Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band
Part 2
„Wie alt seid Ihr denn?“ -- „Ich bin 26 Jahre alt, und er dort, Ravna, ist 45 Jahre.“ Das war denn doch eine merkwürdige Geschichte! Ich hatte ausdrücklich betont, daß sie zwischen 30 und 40 Jahre alt sein sollten. „Ihr seid beide Berglappen?“ -- „Nein, nur Ravna ist Berglappe, ich bin in Karasjok ansässig.“ -- Noch schlimmer; ich hatte ausbedungen, daß es Berglappen sein sollten. „Aber seid Ihr denn gar nicht bange davor, die Reise zu unternehmen?“ -- „Ja, wir ängstigen uns sehr, man hat uns unterwegs gesagt, die Expedition sei so gefährlich, daß wir wohl nicht lebendig wieder nach Hause kämen, und deshalb sind wir so bange geworden.“ -- Aber das war denn doch zu arg! Sie waren nicht einmal von dem in Kenntniß gesetzt worden, worauf sie eingingen, die armen Menschen! Ich hatte die größte Lust, sie gleich wieder nach Hause zu schicken, aber jetzt war es zu spät, andere Leute zu verschreiben.
Ich mußte sie behalten, deshalb war es das Beste, sie zu trösten, so gut ich konnte und ihnen zu sagen, daß das, was die Leute redeten, Unsinn sei, -- ihnen schon im voraus den Muth zu nehmen, hatte gar keinen Zweck, sie konnten ihn ohnedies schnell genug verlieren. Wenn sie auch nicht so stark und ausdauernd aussahen, wie ich es gewünscht hatte, so machten sie doch den Eindruck von herzensguten, zuverlässigen Menschen. Und daß sie das waren, haben sie in vollem Maße bewiesen, und in Hinsicht auf ihre Ausdauer ließen sie nichts zu wünschen übrig. Als Naturvolk betrachtet, hatte ich von ihnen übrigens bei weitem nicht den erwünschten Nutzen. So wurden sie beispielsweise zu Rekognoscirungen überall nicht verwendet.
In einer Schilderung,[4] welche +Balto+ von der ganzen Fahrt gemacht hat, fährt er, nachdem er von seiner Reise von Finnmarken erzählt und wie ihnen die Leute unterwegs allen Muth genommen hätten, indem sie mich als einen ganz verrückten Menschen darstellten, folgendermaßen fort:
„Am 14. April reisten wir von Trondhjem und kamen am 16. April nach Kristiania. Nansen hatte einen Mann nach dem Bahnhofe geschickt, um uns in Empfang zu nehmen, nämlich Sverdrup; er kam zu uns und fragte: „Seid Ihr die beiden Männer, die mit Nansen wollen?“ -- Wir antworteten, daß wir es seien. Sverdrup erzählte, daß auch er einer von denen sei, die mit Nansen wollten, und er erzählte, daß er ausgegangen sei, um uns zu empfangen. „Kommt jetzt mit mir!“ und wir gingen mit ihm, und er führte uns in ein Hotel, das in der Tolbodgade Nr. 30 liegt. Nach Verlauf einer Stunde kamen Nansen und Dietrichson, um uns zu begrüßen. Es war überaus herrlich und wunderbar, als wir diesen unsern fremden Herrn zu sehen bekamen, nämlich Nansen. Er war uns fremd, aber sein Antlitz schien uns entgegen, als sei es das Antlitz unserer zurückgebliebenen Eltern gewesen, so schön kam es mir vor, und so war auch sein an uns gerichteter Willkommgruß. Alle die fremden Leute in der Stadt waren sehr gut und freundschaftlich gegen uns Lappen während der ganzen Zeit, die wir in Kristiania waren; von der Zeit an wurden wir noch vergnügter, und das war sehr angenehm für uns.“
Da wir uns nun durch dies ganze Buch hindurch mit diesen fünf Menschen beschäftigen sollen, wäre es vielleicht ganz angebracht, sie einzeln vorzustellen. Wir wollen mit den Norwegern anfangen und sie dem Alter nach vorführen.
