Auf Großtierfang für Hagenbeck
Part 14
Auf die oben für den Hyänenfang beschriebene Art fängt man auch Schakale; da aber Schakale auch sehr leicht in Kastenfallen gehen, die für andere Tierarten, wie Ichneumons, Ginster- und Zibetkatzen usw. aufgestellt sind, so ist es nicht nötig, für den Schakalfang allein derartige Fanggräben anzulegen.
Mit dem Einfangen der Tiere ist es aber nicht allein getan. Kam man todmüde und ermattet von den anstrengenden Ritten nach Oldonje-Sambu, so begann hier erst die eigentliche Arbeit, denn jede Tierart mußte in besonderen Gehegen oder Kästen gehalten werden. Schutzdächer gegen Sonne und Regen waren zu errichten und den jungen Tieren täglich mehrere Male ihre Milch oder ihr sonstiges Futter zu verabreichen. Welche Aufmerksamkeit, peinliche Sorgfalt, Sauberkeit und große Erfahrung, und vor allem, welches Maß an Tierliebe eine solche Tier-Kinderstube verlangt, um die Tiere an ihre Gefangenschaft und den Umgang mit Menschen sowie an das veränderte Futter zu gewöhnen, kann man sich schwer vorstellen, wenn man es nicht selbst mitgemacht hat. Die Beschaffung des Grünfutters, die Verabreichung der Milch, die Pünktlichkeit in der Einhaltung der Futterzeiten erfordern die beständige, scharfe Aufsicht eines Europäers. Niemals darf man die Arbeit den Schwarzen allein überlassen. Da ich nun auf Fangzügen oft mehrere Tage vom Lager abwesend sein mußte, so übernahm meine Frau, unterstützt von Frau de Beer, die Aufsicht. Das war für mich eine große Entlastung.
Aber trotz der anstrengenden Arbeit und des vielen Ärgers mit Negern und Tieren, sind uns die Tage von Oldonje-Sambu unvergeßlich geblieben. Die Sonn- und Festtage in Gesellschaft der patriarchalischen Burenfamilie, sowie des trefflichen deutschen Lehrers, Herrn Kaufmann, beim unvermeidlichen Nationalgetränk der Buren, stark mit Milch und Zucker versetztem Kaffee, gehören zu unseren schönsten afrikanischen Erinnerungen.
Bis Ende Januar hatten wir genügend Tiere gefangen und so weit gezähmt, daß sie mit dem Frühjahrstransport nach Stellingen abgehen konnten, den ich diesmal selbst leiten wollte.
Ich möchte aber nicht verfehlen, hier noch zu schildern, wie man zu einer bequemen Jagd mit Burenwagen in die Steppe zieht. Eine solche Fahrt machte ich mit meiner Frau und der mir befreundeten Burenfamilie von Oldonje-Sambu aus. Als Vorbereitung fing im Burenhaus ein großes Backen und Braten an. Einige Schafe wurden geschlachtet, um als Fleischvorrat für die ersten Tage mitgenommen zu werden. Vorkehrungen wie zu einer Auswanderung wurden getroffen: der riesige Burenwagen hergerichtet, die Segelplane ausgespannt, Betten, Stühle, Tische, Küchengerät aller Art, eine große Fleischhackmaschine und ansehnliche Mengen von Salz, Gewürz und Mundvorräten auf den Wagen geladen, dessen hinterer, von der Plane überdeckter Teil immer als Schlafplatz dient. Hier richteten sich die Frauen häuslich ein. Acht Paar Ochsen, von einem Buren geleitet, genügten, in dem flachen Gelände der Steppe den schweren Wagen zu ziehen. Wir Männer ritten voraus, hinter dem Wagen folgten einige meiner Träger in fröhlicher Stimmung, denn sie hatten keine Last zu tragen und freuten sich auf die fleischreichen Tage, die