Auf Großtierfang für Hagenbeck
Part 11
Am elften Tage erreichten wir die südliche Wasserstelle am Longido-Berg, und nach weiterem neunstündigem Marsch die erste Burenansiedlung Oldonje-Sambu. Die Karawane blieb, da die Nacht schon anbrach, hier zurück mit dem Befehl, am nächsten Tage nachzukommen. Ich selbst ritt noch die letzten vier Stunden bis zu meiner Farm durch. Meine Frau, noch nicht mit den afrikanischen Verhältnissen vertraut, befand sich in großer Sorge um mich, da man ihr erzählt hatte, daß die Strecke von Nairobi nach Aruscha zu Pferde in 5-6 Tagen zurückgelegt werden könne. Niemand hatte allerdings ahnen können, daß ich trotz der Regenzeit mit einer Trägerkarawane marschieren würde. Die Träger trafen am nächsten Tage auch pünktlich ein, und nach einigen Rasttagen schickte ich sie mit der Bahn über Tanga-Mombasa in ihre Heimat zurück.
So hatte ich zum zweiten Male das englische Wildreservat und die Masaisteppe glücklich durchquert und dieses schöne Hochland mit seinem noch wenig bekannten Nomadenvolke und seinem ungeheuren Wildreichtum kennengelernt. Die Strapazen und Unannehmlichkeiten der Reise waren bald vergessen, aber die Eindrücke des so vielen Interessanten werden mir stets und immer in Erinnerung bleiben.
Auf unserer Tier- und Straußenzuchtfarm
Auf der noch im Bau begriffenen Endstation Neu-Moschi der Usambarabahn war man dabei, Haustiere, allerlei Ackergeräte, Werkzeuge, Kisten und Kasten auf Ochsenwagen zu verladen. Der Ansässige merkte sofort, daß es sich um die Erfordernisse zur Gründung einer neuen Ansiedlung handelte, die ins Innere geschafft werden sollten. So war es auch. Längst schon hatte ich die Notwendigkeit erkannt, die eingefangenen Jungtiere eine Zeitlang aufzuziehen, sie an entsprechende Nahrung und an den Menschen zu gewöhnen, um sie dadurch für die große Seereise sowie für die zoologischen Gärten widerstandsfähiger zu machen. Gleichzeitig mit diesem Unternehmen sollte eine Zuchtfarm für Strauße und europäisches Rassevieh verbunden werden. Bei allen meinen Reisen in Deutsch- und Britisch-Ostafrika hatte ich auf den vielen Farmen, die ich besuchte, auch der Haustierzucht ein aufmerksames Auge geschenkt. Ich fand, daß die Farmer in Britisch-Ostafrika, die von ihren Regierungsstationen gute Zuchttiere erhielten, bedeutend weiter in der Viehzucht vorgeschritten waren als unsere Ansiedler. Die Zuchtversuche in Deutsch-Ostafrika lagen in den Händen der einzelnen Farmer und waren noch nicht über das Anfangsstadium der Entwicklung hinausgekommen. Tierzuchtversuche in großem Maßstabe zu betreiben, geht aber bei den wertvollen und kostspieligen importierten Rasseexemplaren über die Kräfte des einzelnen hinaus. Dazu herrschen in bezug auf die Einfuhr ausländischer Tiere in unserer Kolonie infolge der vielen Haustierkrankheiten, die teils in Afrika heimisch sind, wie Rinderpest und Küstenfieber, Pferdesterbe usw., teils von ausländischen Haustieren eingeschleppt werden, strenge Vorschriften. Es müssen alle einzuführenden Tiere in den Hafenstädten Daressalam, Tanga usw. eine Quarantäne von vier Wochen durchmachen, ehe sie freigegeben werden.
