Auf Großtierfang für Hagenbeck

Part 5

Chapter 53,373 wordsPublic domain

Am Lagerplatz in Jaroilo stellten wir ebenfalls die etwas gelockerte Ordnung wieder her und ruhten uns von den Strapazen der letzten Tage aus. Die hungrigen Schwarzen baten um Wild, und wir gedachten am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertage, einen Festbraten zu schießen. Trotz der vielen Ratten, die in der Jagdhütte auf den Mattendecken unserer Moskitonetze die ganze Nacht herumtanzten, schliefen wir fest und ungestört. Der Feiertag zeigte am Morgen ein trübes Gesicht; es regnete, so daß wir keine rechte Lust hatten, bei der Nässe auf die Jagd zu ziehen. Als jedoch der Regen nachließ, meinte Herr Petersen, wir müßten Fleisch haben, in der Nähe der Hütte wäre Wild genug und wir hätten höchstens eine Stunde zu gehen. Er war seiner Sache so sicher, daß er mir sogar abriet, die Büchse mitzunehmen; er selbst versah sich mit seiner 9,3-Büchse, während ich nur eine leichte Vogelflinte mitnahm. Wider Erwarten hatten wir nach einer Stunde Marsch weder einen der sonst so häufigen Wasserböcke, noch anderes Wild angetroffen, und als wir in eine Lichtung kamen, in der ein Tümpel lag, beschlossen wir uns zu trennen und das Wasser rechts und links zu umgehen. Als wir uns wieder trafen, war unsere Verwunderung groß, denn weder mein Gefährte noch ich hatte ein Stück Wild zu Gesicht bekommen, nicht einmal einen Vogel hatte ich angetroffen. Nun schlug Herr Petersen vor, in einem großen Bogen zurückzukehren, an einem anderen Tümpel sei sicherlich Wild zu finden, wenigstens doch ein Wasserbock oder eine Schwarzfersenantilope. Wir waren noch keine 20 Schritte in der angeschlagenen Richtung gegangen, als einer der uns begleitenden Neger uns leise anrief und lautlos auf einen dunklen Punkt unter einem Baume deutete. Infolge des Nebels konnten wir nur erkennen, daß dort ein Stück Großwild stand. Herr Petersen glaubte ein Johnston-Gnu vor sich zu haben, legte an und schoß. Das Tier zeichnete stark, sprang gleich wieder auf und flüchtete. Wir eilten an den Anschuß, wo die Fährte auf einen mächtigen Büffel deutete. Herr Petersen frohlockte und meinte, es könne nur ein alter Einzelgänger sein, der außer einem prachtvollen Braten in seinem Schädel und Gehörn eine wundervolle Jagdtrophäe abgäbe. Wir verfolgten die Fährte, und ich war der festen Überzeugung, daß dies gefahrlos sei, denn mein Kamerad hatte sich stets als ein erfahrener Jäger und sicherer Schütze gezeigt. Endlich sichteten wir den Bullen in 150 Meter Entfernung, aber sobald er uns eräugte, schlug er einen Haken in dem Moment, wo Petersen die Büchse zum zweiten Schuß anlegte. Der Büffel verschwand im Busch. Wir gingen ihm nach in der Meinung, daß das schwerkranke Stück sich in der Nähe ins Wundbett legen würde. Ich war etwa 100 Meter vorausgelaufen und sah mich um, als plötzlich der Büffel, der unbemerkt hinter dem Busch zurückgekommen war, in wütendem Angriff mich seitlich annahm und, ehe ich die geringste Bewegung machen konnte, überrannte, so daß mir sekundenlang die Sinne vergingen. Glücklicherweise hatte das angeschweißte Tier sich im Anlauf verrechnet und mich nur gestreift. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich unter dem stillstehenden Büffel zwischen dessen Hinter- und Vorderläufen, -- eine keineswegs beneidenswerte Situation. In einem raschen Sprung suchte ich in den Busch zu entkommen. Sofort drehte sich mein Gegner um und drückte mich mit seinem Hinterteil in den Busch hinein, wo ich mit den Händen einen kleinen Baum erreichen konnte und im instinktiven Selbsterhaltungstrieb hinaufkletterte. Der Baum war höchstens armdick, und seine kleine Krone, deren Zweige ich herabbiegen konnte, verbarg mich nur unvollkommen; ich hing an dem Baume wie an einer Turnstange und hatte keinen Ast als Stütze. Herr Petersen mochte etwa 40-50 Schritte hinter mir geblieben sein; ich hatte ihm, als ich plötzlich den Büffel erblickte, zugerufen: „Hier ist er, schieße!