Auf silbernen Gefilden: Ein Mond-Roman

Part 10

Chapter 103,723 wordsPublic domain

Unsere Hoffnung Woodbell am Leben zu erhalten wird immer geringer. Wir fahren so schnell es das Terrain nur erlaubt, aber der Pol ist noch weit und Tomas stirbt uns indessen unter den Händen. Wir zittern vor Unruhe und Ungeduld und nun zwingt uns diese vermaledeite Alpenkette, die den Weg versperrt, uns in nordöstlicher Richtung zu halten, so daß wir uns, statt dem ersehnten Pol näher zu kommen, zunächst noch von ihm entfernen müssen. In einigen Stunden werden wir am Ausgang des _Quertals_ sein; wenn man nur wenigstens nach Norden ablenken könnte! Bis jetzt haben wir zur Linken immer nur die steilen Wände der _Alpen_, neben denen unser Wagen wie ein winziger Käfer hinter der Mauer einer riesigen Festung aussieht. Wir warten mit Sehnsucht, daß sich das Tor dieser Mauer vor uns öffne und mit ihm ein hundertfünfzig Kilometer langer Felsengang, der zum _Mare Frigoris_ führt. Schon begegnen wir vereinzelten kleinen, aber steilen Felsen, die wie Säulen vor dem Eingang dieses Tales stehen, ein Zeichen, daß wir uns ihm nähern.

Woodbell fragt fortwährend, ob es noch weit sei. Er möchte so schnell wie möglich auf den Pol gelangen, und dabei haben wir vom _Sinus Aestuum_ kaum den halben Weg zurückgelegt! Eine gräßliche Angst befällt mich, wenn ich daran denke! Er hat, scheint's, die Entfernung ganz vergessen. Er sprach mit Sehnsucht von dem Polarlande, von Luft und Wasser wie von Dingen, die wir schon morgen finden werden! Statt dessen wird der nächste Mondmorgen, obwohl er noch so weit ist, noch immer nichts davon bringen, das ist gewiß! Tomas glaubt immer fester an seine Genesung -- je mehr er die Kräfte verliert. Er schmiedet Pläne für die Zukunft und legt sich schon sein Leben mit Martha zurecht ... Mich beunruhigt diese Zuversicht; auf der Erde sagt man, daß das ein böses Zeichen bei einem Kranken ist.

Martha hört all dem geduldig zu, mit dem gleichen traurigen Lächeln. Gott, was muß sie leiden! Es ist doch unmöglich, daß sie nicht weiß, wie es um ihn steht ...

Im Quertal, zweiundachtzig Stunden nach Mittag.

Eine innere Stimme sagt mir, daß alles vergebens ist. Die Verzweiflung packt mich, denn ich will, daß er lebt. Ich will es um so mehr, weil ich in meinem Hirn eine giftige Schlange fühle, die mir trotz meines Aufbäumens dagegen zuflüstert: Wenn er stirbt, wird Martha einem von euch gehören -- vielleicht dir. Nein, nein, er muß leben, er muß! Und wenn er sterben sollte, weiß ich, daß Martha ihm folgen wird. Was dann? Was dann? Wozu werden wir hier bleiben, zu welchem Zweck? ... Ich klagte einst, daß wir zwei diesen beiden dienen und jetzt fühle ich, daß dieser Dienst die einzige Berechtigung unseres Daseins hier ist. Mit ihrem Tode wird unser Dahinsterben beginnen, denn wir werden nicht fähig sein, aus uns selbst etwas zu schaffen, unser Leben und unsere Arbeit werden niemandem etwas nützen, nicht einmal uns selbst! Denn wozu, wozu? ...

Höchstens wenn Martha nach seinem Tode am Leben bliebe, wenn sie einem von uns, vielleicht mir, ihre Arme so um den Hals schlänge, ihre Lippen so auf den Mund preßte wie jetzt Tomas ... Ich habe das Gefühl, als wenn eine Kugel voll heißer Luft mir in der Brust zerplatzte, den Atem zurückhielte und Feuer in alle meine Adern ergösse ...