Gerade diese Quarantäne in den heißen und ungesunden Küstenstädten ist aber völlig verkehrt. Einige deutsche Farmer haben mit schweren Kosten Haustiere aus ihrer Heimat kommen lassen, die in Tanga und Daressalam in Quarantäne blieben. Natürlich waren diese Tiere völlig gesund und ärztlich geprüft in Hamburg verladen worden, aber durch die lange Seefahrt und noch mehr in der vierwöchigen Quarantäne im tropischen Klima unserer afrikanischen Hafenstädte in ihrer Gesundheit geschädigt worden. Meines Wissens sind die Tiere dann meistens in kürzester Zeit eingegangen. Welcher Verlust an Zeit und Geld für die Farmer!
Um diesem Übelstande gründlich abzuhelfen, müßte daher die Quarantänestation in das Hochland verlegt werden. Dort könnten dann die Tiere in einem abgegrenzten Gebiete ohne Schaden die strengste Quarantäne bestehen, denn es herrschen in den Hochländern Afrikas ähnliche klimatische Bedingungen wie in der Heimat, was für die zukünftige Verwendung der Tiere maßgebend ist. Die Hauptaufgabe wäre, eine kräftige, widerstandsfähige Milchkuh zu schaffen, denn die einheimischen Rinderrassen geben sehr wenig Milch, ohne Kraftfutter nur 1-2 Liter täglich. Ferner sollten die Farmer bei Ersparung aller Importunkosten und des großen Zeitverlustes geeignete Zuchttiere, wie Pferde, Esel, Schafe, Ziegen, Schweine sowie Geflügel jederzeit aus der Kolonie selbst beziehen können.
Alle diese Umstände gaben mir den Gedanken ein, meine Ideen und meinen Plan Herrn Hagenbeck vorzutragen, der nicht nur in Deutschland große Haustierzuchten betreibt, sondern auch nach allen Ländern der Welt Rassetiere exportiert. Herr Hagenbeck interessierte sich aufs lebhafteste für das Unternehmen und sagte mir seine Beteiligung zu. Nach eingehender Besprechung einigten wir uns zu einem gemeinschaftlichen Betrieb einer Tier- und Haustierzuchtfarm in Deutsch-Ostafrika.
Als günstigsten Platz zur Errichtung dieser Tierzuchtfarm hatte ich das Gebiet am Meru erkannt. An den Abhängen dieses Berges, etwa 1400 Meter über dem Meeresspiegel, liegt ein nach Westen zu sich wellenförmig hinziehendes Gelände, durch welches sich ein kleiner Gebirgsfluß hinschlängelt. „Engare ol Mtonje“ ist sein Name, d. h. „Wasser der Geier“. Eine Sage ist mit diesem Namen verknüpft. Hier an diesem Wasser spielte sich einst ein blutiger Kampf zwischen den Masais und dem Wameru-Stamme ab, aus dem die Masais siegreich hervorgingen. Viele Hunderte von Kriegern wurden niedergemetzelt, und die Geier versammelten sich auf dieser Kampfstätte in solchen ungeheuren Massen, daß die Gefallenen von ihnen alle aufgezehrt wurden. Lange Zeit hindurch sollen große Geieransammlungen sich dort gehalten haben, weshalb das Gewässer diesen Namen zum Andenken an jene Schreckenstage bewahrt hat.
An dieser Stelle wollte ich das Unternehmen ins Leben rufen und mir eine neue Heimat gründen. Meine Frau, als gute Tierfreundin, hatte sich schon längst bereit erklärt, mir in die afrikanische Wildnis zu folgen und mit mir die harten Pionierarbeiten zu teilen. Mit Zustimmung der Kolonialregierung hatte ich bereits ein Gelände von 2000 Hektar belegt. Die ganze Gegend ist absolut tsetsefrei, infolgedessen wird daselbst von den Ansiedlern und Eingeborenen große Viehzucht betrieben. Der jungfräuliche, mit üppigem, immergrünem Graswuchs bestandene Lavaboden ist äußerst ertragreich, und das Klima bekommt dem Europäer gut.