nun kommen sollten. Wir fuhren etwa sechs Stunden durch die wildreiche Steppe. An einer Wasserstelle unter Akazienbäumen machten wir halt. Die Ochsen wurden ausgespannt und weideten, von Schwarzen beaufsichtigt, mit den an den Vorderfüßen gefesselten Pferden zusammen neben dem Lager. Ganz in unserer Nähe konnten wir zwei kapitale Oryxantilopen erlegen. Sie wurden aus der Decke geschlagen, zerwirkt, ein Teil des Wildbrets in etwa zwei Finger dicke und 30 Zentimeter lange Streifen geschnitten, mit Salz bestreut und zum Durchsalzen wieder in die frischen Decken eingeschlagen. Zum Schutze vor Hyänen wurden diese mit Fleisch gefüllten Häute über Nacht an den Akazienbäumen aufgehängt. Ein anderer Teil des Wildbrets wurde mit mitgebrachtem frischem Hammelfleisch durch die Fleischhackmaschine getrieben, mit reichlichem Gewürz vermengt und in die sorgfältig gereinigten Dünndärme der Oryx gefüllt. So entsteht eine Steppenwurst. Den Rest des Wildes vertilgten unsere Schwarzen gründlich. Die Würste sowie die gesalzenen Fleischriemen werden auf ausgespannte Stricke zum Trocknen an der Luft aufgehängt. Frisch gebraten schmeckt die Steppenwurst ausgezeichnet. Das getrocknete Fleisch ist unter dem Namen „Biltong“ bekannt, eine bei den Buren geschätzte Konserve. Die Decken des Wildes verarbeitet der Bure entweder zu Riemen oder er gerbt sie zu Leder. Die an Stelle der Stricke bei den Buren verwendeten Riemen werden aus ungegerbten frischen oder wieder aufgeweichten Decken des Wildes zugeschnitten. Um möglichst lange Riemen zu bekommen, wird das Fell vom äußersten Rande nach innen zu spiralförmig geschnitten. Durch ein besonderes Verfahren versteht es der Bure, diese ungegerbten Riemen dauernd weich und geschmeidig zu halten.
Wir lagerten an dieser Wasserstelle mehrere Tage und machten mit unseren Pferden herrliche Ritte nach allen Richtungen. Hier konnte ich wiederum die schon früher erwähnte Tatsache feststellen, daß ein berittener Jäger vom Wilde viel weniger beobachtet wird als ein Jäger zu Fuß. Offenbar halten die Tiere die Pferde von weitem für Zebras und werden dadurch nicht beunruhigt. Deshalb ist es für den berittenen Jäger ein leichtes, seine Kugel anzubringen und ein angeschweißtes Tier zu verfolgen.
Somit ist die Jagd mit Burenwagen und Pferden verhältnismäßig mühelos und bequem. Ich kann daher jüngeren Huberti, die hier in den Hochländern dem Weidwerk obliegen wollen, diese Art des Jagens nicht genug empfehlen, denn einerseits ist diese Methode nicht besonders anstrengend und kostet auch nicht mehr als das Reisen mit Trägerkarawanen; andererseits gewährt sie viel größere Bequemlichkeit und die Möglichkeit, große Strecken zu durchstreifen. Wir sahen während unserer Ritte unglaubliche Mengen von Wild. So konnten wir eines Tages in nächster Nähe 68 Giraffen zählen, die ruhig an uns vorbeiwechselten. Es war dies ein sonderbarer Anblick, jedoch hatte diese Herde leider keine Jungen bei sich, so daß von einem Fang gar keine Rede sein konnte. Immerhin bot sich mir aber sonst doch Gelegenheit, meinem Beruf nachzugehen, und so brachte ich von unserem achttägigen Ausflug mit dem Ochsenwagen drei junge Spießböcke und zwei Zebras nach Oldonje-Sambu zurück.