“ Ob er nun, als ich vom Büffel überrannt wurde und auf Sekunden die Besinnung verlor, schoß oder nicht, kann ich nicht sagen. Ich fand nur später in seinem Gewehr eine leere Patronenhülse, ein Zeichen, daß er nicht repetiert hatte. Sei es, daß Petersen in der Aufregung diesen für einen erfahrenen Jäger unverzeihlichen Fehler begangen hat, sei es, daß er beim Angriff des wütenden Tieres auf die kurze Entfernung keine Zeit mehr dazu fand, ist ebenfalls unaufgeklärt geblieben, da wir später den schwerkranken Büffel nicht mehr finden konnten. In dem Augenblick, wo ich auf den Baum kletterte, sah der Bulle, als er sich drehte, Petersen und stürzte sich in rasender Wut auf ihn. Die Szene, der ich nun von meinem Zufluchtsorte aus wehrlos und hilflos zuschauen mußte, ist das Schrecklichste und Schauderhafteste, was wohl einem beherzten Manne zu sehen beschieden sein kann. Der Büffel warf Petersen nieder und suchte ihn auf seine Hörner zu bringen, indem er ihn am Boden hin und her schob, den ganzen Platz aufwühlend. In wenigen Sekunden hingen dem Ärmsten die Kleiderfetzen vom Leibe. Glücklicherweise schien er die Besinnung verloren zu haben, denn ich hörte nichts als das laute Schnaufen des Büffels. Endlich ließ dieser von dem anscheinend leblosen Körper ab und blieb etwa in 20 Meter Entfernung von mir stehen. Es war tatsächlich ein alter Einzelgänger mit einem prachtvollen Kopf und kapitalen Gehörn. Nun dachte ich: „Jetzt kommt die Reihe an dich,“ doch der Büffel nahm mich in meinem Versteck nicht wahr. Eine merkwürdige psychologische Tatsache, die mir allerdings erst später auffiel, war die, daß ich, obwohl ich den sichern Tod vor Augen sah, keinerlei Furcht empfand, sondern nur eine grenzenlose Wut, ohne Waffe zu sein und meinen Freund nicht rächen zu können. Unsere beiden schwarzen Gewehrträger waren natürlich spurlos verschwunden, was meinen Ingrimm noch erhöhte. Ich konnte aber nichts machen, als mich ganz stille zu verhalten, um die Aufmerksamkeit der Bestie nicht auf mich zu lenken; denn, wenn der Büffel mich bemerkt und den Baum auch nur gestreift hätte, wäre ich heruntergefallen und ihm wehrlos preisgegeben gewesen. Während letzterer schnaufend hartnäckig mir gegenüber stehen blieb und mir von der Anstrengung des Festhaltens am Baum die Glieder anfingen einzuschlafen, überlegte ich, was zu tun sei. Hinter mir, etwa 10 Meter entfernt, befand sich ein hoher bewachsener Termitenhügel, und hinter diesem ein großer Baum. „Kannst du den Hügel erreichen, ohne daß dich der Büffel bemerkt, so bist du gerettet!“ So überlegte ich. Wie ich freilich allein von da in der mir unbekannten Gegend mich zu unserem Lager zurückfinden sollte, von wo wir morgens im Nebel weggegangen waren, wußte ich nicht. Die Sonne brannte mir unbarmherzig auf den bloßen Schädel und die von dem Büffel getroffenen Stellen meines Körpers schwollen an und schmerzten; ich merkte, daß ich es nicht mehr lange in der schrecklichen Lage aushalten könne. Da sah ich plötzlich Petersen, der ganz nackt und wie tot dalag, sich aufrichten und sich gegen einen Baum schleppen, wo er niederkauerte. Mit schwacher Stimme rief er: „Schulz, schieß’ ihn tot!“ Der Arme wußte nicht mehr, daß ich gänzlich ohne Waffe selbst hilflos dem Büffel preisgegeben war. Welche Verzweiflung mein Herz durchwühlte bei dem Flehen meines todwunden Freundes, können Worte nicht schildern. Gerade wollte ich ihm zurufen, er solle sich ruhig verhalten, als der Bulle ihn wiederum erblickte und mit neuer Wut auf ihn zustürzte. Er schleuderte ihn seitlich vom Baume weg und mit einer blitzschnellen Drehung nahm er ihn auf die Hörner, warf ihn hoch und fing ihn dicht an meinem Baume mit dem Kopfe wieder auf. Das Krachen der zerbrechenden Knochen ging mir durch Mark und Bein. Es war zum wahnsinnig werden; ich klammerte mich an den einen Trost, daß der Arme nicht mehr leiden könne, sondern tot sein müsse. Der Büffel warf den toten Körper ein zweites Mal im hohen Bogen durch die Luft in einen Busch abseits meines Baumes und ließ seine Wut von neuem an ihm aus. Diesen Augenblick benutzte ich, glitt rasch vom Baume herab und lief hinter dem Busch nach dem erwähnten Termitenhügel, wobei ich über einen lang im hohen Grase liegenden Schwarzen stolperte, der sich lautlos und zitternd in demselben versteckt hatte. Mein erstes Wort war: „Schnell, such’ die Gewehre!