Arnold Beer: Das Schicksal eines Juden
Part 9
»Ja richtig, der Schauflug!« Arnold machte, als ob er sich erst jetzt darauf besänne. Dann zog er mit dem letzten Rest seiner Energie den Mund männlich zusammen: »Das kommt nicht in Betracht. Ich fahre mit der Mama nach Wintertal.«
Der Vater sprach noch eine Weile, bereitete nun auch ihn gleichsam auf das Unvermeidliche vor: Die Großmutter sei ja schon vierundneunzig Jahre alt, was für ein Leben ... man könne sich denken ... man müsse froh sein ... einmal wäre sie jetzt so wie so eingeschlafen, aus Altersschwäche ... nun diese Lungenentzündung, das würde sie wohl nicht überstehn. -- Und in allem Sanftmut schien er dieses baldige Ende förmlich von der Natur zu fordern, als Bestätigung seiner regelmäßigen Ansichten ... »Sie wird sich freun, wenn sie dich noch einmal sehn kann« schloß er »du bist ja ihr besonderer Liebling.«
Arnold wich zurück: »Ich -- ihr Liebling? Ist das ein Witz?«
»Natürlich. Wie sie vor fünfzehn Jahren hier war, hat sie sich mit niemandem vertragen, nur mit dir. Sie ist ja, unter uns gesagt, eine wahre Furie ... Immer noch erzählt sie von dir, was für ein braver Junge du warst.«
Um Arnold sauste es. Er mußte die Fäuste ballen, um diesem Sturmwind standzuhalten. »Die auch,« murmelte er und seine gleißnerische Stellung in der Welt, all der lügenhafte gute Ruf, der so ungerechtfertigt sein hirnloses Zappeln umgab, fiel ihm wie höhnischer Vorwurf auf die Seele.
Der Vater trat besorgt näher. »Was sagst du?«
»Nichts, Papa. Gute Nacht also. Ich bin todmüde. Morgen weiter.«
III.
Erst im Eisenbahnkoupee wurde Arnold ruhiger. Nur ein dunkler Mißmut blieb ihm zurück, unten auf dem Grund, den auch die Stöße des Zuges nicht aufrüttelten und nach dessen einzelnen Bestandteilen zu forschen er sich wohl hütete.
Die Mutter hatte eine Unzahl von Paketchen mitgebracht, die er tätig ins Netz schlichten half: Obst und Buttersemmeln als Reisekost, für die treue Frau Lichtnegger Würste und einen großen Schinken, für die Großmutter Magenlikör, den sie immer verlangte, Brustbonbons und andere Kleinigkeiten ... Erst als sie alles in Ordnung wußte, heiterte sich ihr Gesicht auf, und indem sie sich bequem zurechtsetzte, gab sie Arnold Anweisungen, wie er sich verhalten müsse. Laut reden, natürlich -- und sich nichts draus machen, wenn er manches nicht verstehe, die Mutter spreche eben noch wie die alten Leute -- er solle nur recht lustig sein, ihr Witze erzählen, auch sagen, daß er schon Geld erspart habe, das sei die Hauptsache -- und warum er so eine schlechte Krawatte anhabe, er solle in Wintertal gleich eine bessere kaufen, darauf gebe die Mutter sehr viel, letzthin habe sie zum Beispiel ihr Reisekleid nicht elegant genug gefunden.
»Auf solche Sachen gibt sie noch acht?« meinte Arnold zerstreut. Jetzt etwa begann der Flug in Waldbrunn.
»O sie gibt auf alles acht. Du würdest staunen. Überhaupt, gescheit ist sie ...« Es klang so wie: Ja wenn alles an ihr so gut wäre ...
»Ist sie wirklich so bös?« fragte Arnold gleich, etwas übereilt, da er eben nicht ganz bei der Sache war, trotz innerer Anstrengung.