Im November 1911 reisten wir von Deutschland unter Mitnahme eines deutschen Assistenten ab. Gleichzeitig nahmen wir schon einen Teil der Zuchttiere mit, während der Rest nach Fertigstellung der erforderlichen Einrichtungen später nachkommen sollte. Auch die notwendigsten landwirtschaftlichen Maschinen, Ackergeräte, Werkzeuge, Drahtgeflechte für Tiergehege usw. waren bereits verladen. Hoffnungsfreudig traten wir die Seereise an, und nach einer prächtigen Fahrt liefen wir wohlbehalten in Tanga ein. Tiere und Sachen wurden hier an Land geschafft. Ich selbst reiste mit meiner Frau nach Daressalam weiter, um dort bei der Regierung meine Angelegenheiten betreffs der Tierzuchtfarm zu erledigen. Als dies geschehen war, mußten wir noch 14 Tage dort verweilen, ehe sich eine Gelegenheit zur Rückreise bot. Gerade am heiligen Abend trafen wir wieder in Tanga ein. Schon an Bord des Dampfers hatte eine fröhliche Weihnachtsstimmung geherrscht, die sich abends am Lande noch steigerte, als die alten Weihnachtslieder unter dem lichterglänzenden Tannenbaum erklangen. Was? -- Tannenbäume in Ostafrika? ruft vielleicht so mancher ungläubig aus. Und doch hat es damit seine Richtigkeit, liebe Leser. Wohlverwahrt in den Kühlräumen des Ozeanriesen kommen die Kinder des deutschen Waldes herüber zum Palmengestade, dem heißen jungen Sonnenlande den Weihnachtsgruß der alten schneebedeckten Heimat zu überbringen.
Nach den Feiertagen wurden die Zuchttiere und die mitgebrachten Sachen nach Neu-Moschi verladen und unter Aufsicht meines Assistenten vorausgeschickt. Mit dem nächsten Zuge reisten auch meine Frau und ich in das Innere. Trotz der tropischen Hitze ist es ein Genuß, die interessanten Landschaftsbilder während der Fahrt vorbeigleiten zu sehen. Wie durch einen grünen Tunnel fährt der Zug unter Kokospalmen dahin. Dazwischen liegen die Felder der Eingeborenen, auf welchen Mais-, Bananen-, Mohogo-, Süßkartoffelpflanzungen angelegt waren. Bald wechseln Kautschuk- und Sisal-Pflanzungen in bunter Folge miteinander ab. In gleichem Abstande stehen die Reihen der Gummibäume sowie die der Sisalagaven voneinander entfernt, und wie lange Strahlen scheinen die einzelnen Reihen am Zuge vorüberzuhuschen. Überall Ordnung, Leben und Arbeit. In den geschlossenen Beständen der dichtbelaubten Kautschukbäume, durch deren Kronen nur wenig Sonnenstrahlen durchdringen, sieht man geschäftig Neger den weißen Saft aus den Stämmen zapfen und den erstarrten Kautschuk in Ballen rollen. In den jungen Anlagen wird gereinigt, das heißt, mit breiten Hacken wird das üppig wuchernde Gras und Unkraut entfernt. In den Sisalpflanzungen schneiden die Arbeiter mit langen Messern die reifen Blätter, welche, zu Bündeln geschnürt, auf Feldbahnwagen der Fabrik zur Aufbereitung zugeführt werden. Die Wege sind meistens mit schattigen Mango- oder Eisenholzbäumen bepflanzt. Auf einer Anhöhe, aus dem Grün heraus, leuchtet hell und freundlich das Wohnhaus des Pflanzers. Vom Bahnhof Ngomein aus sieht man die blauen Berge Ost-Usambaras herüberwinken, zu deren Füßen die nächste Station, Muheza, in dem fruchtbaren und reichbevölkerten Bondeland liegt. Jedem Durchreisenden muß es hier auffallen, in welch großen Mengen Früchte an den Zug gebracht werden; goldgelbe Apfelsinen, Mandarinen, herrlich duftende Ananas, schwere Trauben von gelben, roten und grünen Bananen, Papayen, Melonen, Kürbisse, dicke Bündel Zuckerrohr u. a. m. liegen hier aufgestapelt und werden zum Verkauf angeboten. Schaulustig drängt sich die eingeborene Bevölkerung an den Zug heran, um Freunde oder Bekannte zu begrüßen oder wohl selbst auf der so beliebten „ngari ya snoschi“ (Eisenbahn) eine Strecke zu fahren. Ein buntes Leben und Treiben! Die Weiber in ihren farbig bedruckten Tüchern, mit