Auf Großtierfang für Hagenbeck
Part 6
Bei meiner Ankunft an Petersens altem Standlager hatte ich mehrere Male bei den Dorfältesten der umliegenden Ortschaften den Wunsch geäußert, einige Exemplare der dort häufig vorkommenden Hundsaffen (~Papio cynocephalus L.~) lebend zu bekommen. Nichts konnte den Schwarzen willkommener sein, als mir diesen Wunsch zu erfüllen. War ihnen doch damit nicht nur die Gelegenheit geboten, die frechsten Diebe ihrer Hirsepflanzungen zu bestrafen, sondern es winkte ihnen noch der Vorteil, für das unverschämte Gesindel bare Münze zu bekommen. Als ich nun diesmal am oberen Tierlager anlangte, mußte ich trotz meiner traurigen Stimmung herzlich lachen über den komischen Anblick, der mich da erwartete. Überall standen Körbe mit grunzenden und schreienden, sich wie toll gebärdenden Pavianen. Die Neger hatten sie in Netzen gefangen und einzeln oder zu mehreren in hohen Stabkörben herbeigebracht. Gerade kam wieder eine Karawane mit diesen Unholden an. Sie wurden in ihren Käfigen mit Tragstangen herbeigeschleppt. Da diese Käfige weder solide noch praktisch waren, so mußte ich alle Affen umquartieren; dabei entwischte uns mindestens ein Dutzend, die aber beim Lager blieben, weil sie da reichlich Futter fanden. Sie schwatzten unaufhörlich mit ihren gefangenen Kameraden, so daß der Lärm und der Unfug, den die ausgebrochenen Biester machten, unerträglich wurde. Außerdem kam zu meinem Entsetzen immer neue Zufuhr, und bald hatte ich über 100 Stück beisammen. Etwa 80 davon bevölkerten später den Affenfelsen des Stellinger Tierparkes. Nachdem die Affen alle untergebracht waren, ging am nächsten Tage frühmorgens der Abtransport dieses Tierlagers nach dem Rufidji los, wo der Dampfer nach Übereinkunft an einem bestimmten Platze anlegen sollte. Trotz der großen Anzahl von aufgebotenen Trägern wurde es nachts drei Uhr, bis das letzte Stück an Ort und Stelle war. Wir hatten als Weg zum Fluß einen Flußpferdwechsel benutzt und die schweren Tiere auf dem entliehenen Karren hinuntergebracht. Bevor ich den Unglücksplatz verließ, besuchte ich das Grab meines armen Freundes Petersen, durchlebte in Gedanken nochmals die schrecklichen Augenblicke und nahm stillen Abschied von ihm.
Die letzte Karrenladung bestand aus meinen persönlichen Effekten; ich folgte zu Fuße nach. Dabei wurde mir klar, wie mühselig der Transport der Tiere mit diesem Karren bei dem fürchterlich schlechten Wege gewesen sein muß und warum meine Leute so lange Zeit dazu gebraucht hatten: Zur Regenzeit, wenn der Boden weich ist, treten die schweren Flußpferde tiefe Löcher in den Boden, so daß der Weg sehr holperig und uneben wird. Der vor mir fahrende Karren schwankte beständig hin und her und drohte mehr als einmal umzukippen.