+Otto Neumann Sverdrup+ wurde am 31. Oktober 1855 auf dem Hofe Haarstad in Bindalen auf Helgeland geboren. Sein Vater war der Wald- und Hofbesitzer +Ulrik Sverdrup+ und seine Mutter war +Petra Knoph+.
In einer rauhen Natur geboren und von Kindheit an daran gewöhnt, sich in allen möglichen Beschäftigungen und in allem möglichen Wetter in Wäldern und auf Bergen umherzutreiben, lernte er früh für sich selbst sorgen und auf eigenen Füßen stehen. Er war noch ein kleiner Knabe, als er anfing auf Skischuhen zu laufen, und daß sich in einem so unkultivirten Distrikt wie in Bindalen die beste Gelegenheit findet, sich zu einem tüchtigen und unerschrockenen Skiläufer auszubilden, liegt auf der Hand. Mit zehn Jahren erhielt er eine Flinte, und von der Zeit an streifte er stets auf Jagdausflügen umher, im Winter auf Schneeschuhen, im Frühling auf der Auerhahn- und im Herbst auf der Bärenjagd. Er wurde nicht in die Stadt geschickt, um zur Schule zu gehen, sondern er hatte einen Hauslehrer. Eine besondere Vorliebe für Bücher scheint er jedoch niemals gehabt zu haben.
Mit 17 Jahren ging er zur See und reiste dann während vieler Jahre theils mit norwegischen, theils mit amerikanischen Schiffen.
Im Jahre 1878 machte er sein Steuermannsexamen in Kristiania und fuhr dann mehrere Jahre als Steuermann. Als solcher erlitt er vor einigen Jahren mit einem norwegischen Schoner an der Westküste von Schottland Schiffbruch. Bei dieser Gelegenheit zeigte er so recht, welcher Kern in ihm steckte, denn es ist hauptsächlich seiner Besonnenheit und Schneidigkeit zu verdanken, daß die Mannschaft gerettet wurde. Einen Schoner und ein Dampfschiff führte er als Kapitän, -- ein Jahr lang lag er auch mit einem Fischkutter an der Nordlandsküste. Vor einer Reihe von Jahren geschah es, daß man in Göteborg einen Führer für +Nordenfeldts+ unterseeisches Boot suchte, das über die Nordsee nach England geführt werden sollte. Man setzte eine Belohnung für Denjenigen aus, der dies gefahrvolle Amt übernehmen wolle, aber es fand sich Niemand, der es wagte. Da kam +Sverdrup+ zufällig dorthin und erbot sich gleich dazu, er überredete einen Vetter, als Maschinist mitzugehen, und diese Beiden wollten es übernehmen, das unsichere Fahrzeug, das noch Niemand auf größere Entfernungen versucht hatte, nach England zu führen, ja, +Sverdrup+ meinte, es sei ein wahrer Sport, aber dann, im letzten Augenblick, änderten die Unternehmer ihren Entschluß und ließen das Boot über die See bugsiren.
Während der letzten Jahre hat sich +Otto Sverdrup+ größtentheils auf dem Gute seines Vaters aufgehalten, der vor ungefähr 11 Jahren seinen Besitz in Bindalen verkauft und sich weiter südwärts auf Trana bei Stenkjär angesiedelt hatte. Hier beschäftigte er sich bald mit dem Einen, bald mit dem Andern, bald stand er dem Forstwesen, bald dem Flößen des Holzes vor, bald war er Schmied, bald ging er auf Fischfang aus, und überall war er der Erste. Sein liebster Zeitvertreib war es, in stürmischem Wetter in einem Nordlandsboot auszusegeln, wenn das Boot mit vierfach gerefften Segeln die schäumende Brandung durchschnitt, ganz so, wie es bei +Peder Daß+ heißt:
„Gebt acht auf die Schote! Schöpfkell in die Faust, das Auge im Wind, Stemmt gegen das Seil, seid schnell und geschwind,“ --
da gefiel +Sverdrup+ das Dasein.