Fort, fort mit diesem Gedanken! Übrigens könnte dieser Eine auch Varadol sein ... Nein, es wäre besser, wenn diese Frau nicht unter uns wäre. Ich bemerke zu meinem Entsetzen, daß ich den Tod Woodbells herbeizusehnen und Varadol zu hassen beginne ... Und sie sitzt ruhig da und starrt in die Züge des sterbenden Geliebten.

Tomas will nicht sterben, er wehrt sich verzweiflungsvoll gegen den Tod. Jeden Augenblick erzählt er, wie um seiner eigenen Überzeugung zu trotzen, daß er leben wird und läßt uns dem beipflichten. Wir tun es ihm zuliebe, unehrlicherweise; und Martha nickt ihm in festem Vertrauen zu und antwortet wieder und wieder mit tiefer, singender Stimme: »Ja, du wirst leben, du mein Einziger« ... Dabei verschleiern sich ihre Augen in einem Nebel der Wonne und des Rausches. Kann sie es denn wirklich für möglich halten, daß in diesem ausgetrockneten Körper ohne Kraft, ohne einen Tropfen Blut in den Adern, noch Leben ist!? Und dennoch, was würde ich dafür geben!

Mittags hielten wir nicht an. Die Glut war nicht so groß wie an den vorhergehenden Tagen, infolge der bedeutenden Mondbreite. Wir müssen uns, aus Rücksicht für Tomas, außerordentlich beeilen. Jetzt sind wir in der Mitte des _Quertals_; vor Sonnenuntergang müssen wir bis zum _Mare Frigoris_ vordringen.

Gegen Mittag befanden wir uns, nachdem wir kleinere, auf der Ebene zerstreut liegende Felskuppen passiert hatten, plötzlich bei dem breiten Auslauf der Ebene. Die senkrechte Wand der _Alpen_ bricht hier ab und weicht nach Osten zurück, durch die Gurgel der mächtigen Klamm unterbrochen. Die Fläche des _Mare Imbrium_ verengt sich in einem großen Halbkreis zu dem eigentlichen Tal, das anfänglich durch einen terrassenförmigen Abhang verdeckt ist, der spitz hervortritt, wie ein mächtiges, einige hundert Meter hohes Felsenstockwerk. Auf der anderen Seite jenes Halbkreises erhebt sich der Mond-_Montblanc_ gegen viertausend Meter über der benachbarten Fläche.

Wir zögerten einen Augenblick, ehe wir in die Ebene einfuhren. Jenes Stockwerk erschreckte uns, denn wir dachten, wenn wir unterwegs mehrere solcher Hindernisse anträfen, würde unsere Reise sich immer mehr verlängern, da wir jedesmal steile Abhänge erklimmen müßten.

Varadol vertiefte sich wieder in die Photographien der Mondoberfläche, obwohl sie uns schon öfter getäuscht haben; das letztemal auf dem _Plato_. Aber es gab kein anderes Mittel der Orientierung in dieser Gegend. Endlich wagten wir, nach kurzer Überlegung, in das Tal einzubiegen. Zu diesem Entschlusse hat auch Tomas beigetragen. Er drängte mit der Hartnäckigkeit eines Kranken, der keinen Widerspruch duldet, daß man sich nach Norden wenden solle, da er wisse, daß die zeitraubende Umkreisung der Alpen und die lange Fahrt durch den _Palus Nebularum_ ihn zweifellos töten würde.

Was hat die Krankheit aus diesem Menschen gemacht! Früher ruhig, entschieden, voll Überlegung und von einem unbeugsamen Willen, ist er jetzt ein launenhaftes, trotziges Kind. Er schilt uns wegen jeder Kleinigkeit und dann entschuldigt er sich wieder oder fleht uns an, ihn zu retten ... Jedoch ist uns das lieber als die Zeiten der vollständigen Apathie und Kraftlosigkeit, wo er stundenlang auf dem Rücken liegt, einer Leiche ähnlicher als einem lebenden Menschen. Oft spricht er auch unaufhörlich, als wenn er sich durch den Klang der eigenen Stimme versichern wollte, daß er noch lebt. Nur sobald einer von uns unvorsichtigerweise den unglücklichen Vorfall erwähnt, verstummt er sofort und beginnt am ganzen Leibe zu zittern. Vergeblich zerbreche ich mir den Kopf, was das für ein Geheimnis sein kann ...