goldglänzenden, langen Ketten um den Hals, machen einen sauberen Eindruck. Auch manche Schöne ist darunter, sie wiegt sich anmutig in den Hüften und würde wohl von vielen unserer Modedamen um ihre Figur und natürliche Grazie beneidet werden. Die Männer tragen meistens lange Kanzu oder baumwollene Hemden und um die Hüften das buntgesäumte Lendentuch, dazu die typische weiße Suahelimütze oder einen roten Fez. Träger, die Lasten zur Station bringen oder solche holen, kauern, nur mit einem Lendentuch bekleidet, um das Stationsgebäude herum. Um den Kopf haben sie turbanartig ihre Schlafdecke gewunden. Ein umgehängter Topf, ein Messer und eine Kürbisflasche vervollständigen ihre Reiseausrüstung. Ein Pfiff, und unser Zug setzt sich unter Tücherschwenken und Trillern der Weiber wieder in Bewegung. Weiter geht es durch üppige Felder und Pflanzungen, und näher an die Bahn treten die bewaldeten Berge Usambaras heran, in die bei der Station Tengeni eine Schmalspurbahn hinauf nach Sigi, nahe dem schönen Amani, abzweigt. Weiter eilt unser Zug, um bei Mauri den Pangani zweimal zu kreuzen, und nach sechsstündiger Fahrt ist die Station Mombo erreicht, wo das Mittagsmahl eingenommen wird.
Gegen Abend kamen wir in Buiko an. Hier blieb der Zug liegen, da damals der Nachtverkehr noch nicht eingerichtet war. Wir begaben uns in das dortige kleine Hotel, wo fröhliche Stimmung bis spät in die Nacht hinein herrschte. Die Temperatur war schon merklich gefallen. Nach erquickendem Schlafe und Einnahme des Frühstücks setzten wir am nächsten Morgen die Weiterreise fort. Nur wenige europäische Fahrgäste befanden sich noch in dem Zuge, der größte Teil war in Mombo ausgestiegen, um von dort nach Wilhelmstal oder in das Usambaragebirge zu gelangen. Das Landschaftsbild hat sich allmählich vollständig geändert. Zur Rechten steigen die steilen und kahlen Berge des Paregebirges auf, während sich zur Linken durch savannenartige Steppe der Pangani hindurchschlängelt. Auf den Gräsern und Sträuchern der sonnenbestrahlten Steppe glitzern wie Diamanten die Tauperlchen des Morgens. Ab und zu erblickt man einige Antilopen und Strauße. In der Buschsteppe hausen, dem Auge verborgen, Nashörner, Giraffen und viel anderes Wild. Jedoch kann der Reisende, ähnlich wie an der Ugandabahn, Wasser- und Riedböcke, Kongonis und sonstige Vertreter der afrikanischen Fauna vom Zuge aus beobachten, da das Wild sich auch hier bereits an den Bahnverkehr gewöhnt hat. Die hiesige Gegend ist von der Regierung zum Wildreservat erklärt worden. An Bedeutung steht dasselbe allerdings dem großen englischen Reservate an der Ugandabahn weit nach. Es soll mitunter vorkommen, daß sich Giraffen auf das Geleise legen und sich nur durch schrille Pfiffe der Lokomotive des langsam fahrenden Zuges unwillig aus ihrer Ruhe stören lassen. Ein Lokomotivführer erzählte mir, daß sogar einmal ein Nashorn den Kampf gegen die Lokomotive aufnehmen wollte. Das Tier rannte gegen die Maschine an, wurde von ihr zur Seite geschleudert und sah, nachdem es einige Purzelbäume geschlagen hatte, ganz erstaunt seinem dampfenden und feuerspeienden Gegner nach. Man braucht diese Erzählung durchaus nicht in das Reich der Fabel zu verbannen, zumal wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Nashörner Geschöpfe von äußerst cholerischem Temperament sind. Häufig hatte ich selbst auf meinen Streifzügen Gelegenheit gehabt, die Launen dieser unberechenbaren Tiere kennenzulernen. Öfters sieht man auf Nashornwechseln herausgedrehte Bäume und Büsche, sogar aus ihrer Lage gebrachte mächtige Steine, an denen das Nashorn mit seinem Horn, sei es nun aus Übermut oder aus Wut, sein Mütchen gekühlt hat. Es würde zu weit führen, wollte ich alle derartige Einzelheiten beschreiben.
