Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band
Part 21
Im Süden lag die Insel +Kutdleck+ und noch weiter südwärts das schöne Vorgebirge +Kap Tordenskjold+. Ich begrüßte es wie einen Landsmann, nicht nur der Name, sondern auch die Form war mir heimisch. Ich setzte mich auf einen Stein, um eine Skizze aufzunehmen und mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Wie ich so da saß, mich meiner Umgebung und meines Lebens freuend, hörte ich etwas summend durch die Luft herannahen und bei meiner Hand Halt machen. Es war eine auffallende alte, wohlbekannte Musik, -- ich sah nach, und richtig -- eine Mücke, eine lebendige Mücke! Und der einen folgten bald mehrere. Ich ließ sie ruhig stechen, -- es war mir eine wahre Wonne. Sie gaben mir +fühlbare+ Beweise, daß ich mich auf festem Grund und Boden befand, diese lieben, kleinen Wesen, die dort saßen und sich rund und roth saugten, -- es war sicher lange her, seit sie zuletzt Menschenblut gekostet hatten. Wie ich später erzählen werde, sollten wir freilich gar bald dieser Wonne überdrüssig werden.
Ich hatte eine ganze Weile dort oben gesessen, als ich ein Zwitschern vernahm und einen Schneesperling erblickte, der sich dicht neben mir auf einen Stein niederließ, den neu angekommenen Gast verwundert betrachtend, indem er das Köpfchen bald auf die eine, bald auf die andere Seite legte; dann zwitscherte er wieder, hüpfte auf den nächsten Stein, wo er noch eine Weile sitzen blieb, guckte mich abermals an und -- weg war er. Es ist stets schön, dem Leben zu begegnen, nicht am wenigsten wo es in Form kleiner zwitschernder Vögel zu uns kommt, es erweckt einen Wiederklang der Vogelnatur in uns selber, besonders wenn man Frühling und Sommer so lange entbehrt hat.
Von hier oben herab konnte ich eine ganze Strecke nordwärts schauen. Es hatte den Anschein, als wenn wir auf der ersten Strecke Schlampeis haben würden, aber ein wenig nördlich von +Inugsuit+ wurde das Eis scheinbar fester und möglicherweise würden wir dort Mühe haben, uns hindurch zu arbeiten.
Aber es war jetzt an der Zeit, sich wieder zu den Anderen hinabzubegeben, -- jetzt mußte wohl die Schokolade fertig sein. Als ich unten anlangte, war jedoch die Schokolade keineswegs fertig, das Wasser kochte noch nicht einmal. Meine Begleiter hatten auf dem Treibeis keine allzugroße Uebung im Kochen gehabt. Ich benutzte die Wartezeit, um eine photographische Aufnahme von dieser Scene und von diesem Ort zu machen, der ja in der Geschichte unserer Entdeckungsreise einen hervorragenden Platz einnimmt.
Endlich war man fertig, und sechs begierige Kehlen konnten in langen Zügen den herrlichen, kochendheißen Göttertrank einsaugen. Außer reichlicheren Rationen als sonst wurden heute noch Extra-Rationen in Form von Hafercakes, Schweizerkäse, Mysekäse und eingemachten Preißelbeeren vertheilt. Das war wirklich eine königliche Mahlzeit, wie wir sie noch nicht abgehalten hatten, aber wir hatten sie auch verdient und wir genossen sie. Die Stimmung war sehr animirt.
Es wurde beschlossen, daß wir uns ausnahmsweise einmal Zeit lassen und das Leben in vollen Zügen genießen wollten, damit mußte es dann aber auch ein Ende haben. Von nun an lautete die Parole: So wenig Schlaf wie möglich, so wenig und so schnelles Essen wie möglich, so viel Arbeit wie möglich. Unsere Nahrung sollte im wesentlichen aus Wasser, Biskuits und gedörrtem Fleisch bestehen. Wir hatten wenig oder gar keine Zeit, um uns etwas zu kochen oder uns mit frischem Fleisch zu versehen, obwohl es Wild genug gab. Die beste Zeit war bereits verloren gegangen, es blieb nur noch wenig übrig von dem kurzen, grönländischen Sommer, aber noch mußten wir die Westküste erreichen können, wenn wir nur die Zeit gut ausnutzten. Es galt nur, energisch darauf loszugehen, -- und das thaten wir.