Der Mutter aber schien diese Wendung nicht unangenehm zu sein; sie begann gleich von ihrer Jugend zu erzählen, als gingen ihr alle diese Dinge schon recht eifrig im Kopf herum. Durch die Reise in ihre Heimatstadt war die Vergangenheit näher an sie herangerückt. Was für Qualen!... Sie hatten eine Glasperlenerzeugung gehabt, die Mutter am Platz, der Vater immer auf der Reise, denn zu Hause war ja die Hölle. Oft mußten die Kinder Nächte und Tage lang Knöpfe auf kleine Kartons befestigen, bis ihnen die Augen zufielen. Wenn nicht so und so viel Gros fertig waren, mußten sie auf Erbsen knien und weiterarbeiten. »Wir haben mehr Schläge gekriegt als zu essen.« Und dabei war solcher Fleiß gar nicht nötig, denn das Geschäft ging ja damals noch sehr gut, sie kauften sogar später ein eigenes Haus. Aber die Kinder mußten weiter arbeiten, nur aus Geiz, daß ihnen die Finger wund wurden, auf einem Schammerl stehn und große Kisten packen und wehe, wenn etwas zerbrach! Dann auf den Markt fahren, nach Pilsen. Und immer Lärm, Schimpf, Prügel, daß schon die Nachbarn sich dessen annahmen. Einmal wurde die älteste Schwester, die Marie, im Hemd hinausgejagt, mitten im Winter, weil sie geantwortet hatte. Und niemand da, um die Kinder zu schützen. Nur der Vater sandte manchmal aus der Ferne zehn Kreuzer, ein Papierzehnerl an jedes Kind, das war alles. Marie lief denn auch bald fort in die Fremde, sie wollte Kindergärtnerin werden, war gebildet, an einem gewissen Ort hatte sie heimlich zu Hause Bücher gelesen -- anderswo, das wäre ihr schlecht bekommen! Aber unbehütet, unerfahren, wie sie war, geriet sie an einen Kellner, einen Schwadroneur -- nie hatte sie mit einem Mann reden dürfen, immer zu Hause eingesperrt, kein Tanz, kein Vergnügen, jetzt war sie natürlich von dem ersten besten entzückt -- der hatte sie geheiratet, in Not und Elend, und so war sie untergegangen, gestorben -- so schöne Zähne, schöne Haare, alles weg -- und wie oft hatten die Geschwister, auch der Bruder, der Poldi, die Alte auf den Knien gebeten, mit aufgehobenen Händen, ihr doch mit etwas beizustehn. Die hatte ja immer Geld. Nein, nur ihre Flüche waren der verbotenen Ehe gefolgt, als Mitgift. Und ebenso der Ehe des Poldi. Indessen hatte auch der Vater das Heim verlassen, eine andere Frau in Serbien irgendwo genommen, Prozesse waren gefolgt, wegen Bigamie, und lauter solche schreckliche Sachen, dann hatte man vom Vater nichts mehr gehört; verschollen. Die Hütte aber in Wintertal hatten irgendwelche Feinde angezündet, so sagte wenigstens die Großmutter, kurz sie war abgebrannt. Das ganze Vermögen ging zu Grunde, nur noch Herr Beer als Bräutigam, der das gänzlich hilflose Mädchen nahm, rettete etwas. Denn auch sie -- Mama, als letzte -- war einmal auf dem Pilsner Markt der Großmutter entwichen: »Und wenn du jetzt machst, was du willst, wenn du dich auf den Kopf stellst, ich gehe nicht mehr mit nach Hause« ... Sie hatte zuerst bei Marie gewohnt und mittags, statt zu essen, hatten die zwei armen Mädchen halt ein bißl geweint. Mit Näharbeiten auf der Maschine sich das Brot verdienen, das ging nicht so leicht. Glücklich waren sie, wenn sie täglich fünf Kreuzer auf eine Wurst hatten. Und drei Jahre lang kümmerte sich niemand um sie, nicht Vater, nicht Mutter, Waisen waren sie in der großen Stadt bei lebendigen Eltern, niemand fragte, ob sie einen Bissen in den Mund zu nehmen hätten, ob sie noch anständig seien. Jetzt freilich, wenn man der Großmutter zuhöre, habe sie sich den Kopf für sie ausgesorgt. »Meine süße Marie, was hast du sterben müssen.« Sie könne solche Reden gar nicht anhören ... Bestürzt blickte Arnold in den dunklen Abgrund, aus dem er selbst emporgetaucht war, zu rätselhaftem Geschick. Er kannte ja diese Familiengeschichte, aber nur unvollständig, nur aus dritter Hand. Nie noch hatte er die Mutter so erzählen gehört, jetzt war er ergriffen, und während der Zug an reizenden Wäldchen, heiteren Villen vorbeilief, tappte er wie im Finstern nach ihrer Hand.
