Part 5
Das Jahr 1806 erschütterte mit seinen weltgeschichtlichen Ereignissen auch das friedliche Leben auf der Heidecksburg. Die Schlacht von Saalfeld bereitete sich vor. Mit den letzten Tagen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen hat die Sagenbildung sich viel beschäftigt. Vielleicht kann das trockene Hoffurierbuch helfen, Dichtung und Wahrheit zu scheiden. Es meldet: Ihro Königliche Hoheit Prinz Louis von Preußen sind den 7. Oktober hier angekommen mit einem Adjutanten, Kapitän von Kleist, einem Kammerdiener und drei Bedienten. Ihro Königliche Hoheit wurden ins grüne Zimmer, der Herr Adjutant ins alte Tafelzimmer logiert. Den 8. Oktober früh abgereist. Den 9. wieder hier. Den 10. abgereist. – Das Tagebuch des Fürsten gibt an, daß am 7. Oktober abends Ball und Souper zu Ehren der Gäste stattfand. Als der Geschützdonner von Saalfeld herüberdröhnte, bestand man darauf, daß die Fürstin mit ihren Kindern sich entfernte. Ihr selbst war es ein Lieblingsgedanke, Mut zu zeigen und Gefahr zu bestehen. Sie schämte sich aber später ihrer Eitelkeit, daß sie eine Heldenrolle habe spielen wollen und die Ihrigen dadurch einer Gefahr ausgesetzt hätte. Während einer Rastpause beruhigte sie ihre Nerven mit einer niedlichen Bleistiftzeichnung von der Weißenburg im Saaltale.
Die Durchmärsche des Napoleonischen linken Flügels gingen durch Rudolstadt. Der Fürst blieb zur Stelle. Als die französischen Beamten Villain und Du Molart die Regierung übernahmen, mußte er sie gastlich im Schlosse aufnehmen. Schweren Sorgen und Gemütsbewegungen erlag sein schwacher Körper am 28. April 1807.
Kerndeutsch, wenn auch gewohnt, französische Tagesanmerkungen zu schreiben, führte die Fürstin für ihren minderjährigen Sohn die Regentschaft bis 1814. Als Landesmutter, gleich der Königin Luise von Preußen, war sie umsichtige Diplomatin nach außen und unermüdliche Beraterin der Bedrängten, die aus dem ganzen Lande zu ihr kamen. Beamtenfamilien der Stadt bewahren noch heute Korrespondenzzettel als Reliquien auf, sie zeigen, wie die Fürstin ihren Bittstellern geholfen wissen wollte.
Schillers Hinterbliebene fanden bei ihr Zuflucht in Not und Verlegenheit. (S. Schiller in Rudolstadt. Greifenverlag 1925.)
Als Fürstinmutter blieb sie das verehrte Oberhaupt der prinzlichen und fürstlichen Familien auf der Heidecksburg bis an ihr Lebensende 1854. Künstler wußte sie anzuregen in vorbildlich moderner Weise, ohne Zwang auszuüben.
Mit führenden Geistern stand sie in Gedankenaustausch. Wilhelm von Humboldt schreibt über sie in den Briefen an eine Freundin:
»Rudolstadt, 2. Januar 1827.
Die verwitwete Fürstin ist eine der Frauen, wie man sie selten findet. Ich kenne sie seit meiner Verheiratung. Wir heirateten in derselben Zeit, und ich war unmittelbar nach meiner Verheiratung mit meiner Frau, mit der sie sehr freundschaftlich verbunden ist, einige Wochen hier, so daß mir der Ort auch wegen dieser Erinnerung sehr lieb ist.
Die Fürstin war sehr jung, ungemein liebenswürdig und schön. Als ich mit meiner Frau später in Rom war, kam sie mit dem Fürsten auf einige Monate hin, und wir lebten auch da viel miteinander. Bald nachher wurde sie Witwe und während der Minderjährigkeit des Prinzen Regentin des Landes. Sie führte in den schwierigsten Zeiten diese Regentschaft mit größter Klugheit, und stets mit der Güte und Wohltätigkeit, durch welche Fürsten, besonders in kleinen Ländern, sich von ihren Untertanen auch persönlich verehrt und geliebt machen können. Seit der Fürst die Regierung übernahm und die Erziehung der anderen Kinder vollendet ist, lebt sie bloß sich selbst, arbeitet und studiert für sich; sie besitzt sehr viele Kenntnisse, vorzüglich aber das, was man nicht ohne eigenen tiefen und umfassenden Geist erwirbt. Ihre Briefe sind gleich geist- und seelenvoll, und im Gespräch äußert sich dasselbe noch lebendiger und immer mit der größten Einfachheit und Bescheidenheit. Sie ist daher auch eigentlich kaum gekannt, nur bei den wenigen, die der Zufall ihr näher gebracht hat. Sie ist sehr religiös, verbindet das aber so schön mit dem tiefsten und freiesten philosophischen Nachdenken, daß die Religiosität ihr dadurch nur noch mehr eigen wird.«
Humboldt erwähnt dann einen Wagenunfall, den sie erlitten hatte, und der sie zwang, nur noch zu Fuß zu gehen, und ihr nicht mehr erlaubte, sich weit vom Schlosse zu entfernen. Um die Natur zu genießen, ließ sie sich die Borkenhüttchen, Bauernhäuschen und Teetempelchen im griechischen Stil bauen, deren letzte noch heute vom Schloß aus durch den Hain und die Flur von Rudolstadt an verklungene Zeit erinnern.
* * * * *
Die gewaltigen Ereignisse der Weltgeschichte haben auch das Leben auf der Heidecksburg in den Grundfesten erschüttert. Der Weltenlenker wird wissen, wie er Geschicke und Herzen der Menschen zum rechten Ziele führt.
Es sind nicht nur Vorgänge der engen Heimat, die sich in dem ehrwürdigen Schlosse der Schwarzburger Grafen und Fürsten abgespielt haben. Was die Heidecksburg uns überliefert, ist ein wichtiger Ausschnitt aus dem Thüringer Leben und ein wertvoller Bestand der deutschen Bildungsgeschichte überhaupt.
Wer diese geistigen Schätze in Zukunft zu erhalten und zu betreuen hat, trägt die Verantwortung vor dem deutschen Gewissen.
Inhalt
Seite
Vorwort 5
Frühgeschichte der Burg 7
Katharina die Heldenmütige 14
Amilie Juliane, die Liederdichterin 26
Rokokozeit auf der Heidecksburg 45
Empirezeit auf der Heidecksburg 72
Bilder:
Heidecksburg 4/5
Torhaus 12/13
Amilie Juliane 32/33
Großer Saal 48/49
Grüner Saal 68/69
Weißes Zimmer 72/73
Karoline Luise 72/73
Brunnen 76/77
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die fehlende Überschrift des ersten Kapitels wurde ergänzt. Zur leichteren Orientierung wurden die Titel unter den Bildern nach dem Bildverzeichnis ergänzt.