Zu dieser Jahreszeit war das Wild selbst hier so zahlreich, daß öfters des Nachts die Zebras dicht bis an unsere Zelte kamen. Infolgedessen fehlten auch Löwen nicht. Eines Morgens lag eine zerrissene, hochtragende Zebrastute nur 600 Meter von unserem Tierkral entfernt. Der Löwe hatte das Gescheide gefressen, und das ungeborene Junge lag unberührt neben dem Kadaver. Das zerrissene Zebra vergifteten wir mit Arsenik, und am nächsten Morgen hatten wir zwei tote Löwen daneben liegen. Obwohl das Vergiften der Räuber nicht weidmännisch ist, so mußten wir doch diesmal aus einfacher Notwehr zu diesem Mittel greifen, um die Pferde und das gefangene Wild zu schützen.
Die nächsten Wochen galten den Vorbereitungen zum Abtransport der neu eingefangenen Tiere nach der etwa 100 Kilometer entfernten Bahnstation „Neu-Moschi“. Der Transport bestand aus 4 Giraffen, 2 Nashörnern, 21 Gnus, 2 Elenantilopen, 10 Zebras, 9 Oryx, 6 Warzenschweinen, 1 Erdferkel, 10 Geparden, mehreren Schakalen, Hyänen und 2 jungen Löwen, dazu noch Affen, Vögel, Schlangen, Käfer usw. usw.
Es ist durchaus keine leichte und einfache Sache, eine solche Tierkarawane auf einer durch einsame Steppen führenden Straße nach ihrem Verladeplatz zu dirigieren. Der Transport von Raubtieren, Warzenschweinen, Affen, Vögeln und sonstigem Kleingetier ist noch am einfachsten, da diese Tiere in Kästen verstaut und auf dem Ochsenwagen oder auf den Köpfen der Neger weiterbefördert werden. Anders verhält es sich mit den großen Pflanzenfressern, die gewissermaßen mit ihren Wärtern in Reih und Glied mitmarschieren müssen. Sie sind es, welche die Aufmerksamkeit des Transportleiters und seiner Leute am stärksten in Anspruch nehmen und seine Geduld manchmal auf eine harte Probe stellen, da sie öfters durch ihre Mucken und Launen den Weitermarsch um beträchtliche Zeit verzögern. Jede Tierart muß während des Marsches in anderer Weise geleitet oder getrieben werden. So geschah es auch bei dem diesmaligen Transport. Die größten Tiere, wie Giraffen, Zebras usw., mußten am Halfter geführt werden und sich zuerst an diese Halfter gewöhnen. Da die Gnus und Elenantilopen mit Eseln täglich auf die Weide gegangen waren, hatten sie sich so an diese Esel gewöhnt, daß sie frei mit ihnen getrieben werden konnten. Am wenigsten Mühe machten uns jedoch die Nashörner. Sie folgten der Karawane wie Hunde.
Ein unliebsamer Unfall passierte mir mit den Gnus und ihren Wärtern. Beim Abmarsch ließ ich zu Zuchtzwecken acht zweijährige Gnus auf der Farm zurück, welche durch den Abtransport ihrer Gefährten in äußerste Aufregung gebracht worden waren. Deshalb befahl ich meinen Schwarzen, die Tiere bis zu ihrer völligen Beruhigung nicht auf die Weide zu treiben, sondern ihnen über den Kralzaun hinweg das Futter zu verabreichen, zumal sie schon einen Wärter angegriffen hatten. Kaum war ich mit meiner großen Tierkarawane zwei Tage unterwegs, als mir ein Bote nachkam mit der Nachricht, daß die zurückgebliebenen Gnus einen Schwarzen getötet hätten. Die Wärter hatten natürlich meinen Befehl, die Gnus nicht auf die Weide zu treiben, nicht befolgt. Sie hatten sie aus dem Kral herausgelassen, und bei dieser Gelegenheit wurde ein fremder Neger, der sich irgendwie das Mißfallen der noch immer aufgeregten Tiere zugezogen hatte, getötet. Selbst konnte ich nicht zurückkehren, beauftragte aber meinen Verwalter, die Sache bei der Regierung zur Anzeige zu bringen und zu regeln. Später, nach meiner Rückkehr von Europa, stellte sich bei den Verhandlungen heraus, daß ich von sechs Elternpaaren belangt worden war, die alle behaupteten, der von meinen Gnus getötete Mann sei ihr Sohn gewesen. Einige stellten sogar eine Forderung von 200 Rindern als Schadenersatz. Ich überließ es dem Gericht, die schwierige Frage zu lösen und zahlte, obwohl mir keinerlei Schuld an dem Unfall beigemessen werden konnte, eine mäßige, vom Richter festgesetzte Summe, welche die zur Schau getragene elterliche Trauer in grinsende Freude umwandelte.