Es war schon Nachmittag, als wir unter dem Felsenstockwerk anhielten, das den Eingang zu dem Tal versperrt. Mit großer Mühe fanden wir einen Weg, der es uns zu erklimmen ermöglichte. Als wir auf der Höhe standen, blickten wir noch einmal auf das hinter uns liegende _Mare Imbrium_, das wir bald für immer aus den Augen verlieren sollten. Was mich betrifft, so muß ich gestehen, daß ich nicht ohne ein gewisses Weh von dieser Ebene Abschied nahm, obwohl sie uns nur Mühen, Qualen und Verzweiflung gebracht hat ... Wie seltsam ist doch das menschliche Herz! Wir durcheilten diese endlose Fläche während voller sechzig Tage, von einem Mondmittag bis zum anderen, nur von dem einen Wunsche beseelt, sie so schnell wie möglich hinter uns zu haben -- und jetzt blicke ich fast mit Sehnsucht nach ihr zurück ...

Im Tale kommen wir ziemlich schnell und verhältnismäßig leicht vorwärts; die breiten Stockwerke treffen wir nicht mehr an und kleinere Berge, die nicht seine ganze Breite einnehmen, lassen sich umgehen. Die Sonne steht jetzt so am Himmel, daß sie die Ränder des Tales erleuchtet. Zu beiden Seiten erhebt sich ein mächtiger, gegen viertausend Meter hoher Gebirgswall. Das am Eingang einige Kilometer breite Tal verengt sich gegen Nordosten, was den Eindruck hervorruft, als wenn sich seine mächtigen Wände einander näherten und wir uns in einem enormen, schnurgerade unter den Felsen ausgehauenen Gang fortbewegten. Wir sehen den entfernten Auslauf dieses Ganges, der einer kleinen, aber tiefen Aushöhlung zwischen weißen Felsen gleicht, die durch ein Stück Himmel ausgefüllt ist. Ich weiß nicht, ob mich mein Blick nicht täuscht, aber es scheint mir, daß der Himmel nicht mehr so schwarz ist und die Sterne weniger zahlreich daran erglänzen. Dies würde von dem Vorhandensein einer dichteren Atmosphäre über dem _Mare Frigoris_ zeugen ... Unser Barometer steigt ebenfalls langsam. Wenn wir nur Tomas lebend bis zu der Zone bringen könnten, wo genügende Luft zum Atmen ist! ...

Im Quertal, einhundertachtundsechzig Stunden nach Mittag, dritter Mondtag.

Wir haben seit Sonnenaufgang schon fünfhundert und einige Kilometer zurückgelegt und nähern uns dem Ausgang des _Quertales_. Die ungeheure Felsgurgel verengt sich immer mehr und die Wälle zu beiden Seiten werden immer niedriger. Der Ausgang der Klamm auf das _Mare Frigoris_, deutlich vor uns sichtbar, scheint sich in dem Maße als wir uns ihm nähern zu erweitern und die Felsen, die dieses Tor bilden, wachsen vor unseren Augen. Bei Sonnenuntergang werden wir abermals auf eine Fläche hinausfahren -- gebe Gott, daß wir _alle_ hinausfahren ...

Oh, welch ein furchtbarer Kreuzesgang war unsere heutige Reise! Wohl dreißig Stunden zitterten wir, bei dem kleinsten Geräusch auf Woodbells Lager blickend: -- etwa jetzt? ... Es geht mit ihm zu Ende, darüber besteht kein Zweifel. Er ist still und ruhig geworden und sieht uns nur immerwährend an, mit flehenden Augen, in denen die Sehnsucht liegt, -- die glühende Sehnsucht zu leben! Und wir können ihm nicht helfen ...