“ Doch der Neger weigerte sich, vor Furcht zitternd, sie zu holen, während er mir die Termiten von den Kleidern ablas, die ich in meiner Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Ich erkletterte den Termitenhügel und hielt Umschau. Der Büffel war nicht mehr zu sehen und schien sich entfernt zu haben. Jetzt kroch ich auf allen Vieren zu der Unfallstätte zurück, um selbst die Gewehre zu holen, die dort liegen mußten. Nach kurzem Suchen fand ich sowohl mein Gewehr als auch die Büchse Petersens und einen Speer nebeneinander auf dem Boden liegend. Sofort ergriff ich die Büchse und repetierte, wobei, wie schon oben bemerkt, eine leere Patrone herausfiel. Es waren noch zwei Patronen im Magazin, so daß ich zu der Ansicht kam, daß, wie gesagt, Petersen entweder keine Zeit mehr gefunden hatte zu schießen, oder aus Furcht, mich selbst zu treffen, in dem kritischen Moment nicht geschossen hatte. Ich kehrte auf den Termitenhügel zurück in der Hoffnung, den Büffel noch zu schießen, aber weit und breit regte sich nichts. Der Bulle hatte seine Wut erschöpft und war offenbar in das Wundbett gewechselt, denn ich hatte deutlich gesehen, daß er stark aus der Hüfte schweißte. Nun befahl ich dem ganz verstörten Schwarzen, seinen Kameraden herbeizurufen, was er durch Nachahmen eines Vogellockrufes tat. Einen der Neger schickte ich sofort nach dem Lager zurück, um meine eigene Büchse und Leute mit einer „Kitanda“ (Negerbettstelle) als Tragbahre für den Leichnam Petersens herbeizuholen. Inzwischen hielt ich auf dem Termitenhügel traurig die Totenwache und vertrieb die bereits in Scharen herankreisenden Aasgeier durch einen Schuß. Nie im Leben werde ich diesen traurigsten aller Weihnachtstage vergessen. Endlich kamen die Schwarzen mit der Tragbahre an und wir machten uns auf die Suche nach dem Leichnam. Als Petersens Diener beim Zurückbiegen eines Busches plötzlich die Leiche seines Herrn erblickte, verzerrte sich sein Gesicht vor Entsetzen. Der teilweise zerfetzte Körper bot einen fürchterlichen Anblick. Wir legten die Überreste meines armen Kameraden auf die Tragbahre, bedeckten sie mit Zweigen und langsam bewegte sich der traurige Zug nach dem Lager zurück. Sofort verfaßte ich einen Bericht an die deutsche Regierung und sandte ihn durch Eilboten nach Mohoro. Überallhin hatten die Neger bereits durch Trommelschlag das Unglück in die nächsten Dörfer gemeldet, und die Eingeborenen strömten massenhaft im weißen Kanzu, ihrem Feierkleide, zur Leichenfeier herbei. Wegen der tropischen Hitze mußten wir den Toten rasch begraben, denn es trat schon nach wenigen Stunden Verwesung ein. Ich wusch die Leiche und wickelte sie in Bettlaken ein. In der Nähe der Jagdhütte ließ ich ein tiefes Grab ausheben, in welches wir meinen armen Freund zur ewigen Ruhe betteten. Da kein Sarg vorhanden war, deckten wir einige Strohmatten über die Leiche und schaufelten die Erde wieder auf, während die Schwarzen nach ihrer Sitte in einer mir unverständlichen Weise sangen und tanzten. Das Grab ließ ich mit Dorngebüsch einzäunen zum Schutz gegen Schändung durch Hyänen und Schakale. Später ließ ich von Utete Steine holen und baute eine Pyramide mit einem schlichten Holzkreuz über der Ruhestätte auf. Ringsherum pflanzte ich Mangobäume und beauftragte den Dorfältesten des nächsten Dorfes mit der Beaufsichtigung des Grabes.