Als wir um fünf Uhr des Nachmittags endlich fertig waren, gingen wir wieder in die Böte und zogen nordwärts an der Küste entlang.
Eine Strecke lang ging alles leicht und gut. Das Fahrwasser war glatt und offen. Gegen Abend aber verschlimmerte sich die Situation. Das Eis wurde dichter, wir konnten es oft nur mit Mühe durchbrechen. Zuweilen stießen wir freilich auf lange offene Stellen, wo wir schnell vorwärts rudern konnten. Blutroth versank die Sonne hinter den Bergen, die Nacht war still und sehnsuchtserweckend, der Tag lag hinter den Zinnen und Gipfeln und träumte. Die ganze Nacht hindurch arbeiteten wir uns in nördlicher Richtung durch das Eis. Um Mitternacht war es schwer zu sehen, wenn man aber genau acht gab, konnte man das Schlampeis und das Wasser von dem festen Eise durch den Wiederschein unterscheiden, den sie von dem gelblich rothen Nachthimmel gaben.
Ich strebte danach, nordwärts zu kommen, denn wir hatten nicht mehr weit bis zu dem berüchtigten Gletscher +Puisortok+, an dem Kapitän +Holm+ auf seiner Reise längs der Küste i. J. 1884 von dem Eise volle 17 Tage zurückgehalten wurde. Ich hielt es für eine Möglichkeit, daß der Grund für den bösen Ruf, den dieser Ort hat, darin liegen könne, daß das Treibeis hier durch die Strömung besonders stark zusammengedrängt werde, und deshalb war es für mich von größter Wichtigkeit, diese gefährliche Stelle so früh wie möglich zu erreichen, um die erste günstige Gelegenheit, wo das Eis sich zertheilte, benutzen und vorbeikommen zu können.
Im Laufe der Nacht gelangten wir unter das Vorgebirge +Kangek+ oder +Kap Rantzau+, hier wurde das Eis so fest, daß wir nicht mehr so rudern konnten, wie bisher, sondern uns hauptsächlich durchbrechen mußten. Unseren Aexten, Bootshaken und Brechstangen mußte das Eis indessen weichen, und wir kamen beständig vorwärts. Was die Sache noch erschwerte, war, daß sich auf dem Wasser zwischen den Schollen neues Eis bildete; dies nahm während der Nacht an Dicke zu und war unsern Böten sehr hinderlich. Es hielt sich bis hoch in den folgenden Tag hinein. Gegen Morgen fingen die Kräfte an zu erschlaffen, wir hatten lange gearbeitet, waren hungrig, denn seit unserer gestrigen Festmahlzeit hatten wir nichts genossen, und Einige von uns waren so müde, daß sie kaum die Augen mehr offen halten konnten. In unserem Streben, nordwärts zu gelangen, und in unserer Freude über dies neue Leben hatten wir die Bedürfnisse des Körpers ganz vergessen, -- jetzt meldeten sie sich mit verdoppelter Macht. Wir legten deswegen an einer Eisscholle an, um ein wenig Rast zu halten und unser Frühstück einzunehmen, obwohl wir eigentlich das Gefühl hatten, daß jetzt keine Zeit zur Ruhe sei. Da kam der Tag, es wurde heller und heller, eine rothe Gluth entzündete sich dort unten im Nordosten am Horizont, -- strahlend stieg die Feuerkugel über den Eisrand empor. Körper und Seele badeten sich in dem Lichtmeer, alle Müdigkeit war wie weggeblasen. Und von neuem ging’s an die Arbeit im Lichte des jungen Tages.