Gegen Mittag erreichten wir die Endstation Neu-Moschi. Wir befinden uns hier wohl an einem der schönsten und interessantesten Punkte Afrikas. Von einer üppigen tropischen Vegetation umgeben, blickt man hinauf in die ewige Schnee- und Eisregion des Kilimandjaros. Leider standen zu dieser prachtvollen Natur die Unterkunfts- und Verpflegungsverhältnisse, welche wir hier vorfanden, in keinem Verhältnisse. Das damalige „Grand-Hotel“ war eine schmierige Lehmbude mit einigen Abteilungen, teils mit, teils ohne Wellblechbedachung. Der Eigentümer war ein Grieche, und ebenso armselig wie seine Behausung war seine Küche. Jedenfalls war der Ort im damaligen Zustand so recht geeignet, meiner Frau alle Illusionen über Afrika auf das richtige Maß herabzusetzen. So primitiv auch alles war, mußte doch jeder, der keine eignen Zelte und Träger mitführte, froh sein, bei der Ankunft in Neu-Moschi in besagter Lehmbude Unterkunft zu finden.
Einige Tage später trafen die für uns und unser Gepäck bestimmten Ochsenfuhrwerke aus Aruscha ein. Wir hatten jetzt den letzten, aber auch den schlimmsten Abschnitt unserer Reise vor uns. Neunzig Kilometer waren noch zurückzulegen. Die Fahrt auf einem Ochsenwagen über Berge, durch Schluchten und Flußbetten ist gerade kein sonderliches Vergnügen, besonders nicht für eine Frau, die frisch aus Europa kommt. Die mannshohen Räder gehen oft über meterhohe Felsbrocken, so daß der nicht verstaute Inhalt des Wagens bald nach links, bald nach rechts geworfen wird. Zu diesem nicht verstauten Inhalt gehört selbstverständlich auch der Passagier. Ferner wirkten gerade jetzt in der trockenen Jahreszeit die Hitze und der von 30 Ochsen aufgewirbelte Staub, der den Wagen in eine dicke Staubwolke hüllte, fast unerträglich.
Am Sanga-Flusse rastend, wollte ich meinen von Deutschland mitgebrachten Zuchtgänsen das schon lange entbehrte Bad gönnen. Wir ließen die Vögel aus ihrem Käfig heraus und freuten uns herzlich, wie sie sich lebhaft in den klaren Fluten tummelten. Plötzlich tauchte ein Krokodil auf, erfaßte eine Gans und war im nächsten Momente mit seinem Raub verschwunden. Schnell liefen wir mit den Gewehren hinzu und ich sah im klaren Wasser an der steilen Uferwand deutlich einen weißen Flecken auf dem etwa zwei Meter tiefen Grunde. Ich zielte dorthin, wo ich den Kopf des Krokodils vermutete. Kaum war der Schuß gefallen, als die Gans wieder auf der Oberfläche erschien, allerdings mehr tot als lebendig. Da sie nicht mehr zu retten war, wurde sie sofort in einen Braten umgewandelt. Froh war ich, daß das Krokodil nicht meinen einzigen Gänserich erwischt hatte, da sonst die ganze Gänsezucht in Frage gestellt worden wäre. Die hier verbreitete Ansicht, daß im oberen Sanga-Fluß keine Krokodile vorkämen, war somit aufs schlagendste widerlegt.