Daß ein solcher Mann für eine Expedition wie geschaffen war, ist selbstverständlich. Durch sein bewegtes, vielseitiges Leben hatte er gelernt, sich in allen schwierigen Lagen zurechtzufinden. Stets war er ruhig, immer wußte er Rath. --
+Oluf Christian Dietrichson+ wurde am 31. Mai 1856 in Skogn bei Levanger geboren. Sein Vater war der Kreisarzt +Peder Wilhelm Krejdahl Dietrichson+ und seine Mutter +Canuta Pauline Ditlevine Due+. Er genoß eine strenge Erziehung und wurde früh zu männlicher Thätigkeit angehalten und an das Leben in freier Luft gewöhnt. Sein Schulweg bis Levanger, wo er bis 1873 die Schule besuchte, betrug fast eine deutsche Meile, später kam er ein Jahr auf Trondhjems Lateinschule und von dort nach Kristiania auf die Maribogadens-Schule, wo er bis 1876 blieb. Dann nahm er ein Jahr lang Privatstunden und wurde 1877 Kadett, als solcher kam er in die mittelste (die sogen. zweite) Klasse der damals aus fünf Klassen bestehenden Kriegsschule. Im Jahre 1880 wurde er zum Offizier, im Februar 1882 zum Seconde-Lieutenant und im Sommer 1890 zum Kapitän in der Trondhjemschen Brigade ernannt.
1886 wurde er Premier-Lieutenant in derselben Brigade.
In den Wintersemestern 1882-84 machte er die Centralturnschule in Kristiania durch und bildete sich zum Lehrer in der Gymnastik und Waffenführung aus; im Jahre 1887 wurde er als Hülfslehrer bei dieser Schule angestellt.
+Dietrichson+ hat sich sein Leben lang auf das eifrigste mit allen körperlichen Uebungen beschäftigt. Von Natur hat er einen starken, wohl proportionirten Körper, der durch gute Erziehung stets abgehärtet und entwickelt worden ist.
In den späteren Jahren hat er jeden Winter lange Schneeschuhtouren durch die verschiedenen norwegischen Berggegenden gemacht; er hat auf seinen Schneeschuhen fast alle Thäler zwischen Skien und Trondhjem durchwandert, und es giebt wohl kaum Jemand, der so viel von Norwegen zur Winterszeit gesehen hat, wie er.
Auf der Expedition gereichten uns die Kenntnisse, die er durch seine militärische Ausbildung erworben hatte, zu großem Nutzen. Er übernahm fast ausschließlich die Führung des meteorologischen Tagebuches, wie auch die ausgeführten Landmessungen und die angefertigten Karten sein Verdienst sind. Mit Selbstaufopferung und großem Eifer unterzog er sich dieser Arbeit, die um so anerkennenswerther ist, wenn man bedenkt, unter welchen Verhältnissen er arbeitete. Vollauf kann das wohl nur Derjenige verstehen, der es versucht hat, bei einer Temperatur von unter -30, seine Beobachtungen zu machen, und sein meteorologisches Tagebuch genau und pünktlich wie gewöhnlich zu führen, selbst wenn man todtmüde ist, und wenn von allen Seiten der Untergang droht, oder zu schreiben, wenn die Finger so von Frost angeschwollen sind, daß man kaum einen Bleistift halten kann. Ja, dazu gehört wahrlich mehr als das gewöhnliche Maß von Energie und Charakter! --
