Auf Großtierfang für Hagenbeck
Part 10
Ich erkundigte mich bei den zuletzt angetroffenen Elmoran, wieviel Tagemärsche wir noch von Nairobi entfernt seien. Sie gaben mir die Auskunft, daß wir am nächsten Tage die Kapiti-Ebene erreichen würden, rieten aber ab, diese große, nur mit kurzem Gras bewachsene Fläche zu durchqueren. Daselbst wäre weder Holz zum Lagerfeuer, noch Dornen zum Verhau als Schutz gegen die vielen Raubtiere zu finden, und der Durchmarsch würde mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen. Mir blieb nichts übrig, als die Kapiti-Ebene zu umgehen oder nach Osten abzubiegen, um auf die Ugandabahn zu stoßen. Ich entschloß mich zu letzterem, denn einige Masais behaupteten, daß ich in einem Tage den Schienenstrang erreichen würde. So marschierten wir angestrengt den ganzen Tag hindurch und trafen gegen Abend nochmals auf große Rinderherden und einen Masaikral. Die Hirten waren wenig freundlich und zeigten uns nur ungern ihre Wasserstelle. Ich beschloß daher, auf meiner Hut zu sein, machte vorsichtigerweise in etwa einem Kilometer Entfernung vor dem Krale halt und ließ meine neun Träger nach kurzem Imbiß sich zur Ruhe niederlegen, während ich selbst Nachtwache hielt. Gegen 1 Uhr nachts ging der Mond auf, ich weckte meine Leute und lautlos marschierten wir ab. Trotzdem wir ringsum Löwengebrüll hörten, strebten wir mit Macht vorwärts, um die Bahnlinie zu finden. Endlich vernahm ich beim Überschreiten einer Bodenwelle in der Ferne den ersten Lokomotivpfiff. Diese schon lange nicht gehörte Stimme der Kultur verscheuchte in mir augenblicklich jedes Gefühl der Unsicherheit, und die angespannten Nerven beruhigten sich. Freilich wurde ich nach wenigen Schritten noch einmal kräftig an die Steppe erinnert. Durch das Heranbrausen der Lokomotive war ein in die Nähe der Bahnlinie gekommenes Giraffenrudel aufgescheucht worden und sauste in wilder Flucht auf uns zu, ohne uns im schwachen Mondlicht zu bemerken. Wir konnten uns aber noch rechtzeitig hinter einigen, hier wieder vorkommenden Bäumen decken, und so flüchtete das riesige Wild ganz hart an uns vorbei. Ich hatte das Glück, gerade in der Nähe der Station Kiu (Durst) durchgestoßen zu sein, und fand einen Weg zum Stationsgebäude, wo wir gegen 4 Uhr morgens, durchfroren, durchnäßt vom Tau des Grases und todmüde anlangten.
Jede Station der englischen Ugandabahn besitzt eine Wellblechhütte, die als Rasthaus dem Reisenden zur Verfügung steht. Das vorgefundene Rasthaus war leer, so daß ich es beziehen und einige Stunden Schlaf nachholen konnte. Auf der Station erfuhr ich, daß ein Mister Grey, Bruder des englischen Ministers, zur Löwenjagd anwesend sei und einige junge Löwen gefangen habe. Ich suchte ihn auf und sah mir die Tiere an; es waren aber Weibchen und der geforderte Preis sehr hoch, so daß ich auf den Ankauf verzichtete. Herr Grey betrieb die Löwenjagd als Sport und fiel später seiner Leidenschaft zum Opfer. Dem kühnen Löwenjäger wurde in Nairobi ein Denkmal gesetzt.