Der Kühle halber reisten wir nachts und brauchten so unsere Tiere nicht der Tageshitze auszusetzen. Wir hatten den Domberg bereits hinter uns, und ich hatte Zeit und Gelegenheit, einiges Wild für unsere Küche zu erlegen. Ein Riedbock war das erste afrikanische Wildbret, das meine Frau zu kosten bekam.
Nach sechstägiger Fahrt langten wir an unserem Ziele an. Vorläufig wohnten wir in Zelten. Für die mitgebrachten Tiere mußten provisorische kleine Gehege mit Schutzdächern errichtet werden. Es gab Arbeit in Hülle und Fülle. Für das Wellblechwohnhaus war ein Platz auf einem Hügelrücken ausersehen. Die großen Laufgehege für die Strauße wurden ausgemessen und eingefriedigt. Schwarze Arbeiter waren damit beschäftigt, Bambus und Holz aus dem nahen Urwalde zu holen oder Bausteine heranzubringen, um zu behauen. Fundis (Handwerker) bauten provisorische Stallungen für die Tiere und Hütten für die Schwarzen. Andere Arbeiter rodeten das zu Kulturzwecken gewählte Land, und bald zog der ochsenbespannte Pflug zum ersten Male seine Furchen durch den jungfräulichen Boden. Wassergräben wurden gezogen, Luzerne- und Maisfelder angelegt, Kartoffeln und Gemüse gepflanzt, und in wenigen Wochen prangte alles in üppigem Grün. Reges Leben herrschte überall, und mit zäher Energie und Ausdauer wurde jedes Fleckchen Erde verteidigt, denn die Natur sucht jedes Stückchen abgerungenes und unter Kultur gebrachtes Land fortwährend wieder an sich zu reißen.
Trotz der Abgeschlossenheit von der Außenwelt und der harten Pionierarbeit fühlte sich meine Frau doch bald heimisch, und mit Freude sahen wir das angefangene Werk aufblühen. Ein erhabenes Gefühl überkam uns, wenn wir von unserem noch primitiven Haus aus bei untergehender Sonne unsere Farm überblickten. Von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet, liegt der 4630 Meter hohe Merukegel in all seiner majestätischen Pracht vor uns. Deutlich kann man noch mit dem Glase die Urwaldregion von den höher liegenden Zedern- und Bambuswäldern unterscheiden. Aus den ganz unten liegenden Bananenhainen steigt der Rauch aus einigen Negeransiedlungen empor. Im Westen, nur wenige Stunden von uns entfernt, ragt der dunkel bewaldete Gebirgsstock des Rascha-Rascha empor; in scharfen Linien hebt er sich vom Horizonte ab. Nach Süden zu liegt die große offene Masaisteppe vor uns, aus der in weiter Ferne einige Höhenrücken emporsteigen. Die am Meru-Berge wohnenden Waruscha ziehen mit ihren Viehherden, von der Weide kommend, nach den im Urwald liegenden Behausungen. Eine feierliche Abendstimmung liegt über allem; der rote Sonnenball taucht allmählich am Horizonte unter, und nach einer kurzen Dämmerung senkt sich die Nacht herab. Es wird merklich kühl, und die Grillen und Frösche beginnen ihr nächtliches Konzert.