Die letzte Erschütterung bei der Fahrt durch die Spalte hat ihm den Rest gegeben. Wir hatten fast zwei Drittel des Weges hinter uns, als wir, unter dem 3.° östlicher Länge ungefähr, auf ein Hindernis stießen, das uns beinahe gezwungen hätte auf das _Mare Imbrium_ zurückzukehren. Die Sonne stand schon tief am Horizont und die ganze westliche Seite des Quertales war in undurchdringlichen Schatten gehüllt, der kaum hie und da durch schräge schwache Lichtstrahlen der Erde erleuchtet war. Wir mußten uns am Fuße des östlichen Walls halten, um uns nicht in der Nacht zu verlieren. Der Wall erreicht hier die größte Höhe; er erhebt sich steil und riesenhaft, beinah wie die senkrechte _Alpenwand_, unter der wir vormittags hindurchfuhren.

Da plötzlich erblickten wir einige hundert Schritte vor uns einen schwarzen Streifen, der uns den Weg auf der ganzen Breite versperrte. Vorher hatten wir ihn infolge der leichten Erhebung des Grundes nicht gesehen. Als wir uns ihm näherten, zeigte es sich, daß dieser Streifen eine Spalte war, die beide Felsenwälle und den Grund des Tales quer durchschneidet. Sie lag bis an die Ränder im Schatten, so daß wir nicht in ihre Tiefe sehen konnten. Tausende Meter hohe Felswände waren bis zum Fuße durch sie zerrissen.

Ratlos standen wir vor diesem neuen, unüberwindlichen Hindernis.

Auf der Karte hatten wir diese Spalte allerdings gesehen, auch daß sie die Hochebene durchschneidet, die das _Mare Imbrium_ vom _Mare Frigoris_ bis zu den nördlichen Abhängen des _Plato_, in südöstlicher Richtung, trennt; aber wir nahmen nicht an, daß sie sich bis auf den Grund des _Quertales_ erstreckte, das zwei- bis dreitausend Meter tiefer als die Oberfläche der benachbarten Höhen, die sich hinter den Wällen ausdehnten, lag. Ich fühlte, daß mir beim Anblick dieser Untiefe der Schweiß auf die Stirne trat. Peter begann leise zu fluchen.

Tomas, durch unser Benehmen wie durch das Halten des Wagens beunruhigt, fragte uns, was geschehen sei. Wir wagten nicht, ihm die Wahrheit zu sagen; er jedoch, unseren Ausflüchten scheinbar keinen Glauben schenkend, strengte den Rest seiner Kräfte an, erhob sich und blickte durch das Fenster. Eine Zeitlang sah er schweigend hinaus, dann legte er sich wieder und sagte fast gleichgültig:

-- Sie wollen nicht, daß ich lebe ...

-- Wer? frug ich erstaunt.

-- Die Brüder Remogner, antwortete der Kranke, verstummte und schloß die Augen, als wenn er den Tod erwartete.

Ich sprach nicht weiter mit ihm und hatte nicht einmal Zeit, über die Bedeutung dieser seltsamen Worte nachzudenken, da ich mit Peter beraten mußte, was jetzt zu tun sei. Wir zogen schon eine Rückkehr auf das _Mare Imbrium_ in Erwägung, als Peter auf die glückliche Idee kam, mit Hilfe des starken Reflektors den Boden der Spalte zu beleuchten und uns über ihre Tiefe zu vergewissern. Nachdem wir uns dem Rand genähert hatten, warfen wir also einen Strahl des elektrischen Lichtes in die Spalte, die an dieser Stelle ziemlich eng und nicht tief war. Ihr Boden zeigte sich ganz von Schutt angefüllt, aus dem mächtige Felsstücke hervorragten, eine Erscheinung, die uns an das ausgetrocknete Bett eines mächtigen Gebirgsstromes gemahnte. Und wer weiß, ob hier nicht tatsächlich einmal Wasser geflossen, den Weg ausnützend, der durch andere Kräfte gebildet ward?

Der Schein des Reflektors glitt über die schwarzen, sich wild übereinandertürmenden Felsen, flammte auf und verlor sich in tiefen, unregelmäßigen Zerklüftungen. Wir standen immer noch ratlos, ohne zu einem Entschluß zu kommen, als sich Martha uns näherte.

-- Warum fahrt ihr nicht weiter? fragte sie in einem Tone, als wenn sie uns einen Befehl erteilte.