Auch die Mutter meinte: »Nun, das ist ja alles jetzt vorbei und ich trag ihr's nicht nach. Kann sie denn dafür? Schließlich ist sie ja doch nur die Mutter. -- Wenn man nur mit ihr auskommen könnt. Neulich, vor zwei Monaten, wie ich dort war, bin ich doch auch im Bösen fortgefahren ...«
»Warum denn?« Arnold bewunderte immer mehr die unendliche Güte seiner Mama, die er ja kannte, die sich ihm aber noch nie in so ausführlicher Entwicklung gezeigt hatte. Gegen die alte Frau dagegen, seine Großmutter, verspürte er immer entschiedenere Abneigung, ja Haß.
»Sie ärgert sich halt vielleicht, daß wir sie nicht zu uns nehmen. Aber geht das denn? Könnte das ein Mensch aushalten?... Und dann spricht so vieles dagegen. Der Doktor meint, daß nur die Landluft da draußen sie so lang gesund erhält; sie würde nicht einmal mehr die lange Fahrt vertragen.« Sie schloß in einiger Verlegenheit.
Arnold verstand sie wohl, und um auf ein anderes Thema zu kommen, aber nicht auffällig, erkundigte er sich, wovon denn die Frau da draußen lebe.
Man schickte ihr Geld, doch erst seit heuer, bis dahin hatte sie eigensinnig keins angenommen und sich selbständig ernährt, Gott weiß, womit. Sie mache Geschäfte unter den Leuten, verborge Geld, kaufe und verkaufe allerlei. Und das treibe sie auch jetzt noch, unverdrossen, nur halte sie es nicht mehr so aus. Wahrscheinlich beschwindelten sie ja auch die Leute, sie könne ja weder lesen, noch schreiben, noch rechnen, für sich selbst stelle sie an der Stubentür mit Kreide irgendwelche seltsame Zeichen zusammen. -- Überdies habe sie Geld in der Sparkasse, fünf Büchel zu zweihundert Gulden, aber das rühre sie um keinen Preis der Welt an, das sei ihr größter Stolz, daß sie einmal jedem ihrer Enkerlen zweihundert Gulden hinterlassen würde, was nach ihren Begriffen eine enorme Summe sei. »Besonders dir, Arnold, du bist ja ihr Liebling.«
Arnold war, wie gestern Abend, nicht angenehm berührt. Er beichtete der Mutter seine Erinnerung, den Streit mit der Großmutter vor Jahren.
»Aber das ist eine Kleinigkeit. Solche Sachen macht sie hundert im Tag. Das hat sie längst vergessen. -- Jedenfalls bist du jetzt ihr Gott. Und dein Papa, das ist der Obergott.«
»Warum?«
»Ich weiß nicht. O ja, er war ja die gute Partie. Marie und Poldi haben arm geheiratet ... Nicht hören kann sie noch jetzt von ihren Familien. Und wie sie schimpft.«
Die arme Mama schauerte zusammen. Doch angeregt durch die schöne Landschaft draußen, den Tiergarten und das Schloß von Sichrov, erinnerte sie sich an heitere Dinge ihrer Jugend, an die spärlichen Lichtblicke -- einmal hatte sie an einer Dilettantenbühne mitgewirkt. »Der Herr Registrator auf Reisen«, das war der Titel des Stückes. O, sie könne noch die Rolle auswendig, das würde sie wohl nie vergessen. Was für Mühen waren das aber gewesen, um die Großmutter zur Zustimmung zu überreden. Das ganze Dorf mußte bitten kommen. Der Lehrer selbst. Auf Lehrer habe die Großmutter überhaupt sehr viel gegeben, und daß einmal einer, der selige Herr Schmidt, die kleine Schülerin gerühmt, das vergesse sie niemals zu erzählen. Nun, er werde ja diese Anekdote morgen selbst hören. -- Diese Wendung brachte sie auf die nahe Zukunft zurück. Sie äußerte Besorgnisse. »Wie werden wir sie antreffen.« Und Arnold, der besser unterrichtet war, dachte im Stillen, ohne besondere Regung, nur um die Mutter besorgt, man werde diesmal wohl gerade zum Begräbnis zurechtkommen.