Für die Entbehrungen, die man mit in Kauf nehmen muß, wird hier der Naturfreund aufs reichlichste entschädigt. Täglich gab es Neues und Interessantes zu beobachten. Die Vogelwelt zeigte fast gar keine Scheu vor uns. Goldgrün schillernde Nektariniden (Honigsauger) kamen dicht an das Haus heran, um aus den Blumenkelchen den süßen Saft zu saugen; unzählige, buntgefärbte Bienenfresser haben ihre Brutplätze in den Uferböschungen des Flusses. In einem Baume dicht am Hause hatte eine Kolonie Webervögel Hunderte von Nestern gebaut und waren eifrigst dabei, ihre Nachzucht zu pflegen. Bachstelzen, Schwalben und Störche erinnern uns an die deutsche Heimat. Zwischen den Pferden und Rindern stolzieren Trappen und Schlangengeier herum, und man kann bis auf wenige Meter an sie herangehen; denn sie wissen, hier wird ihnen nichts zuleide getan. Scharenweise treiben sich am Gewässer unter lautem Gekreische die Kiebitze herum. Natürlich fehlen auch die gefiederten Räuber nicht. Ständig umkreisen Sperber, Habichte, Milane und weißnackige Raben unseren Hühnerhof, aber ohne Erfolg, denn der Kückenhof ist mit Drahtgeflecht überdacht. Große Scharen buntgefärbter Körnerfresser verheeren die Weizenfelder. Zur Reifezeit müssen fortwährend Feldwachen tätig sein, um die Vögel zu verscheuchen. In den reifenden Kulturen stellen sich aber auch bald vierbeinige ungebetene Gäste ein. Ein Paar Stachelschweine kamen regelmäßig nachts in den Kartoffelacker. Obwohl ein großes Kartoffelfeld vorhanden war, suchten sie sich gerade die beiden Reihen aus, wo ich eine bestimmte, importierte Sorte gepflanzt hatte. Alles Fallenstellen war vergeblich; beinahe hatten sie mir schon die wertvolle Aussaat vernichtet, als ich als letztes Mittel den Selbstschuß versuchte. Gleich in der ersten Nacht brachte sich ein Stachelschwein selbst zur Strecke und wurde von meinen Wanyamwesi-Negern am nächsten Morgen gebraten und verspeist. In der darauffolgenden Nacht fiel abermals ein Schuß, und ich freute mich schon, daß ich am nächsten Morgen den zweiten Übeltäter finden würde; aber zu meinem Erstaunen sah ich, daß ein Schakal das Pech gehabt hatte, sich in die ewigen Jagdgründe zu befördern. Höchstwahrscheinlich hatte er sich durch den Schweiß des erlegten Stachelschweines anlocken lassen, wobei er mit seinem Fange die Abzugsleine berührt und so den tödlichen Schuß ausgelöst hatte. Die am Fluß hausenden Wildschweine hatten auch bald die Maisfelder ausgefunden und richteten an dem beinahe reifen Mais großen Schaden an. Diesen Tieren steht man fast machtlos gegenüber. Gute Hunde und Wächter mit Blechtrommeln sind wohl noch die besten Abwehrmaßregeln. Gegen kleineres Raubzeug, das es hauptsächlich auf das Geflügel abgesehen hatte, wie Ichneumons (Pharaonsratte), Bandiltisse, Schakale usw. bewährten sich die Kastenfallen ausgezeichnet. Sogar zwei Dachse hatten sich einmal darin verirrt. Die Abteilungen für das Kleingetier begannen sich allmählich zu füllen. Dazu brachten die Schwarzen aus dem nahen Urwald braune Meerkatzen, die hier am Meruberg sehr zahlreich auftreten, sowie Erdhörnchen, Stachelschweine, Igel, silberglänzende Wurzelratten und viele Vögel.
In den Volieren vollführte die buntgefiederte Vogelwelt ein nicht gerade angenehmes Konzert. Klangvolle Stimmen und liebliches Gezwitscher wurden durch Gekrächze, Gekreisch, Geschrei und alle möglichen anderen Tierstimmen übertönt. Vögel von prachtvollster Farbentönung bis zum einfachen Grau flatterten, kletterten und liefen in den Käfigen bunt durcheinander, darunter grüne Turakos, weißnackige Raben, Glanzstare, kleine und große Waldtauben, Webervögel aller Arten, dazwischen der rote Feuerweber, graue Mausvögel, Witwenvögel, große Hornraben, Ibisse, Sporengänse, Frankoline und viele andere mehr.