Nach Einnahme meines Frühstücks ließ ich gegen 8 Uhr mein Gepäck auf dem Bahnsteig zurechtlegen und löste die Fahrkarten nach Nairobi. Als aber der Zug heranbrauste und ich einsteigen wollte, waren meine Wilden in größtem Schrecken vor der heranziehenden Lokomotive ausgerissen, hatten sich zitternd hinter dem Stationsgebäude versteckt und weigerten sich, den Zug zu besteigen. Allein konnte ich nicht abfahren, da ich für meine Träger verantwortlich war. Ich donnerte meine Kerle gehörig an, aber sie erklärten mir rundweg, sie wollten lieber die 40 Meilen bis nach Nairobi zu Fuß marschieren, als ihre Knochen solch einem eisernen Feuerwagen anvertrauen. Ich konnte nichts anderes machen, als sie beim Wort nehmen und sofort aufbrechen, um die 22 englische Meilen entfernt liegende nächste Station Kapiti-Plains noch am selben Tage zu erreichen. Anfangs ging es bei dem kühlen Wetter auf dem neben dem Schienenstrang laufenden Fußweg rüstig vorwärts. Nach wenigen Stunden war der Weg zu Ende und wir befanden uns in der wildreichen Kapiti-Ebene, die hier von der Bahn durchschnitten wird. Meine Leute hatten an dem scharfen Bahnschotter bald ihre Sandalen zerrissen und die Füße zerschunden. Mehrere Züge fuhren an uns vorüber, aus deren Wagen die schwarzen Fahrgäste ihre zu Fuß marschierenden Landsleute gehörig verspotteten. Da meine Träger nun sahen, daß ihre Stammesgenossen furchtlos und bequem im Wagen hockten, und als wir erst spät abends die nächste Station Kapiti-Plains erreichten, war ihnen das Verständnis für die Vorteile der Eisenbahnbeförderung wohl zum Bewußtsein gekommen. Am nächsten Tage bestiegen sie willig, wenn auch noch immer ängstlich, und mit tatkräftiger Nachhilfe des Eisenbahnpersonals, den nach Nairobi gehenden Zug. Ich überwachte mißtrauisch ihre Verladung, und erst als der Zugführer hinter dem letzten Kerl das Abteil abgesperrt hatte, schwang ich mich auf die Plattform meines I. Klasse-Wagens. Hier machte ich es mir bequem, denn im Innenraum waren viele Passagiere. Während der Fahrt kam ein Gentleman auf die Plattform heraus und sagte mir in hochtrabendem Tone: „Dieser Wagen ist besetzt.“ Dem unhöflichen Patron, der noch ein ganz grüner Afrikaner zu sein schien, erklärte ich, daß ich trotz meiner einfachen Jagdkleidung genau so wie er Fahrgast der ersten Klasse sei. Meine Worte ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig, und der Herr zog sich zurück. Kurz nach diesem Zwischenfall erblickte ich von meinem luftigen Sitze auf der Plattform unweit des Schienenstranges einen Löwen. Beim Näherkommen bot sich ein für 9 Uhr morgens jedenfalls höchst seltener Anblick. Neben dem Geleise lag ein zerrissenes Zebra und dicht dabei stand eine Löwin. Ich rief die Reisegesellschaft aus dem Wagen heraus und zeigte ihnen das seltene Bild. Beim Herannahen des Zuges schreckte die Räuberin auf und machte einige Fluchten seitwärts, blieb dann aber stehen, mißtrauisch nach uns äugend und ohne zu fliehen; ein sicheres Zeichen, daß hier auch das Wild sich schon an das neue Verkehrsmittel gewöhnt hatte. Der vorher so hochnäsige Lord und die Damen waren auf einmal wie umgewandelt, nahmen an meinem Jagdanzug keinen Anstoß mehr und luden mich ein, im Wagen Platz zu nehmen. Gegen Mittag erreichten wir Nairobi. Seit meinem Aufbruch von Aruscha waren 11 Tage verflossen.
Nairobi liegt 540 Meilen von der Küste entfernt, ist Sitz der Regierung und Hauptstadt von Britisch-Ostafrika. War Nairobi vor zirka 15 Jahren nur eine Ansammlung von wenigen Wellblechhütten, so besteht heute die Stadt fast ganz aus schönen massiven Steingebäuden. Große Molkereien, Mühlen und Schlachthäuser sind angelegt und zeugen von dem wirtschaftlichen Aufblühen der Stadt.