Gleich nach der Ankunft, noch Abends, als man kaum das Gepäck im Hotel untergebracht hatte, gingen sie zu Lichtneggers. Die Mutter eilte so, voll Ängstlichkeit, und Arnold, der sie nur als friedliches und ziemlich ausdrucksloses Gestirn durch geglättete Zimmer wandeln gesehn hatte, wunderte sich, wie erregt sie hier und dort auftauchenden Lauten des schlesischen Dialekts nachlauschte: »Ai der Bohne -- hörst du -- das heißt: an der Bahn -- ja, so spricht man bei uns, ich kann's aber nicht mehr, ich versteh's nur.« Sie sprach von der Heimat, den Örtlichkeiten, an denen sie vorbeigingen. Alles kannte sie genau, auch die letzten Veränderungen, da sie mindestens alle Vierteljahre einmal hierher zu Besuch kam. Sie erklärte Arnold, wer diese Lichtnegger eigentlich seien, eine Maurerfamilie hier, Jugendfreunde, Christen, nur aus Gefälligkeit hätten sie den schweren Dienst übernommen, täglich bei der Großmutter nachzusehn und von Zeit zu Zeit Nachricht von ihr zu geben. Und sie danke es ihnen schlecht, es sei ein Malheur halt. So habe sie neulich in der Stadt herumerzählt, Frau Lichtnegger komme nur deshalb zu ihr, weil Herr Beer ihr das kleine Seifengeschäft eingerichtet habe. Eine vollständige Lüge, solche Dinge setze sich die alte Frau ganz aus sich selbst zusammen. Und diese Launen ... Nun, er solle nur bei Lichtneggers recht freundlich sein, man könne ihnen gar nicht genug danken ... Und Arnold fand ganz erstaunt, mit was für Dingen, die er noch gar nicht kannte, er im Grunde zusammenhing. Nun gar mit einer Maurersfamilie. Davor hatte er doch einen kleinen aristokratischen Abscheu und fragte: warum Mama nicht lieber gleich zur Großmutter nachschauen gehe. -- »Nein, ich muß mich zuerst erkundigen. Sie ist vielleicht im Spital. Und das ist sehr weit von ihrer Wohnung und auf dem Berg, hoch oben. Ja, hier geht das nicht wie in unserer Stadt, alles hübsch gradaus, in Wintertal geht's bergauf, bergab.« Und als hätte sie damit etwas sehr Lobendes gesagt, in großem Stolz zeigte sie die Reihen winziger Lichter, die sich in der schwarzen Ferne hoch oben zeigten, wie mit einer Nadelspitze in den Nachthimmel gestochen. Sie standen in einer Richtung, in der man Sterne, nicht Häuser vermutet hätte, auf hohen Bergen rings um den Kessel. Und auch die Straße, die Mutter und Sohn jetzt durchschritten, war steil, an vielen Ecken führten Stiegen zum Trottoir empor, um die Steigung auszugleichen, der kalte Gebirgswind ergoß sich wie durch eine Röhre längs der Häuserwände herab. Frau Beer lief immer erregter, und obwohl Arnold ihre Liebe zu dieser alten bösen Frau unbegreiflich fand, sagte er sich, daß er seiner Mutter zuliebe einen vergeblichen Weg bergauf nicht gescheut hätte. Diese Halbheit, diese Mäßigung in der Besorgtheit verstand er nicht.