Doch ich kehre zur Schilderung meines Transportes zurück. Langsam nur ging der Marsch meiner Tierkarawane vonstatten. Ich hatte diesmal folgende Route gewählt: Von Aruscha über Oldonje-Sambu -- Engare ya Nyuki --, nördlich um den Meru herum und dann zwischen diesem und dem Kilimandjaro hindurch zum Kikafu, und von da über Weru-Weru nach der Station Neu-Moschi.
Auch diesmal wurden wir durch zeitraubende, unliebsame Zwischenfälle, wie Regengüsse, Ausbrechen der Tiere usw. öfters aufgehalten. So mußte ich beispielsweise in der freien Steppe an einer Stelle, wo sich um diese Zeit große Herden Gnus und Zebras als Standwild aufhielten, meiner Karawane vorauseilen und durch einige Schreckschüsse das Wild vertreiben. Diese Maßnahme war notwendig, damit sich bei meinen Zebras und Gnus, die sich gerade mit menschlicher Gesellschaft und der damit verbundenen Ordnung vertraut gemacht hatten, beim Anblick ihrer wilden Stammesbrüder das unterdrückte Freiheitsgefühl nicht wieder regte und sie zur Flucht verleitete.
Was für merkwürdige Überraschungen einem auf einem Marsch durch die Wildnis passieren können, beweist folgende kleine Episode: Wir lagerten eines Nachts in nächster Nähe einer Schlucht und, angestrengt durch die Strapazen des Marsches, gaben wir uns der wohlverdienten Ruhe hin. Plötzlich hörten wir um Mitternacht das klagende Miauen eines jungen Nashorns. Im Glauben, eines meiner Nashörner habe sich vom Lager entfernt, rief ich meinen Wärtern zu, Obacht auf diese Tiere zu geben. Nach einiger Zeit erhielt ich ihre schlaftrunkene Antwort, daß beide Nashörner neben ihnen seien und schliefen. Das Klagen eines Nashornes hörte jedoch nicht auf; jetzt sprang ich von meinem Lager auf, um mich selbst von der Richtigkeit der Antwort meiner Schwarzen zu überzeugen. Mit einer Laterne versehen, trat ich in der stockdunklen Nacht vor das Zelt und fand die beiden Dickhäuter ruhig neben ihren Wärtern schlafen. Plötzlich vernahm ich unten in der Schlucht, kaum 20 Meter von mir entfernt, ein Gepolter. Ich merkte sofort, daß ein ausgewachsenes Nashorn flüchtig wurde. Bei Tagesgrauen wurde meine Annahme durch die deutlich sichtbaren Fährten bestätigt. Aber welche Überraschung war es für mich, als ich neben den großen Fährten auch noch diejenigen eines jungen Nashornes fand. Deutlich konnte ich feststellen, daß das Muttertier die Schlucht hinauf zur Tränke gewechselt war. Hierbei hatte sich das Junge verlaufen und die klagenden Rufe ausgestoßen. Wäre es Mondschein gewesen, so hätte ich hier vielleicht auf leichte Art und Weise den Nashornbestand meines Transportes um eines vermehren können, während ich für den Fang der beiden gezähmten Tiere vor einiger Zeit beinahe fünf Monate bedurfte.