+Kristian Kristiansen Trana+ war nicht mehr als 24 Jahre alt, als er sich der Expedition anschloß. Dies ist freilich ein bedeutend geringeres Alter, als wie ich es zu dergleichen Strapazen für zweckmäßig halte, aber er war muthig und stark und hatte eine ganz außerordentliche Lust zu dem Unternehmen. Auf +Sverdrups+ Empfehlung hin besann ich mich deswegen nicht, ihn mitzunehmen. Ich sollte es auch nicht bereuen, obgleich er sein kräftigstes Alter sicher noch nicht erreicht hatte. Er wurde am 16. Februar 1865 in dem Oertchen Grinna geboren, ein wenig südlich von Trana, dem jetzigen +Sverdrup+schen Besitz. In seiner Heimath hat er sich hauptsächlich an Forstarbeiten betheiligt, außerdem ist er mehrmals zur See gewesen und hat infolgedessen ein wenig von der Welt gesehen. Er war ein tüchtiger, zuverlässiger Bursche, und wenn +Kristian+ versprochen hatte, irgend etwas auszuführen, so wußte ich stets, daß es gethan wurde. --
+Samuel Johannesen Balto+ ist ein in Karasjok ansässiger Lappe, er war 27 Jahre alt, als er sich auf die Expedition begab. Er war von mittlerer Größe und hatte eigentlich nichts ausgeprägt Lappländisches in seinem Aeußern. Er gehört zu den sogenannten Flußlappen, die gewöhnlich größer von Wuchs sind und stark mit Kvänen (Finnen) vermischt zu sein pflegen. Die meiste Zeit hatte er mit Forstarbeiten verbracht, mehrere Jahre hindurch war er aber auch mit auf Fischfang ausgezogen. Eine Zeitlang hatte er bei den Berglappen gedient und war beim Hüten der Rennthiere behülflich gewesen.
So war er u. a. eine kurze Zeit hindurch Knecht bei +Ravna+ gewesen. Er war ein lebhafter, aufgeweckter Bursche, eifrig bei allem, was er vornahm; er unterschied sich hierin wesentlich von seinem Kameraden +Ravna+. Dabei besaß er eine große Ausdauer und war stets bereit, bei allem zu helfen, wodurch er für uns von großem Nutzen wurde. Mit seiner fließenden Zunge und seinem gebrochenen Norwegisch war er auch im wesentlichen das erheiternde Element unserer Expedition. --
+Ole Nielsen Ravna+ ist ein Berglappe aus der Karasjokgegend und zählte 45 oder 46 Jahre, -- er war dessen selber nicht ganz sicher. Sein ganzes Leben lang hat er als Nomade in seinem Zelt gelebt, mit seinen Rennthieren auf den finnmarkischen Feldern umherziehend. Seine Rennthierherde war vor seiner Reise nach Grönland nicht sonderlich groß, -- sie zählte zwischen 200 und 300 Thiere. Er war der Einzige von der Expedition, der verheirathet war, -- er verließ seine Frau und fünf Kinder. Wie bereits vorhin erwähnt, hatte ich keine Ahnung davon, -- ich hatte als Bedingung aufgestellt, daß keiner der Theilnehmer verheirathet sein solle. Wie es die Berglappen in der Regel zu sein pflegen, war er bedeutend phlegmatischer als der jüngere Lappe, er sah es am liebsten, wenn wir uns nicht auf der Wanderschaft befanden, um mit gekreuzten Beinen still in einer Ecke des Zeltes sitzen zu können und nichts zu thun, nachdem er sich vorher gründlich vom Schnee gereinigt hatte. Selten sah man ihn etwas vornehmen, ohne daß er direkt dazu aufgefordert wurde. Er war sehr klein von Wuchs, aber überraschend stark und ausdauernd, obwohl er sich selbst und seine Kräfte stets zu schonen wußte. Er sprach, besonders zu Anfang der Reise, sehr wenig norwegisch, aber infolgedessen konnten seine Bemerkungen oft äußerst komisch klingen und große Heiterkeit hervorrufen. Er konnte nicht schreiben und hatte keinen Begriff von einer so modernen Einrichtung wie einer Uhr, lesen hingegen konnte er, und seine liebste Lektüre war das neue Testament in lappländischer Sprache, von dem er sich niemals trennen wollte.
