Auf Schneeschuhen durch Grönland. Erster Band
Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1898 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden, mit Ausnahme norwegischsprachiger Ortsbezeichnungen ('Österdalen', 'Österbygd'), als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt.
Die Fußnoten wurden an das Ende des jeweiligen Kapitels verschoben.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~
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Auf Schneeschuhen durch Grönland.
Von
Dr. Fridtjof Nansen.
Autorisirte deutsche Uebersetzung von M. Mann.
Zweite Ausgabe.
Mit 159 Abbildungen und 4 Karten.
Erster Band.
Hamburg.
Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft
(vormals J. F. Richter).
1898.
Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals J. F. Richter) in Hamburg.
Inhalt.
Seite
Kap. I. Einleitung 1
II. Ausrüstung 30
III. Das Schneeschuhlaufen, die Entwickelung und die Geschichte dieser Kunst 74
IV. Von Norwegen nach Island 132
V. Reise von Island zum Klappmützenfang 163
VI. Die Klappmütze (~Cystophora Cristata~) 182
VII. An Bord des Jason 200
VIII. Gegen Land. -- Das Treiben im Eise 225
IX. Wir treiben weiter durch das Eis 244
X. Historische Uebersicht über frühere Versuche, den Eisgürtel auf Grönlands Ostküste zu durchdringen etc. 267
XI. Nordwärts an der Ostküste entlang. Zusammentreffen mit Eskimos 307
XII. Ein Eskimolager 326
XIII. Weiter nordwärts an der Küste entlang 358
XIV. Neues Zusammentreffen mit Eskimos. Zwischen Eisbergen 379
Kapitel I.
Einleitung.
Es war im Sommer 1882, als ich an Bord des norwegischen Seehundfängers „+Viking+“ unter dem noch unbekannten Theil der grönländischen Ostküste (auf dem 66° 50′ N. B.) im Eise stecken blieb. 24 Tage lagen wir dort fest, und mit jedem Tage wurden wir zum Entsetzen der Besatzung der felsigen Küste näher getrieben. Die Berggipfel und Gletscher dort hinter dem Treibeise lagen am helllichten Tage da und glänzten. Am Abend und zur Nachtzeit, wenn die Sonne sie bei ihrem Rundgang berührte und den Horizont hinter ihnen in ein Feuermeer verwandelte, trat ihre wilde Schönheit noch mehr hervor. Daß das Fernrohr vom Großmast aus mehr als einmal am Tage gen Westen gerichtet wurde, und daß diese ganze unbekannte Welt meine junge Seele zu sich hin zog und lockte, ist wohl kaum zu verwundern. Unablässig grübelte ich darüber nach, +wie+ diese Küste zu erreichen sei, die so Viele vergebens gesucht haben, und ich kam zu dem Resultat, +daß+ sie zu erreichen sei, wenn nicht +durch+ das Eis vermittels eines Schiffes -- wie man das früher versucht hatte --, so doch +über+ dasselbe, und zwar indem man Boote hinter sich herzog. Ich wollte sogar gleich einen Versuch machen und allein über das Eis an Land spazieren. Dies Vorhaben scheiterte jedoch an dem Kapitän, der es unter den obwaltenden Verhältnissen nicht verantworten zu können glaubte, daß irgend Jemand das Schiff auf längere Zeit verließ.
Nach meiner Heimkehr schrieb ich infolge einer Aufforderung einen Artikel in der „Geografisk Tidsskrift“ (7. Band, S. 76), in welchem ich meine Vermuthung aussprach, daß sich Grönlands Ostküste ohne Schwierigkeiten würde erreichen lassen, indem man mit einem norwegischen Seehundfänger so weit wie möglich vordränge, das Schiff dann verließe und sich über das Eis an Land begäbe. Daß mir schon damals der Gedanke vorschwebte, in das Innere des Landes vorzudringen, läßt sich also nicht leugnen, -- dieser Gedanke gewann jedoch erst bei einer späteren Gelegenheit feste Gestalt.