Am Flusse ließ ich mein Zelt unter einem Mangobaum aufschlagen, und meine Schwarzen besorgten das nötige Futter für die Tiere, wie Mais, Kürbisse, Süßkartoffeln, Hirse, Mangos und Bananen. Ich erhielt alles aus den nächsten Dörfern gegen Bezahlung prompt geliefert. Da an dieser Stelle der Fluß ein ziemlich hohes Ufer hat, ließ ich zum Einschiffen eine schiefe Ebene nach dem Wasser bauen. Während dieser Arbeit bemerkte ich eine von den Zweigen des Mangobaumes herabhängende, in herrlichem Grün schillernde Schlange. Sie glitt vom Zweige auf den Boden, und mit raschem Griff konnte ich sie am Genick fassen und in eine leere Blechdose stecken. In Hamburg erfuhr ich später, daß sie zur giftigsten ihrer Sippe gehörte. Als der Dampfer mit seinen beiden Leichtern am Einladeplatz anlegte, ging die Verladung infolge der vorhandenen schiefen Ebene ziemlich rasch vonstatten, da wir bis spät in die Nacht hinein bei hellem Mondschein arbeiten konnten. Am nächsten Morgen fuhren wir an die zweite Einladestelle bei Utete, wo die Flußpferde und die anderen Tiere an Bord genommen wurden. Beim Überzählen der Tiere fehlte ein Wasserbock, der nach der Aussage eines Schwarzen eingegangen war. Wohl oder übel mußte ich so tun, als ob ich an dieses Märchen glaube. Ich war aber fest davon überzeugt, daß meine getreuen Neger den Bock während meiner Abwesenheit in ihren Magen hatten verschwinden lassen. Der zur Aufsicht zurückgelassene Askari dürfte dabei sein schwarzes Gewissen durch Teilnahme an dem Mahle beruhigt haben. In aller Frühe des nächsten Tages fuhr der Flußdampfer mit seinen beiden zu Menagerien umgewandelten Leichtern ab. Wir hatten an Bord: 2 Flußpferde, 15 Wasserböcke, 2 Johnston-Gnus, Schwarzfersenantilopen, mehrere Zwergantilopen, verschiedene Vogelarten, etwa 100 Hundsaffen und einige Kisten mit Jagdtrophäen. Langsam fuhr der Dampfer mit den schwerbeladenen Leichtern flußabwärts, den Windungen folgend und sorgsam die zahlreichen Sandbänke meidend. Letztere waren belebt von vielen Krokodilen, zum Teil riesigen Tieren. Sie rutschten bei Annäherung des Dampfers langsam in die Flut. Eine Menge Reiher und fischender Vögel belebten ebenfalls die Ufer und die Sandbänke und ließen sich wenig stören. Auch an Gruppen friedlich dahintreibender Flußpferde kamen wir vorbei. Die vordersten tauchten vor dem Dampfer unter und kamen nach kurzer Zeit hinter dem Rade wieder zum Vorschein. Einen hübschen Anblick gewährten die Kühe mit ihren Jungen auf dem Rücken. Wenn das Junge im Wasser müde geworden ist, klettert es zum Ausruhen auf den Rücken der Alten. Es war für mich eine wahre Erholung, einmal in Ruhe alle meine Tiere auf einem Platz vereinigt zu haben und, von keiner Sorge gelenkt, den Tierfreund auf der Flußfahrt zu seinem Recht kommen zu lassen.
In Kilindi mußte der Dampfer auf die Post warten und auch Holz als Brennmaterial aufnehmen. Es war drei Uhr nachmittags, und ich benutzte ein Fahrrad, um nach dem drei Stunden entfernten Mohoro zu fahren, woselbst ich meiner Firma telegraphisch meldete, daß der Tiertransport glücklich unterwegs sei. Bei dem schlechten Wege und bei der brütenden Hitze brauchte ich 1½ Stunde bis zu genannter Ortschaft. Die weiße Bevölkerung bestand nur aus fünf Köpfen; auch befand sich dort ein Indier, der in seiner „Duka“ (Laden) außer europäischen Konserven auch deutsches Flaschenbier führte. Sein Laden, oder besser gesagt, seine Hütte, wurde von den wenigen Deutschen mit dem bezeichnenden Namen „Zum schmierigen Löffel“ benannt. Unter einem großen prächtigen Mangobaume vor der Hütte, dem Stammtisch der Europäer, ließen wir es uns beim Glase Bier wohl sein. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um die Löwenplage. Erst vor wenigen Tagen, während die Herren ihren gewohnten Abendschoppen unter diesem Mangobaum einnahmen, lief ein Löwe an ihnen vorbei in das Dorf hinein. Das Tier wurde noch in derselben Nacht in einer von dem Dorfältesten gestellten Falle gefangen und von den alarmierten Europäern bei Fackellicht getötet. Infolge der Warnung dieser Herren trat ich den Rückweg zum Dampfer nicht in der finsteren Nacht an, sondern wartete den Mondaufgang ab. Der Weg, den ich nach Kilindi per Rad zurückfuhr, war zum größten Teil auf beiden Seiten mit mannshohem Schilf und Gestrüpp bewachsen. Nur langsam kam ich vorwärts; der an und für sich nur spärliches Licht spendende abnehmende Mond wurde dazu noch öfters durch Wolken verdunkelt. Es mochte gegen vier Uhr morgens gewesen sein -- den halben Weg hatte ich bereits hinter mir --, als ich seitwärts im Schilf ein Rascheln hörte, welches immer näher kam. Ich war der Meinung, eines der hier so häufig vorkommenden Wildschweine verursache das Geräusch. Um das Tier zu verscheuchen, läutete ich heftig mit der Radklingel, indem ich vorsichtigerweise meine Fahrt verlangsamte. Plötzlich sprang aus dem Schilf, nur wenig Schritte vor mir, ein großer Leopard auf. Ich schrie das Tier an; es war dadurch wohl ebenso erschrocken wie ich selbst. Einen Augenblick blieb das Raubtier vor mir stehen und verschwand dann in wilder Flucht ins Gestrüpp. Mir waren infolge der unverhofften Begegnung vor Schreck die Haare zu Berge gestiegen, denn ich war vollkommen unbewaffnet. Hätte ich nicht mein Fahrtempo verlangsamt, so wäre ich wohl mit dem Leoparden direkt zusammengestoßen und hätte dabei sicherlich den kürzeren gezogen.
An Bord angelangt, erzählte ich dem Schiffsführer von meiner Begegnung. Er spottete über die übertriebene Gefährlichkeit dieser Katzen und behauptete, in dieser wildreichen Gegend sei für den Menschen überhaupt keine Gefahr vorhanden, namentlich nicht für den Europäer. Er habe gerade diesen Weg nach Mohoro schon dutzende Male ohne jeden Unfall zu Fuß gemacht. Kaum einen Monat später wurde eben derselbe Herr auf dem gleichen Wege von Löwen angefallen und getötet.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Übernahme der Post weiter. Der Fluß wurde immer breiter und links und rechts begannen die Mangrovenwälder, und die feuchttropische Hitze wurde fast unerträglich. Wir erreichten noch am Nachmittage Salale, gingen mitten im Flusse vor Anker und erwarteten dort die Ankunft des großen Ozeandampfers.
Der Fluß ist an dieser Stelle über einen Kilometer breit und führt Brackwasser. Infolgedessen hatte ich große Schwierigkeiten, das für meine Tiere notwendige Süßwasser zu bekommen. Ich mußte es von einem Brunnen vom Lande herholen lassen. In Salale wohnte der Förster Dankert nebst Familie, der die Aufsicht über die Mangrovenwälder führte. Er hatte bereits von dem Unglück gehört, wußte aber nicht, wer von uns beiden das Leben verloren hatte und beglückwünschte mich zu meiner Rettung.