Ich hatte Glück gehabt, und bald hatte ich einen hübschen Tiertransport zusammengestellt, welcher Zebras, Büffel, Elenantilopen, Thomsongazellen, Busch- und Warzenschweine, Kongonis, ein Nashorn, verschiedene kleine Raubtiere, ferner Geier, Kraniche, Kronenkraniche, Reiherarten, grüne Papageien, Webervögel usw. aufwies.
In meinem Hotel waren zufällig deutsche Landsleute, bekannte Sportsmänner, und eine deutsche Schriftstellerin, Frau S., anwesend. Wir erzählten uns gegenseitig unsere Jagderlebnisse, wobei ein Herr mir mitteilte, daß er kürzlich auf einer Büffeljagd ebenfalls seinen Boy durch einen wütenden Bullen verloren habe. Trotz aller dieser Unglücksfälle lassen sich echte Jäger und Sportsleute nicht von dieser gefahr-, aber darum so reizvollen Jagd auf Großwild abhalten.
Merkwürdig ist es, daß, obwohl es auf deutschem Gebiete ganz genau dieselben Jagdgelegenheiten gibt, deutsche Jagdgesellschaften fast immer auf englischem Gebiete jagen. Nach meinen langjährigen Erfahrungen ist der Reichtum an Groß- und Raubwild auf deutschem Gebiete weitaus größer als auf englischem. Auch stellen sich die Kosten eines Jagdunternehmens auf deutschem Gebiete billiger. Wenn trotzdem die meisten der aus Europa kommenden Großwildjäger ihre Schritte nach Britisch-Ostafrika lenken, so liegt dies an der äußerst geschickten Reklame, die von englischen Jagdunternehmern oder sonstigen Interessenten für ihre Kolonie eifrigst betrieben wird.
Ein Telegramm aus Mombasa benachrichtigte mich, daß der Überseedampfer nach Europa in acht Tagen fällig sei. Schleunigst ging es an die Herstellung der Transportkästen. Mit Hilfe einer Schar Schwarzer wurde alles für den Abtransport hergerichtet und sämtliche Tiere in ihre Behälter untergebracht. Die meiste Arbeit machten uns diesmal die Zebras, und eines derselben wurde beim Überführen in die Transportkiste wild, riß sich los und stürzte sich auf den führenden Neger, der laut schreiend in den Stall flüchtete. Da das Zebra ihm auch dorthin nachrannte, kletterte er in seiner Angst auf die Krippe. Aber das bissige Tier hob sich auf die Hinterläufe und schnappte wütend nach den Beinen des zappelnden Schwarzen, so daß er wider Willen einen richtigen Negertanz auf dem kaum eine Hand breiten oberen Balken der Krippe aufführte. Mit einem Lasso brachte ich den Wüterich zur Vernunft und konnte ihn endlich in seinen Kasten verstauen.
Mein Transport war derartig angewachsen, daß ich einen Extrazug zur Beförderung nach Mombasa nehmen mußte. Auf der Fahrt passierten wir auch die berüchtigte Station „Simba“ (Löwe), die ihren Namen wegen der bei Anlegung der Bahnlinie herrschenden Löwenplage erhalten hat. Löwen hatten beim Bahnbau verschiedene Arbeiter aus ihren Hütten herausgeholt, und der Stationsvorsteher getraute sich in der ersten Zeit überhaupt nicht mehr aus dem Stationshaus heraus. Nach 26stündiger Fahrt erreichten wir Mombasa. Diese Reise war für mich eine der anstrengendsten, denn mein Zug bestand aus neun offenen Wagen, und nicht nur Staub und Sand regneten auf die Tierkästen nieder, sondern auch Funken und glühende Holzstücke aus der mit Holz geheizten Lokomotive. Daher war jeder Wagen von zwei Negern mit Wasserbehältern besetzt, um der Feuersgefahr zu begegnen. Ich mußte aber auf jeder Station heraus und die Runde machen, um nachzusehen, ob alles auf seinem Posten sei und die Schwarzen nicht schliefen. Einer der Wächter schlief einmal so tief, daß ein Funke bereits sein Gewand angesengt hatte, ohne daß er es merkte. So lebte ich während der Fahrt in ständiger Sorge, daß Feuer ausbrechen und meinen Transport beschädigen könnte. In Mombasa erhielt ich noch einen kräftigen Zuwachs an Tieren aus deutschem Gebiete, darunter ein junges 45 Zentimeter hohes Flußpferd vom Viktoria Nyanza (See).