Und dann fügte sie, auf Tomas deutend, hinzu:

-- Ich muß leben, für ihn ... Um meinetwillen braucht ihr jetzt nichts zu befürchten ...

Wir sahen sie erstaunt an. Was ist mit ihr geschehen? So hatte sie niemals zu uns gesprochen. Ihre Augen leuchteten seltsam; in der ganzen Gestalt, in den Worten und in der Bewegung lag eine Würde, eine selbstbewußte Hoheit. Oh, wie schön ist dies Weib und wie begehrenswert! ... Varadol betrachtete sie mit flammenden Blicken! Da packte mich plötzlich eine rasende Wut. Ich rüttelte ihn brutal bei der Schulter und schrie:

-- Siehst du nicht, daß wir keine Zeit zu verlieren haben! Fahren wir zurück oder vorwärts?

Peter wandte sich hastig zu mir und wir maßen uns eine Weile, wie bereit, uns gegenseitig an die Gurgel zu springen. Ein halblautes, höhnisches und verächtliches Lachen Marthas ließ sich vernehmen. Ich hatte das Gefühl, als wenn sich mir ein Igel mit hundert Stacheln ins Herz bohrte. Wir ließen beide beschämt den Blick sinken. Mir scheint, daß ich dies Weib zu hassen beginne.

Endlich beschlossen wir, uns in die Spalte hinabzulassen und sie, die am Boden zerstreuten Steine benützend, zu überklettern. Das war freilich leichter gesagt als getan. Nachdem wir an einer Stelle dicht unter der östlichen Wand des Quertales einen schrägen Abhang entdeckt hatten begannen wir den Wagen mit der größten Vorsicht dort hinabgleiten zu lassen. Die Hauptschwierigkeit jedoch wartete unserer auf dem Boden der Spalte. Bis hierher konnte weder das Licht der Sonne noch das der Erde dringen, so daß wir uns in vollständiger Nacht befanden. Es ist mir unmöglich, die Mühen zu schildern, die uns der Weg über diese paar hundert Meter kostete. Der Reflektor der elektrischen Lampe erleuchtete nur einen schmalen Streifen vor uns; es war fast ausgeschlossen, sich zu orientieren. Abwechselnd ging einer von uns zu Fuß voraus, während der zweite beim Steuer blieb. Der Wagen schaukelte, sprang in die Höhe, schlug an die Felsen oder senkte sich; einmal blieb er sogar so stecken, daß wir daran zweifelten, ihn wieder loszubekommen. Endlich gelangten wir an die gegenüberliegende Seite der Spalte. Zum Glück neigte sich hier der Boden ein wenig, so daß wir auf der so entstandenen Senkung mit Hilfe der »Tatzen« hinaufklettern konnten.

Ungefähr in der Mitte des Aufstiegs kamen wir schon ins Licht der Sonne.

Der Übergang vom Schatten zum Licht war nach einem Ruck des Wagens so plötzlich, daß ich vor der uns überflutenden Welle die Augen schließen mußte; als ich sie wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, daß der ganze fürchterliche Weg durch diese Schlucht nur ein Traum gewesen. Einige hundert Schritte hinter mir sah ich eine sich jäh in den Boden senkende Wand, die durch einen Streifen absoluter Schwärze von uns getrennt war. Ich hatte nur eine unklare Vorstellung, daß wir uns vor wenigen Augenblicken dort befanden, auf der Tiefe dieser, wie es schien, grundlosen Zerklüftung, in undurchdringlicher Nacht, daß wir uns hindurchgearbeitet haben durch schwarze, mächtige Felsen, die vor uns im elektrischen Licht aufleuchteten, als wenn sie, aus dem Nichts herausgewachsen, in Nichts wieder zerfließen würden -- aber an die Wirklichkeit dieser entsetzlichen Fahrt konnte ich gar nicht glauben.

An der Oberfläche des _Quertales_ angelangt, blieben wir stehen, um die »Tatzen« abzunehmen und den Wagen zu untersuchen, ob er nicht etwa beschädigt sei. Alles war in Ordnung, und wir konnten weiterfahren. Alles -- mit Ausnahme der Gesundheit Woodbells. Die erlittenen Erschütterungen hatten ihn so geschwächt, daß er ein paar Stunden wie tot dalag, nur manchmal leise stöhnend.