Das Eis aber war dichter denn je zuvor, -- Zoll für Zoll, Fuß für Fuß mußten wir uns durchbrechen und kämpfen, um nordwärts zu gelangen. Oft sah es fast hoffnungslos aus aber -- vorwärts mußten wir und vorwärts kamen wir.
Wir ruderten an +Kap Rantzau+vorüber, vorüber an +Karra akungnak+, bekannt von +Holms+ und +Gardes+ Reisen i. J. 1884, und kamen ans +Kap Adelaer+, hier aber wurde es schlimmer denn je; die großen, mächtigen Schollen lagen fest aufeinander gepreßt. Mit unseren langen Haken versuchten wir sie auseinander zu stoßen, aber es nützte nichts, -- wir hieben alle sechs auf einmal zu, sie lagen unbeweglich da, -- noch einmal versuchten wir es mit Aufbietung aller unserer Kräfte, -- jetzt wichen sie einen Zoll voneinander, das machte uns Muth; noch einmal drauf los! sie gaben ein wenig nach; das half; nur nicht nachlassen! Bald haben wir sie soweit auseinandergetrieben, daß die Böte hindurchgleiten können, wenn man die vorstehenden Ränder mit der Axt abschlägt. Dann schiebt man die Böte bis zur nächsten Scholle hindurch; hier wiederholt sich dieselbe Geschichte. Mit vereinten Kräften, die wir bis zum äußersten anstrengen, zwingen wir uns vorwärts. Es erfordert eine nicht geringe Uebung, das Boot sicher durch dies gefährliche Fahrwasser zu führen. Man muß einen Blick dafür haben, wo die Eisschollen am besten anzugreifen sind, um sich einen Weg hindurch zu bahnen, man muß die Kräfte, die einem zur Verfügung stehen, aufs beste zu verwerthen wissen, und man muß die Gelegenheit gewandt benutzen, um die Böte glücklich durch die auseinandergeschobenen Eisschollen zu bringen, denn diese schließen sich augenblicklich wieder, und wenn die Böte dann nicht auf der anderen Seite angelangt sind, werden sie unbarmherzig zermalmt. Es geschah mehrmals, wenn wir nicht schnell genug waren, daß ich +Sverdrups+ Boot, das dicht hinter dem unseren folgte, zwischen die Eisschollen eingeklemmt sah, so daß die Seiten ganz eingedrückt wurden, aber es war elastisch und wurde stets im letzten Augenblick hindurch gezwungen, ohne daß ein Unglück geschah.
Schließlich kamen wir auch an Kap Adelaer vorüber und arbeiteten uns fortwährend durch dichtes Eis hindurch am Lande entlang, bis zu dem nördlich gelegenen Vorgebirge, dem ich den Namen +Kap Garde+ gegeben habe.
Wir erreichten es endlich um die Mittagszeit und beschlossen, hier zu landen, um uns durch Nahrung und Schlaf zu erquicken; diese Ruhepause hatten wir nach fast vierundzwanzigstündiger Arbeit reichlich verdient. Wir hatten soeben unsere Böte mit großer Mühe an den steilen Klippen emporgezogen, unser Zelt aufgeschlagen und uns an das Abwägen unserer Mahlzeit gemacht, als sich etwas ganz Unerwartetes, uns fast unglaublich Erscheinendes ereignete.