Als der große Dampfer eintraf, fuhr der Flußdampfer längsseits an ihn heran. Die Transportkisten wurden nun auf den Ozeanriesen gebracht und weiter ging es nach der Insel Mafia. Ich hörte, daß dort ein junges Flußpferd zu kaufen sei und fuhr mit dem Zollboote an Land, um das Tier zu besichtigen. Leider war der Eigentümer verreist. Das Tier gefiel mir außerordentlich und ich sandte einen Boten mit Kaufangebot dem Besitzer nach. Da ich entschlossen war, das Flußpferd zu kaufen, kehrte ich auf den großen Dampfer zurück und bat den ersten Offizier, mir vom Schiffszimmermann, einem Inder, eine Transportkiste machen zu lassen. Ich gab dem Manne die Maße und erklärte ihm die Konstruktion des Kastens mit Hilfe einer Kreidezeichnung und feuerte außerdem seinen Eifer durch ein entsprechendes Trinkgeld an. Nach wenigen Stunden erhielt ich denn auch die Meldung, die Arbeit sei getan. Aber was mußte ich sehen! Der schlaue Inder hatte nicht bedacht, daß seine Werkstätte nur mit einer schmalen Tür versehen war und daß daher die Notwendigkeit vorlag, die einzeln fertiggestellten Teile des Käfigs draußen zusammenzusetzen. So erblickte ich denn einen prachtvollen Transportkasten, der leider nur den Fehler hatte, nicht durch den engen Ausgang geschafft werden zu können, während der braune Zimmermann mit einem verlegenen Grinsen neben seinem Meisterwerke stand. Hier konnte man wirklich einmal sehen: Langes Haar, kurzer Sinn! Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Kiste in zwei Teile zu zerschneiden und sie am Lande wieder zusammenzusetzen. Hier aber machte uns der Wärter des Nilpferdes Schwierigkeiten. Er wollte nicht zugeben, daß das Tier in den Kasten gebracht werde. Erst durch meine Versicherung, daß die Antwort des Besitzers in kurzer Zeit eintreffen müsse und mit Nachhilfe einiger Rupien versuchte ich den Schwarzen umzustimmen. Widerspenstiger als der getreue Diener erwies sich jedoch das muntere junge Flußpferd. Trotz aller List und Mühe wollte uns der Einfang nicht gelingen; es wurde Nacht und die Zeit drängte. Endlich riß mir die Geduld und ich sprang über die Umzäunung in den Kral, um mit Gewalt meinen Willen durchzusetzen. Bei der herrschenden Dunkelheit geriet ich ins schlammige Wasserbassin; aber das erschreckte Hippo flüchtete nach dem Ausgang und schlüpfte hierbei glücklich in den Kasten, so daß ich schnell hinzueilen und die Schiebetür herunterlassen konnte. Ich hätte das Tier gern sofort abtransportiert, aber ich mußte erst die Antwort auf mein Kaufangebot abwarten. Wohl oder übel blieb mir nichts anderes übrig, als in meinen durchnäßten und schlammbedeckten Kleidern, von lästigen Moskitos umschwärmt, zu warten. Erst um zwei Uhr nachts traf der Bote mit der bejahenden Antwort ein und ich konnte die Kiste nach dem Zollamt bringen, um dort die nötigen Formalitäten zu erledigen. Inzwischen war aber einer jener starken Gewitterstürme, wie solche in ihrer elementarsten Gewalt häufig in den Tropen vorkommen, losgebrochen, und wir hatten harte Arbeit, den schweren Kasten auf einem Boote zum Dampfer zu bringen. Bei dem starken Gegenwind dauerte es über zwei Stunden, bis wir den Dickhäuter an Bord hatten.