An einem anderen Tage hatten wir 25 Kilometer zurückzulegen, um das nächste Wasser zu erreichen, was mit großen Schwierigkeiten verknüpft war. Auch diesmal lag das Vorwärtskommen nur an den Giraffen. Sie blieben sehr oft stehen und wollten einfach nicht mehr weiter. Da man aber bei diesen Tieren keine Gewalt anwenden darf, so mußten wir warten, bis sie von selbst weitergingen. Hierdurch erlitt natürlich die Karawane eine große Verzögerung. Um nun nicht den ganzen Transport in der Steppe ohne Wasser lagern zu lassen, schickte ich alle anderen Tiere bis zum nächsten Wasserplatz voraus, damit die Krale und das Lager noch vor Dunkelwerden aufgeschlagen werden konnten. Ich selbst folgte mit den Giraffen langsam nach, konnte aber den Kral nicht mehr am Abend erreichen und mußte in der Steppe lagern. Glücklicherweise befand sich in der Nähe buschiges Gelände mit einigen Bäumen, so daß wir ein provisorisches Gehege für die Giraffen bauen konnten. Wir selbst streckten uns ohne Zelt am Boden nieder, um am nächsten Morgen den Weitermarsch fortzusetzen. Spät in der Nacht kam noch einer meiner Leute von der Karawane zurück und brachte uns einige Decken. In aller Frühe wurde ich auf eine sonderbare Weise geweckt. Die Giraffen waren wieder frisch und munter, hatten die schwache Einfriedigung durchbrochen und stolperten über uns hinweg. Wir ergriffen schnell die Leitseile der Tiere, und in einigen Stunden hatten wir den Vortrupp erreicht.
Das Wetter schien umzuschlagen. Da wir in einem ebenen Gelände lagerten, so machten wir uns schleunigst daran, die Tierkrale sowie die Zelte auf die in der Nähe liegenden geringen Erhöhungen aufzubauen. Gerade waren wir damit fertig und hatten alles untergebracht, als schon ein furchtbares Gewitter losbrach, gefolgt von dem üblichen tropischen wolkenbruchartigen Regen. Nach einigen Stunden ragten unsere Lagerplätze wie Inseln aus einem See hervor. Nach dreitägigem Aufenthalt war der Boden wieder etwas ausgetrocknet, und der unterbrochene Weitermarsch konnte wieder fortgesetzt werden.
Ein anderes Ereignis war folgendes: Am Kikafu, am Fuße des Kilimandjaros, der von den niedergegangenen Regengüssen schon sehr angeschwollen war und nur eine passierbare Furt, aber keine Brücke hatte, hatten wir die größte Mühe, Wagen und Tiere an das andere Ufer zu bringen, doch ging alles glücklich vonstatten. Dagegen hatte ein Bur, der uns dort mit seinem schwer mit Petroleum beladenen Wagen begegnete, weniger Glück. Als der Burenwagen auf dem der steilen Böschung folgenden Weg zur Furt hinabfuhr, glitten bei einer Wegbiegung die gebremsten Räder auf dem lehmigen, vom Regen aufgeweichten Boden ab, der schwere Wagen rutschte über den Weg hinaus, überschlug sich und sauste mitsamt der Ladung und den Zugochsen in den Fluß. Der Bur konnte noch von Glück sagen, uns hier getroffen zu haben. Wir machten sofort halt und halfen ihm seinen Wagen wieder aus dem Flusse herausziehen. Allerdings waren einige Kisten Petroleum verschwunden, die von der Strömung weggerissen worden waren. Die Ochsen dagegen waren unverletzt geblieben.