Alle Tiere wurden an Bord gebracht, und ich nahm vier Kikuyu, Stammesverwandte der Masai, mit Erlaubnis der englischen Regierung als Wärter der Tiere mit. Nach 28tägiger Fahrt trafen wir gerade einen Tag vor Pfingsten in Hamburg ein, so daß die Pfingstbesucher des Stellinger Tierparkes die Freude hatten, im Tierparadiese die neuen afrikanischen Ankömmlinge zu bewundern, die sich nach der langen Kastenhaft fröhlich im großen Gehege tummelten.
Ein Jahr später durchquerte ich nochmals die Masaisteppe und das Kikuyuland, und zwar in entgegengesetzter Richtung. Ich befand mich wiederum in Nairobi und hatte den Abtransport einer Tierkarawane beaufsichtigt. Gleichzeitig benutzte ich die Gelegenheit, daselbst verschiedene Einkäufe für meine geplante Tierzuchtfarm zu machen, auch benötigte ich einige gute Reitpferde für den Tierfang, die ich im deutschen Gebiete nicht bekommen konnte. Um einerseits die wertvollen Pferde bei einem Transport über die Küstenroute nicht der Tsetse-Gefahr auszusetzen und andererseits mein Ziel schneller zu erreichen, beschloß ich, von Nairobi aus die Strecke über Land, die Masaisteppe, zu nehmen. Als bekannter Tierfänger erhielt ich vom englischen Gouverneur die bisher wenigen Europäern erteilte Erlaubnis, durch das Wildreservat reisen zu dürfen. Es wurde mir gestattet, meine Waffen mitzunehmen, aber ich mußte mich durch Abgabe meines Ehrenwortes und Hinterlegung von 1000 Rupien als Garantie verpflichten, in genanntem Gebiete nichts zu erlegen.
Vor meiner Abreise machte ich die Bekanntschaft des Distriktkommissars vom englischen Masaireservat. Der Herr lud mich in freundlicher Weise ein, sein von der Stadt nur 13 Meilen entferntes Haus als ersten Rast- und Halteplatz zu benutzen, was ich dankend annahm. Mein ansehnliches Gepäck benötigte 30 Träger. Nachdem die Lasten verteilt waren und jeder sich seinen Teil zusammengeschnürt und seine Tagesration empfangen hatte, setzte sich die Karawane in Bewegung. Alle waren heiter gestimmt, und mit ihrem eintönigen Gesang suchten sich die Leute das Marschieren zu erleichtern. Mehrere Stunden waren wir bereits unterwegs, da zogen drohende Gewitterwolken am Horizonte herauf, und es dauerte auch nicht lange, da hatte das herrliche Wetter ein jähes Ende gefunden. Strömender Regen, gefolgt von Blitz und Donner, prasselte auf uns herab. Wäre ich nach Nairobi zurückgekehrt, so hätte ich am nächsten Tage bestimmt keinen Träger mehr vorgefunden, also hieß es „vorwärts unter allen Umständen“. Wir marschierten bis zum sinkenden Tageslicht, ohne das zum Halteplatz bestimmte Haus des Distriktkommissars gefunden zu haben. Auf der Suche danach ritt ich voraus und traf glücklicherweise auf zwei Masais, die aber bei meinem Auftauchen die Flucht ergriffen. Ich jagte ihnen nach und zwang sie, mir den Weg zu dem gesuchten Hause zu weisen. In stockfinsterer Nacht und bei strömendem Regen kam ich, bis auf die Haut durchnäßt und über und über mit Erde bespritzt, endlich dort an. Die Wachtposten erklärten mir, daß ihr Herr noch nicht aus Nairobi zurückgekehrt sei. Offenbar hatte er es vorgezogen, bei dem schlechten Wetter dort zurückzubleiben. Ich wollte in meinem durchaus nicht salonfähigen Anzuge die Dame des Hauses nicht belästigen, aber schon