Von den an Beinen, Brust und Hals erlittenen Quetschungen durch den Büffel fühlte ich mich zerschlagen, dazu kam die Nachwirkung der seelischen Erregungen, so daß ich in einen Zustand völliger körperlicher und moralischer Erschöpfung verfiel. Mein Zustand war begreiflich, saß ich doch hilflos und allein, meines Gefährten beraubt, in der afrikanischen Wildnis, selbst kaum einige Worte der Eingeborenensprache kennend und meilenweit von jedem Europäer entfernt. Das Pflichtgefühl allein half mir über alles hinweg. Ich mußte und wollte den begonnenen Fangzug beenden. So raffte ich mich denn auf und machte mich an die Arbeit. An verschiedenen Orten warteten die gefangenen Tiere auf den Abtransport nach Europa. Der Dampfer, der sie nach Salale bringen sollte, war für den 17. Januar fällig, und ich mußte das Problem lösen, ohne Petersens Hilfe die ganze Arbeit des Kistenbauens und des Transportes aus den Tierlagern nach dem Flusse mit meinen wenigen Suaheliworten in der kurz bemessenen Zeit allein zuwege bringen. Hätte ich diesen Flußdampfer verpaßt, so hätte mein Tiertransport auch den Europadampfer nicht mehr erreicht und wäre während der drohenden Regenzeit überhaupt nicht mehr zum Abtransport gekommen. Das ganze Unternehmen wäre verloren gewesen, weil die Plätze, wo unsere Tierkrale lagen, zur Regenzeit vom Rufidji überschwemmt werden. So raffte ich meine letzte Energie auf und machte mich ans Werk.

Zunächst besuchte ich die Tierkrale, lehrte die Neger, wie sie die Tiere pflegen müssen und ging auch an den zweiten Platz bei Utete, um die dortigen Tierkrale zu revidieren und die inzwischen durch den Flußdampfer herbeigebrachten Materialien für die Transportkästen vom Flußufer nach dem Lagerplatze schaffen zu lassen. Ich fand einen jungen Neger, der ein weniges von der Schreinerei verstand, ließ auf den Köpfen der Träger alles nach dem Lager schleppen, und hier wirkten wir tagelang von morgens bis abends mit Säge und Hammer, bis alles Material verarbeitet war. Dabei stellte sich heraus, daß ich bei weitem nicht genügend Holz hatte, um Transportkästen für alle Tiere zu bauen. Ich half mir damit, daß ich für die kleinen Tiere hohe Körbe aus Lianen flechten ließ und nur den Boden derselben aus Brettern herstellte. Diese Körbe dienten bis zum Abtransport der Tiere den Wächtern, welche die Feuer gegen Raubgesindel unterhalten mußten, als Nachtlager, da sie sich in ihnen selbst vor Löwen sicher fühlten. Kaum war die Arbeit fertig, als mir die Wächter des Flußpferdkrales von Utete meldeten, daß der Fluß bereits bedenklich steige und daß sie fürchteten, die Flußpferde möchten über die Einfriedigung entkommen. Sofort brach ich nach dorthin auf. Die Nacht überraschte uns, und nicht nur den Schwarzen, sondern auch meinen erregten Nerven wurde es unheimlich in der von Großwild und Löwen belebten Gegend. In stockdunkler Nacht kamen wir an der dem Lager gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees an, von wo aus der Flußpferdkral mit einem Einbaum zu erreichen war. Dröhnend schallte der zum Überholen verabredete Schuß über die Seefläche. In demselben Augenblick stürzten dicht neben uns zwei starke Flußpferde, die am Ufer geäst hatten, ins hochaufspritzende Wasser, uns einen gehörigen Schreck einjagend. Es dauerte lange, bis das Boot herüberkam, und als der Fährmann von den zwei aufgestörten Dickhäutern hörte, die sich in den See geflüchtet hatten, bekam er Angst