Aber auch uns sollte hier noch ein kleines Mißgeschick widerfahren. Wir hatten unser Lager an einem der Negerpfade aufgeschlagen. Die Tiere waren in schnell hergerichteten Kralen untergebracht worden, und wir dachten weiter an nichts Böses. Natürlich hatte der ungewohnte Anblick einer solchen Karawane einige Neger angelockt, welche die Tiere betrachteten und ihre Bemerkungen darüber machten. Wie wir ja zu Hause in jedem Tiergarten beobachten können, hat stets ein Teil des verehrlichen Publikums die Neigung, die Tiere zu necken. So auch hier. Einer der Schwarzen trat dicht an die Giraffen heran und spannte mit einer plötzlichen Bewegung seinen Schirm auf. Sofort gerieten die Giraffen in einen panischen Schrecken, durchbrachen die Umzäunung und verschwanden in eiliger Flucht in eine in der Nähe gelegene Kautschukpflanzung. Mit unserer Ruhe war’s nun vorbei. Zuerst wurde von unseren Leuten dem schwarzen Mitbruder, der das ganze Unheil verschuldet hatte, eine ordentliche Lektion erteilt, bei welcher auch der Schirm in die Brüche ging; sodann machten wir uns daran, die Ausreißer wieder einzufangen, was uns auch nach einigen Stunden gelang.
Eine weitere interessante Szene erlebten wir beim Überschreiten des Weru-Weru. Über denselben führte bereits eine schöne Eisenbrücke mit Holzboden. Sobald aber unsere Gnus diesen ihnen unbekannten Holzboden betraten, wurden sie durch das Klappern ihrer eigenen Hufe und derjenigen der Esel so erschreckt, daß sie in großen Sprüngen die Brücke entlangliefen. Nur ein alter Bulle blieb unschlüssig vor der Brücke stehen und verlieh seinem Unbehagen und Mißtrauen vor diesem ungewohnten Wege durch lautes Blöken Ausdruck. Kaum hörten dies die anderen Gnus, als sie im Galopp über die Brücke zurückeilten. Es dauerte lange Zeit, bis wir die Tiere glücklich zum zweiten Male über die Brücke bringen konnten.
In einem großen Schuppen und einem Lagerraum des Kilimandjaro-Hotels in Neu-Moschi, dicht bei der Station, fand ich Unterkunft für meine Schützlinge. Wir waren froh, daß wir sie unter Dach und Fach hatten, denn während der Nacht prasselte ein starker Regen herab. Aber nun konnte ich endlich einmal ohne Sorgen eine Nacht in einem wirklichen Bette schlafen.
Frühmorgens bei Sonnenaufgang war ich munter und stand auf der Veranda des Hotels, in der vom Regen erfrischten Landschaft bei klarster Luft das wunderbare Panorama des Kilimandjaro bewundernd. Die schneebedeckte Kibo-Kuppe ragte im hellsten Sonnenlicht durch einen Wolkenschleier hindurch, einen herrlichen Anblick gewährend. Tief versunken in das Betrachten dieser wunderbaren Landschaft, wurde ich plötzlich durch ein Krachen und Splittern unter mir in die Wirklichkeit zurückgerufen. Hier befand sich der sogenannte Lagerraum, in dem die Gnus untergebracht waren. Zur Vorsorge hatte ich die Fenster von innen mit einigen Latten vernageln lassen, damit die Tiere die Scheiben nicht beschädigen konnten. Das eindringende Morgenlicht hatte auch die Gnus lebendig gemacht und zur Freiheit gelockt. Hierbei gerieten zwei Bullen in Kampf, und da die Tiere nur die Fenster als Ausweg sahen, sprang eines in mächtigem Satz auf das Fenster los, Latten, Scheiben und Fensterkreuz durchbrechend, und sauste ins Freie; ihm nach, schneller, als ich es erzählen kann, folgten die anderen 21 Stück. In toller Flucht rasten sie dahin bis zum Platz vor dem Bahnhofsgebäude und fingen dort ruhig zu äsen an. Zuerst war ich vor Schrecken gelähmt und glaubte sie für mich verloren. Als ich sie aber in der Ferne friedlich äsen sah, schickte ich rasch die Schwarzen mit den Eseln zu ihnen, und so ließen sie sich am Abend wieder in den Stall zurückbringen. Bis zur Abfahrt nach Tanga ließ ich die Tiere jeden Tag zur Weide führen, dasselbe machte ich auch mit den Nashörnern.