Es war an einem Herbstabend im darauf folgenden Jahre -- also 1883 --, ich erinnere mich dessen, als sei es gestern gewesen. Ich saß und hörte gleichgültig zu, wie aus den Zeitungen vorgelesen wurde. Da fesselte meine Aufmerksamkeit plötzlich ein Telegramm, welches berichtete, daß Nordenskjöld glücklich von seiner Expedition nach Grönlands Innerem zurückgekehrt sei, daß er keine Oasen, sondern nur endlose Schneefelder gefunden habe, auf welchen seine beiden Lappen in kurzer Zeit eine unglaubliche Strecke zurückgelegt und sich äußerst günstig über die Schneeschuhbahn geäußert haben sollten. Der Gedanke, Grönland auf Schneeschuhen von einer Küste bis zur anderen zu durchdringen, durchzuckte mich wie ein Blitz. Der Plan war fertig, so wie er später vorgelegt und ausgeführt wurde.
Mein Plan war in aller Kürze der folgende: Wenn man eine Expedition kräftiger Schneeschuhläufer auf zweckmäßige Art ausrüstete, so mußten diese im stande sein, Grönland zu durchqueren, falls sie von der richtigen Seite anfingen; dieser letzte Punkt aber war von großer Wichtigkeit.
Fing man, wie alle früheren Expeditionen, von der Westküste an, so konnte man sicher sein, nicht durchzudringen. Man würde in dem Falle die Fleischtöpfe Aegyptens hinter sich haben, während man vor sich nur die unbekannte Eiswüste und die Ostküste hatte, die nicht viel besser ist. Und selbst für den Fall, daß man durchdrang, hatte man einen ebenso langen Weg zurückzulegen, um wieder in die Heimath zu gelangen.
Der einzig sichere Weg war meiner Meinung nach, durch das Treibeis vorzudringen, an Grönlands öder, eisbedeckter Ostküste zu landen und sich von hier aus nach der bewohnten Westküste zu begeben. Auf diese Weise brach man alle Brücken hinter sich ab, man hatte nicht nöthig, die Mannschaft vorwärts zu treiben, -- die Ostküste würde kaum einen Einzigen zur Umkehr verlocken, während vor uns die Westküste lag, die uns mit allen Annehmlichkeiten der Civilisation winkte und zu sich zog. Da war keine Wahl, -- nur vorwärts! Die Parole würde lauten: Der Tod oder Grönlands Westküste.
Im folgenden Jahr setzte ich meinen Plan einem Bekannten in Dänemark brieflich auseinander und machte den Vorschlag, eine dänisch-norwegische Expedition nach der Ostküste Grönlands zu unternehmen. Die Dänen sollten die Ostküste untersuchen, während sich die Norweger auf Schneeschuhen über das Inlandseis nach der Westküste begaben.
Dieser Vorschlag führte jedoch zu keinem Resultat, und da ich anderweitig stark in Anspruch genommen war, ruhte die Sache während einiger Jahre. Erst im Herbst 1887 faßte ich den Entschluß, meinen Plan allen Ernstes wieder aufzunehmen. Meine ursprüngliche Absicht war es, die Expedition mit Privatmitteln auszuführen, als ich aber von verschiedenen Seiten dringend aufgefordert wurde, die norwegische Universität um die nöthigen Mittel zu ersuchen, um der Expedition dadurch ein öffentliches, nationales Gepräge zu verleihen, willigte ich ein und reichte ein Gesuch um 5000 Kronen zu der Ausführung einer Reise nach diesem Plan an die Universität ein.
Das Gesuch wurde auf das kräftigste von dem akademischen Kollegium unterstützt und der Regierung übersandt, damit diese die Sache in Erwägung ziehen und das Gesuch auf reguläre Weise als Regierungsvorschlag an das Storthing weiter befördern sollte. Von der Regierung erhielt ich indessen die Antwort, daß man nicht glaube, auf den Vorschlag eingehen zu können, und in den regierungsfreundlichen Organen hieß es sogar, daß man keinerlei Grund habe, das norwegische Volk die große Summe von 5000 Kronen bezahlen zu lassen, damit ein Privatmann eine Vergnügungsreise nach Grönland unternehmen könne. Die Meisten, die von meinem Plan hörten, hielten ihn für den reinsten Blödsinn, -- ich müsse entweder nicht bei meinen fünf Sinnen oder doch mindestens lebensüberdrüssig sein, -- was denn in Grönlands Innerem zu holen sei? Glücklicherweise war eine Unterstützung seitens der Regierung oder anderer keine Nothwendigkeit für mich, denn ich erhielt von einem Manne in Kopenhagen das Anerbieten, mir die Summe, um welche ich eingekommen war, auszubezahlen. Dieser Mann war der Etatsrath +Augustin Gamél+, der sich schon durch die Ausrüstung der +Dijmphna+-Expedition um die arktische Forschung verdient gemacht hatte. Dies Anerbieten von einem Ausländer und einem mir persönlich unbekannten Manne, zu einer Expedition beizutragen, welche von den Meisten für Wahnsinn erklärt wurde, erschien mir so edelmüthig, daß ich mich keinen Augenblick besinnen konnte, es anzunehmen.