und weigerte sich zurückzufahren; aber ich wollte hinüber und er mußte sich fügen. Die Überfahrt ging denn auch ganz glatt vonstatten. Es stellte sich heraus, daß die schwarzen Wärter übertrieben hatten, und ich sah, daß die Einfriedigung der Flußpferde ganz gut noch einige Zeit selbst bei weiterem Steigen des Sees zum Festhalten der Hippos genügte, so daß ich beruhigt zum ersten Tierlager zurückkehren konnte. Der erste Europäer, der mir wieder zu Gesicht kam, war ein Regierungsbeamter, Herr H., der, in amtlichen Geschäften auf einer Plantage weilend, von dem Tode Petersens gehört hatte und nun kam, um den Tatbestand aufzunehmen, wodurch mir eine große Last vom Herzen fiel. Herr H. übernahm auch die Regelung der Hinterlassenschaft und ließ Petersens Effekten abtransportieren. Einige Tage später traf Herr Regierungsrat Graß, der bei einem Jagdausflug ebenfalls von dem Unglücksfall gehört hatte, bei mir ein. Ich schilderte ihm meine Lage und er überließ mir in liebenswürdiger Weise zwei Polizisten (Askaris). Es waren gute und treue Leute, die mir sehr zustatten kamen und die Schwarzen in gehörigem Respekt hielten. Komisch war anzusehen, wie sie mit Wasser und Glasstückchen ihre Kopfhaare abrasierten. Herr Regierungsrat G. und ich hätten gerne den Unglücksplatz aufgesucht, um nach dem Verbleib des Büffels zu forschen. Es war mir aber unmöglich, die Stelle wiederzufinden, und die Schwarzen weigerten sich in abergläubischer Furcht, den Ort zu zeigen und ihn zu betreten. Herr Regierungsrat Graß schoß ein kapitales Gnu und zog dann weiter, nachdem er den beiden Askaris eingeschärft hatte, jedem meiner Befehle nachzukommen. Mit Hilfe der handfesten Unterstützung dieser beiden Askari ging alles wie am Schnürchen. Ich brachte alle meine Tiere in die Kästen und ließ sie mit den nötigen Instruktionen für Pflege und Fütterung in den Händen der schwarzen Wärter, diese wieder unter Aufsicht eines Askaris zurück. Hierauf eilte ich nach dem zweiten Lagerplatz bei Utete und bereitete auch dort alles zum Abtransport vor. Nun war die Frage, wie ich die zum Teil sehr schweren Kisten bis zu der etwa eine Stunde entfernten Anlegestelle des Dampfers bekäme. Die kleineren Kisten wurden samt ihrem lebenden Inhalt auf Tragstangen und auf den Schultern der Neger zum Einladeplatz an das Flußufer gebracht. Die Beförderung der schweren Flußpferdkasten dagegen hätte ungeheure Mühe gekostet, da der Weg über felsiges Gelände ging. Ich fand eine bequemere Route. Der See hatte einen kleinen Abflußgraben nach dem Rufidji zu, der aber mit Rohrbinsen und hohen Papyrusstauden verwachsen und während der Trockenzeit nicht befahrbar war. Jetzt aber, wo das Wasser stieg, dachte ich mir, daß die Boote der Eingeborenen nach dem Abhauen des Schilfes durchkommen könnten. Flugs nahm ich einen Einbaum, fuhr vom Flußpferdkral gerade über den See in den Abfluß hinein und ließ von den Schwarzen mit den Buschmessern einen Weg bahnen. Als wir uns nach zwei Tagen glücklich durchgearbeitet hatten und an einer Stelle, wo der Abfluß sich gehörig verbreitert hatte, zum Flusse durchstießen, wollte ich sehen, ob wir leicht an das Flußufer herankommen könnten, und ließ die beiden jungen Schwarzen, die den Einbaum paddelten, in die Strömung hineinfahren. Diese war aber so stark, daß die Ruderer die Herrschaft über das Boot verloren und wir mitten in ein Rudel spielender Flußpferde hineintrieben. Hätten wir eines der