Wir waren schon ein gutes Stück Wegs gefahren, als Tomas plötzlich aufsprang und sich auf das Lager setzte. In seinen weit aufgerissenen Augen brannte wieder das Fieber. Peter war am Steuer des Wagens beschäftigt, aber Martha und ich eilten sofort hinzu. Er schaute uns mit irren Blicken an, dann rief er plötzlich:

-- Martha, ich werde sterben!

Martha erblaßte und neigte sich zu ihm:

-- Nein, du wirst leben, sagte sie leise, aber deutlich, und eine Röte übergoß ihr Gesicht.

Tomas schüttelte leicht das Haupt, aber sie bückte sich noch tiefer zu ihm herab und begann halblaut malabarisch zu ihm zu sprechen. Ich verstand die Worte nicht, aber ich sah, daß sie einen großen Eindruck auf Tomas machten. Zuerst erhellte sich sein Gesicht, dann glitt ein unendlich trauriges Lächeln darüber und schließlich füllten sich seine Augen mit Tränen. Wimmernd küßte er das üppige Haar des auf seine Brust gebeugten Mädchenkopfes.

So lag er einen Augenblick ruhig, Marthas Finger in seinen ausgetrockneten gelben Händen pressend. Bald jedoch versuchte er von neuem sich aufzusetzen. Es fehlte ihm, scheint's, der Atem.

-- Martha, ich werde sterben! wiederholte er immer wieder angstvoll, und sie antwortete unermüdlich: »Du wirst leben.« Für gewöhnlich verstummte er darauf wie ein kleines weinendes Kind, das die Mutter tröstet. Aber diesmal antwortete er verzweifelt auf ihre Worte:

-- Was hilft es mir, wenn ich es nicht erlebe ... Und dann fügte er hinzu: Sie werden mir nicht erlauben, zu leben ... die Brüder Remogner ...

Ich konnte die Neugierde nicht mehr zurückhalten und fragte ihn, alle Rücksicht auf seinen Zustand vergessend, was die Brüder Remogner mit seiner Krankheit gemein hätten.

Er zögerte, dann sagte er schmerzlich:

-- Es ist ja doch einerlei ... jetzt werde ich es euch sagen ...

Und er begann zu erzählen, mit leiser Stimme, die durch sein Herzklopfen und die Atemnot unterbrochen wurde.

-- Erinnert ihr euch, sagte er, an diese Totenstadt, dort in der Wüste hinter den »_Drei Köpfen_«? Heute noch sehe ich sie vor mir, mit ihren zertrümmerten Türmen und halbzerfallenen Toren ... Ich weiß, daß ich sterben muß, und doch tut es mir noch immer leid, daß ich sie nicht aufsuchen konnte. Aber seht ihr, das war so ... Als ich den Wagen verlassen hatte, mußte ich über viel aufgehäuftes Gestein klettern, das dem zerstörten Pflaster eines alten römischen Kastells irgendwo in der Schweiz oder im italienischen Apennin ähnlich war ... Endlich kam ich an eine etwas gleichmäßigere Stelle. Jetzt hatte ich die Stadt vor mir wie auf der flachen Hand. Ich sah schon deutlich das mächtige Tor mit dem halben Bogen und den hohen Säulen, als plötzlich, plötzlich ...

Er griff nach unseren Händen und erhob sich etwas vom Lager. Die Augen hatte er weit geöffnet, das leichenblasse Gesicht wurde jetzt grün.

-- Ich weiß, sagte er, euch scheint es, und auch mir schien es so ... einst ... daß die einzige Wahrheit das Wissen ist, das sich auf die Erfahrung stützt und sich in mathematische Formeln fassen läßt. Und dennoch gibt es unfaßbare und seltsame Dinge ... Ihr mögt über mich lachen, aber das ändert nichts an der Tatsache ... Wir wissen bis jetzt sehr wenig, oh, sicherlich, sehr, sehr wenig ...