Er konnte sich nicht überwinden und, vor dem Haus der Familie Lichtnegger angelangt, bat er die Mutter, warten zu dürfen. Seine goldenen Manschettenknöpfe raschelten, und irgend ein hoher adeliger Offizier, mit dem er noch gestern angelegentlich sich unterhalten hatte, trat ihm vor die Augen ... Die Mutter kam bald wieder: »Mir scheint, diesmal ist es arg. Sie hustet und hat Schmerzen, hat auch schon heute zweimal nach mir gefragt, warum ich noch immer nicht komme und man soll nur noch einmal schreiben.« ... Arnold dachte: Also sie lebt noch, wirklich unverwüstlich ... »Aber denk dir nur. Gestern noch hat sie der Frau Lichtnegger, die sich so um sie bemüht und sie pflegt, einen Skandal gemacht. Die hat geweint, die Ärmste, wie sie mir's erzählt hat. Frau Lichtnegger, hat die Mutter gesagt, Sie haben da eine schöne Schürze, genau so eine ist mir vor ein paar Tagen gestohlen worden ... Was soll man da sagen?... Und dabei würde sie doch elend zugrunde gehn, wenn sie die Frau nicht hätte, kein Mensch wüßte was davon.« -- »Hast du ihnen den Schinken und das andere gegeben?« -- »Sie wollten nichts nehmen, erst nach langen Reden. Es sind so anständige gute Menschen.« -- Arnold bekam aufs Neue Wut gegen die Alte: »Gehn wir jetzt noch hin?« Er wollte ihr mal seine Meinung sagen. -- »Nein, sie schläft jetzt. Und das ist recht, da soll man sie nicht stören. Frau Lichtnegger ist eben dortgewesen ...«
Im eisigen Hotelbett erst überfielen ihn die eigenen Sorgen. Unruhig träumend sah er den mißglückenden Flug, die ganze Stadt hinausgelockt nach Waldbrunn, die Regierung, die Spitzen der Vornehmheit, und alle murrend in einem einzigen tiefen Donnerlaut; dann eine Photographie: sich selbst, das Aerodrom verlassend, in großen Schritten mit gehobenen Schuhsohlen, und sein Gesicht mit emporgehobener Handfläche vor dem Photographen schützend, wie er dies bei Bildern von Prozeßberühmtheiten gesehn hatte --, in diesem Schreck wurde er ein wenig wach, haderte mit sich wegen aller Dinge, aber noch ganz besonders wegen seines phantastischen Rückhalts an Lambert und der Sammlung -- jetzt war der Flug längst entschieden -- ein ganz klarer Gedanke: morgen früh gleich die Zeitung lesen, nicht vergessen -- er schlummerte wieder ein wenig, da trat Lina ins Zimmer, sie hatte ein Kind geboren, nein, Zwillinge mit ebensolchen Glotzaugen, wie sie sie hatte, große gesunde rote Kerle von Kindern, so groß wie Gerhart, dieser dumme Bursch, auch ihm ziemlich ähnlich, wenn man's recht nahm -- von neuem riß es Arnold empor, und die einsamen kahlen Wände anstarrend, die sich schon im Morgengrauen erhellten, überlegte er hastig, wozu er eigentlich nach Wintertal gekommen sei, wieder so ein unsinniger Streich, denn hier sich verbergen, bis zu Hause alle die Geschichten vergessen seien, das ginge doch nicht -- aber vielleicht ins Gebirge fliehn -- er begann von Lawinen zu träumen, die sich in Stöße blauen Briefpapiers verwandelten, auf seine Baracke losstürmend; nun war das Hüttchen überschüttet, ein paar Schnörkel einer Mädchenhandschrift stiegen aus dem Papier, tanzten wie Rauch über den Trümmern, sie wollten sich zu Worten ordnen, ein Wind aber trieb sie immer wieder auseinander, sie waren Schilfrohr, nein, ein Fußball fuhr zwischen sie, ein roter, die Sonnenkugel ... Am Morgen erwachte Arnold ganz gedemütigt und sanft; fast ohne zu reden, folgte er der Mutter durch die sonnigen kühlen Straßen.