Hier in Moschi mußte ich einen längeren Aufenthalt nehmen, denn es galt jetzt für die größeren Tiere die zur Bahnfahrt zur Küste und später zur Dampferfahrt nach Hamburg notwendigen Transportkästen zu machen. So einfach auch dem Beschauer ein solcher aus mehr oder minder starken Brettern erbauter Transportkasten erscheint, so gehört doch viel Erfahrung und Beobachtungsgabe dazu, ihn richtig zu konstruieren. Selbst ein einziger falsch geschlagener Nagel kann den Insassen verletzen und den Verlust desselben verursachen. Unrichtig angenagelte Latten werden oft den gehörnten Antilopen zum Verhängnis, weil den Tieren leicht ihre zwischen die Latten geratenen Hörner abbrechen. Ein brauchbarer Transportkasten soll, wie gesagt, den unumgänglichen Raum für eine gewisse Bewegungsfreiheit des Tieres, das oft mehrere Wochen darin verbleiben muß, besitzen. Der Kasten muß gut zu lüften und bequem zu reinigen sein, außerdem dem Wärter die Möglichkeit bieten, das Tier leicht zu füttern und zu tränken. Ferner soll er jedem Ausbruch des Tieres widerstehen und auch fest genug sein, um beim Ein- und Ausladen die unvermeidlichen Stöße auszuhalten; endlich muß er mit Schiebetüren versehen sein, um das Herein- und Herausschaffen der Tiere möglichst leicht zu machen. Dazu kommen oft noch ganz ungeahnte Faktoren beim Transport in Betracht. Als ich z. B. Giraffen von Moschi nach Tanga transportierte, mußte ich den Umstand bedenken, daß die Bahn über eine niedrige, oben geschlossene Brücke fährt, weswegen ich die Giraffenkästen so einrichten mußte, daß die obere Hälfte in die untere verschiebbar war, wodurch die Giraffen gezwungen waren, während der Durchfahrt ihre langen Hälse in wagerechte Stellung zu bringen.
Begreiflich ist, daß die Tiere aus ihrer Gefangenschaft heraus möchten und alles anstellen, um dem engen Behälter zu entfliehen. Je höher entwickelt die Intelligenz des Tieres ist, desto komplizierter muß die Schließvorrichtung gemacht werden. Affen und Elefanten sind unter allen Tieren die schlimmsten Ausbrecher. Mein berühmt gewordener Schimpanse „Moritz“ wußte sogar aus einem Schlüsselbund den einzigen zu seiner Tür passenden Schlüssel herauszufinden und war imstande, sich die Tür selbst aufzuschließen.
Für den kleinen Ort Moschi war die Anwesenheit einer so großen Tierkarawane natürlich ein Ereignis, und sowohl die weiße wie auch die schwarze Einwohnerschaft schenkte meinen Pflegebefohlenen reges Interesse, oft mehr, als mir lieb war. So manche kleine Episode mit allzu zutraulichen Beschauern und Neugierigen hatten mich stets fürchten lassen, daß irgendwelche Unfälle vorkommen könnten. Eines Tages kam z. B. gerade an der Stelle, wo die Nashörner „Liesel“ und „Lola“ ästen, eine Trägerkarawane aus dem Innern mit ihren Lasten auf dem Kopfe ahnungslos daher. Der durchtriebene schwarze Wärter gedachte sich mit den aus dem Innern kommenden Landsleuten einen guten Spaß zu machen. Er lockte die beiden Nashörner und lief vor ihnen her, als ob er von ihnen verfolgt würde, laut schreiend durch die Karawane hindurch. Kaum sahen die Träger die auf sie zukommenden Nashörner, als sie blitzschnell ihre Lasten wegwarfen und in voller Flucht in die Büsche verschwanden. Wir konnten von der Veranda des Hotels aus die Szene sehen und mußten über die wilde Flucht der schwarzen Träger herzlich lachen. Hier war die Sache nur komisch, öfters aber waren Liesel und Lola ungemütlich; das erfuhren mehrere Europäer, die den Tieren Leckerbissen reichen wollten und allzuoft zum Dank für ihre Liebenswürdigkeit mit kräftigen Stößen belohnt wurden.