Erst im Januar 1888 trat ich in einem Artikel in der norwegischen Zeitschrift „Naturen“, betitelt „Grönlands Inlandsis“, mit meinem Plan an die Oeffentlichkeit. Nachdem ich u. a. die zahlreichen früheren Versuche, in das Innere Grönlands vorzudringen, erwähnt hatte, sage ich:
„Mein Plan ist in aller Kürze der folgende: Mit drei bis vier der besten, ausdauerndsten Skiläufer, die aufzutreiben sind, beabsichtige ich, mich anfangs Juni mit einem der norwegischen Seehundsfangfahrzeuge von Island aus nach Grönlands Ostküste zu begeben und ungefähr beim 66° N. B. zu versuchen, mich so weit wie möglich der Küste zu nähern.[1]
Kann das Fahrzeug das Land nicht erreichen, was jedoch nach den von den Seehundsfängern gemachten Erfahrungen, die sich häufig dieser Küste genähert haben,[2] nicht unwahrscheinlich ist, -- so verläßt die Expedition das Fahrzeug, sobald dies der Küste so nahe wie möglich gekommen ist, und begiebt sich über das Eis an Land. Um über das offene Wasser zu gelangen, das sich voraussichtlich in der Nähe der Küste befindet, zieht man ein leichtes Boot auf Schienen hinter sich her über das Eis. Daß eine solche Fahrt über das Treibeis möglich ist, glaube ich auf Grund früherer Bekanntschaft mit demselben annehmen zu können. Im Jahre 1882 machte ich nämlich mit dem Seehundsfänger „Viking“ aus Arendal eine Reise in diese Gegend, und wir saßen im Juni an der Ostküste von Grönland im Eise fest. 24 Tage hindurch trieben wir an der Küste, an welcher ich jetzt an Land zu gehen gedenke, entlang, und ich hatte während der Zeit auf meinen zahlreichen Wanderungen und Jagdausflügen reichliche Gelegenheit, Bekanntschaft mit der Beschaffenheit des Eises und den Schneeverhältnissen zu machen, wie wir auch auf unserer Reise häufig infolge plötzlicher Einklemmungen gezwungen waren, unsere Boote lange Strecken über die Eisschollen zu ziehen. -- Auf diese Weise glaube ich also das Land erreichen zu können. Am liebsten würde ich es sehen, wenn dies ein wenig nordwärts von Kap Dan geschehen könnte, da die Küste hier noch nicht von Europäern bereist ist und schon an der Küste vielerlei von Interesse zu untersuchen sein würde. Weiter südwärts dagegen ist die Küste verhältnißmäßig bekannt, da die dänische Frauenboots-Expedition unter Kapitän +Holms+ Leitung im Jahre 1884 bis zu einem etwas nördlich von Kap Dan gelegenen Punkt vordrang und in Angmagsalik, einer Kolonie heidnischer Eskimos, etwas südlich von dem genannten Vorgebirge, überwinterte. Nachdem wir die Untersuchungen an der Küste gemacht haben, die sich ohne große Zeitvergeudung ausführen lassen, treten wir sobald wie möglich die Wanderung über das Inlandseis an. Gelangt die Expedition nördlich von Kap Dan ans Land, so beginnen wir unsere Wanderung am Ende eines der dort belegenen Fjorde; landen wir dagegen südlicher, so müssen wir uns in den tiefen Sermilikfjord begeben, um von hier aus auf das Eis zu kommen.