Ich glaube, es wird von Interesse sein, wenn ich es mit denselben Worten wiedergebe, mit denen ich es am nächsten Morgen in meinem Tagebuch verzeichnete:
„Es war gestern (30. Juli) ungefähr um die Mittagszeit (11 Uhr?), als wir nach einer unglaublich mühseligen Fahrt durch das Eis bei -- nun, nennen wir es vorläufig Kap .... auf der Nordseite von +Karra akungnak+ angelegt hatten, um ein wenig Nahrung zu uns zu nehmen und endlich einige Stunden zu schlafen. Den vielgefürchteten +Puisortok+ hatten wir vor uns, hofften ihn aber noch selbigen Tages passiren zu können. -- -- Während wir aßen, oder vielmehr während der Zubereitung unserer einfachen Mahlzeit, vernahm ich zwischen Mövengeschrei und anderem Geräusch Rufe, die eine fabelhafte Aehnlichkeit mit menschlichen Stimmen hatten. Ich machte meine Gefährten darauf aufmerksam, aber es war so wenig wahrscheinlich, in dieser Gegend Menschen anzutreffen, daß wir so lange wie möglich versuchten von Lumme (~Columbus~) und ähnlichen Vögeln zu sprechen, deren es hier freilich wohl ebensowenig giebt wie Menschen. Trotzdem beantworteten wir die Rufe ein paarmal. Sie kamen beständig näher. Gerade als wir mit den letzten Theilen unserer Mahlzeit beschäftigt sind, vernehmen wir einen Ruf, der so deutlich und so nahe klingt, daß die Meisten aufspringen und einer von uns darauf schwört, daß es keine Lumme gewesen ist; selbst die eifrigsten Anhänger der Lummentheorie werden zweifelhaft. Es währt auch nicht lange, bis +Balto+, der mit dem Fernrohr bewaffnet auf einen Felsblock geklettert ist, uns zuruft, daß er zwei menschliche Wesen sehen kann. Ich springe selbst zu ihm hinauf, und richte das Fernrohr auf zwei schwarze Punkte, die zwischen den Eisschollen bald zusammen fahren, bald wieder auseinanderschnellen. Sie scheinen nach einer Durchfahrt zu spähen, denn sie gehen mehrmals vorwärts und wieder zurück, -- aber sieh, da kommen sie gerade auf uns zu, gleich Mühlenflügeln bewegen sich die Ruder in der Luft. Es sind zwei kleine Menschen in ihren Kajaks. Sie kommen näher und näher. +Balto+ setzt eine halb verwunderte, halb ängstliche Miene auf und sagt, er fürchte sich fast vor diesen wunderlichen Wesen. Da kommen sie, der Eine beugt sich gleichsam zum Gruß in seinem Kajak vornüber (das war nun freilich nicht der Fall), der Andere thut nichts. Mit einem einzigen Ruderschlag legen sie an der Klippe an, kriechen aus ihren Kajaks, der Eine trägt das seinige hinauf, der Andere läßt das seine im Wasser liegen, -- und dann stehen sie vor uns, die beiden ersten Repräsentanten dieser viel besprochenen Heiden (auf der Ostküste Grönlands). -- War der erste Eindruck günstig? Ja, unbedingt, -- zwei freilich etwas wilde, aber freundliche Gesichter lächeln uns an. Der Eine trug ein Seehundswams und Seehundsbeinkleider, die ein gutes Stück bloßen Leibes sehen ließen, sowie „Kamiken“ und als einzige Kopfbekleidung ein Perlenband. -- -- --“
Hier wurden meine Tagebuchaufzeichnungen über diese seltsame Begegnung unterbrochen, die Erinnerung daran steht indessen so lebendig vor meiner Seele, als habe es sich gestern zugetragen, und infolgedessen ist es nicht schwer, die Lücke auszufüllen. Der andere Grönländer trug zu unserer Verwunderung theilweise Kleider europäischen Ursprungs, indem der Oberkörper mit einem „Anorak“, ein jackenähnlichen Kleidungsstück aus blauem Baumwollzeug mit weißen Tupfen bedeckt war, -- an den Beinen hatte auch er Beinkleider aus Seehundsfell und Kamiken (so wird die eigenthümliche Fußbekleidung der Grönländer genannt). In der Mitte des Leibes war ein gutes Stück völlig nackend wie bei seinem Kameraden.
