere einzigen Führer sein.

In meinem Kopfe ist etwas zerstört oder unterbrochen, nur mit der größten Willensanstrengung vermag ich klar zu denken. Träume im Halbschlaf, Angstgefühle, Wahnvorstellungen wechseln in meinem Hirne. Habe ich etwa Fieber? Ich beiße in meine Finger, um zur Besinnung zu kommen, aber auch das hilft nichts. Alle Bilder zerrinnen mir vor den Augen; ich sehe ein Meer der Dämmerung mit darauf schwimmenden blutigen Berggipfeln. Unser Wagen erscheint mir wie ein Schiff, das wir jeden Augenblick in diese Untiefe hinabstoßen werden ... Ich bin so entsetzlich müde. Wohin sollen wir durch diesen schwarzen Ozean segeln? Vielleicht zur Erde? ... Ach, es ist wahr, die Erde ist weit hinter uns geblieben, weit im Weltenraum; dorthin werden wir niemals zurückkehren, niemals! ...

In meinem Kopfe klappert eine furchtbare Mühle; ich glaube, ich habe Fieber.

Nach Sonnenuntergang in Schluchten zwischen Bergen.

Ich habe mich doch vom Lager geschleppt. Martha sagte mir, ich solle mich niederlegen, aber was weiß sie! Ich hatte noch etwas zu tun oder zu schreiben -- ich weiß es nicht mehr, aber ich muß mich daran erinnern. Ich bin überzeugt, daß wir in der Dunkelheit versinken, wenn ich es nicht tun werde ... Aber was wollte ich tun? Warum ist es hier so dunkel? Irgendeine Bombe ist mir scheinbar im Kopf zerplatzt, muß zerplatzt sein, denn der Kopf dehnt sich mehr und mehr, schwillt an, wächst; ist jetzt so groß wie der Mond ... Wie unterhaltend das ist, daß wir auf dem Monde sind; aber vielleicht träume ich es nur? Denn wo in aller Welt kämen denn die Hunde her? Wo ist Woodbell? Es ist etwas mit ihm geschehen, aber ich weiß nicht was. Tomas hieß er mit Vornamen ...

Jemand steht bei mir und sagt, daß ich mich hinlegen müsse, weil ich Fieber habe ... Ah, einerlei! Warum soll ich es nicht haben ... Ist es mir nicht erlaubt? ...

Die Feder wird zentnerschwer, aber auch meine Finger sind wie Blei ... Ich weiß nicht, was das alles bedeutet -- ich höre nur zwei Stimmen neben mir -- ich kann nicht mehr ...

Ende des ersten Teiles.

Zweiter Teil

Auf der andern Seite.

I.

Ich werde niemals den Eindruck vergessen, als ich nach der langen Krankheit, die mir das Bewußtsein geraubt hatte, gegen Ende jener entsetzlichen Reise durch die luft- und wasserlose Mondwüste die Augen wieder öffnete. Heute, wo ich das Niederschreiben unserer Erlebnisse auf diesem Globus wieder aufnehmen will, steht mir dieser Augenblick so lebhaft in der Erinnerung, als wenn kaum einige Stunden seitdem verflossen wären. Und dennoch, wenn ich die Mondtage zähle, sehe ich, daß auf der Erde bereits das elfte Jahr seit jener Zeit, da wir auf die Mondoberfläche gefallen sind, vorübergegangen ist und zehn Jahre, seit wir den Wagen verließen, in dem wir fast ein halbes Jahr eingeschlossen waren. Jetzt atmen wir längst wieder mit voller Brust, unter freiem Himmel, genau so wie auf der Erde, am Strande eines wirklichen Meeres, und blicken auf Wälder von Pflanzen, die uns seltsam und fremd erscheinen, aber ebenfalls grün und voll von eigenem Leben sind. Hundertvierunddreißigmal hat die Sonne vor unseren Augen diese Welt, an die wir uns fast schon gewöhnt haben, umkreist. Unser Haar beginnt zu ergrauen, und neben uns wächst das neue Geschlecht heran, ein Geschlecht von Menschen, die die Geschichte ihrer Vorväter, wie diese einst von der Erde hierhergelangten, von jenem fernen Stern, der in der Gestalt einer mächtigen leuchtenden Kugel vor ihnen am Horizont emporsteigen wird, wenn sie zu den Grenzen der luftlosen Wüste vordringen sollten, für eine Mythe halten werden. Ihnen wird dieses Himmelslicht eine selten gesehene, interessante Erscheinung am Himmelsdome sein, für uns ist es die Mutter, die wir für immer verlassen und verloren haben. Aber den einzigen und stärksten Faden, der uns noch mit ihr verbindet, konnten wir nicht zerreißen -- die bis zum letzten Atemzuge in uns lebende Sehnsucht.