Beide Lappen waren, wie sie selbst sagten, nur mitgegangen, um Geld zu verdienen, nicht aus Lust an dem Unternehmen oder an Abenteuern. Sie waren im Gegentheil äußerst bange vor dem Ganzen und ließen sich leicht einschüchtern, was ja kein Wunder ist, wenn man bedenkt, wie wenig sie von vorneherein über unsere Pläne unterrichtet waren. Daß sie nicht so unwissend zurückkehrten, kann man u. a. aus Baltos Aufzeichnungen ersehen, von denen auch späterhin einige mitgetheilt werden sollen.
Beide Lappen waren übrigens gutartige und liebenswürdige Menschen. Ihre Treue konnte oft etwas Rührendes haben, und ich habe sie mit der Zeit sehr lieb gewonnen.
Fußnoten:
[1] Am liebsten wollte ich bei dem unbekannten Scoresbyfjord weiter nordwärts landen. Dazu mußte man jedoch ein besonderes Fahrzeug miethen, und da es voraussichtlich Schwierigkeiten machen dürfte, die hierzu erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, habe ich diesen Plan vorläufig aufgegeben.
[2] Als Beispiel kann angeführt werden, daß dort im Sommer 1884 sehr wenig Eis war und die Seehundsfänger die Klappmützen beinahe hart am Lande fingen.
[3] Diese „+Truger+“ sind aus einem ovalen Holzrahmen gebildet und mit einem Weidengeflecht überspannt. Sie werden in Norwegen viel angewendet, selbst für Pferde.
[4] Auf meine Aufforderung hin schrieb Balto nach unserer Rückkehr den folgenden Bericht in lappländischer Sprache. Prof. +Fries+ hat freundlichst einige Theile davon übersetzt, und die Uebersetzung ist so wortgetreu wie möglich gehalten.
Kapitel II.
Die Ausrüstung.
Bei Expeditionen von einer Natur, wie die, von welcher hier die Rede ist, hängt selbstverständlich ein glücklicher Ausfall im wesentlichen von der Ausrüstung ab; ja in diesem besonderen Fall würde das Leben der Theilnehmer aufs Spiel gesetzt, wenn die Ausrüstung nicht so war, wie sie sein sollte. Ein Nagel oder eine Fuge, die ihren Zweck nicht erfüllen, können die ganze Expedition aufhalten, ja die allerernstlichsten Folgen nach sich ziehen. Jede noch so kleine Einzelheit muß gewissenhaft geprüft werden, und man darf weder Veränderungen noch Umstände scheuen, bis alles so vollkommen wie möglich ist. Das Ganze erfordert die bedachtsame Ueberlegung einer langen Reihe von Bagatellen, von deren Summe aber der Erfolg abhängig ist; es kann schwerlich zu viel Gewicht darauf gelegt werden. Viele der früheren Expeditionen sind meiner Ansicht nach zu leicht über diesen Punkt hinweggegangen.
Wie bereits erwähnt, war es ursprünglich meine Absicht, falls dies ausführbar sei, Hunde oder Rennthiere zum Ziehen zu benutzen. Der hierdurch entstehende Vortheil ist begreiflicherweise kein geringer, sobald man die Thiere erst glücklich an der Stelle hat, von wo aus die Schlittenfahrt ihren Anfang nehmen soll. Es ist von vielen erfahrenen Männern gesagt worden, daß sich Zugthiere nicht zu langen Schlittenexpeditionen eignen, da die Thiere -- sowohl Hunde wie Rennthiere -- nur Proviant für sich selber in einem bestimmten Zeitraum ziehen können. Ich verstehe indessen dies Raisonnement nicht, -- kann man die Thiere nicht den ganzen Weg benutzen, so steht man sich immerhin gut dabei, sie so lange wie möglich zu benutzen und dann zu schlachten.