Auf dem Kopfe hatte er eine sonderbare breite, flache Mütze mit einem Schirm, der aus einem mit blauem Baumwollstoff überspannten Tonnenreifen gebildet war. Ueber die ganze obere Fläche der Mütze erstreckte sich ein rothes und weißes Kreuz. Diese Art Mützen in verschiedenen starken Farben, in der Regel mit einem Kreuz verziert, sind sehr allgemein unter den Eskimos der Ostküste, sie benutzen sie auf ihren Fahrten in den Kajaks, theils weil sie nützlich sind, indem der Schirm sie gegen die Sonne schützt, theils weil sie dieselben für eine Zierde halten. Ich sah sie später voller Stolz ihre Mützen vorzeigen.
Diese Beiden waren kleine Menschen, scheinbar noch ganz jung, und der Eine, der nur ein Perlenband im Haar trug, war geradezu hübsch. Er hatte eine dunkle, fast kastanienbraune Hautfarbe und langes, rabenschwarzes Haar, das mit der Perlenschnur aus dem Gesicht gehalten wurde und tief über Nacken und Schulter herabfiel, -- dazu ein breites, rundes Gesicht mit beinahe regelmäßigen, weichen Zügen, die eine beinahe weibliche Schönheit hatten, so ausgeprägt weiblich, daß wir lange in Zweifel waren, ob wir wirklich einen Mann vor uns hätten. Sie waren von leichtem, geschmeidigem Bau und graziösen Bewegungen.
Bei uns angekommen, begannen sie zu lächeln, zu gestikuliren und durcheinander zu sprechen in einer Sprache, von der wir natürlich kein Wort verstanden. Sie zeigten gen Süden und zeigten gen Norden über das Eis hinüber und über das Land hinweg, dann zeigten sie auf uns, auf die Böte und auf sich selbst, und während der ganzen Zeit stand ihnen der Mund nicht still. Sie waren ganz ungewöhnlich beredt, aber nichtsdestoweniger verstanden wir kein Wort. Wir lächelten ihnen wieder zu und starrten sie mit einem dummen Gesicht an, während die Lappen sich nicht recht wohl dabei zu befinden schienen. Sie fürchteten sich ein wenig vor diesen „wilden Menschen“ und hielten sich in der Entfernung.
Dann suchte ich einige Papiere heraus, auf die ein Bekannter auf Grönländisch eine Reihe von Fragen geschrieben hatte, deren Beantwortung für mich von Interesse sein konnte. Ich versuchte nun hiernach, einige Fragen an sie zu richten, wie ich meinte auf gut Grönländisch, nun aber kam die Reihe dumm auszusehen an sie. Ich versuchte es nochmals, aber mit demselben Resultat, -- sie verstanden kein Wort. Nach noch einigen Versuchen, warf ich verzweifelt die Papiere fort, und nahm meine Zuflucht zu Zeichen, das ging besser, und nun bekam ich heraus, daß sie ihrer Mehrere waren und daß sie auf der Nordseite von Puisortok wohnten oder sich dort in einem Lager befanden, daß man sich hart an den Gletscher halten müsse, um nordwärts zu gelangen. Dann zeigten sie auf Puisortok und machten eine Menge sonderbarer Gebärden, wobei sie eine ernste, bedenkliche Miene aufsetzten und eine Unmenge redeten, was wahrscheinlich bedeuten sollte, daß dieser Gletscher sehr gefährlich sei, daß man sich deswegen in acht nehmen müsse. Die Ostgrönländer haben nämlich eine Menge abergläubischer Begriffe von diesem Gletscher. Da versuchten wir ihnen denn begreiflich zu machen, daß wir nicht von Süden her am Land entlang gekommen seien, sondern über das Meer, was nur einen langen brummenden Laut zur Folge hatte, fast wie das Brüllen einer Kuh, und der wohl den höchsten Grad von Verwunderung bedeuten sollte. Sie betrachteten gleichzeitig uns und einander mit einer zweifelhaften Miene, sie glaubten natürlich kein Wort oder richtiger kein Zeichen davon, oder auch wir mußten übernatürliche Wesen sein. Und das letztere war ihnen wohl im Grunde nicht unwahrscheinlich.