Die Expedition versucht gleich so hoch wie möglich auf eisfreies Terrain zu gelangen, selbst wenn die Steigung hier bedeutend stärker sein sollte als auf den Gletschern; hierdurch hat man nämlich den Vortheil, daß man, wenn es sich endlich als nothwendig zeigt, auf das Eis zu gehen, voraussichtlich flacheres und ebeneres Eis finden und gleichzeitig das schlimmste Gletschereis vermeiden wird, das uns durch seine Unebenheiten und Spalten nicht geringe Gefahren und Hindernisse in den Weg legen kann. Auf das Eis gekommen, richtet die Expedition ihren Kurs auf Christianshaab an der Diskobucht, und sucht diesen Ort baldmöglichst zu erreichen. Indem man sich nach der Diskobucht begiebt, statt eine südlichere Richtung einzuschlagen, hat man auf der einen Seite den Vortheil, daß man auf dem nördlicheren Wege voraussichtlich eine bessere Schneeschuhbahn finden wird, und auf der anderen Seite den, daß man an der Diskobucht, wo keine tiefen Fjorde in das Land einschneiden, verhältnißmäßig leicht bewohnte Orte antreffen wird, da die vor der Küste belegene Diskoinsel mit ihren etagenförmigen Basaltklippen vom Inlandseise aus gesehen einen guten Wegweiser abgeben dürfte, um von dort mit Leichtigkeit nach einer der beiden Kolonien Jakobshafen oder Christianshaab zu gelangen, die ungefähr einen halben Grad voneinander entfernt an der Diskobucht liegen.
Die Entfernung von der Ostküste, wo ich zu landen gedenke, bis zu der Diskobucht beträgt ungefähr 670 ~km~; wenn man nun rechnet, daß man täglich 20-30 ~km~ zurücklegen kann, was für Schneeschuhläufer sehr mäßig gerechnet ist, so wird die Reise nicht über einen Monat währen; nimmt man aber Proviant für die doppelte Zeit mit, so scheint alle Wahrscheinlichkeit für einen glücklichen Ausgang vorhanden zu sein.
Der Proviant muß auf Schlitten gezogen werden. Außer den gewöhnlichen Schneeschuhen (+Ski+) denke ich eine andere Art Schneeschuhe (+Truger+)[3] mitzunehmen, die dort, wo der Schnee weich und naß ist, zweckmäßiger sind.
Neben dem Proviant für ungefähr zwei Monate, sowie den verschiedenen Arten von Schneeschuhen sollen ferner die nothwendigen Instrumente zur Ortsbestimmung etc. etc. mitgenommen werden.“
Daß gegen einen Plan wie diesen auch in der Presse mehr oder weniger kräftige Einwendungen erhoben wurden, ist ja nicht zu verwundern; sie zeichneten sich jedoch durchgehend dadurch aus, daß sie auffallende +Unkenntniß+ der Eis- und Schneeverhältnisse sowie der Passage über die Eis- und Schneefelder verriethen.
Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier einige kleine Auszüge aus einem Vortrag wiederzugeben, der von einem jungen dänischen Grönlandsfahrer in Kopenhagen gehalten und in der dänischen Zeitschrift „Neue Erde“ (~Ny Jord~) im Januar 1888 abgedruckt worden ist. Da heißt es u. a.:
„Andere Pläne sind nicht weiter als bis auf das Papier gelangt, so z. B. der Vorschlag in einem Ballon quer über das Inlandseis zu gehen, der schon Ende des vorigen Jahrhunderts gemacht wurde. Zu der letzten Klasse von Vorschlägen, die bis dahin nur bis auf das Papier gelangten, gehört auch derjenige, der von dem nordischen Zoologen, dem Konservator an dem Museum zu Bergen, +Fridtjof Nansen+ gemacht ist.“ -- -- --
„Es ist sehr viel, was für den Grundgedanken in +Nansens+ Expedition spricht, sowohl daß er sich von der Ostküste nach dem civilisirten Theil Grönlands hinüberzubegeben gedenkt (statt umgekehrt), als auch, daß er als tüchtiger Skiläufer Ski als Beförderungsmittel benutzen will. Aber mit dieser Anerkennung der Grundgedanken des Planes muß auch für Jeden, der etwas von den Verhältnissen kennt, die Anerkennung aufhören. Schon die Art und Weise, wie +Nansen+ die Ostküste zu gewinnen gedenkt, indem er nämlich die sichere Schiffsplanke verlassen und gleich einem Eisbären von einer schaukelnden Eisscholle auf die andere wandern will, bis er das Ufer erreicht hat, ist ja so dummdreist, daß man nicht weiß, was man dazu sagen soll.