Hat man eine genügende Anzahl Thiere -- Rennthiere oder Hunde -- und nimmt man so viel Proviant für sie mit, wie sie neben der übrigen Ausrüstung der Expedition ziehen können, so kann man mit ihrer Hülfe schnell vorwärts kommen, ohne sich wesentlich anzustrengen. Gleichzeitig hat man den Vortheil, daß man -- indem man die Thiere nach und nach schlachtet -- sich beständig frisches Fleisch zu verschaffen in der Lage ist. Auf diese Weise bedarf man auch keines so umfangreichen Proviants für sich selber, wie dies sonst nothwendig sein würde. Wenn man dann endlich gezwungen ist, die letzten Thiere zu schlachten, muß man voraussichtlich ein gutes Stück vorwärts gekommen sein, ohne an seinen eigenen Kräften zu zehren; nebenbei hat man den Vortheil, sich die ganze Zeit hindurch an frischem Fleisch satt essen zu können, was von großer Bedeutung ist, da man die Reise nun mit ungeschwächten Kräften fortzusetzen vermag. Mancher wird einwenden, daß dies nicht der Fall sein kann, wenn es sich um Hunde handelt, darauf kann ich aber nur antworten, daß ich aus Erfahrung weiß, welch guter Koch der Hunger ist, und daß Hundefleisch durchaus nicht unschmackhaft ist, -- die Eskimos halten es sogar für einen Leckerbissen, -- und daß Derjenige, der es unter Umständen wie den hier obwaltenden, nicht zu essen imstande ist, sich nicht als Theilnehmer einer Expedition dieser Art eignet.
Hätte ich gute Schlittenhunde auftreiben können, so würde ich sie unbedingt mitgenommen haben. Die Hunde haben nämlich den großen Vortheil vor den Rennthieren, daß sie bedeutend leichter zu transportiren und nicht schwer zu füttern sind, sie ernähren sich von demselben Proviant wie wir, während die Rennthiere ihren eigenen Proviant haben müssen, der im wesentlichen aus Rennthiermoos besteht, und umfangreich und schwer ist. Es war mir indessen nicht möglich, in der kurzen Zeit, die mir zugemessen war, brauchbare Hunde aufzutreiben, deswegen mußte ich den Gedanken aufgeben. Dann dachte ich an Rennthiere, schrieb deswegen nach Finnmarken, versah mich sogar in Röros mit Rennthiermoos. Aber dann stellte es sich heraus, daß mit ihrer Verfrachtung große Schwierigkeiten verbunden waren, und daß es noch größere Schwierigkeiten machen würde, sie in Grönland an Land zu schaffen. Ich gab deshalb auch die Rennthiere auf und hielt mich nun ausschließlich an die Menschen.
Wenn man jedes Stückchen Brot, welches man essen will, selbst ziehen muß, da ist es ganz natürlich, daß man alles so leicht wie möglich einzurichten sucht; der Proviant, die Geräthschaften, die Kleidung, alles muß auf das geringste Minimum reduzirt werden. Wenn man mit einer solchen Ausrüstung beschäftigt ist, so kommt man schließlich ganz unbewußt dazu, den Werth aller Dinge nach ihrem Mangel an Gewicht zu berechnen, ja selbst wenn es sich nur um ein Taschenmesser handelt, kommt es vor allem darauf an, daß es leicht ist. Man muß sich aber auch hüten, in der Jagd nach Leichtigkeit allzuweit zu gehen, -- die Geräthschaften müssen +stark+ sein, denn sie sollen manche harte Probe bestehen. Die Kleidung muß +warm+ sein, Niemand weiß, wie kalt es wird, und der Proviant muß nahrhaft sein und aus verschiedenen Nahrungsmitteln in passendem Verhältniß bestehen, denn uns steht ein schweres Stück Arbeit bevor, weit schwerer als es sich wohl einer der Theilnehmer träumen läßt.