Es werden noch einige zehn oder mehr Mondtage vorübergehen, und wir werden alle sterben, die wir auf der Erde geboren sind. Das neue Geschlecht wird mein Tagebuch lesen und es wahrscheinlich lange Zeit hindurch für ein heiliges Buch halten, _Exodus_, bis hier ein »Kritiker« erscheint und unzweifelhaft nachweist, daß die Überlieferung von der Erdenherkunft des Menschen nur eine Phantasie grauer Zeiten ist.

Ich denke daran wie an eine ganz natürliche Sache; erscheint mir doch schon vieles von dem, was ich selbst erlebt habe, nur noch wie ein phantastischer Traum. Vor allem hat die Krankheit, während der ich einen ganzen Mondtag hindurch ohne Bewußtsein daniederlag, in meinem Leben eine seltsame Unterbrechung geschaffen, so daß es mir zuerst schwer wurde, das, was vorher geschehen ist, mit dem zu verbinden, was ich sah und erlebte, als ich wieder zu mir kam, die Wirklichkeit von den Fieberträumen zu unterscheiden. Aber wahrhaftig, mein Erwachen war überaus seltsam.

Ich öffnete die Augen und konnte absolut nicht verstehen, wo ich mich befand. Mich umsehend, gewahrte ich eine weit ausgedehnte Wiese, von Hügeln umgeben, die mit frischem üppigem Grün bedeckt waren. Und alles von einem eigenartigen Halblicht überflutet, den Dämmerungen auf der Erde ähnlich, wenn sich die Sonne am Horizont erhebt. Nur die kahlen Gipfel der hohen Berge glühten in vollem roten Lichte. Über ihnen wölbte sich der blaßblaue Himmel, mit einem leichten Nebelschleier überzogen. Ich schaute und schaute und konnte noch immer nichts begreifen. Da erblickte ich auf der Wiese zwei Menschen, die langsam gingen und sich jeden Augenblick bückten, als wenn sie etwas suchen wollten. Um sie herum sprangen zwei Hunde, fröhlich bellend.

Ich glaubte zuerst, daß ich auf der Erde sei, in irgendeiner unbekannten Gegend, und ich dachte nach, wie ich wohl hierher gekommen, als ich mich plötzlich unserer Mondexpedition erinnerte und der langen Fahrt in dem geschlossenen Wagen durch die Mondwüsten. Ich blickte noch einmal rings umher, soweit ich dies tun konnte, ohne den Kopf zu erheben, der schwer war, als wenn er mit Blei angefüllt wäre. Wo ist der Wagen geblieben, wo sind diese grotesken Landschaften, die ich durch seine Fenster gesehen habe? Ich wollte die Menschen rufen, die sich in der Nähe befanden, aber plötzlich überfiel mich eine so starke Ermattung, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Im übrigen begann ich anzunehmen, daß alle diese unerhörten Erlebnisse nur ein Traum waren. Ich sollte eine Expedition auf den Mond mitmachen und bin irgendwo auf einer Wiese eingeschlafen, wer weiß, wie lange ich schon geschlafen habe. Und es träumte mir nur, daß ich wirklich dorthin gelangte, daß ich mit furchtbaren Schwierigkeiten kämpfte, Kameraden verlor, dem Tode ausgesetzt war ... Das eine ist nur merkwürdig, daß ich diese Gegend nicht kenne.