Er verstummte einen Augenblick und sah uns an, als wenn er sich vergewissern wollte, ob wir nicht etwa über seine Worte spöttelten, aber wir saßen still und in Nachdenken versunken. Er atmete tief auf und fuhr in der unterbrochenen Erzählung fort:

-- Da ... erblickte ich ... zwei Schatten -- nein, zwei Menschen, Leichen oder Gespenster. Sie kamen aus dem Tore direkt auf mich zu ... Die Knie wankten mir. Ich schloß die Augen und wollte das Hirngespinst verjagen, aber als ich wieder aufblickte, sah ich ... keine fünf Schritte vor mir -- die Brüder Remogner! Sie standen beide da, sich bei der Hand haltend, entsetzlich, aufgedunsen, blutig, wie wir sie gefunden haben. Und beide starrten mich so gräßlich an ... Ihr kennt mich, daß ich nicht ängstlich bin und nicht zu Phantastereien neige, aber das sage ich euch, sie standen wahrhaftig vor mir und die Angst versteinerte mich und das Blut gerann mir in den Adern. Ich konnte mich nicht rühren -- mich nicht abwenden ... Da begannen sie zu sprechen, ja, zu sprechen! Und ich hörte ihre Stimmen wie ich euch höre, obwohl dort keine Luft war ...

-- Und was haben sie gesprochen? stieß ich unwillkürlich hervor.

-- Wozu sollt ihr das wissen, sagte er. Es ist genug, daß ich es hören mußte, oh, mehr wie genug, mehr wie genug! ... Sie sagten mir wie ich sterben würde und wie ihr sterben werdet, ihr -- beide ... Sie bezeichneten Tag und Stunde ... Und sie sagten weiter, daß man nicht ungestraft die Erde verläßt und in die Geheimnisse zu dringen versucht, die dem menschlichen Auge verborgen sind. Sie sagten, es wäre besser gewesen, wenn wir dort gestorben wären, auf dem _Mare Imbrium_, statt ihnen, den Toten, die Luft zu stehlen, um unser Leben der Qualen zu verlängern, ja, der Qualen ... »Wir sind euch gefolgt,« sagten sie, ich hörte es ganz deutlich, »und ihr seid an unserem Tode schuld, aber auch ihr« ... Bei diesen Worten blinzelten sie haßerfüllt mit den erloschenen Augen und verzogen die geschwollenen Lippen zu einem boshaften Lächeln. Da bemerkte ich, daß hinter ihnen O'Tamor stand, blaß und vertrocknet ... Er lächelte nicht und sagte nichts, er war nur traurig und blickte voll Mitleid auf mich ... Ich schrie vor Entsetzen laut auf, und die ganze Willenskraft zusammennehmend, riß ich die erstarrten Füße vom Boden los und stürzte davon. Ich dachte nicht mehr an die Stadt -- an gar nichts. Ich lief und lief und stolperte; ich wollte mich erheben und aufstehen, aber da fühlte ich, daß ich keine Luft hatte und verlor das Bewußtsein ...

Er verstummte erschöpft, und uns erfaßte eine seltsame Beklemmung. Ich bin in tiefstem Herzen überzeugt, daß das alles nur eine Täuschung war, wie jene Stadt selbst, die ich heute ebenfalls für eine Täuschung, hervorgerufen durch eine seltsame Gruppierung der Felsen, halte, aber ich wagte nicht recht, ihm das zu sagen.

Und übrigens ... weiß ich es? ... Uns umgeben so unlösbare Rätsel -- so unerforschliche Geheimnisse! ... Auf diesen erloschenen Globus sind Menschen gekommen, ist der Tod mit ihnen gekommen; vielleicht ist dem Menschen und seinem unzertrennlichen Begleiter, dem Tode, auch jenes Etwas, jenes Unbekannte, das seit ewigen Zeiten auf Erden jedem Wissen, jeder Forschung getrotzt hat, gefolgt ...

Tomas schlief nach dieser Erzählung ein. Als er aufwachte frug er wo wir seien. Ich sagte ihm, daß wir uns dem Ende des _Quertales_ näherten und bald auf das _Mare Frigoris_ gelangen würden. Er hörte zu, als wenn er meine Worte nicht verstünde.