hatte sie von meiner Ankunft gehört und nötigte mich in freundlicher Weise einzutreten; an derlei Überraschungen sei sie als geborene Südafrikanerin gewöhnt und entschuldige alles; auch gab sie Befehl, meine Pferde unterzubringen. Ich bekam ein Zimmer, und ein heißer Whisky durchwärmte bald meine vor Kälte klappernden Glieder. Nach Einnahme eines vorzüglichen Abendbrotes begab ich mich zur Ruhe. An Schlaf war wenig zu denken, denn der Regen prasselte unaufhörlich die ganze Nacht hernieder, dazu störte mich noch das schauerliche Gelächter der um das Haus streifenden Hyänen. Zwei dieser Bestien hatten sich in derselben Nacht in den von Askaris aufgestellten Fallen gefangen.
Im Laufe des nächsten Vormittags traf der Hausherr ein. Er hatte schon gefürchtet, daß ich die Station verfehlt hätte, und lud mich ein, bei ihm einige Tage als Gast zu verweilen. Ich hatte aber Eile und wollte das sich aufklärende Wetter zum Vorwärtskommen benutzen. Meine Träger waren inzwischen eingetroffen, und der liebenswürdige Beamte ließ es sich nicht nehmen, mir zwei Masais als Führer mitzugeben.
Diesmal umging ich die Kapiti-Plains und schlug die Richtung auf den Natronsee ein. Am selben Abend noch erreichten wir einen großen Masaikral, wo der oberste Häuptling dieses Stammes residierte. Hunderte von Elmorani mit blitzenden Speeren und buntbemalten Schilden, prächtige, braune Gestalten, hüteten die großen, nach Tausenden zählenden Rinder-, Schaf- und Ziegenherden, alles Eigentum ihres Stammoberhauptes. Der Masaihäuptling kam sofort in mein Lager; er habe Leibschmerzen, versicherte er mir mit listigem Augenblinzeln und verlangte Medizin. Ich gab ihm die gewünschte „Dawa“ (Medizin), nämlich einen gehörigen Schluck Genever, worauf ihm merkwürdigerweise sofort besser wurde. Das Verbot, den Eingeborenen Alkohol zu geben, war somit in medizinisch einwandfreier Weise umgangen worden.
Mit Interesse betrachtete ich einige Stunden das Tun und Treiben der Masais sowie der großen Viehherden. Ich konnte keine einheitliche Rasse herausfinden, denn es waren Buckelrinder, Watusirinder, Zeburinder und alle möglichen Kreuzungen vorhanden, wohl ein Beweis von vielen Viehräubereien. Bei ihren Viehdiebstählen gehen diese Steppensöhne mit aller ihnen zu Gebote stehenden List, Gewandtheit und Verschlagenheit zu Werke, und nur höchst selten bekommt der Leidtragende seine Rinder wieder zu Gesicht. Handelt es sich um einen Raub von nur wenigen Stücken, so ergreift jeder Masai ein Rind am Schwanz, und durch Biegen und Drehen desselben treibt er dasselbe zum rasenden Lauf an, wobei er selbst mitgerissen wird. Viele Kilometer werden so in der Dunkelheit der Nacht zurückgelegt, bis die Beute in Sicherheit ist. Für den Masai sind seine Rinder sein Reichtum, sein ein und alles, um das sich sein ganzes Denken und Handeln dreht. Er sucht seine Herden immer mehr zu vergrößern, und nur höchst selten wird ein Tier von ihm verkauft; dagegen tauscht er gern alte Ochsen gegen junge Färsen um. Geld spielt bei ihm keine Rolle, da er den Wert desselben noch nicht kennt. Sein früher viel stärkerer Herdenbestand ist in den letzten Jahren durch Viehseuchen stark zurückgegangen, und der ganze Bestand wird heute auf eine Million Rinder geschätzt.