In Kilwa-Kiwindji erwarteten mich weitere sechs Flußpferde in Kästen. Es war der 27. Januar, und an Land hatte ich Gelegenheit, vor der Weiterreise noch Kaisers Geburtstag im Kreise lieber Landsleute mitzufeiern. Nach zweitägiger Fahrt legten wir in Daressalam an, woselbst ich einen von der Firma Hagenbeck gesandten Kollegen vorfand, der diesmal den Tiertransport nach Hamburg bringen sollte. In Daressalam hatte ich 32 Strauße in Pflege gegeben, wovon leider während meiner Abwesenheit mehrere eingegangen waren. Sie waren für Deutsch-Südwest bestimmt und sollten über Hamburg dorthin gebracht werden. Als wir die Vögel in die bestellten Transportkästen bringen wollten, sah ich zu meinem Schrecken, daß letztere nicht nach meinen Angaben konstruiert und aus viel zu leichtem Holz gebaut waren, somit für eine Europareise nicht genügten. Es blieb nichts übrig, als in Hast Zimmerleute zu nehmen und alle Kisten umzubauen. Nachdem dies geschehen war und ich die Tiere glücklich im Zollamt hatte, erklärte mir der Zollvorsteher, daß das Verladen der Strauße auf den Dampfer ohne besondere Erlaubnis des Gouverneurs nicht gestattet werden könne. Trotzdem ich diese wichtige Erlaubnis besaß und die für die Ausführung der Strauße geforderte Summe von 9000 Mark ordnungsgemäß hinterlegt hatte, verweigerte mir der Vorsteher die Verladung. Die Zeit drängte und das Versäumen der Abfahrt des Dampfers hätte mir großen Schaden verursacht. Es blieb also nichts anderes übrig, als schnell eine Rikscha zu nehmen und, wie ich war, in schneller Fahrt zum Regierungsgebäude zu fahren. Der Gouverneur, Freiherr von Rechenberg, war abwesend; ich mußte also warten. Gegen ½9 Uhr abends hörte ich, daß Exzellenz anwesend, aber gerade beim Abendessen sei. In meiner Not ließ ich mich trotzdem melden. In liebenswürdiger Weise ließ mich Seine Exzellenz rufen und schrieb mir eigenhändig ein paar Zeilen an den Zollamtsvorsteher. Mit diesem kostbaren Briefe eilte ich zum Zollamte zurück und nun ging alles flott vonstatten. Um sechs Uhr morgens konnte ich meine Strauße einladen, und bald fuhr der Dampfer über Sansibar nach Tanga, wo wiederum Tiere unserem Transport zugefügt wurden. In Mombasa übernahmen wir noch das telegraphisch bestellte Futter für unsere Menagerie. Trotzdem es beschämend für uns Deutsche ist, möchte ich doch nicht verfehlen, hier die Erklärung zu geben, warum ich das Futter in Mombasa und nicht in Tanga oder Daressalam einkaufte. Das Futter für meine Tiere, wie Luzerne, Hafer, Heu, Zuckerrohr usw. kommt aus dem Innern. Auf den englischen Bahnen kostet dasselbe aber an Transportkosten nur ein Drittel dessen, was die deutschen Bahnen verlangen; das machte bei den großen Mengen, die ich brauchte, einen für meine Tasche fühlbaren Unterschied aus. Es ist ganz natürlich, daß man dort kauft, wo die Ware bei derselben Güte um vieles billiger ist. Nachdem nun auch die Magenfrage meiner Schützlinge in befriedigender Weise gelöst war, konnte ich meine Arbeit als beendet ansehen. Ich übergab also den Transport der Obhut meines Kollegen, der ihn auch glücklich nach Hamburg brachte, während ich selbst mich nach dem Norden der Kolonie begab, wo neue Aufgaben meiner harrten.
Giraffenfang im Meru-Gebiet
Der Dampfer „König“ hatte in Mombasa noch einige Tiere an Bord genommen und fuhr nun mit meinem großen Rufidji-Transport unter Aufsicht meines Kollegen nach Hamburg ab. Erleichtert atmete ich auf. Alle Tiere waren wohl und gesund an Bord untergebracht und befanden sich unter guter Obhut. Ich begab mich in mein Hotel zurück und legte mir meinen bereits ausgearbeiteten, neuen Plan nochmals zurecht, um sobald als möglich an die Ausführung desselben gehen zu können.