Eine unklare Erinnerung an eine schwere, überstandene Krankheit tauchte in meinem Gedächtnis auf. Ja, wahrscheinlich hatte ich Fieber, und in Fieberträumen wandelte ich auf dem Mond. Ah, wie gut, daß diese Phantasiegespinste vorüber sind. Ich fühlte eine wahre Erleichterung bei dem Gedanken, daß das alles nur ein Traum war, daß ich mich auf der Erde befinde und niemals gezwungen sein werde, sie zu verlassen. Es überkam mich ein wohliges, glückseliges Gefühl, nach einer Weile empfand ich, daß ich abermals zu träumen beginne.

Als ich zum zweitenmal erwachte, bemerkte ich, daß über mein Lager gebeugt zwei Menschen standen, die vorher gesehenen Gestalten, und halblaut miteinander sprachen. Ich glaubte den leisen Ausruf zu hören: er schläft, worauf die zweite Stimme antwortete: er wird leben. Das wunderte mich sehr, aber ich wollte sie nicht merken lassen, daß ich wach war und nur unbeweglich dalag und begann sie unter den halb geschlossenen Lidern aufmerksam zu beobachten. Obwohl ich, wie es mir schien, ziemlich lange geschlafen, hatte sich die Beleuchtung der Gegend nicht geändert; es war mir daher schwer, in dem unsicheren Scheine die über mich geneigten Gesichter zu erkennen. Nach einiger Zeit, als meine Augen sich an dieses schwache Licht gewöhnt hatten, schienen mir diese Menschen bekannt zu sein, ich konnte mich nur nicht auf ihre Namen besinnen. Langsam wandte ich meinen Blick von ihnen zu den Bergen, die an der Grenze des Horizontes sichtbar waren und deren Gipfel immer gleich beleuchtet blieben, obwohl, wie ich bemerkte, der Schein von einer anderen Seite auf sie fiel.

In diesem Augenblick sah ich etwas, das meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Über der tiefen Einsattelung, zwischen zwei hohen Bergen, stand ein mächtiger grauweißer Reifen, zur Hälfte aus dem Horizont geneigt. Ich starrte ihn lange an, bis mir alles klar wurde: das war die Erde -- dort, am Himmel leuchtend!

Das Bewußtsein, daß ich mich tatsächlich auf dem Mond befinde, kehrte in seiner ganzen Klarheit zurück und durchlief mich wie ein eisiger Schauer. Ich stieß einen Schrei aus und sprang vom Lager auf. Peter und Martha -- sie waren es, die ich vor einer Weile über mich gebeugt gesehen hatte -- kamen mit lebhafter Freude herbei, aber ich fühlte nur einen Schwindel und verlor abermals die Besinnung.

Das war die letzte Ohnmacht im Verlauf meiner langen Krankheit; ich begann langsam gesund zu werden, obwohl noch über hundert Stunden verflossen, ehe ich es vermochte, mich zu erheben und allein wieder gehen zu können. Peter und Martha pflegten mich mit geradezu rührender Fürsorge, und ich, noch zu schwach, um zu fragen und zu sprechen, dachte nur darüber nach, was um mich vorging, und was sich alles zugetragen hatte. Ich wußte nun, daß wir während meiner Krankheit das so ersehnte Land, wo es Luft und Pflanzen gab, erreichten, aber daß dies auf ganz natürliche Weise geschehen sei, konnte ich mir noch lange Zeit hindurch nicht klar machen. Es fiel mir nämlich schwer, daran zu glauben, daß ich einen vollen Erdenmonat bewußtlos gelegen, und der Wagen, sich indessen immer nach Norden bewegend, endlich zum Pole gelangte, der noch einige hundert Kilometer von uns entfernt war, als mich das Fieber aufs Lager geworfen hatte.