Sie bog hinter einem zweistöckigen Häuschen ein, das, in einer Nebenstraße gelegen, noch ganz das Aussehn eines Großstadthauses hatte, mit Fensterkrönungen, Quadern, Balkonen, nur etwas verkleinert. Dahinter lief ein grasiger Fußpfad steil bergab, zwischen freien und bewachsenen Erdhügeln, wie man sie auf Bauplätzen sieht. Eine Ziege, an einen Baumstamm gebunden, weidete da. Links führte ein Nebenweg zu einem verzäunten Garten, der auf einem Hügel lag, neben ihm die stattliche Hütte. Eine unansehnlichere trat quer gegen den Fußpfad vor, so daß sie ihn mit einer Spitze berührte. Zu dieser bog die Mutter ein ... »Hier also?« fragte er beklommen. Er zitterte ein wenig, in so etwas dörfisch Armem, Zusammengeducktem lebte also etwas wie sein eigen Fleisch und Blut. »Warte ein bißchen« sagte die Mutter »ich will sie doch vorbereiten.« Während sie vorausging, betrachtete Arnold, fast mitfühlend, den dunklen niedrigen Holzbau, die Wände aus Balken und Latten, in denen nur die kleinen Fensterchen, weiß eingerahmt und mit Blumen, eine Farbe hatten, darüber dann das große, mit schwarzer alter Pappe bezogene Dach, rußig und wie zerfallen; wie eine faltige Haube, höher als das ganze übrige Gebäude, drückte es mit unverhältnismäßiger Kraft herab und armselig sah eben deshalb solch ein Bauwerk aus, dessen Hauptkraft in dem unwohnlichen, sich verjüngenden Dache liegt. Und die kurze Treppe, die zu einer Art Plattform vor der Türe heraufführte, o diese Plattform aus großen rohen Steinen, mit einem ureinfachen Geländer -- wie wenig bequem, wie ländlich das alles!... Die Mutter stand nun wieder in der engen Türe, in ihrer Stadtjacke und im Hut seltsam abstechend. Sie winkte. Arnold betrat die Treppe, durchschritt ein von dunklem Gerät verstelltes modriges Vorhaus, durch das eine mächtige Holzleiter, zum Boden vielleicht, emporführte; etwas Helles und Dunkles, Undeutliches, verwirrte seine Augen, jetzt eine wie mit einem Sofapolster verlegte Tür, an der ein Anklopfen unhörbar geblieben wäre und die die Mutter vor ihm öffnete, während sie ihm nochmals zuflüsterte: »Sei nur hübsch lustig ...«
Er trat ein, sich bückend.
Im Bett der Tür gegenüber, unterschied er ein winziges gelbes, von Falten unendlich tief zerdrücktes Gesicht, das der Zimmerdecke zugekehrt auf dem Kissen lag, wie im Schlaf oder Tode. Aber eine leise deutliche Stimme sagte, während er zögernd sich näherte: »Arnoldele, mei Gold, gesünd sollst de sein bis über hündert Jahr. Soll dir Gott geben, was du werst brauchen, mei Gold ...« Er beugte sich, um eine kleine Hand zu küssen, die warm war. Da sah er nebenan seine Mutter das Taschentuch ziehn und schnell an die Augen pressen. Und auch die Augen der Großmutter veränderten sich, diese beinahe hundert Jahre alten Augen, sie weinte nicht, aber die Augen wurden trübe wie graue Regentropfen, loschen ganz aus -- und dieser Anblick rührte ihn so, daß er seine Kehle, den Hals noch tiefer unten sich zusammenziehn fühlte ... Wie ein Gebet murmelte die Großmutter leise fort, aber durchaus nicht erregt: »Groß bist de geworden, unberufen, e Gewure von e Menschen, Gott soll ...« Er verstand einige Worte nicht und sagte nun selbst: »Küß die Hand, Großmutter, no du siehst ja gut aus, es fehlt dir also nichts, nichtwahr ...« Sie flüsterte weiter, wie in sich hinein, mehrmals wiederholte sie mit einem ganz schwach singenden, einschmeichelnden Ton: »Was tu ich dir nur für e Kowed an, Arnoldele?...«
Die Mutter soufflierte ihm die Übersetzung: »Kowed -- Ehre --«, und während er sich an sie wandte: »Ich weiß ja«, steckte sie ihm die Düte mit Brustzelteln in die Hand.