Auf dem Weitermarsch überraschte uns zwei Tage später in einem baumlosen Gelände abermals ein heftiges Gewitter. Weit und breit war weder Busch noch Baum, nur ein paar Granitblöcke boten uns geringen Schutz. Mein aufgeschlagenes Zelt hielt dem Sturme nicht stand; ein plötzlich eintretender Wirbelwind zerriß es und die Fetzen flogen in die Luft. Die erschreckten Pferde waren kaum zu halten. Alles geriet in Unordnung, dazu prasselte der kalte Regen in dichten Strömen auf uns herab. Erst spät abends, als das Unwetter nachließ, hatte der Koch endlich mit Hilfe einer Flasche Petroleum Feuer anzünden und uns noch einen Tee bereiten können. Als Notbehelf wurde aus Türen und Fenstern, die für mein Haus auf der Farm in Aruscha bestimmt waren, über mein Bett ein Schutzdach errichtet. Damit mußte ich auch für die weiteren Tage vorlieb nehmen, denn von dem Zelte waren nur noch wenige Fetzen übriggeblieben. So wurden unsere physischen und moralischen Kräfte auf eine harte Probe gestellt. Der Leser, der vielleicht in einem behaglichen Heim diese Zeilen zu Gesicht bekommt, kann sich wohl schwer eine Vorstellung davon machen. Beim Weitermarsch am nächsten Morgen wurden die nassen Decken und Kleider über die Pferde gehängt und so von der Sonne, die wieder warm auf uns herabschien, getrocknet. Wir hatten bereits die Kapiti-Plains umgangen, befanden uns aber noch immer im englischen Masaireservate. Die beiden Führer, welche die Gegend sehr gut kannten, verfehlten nicht, bei jedem Masaikral anzuhalten, und durch ihre Vermittlung war es nicht schwer, uns mit Milch, Honig, Hammel, Ziegen usw. zu verproviantieren. Überall an den Kralen war zu sehen, wie auch hier Sturm und Regen gehaust hatten. Alles war aufgeweicht, und Tiere und Menschen wateten in dem fußhohen dampfenden Düngerbrei. Weiber und Kinder waren eifrigst dabei, ihre defekt gewordenen Hütten auszubessern und mit Lehm und Kuhdung zu überschmieren.
Unangenehm ist es, nachts in der Nähe eines solchen Krales zu lagern, denn in seiner Umgebung halten sich außergewöhnlich viel Hyänen und Schakale auf. Der Masai hat die Gewohnheit, Knochen und Tierkadaver einfach unmittelbar vor seinen Kral zu werfen, ja sogar seine toten Stammesgenossen werden pietätlos dorthin gelegt. Es ist deshalb kein Wunder, daß sich daselbst das Raubgesindel massenweise aufhält, mit den Kadavern aufräumt und mitunter recht frech wird. Einen solchen Fall sollte ich selbst erleben: Wir hatten unser Lager so gebaut, daß die Pferde in der Mitte desselben an einen Baum angebunden waren. Meine primitive Bettstelle war so aufgestellt, daß ich die Pferde immer im Auge behalten konnte. Die Hyänen heulten, wie allabendlich, um unser Lager herum. Auf einmal entstand ein großer Tumult, die Pferde sprangen auf, zerrten wie besessen an ihren Halftern und schlugen aus. Ein ganzes Rudel Hyänen, etwa zehn Stück, machte einen regelrechten Angriff auf meine Reittiere. Ich schoß mit dem Revolver dazwischen und meine Schwarzen rissen das brennende Holz aus dem Lagerfeuer und warfen nach den Bestien, die daraufhin heulend abzogen.