Jedoch den Fall gesetzt, das Glück wäre dem Kühnen hold und +Nansen+ erreichte die Ostküste Grönlands, was will er dann anfangen, um das eigentliche, ebene Inlandseis zu erreichen, -- mit anderen Worten, wie will er über den äußeren Rand des Inlandseises gelangen, wo Fels auf Fels aus der Eisdecke emporragt und diese aller Wahrscheinlichkeit nach an den meisten Stellen unpassirbar macht.“ -- -- --
„+Nansens+ Plan, gerade die steilen Küstenfelsen zu erklimmen und von dort auf das aufgedämmte hohe Eisfeld zu spazieren, verräth deshalb eine vollständige Unkenntniß der Verhältnisse.“ -- --
-- -- „Mit dem, was man vom Außenlande sehen kann, hört meine Erfahrung auf, und ich kann deswegen nicht darauf eingehen, den Plan zu kritisiren, der darauf ausgeht, den inneren Theil des Inlandseises zu passiren, und eine genügende Menge Proviant mit sich zu führen, -- ich glaube übrigens, daß sich dieser Plan möglicherweise ausführen ließe, falls +Nansen+ wirklich über den ersten Rand des Eises gelangen könnte.
Auf etwas ganz anderes dagegen halte ich mich für verpflichtet und berechtigt in der vorliegenden Angelegenheit aufmerksam zu machen: nämlich, daß meiner Ansicht nach Niemand das moralische Recht hat, durch Wagnisse, die nur eine geringe Aussicht haben, zu irgend welchem Resultat zu führen, die Eskimo-Einwohner Ostgrönlands zu belästigen, indem man von ihnen verlangt, daß sie Einem aus der Klemme helfen, in die man sich selber ohne jeglichen Zweck hineinbegeben hat. Es kann nämlich für uns Wenige, die etwas von den Verhältnissen im dänischen Ostgrönland kennen, kein Zweifel darüber sein, daß man, -- so wie +Nansens+ Plan entworfen ist, falls nicht das Schiff die Küste erreicht und auf ihn wartet, bis er gezwungen ist, seinen Plan aufzugeben, -- zehn gegen eins wetten kann, daß +Nansen+ entweder sein Leben und vielleicht das Anderer, ohne allen Zweck aufs Spiel setzt oder auch, daß er von den Eskimos aufgenommen und von diesen an der Küste entlang bis zu den dänischen Stationen an der Westküste geführt wird. Niemand aber hat das Recht, die Ostgrönländer ohne Zweck zu einer langen und für sie verderblichen Reise zu veranlassen.“ -- -- --
Diese Artikel waren sicher in bester Absicht geschrieben, aber sie geben doch ein klares Beispiel, welche fast abergläubische Angst viele Menschen -- und darunter selbst Sachverständige und Autoritäten -- vor dem Inlandseise und vor einer Passage über die Schnee- und Eisfelder bis vor ganz kurzem empfunden haben müssen. Der Verfasser des oben erwähnten Artikels hatte sich selber mehrere Jahre lang am Rande des Inlandseises aufgehalten, aber niemals war ihm der Gedanke gekommen, einen kleinen Spaziergang über diesen Rand hinaus zu machen. Er würde sicher schon bei den ersten Schritten viele seiner groben Irrthümer eingesehen haben und sich darüber klar geworden sein, „was eine völlige Unkenntniß der Verhältnisse“ bedeute.
In einem anderen wenn möglich noch weniger sachkundigen Artikel hieß es, daß wenn Nansen selber so verrückt sein wolle, so etwas zu wagen, er doch sicher nicht einen einzigen Menschen mit sich bekommen würde, und allein könne er das Wagniß doch nicht unternehmen!
Auch in der englischen Presse erschienen mehrere Artikel gegen die Expedition.
Aber trotz aller dieser warnenden Stimmen und trotz der allgemeinen Ansicht, daß das Ganze eine Tollheit sei, fanden sich doch genug Menschen, die sich daran betheiligen wollten. Ich erhielt über 40 Gesuche von Leuten in den verschiedensten Stellungen. -- Da waren Offiziere, Pharmaceuten, Kaufleute, Bauern, Seeleute, Studenten etc. etc. Und außerdem waren noch Viele da, die kein direktes Gesuch einreichten, die aber sagten, daß sie mehr als gerne mitwollten, und daß sie sich melden würden, wenn sie wüßten, daß es ihnen nützen könne. Es waren auch nicht allein Norweger, sondern aus Dänemark, Frankreich, Holland und England liefen gleichfalls Gesuche ein.