Lange schon war in mir der Gedanke gereift, einen großen Giraffen-Fangzug im Norden unserer Kolonie zu unternehmen. Bisher war die ostafrikanische Giraffe noch nie lebend nach Europa importiert worden. Die damals in den zoologischen Gärten vertretenen Giraffen stammten ausschließlich aus dem Sudan. Die Sudan-Giraffe weist mit ihren fahlgelben, gradlinigen Flecken auf hellem Untergrunde bei weitem nicht die frische Farbentönung auf wie die ostafrikanische Giraffe mit ihren kaffeebraunen, weinblattartigen Fleckenzeichnungen auf hellgrauem Grunde. Deutlich treten bei diesem schönen Tier der buntgefleckte Kopf, die weißgrauen Ohren und die gesprenkelten Beine hervor, während ihre sudanesische Schwester mehr monoton gefärbt ist. Ohne mich hervorzuheben, erfüllt es mich mit Stolz, als Ergebnis dieses Fangzuges die ersten Exemplare der ostafrikanischen Giraffe, und zwar der in der Masai-Steppe vorkommenden Art (~Giraffa tippelskirchi Mtsch.~) lebend nach Europa gebracht zu haben. Zum Fang selbst hatte ich mir das Meru-Gebiet, ein Dorado der Giraffen, ausersehen. Bemerken möchte ich noch, daß die in der Küstenregion lebende Giraffe (~Giraffa schillingsi Mtsch.~) nach Prof. Matschie eine besondere Spezies darstellt.
Zunächst begab ich mich mit der britischen Ugandabahn nach Voi, um von hier aus über eine etwa 70 englische Meilen weite wasserlose Strecke an die Grenze und in das deutsche Meru-Gebiet zu gelangen. Da zu jener Zeit die deutsche Usambarabahn noch nicht bis in diese Gegend vorgebaut war, so wurden alle Waren, die für das deutsche Kilimandjaro- und Meru-Gebiet bestimmt waren, in Mombasa ausgeschifft und mit der englischen Ugandabahn nach Voi befördert. Von dort mußten sie mit Eselfuhrwerken quer durch die Steppe transportiert werden. Die bequemen und sicheren Ochsenfuhrwerke der Buren konnten dazu nicht benutzt werden, weil auf dieser Strecke Tsetse-Gefahr herrschte. Esel sind zwar auch nicht sicher vor der Tsetse-Infektion, aber weit weniger empfindlich als Ochsen und Pferde. Ein Inder war auf die gute Idee verfallen, mit einem Lastauto die Beförderung von Gütern durch dieses Gebiet zu unternehmen. Ich machte mir dies zunutze und sicherte mir bei dem Chauffeur, einem Deutschen, gegen Geld und gute Worte einen Platz neben dem Führersitz. Der Wagen war angefüllt mit indischen Kaufleuten, Banjanen, Fundis (Handwerker), deren Familien und ihren Waren. Bequem hatten es diese Passagiere gerade nicht; Männer, Frauen und Kinder saßen auf und neben den Gepäckstücken wie Heringe zusammengepreßt. Das Auto fuhr frühmorgens um sechs Uhr ab, und bis zum Voi-Fluß ging alles ohne Unfall. Aber dort auf dem weichen Boden genügten die Kräfte des Benzinkastens nicht mehr, wir mußten absteigen und durch Schieben und Ziehen die fehlenden Pferdekräfte ersetzen, um die steile Böschung zu überwinden. In holperiger Fahrt ging es wieder weiter bis in die Nähe von Bura, wo die erste Haltestelle sein sollte. Kurz vor Bura, wo sumpfiges Gelände vorherrschte, war eine Art Damm aus Sand aufgeschüttet, auf dem das Auto dahinfuhr. Unter der Last des schwerbepackten Wagens gab der Damm auf der einen Seite nach, und ehe wir uns versahen, schlug der Karren um und die ganze Reisegesellschaft mit sämtlichem Gepäck lag im Sande. Glücklicherweise war kein Unglück geschehen, und trotz des erlebten Schreckens mußte ich herzlich lachen über den Anblick, wie die Inder und ihre vermummten jammernden Weiber und Kinder unter den Gepäckstücken hervorkrochen. Nun galt es, unser Fahrzeug wieder aufzurichten; dazu reichten aber unsere Kräfte nicht aus. Es wurden einige Inder in das nahe Dorf geschickt, um Schwarze zu Hilfe zu rufen. Wenn es schon für verständige Europäer nichts Leichtes ist, ein mehrere Tonnen schweres, umgestürztes Auto ohne Hebezeug wieder auf die Räder zu bringen, so war dies mit den ungeschickten Negern erst recht ein schweres Werk. Bewunderungswert war die Kaltblütigkeit unseres Chauffeurs; als sein Fuhrwerk auf dem Rücken lag, hatte er nur die lakonischen Worte: „So, da liegt er, ich mach’s auch so“; sprach’s und ließ den Worten die Tat folgen. Da ich ungeduldig war, vorwärtszukommen, machte ich mich allein mit den Indern und herbeigeeilten Negern daran, das Auto wieder aufzurichten. Mit Hilfe von Ästen und Baumstämmen gelang es nach vieler Mühe, den Wagen wieder in seine natürliche Stellung zu bringen. Er war so solide gebaut, daß der Chauffeur zu unserer Freude feststellen konnte, daß gar kein Schade geschehen war.