»Ich bin froh, daß ich bei dir bin« sagte Arnold laut und seine reine Aussprache erschien ihm gegenüber dem stets modulierten, undeutlichen Herzensmurmeln der Greisin hart und geziert: »Schau, was ich dir mitgebracht hab. Ich hab gehört, daß du das gern hast ...« Er wollte sagen: »magst«, doch erschien es ihm plötzlich notwendig, die einfachsten Worte zu gebrauchen.
»Ich hob immer gewüßt, daß du e braves Kind bist ...« Auf mehrere deutliche Worte folgten immer ein paar unverständliche. Dann, an die Mama gewendet, erhob sie ein wenig den Kopf: »Ich sog dir, Regie, von dem Kind wirst de ka Herzlad haben und immer Freiden sollst de erleben. Er hat Herz und Gemüt.«
Arnold reichte ihr die Düte.
»Nimm dir, du wirst doch jetzt etwas essen, von deinem Enkerl« sagte die Mutter, die Gelegenheit benützend, und zu Arnold leise: »Sie hat zwei Tage lang nichts zu sich genommen.«
»Ich hab ka Appetit.«
»No eine Kleinigkeit« schmeichelte er »wenn ich dich schön drum bitt.«
Sie kam mit ihrer Hand der seinen, die das Bonbon reichte, schwach entgegen und steckte es in den Mund. Resigniert schloß sie die Augen, wie eben ein Wohlerfahrener, der dem minder Erfahrenen zum Spaß einmal nachgibt. Darauf fiel ihre Hand langsam wieder auf die Decke zurück: »E Mensch soll nix essen, wo er ka Appetit hat ... für e kranken Menschen is das nix ...« Sie seufzte auf. »Nur herümgehn wenn ich könnt ...«
»Es wird schon wieder werden« tröstete die Mutter. »Nur Geduld. Eine gute Patientin, was? Noch ein bißchen Fieber?« Sie tastete ihr auf die Stirn. »Nicht so arg.«
»Das verfluchte Fieber, ja ja ...« Die Kranke keuchte wieder und hustete ein wenig, wobei es den Anschein hatte, als übertreibe sie, aus Zorn, nicht völlig gesund zu sein oder als spiele sie die Wehleidige, wie ein Kind, um sich interessant zu machen. Dieses regelmäßige Keuchen erweckte jedenfalls keine Besorgnis. »Wie ich voriges Jahr operiert bin worden, hab ich gar ka Fieber gehabt, und jetzt diese Geseres. Alle Kränk auf krumm Gitel ...«
»Das ist die Medizin, nichtwahr.« Die Mutter kramte am Fensterbrett »wo ist aber das Löfferl?«
»Ich hab ka Löfferl -- ich trink mir e bissel aus dem Fläschel.«
»Aber da kannst du doch nie wissen, wie viel.«
»Mei Deige! Bis ich halt genug hab.«
Die Mutter kramte weiter: »Und das Thermometer, zerbrochen!«
»Mit dem Stückele Glas wird er mich gesünd machen, soll er so leben.« Die Großmutter, die immer erregter gesprochen hatte, faltete bei diesen Worten die Stirne mit einer Energie, die Arnolds Herz wie ein Glockenton ganz erfüllte. Wie magisch angezogen legte nun auch er die Hand auf ihre Stirn, drängte die Hand der Mutter zart weg ... Da war Wärme wie unter einer dünnen Schichte, und dieselben wohlgerundeten Knollen über den Augen, die er auch an sich wußte ... Ein Gefühl unbeschreiblichen Behagens erfüllte ihn, vielleicht verstärkt durch das stete Pochen der Adern an seiner Hand, durch die Fieberwärme oder die Ahnung, daß er hier etwas wie ärztliche Hilfe leiste, ganz entfernt etwas Liebendes, Sachverständiges. »Hitze, ein bißchen Hitze« nickte er wie im Traum. Die Großmutter schloß die Augen wieder. »Was hat der Doktor gesagt?...«
Die Mutter hatte sich indessen im Zimmer weiter umgeschaut: »Was für eine Wirtschaft, Gott im Himmel ... Mutter, ein bißl Kaffee, nicht?« und näherte sich mit einer Tasse, die sie vom Ofen nahm, schmeichlerisch: »Koffi, nicht?«