Ich konnte indessen nur Leute gebrauchen, die mit dem Schneeschuhlaufen vertraut und die als energische ausdauernde Menschen bekannt waren. Ich wählte folgende Norweger: +Otto Sverdrup+, früheren Schiffskapitän, +Oluf Dietrichson+, damals Premier-Lieutenant, jetzt Kapitän bei der norwegischen Infanterie, und +Kristian Kristiansen Trana+, einen norwegischen Bauernburschen. Da ich ursprünglich die Absicht hatte, Rennthiere mitzunehmen, und da ich glaubte, Nutzen aus dem angeborenen Ortssinn der Naturvölker, sowie ihrer Gabe, sich in alle möglichen Lagen des Lebens zu finden, ziehen zu können, so schrieb ich an ein paar mir empfohlener Männer in Finnmarken und fragte an, ob sie mir ein paar Berglappen verschaffen könnten, die geneigt seien mitzukommen. Ich fügte hinzu, daß es muthige Leute sein müßten, bekannt als besonders ausdauernd und geeignet, sich auf unbekanntem Terrain zurecht zu finden; auch müßten sie von vorneherein völlig über die gefahrvolle Natur des Vorhabens unterrichtet sein, es müsse ihnen eingeschärft werden, daß ebenso viel Aussicht vorhanden sei, daß sie nicht zurückkehrten, als daß sie ihre Heimath glücklich wieder erreichten, -- ferner müßten es unverheirathete Leute in einem Alter zwischen 30 und 40 Jahren sein, da ich glaube, daß Körper wie Geist in dem Alter am widerstandfähigsten und geeignetsten für ein solches Unternehmen seien.
Es währte lange, ehe Antwort auf meine Vorfrage kam, -- die Post gelangt nicht schnell zu den Bewohnern Finnmarkens, -- nur alle vierzehn Tage kommt sie mittels einer Rennthierpost über das Gebirge zu ihnen. Endlich als die Zeit bereits drängte, erhielt ich die Antwort, ich könne zwei tüchtige Kerle aus Karasjok bekommen, wenn ich gut bezahlen wolle. Ich ging so ungefähr auf ihre Forderungen ein und telegraphirte, daß sie baldmöglichst kommen müßten. Dann erhielt ich die Nachricht, sie seien unterwegs und würden den und den Tag eintreffen, -- ich war natürlich sehr gespannt darauf, sie zu sehen. An einem Sonnabend Abend wurden sie erwartet. Es waren Leute am Bahnhof, um sie in Empfang zu nehmen und sie in ihr Logis zu führen. Aber keine Lappen kamen. Auch am Sonntag kamen sie nicht. Niemand konnte begreifen, was aus ihnen geworden war; endlich am Montag hieß es, nun seien sie angekommen. Und wirklich, sie waren gekommen, -- mit dem gemischten Güterzug statt mit dem Eilzug. Ich eilte nach ihrem Logis und kam in ihr Zimmer, -- mitten in demselben stand ein junger, hübscher Mann mit einem beinahe mehr finnischen als lappländischen Aussehen, hinten in einer Ecke saß ein alter Mann mit langem, schwarzem Haar, das ihm über die Schultern hing; er war klein von Wuchs, sah aber noch kleiner aus, wie er da zusammengekrochen auf einer Kiste saß. Er hatte ein stärkeres lappländisches Aeußere als der Junge. Auf ihn paßte völlig die Beschreibung, die +Peder Daß+ (1685) von den Lappen giebt:
Das Volk, das ist von ganz eigner Natur, Kurzbeinig im Wuchs und von kräft’ger Statur, Es gleicht auf ein Haar den Zwergen.
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Mit klugem Aug, das gar scharf weiß zu schau’n, Von Antlitzfarbe ganz gelblich und braun, Spitzkinnig mit länglichen Kiefern.
Als ich eintrat, neigte er den Kopf und kreuzte die Arme auf morgenländische Weise, -- der Junge grüßte auf ganz gewöhnliche Art. Der Alte konnte nur wenig Norwegisch, deshalb mußte ich mit dem Jungen sprechen. Ich fragte, ob sie sich wohl befänden, und weshalb sie mit dem langsamen Zuge gekommen seien. Ja, sie hätten es nicht besser gewußt, und dann sei es mit dem Zuge ein paar Kronen billiger gewesen.