Dann begannen sie, unsere Ausrüstung zu bewundern, -- die Böte zogen vor allem ihre Aufmerksamkeit auf sich, besonders erregte der Eisenbeschlag ihre höchste Bewunderung.
Wir gaben Jedem ein Stück Fleischbiskuit, worüber sie sehr erfreut waren, sie aßen ein kleines Stück davon und hoben das Uebrige auf, das wollten sie augenscheinlich mit in das Lager nehmen. Die ganze Zeit hindurch standen sie da und zitterten und froren, was schließlich nicht so merkwürdig war, denn sie hatten nur wenig Zeug an und waren, wie gesagt, in der Mitte des Leibes nackend; auch war die Witterung nicht gerade mild. Sie machten einige bezeichnende Gebärden, daß sie hier auf der Klippe frören und wieder in ihre Kajaks zurückkehren wollten. Durch Zeichen befragten sie uns, ob wir nach Norden hin kämen, worauf wir eine bejahende Antwort gaben, dann zeigten sie noch einmal warnend auf den Puisortok und gingen an den Strand hinab. Hier zogen sie ihre Halbpelze an, legten die Kajaks zurecht und krochen dann behende und leicht wie Katzen hinein. Mit wenigen Ruderschlägen flogen sie leicht und lautlos über den Meeresspiegel dahin. Bald gingen die Ruder wie Mühlenflügel, während sie zwischen den Eisschollen dahin schossen, bald hielten sie an, um sich einen Weg zu bahnen und das Eis zur Seite zu schieben oder um eine Durchfahrt zu erspähen, bald erhob sich der Arm zum Wurf, er wurde gesenkt, hielt einen Moment still, während der Pfeil eingestellt wurde, und dann schnellte er vorwärts gleich einer Stahlfeder, indem der Pfeil vom Wurfgeschoß sauste. Und während alledem entfernten sie sich mehr und mehr, bald sahen wir sie nur noch als zwei schwarze Punkte zwischen dem Eise dort oben in der Nähe des Gletschers, dann bogen sie um einen Eisberg und verschwanden aus unserm Gesichtskreis. Und wir blieben zurück, über diese erste Begegnung mit den Eskimos der Ostküste grübelnd. Es war so sonderbar und so unerwartet, hier Menschen zu treffen, wo ja nach +Holms+ und +Gardes+ Erfahrungen keine wohnen sollten, daher schlossen wir, daß unsere neuen Bekannten sich auf der Reise befunden hatten, und nachdem wir zu diesem Resultat gekommen waren, begaben wir uns in unser Zelt und krochen in unsere Schlafsäcke. Es währte auch nicht lange, bis wir Alle in einen tiefen Schlaf gefallen waren.
Diese eben erzählte Begebenheit schildert +Balto+ ein ganzes Jahr später und obwohl er niemals mein Tagebuch gelesen hatte, fast gleichlautend mit meinen Aufzeichnungen. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, die betreffende Stelle hier wiederzugeben:
„Während wir aßen, hörten wir Laute, die wie Menschenstimmen klangen, wir glaubten aber, daß es ein Rabe sei, welcher krächzte. Nach einer kleinen Weile hörten wir dieselben Laute wieder; Einige von uns glaubten, daß es Wasservögel seien, welche schrien. Ich nahm das Fernrohr und lief auf einen Felsblock hinauf und spähte um mich. Da sah ich etwas Schwarzes, das sich auf eine Eisscholle zu bewegte. Ich rief: „Dort hinten kann man zwei Männer auf dem Eise sehen.“ Nansen kam sofort herbeigelaufen und sah durch das Fernrohr. Wir hörten sie nun ihre heidnischen Gesänge singen (?) und wir riefen sie an. Sie hörten uns gleich und ruderten auf uns zu, und es währte nicht lange, bis sie bei uns waren. Als sie sich uns näherten, verbeugte sich der eine tief mit dem ganzen Körper, und als sie an den Strand kamen, nahm jeder seinen Kajak in die Hand und ging auf das Land hinauf. Als sie an uns herankamen, riefen sie Beide im Chor: „iö, iö!“ was soviel heißen sollte, als daß sie sich wunderten, was für eine Art von Leuten wir wohl seien. Wir versuchten nun, mit ihnen zu reden, aber wir verstanden kein Wort von ihrer Sprache ...“
Am Nachmittag, ungefähr um 6 Uhr, erwachte ich und sprang aus dem Zelt, um nach dem Eis zu sehen. Es wehte ein frischer Wind vom Lande her, und das Eis hatte sich noch mehr zertheilt als vorhin. Es schien nach Norden zu gutes Fahrwasser zu sein, da weckte ich denn die Gefährten.