Nach viertägigem Marsch lag das Masaireservat hinter uns, und wir nahmen unsere Richtung auf den Erok-Berg. Aus der Ferne leuchtete bereits der schneebedeckte Kilimandjaro vom deutschen Gebiete herüber. Oft war der eingeschlagene Weg durch die starken Regengüsse streckenweise in bodenlosen Sumpf verwandelt, so daß wir mehrere Male in solche Moraste hineingerieten und stellenweise stundenlange Umwege machen mußten.
In der mit hohem Gras bewachsenen Steppe hatten meine Pferde viel unter der Zeckenplage zu leiden. Beinahe auf jedem Grashalme saßen etliche dieser Blutsauger. Mit den Hinterbeinen am Halm sich festhaltend, angeln sie mit den Vorderbeinen in der Luft herum. Streift man einen solchen Grashalm, so hat sich das Insekt auch schon im Augenblick an einem festgesetzt. Meine Pferde waren an den Köpfen und an den Weichteilen mit Zecken wie übersät. Wie bei den Stechfliegen, so sind es auch bei den Zecken nur die Weibchen, welche Blut saugen. Hat sich einmal eine Zecke in der Haut festgebissen, so saugt sie sich in mehreren Stunden so voll Blut, daß sie den mehrfachen Umfang an Körpergröße zunimmt, worauf sie wieder von selber abfällt. Will man aber ein solches Insekt mit Gewalt entfernen, so bleibt mindestens der Kopf in der Haut stecken oder man reißt meistens ein Stück Haut mit heraus, wodurch dann häufig bösartige Wunden verursacht werden.
Am Abend des neunten Marschtages schlug ich im Vorgelände des Erok, oberhalb einer kleinen Schlucht, mein Lager auf. Diese Gegend war bislang vom Regen noch ziemlich verschont geblieben. Die Träger hätten es lieber gesehen, wenn das Lager in der Talsohle selbst errichtet worden wäre, da sie guten Schutz gegen die kalten Nachtwinde bot. Aber ihre diesbezüglichen Bitten trafen bei mir auf taube Ohren. Ich hatte hierfür meine guten Gründe. Solche Schluchten füllen sich nämlich bei plötzlich eintretendem Regen in unglaublich kurzer Zeit mit den von den Bergen hinabflutenden Wassermassen an. Meine Vorsicht bezüglich der Wahl des Lagerplatzes war denn auch diesmal nicht unnötig gewesen. In der Nacht gingen mächtige Gewitterregen nieder, und am nächsten Morgen war die Talsohle in einen reißenden Strom verwandelt. Es dauerte mehrere Stunden, bis sich die Wasser verlaufen hatten und wir die auf unserer Route liegende Schlucht durchqueren konnten.
Am gleichen Tage noch erreichten wir das deutsche Gebiet, woselbst ich nun von meinem Jagdrechte Gebrauch machen konnte. Das zahlreich auftretende Wild bot mir Gelegenheit, den Fleischhunger meiner Kikuyu-Träger in Gestalt einer Grantgazelle und einer Kuhantilope zu stillen. Deutlich bemerkte ich hier Elefantenfährten. Eine große Herde dieser Dickhäuter war vom Longido- nach dem Erok-Berg, d. h. vom deutschen aufs englische Gebiet hinübergewechselt. Für sie existieren keine politischen Grenzen. Bei Durchquerung einer Baumsteppe stieß ich auf einen einzelnen kapitalen Giraffenbullen. Der Riese ließ mich bis auf 40 Schritt herankommen, ehe er flüchtig wurde.