Tiere angerannt, so wäre es uns wohl schlecht ergangen. Schließlich gelang es unseren gemeinschaftlichen Anstrengungen, aus der Strömung und der gefährlichen Nähe der Dickhäuter herauszukommen und die gesuchte Sandbank, die Anlegestelle für den Dampfer, zu erreichen. Somit hatte sich meine Idee, die Flußpferde auf dem Wasserwege zum Einladeplatz des Dampfers zu bringen, als ausführbar erwiesen, und wir machten uns sofort ans Werk, dieselbe in die Praxis umzusetzen. Natürlich mußte zuerst die Schilfwildnis mit dem Buschmesser auf der ganzen Länge des Abflusses in einen breiten Weg gelichtet werden; sodann wurden drei Einbäume zusammengebunden und die Flußpferdkästen auf ihnen durch die schmale Wasserstraße des Seeabflusses bis zu der Sandbank am Rufidji gebracht. An einem Sonnabendnachmittag hatten wir endlich alle Tierkästen auf der Sandbank gelandet, und sie verblieben hier unter der Aufsicht der Wärter und eines Askaris.

Die Wärter hatten während der Nacht sich zum Schlafen oben auf die schweren Flußpferdkästen gelegt. Am nächsten Morgen revidierte ich die Leute und sah zu meinem Erstaunen, daß die Sandbank eine Menge frischer Flußpferdfährten aufwies. Erschrocken darüber und in der Meinung, daß vielleicht die Gefangenen ausgerückt seien, lief ich schnell zu den Kästen, fand aber meine beiden Dickhäuter ruhig schlafend vor. Die Schwarzen erzählten, daß in der Nacht einige Flußpferde auf das laute Grunzen der eingesperrten Dickhäuter hin auf die Sandbank und ganz dicht an die Kästen herangekommen seien, diese beschnuppert hätten und unter Grunzen abgezogen seien. Diese Besuche wiederholten sich auch in den folgenden Nächten.

Nun kehrte ich zu der leeren Jagdhütte zurück und machte unterwegs eine prächtige Jagdbeute. Ich schoß einen Edelreiher (~Herodias alba L.~), dessen Schmuckfedern die außergewöhnliche Länge von 48 Zentimeter hatten und später der vielbeneidete Hutschmuck meiner Frau wurden.

Auffallend war, daß mit dem Steigen des Wassers alle Fische aus dem See verschwanden, und somit verzogen sich auch die fischfangenden Neger mit ihren Familien. Die ganze Zeit hatte das Wasser einen derartigen Fischgeschmack, daß es für mich fast ungenießbar war und ich mir von den in der Nähe befindlichen heißen Quellen Trinkwasser holen ließ. Am Sonntagmorgen hatte ich alles zum Aufbruch hergerichtet, um an das obere Tierlager zurückzukehren und auch dort die Kästen zum zweiten Anlegeplatz des Dampfers zu bringen, als mein Diener einen Europäer meldete. Ich lud ihn ein mit mir zu frühstücken, wobei er mir erzählte, er sei auf der Elefantenjagd und bei der Verfolgung eines starken Bullen auf meine Jagdhütte gestoßen. Ich konnte aus den wenige Meter hinter meiner Hütte vorbeigehenden frischen Spuren ersehen, daß der Elefant tatsächlich in der Nacht kaum vier Schritte hinter meiner Hütte haltgemacht hatte und dann vorbeigewechselt war. Der Jäger war so ermüdet, daß er die Verfolgung aufgab und nach seinem Zeltlager im nächsten Dorfe zurückkehren wollte. Dasselbe lag auf meinem Wege, und er lud mich zu einem Nachmittagskaffee ein. Wir besahen noch zusammen meinen Tiertransport und fuhren über den See und durch den angelegten Wasserweg. Nachdem der Herr die Tiere bewundert hatte, verabschiedeten wir uns und ich trat am Nachmittage meinen Marsch nach dem vier Stunden entfernt gelegenen Tierlager an, wo ich alles unter der treuen Aufsicht des Askaris in Ordnung fand.