Bald waren wir in den Böten und richteten unsern Kurs auf den vielgefürchteten Puisortok. Wir hatten das herrlichste Fahrwasser von der Welt. Ich fürchtete indessen, daß es schlimmer werden würde, wenn wir weiter vorwärts gelangten, aber dies war keineswegs der Fall. Das Eis, das dort lag, bestand im wesentlichen nur aus größeren oder kleineren Stücken Gletschereises, und das ist in der Regel weit leichter als das Treibeis mit Holzböten zu passiren, die nicht wie Fellböte von dem Eis zerschnitten werden können. Am hinderlichsten war uns der Umstand, daß das Wasser an einzelnen Stellen zwischen den Eisschollen mit einer Unmenge von ganz kleinen Stücken Gletschereises angefüllt war. Ohne weitere Störungen kamen wir an dem Gletscher vorüber, mehrmals ganz dicht an seine lothrechte Eiswand hinanrudernd, die in allen blauen Gletscherfarben spielt, von dem tiefsten Blau drinnen in den Spalten und Schluchten bis zu dem hellsten Milchblau an den geraden Eiswänden und höher gelegenen Stellen, die noch zum Teil mit Schnee bedeckt sind.
Was diesen Gletscher eigentlich so gefürchtet gemacht hat, verstehe ich nicht, denn er hat nur eine ganz unbedeutende Bewegung, wirft infolgedessen nur wenig Eis ab, und wenn dies der Fall ist, sind es doch stets nur kleinere Stücke, die herunterfallen, denn es liegt nicht viel Eis in der Nähe.
Bereits +Graah+ und sogar mehrere Schriftsteller vor ihm, berichten indessen von der übertriebenen Furcht der Eskimos vor diesem gefährlichen Gletscher, der stets bereit ist, herabzustürzen und die Vorüberfahrenden zu zerschmettern, und der selbst weit draußen im Meer plötzlich große Eismassen aus der Tiefe emporschleudere und Böte und Mannschaft vernichten kann. Der Name Puisortok deutet auch auf diese Annahme hin. Er bedeutet nämlich: der Ort, an dem etwas emporgeschnellt wird, und ist nicht ganz allein dastehend an der Ostküste. An mehreren Stellen trifft man denselben Namen in Verbindung mit dem Gletscher, -- was dies eigentlich bedeuten soll, ist mir nicht ganz klar. Daß +Holms+ und +Gardes+ grönländische Mannschaft ebenfalls eine abergläubische Furcht vor diesem Gletscher hegte, davon erhält man einen deutlichen Eindruck, wenn man ihren interessanten Bericht ließt. +Garde+ erzählt, daß die Bewohner der südlichen Westküste die Auffassung haben, daß man, indem man den Puisortok passirte, unter einer überhängenden Eiswand hinweg ruderte, die jeden Augenblick herabstürzen könne, sowie über Eismassen, die unter dem Wasser verborgen lägen und nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um emporzuschnellen und die vorüberziehenden Böte zu zertrümmern.