Das Wichtigste bei einer Schlittenexpedition ist natürlich +der Schlitten+. Da im Laufe der Zeiten, besonders von England aus, so viele Schlittenexpeditionen nach den arktischen Regionen veranstaltet sind, so sollte man annehmen, daß der Schlitten auf Grund der auf diese Weise gewonnenen Erfahrungen einen hohen Grad der Entwickelung angenommen haben müsse. Das ist nun freilich nicht der Fall, und man kann sich nicht genug wundern, daß Expeditionen so neuen Datums, wie z. B. die zweite deutsche Nordpolexpedition 1869-70 (nach der Ostküste von Grönland), die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition 1872-74 (nach dem Franz Josef-Land) oder selbst die große englische Nordpolexpedition unter +Nares+ 1875-76 (nach dem Smith Sund) mit so großen, klotzigen, unzweckmäßigen Schlitten ausgerüstet wurden, wie dies der Fall war. Weit besser stand es in dieser Beziehung mit den beiden letzten amerikanischen Expeditionen (1881-84) und derjenigen, die im Jahre 1884 unter +Schley+ und +Soleys+ Leitung zu +Greelys+ Entsatz ausgesandt wurde.
Der gewöhnliche Fehler bei den Schlitten der verschiedenen Expeditionen bestand darin, daß sie zu schwer und zu klotzig gebaut und viel zu groß waren. Wenn man dazu in Betracht zieht, daß sie gewöhnlich viel zu schmale Schienen hatten, so wird es leicht zu verstehen sein, daß sie tief in den Schnee einsanken und oft nur mit größter Schwierigkeit vorwärts zu bewegen waren. Einzelne Expeditionen gebrauchten wohl die in Amerika üblichen toboggans, die aus einem einzigen, vorn erhöhten Brett bestehen. Sie sind gewöhnlich aus Birkenholz oder dergl. und haben eine Länge von 2,5 ~m~ und eine Breite von 46 ~cm~ oder mehr.
Wir finden diese Schlitten schon im Anfange unsres Jahrhunderts zu Expeditionen benutzt, -- beispielsweise führte +Franklin+ solche auf seiner ersten Expedition mit sich. Der englische Reisende ~Dr.~ +Rae+ und nach ihm +Greely+ wandten ähnliche, auf beiden Seiten mit ganz schmalen und niedrigen Schienen versehene Schlitten an. Es ist ganz selbstverständlich, daß diese Schlitten sich bei losem Schnee gut auf der Oberfläche halten und sich zu einer solchen Bahn vorzüglich eignen, wenn aber der Schnee ein wenig härter ist, geben sie doch eine zu starke Reibung und sind dann schwer zu ziehen.
Auf den Gedanken, die Schlitten auf breite Schienen zu stellen, sind merkwürdigerweise nur sehr wenige Expeditionen gekommen.
+Payer+ sagt freilich in seinem Buch über die österreichisch-ungarische Expedition, „daß breite Schlittenschienen den Marsch durch tiefen Schnee sehr erleichtern“. Er meint damit Schienen von 2¾ Zoll Breite, -- was für uns Norweger etwas ganz Natürliches ist, da wir von alten Zeiten her an die „Skikjälker“ gewöhnt sind. Es sind dies kleine Schlitten, die auf breiten, den Schneeschuhen (Ski) ähnlichen Schienen ruhen und in vielen Gegenden Norwegens von den Schneeschuhläufern sowohl im Walde wie im Gebirge angewendet werden, um Lasten wie Heu, Holz und dergl. zu befördern. Sie werden an einem Seil gezogen, aber durch eine an der Seite befestigte Stange gelenkt, was sehr wichtig ist, um die „Kjälker“ zu verhindern, die Schneeschuhläufer zu überfahren, wenn es in sausender Fahrt den Berg hinabgeht. Die „Skikjälker“ sind über Schweden und Finnland bis nach Sibirien hin verbreitet.[5]
Dieser Kjälke schwebte mir bei der Konstruktion des Schlittens vor, der von uns zur Anwendung gelangte. Derselbe verband die Eigenschaften, die bei einem Schlitten als die wichtigsten betrachtet werden müssen, -- er war stark, leicht, hielt sich gut auf der Oberfläche und glitt leicht über den Schnee hin, gleichviel wie derselbe beschaffen war. Außer den norwegischen „Kjälkern“ hatte mir auch der Schlitten vorgeschwebt, der in der +Greely+-Expedition beschrieben war und dessen sich die Expedition bediente, welche ausging, um +Greely+ zu suchen.[6]