In Bura nahmen wir genügend Wasser auf, da wir jetzt die wasserlose und unbewohnte Serengeti-Steppe zu durchqueren hatten. Die Fahrt ging, alten Fahrrinnen folgend, durch das sanft ansteigende wellenförmige Gelände. Abwechselnd durchfuhren wir Dorn- und Buschsteppe, Einöden und weite Grasflächen. Unbarmherzig brannte die tropische Sonne auf das kleine, nur wenig Schutz bietende Segeldach des Autos herab. Der aufwirbelnde Staub, der Benzingeruch, dazu die schreckliche Hitze machten die Fahrt zur Last. Durch das herankommende Auto aufgeschreckt, sauste das Wild in hohen Fluchten über die Steppe.
In diesem Gebiete, das sehr wildreich ist und welches von der britischen Regierung zum Wildreservat erhoben wurde, fiel mir die häufig in Herden auftretende Kuhantilope, hier Kongoni genannt, besonders auf. Diese Antilope (~Bubalis cokei Gthr.~) hat die Größe eines kleinen Rindes, besitzt einen außergewöhnlich langen Kopf mit merkwürdig doppeltgekrümmten Hörnern und einen nach hinten zu abfallenden Rücken. Der Oberkörper ist hellbraun gefärbt, während die Unterseite hell hervorleuchtet. Für mich waren es interessante und abwechslungsreiche Bilder, diese Kongonis in ihren eigenartigen, hohen Sprüngen über die weiten Flächen flüchten zu sehen. Auch andere Wildarten kamen fortwährend zum Vorschein, um bald wieder zu verschwinden. Unter dem ihnen eigentümlichen Gekreische stoben ganze Ketten von Perlhühnern und Frankolinen vor unserem Auto in die Höhe. Gegen Abend hatten wir bereits eine höherliegende Region erreicht. Nach Einnahme eines einfachen Mahles und den nötigen Sicherheitsvorkehrungen gegen vierbeinige Räuber hüllten wir uns in unsere Decken und verbrachten die in dieser Höhenlage schon kalte Nacht unter freiem Himmel.
Am nächsten Morgen wurde ich bei Anbruch der Dämmerung durch ein prachtvolles Naturschauspiel überrascht. Alles war noch in Dunkel gehüllt, da sah ich in weiter Ferne die beiden schneebedeckten Gipfel des Kilimandjaro, den Kibo und Mawenzi, unter den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne aufleuchten. Wie gebannt stand ich und genoß das herrliche Bild. Allmählich wurde es heller und die Umrisse des imposanten Bergriesen wurden immer deutlicher sichtbar. Weithin schimmerten die beiden Gipfel, welche hoch über eine Wolkenschicht hinausragten. Zum ersten Male sah ich den Giganten der afrikanischen Berge und das Herz jauchzte mir vor Seligkeit über die überwältigende und zauberhafte Pracht, welche mir dieser Anblick bot. Dort drüben lag also das deutsche Gebiet, und mit Freuden begrüßte ich den König der deutsch-ostafrikanischen Bergwelt, der am vergangenen Tage noch durch einen Dunstschleier verdeckt gewesen war.